Die Zukunft des Journalismus

Auf die Medien und die Journalisten wird ja in diesen Wochen und Monaten gerne eingeprügelt. Nicht nur Donald Trump hat seine Sündenböcke gefunden, die er unter dem Jubel seiner Anhänger beschimpft, verunglimpft und verbal bespuckt, auch die seltsame deutsche Bürgerbewegung Pegida und die sogenannte „Alternative für Deutschland“ sprechen gerne von der „Lügenpresse“.

Heute war ich auf Einladung einer alten Kollegin von KUSF, die für den Nachfolgesender „San Francisco Community Radio“ Medienarbeit an Schulen unterrichtet, am „Lycée Français de San Francisco„. Ihn ihrer Klasse waren zehn junge Schüler, die mich interviewten, Fragen stellten zu meiner Arbeit, meinem Werdegang und wie das so ist, Journalist zu sein. Sie hatten zuvor mit Farinaz Agharabi Fragen vorbereitet und die reichten von in welchen Ländern ich schon war, wie lange ich schon als Journalist arbeite, wie es dazu überhaupt kam als Journalist zu arbeiten, bis hin ob es auch mal gefährlich werde. Eine Frage jedoch ließ mich selbst nachdenken: ob ich gerne Journalist bin?

Ja, bin ich. Ich glaube, es ist der richtige Beruf für mich. Und das sagte ich ihnen auch. Ich bin neugierig und meistens bekommt man als Journalist auf seine Fragen Antworten. Ich reise viel und an Orte, die keine Urlaubsziele sind. Treffe Menschen, die ich wohl nie treffen würde, wenn ich nicht Journalist wäre. Viele von ihnen erzählen mir aus ihrem Leben. Oftmals sind es schlimme Erlebnisse, Erfahrungen und Umstände, von denen mir berichtet wird. Und doch sind da auch viele schöne Augenblicke, die ich nicht missen möchte. Im umkämpften Osten des Kongos gab es einmal einen Besuch in einem entlegenen Dorf, das immer wieder von Milizen angegriffen wurde. Das Dorf wurde geplündert, Frauen vergewaltigt, Männer brutalst zusammen geschlagen, erniedrigt, auch getötet. Als wir damals in dieses Dorf fuhren, wartete die evangelische Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf an der Straße, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus und gingen gemeinsam mit ihnen, tanzend und singend, zu der kleinen Kirche aus Holzstöcken und Stroh. Und dort berichteten sie von den Schrecken ihres Alltags. Sie wußten, dass ich „nur“ ein Journalist bin, und doch war da jemand, der einfach mal zuhörte, Interesse zeigte.

Irgendwo in Ruanda liegt ein Fußballplatz.

In Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, spielte ich mit jungen Männern Fußball. Draußen standen unsere „Bewacher“ mit ihren Maschinengewehren und ich zog mir die kurze Hose an, schnürte die Turnschuhe und wartete auf meinen Einsatz. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und die jungen Kerle kurvten um diesen alten Sack aus Nürnberg problemlos herum, doch es war ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Normalität in einem geplagten Alltag. Fußball war auch in Ruanda so ein Erlebnis für mich. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kigali und Gisenyi fuhren wir an einem Feld vorbei, auf dem ein gutes Dutzend Kinder in Fetzen bekleidet und barfuss Fußball spielte. Ihr Ball war nicht aus Leder, sondern aus Bananenblättern. Hart und dennoch rund. Damit spielten sie. Anfangs waren sie überrascht, als ich mitspielen wollte, doch dann lachten sie und spielten einfach weiter mit mir.

Und dann war da der Niger. In irgendeinem Dorf im Süden des Landes. Ich war mit CARE unterwegs, wir sprachen über die Auswirkungen des „Global Warming“ – Dürre und Hunger. Und dann saßen wir mit einer Frau und ihrem Sohn in ihrer Hütte. Einfach und kahl und lachten. Oder im Tschad, in einem Flüchtlingslager für Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, die viel, die sehr viel Schlimmes auf der Flucht erlebt hatten. Es war erst 10 Uhr morgens, doch schon sehr heiß und drückend. Ein Termin führte uns zu einem Brunnen, der von CARE gebohrt wurde. Auch dort wartete schon eine Gruppe von Frauen, Männern und Jugendlichen auf uns. Sie zeigten uns den Brunnen, wie er funktioniert und instand gehalten wird. Doch dann wurden Lieder gesungen, es wurde ausgelassen getanzt, die Besucher so willkommen geheißen.

