Die Lage der Nation

Amerika ist toll, Amerika ist klasse…oder sagen wir es mit Rammstein: „We’re all living in America, America is wunderbar“. Mit großer Spannung wartete man auf diese Rede von Präsident Obama. „State of the Union“ Reden sind immer wichtig, aber in einem Wahlkampfjahr eben besonders. Der Präsident kam, es gab ein paar herzliche Umarmungen, allen voran die mit Gabby Giffords, der demokratischen Abgeordneten, die vor einem Jahr nach einem Attentat schwer verletzt wurde.

Und dann legte er los. El Presidente holte aus, dankte zuerst einmal den Truppen, die nun endlich den Irak verlassen haben. Man könne ja so viel von ihnen lernen. Wie sie da gemeinsam kämpfen, ob blond ob braun, ob schwarz ob weiß, ob Demokrat ob Republikaner, ob schwul ob hetero…wichtig sei im Einsatz nur, dass man Amerikaner sei. Davon solle sich Washington einmal ein Scheibchen abschneiden. Na ja, war nett gemeint, aber bringen wird das nichts.

Barack Obama machte hier vor versammelter Mannschaft und der Fernsehnation Wahlkampf. Er positionierte sich, wies auf Probleme hin, griff unterschwellig den möglichen Gegenkandidaten Mitt Romney an, deutete auf Erfolge seiner Administration hin. Und gerade das war erstaunlich, denn man merkte, dass das Weiße Haus wirklich einiges in den letzten drei Jahren erreicht hat, nur keiner weiß davon. Hin und wieder würzte Obama die Rede mit einem Witzchen, nett!

An so einem Abend der „State of the Union“ klopft sich Amerika gerne mal selber auf die Schulter. Auch die Opposition klatscht dann, „we are all Americans“. Und dann meinte er, dass die Firma Siemens ja so ein tolles Beispiel für das gesamte Land sei: „Modellpartnerschaften zwischen Unternehmen wie Siemens und Community Colleges in Städten wie Charlotte und Orlando und Louisville bestehen und funktionieren“. Interssant, dass er dafür ein deutsches Unternehmen heranzieht, da fehlten ihm wohl die amerikanischen Beispiele?

Insgesamt war es ein netter Abend, viel Applaus, ein paar stehende Ovationen und offziell ist nun auch das Wahlkampfjahr eingeläutet worden. Auf geht’s Twentytwelve!

Hier noch die gesamte „State of the Union“ Rede von Präsident Barack Obama:

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War da was?

Der Bischof von Ciudad Juarez ist ein Kumpel vom Bürgermeister. Kein Wunder also, dass der auch im Interview erklärt, alles sei eigentlich in Ordnung. Und die paar Probleme, die es doch gibt, daran seien die Amerikaner, die “Maquiladoras” (Montagebetriebe) und die verschwindenen Familienwerte verantwortlich. Auch ein Weg als Bischof über 3111 tote Mitbrüder und Mitschwestern im vergangenen Jahr zu urteilen…Nein, das ist echt kein Problem! Die inoffzielle Mordrate liegt sogar bei 3900.

Heute morgen hatte ich auch noch ein Interview mit Kathleen Staudt von der “University of Texas El Paso”. Sie steht den Versuchen der mexikanischen Regierung unter dem Titel “Wir sind alle Juarez” sehr kritisch gegenüber, mit denen das Gewaltproblem in der Stadt unter Kontrolle gebracht werden soll. Eigentlich müßte man auch auf US Seite so einiges ändern, meinte sie. Wenn man sich die Statistiken ansieht, dann werde klar, dass 99 Prozent der Drogen, die jedes Jahr an der Grenze mit viel Aufwand und Geld beschlagnahmt werden, Marihuana ist. Eine Droge also, die bereits in 16 US Bundesstaaten als “medical treatment” eingesetzt wird, heißt, mit einem Rezept vom Arzt kann man ganz legal Marihuana kaufen. Staudt betont, dass sie nicht für die Legalisierung von Drogen ist, allerdings mache es Sinn in diesem Fall ganz neue Wege zu gehen und diese Substanz in den legalen Rahmen mit Kontrolle und Steuereinnahmen zu bringen.

Am Nachmittag ging es dann zu “Casa Amiga”, einer Einrichtung für Frauen in einem der gefährlichsten Distrikte von Juarez. Vorbei an Dutzenden von “Maquiladoras”, darunter “Motorola”, “Honeywell” und auch…“Siemens”. Dabei dachte ich wieder an die Worte von Kathleen Staudt am Morgen, die erklärte, die internationalen Firmen, die in Juarez produzieren lassen, müssen in die Verantwortung genommen werden, um die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen zu garantieren und ihnen mehr als nur ein paar Dollar Lohn pro Tag auszuzahlen.

“Casa Amiga” hilft mißhandelten und mißbrauchten Frauen, Schulungen werden zu den verschiedensten Themen angeboten, man begleitet betroffene Frauen in Krankenhäuser und zu Behörden, um die Fälle aktenkundig zu machen und man versucht immer wieder auf die schwierige Situation von Frauen in Juarez hinzuweisen. Mit viel Einsatz kämpft man gegen die Windmühlen an, die da Staat, Stadt, Polizei, Verständnis, Machismo, Banden heißen. Man kann die Mitarbeiter hier nur bewundern, die seit Jahren mit den schlimmsten Fällen und Geschichten umgehen müssen. Doch so lange es noch solche Menschen gibt, hat Juarez eine Chance, denn sie arbeiten für eine bessere Zukunft.