Geht dahin, wo ihr hergekommen seid

Als jemand, der selbst Amerikaner geworden ist, zumindest ein Amerikaner auf dem Papier, also mit Pass, kann ich durchaus behaupten, man wird nie ein „vollständiger“ Amerikaner. Darüber habe ich vor ein paar Monaten auch ein Feature für Deutschlandfunk Kultur produziert. Irgendwie hängt man zwischen den Ländern, den Kulturen, den Sprachen. Doch nun wird auch klar, dass das nicht nur die eigene Sicht der Dinge ist. Auch von außen wird einem deutlich gemacht, dass man einfach nicht ganz dazu gehört.

Was Donald Trump da über das Wochenende getweetet hat und am Montag nochmal nachlegte, zeigt, dass Immigranten für ihn nicht dazu gehören. Gerade, wenn sie auch noch eine andere Hautfarbe und eine andere Religion haben. Ob Trump mit mir als Einwanderer ein Problem hätte, das weiß ich nicht, ich denke aber mal, da ich nicht auf seiner verblendeten, hasserfüllten und populistischen Welle mitschwimme, dass ich wohl von ihm ähnliches hören könnte: „Go back to your country“.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika greift vier Abgeordnete der Demokraten an. Drei von ihnen wurden in den USA geboren, eine kam als Kind aus Somalia, erhielt hier Asyl und wurde als Teenager eine amerikanische Staatsbürgerin. Doch alle vier wurden in ihren Distrikten von Wählern gewählt, um sie im US Kongress zu repräsentieren. Trump wettert also nicht nur in billigen rassistischen Tönen gegen die Parlamentarierinnen, sondern auch gegen ihre Wählerinnen und Wähler. Und er macht deutlich, dass Amerika ein Land des weißen Mannes ist. Denn so eine billige Kritik an Kritikerinnen hat er bislang nur gegen Frauen mit anderer Hautfarbe und teils auch einer anderen Religion vom Stapel gelassen.

Donald Trump zeigt hier – mal wieder – sein wahres Gesicht. Und erschreckend ist nicht, dass er das tweetet, sagt und denkt. Solche Worte erwartet man mittlerweile vom Präsidenten. Viel erschreckender finde ich das große Schweigen in der Partei der Republikaner. Sie schließen nicht die Reihen untereinander, stellen sich schützend vor ihre Kolleginnen, auch wenn diese andere politische Überzeugungen haben. Sie schauen vielmehr weg, sitzen es mal wieder aus und machen sich so mitschuldig am neuen Ton in der amerikanischen Politik. Rassismus wird damit von ganz oben gesellschaftsfähig gemacht und auch noch stillschweigend abgesegnet.

Menschen zweiter Klasse

„She’s been very disrespectful to this country…she is somebody that doesn’t really understand life, real life…she’s got a way about her that’s very bad for our country…“

Das sind die Worte von Präsident Donald Trump während eines Interviews mit KSTP/TV in Minnesota, als er auf die demokratische Abgeordnete Ilhan Omar angesprochen wurde. Ilhan Omar ist eine 37jährige Abgeordnete, die im Kongress den 5. Distrikt von Minnesota vertritt. Omar wurde 1981 in Mogadischu geboren, mit dem Ausbruch des Krieges in Somalia floh die Familie ins benachbarte Kenia und lebte dort für vier Jahre in Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. 1992 kam die Familie in die USA, beantragte Asyl und lebt seit 1995 in Minneapolis. 2000 wurde Ilhan Omar amerikanische Staatsbürgerin.

Ilhan Omar ist für Donald Trump keine Amerikanerin. Foto: Reuters.

Die Lebensgeschichte der Abgeordneten ist sicherlich keine einfache gewesen, doch es ist auch irgendwie eine typisch amerikanische Immigrantengeschichte. Immerhin heißt es am Fuße der Freiheitsstatue: „Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free.“ Amerika das Land der Immigranten, das all jene einlädt hier den „American Dream“ zu leben. Und dann liest und hört man die Aussage von Donald Trump, der erklärt, dass Ilhan Omar das Leben nicht verstehe, das „wirkliche Leben“, wie er betont. Sie sei „respektlos gegenüber diesem Land“, so, als ob sie nicht dazu gehöre. Ihre Art sei „sehr schlecht für unser Land“, damit sagt der amerikanische Präsident, dass die USA nicht das Land der Asylsuchenden, der Immigrantin, der – zumindest auf dem Papier – Staatsbürgerin seit dem Jahr 2000 Ilhan Omar ist. Sie gehört nicht dazu, ist eine Ausländerin, eine Fremde, nicht eine von uns, so Trump.