Viele solcher kleinen, doch für mich großen Momente, machen den Job als Journalist aus. Und sie sind zahlreich. Die Menschen, mit denen ich spreche, die Orte, die ich sehe, die vielen Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Die reichen von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und Hilfsorganisationen bis hin zu Musikern und sogar einer Bundestagsabgeordneten. Journalist sein bedeutet hinzusehen und hinzuhören. Und es war schön, dieses Interesse heute im „Lycée Français de San Francisco“ zu sehen. Mädchen und Jungen, die Fragen hatten, die Antworten verlangten, die neugierig waren. Der Journalismus hat eine Zukunft, wenn man junge Menschen an die Tiefe und auch an die Schönheit dieses Berufes heranführt.

 

 

In vier Ländern hungern 20 Millionen Menschen

Nigeria, Südsudan, Somalia und Jemen. Vier Länder, die irgendwo da drüben hinter dem großen Teich liegen. Nicht viele Amerikaner waren bislang dort, schon gar nicht Präsident Donald Trump. In diesen vier Ländern gibt es nicht viel zu holen. Große Hotels, Trump Towers und Golfplätze sucht man vergeblich, wenn man denn überhaupt danach suchen möchte.

20 Millionen Menschen sind von Hungerkatastrophen in diesen vier Ländern betroffen. Nur in einem, in Somalia, sind vor allem Umwelteinflüsse der Grund. In der Region am Horn von Afrika regnete es schon lange nicht mehr. Das Vieh stirbt, die Felder verdorren, die Menschen ziehen aus ihren Dörfern in die Städte und in Flüchtlingscamps, um zu überleben, um Hilfe zu finden.

Die USA sind einer der wichtigsten Geldgeber für humanitäre Hilfsprojekte der Vereinten Nationen. Allein im letzten Jahr überwiesen die Amerikaner 6,4 Milliarden Dollar an die UN. Der Generaldirektor des Internationalen Roten Kreuzes, ICRC, Yves Daccord meint denn auch: „Niemand kann die USA in Bezug auf Finanzierung ersetzen“. Mit Blick auf die derzeitige Krise, einer Mischung aus Konflikten in Nigeria, Südsudan und Jemen, der Dürre in Somalia und einer gewaltigen Hungerkatastrophe kommen die Hilfsorganisationen und die UN an ihre Grenzen. In diesem Ausmaß und unter diesen erschwerten Bedingungen wurden sie noch nie gefordert.

Der Osten Somalilands ist von der anhaltenden Dürre betroffen.

Wenn man in afrikanischen Ländern unterwegs  ist, sieht man überall die Schilder der „U.S. Agency for International Development (USAID)“. Die USA helfen in vielen Regionen bei der Entwicklung und beim Aufbau. Bislang wurde im Namen des amerikanischen Volkes weltweit geholfen. Doch auf die aktuelle Notfallsituation weiß man keine Antwort. Und das hat seinen Grund.

Genau in dieser Zeit der Krise fordert der neue amerikanische Präsident eine Kürzung der internationalen Ausgaben. Donald Trump will den Haushalt des Militärs um 57 Milliarden Dollar erhöhen, eine etwa 15 Milliarden Dollar teure Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und eine umfassende Steuerreform durchsetzen, die vor allem sehr gut Verdienende und Unternehmen entlasten soll. Und dafür will Trump quer durch die Bank bei anderen Ministerien einsparen. Im Gespräch sind auch 37 Prozent der Entwicklungshilfeausgaben zu kürzen. Ein fataler Schritt, der drastische Folgen haben wird, wie man jetzt schon sehen kann. „Wir haben derzeit keine Gelder zur Verfügung“, erklärte ein USAID Sprecher auf die Frage der Washington Post, wie die USA auf die derzeitigen Krisen in Nigeria, Südsudan, Somalia und Jemen reagieren werden.

Donald Trump setzt genau dieses „America First“ um, das er im Wahlkampf propagiert hat. Und das ohne Rücksicht auf Verluste. Denn mit der Kürzung von wichtigen Entwicklungshilfegeldern und der finanziellen Unterstützung für UN Notfallprogramme, geht der neue Mann im Weißen Haus über Leichen. Nun liegt es am Kongress mit seiner republikanischen Mehrheit den Einschnitten bei der „Foreign Aid“ nicht zuzustimmen, denn es geht wirklich um Leben  und Tod. Auch wenn man damit in den Wahlkreisen nicht punkten kann. Viele Amerikaner glauben nämlich, dass 25 Prozent der amerikanischen Steuereinnahmen in die Entwicklungshilfe fließen. Doch es ist gerade einmal ein Prozent der öffentlichen Gelder, die die USA für die „Developing Aid“ bereit stellen. Deutschland liegt sogar noch unter dieser Marke.

 

AMERICA FIRST….who cares about Africa

Südsudan, Nigeria, Jemen und Somalia. Vier Länder, in denen eine gewaltige Hungerkatastrophe droht. Betroffen wären etwa 20 Millionen Menschen. In drei der Länder sind für den Hunger vor allem Krieg und Terror verantwortlich. Am Horn von Afrika, in Somalia, hier vor allem in der unabhängigen Republik Somaliland und der semi-unabhängigen Republik Puntland, regnete es schon seit zwei Jahren nicht mehr. Die Felder verdorren, Ziegen und selbst Kamele verenden elendlich. Sie finden kaum noch Nahrung und kein Wasser mehr.

