Rot ist der Wein

Kalifornien ist mehr als nur Strand, Hollywood, Silicon Valley und Körperkult. „It’s Barrel tasting weekend“! Wein vom Fass gab es, und das zu genüge. Zwar hatte ich kein offizielles Ticket erworben, aber einige mir bekannte Winzer luden mich dennoch zur Weinprobe auf ihre kommenden Weine ein: Zinfandel, Petite Sirah, Cabernet, Claret u.a.

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Die Knastbrigade im Einsatz

Das „Thomas Fire“ in Ventura und Santa Barbara County ist zum größten in der Geschichte Kaliforniens geworden. Mehrere Tausend Feuerwehrleute hatten wochenlang die Flammen bekämpft, oftmals waren sie auf verlorenem Posten und konnten sich nur noch selbst in Sicherheit bringen. Die starken Santa Ana Winde trieben die Brände vor sich her. Innerhalb weniger Sekunden wurde da oftmals die Länge eine Fußballfeldes überwunden.

Einsatzkräfte des „California Department of Corrections“ an vorderster Front. Foto: Reuters.

Zum Einsatz kamen auch Häftlinge, die Teil einer etwas ungewöhnlichen Brigade sind. 3800 Gefangene in Kalifornien sind in 43 sogenannten “Conservation” oder “Fire Camps” im ganzen Bundesstaat untergebracht. Es ist eine relativ preisgünstige Möglichkeit, präventive Brandschutzmaßnahmen durchzuführen und gleichzeitig im Falle eines Grossfeuers mit einer geschulten Extracrew die Flammen zu bekämpfen. Die Häftlingseinheiten sind jederzeit abrufbar und einsetzbar.

Für den Dienst melden sich die Strafgefangenen freiwillig, danach werden sie von der Feuerwehr geschult, schlafen dann in kleinen Einheiten in der Wildnis, halten Feuerwege frei, schneiden Unterholz und sind im Brandfall sofort einsatzbereit. Bei den großen Feuern in Sonoma County und dem „Thomas Fire“ waren etwa 1700 Häftlinge an der vordersten Brandlinie im Einsatz, der Rest arbeitete zu. Die Gefangenen erhalten für ihren Einsatz pro Tag einen Dollar und je Stunde Einsatz einen weiteren Dollar. Das ist deutlich mehr, als sie im Gefängnis selbst verdienen können. Darüberhinaus werden sie in Teamfähigkeit und Führungsqualitäten geschult und bekommen auch deutlich besseres Essen in den Camps als hinter Gittern.

Melden können sich nur solche Gefangene, die nicht wegen Gewalttaten verurteilt wurden und auch keine Gangmitglieder waren oder sind. Sie werden in den Camps überwacht, aber nicht streng bewacht. Nur wenige Strafvollzugsbeamte sind Teil der „Fire Camps“. Den Häftlingen wird in diesen Camps eine sinnvolle Tätigkeit geboten und gleichzeitig der Gesellschaft gezeigt, dass Gefangene durchaus hilfreiche und verantwortungsbewusste Mitglieder der Allgemeinheit sein können. Dieses “Feuerwehr-Programm” für Gefangene gibt es bereits seit 1943 und hat sich über die Jahrzehnte bewährt. Gerade bei Großbränden, wie nun dem “Thomas Fire” nördlich von Los Angeles, waren die Häftlings-Crews wichtige Helfer für die hauptamtlichen Feuerwehren.

Für die Gefangenen sind die „Fire Camps“ durchaus attraktiv. Sie bekommen mehr Geld, sie sind im Freien und nicht hinter Mauern, es sind Teams, die sich verstehen müssen, auch mit den Strafvollzugsbeamten. Dazu lernen sie Fähigkeiten, die ihnen im Gefängnis nicht beigebracht werden können. Und ganz wichtig für viele, die sich diesem Feuerschutzprogramm anschliessen ist, dass sie dem oftmals brutalen Gefängnisalltag entfliehen können, in dem Gangs die Abläufe kontrollieren und bestimmen. Das alles fällt draussen in den Camps weg. Draussen arbeiten bedeutet auch einen ersten Schritt zurück in die Freiheit und die Gesellschaft zu tun.