Und gerade diese Aussage macht deutlich, wer und was Donald Trump ist: ein islamophober Rassist, der gegen Asylsuchende, gegen Immigranten, gegen Andersgläubige, Andersaussehende, Andersdenkende ist. Trumps Worte werden auf Twitter und in den sozialen Netzwerken geteilt. All jene, die einst mit Kapuzen Afro-Amerikaner aufknüpften und afro-amerikanische Kirchen in Brand steckten, die nach 9/11 Muslime beleidigten, bedrohten, verprügelten und durch die Straßen hetzten, sehen sich von diesem Mann bestärkt, immerhin ist er der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie brauchen keine Kapuzen mehr, Rassismus ist durch Donald Trump im Weißen Haus hoffähig geworden.

Partei ergreifen

Was darf und soll man als Journalist tun und unterlassen? Über was darf und soll man berichten? In diesen Zeiten von konstanter Medienschelte, „Fake News“ und überhetzter Berichterstattung wird man sogar dafür kritisiert, dass man mit einer Hilfsorganisation unterwegs ist und über ihre Arbeit berichtet. Man könne es nicht mehr objektiv bewerten, wie diese Nothilfe und längerfristige Hilfsmaßnahmen einzuschätzen sind. Man sei zu nahe dran, beeinflusst und voreingenommen. Dem widerspreche ich, gerade aufgrund meiner Erfahrungen über all die Jahre. Ich kann sehr wohl sehen und bewerten, was eine Organisation vor Ort tut, für was sie Gelder ausgibt, wie sie verwurzelt und verankert ist, welche Projekte wo und wie umgesetzt werden. Auch und gerade wenn ich mit einer Organisation reise, die mir den uneingeschränkten Zugang zu einer Story und damit zu den Menschen in anderen Ländern und Kulturen ermöglicht.

Die Situation in Mosambik ist verheerend. Foto: CARE.

Eine Organisation, mit der ich durchaus nur gute Erfahrungen gemacht habe ist CARE, deren Arbeit ich im Kongo, im Tschad, im Niger, in Somaliland und Puntland beobachten, deren vielseitigen Projekte ich besuchen konnte. Ja, ich ergreife Partei für eine Organisation, die sich einsetzt, die hilft, die Probleme vor Ort erkennt und sie lösen will, die auch noch da ist, wenn die Fernsehkameras nach einer großen Katastrophe abgeschaltet wurden, der Blick woanders hin fällt. Die vor Ort in Ländern ist, in denen vieles mehr als nur eine logistische Herausforderung ist. Eine Organisation, die aber auch meine Arbeit unterstützt, mir Zugang verschafft, die mich nicht kontrolliert und mich nicht beeinflussen will, die mir in durchaus schwierigen Situationen zur Seite steht, auch wenn es nicht direkt um die Arbeit von CARE geht. Und dabei kann ich objektiv bleiben.

CARE hat nun zwei Videos veröffentlicht, die ich hier teilen möchte, die wichtig sind, gesehen zu werden. Es geht um die Arbeit der NGO, darum, was wir alle nur zu gerne übersehen…vergessene Katastrophen, die jetzt passieren. In Mosambik, im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik, im Niger, in Äthiopien, im Tschad, auf den Philippinen, in der Demokratischen Republik Kongo, auf Madagaskar, auf Haiti.

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Der morgendliche Fussballwecker

Somaliländischer Fußball ist laut, vor allem um 6 Uhr morgens.

Nach einem halben Dutzend Muezzin Rufen gegen halb fünf am Morgen döste ich nochmal weg. Nur kurz, denn ab sechs Uhr versammelte sich unterhalb meines Fensters auf einem leeren Grundstück eine Gruppe von Jugendlichen. Lautstark schrien sie durcheinander. Ich hatte keine Ahnung was da nun abging, hörte mir das eine Weile an, stand schließlich auf und schaute raus. Das gute Dutzend Jungen versuchte mit Geschrei Fußballmannschaften zu formen. Um sechs Uhr morgens!