„America First“. Während die Welt gebannt nach Washington blickt und jedes Tweet von Präsident Donald Trump ausführlich debattiert, sterben in den drei afrikanischen Ländern und Jemen die Menschen. Der neue Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat für diese Länder ganz offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Es müsse umgehend gehandelt werden, so Guterres. Bis Ende März brauche die UN für Hilfsprogramme 5,6 Milliarden Dollar. Bislang stehen gerade mal zwei Prozent davon zur Verfügung. Der Leiter des „World Food Programs“, Arif Husain, erklärte: „Wenn man eine Hungersnot ausruft, dann sind schon schlimme Dinge passiert. Menschen sind schon gestorben.“

Bilder, die wir sehen sollten: Foto: Reuters.

Ein „Famine“, eine Hungersnot, wird nicht einfach so erklärt. Drei Fakten müssen zusammen kommen: wenn einer von fünf Haushalten in einer spezifischen Region unter extremer Nahrungsknappheit leidet. Wenn mehr als 30 Prozent der Bevölkerung unter akuter Unterernährung leiden. Wenn mindestens zwei Menschen von 10.000 pro Tag an den Folgen von Unterernährung sterben.

Und die USA unter Präsident Trump äußert sich bislang dazu nicht. Amerika ist der größte Geldgeber der Vereinten Nationen, doch Trump machte im Wahlkampf mehrmals deutlich, dass sich das ändern werde, wenn er ersteinmal im Weißen Haus sitzt. Bei der Übergabe im Außenministerium erklärten denn auch die Trump-Leute, dass nun ein neuer Wind auf der internationalen Bühne wehen wird. Fragen zu Afrika kamen, doch es waren Fragen wie, was bestimmte Einsätze, wie die Anti-Terror Aktionen gegen die Al-Shabaab Milizen in Somalia und die Jagd auf Joseph Kony in Uganda und Kongo mit den USA zu tun hätten. Alle amerikanischen Ausgaben, darunter auch die Finanzierung wichtiger Hilfsprojekte in Afrika, werden ab sofort auf den Prüfstand gestellt. „America First“. Was auch von den Leuten im „State Department“ gefragt wurde, gibt den Ton der Trump-Regierung weltweit vor: „Wie konkurrieren U.S. Unternehmen mit anderen Nationen in Afrika? Verlieren wir gegen die Chinesen?“

Es geht um Business, um Gewinne, um Absatzmärkte. Gelder für Hilfs- und Notprogramme bringen keinem Amerikaner etwas. Wichtig sind Jobs im eigenen Land, damit gewinnt man Wahlen. Verhungernde Menschen in Ländern, die sowieso kein Amerikaner besucht, interessieren da wenig. Sogar Gesundheitskrisen, wie der Ebola Ausbruch in Guinea, Sierra Leone und Liberia, werden unter Trump neu bewertet. Nicht die Frage wurde gestellt, was vor Ort zu tun sei, um so eine Katastrophe mit 10.000 Toten in Zukunft zu verhindern, sondern: „Wie können wir verhindern, dass der nächste Ebolaausbruch nicht die U.S. trifft? „America First“…doch das ist nicht mein Amerika!

 

 

 

 

Grenzenlose Musik ohne Einreiseverbot

Es gibt eigentlich in jedem Land, in das ich reise, zwei Dinge, die ich unbedingt machen möchte. Zum einen ist es Radiosender, vor allem Community Stationen, besuchen. Zum anderen in Läden nach lokaler Musik auf Vinyl oder CD suchen oder Musiker zu treffen, deren Musik ich aufzeichnen kann und darf. In Somaliland habe ich so Abdi Nasir Macalin aufnehmen können, im Niger lernte ich die Band Studio Shap Shap kennen und lieben.

Musik verbindet, das habe ich erst wieder in Niamey gelernt. An einem Nachmittag im Garten von Laetita probte „Studio Shap Shap“. Sechs Musiker, die alle lächelten und mich Willkommen hießen. Die Musik sprach dann für sich, ein wunderbares Erlebnis, in dem es nicht um Worte und großes Verstehen ging, vielmehr um ein sprachübergreifendes, inniges Zusammensein. Musik verband uns und verbindet uns noch immer.

Foto: AFP.

Seit nunmehr über 20 Jahren produziere und moderiere ich Radio Goethe, eine Sendung, mit der ich versuche im Ausland Interesse an der deutschen Musikszene zu schaffen. Und es geht da nicht nur um Musik, es geht um Sprache, um Kultur, um den Blick in ein anderes Land, um Verständnis und Interesse zu schaffen. Kurz nachdem ich 1996 in die USA kam, begann ich mit der Sendung auf einem Collegesender in San Francisco. Ich wurde eingeladen meine Kultur, meine Wurzeln, meine Musik einer offenen und interessierten Hörerschaft zu präsentieren.

