Der andere (weggelassene) Teil der Geschichte

Spiegel Online schreibt: „Ein Video der US-Bloggerin Chaédria LaBouvier befeuert die Debatte über Polizeigewalt in den USA. Die Aufnahmen zeigen einen Einsatz gegen einen behinderten Schwarzen in San Francisco Anfang August.“ Gezeigt werden elf Minuten eines Videos, in dem man mehrere Polizisten in San Francisco sieht, die einen Schwarzen am Boden festhalten. Er ist in Handschellen und hat eine Beinprothese. Alles sieht nach einem neuen Fall von Polizeigewalt aus. Elf Minuten brutaler Polizeieinsatz. Ein Schwarzer das Opfer, weiße Cops, die auf ihm sind.

Doch die Geschichte stimmt nicht ganz so. Die Bloggerin hat lediglich eine editierte Version des Videos ins Internet gestellt. Die ganze Vorgeschichte, was zum Einsatz der Polizei führte, ist nicht zu sehen. Die Beamten wurden im Tenderloin Distrikt der Stadt, dem problematischsten am Rande von Downtown SF, gerufen, weil ein Mann mit einem Stock wild gestikulierend in der Straße um sich schrie. Als die Polizisten ankamen, merkten sie schnell, dass sie es hier mit einem geistig Verwirrten zu tun haben. Sie forderten ihn auf, den Stock fallen zu lassen, doch der Mann weigerte sich. Er lief auf die Hauptstraße und schrie, es sei ihm egal, ob er überfahren werde. An diesem Punkt sahen sich die Beamten gezwungen einzuschreiten. Ein Sprecher der SFPD erklärte, der Mann habe sich und andere in Gefahr gebracht.

Was dann geschah, sieht man auf dem Video. Mehrere Polizisten versuchen den Mann am Boden zu fesseln und zu beruhigen. Doch der weigert und windet sich, will einen Beamten beißen. 5 Cops sind auf ihm. Sie schlagen ihn nicht, ziehen auch keine Waffe, wollen ihn nur fesseln und beruhigen. Natürlich ist das ein treffendes Bild. Drei weiße Polizisten, ein Asiate, ein Schwarzer auf einem Afro-Amerikaner mit Beinprothese, dem bei dem Gerangel auch noch die Hose runtergerutscht ist (er trägt keinen Gürtel).

Hunderttausende sahen das Video auf youtube und anderen Plattformen. Ein Aufschrei ging durchs Land, wiedereinmal sein ein Afro-Amerikaner brutal von weißen Polizisten berhandelt worden. Der russische Auslandssender „RT“ griff dieses Video sofort auf und berichtete von der Polizeigewalt in den USA.

Doch das alles ist etwas einseitig berichtet. Die Vorgeschichte fehlt, wer die Tenderloin kennt, weiß, dass diese Einsätze der Polizei zum Alltag gehören. Hier trifft man ständig Verwirrte, mit sich selbst Sprechende und „Crazies“, die sich und andere gefährden. Viele von ihnen leben auf der Straße, verweigern jede Form der Hilfe, und sei es nur eine medikamentöse Behandlung. Ihr gutes Recht in Amerika, bis eben die Polizei eingreifen muß.

Man kann nun darüber streiten, ob fünf Polizisten notwendig sind, um einen behinderten, sich wehrenden Mann am Boden zu fesseln. Nein, es ist kein schönes Bild, was man da sieht. Doch auf dem Video sieht man auch deutlich, dass keiner von ihnen brutal vorgeht. Der Mann wurde auch nicht verhaftet und zur Polizei gebracht, er wurde vielmehr von einer herbeigerufenen Ambulanz ins Krankenhaus transportiert. Die SFPD kündigte umgehend auch eine Untersuchung durch eine zivile Aufsichtsbehörde an.

Es geht mir hier nicht darum diesen Vorfall und diese Vorkommnisse schön zu reden. Ganz im Gegenteil. Amerika hat ein Problem, Schwarze werden zu oft Opfer von Polizeigewalt. Doch dieser Fall ist anders. Hier zeigt sich vielmehr ein tieferes Übel in den USA, dass viel zu viele Menschen durchs Raster fallen, auf der Straße leben, obdachlos sind, ihnen die Unterstützung der Gesellschaft fehlt. So entstand dieses Video, doch das fehlt in der geschnittenen Version von Chaédria LaBouvier.

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Die Straßen von San Francisco

Scotty, Mike und Moe haben mir heute Abend mal San Francisco von einer anderen Seite gezeigt. Die drei sind Mitglieder der „Gang Unit“ des SF Police Departments. Nach einem Burger ging es erstmal mit einem Zivilwagen zum General Hospital. Dort wurde ein Verwundeter mit Schussverletzung eingeliefert. „Wenn du jemals eine Schussverletzung hast, lass dich hierhin bringen. Das sind die besten auf dieser Seite des Mississippis“, meinte Moe zu mir. Gut zu wissen! Die Ärzte, Krankenschwestern und allerlei Auszubildende schauten sich interessiert das Röntgenbild an. Darauf die Kugel im linken Lungeflügel. Scotty und Moe wollten den Angeschossenen zur Tat befragen, aber der kriegte kaum Luft und irgendwie wollte der auch nicht reden. Auf der Strasse löst man Probleme und Streitigkeiten einfach anders. Vor dem Krankenhaus standen schon ein paar Kumpels des Verletzten, die sich über seinen Zustand informierten.

Vom General Hospital ging es durch den Mission Distrikt nach Bay View Hunters Point, zwei Krisenstadtteile mit Gang Aktivitäten. Alle drei erzählten von ihrer Arbeit, beantworteten Fragen, zeigten da und dorthin. „Scotty verfährt sich immer“, lachte Mike. „Ich darf ja nie fahren“, meinte der. An einer roten Ampel brauste auf einmal ein weisser Ford Taurus rechts vorbei. Also hinterher. Nach 200 Metern wurde der mit Lichtsignal zum Anhalten aufgefordert. Alle drei stiegen aus, ihre „Badges“ sichtbar. Moe kam von rechts, Scotty von links die Knarre an der Hüfte griffbereit machend. Mike blieb etwas entfernter stehen. Und der Reporter durfte aus dem Auto zusehen. Nach ein paar Minuten kamen sie zum Wagen zurück. „Wir haben ihn nur verwarnt, alles kein Ding“, die drei waren wirklich nur auf Gangjagd. Und dann lachten sie drauflos. „Scotty hat den Fahrer gefragt, ob das neben ihm seine Mutter ist“, Moe kriegte sich nicht mehr ein. „Die sah aber auch alt aus“, verteidigte der sich. „Man das war seine Freundin, die war höchstens 25“, meinte Mike.

Und weiter ging die Fahrt…im Schritttempo durch die Mission Gegend, durch kleine Nebenstrassen. Die drei zeigten auf Graffiti, erzählten von verschiedenen Aktivitäten an dieser und jener Strassenecke, berichteten von Mord, Schiessereien, Überfällen. Schliesslich ging es zurück ins Präsidium, wo Scotty mir noch verschiedene Bilder und Videos von Gangs und Gangmitgliedern in der Stadt zeigte. Die Gewaltbereitschaft hat zugenommen. San Francisco hat sich seit den Zeiten der berühmten Fernsehserie mehr als nur verändert.

Hier noch ein von Gangmitgliedern selbst produziertes Video aus dem Mission Distrikt:

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