Und dann spielten sie da draussen lautstark auf dem Sandplatz. Meine Nacht war damit vorbei und ich schaute mir das ein paar Minuten in aller Ruhe an. Ein Hin und ein Her, dabei wurde kreuz und quer geschrien. Eine ordentliche Abwehr gab es nicht, jeder versuchte sich mit fragwürdigen Dribbelkunststückchen auf dem Sandplatz durchzutanken. Es ging eigentlich nur um den Torschuss. Ansonsten ein wildes Gebolze. Und das am sehr frühen Morgen, ausgerechnet vor meinem Fenster. Ohne Kaffee!

Am Vorbend traf ich Guuleed, einen 34jährigen Somaliländer, der im Alter von vier Jahren nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Somaliland nach Deutschland kam, dort aufwuchs und über England vor einem Jahr zurückkehrte. Ich lernte Guuleed vor ein paar Tagen am Flughafen kennen, dort betreibt er mit seinem Partner einen kleinen Verkaufsstand mit Produkten aus Somaliland. Er spricht mit einem rheinischen Dialekt, Guuleed wuchs in Leverkusen auf. Er erzählte mir von seinen Plänen, von seinen Ideen hier. Und wir vereinbarten, dass wir uns nach meiner Rückkehr aus Puntland nochmal treffen würden.

Es gibt Hoffnung für die karge Landschaft am Horn von Afrika.

Gestern wartete ich also im Maansoor Hotel auf ihn. Mit einiger Verspätung kam er. Er fiel gleich auf. Hochgewachsen und in Basketballshorts, dazu eine T-Shirt „Straight Outta Hargeisa“ stand darauf. Guuleed ist voller Energie, redet im 180 Tempo, lacht viel, holt aus, spricht von seinem Land Somaliland. Er hat große Pläne, die nicht einfach so dahin geredet sind. Kurz telefonierte er, lud noch seinen Businesspartner und einen Bekannten von einer deutschen NGO ein, damit die mir ihre Geschäftsidee besser erklären könnten.

Und sie kamen und was ich hörte war mehr als beeindruckend. Ein einfaches Konzept könnte weitreichende Auswirkungen auf Somaliland und die Region am Horn von Afrika haben. Es geht um einen Baum, der hier von einem „Devil’s Tree“ zu einem „Angel’s Tree“ umgewandelt werden soll. Zumindest in den Augen der Viehzüchter und Bauern. Das ist möglich und machbar. Mit Beschneiden und Verwerten wird aus einer Gefahr für Natur und Tiere eine Nutzpflanze. Eine Businessidee würde somit Hoffnung und viele Arbeitsplätze schaffen. Ich war so begeistert, dass ich wohl schon bald wieder zurück nach Hargeisa reisen werde, um mir die Ergebnisse der ersten Testphase genauer anzusehen. Es gibt Hoffnung, eine Aufbruchstimmung, ein Blick nach vorne in Somaliland. Das ist für mich eine ganz neue Erkenntnis am Ende einer weiteren teils sehr anstrengenden und nahegehenden Reise.

Von Airportpiraten und Pantherschildkröten

Piraten, so haben mir zwei Minister in Garowe, der Hauptstadt Puntlands, versichert, gibt es in den Gewässern vor Puntland nicht mehr. Die Rechtlosigkeit auf hoher See habe ein Ende genommen. Auf dem Meer vielleicht, aber das Piratentum lebt in Puntland weiter. Man muss nur über den neuen Flughafen Garowe fliegen, der ganze Stolz der Regierung im autonomen Teilstaat Somalias. Es fängt mit den 60 $ bei der Einreise für ein Visum an, dafür kriegt man seinen Pass gestempelt und hingeworfen.