Dieses Resozialisierungsprogramm, das den Gefangenen sicherlich viel abverlangt, aber der Gesellschaft viel bringt und Steuergelder einspart, kommt in der Bevölkerung gut an. Seit 75 Jahren gibt es dieses Gefangenen Brigaden schon, bislang kam es zu keinen großen Problemen oder Ausbruchsversuchen. Nach dem verheerenden Brandjahr in Kalifornien, wird sogar darüber nachgedacht, die Budgets der Feuerwehren aufzustocken. Darunter würde dann auch das Feuerwehr Programm für Strafgefangene fallen.

Was dieses Land großartig macht

Puerto Rico, Florida und Texas wurden hart von Hurricanes getroffen und hier in Kalifornien lodern Dutzende von Bränden. Nur etwa 80 Kilometer von mir entfernt wälzen sich die Flammen durch das Wine Country von Sonoma und Napa. Der Rauch hat sich wie eine Nebeldecke über die Bay Area gelegt. Ich spreche mit Freunden und Bekannten in Sonoma, bekomme aus der Nähe mit, was passiert und bin dennoch auch beeindruckt von allem. weiter lesen

Was aus Wein alles werden kann

Mit etwas Wein lässt sich manche Kunst einfacher erfahren, erkennen, erleuchten. Manchmal braucht es da auch etwas mehr vom göttlichen Tropfen. Aber Wein und Kunst passen gut zusammen. Das merkt man auch, wenn man durch die nordkalifornischen Weinanbaugebiete in Sonoma und Napa fährt. Zwischen all den Reben macht sich Kunst und Kultur breit. Von gewaltigen Burning Man Skulpturen bis zu kreativen Ideen, was man aus einem alten Weinfass machen kann.

Und dann sind da die Sammler von Kunst. Rene di Rosa war einer von ihnen. Er hat sein Geld mit dem Traubensaft gemacht und damit die Arbeit nordkalifornischer Künstler unterstützt. Zusammengekommen ist eine umfangreiche und einzigartige Sammlung. Zu sehen ist sie in der Carneros Region des Napa Valleys, eine gute Autostunde nördlich von San Francisco, also in Reichweite jedes Besuchers am Golden Gate. Und wer mal mehr sehen möchte als nur die Brücke, Chinatown und Fisherman’s Wharf, wer die kreative Seite dieser wunderbaren Gegend erfahren möchte, der sollte sich einen Wagen mieten und „5200 Carneros Highway, Napa, CA 94559“ in sein GPS eingeben.

Die Landschaft um das di Rosa Anwesen ist einmalig schön. Das Verweilen, das Einatmen dieses Augenblicks ist gewollt und erwünscht. Der Blick über den hauseigenen See, die leichten Wellen der Landschaft, ganz hinten befindet sich der Skulpturengarten der Sammlung, eingerahmt von den Reben. Das Gelände ist weitläufig und voll mit Kunstobjekten. Draußen wie auch in gleich mehreren Gebäuden kann man sich herausfordern lassen und hinterfragen, was Kunst ist, sein sollte und letztendlich sein muß. Eine Galerie am Eingang, alles ordentlich, offen, hell. Dann das Anwesen, ein vollgepferchtes Haus, die Kunst erschlägt einen fast. Wohin soll man blicken? Unzählige Bilder, eine Wanne voller Bowling Kugeln, eine Glocke, Skulpturen, Kunst-Stücke, die mir teils zumindest fragwürdig erschienen. Eine unterirdische Kapelle, in der das Lichtspiel des Tages nachgezeichnet wird. Ein alter VW Scirocco hängt von einem Baum, aufgeknüpft und dem Wetter ausgesetzt. Pfaue stolzieren über das Anwesen, von weitem schon hört man ihre lauten Rufe.

Die di Rosa Kunstsammlung im Napa Valley ist ein Erlebnis. Präsentiert wird die lange und vielseitige Kreativszene dieser Region, der weitläufigen San Francisco Bay Area. Ein Besuch auf dem Anwesen beruhigt, bewegt, begeistert und zeigt einem vor allem, wie beschränkt man durchs Leben wandelt. Denn Kunst ist der Spielball in einer Gesellschaft, den wir nur zu selten an die eigenen Erfahrungsgrenzen kicken. Und das wird hier vor Augen geführt, wenn man denn will. Grenzen werden erweitert oder ganz niedergerissen, das hängt allein vom jeweiligen Betrachter ab. Die weiche Landschaft und dazu diese fordernde Kunst, mit der man sich beschäftigen muss, in der jeder etwas (anderes) sehen kann. Manches ist einfach und direkt, anderes bleibt auch nach langem Verweilen davor verschlossen. Und wieder bei anderem denkt man sich, da hatte einer zu viel Zeit. Zumindest ging es mir so…vor manchen Bildern, Skulpturen, Kunststücken hätte mir dann vielleicht doch ein Gläschen Wein die Erleuchtung gebracht.