Eigentlich wollte ich nur drei Jahre in den USA bleiben, schließlich beantragte ich die Green Card und wurde auch amerikanischer Staatsbürger. Ich kam mit einem Journalistenvisum und wurde ein Immigrant in diesem Land.

Als Präsident Donald Trump ein Einreiseverbot für sieben zumeist muslimische Länder aussprach, dachte ich, ich müsste etwas sagen, etwas tun. Aber ich wußte nicht was, bis ich daran dachte, eine Radio Goethe Sendung mit Musik aus Somalia, Iran, Libyen, Sudan, Jemen, Irak und Syrien zu produzieren. Im Laufe der Jahre mit Radio Goethe und auf all meinen Reisen, die mich auch immer wieder in Krisen- und Konfliktgegenden, wie Somalia, führten, lernte ich, dass Musik eine universelle Sprache ist, die jeder versteht. Ich habe viele Menschen in den Ländern getroffen, die offen, herzlich und hilfsbereit waren. Ich glaube, dass uns alle mehr verbindet, als uns trennt. Die Musik war dabei immer eine Sprache, die wir alle verstanden haben.

Ich weiß, wenn ich eine Stundensendung mit Musik aus Somalia, Iran, Libyen, Sudan, Jemen, Irak und Syrien produziere, die auf einigen Dutzend College- und Communitystationen ausgestrahlt wird, wird das nichts im Großen ändern. Vielleicht ist es aber ein kleiner Blick, ein Ohr voll, auf die reiche Kultur jener Länder, die den meisten nur durch die hässlichen Schlagzeilen von Krieg, Terror und Krisen bekannt ist.

Von daher, die aktuelle Radio Goethe Sendung gibt es hier zu hören:

      Radio Goethe

 

 

Der Tag gegen die Genitalverstümmelung

Mit Dornen werden die Wunden verschlossen. Foto: Peltner.

Heute, am 6. Februar ist der Internationale Tag gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Rund 230 Millionen Frauen sind weltweit von dieser brutalen Praxis betroffen. Noch immer werden in vielen afrikanischen Ländern junge Mädchen „beschnitten“.

Im vergangenen Sommer reiste ich nach Somaliland, um mit betroffenen Frauen zu sprechen, aber auch Frauen zu treffen, die sich organisieren, die etwas gegen diese alte traditionelle und brutale Praxis unternehmen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, denn die „Beschneidung“ ist tief verwurzelt in der somalischen Kultur. Hinzu kommt, dass viele Menschen – auch im Westen – noch immer meinen, dass die Genitalverstümmelung im Koran vorgeschrieben ist. Doch das stimmt nicht. Die Frauen, die ich in Somaliland traf, versuchen gemeinsam mit religiösen und traditionellen Führern gegen den Irrglauben und die Tradition anzukämpfen. In den Städten, in den Dörfern und in den nomadischen Gemeinden auf dem Land.

Heute wird auf dem Schweizer Rundfunk das Feature „Eine mörderische Praxis“ als Teil einer Sendung gegen die Genitalverstümmelung an diesem Internationalen Tag gegen FGM ausgestrahlt. Das Feature kann man hier hören:

      Eine mörderische Praxis

 

Das gewollte Chaos des Mister Trump

Eine Woche im Amt, dann kam der große Knaller. Zuvor hatte King Donald I schon mehrfach per Dekret wichtige politische Entscheidungen seines Vorgängers Barack Obama ausgebremst und ausgehebelt. Trump wollte schnell einen neuen Ton in Washington setzen.

Und dann am vergangenen Freitag die umstrittenste aller Entscheidungen, Menschen aus Somalia, Sudan, Iran, Irak, Syrien, Jemen und Libyen voerst die Einreise in die USA zu verweigern. Ein Einreiseverbot für Muslime meinten die einen. Ein Einreiseverbot für „radical islamic terrorists“ argumentierte Trumps Umfeld, so, als ob sich Terroristen ordnungsgemäß an Pass- und Visagesetze und die Formalitäten des internationalen Luftverkehrs hielten.

Foto: Reuters.

Donald Trump und seine Gehilfen fegen durch Washington ohne Rücksicht auf Verluste. Alles wird in Frage gestellt, Geschichte wird umgeschrieben, Verträge gekündigt, Freundschaften beendet. Nach außen wirkt alles stümperhaft, nicht durchdacht, überhastet, ohne Plan. Doch Trump und seine Berater haben einen Plan, den haben sie schon im Wahlkampf deutlich gemacht. Sie wollen Amerika neu ausrichten und das mit einer Chaos-Strategie. Trump twittert weiter, wettert und hetzt gegen Demokraten, Medien und alle, die sich ihm in den Weg stellen, darunter auch namhafte Republikaner wie die Senatoren John McCain und Lindsey Graham.