Schlimmer ist es da schon, wenn man ausreist. Nach der ersten Sicherheitskontrolle stand gleich einer da und verlangte eine 20 Dollar Gebühr für die Sicherheitskontrolle. Also, ich zahle quasi dafür, dass ich gefilzt und ziemlich ruppig von der Seite angequatscht werde. Kaum war ich zehn Schritte weiter, hatte den Koffer eingecheckt (umsonst), die Passkontrolle erledigt (auch umsonst) stand so ein kaum 20jährger mit Sonnenbrille und hochgestelltem Hemdkragen da und faselte was von Gebühr. Wie jetzt, ich habe doch gerade schon eine Sicherheitsgebühr gezahlt!? Nein, nein, meinte er, das sei jetzt eine Reinigungsgebühr. Ich wollte meinen 50jährigen Ohren nicht trauen und fragte nach: Reinigungsgebühr? Ja, so David-Hasselhoff-Light, der Flughafen müsse ja sauber gehalten werden und dafür müssten die Passagiere zahlen. Ich blickte mich um, der Boden sah so aus, als ob er schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war, aber gut, so viele Menschen fliegen wohl nicht über den Airport Garowe, da häufen sich Staub und Schlieren schon an. Also zahlte ich die drei Dollar und erhielt dafür sogar eine Quittung. Mal sehen, ob ich die auf meiner nächsten Steuererklärung für berufliche Ausgaben geltend machen kann.

Zwei Meter weiter, ich will gerade in die Abflughalle abbiegen, ruft mir einer hinterher, ich solle zurückkommen. Was will der nun? Etwas von oben herab meinte er, ich müsse noch die Exit-Gebühr in Höhe von 60 Dollar zahlen. Exit-Gebühr, was bitte schön soll das sein? Vor allem, ich bin schon mehrmals aus Puntland ausgereist und habe diese „Fee“ noch nie berappen müssen. Tja, meinte er, ihm egal, ich müsse zahlen. An dem Punkt hatte ich den Hals dick und wurde lauter. Das könne nicht sein, hier komme eine Gebühr nach der anderen, was das denn solle? Und überhaupt, wenn ich mich so umblicke, verlangen sie diese sehr fragwürdigen Gebühren nur von den „Muzungus“, den Weißen. Geht’s noch!!! Auf einmal stand ein anderer Mitarbeiter da und fragte, ob ich die Quittung von der Einreise bei mir hätte. Natürlich habe ich die noch, sagte ich und kramte in meinem Rucksack. Dann sei ja alles gut. Gute Reise. Was mein Einreisevisum nun mit einer „Exit-Gebühr“ zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Aber dicker Hals zahlt sich manchmal wohl doch aus. Über Galkayo und Bossasso ging es dann mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen zurück nach Hargeisa, einmal kreuz und quer über Puntland. Die Landschaft trocken, sandig, heiss. Die Küste ein einziger Traum, grünes, klares Wasser, lange, endlose Sandstrände ohne irgendeine Menschenseele.

Am Flughafen in der Hauptstadt Somalilands wieder ein Problem. Die äußerst unfreundliche Frau an der Passkontrolle wollte mich nicht durchlassen und meinte, ich solle da drüben warten. Andere Passagiere wurden abgestempelt, nach dem letzten erhob sich die Immigrationsbeamtin und ging. Und ich stand da. Und da. Und da. Nach ein paar Minuten fragte ich einen Flughafenmitarbeiter, was nun los sei, wie lange ich hier und vor allem auf was ich hier warten sollte. Er ging zum Büro der Einwanderungsfachangestellten und kam mit der Mitteilung zurück, ich hätte nur eine Kopie des Einreisevisums, ich bräuchte allerdings ein Original. Guter Mann, wie soll ich denn ein Original haben, wenn ich eine pdf Datei als Email Anhang zugeschickt bekomme. Ja, sagte er, sie brauche das Original, ich solle jemanden anrufen. Wen denn und vor allem wie, denn weder AT&T noch Aldi-Talk funktionieren meines Wissens in Somaliland. Ich fragte, ob er nach draußen gehen könne, denn ich werde abgeholt und vielleicht hat der Fahrer das Original bei sich.

Pantherschildkröten leben mitten in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Und so war es auch, keine fünf Minuten später trat die Immigrationssonderbeauftragte für schwere Fälle aus ihrem Büro, trat nach wie vor gelangweilt und mich keines Blickes würdigend in das Abfertigungskabüffchen, griff sich das – wohlgemerkt – Original Visum und meinen Pass, blätterte durch die Seiten und stempelte schließlich alles ab. Danach durfte ich erneut 60 Dollar zahlen. Der Tag war nicht gerade preiswert.