Bacchus muß besoffen gewesen sein

Man hat das ja schon mal gesehen. Da sitzt ein Betrunkener auf der Straße, lallt vor sich hin und irgendwann schmeißt er eine Flasche durch die Gegend. Krach-Bumm. So wird der Frust oder der Ärger rausgelassen. Wahrscheinlich war es so am frühen Sonntagmorgen. Bacchus, der Gott des Weines, scheint die Nacht mit den edlen Tropfen aus dem Napa Valley durchzecht zu haben. Irgendwann war er dann randvoll und randalierte.

Weinfässer nach dem Erdbeben in Napa Valley.

Weinfässer nach dem Erdbeben in Napa Valley.

Das Ergebnis ist bekannt, ein 6.0 Erdbeben erschütterte die Region und war in ganz Nordkalifornien zu spüren. Verletzte, zerstörte und beschädigte Häuser, Zehntausende von zerborstenen Weinflaschen und Weinfässer, die durch die Gegend rollten. Darunter zum Teil edle und seltene Tropfen. Auf dem Hess Weingut brachen zwei riesige Tanks mit jeweils 10.000 Gallonen. Etwa 180.000 Flaschen Cabernet Sauvignon wurden anschließend aufgewischt. Das Weingut Glen Ellen verlor rund 50 Prozent seines Weins. David Duncan, Präsident von Silver Oak Cellar, erklärte, bei ihm seien Hunderte von Flaschen mit Spitzenweinen zerstört worden. Fast jedes Weingut in Napa Valley wurde von dem Erdbeben finanziell getroffen. Der Gesamtschaden des Bebens ist noch nicht abzusehen, doch er wird spürbar sein, vor allem für Weintrinker, denn die Preise werden steigen.

Im Desaster hatte man dennoch einen Sinn für Humor. Dave Pramuk von „Robert Biale Vineyards“ seufzte: „Gott sei Dank arbeitete niemand in den Kellern. 3:20 morgens ist eine gute Zeit für ein „Wine Country Earthquake“. Steve Moulds, Präsident der Napa Valley Weinbauern, verlor in den frühen Morgenstunden des Sonntags den Großteil seiner 3000 Flaschen umfassenden Weinsammlung. Er meinte trocken, zumindest habe er nun sein zwanghaftes Ansammeln von Dingen verloren.

 

Kein Reinheitsgebot im US Bier

Coors Light

Eine Dose eisgekühltes Coors Light.

Es überrascht ja nicht, aber nun ist es auch ganz offiziell. Die großen amerikanischen Biermarken „Bud“, „Miller“ und „Coors“ schütten neben Wasser, Hopfen und Malz noch so einiges in ihr bierähnlichen Getränke. Aufstoßen wird einem Biergenießer vor allem Mais und Reis. Kein Witz, beides wird mit in den Sudkessel geschmissen.

Auf Druck der sehr einflussreichen und vielgelesenen FoodBloggerin Vani Hari haben die Brauereien sich nun dazu entschlossen, die Zutaten zu veröffentlichen. Ein großes Geheimnis war es ja nie, dass hier drüben etwas gepanscht wird, aber nun ist eben der sprichwörtliche Sack Reis umgefallen, zwar nicht in China, dafür im Hof der Bierbrauer.

Aber nicht alle amerikanischen Brauerein bereiten so ihr Bier zu und nicht alle Amerikaner lieben die dünne Plörre der großen im Business. Es gibt viele „Micro Breweries“ im Land, die auf alte Brautraditionen und Qualität setzen. Und der Biergenuß in den USA nimmt zu. Jüngst erst habe ich das Bier von „Fogbelt Brewing“ probiert und es schmeckt hervorragend. Die Brauerei mit Schankraum findet man im nordkalifornischen Santa Rosa, nur eine Autostunde nördlich von San Francisco. Hinter „Fogbelt Brewing“ steckt Paul Hawley von der Hawley Winzer Familie in Sonoma County, und die machen für mich den besten Wein schlechthin. Deren Zinfandel ist ein himmlisches Gedicht.