Es sieht nach Unvermögen aus, das Ziel nicht erkennbar. Trump hat jedoch in diesen Tagen das Ziel fest vor Augen. Er will seine Basis stärken, verbreitet dafür Falschmeldungen, und alles was über ihn, seine Entscheidungen und Absichten berichtet wird, bezeichnet er als „Fake News“. Auf seinem Haussender FOXNews haben sich so einige Moderatoren, allen voran Sean Hannity, zu Bütteln des neuen Kaisers gemacht. Trump schafft bewußt Unruhe, will die Gesellschaft spalten und so seine Gefolgschaft ganz auf sich ausrichten. Was er sagt stimmt, was die anderen sagen ist falsch. Gegenfragen sind nicht erlaubt und werden als unerlaubte Kritik am „Big Man“ gesehen.

Die Trump-Anhänger jubeln, endlich einer, der in Washington aufräumt, durchgreift, seine Wahlversprechen einlöst. Zumindest sieht es danach aus, doch Trump kann nicht auf Dauer per Dekret regieren. Was er aber schafft ist, er zeigt mit ausgestrecktem Finger auf den Kongress und schiebt den Abgeordneten und Senatoren die Schuld zu: „Ich würde ja gerne machen, aber die unterstützen mich nicht“. Die Mauer muß gebaut, der Umweltschutz beendet, Unternehmen gezwungen, Terroristen die Einreise in die USA versperrt werden. America First!

Noch jauchzen die Trumpschen Chöre, denn bislang betrifft sie nicht das, was er umsetzt. Die „New York Times“ und „Washington Post“ lesen sie nicht, CNN schauen sie nicht, die Mauer stört sie nicht, eine Ölpipeline durch Reservate geht sie nichts an, Hauptsache das Benzin wird billiger. Flüchtlinge aus Somalia und Syrien kennen sie nicht. Von daher „Make America Great Again“, „Hire American, Buy American“. So sehr ich mich vor diesem Vergleich auch scheue, all das erinnert mich an die Worte von Pastor Martin Niemöller:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Musik zum Entdecken

In Oakland regnet es, sogar mein Hund will nicht vor die Tür. Ich schreibe an einem Artikel über die Todesstrafe und so ganz nebenbei höre ich Musik der etwas anderen Art. Touch ist eine audio-visuelle Gemeinschaftsprojekt mit Sitz in London und Los Angeles. Das was auf dem touch Label erscheint sind klangvolle Soundlandschaften, denen man sich öffnen muß….wenn man denn will. Denn was hier zu hören ist, sind keine eingängigen Melodien, keine tiefgehende Texte, kein tanzbaren Songs.

Kennt jemand Bethan Kellough, Heitor Alvelos, Thomas Ankersmit, Yann Novak oder Carl Michael von Hausswolff? Alles Musiker und Klangkünstler, die auf touch ihre Arbeiten veröffentlichen. Nicht in großen Stückzahlen, wir reden hier von wenigen Hundert CDs oder LPs oder EPs oder WAV Files, die interessierte Hörerinnen und Hörer erwerben.

Gerade läuft das Album „Aven“ von Bethan Kellough. Es ist schwer zu beschreiben, was da gerade passiert. Es sind tragende Töne, mal laut, mal leise, die einen umspielen, live aufgenommen in Los Angeles. Ich bedauere, nicht bei diesem Konzert dabei gewesen zu sein. Es ist Hinhörmusik, nichts für nebenbei.

Da ist Heitor Alvelos, ein Klangkünstler, der jahrzehntelang Field Recordings sammelte und diese in seine Aufnahmen einfließen läßt. Manches klingt so wie der Wind in einer verlassenen Industrieanlage. Und nun fragt sich vielleicht der eine oder die andere, warum man sich sowas anhört? Warum nicht, ist meine Antwort. Musik ist mehr als nur das, was man im Dudelfunk, den Charts und Tanzschuppen zu hören bekommt. Das, was touch hier offenbart, ist die Verschiebung der „normalen“ Musikgrenzen. Hinhören, Zuhören, sich leiten lassen in ganz andere Klangdimensionen, wie wir sie kennen. Man muss sich darauf einlassen, bereit sein, sich fordern zu lassen.

Ein spitzer, schriller Ton drillt sich in meinen Kopf. Sechs Minuten lang, die lang und länger werden. Thomas Ankersmits „Stimulus 2489Hz-3295Hz“, ein irres Teil. Musik? Ich weiß es nicht, als es zu Ende ist hallt es in meinen Ohren weiter.

hararCarl Michael von Hausswolff vertont eine Reise nach Äthiopien. Field Recordings in einem Klangbad, das eigentlich aus einem einzigen Ton besteht. Es ist wie das Wohlfühlen in einem heißen Bad. Man rutscht tiefer in die Wanne, das warme Wasser umspielt den ganzen Körper. Hier ist es diese Musik, die einen ganz erfasst. Beeindruckend, was da passiert.