Am Abend dann in Hargeisa lief ausgerechnet zu dem Zeitpunkt eine ziemlich große Schildkröte an dem Gästehaus vorbei, in dem ich untergebracht bin, als ich auf dem Dach stand und den Straßenklang des Abends und den Ruf der Muezzine zum Gebet aufnahm. Der Rekorder lief auch ohne mich, also hastete ich die Treppe runter, nicht dass mir die Schildkröte entläuft. Ein Riesentier, etwa 50 cm lang, zog sie den Kopf sofort ein, als ich auf zwei Meter heran kam. Die hier in Somaliland lebende Pantherschildkröte fauchte mich gleich an, alles klar, nur ein paar Fotos, so etwas sieht man ja nicht alle Tage, vor allem nicht in Nürnberg oder in Oakland.

Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

Somaliland ist nicht Somalia

Über Puntland sind die Wolken dünn gesät.

Sonntagnachmittag in Puntland. Von Hargeisa ging es über Boosaaso nach Garoowe, der Hauptstadt dieser autonomen Region direkt am Horn von Afrika. Irgendwie fühlt man sich hier noch Somalia zugehörig und strebt auch die Wiedervereinigung an. Ganz anders sieht es da in Somaliland aus. Am gestrigen Samstag hatte ich gleich mehrere Interviews, in denen mir von Regierungsvertretern, aber auch von der weltbekannten Kämpferin gegen die weibliche Genitalverstümmelung, Edna Adan, versichert wurde, dass es nie mehr zu einem Zusammenschluss von Somalia mit Somaliland kommen werde.

Edna Adan konnte ich schon einmal vor zwei Jahren für mein Feature über FGM interviewen:

FGM in Somaliland     

Die 81jährige kämpft unermüdlich weiter, holt im Gespräch aus, erzählt von ihrem Lebenswerk der „Edna Adan Klinik“ und der „Edna Adan University“, spricht von der internationalen Verantwortung und schwenkt dann auf die Unabhängigkeit Somalilands ein. Die einstige First Lady und Außenministerin der Republik Somalilands ist eine energische Befürworterin der Unabhängigkeit. Sie verweist auf die Geschichte und auf die aktuelle Situation. Was sich in Puntland und in South/Central Somalia abspiele habe nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun was Somaliland geschaffen habe, sagt sie. Vor allem Sicherheit, eine Vision, ein Leben ohne Angst und Krieg. Sie spricht vom „Genozid“ an der somiländischen Bevölkerung durch somalische Militärs vor dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991. Sogar auf dem Grund ihres Krankenhauses, das im Zentrum von Hargeisa liegt, sei ein Massengrab gefunden worden.

Im Gespräch mit Edna Adan in ihrem Büro in Hargeisa.

Die Geschichte ist komplex, die Lage zwischen Somaliland und Somalia nicht einfach. Das Auswärtige Amt in Berlin spricht von einer „Gefahr der Balkanisierung der Region am Horn von Afrika“. Doch davon will Edna Adan nichts hören. Nichts verbinde sie mit den Kriminellen in Puntland und Mogadischu. Die Welt müsse endlich erkennen, dass die Menschen in Somaliland ihre Zukunft in der eigenen Republik sehen.

Es ist beeindruckend und tief bewegend dieser Frau zuzuhören, wie sie über ihren Kampf gegen die Genitalverstümmelung berichtet, wie sie energisch für die internationale Anerkennung Somalilands plädiert. An ihren Bürowänden hängen unzählige von Fotos mit ihr und Staatspräsidenten und bekannten Gesichtern, die sie alle einmal traf. Demnächst reist sie nach London, um wieder eine Würdigung ihrer langen Arbeit entgegen zu nehmen. Doch Edna Adan ruht sich darauf nicht aus, sie hat weitere Pläne, das eine Gebäude muss erneuert werden, sagt sie. Und sie bräuchten Veterinäre für die Klinik, damit das Farmland vor der Stadt für die Studenten der Universität genutzt werden kann. Unermüdlich macht sie weiter. Kommen Sie mal wieder vorbei, meint sie noch am Schluss, dreht sich um und weist den Sicherheitsbeamten an, dass die Autos vor dem Eingang da nicht stehen dürfen.