Ich bin mir sicher, nicht viele Menschen sehen und hören all das wie ich. Nicht, dass ich da das geschulte Ohr oder die musikalische Bildung genossen oder den intellektuellen Ansatz zur Klangkunst gefunden habe. Ganz im Gegenteil, ich tue mir sehr schwer, das in Worte zu fassen, was ich da höre. Diese Musik spricht mich vielmehr emotional an, auch wenn da nur ein Ton ist, der sich leicht verändert. Was ich jedoch in all den Jahren Plattensammeln und Radio Goethe produzieren und um die Welt reisen gelernt habe, ist, das Musik ein offenes Ohr verlangt. Wassertrommeln in Kamerun, ein Percussionist im Niger, der aus Kallebassen unglaubliche Töne herausholt, ein somalischer Musiker, der in Hargeisa nur mit seiner Stimme und einem traditionellen Saiteninstrument mich inne halten ließ. Und eben hier, die Tiefen, die Weiten, die Schwere, die seltsame Welt der Klangkunst. Musik verlangt das Hinhören ohne Grenzen im Kopf. Nicht mehr und nicht weniger. Ein etwas anderer Soundtrack für einen verregneten Samstagnachmittag.

Mit CARE nach Afrika

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

In der Vorweihnachtszeit wird viel gespendet. Es ist nicht einfach, die richtige Organisation zu finden, der man vertraut, bei der man weiß, die Spende – ob groß, ob klein – kommt auch an. Schon mehrmals war ich mit der Organisation CARE Deutschland in Afrika unterwegs. Es ging in den Kongo, in den Tschad, nach Somaliland und Puntland und schließlich vor kurzem in den Niger. Vor Ort konnte ich mich über die Arbeit von CARE informieren, selbst sehen, wie das gespendete Geld eingesetzt wird, wie die finanziellen Mittel in den verschiedensten Projekten ankommen, genutzt werden.

Das reicht von der Flüchtlings- und Nothilfe im Osten des Kongos und im Süden des Tschad, über Bildungs- und Fördermaßnahmen in Somaliland und Puntland, der Unterstützung von lokalen Organisationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung am Horn von Afrika bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten im vom Klimawandel betroffenen Niger und Gesundheitssendungen im dortigen Radio. Und das war und ist nicht alles, CARE ist breit aufgestellt in derzeit 90 Ländern.

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Auf den Reisen mit CARE lernte ich viel. Zu den Themen, über die Menschen, die Länder, die Kulturen. Aber auch über mich selbst. Vieles war nahegehend, was ich gesehen, was ich gehört habe. Oftmals war es eine Erdung für das eigene Leben. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind die vielen Projekte von CARE, wie sie angenommen und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht einfach so dahingesagt, die Hilfsorganisation hat selbst viel in den 70 Jahren ihrer Existenz dazu gelernt. Wurden am Anfang, 1946, Lebensmittelpakete aus Amerika in das zerstörte Europa geschickt, um so das Leid und die Not etwas zu lindern, merkte man schnell, dass da mehr gebraucht wird. Schon kurz nach den ersten Lebensmittelpaketen, verschickte man auch Saatgut-, Werkzeug-, Arzneimittel-Pakete – Hilfe zur Selbsthilfe.

Und heute ist dieser Ansatz in allen Bereichen der CARE Arbeit zu finden. Neben der Nothilfe geht es auch immer darum, den Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie mit etwas Unterstützung selbst erreichen können. In den kommenden Tagen berichte ich in einer dreiteiligen Serie in der Printausgabe der Nürnberger Zeitung über CARE, der Fokus liegt dabei auf meiner jüngsten Reise in den Süden des Niger.

Unterstützen kann man die Hilfsorganisation direkt mit einer Spende:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE93 3705 0198 0000 0440 40
BIC: COLSDE33
Stichwort: Afrika Nothilfe
www.care.de/spenden

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Das Land der starken Frauen

Es geht dem Ende zu. Ein Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung brachte mich hierher ans Horn von Afrika, genauer gesagt in die Republik Somaliland, ein Land, das es offiziell nicht geben darf. Als ich die Ausschreibung der Stiftung gelesen hatte, dachte ich sofort an das Thema „Female Genital Mutilation“ oder Genitalverstümmelung. Ein Thema, das keineswegs einfach ist, vor allem nicht für einen Mann, vor allem nicht für einen Mann aus einem westlichen Land. Als ich im November hier war, sprachen viele Frauen jedoch ganz offen darüber, was mich verwunderte. In Absprache mit dem CARE Büro in Bonn traute ich mich dann doch an dieses Thema, gerade auch, weil ich die Zusage der Unterstützung vor Ort erhielt. Ohne die wäre die Realisierung all der Interviews und Einblicke gar nicht möglich gewesen.