12 Stunden Müllfahrt

Somaliland ist landschaftlich eine beeindruckende Region. Ein fließender Übergang von sattem Grün zu karger Steppe und sandigem Wüstenboden, manchmal noch umrahmt von Bergketten. Auf der 12stündigen Fahrt zurück nach Hargeisa mußte ich oftmals an den Südwesten der USA denken, an Arizona, New Mexico, Nevada und auch Südkalifornien. Ein weiter, nicht endenwollender Blick in die Ferne. Hier könnte man auch problemlos einen Spaghetti Western drehen.

Doch egal wo und wie schön die Landschaft auch ist, überall liegt Müll herum, vor allem leere Plastikflaschen und Plastiktüten. Ganze Büsche waren vom Abfall übersät. Doch hier scheint das niemanden zu stören, es gehört einfach dazu. Der Blick über den Müll ist wie bei uns das Überhören von Lärm. Man lebt damit, man hat sich daran gewöhnt, man kennt es nicht anders. Ziegen, Esel, Kamele fressen den Abfall, der Plastikmüll sammelt sich an den freien Wasserstellen, so gelangen kleinste Teilchen in die Nahrungskette. Darauf weisen Hilfsorganisationen in einfachsten Hygieneseminaren auch hin, doch auch das hat bislang kaum etwas am Verhalten geändert.

Selbst am breiten Sandstrand von Berbera, direkt am Golf von Aden gelegen, ist alles mit Plastikflaschen verdreckt. Hier sitzen viele gemütlich am Strand, einige verschleierte Frauen waten durchs seichte Wasser, andere im Burkini sind mit ihren Männern etwas weiter draußen, springen in die Wellen. Taucher genießen das warme Wasser auf ihrer Unterwassersuche. Sehen werden sie bestimmt auch Plastikmüll, der einfach ins Meer geweht wird.

Somaliland und Somalia hoffen auf gute, auf friedliche Zeiten, auf Auslandsinvestitionen, auf Tourismus. Beim Durchfahren des Landes, in den Bergen oder am Strand denkt man unweigerlich daran, dass das Horn von Afrika ein unglaubliches Reiseziel sein könnte, wenn sich die Sicherheitslage deutlich verbessern würde. Landschaftlich und kulturell gibt es hier viel zu entdecken, die Menschen offen und freundlich. Doch das Müllproblem könnte da noch zu einem riesigen Problem werden, falls es nicht bald angegangen und gelöst wird. Die Somalier haben noch einen langen Weg vor sich.

Die Folgen des Hungers

Camale im Osten Somalilands.

Es ging am Morgen zwei Stunden lang, erst über eine Schlamm- und dann über eine Staubpiste, in das Dorf Camale. 1300 Menschen leben hier, davon sind fast 300 Flüchtlinge aus anderen Teilen im Osten Somalilands. Sie wurden im vergangenen Jahr nach der verheerenden Dürre von ihrem Land vertrieben. Es gab nichts mehr für sie, nachdem ihre Tiere verhungert, ihre Ernten verdorrt waren.

Nun leben sie hier in einer Gegend, die selbst mit einem Geländewagen nur sehr schwer zu erreichen ist. Camale ist steinig. Ziegen streifen durchs Dorf. Von einem Hügel aus kann man Kinder in der Ferne Fußball spielen sehen, ein paar Kamele, Pferde und Esel grasen. Hier gibt es seit ein paar Jahren eine Gesundheitseinrichtung, in der nicht viel zu finden ist. Ein paar Stühle, zwei Schreibtische, eine Waage, ein Metermaßband, ein paar Pillen und Salben. Viel darf hier nicht passieren, sonst muss man über die zweistündige Huppelpiste in die nächste Stadt fahren, wenn man überhaupt ein Auto besorgen kann.

Grün, gelb, rot erzählen eine lange Geschichte.