NAGAAD ist eine lokale NGO, die mir vermittelt wurde. Sie arbeiten im ganzen Land, unterstützen Frauenprojekte, „Women’s Empowerment“, in auch noch so entlegenen Gegenden. Und dabei spielt FGM immer eine Rolle. Die Gesundheitsprobleme für Kinder, Jugendliche, junge und alte Frauen sind einfach zu groß, um dieses gewaltige Thema in der täglichen Arbeit auszugrenzen.

Auf dieser Reise in Somaliland traf ich vor allem starke Frauen. Engagiert, zielgerichtet, „outspoken“, kritisch. Fast alle sind von der Genitalverstümmelung betroffen, und gerade vor diesem Hintergrund setzen sie sich ein. Sie organisieren sich nicht nur in den Dörfern, suchen die Gespräche, zeigen auf, dass FGM nichts mit dem Islam zu tun hat, fordern von den religiösen Führern im Land, von den Politikern, von Männern allgemein klare und deutliche Worte.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan kämpft seit 40 Jahren gegen die Genitalverstümmelung. Sie war mit dem früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, verheiratet, und selbst auch Außenministerin Somalilands. Schon in den 70er Jahren engagierte sie sich. Heute trägt ein Hospital in Hargeisa ihren Namen, das hat sie selbst aufgebaut. Das „Edna Adan University Hospital“ hilft vor allem Frauen und Kindern. Doch hier werden auch Hebammen ausgebildet. Edna Adan nennt sie „my foot soldiers“, ihre Mitstreiter im Einsatz. FGM ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Die fast 79jährige ist unermüdlich im Einsatz. Sie habe alles im Leben gesehen, mit Präsidenten diniert, den Luxus gehabt. Heute lebt sie gleich neben ihrem Büro im ersten Stock des Krankenhauses, ihre Tür ist immer offen. Sie ist das Gesicht der somiländischen Frauenbewegung gegen FGM geworden.

In diesen Tagen in der Region traf ich aber auch viele Frauen, deren Hintergrund ganz anders ist, ganz einfach und doch nicht weniger engagiert. Sie waren bereit mit mir zu sprechen, weil man über FGM offen sprechen muß, erklärten sie. In Gesprächen flossen Tränen, schlimme Erinnerungen wurden wieder hervorgeholt. Alleine als Mann hätte ich diese Interviews nie führen können, nie die Tiefe erreicht. In Hodan Elmi von CARE fand ich eine beeindruckende Frau, die mir zur Seite stand, mich beriet, was ich fragen kann und was nicht, was ich vorab wissen sollte, welche Zusammenhänge es gab und gibt. Unermüdlich erklärte sie, übersetzte sie und „öffnete“ für mich die Gespräche. Auch sie selbst kam an ihre Grenzen. Beeindruckend war für uns das Treffen in Gabiley mit betroffenen Frauen, eine von ihnen führte die „Beschneidungen“ durch. Die anderen Frauen erklärten im Gespräch, sie versuchten immer wieder ihr zu helfen, einen anderen Job zu finden. „Ich muß aber meine Familie ernähren“, meinte diese. Sie würde ja aufhören, aber das Geld für ihr „Handwerk“ unterstütze nicht nur sie.

In der somiländischen Hauptstadt Hargeisa wird offener über das Thema gesprochen. Hier leben viele aus der Diaspora, Rückkehrer aus England, Holland, Deutschland, den USA und Kanada. Sie treiben die Diskussion um einen allgeimein Stopp der Genitalverstümmelung mit an. „Zero Tolerance“ ist das Ziel. In den engagierten und rastlosen Frauen und Männern von NAGAAD und anderen lokalen Organisationen im ganzen Land, sind sie auf tatkräftige Mistreiterinnen gestoßen. Gemeinsam wird schon seit Jahren für ein Ende dieser uralten, doch sinnlosen Tradition gekämpft. Und ihre Stimme wird mit jedem Tag lauter.

Ein Land voller Schmerzen

Drei Buchstaben sind es: FGM. Sie stehen für „Female Genital Mutilation“, übersetzt wird das fälschlicherweise oftmals mit weiblicher Beschneidung. Doch das trifft es nicht, ganz und gar nicht. Wenn man von Beschneidung spricht, denkt man an die Beschneidung eines Jungen, wie es bei Juden, Muslimen und auch in den USA ganz normal ist. Die Vorhaut wird dabei abgetrennt, ein kleiner chirurgischer Eingriff. „Female Genital Mutilation“ ist dagegen Genitalverstümmelung. Zumeist Mädchen im Alter zwischen 5-10 Jahren werden dabei ein Leben lang gezeichnet.