In diesem Gebäude führt die Hilfsorganisation Care Schulungen für Mütter durch. Es geht um richtige Ernährung und Hygiene für die Kleinen. An diesem Morgen werden einige Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren gewogen, untersucht und ihr Ernährungszustand mit einem Oberarmband gemessen. Die Hungerkrise der vergangenen Jahre wirft einen langen Schatten.

Derzeit ist Regenzeit. Wasser wird in dieser entlegenen Region in Speichern gesammelt, um für die kommenden Monate bis zur nächsten Regenzeit gewappnet zu sein. Denn eins ist klar, es wird am Horn von Afrika wieder zu einer Dürrekatastrophe kommen. Die Infrastruktur fehlt, Investionen sind für die international nicht anerkannte Republik kaum vorhanden, es gibt nur zwei ausländische Hilfsorganisationen, die hier überhaupt aktiv sind und sowieso ist Somalia nicht gerade im Blickfeld der Weltgemeinschaft. Und hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Hierher sollten jene Kritiker kommen, die im Weißen Haus sitzen oder die verschiedensten Verschwörungstheorien darüber verbreiten. Der Osten Afrikas ist schon jetzt vom „Climate Change“ betroffen. Es ist also nicht eine Frage ob, sondern wann die nächste Dürre kommen wird.

Es grünt und regnet in Somaliland

Quer durchs Land in den Osten. Nun sitze ich in Erigavo, Sanaag, einer Region, die sehr stark von der Dürre betroffen war. Aber das ist vorbei. Heute auf unserer Fahrt regnete es, ein Straßenabschnitt war sogar überflutet. Sowieso ist die Anreise in diesen Teil von Somaliland mehr als beschwerlich. Für 320 Kilometer braucht man mehr als sieben Stunden. Die Landstraße ist nur zu einem kleinen Teil geteert, meist ist es Schotter auf dem gefahren wird. Ein paar Stellen gibt es von der wichtigen Süd-Nord-Verbindung gar nicht mehr, so dass man auf offenes Land ausweichen muss.

Ich bin erneut mit der Hilfsorganisation Care unterwegs. Zahlreiche Projekte konnte ich schon sehen, morgen geht es dann weiter. Gestern schauten wir uns ein Wasser-Solar Projekt an. Ein Techniker wurde in der Hauptstadt Hargeisa ausgebildet, um in seinem Dorf eine Wasserpumpe zu betreiben, die mit Solarstrom betrieben wird. Und der Solarstrom wird an kleine Geschäfte im Dorf verkauft, so finanziert sich das Projekt, so wird der Techniker bezahlt, so wird die Pumpe und die Solaranlage instand gehalten.

Danach ein Besuch bei den Frauenspargruppen, die kleinere Kredite an Frauen im Dorf vergeben, ohne Zinsen. Das Dorf ist durch dieses einfache Projekt enger zusammen gerückt. Startkapital gab es von Care nicht, nur die Anleitung vor zwei Jahren, wie man es macht.  Jede Frau zahlt monatlich etwas ein, einen winzigen Betrag. Gemeinsam entscheidet man dann, welche Projekte von den Frauen in der Gruppe unterstützt werden. Und es klappt. Warum habt Ihr das nicht schon früher gemacht? Alina schaut mich fragend an, lacht und meint, vorher hat jede Frau sich nur um ihre Küche gekümmert. Sie wisse es auch nicht, warum man so lange damit gewartet hat.

Heute ging es weiter in den Osten nach Ainabo, in ein IDP Camp, ein Flüchtlingslager für „internal displaced people“, Inlandsflüchtlinge, die vor allem Opfer der Dürre wurden. In diesen Camps geht es für Care um die Wasserversorgung und um die Hygiene. Scheinbar einfache Projekte, die jedoch in einer unterversorgten Region alles andere als problemlos sind. Von dort ging es weiter Richtung Norden nach Sanaag, hier ist Care eine von zwei internationalen Hilfsorganisationen. Eine teils gut ausgebaute, teils sehr löchrige, teils überhaupt nicht vorhande Landstraße zog sich durch eine wunderschöne Landschaft. Vorbei an Dörfern, Ziegen- und Kamelherden. Mehrmals musste ich daran denken, dass diese Region am Horn von Afrika ein wunderbares Urlaubsziel sein könnte. Vielleicht eines Tages, man kann es nur hoffen.