Dabei werden vier Typen unterschieden, Typ I ist die Entfernung der Klitoris, Typ II die Entfernung der Klitoris und der Schamlippen. Typ IV alles was nicht unter I, II oder III fällt. Die schlimmste Methode ist die Infibulation nach Typ III, oder auch „pharaonische Beschneidung“ genannt. Und die ist am weitesten verbreitet am Horn von Afrika.„Die Beine des Mädchens werden von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die Wunde heilen kann. Die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre wächst zusammen und verschließt den Scheidenvorhof. Lediglich eine kleine Öffnung für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete wird geschaffen, indem ein dünner Zweig oder Steinsalz in die Wunde eingefügt wird. Durch diese Behinderung kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass die Vulva wieder aufgeschnitten werden muss, um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginalöffnung mit einem scharfen Gegenstand erweitert werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. Manchmal wird an unbeschnittenen schwangeren Frauen vor der Entbindung eine Infibulation durchgeführt, weil geglaubt wird, dass Berührung mit der Klitoris zu Fehlgeburten führt. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.“ (Quelle Wikipedia).

Die Stiftung Weltbevölkerung hat es mir ermöglicht, auf diese Reise nach Somaliland zu gehen. Eine Reise, die mich oftmals an Grenzen gebracht hat. Es ist ein Thema, über das kaum jemand sprechen will. In Deutschland und den USA, jene Länder, in denen ich mich bewege, ist nicht viel bekannt über FGM, meist nur, dass aus religiösen Gründen die Klitoris abgeschnitten wird. Der Islam wird dabei verflucht, was für eine Religion sei das, die so etwas zulässt, wird abgeurteilt.

Ich gebe zu, ich habe auch nicht viel darüber gewußt, bis ich 2014 mit CARE in den Tschad und im letzten November hier ans Horn von Afrika reiste. Das Thema kreuzte immer wieder unseren Weg. In den Flüchtlingslagern im südlichen Tschad, in Somaliland und Puntland in den Gesprächen in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Doch das ganze Ausmaß dieses barbarischen Aktes hatte ich auch nicht vor Augen.

"Female Genital Mutilation" geschieht nicht im Namen des Islam.

„Female Genital Mutilation“ geschieht nicht im Namen des Islam.

Schon am ersten Tag, kurz nach meiner Ankunft, stand das erste Interview an. Edna Adan, ausgebildete Krankenschwester, hat hier ein Hospital eröffnet. Seit 40 Jahren ist sie eine der wohl bekanntesten Kämpferinnen gegen FGM. Auch sie ist betroffen, wie eigentlich jede Frau, die ich hier im Laufe meines Aufenthaltes getroffen habe. Um das Krankenhaus aufzubauen, spendete die Witwe des früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, ihre Pension und ihr Vermögen. Ganz ruhig und sachlich berichtete sie von ihrem fast aussichtslos erscheinenden Kampf gegen tief verwurzelte Überzeugungen, eine Kultur des Schweigens, gegen scheinbar unüberbrückbare Fehlinformationen. Die fast 78jährige ist dennoch voller Energie. Mehr und mehr Mistreiterinnen und Mitstreiter findet sie für diesen Kampf.

Am Tag danach saß ich mit Frauen im Büro von Nagaad zusammen. Vertreterinnen der Frauenrechtsorganisation, die schon 1997 gegründet wurde, und Frauen aus einem Flüchtlingslager am Rande der Stadt. Sie alle arbeiten daran, die hohe Rate von weiblicher Genitalverstümmelung in Somaliland zu senken. Und die ist hoch, weit über 90 Prozent. Alle Frauen, die im Kreis in diesem kargen Raum um mich herumsaßen waren Betroffene. Eine 70jährige berichtete davon, dass sie noch immer massive Gesundheitsprobleme habe. Und dennoch, sie selbst hat ihre Töchter und Enkelinnen „beschnitten“. Das verlangte ihre Religion, glaubte sie. Zumindest sei sie davon über all die Jahre überzeugt gewesen. Erst vor kurzem hat sie gelernt, dass im Koran nichts von dieser frauenfeindlichen und schmerzhaften Prozedur steht. Die Vertreter ihrer Religion hätten sie enttäuscht und betrogen. Ein Leben lang. Als sie das begriff ging sie zu ihren Töchtern und bat um Vergebung für das, was sie ihnen angetan hatte.

Persönliche Geschichten und Erfahrungen wie diese sind kein Einzelfall. Die Frauen erzählen bereitwillig, denn sie wissen, der Deckmantel des Schweigens ist ein Grund dafür, warum diese gewaltsame Prozedur noch immer in ihrem Land, in ihrer Kultur und vermeintlich im Namen ihrer Religion durchgeführt wird.