Ach ja, beim Thema Bud, Miller und Coors fällt mir noch der bekannte Witz ein: „What does Bud (Miller/Coors) and Sex in a Canoe have in common? It’s f….. close to water“. In diesem Sinne, Prost.

Der haarige Superbowl

Am kommenden Sonntag ist der beste Tag um in Downtown San Francisco einkaufen zu gehen, Parks zu besuchen oder in Sonoma Wein trinken zu gehen. Man ist ziemlich alleine auf der Straße. Es ist Superbowl Sunday und alle hängen vor dem Fernseher rum. Sportfans und Fernsehbegeisterte, die eine perfekt inszenierte Show sehen wollen. Ach ja, da sind dann auch die sündhaft teuren neuen und unterhaltsamen Werbespots, wie dieser hier vom deutschen Autobauer Audi:

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Doch wem weder nach Shopping oder Spaziergang oder Weinprobe ist, es gibt auch die Alternative im Fernsehen. Jedes Jahr werden Millionen von Zuschauern zum Sender „Animal Planet“ gezogen. Dort gibt es den sogenannten „Puppy Bowl“, quasi ein American Football Spielfeld für kleine Hunde vor laufenden Fernsehkameras. Unterhaltsam für Hundeliebhaber, die nicht so gerne erwachsenen Männern dabei zuschauen möchten, wie diese sich die Köpfe einrennen. Gehirnerschütterung „here I come“. Beim Puppy Bowl gibt es Kameras im Wassernapf und Spielunterbrechungen bei kleineren, nennen wir es, Zwischenfällen. Ach ja, ein paar Katzen tauchen am Rande der Vorstellung auch immer auf.

Vielleicht wäre das ja auch was zur bevorstehenden Fußball-WM im deutschen Fernsehen. Na, welcher Privatsender traut sich?

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10 Sekunden bis zum Tod

Zwischen dem Zeitpunkt, an dem Polizisten des Sheriff Departments in Santa Rosa den 13jährigen Andy Lopez Cruz mit einer Waffe in der Hand sahen und den tödlichen Schüssen vergingen gerade mal 10 Sekunden. 16 weitere Sekunden bis die Beamten über Funk nach einer Ambulanz riefen. Das sind die ersten Ergebnisse einer Untersuchung. Sieben Kugeln trafen den Jungen, zwei davon waren tödlich.

Die Beamten gaben in einer ersten Vernehmung an, sie hätten den Verdächtigen mit einem Sturmgewehr gesichtet, ihn mehrfach aufgefordert die Waffe fallen zu lassen. Dann hätte sich die Person umgedreht und die Polizisten sahen sich bedroht und feuerten. Das alles in zehn Sekunden. Auch gaben sie an, nicht erkannt zu haben, dass der Verdächtige ein 13jähriger Junge und kein Mann war. Andy Lopez Cruz trug zur Tatzeit einen Kapuzenpulli. Wieder mal macht ein Kapuzenpulli Schlagzeilen in den USA. Man sollte die Dinger nicht mehr tragen, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man sich dann eine tödliche Kugel einfängt.

Erst als der Junge mit dem Spielzeuggewehr durchlöchert war, stellten die Polizisten fest, dass es sich bei der „Waffe“ um eine Spielzeugknarre handelte. Andy Lopez Cruz war auf dem Weg zu einem Freund.

In Santa Rosa und dem Sonoma County ist man schockiert. Schon im Jahr 2000 forderte die „U.S. Civil Rights Commission“ Sonoma County auf, zivile Untersuchungsausschüsse einzurichten, die Polizeigewalt untersuchten. Die Kommission reagierte nach acht (!) Fällen mit tödlichem Schußwaffengebrauch durch Polizisten in weniger als drei Jahren. Doch nichts geschah.

Todessprung überlebt

Eine Schulklasse aus Sonoma County hatte am Donnerstag einen unvergesslichen Schulausflug nach San Francisco. Einer der Schüler meinte, es sei besonders „cool“ von der Golden Gate Bridge zu springen. Als die 45 Schüler über die Brücke liefen, überkletterte der 17jährige das Geländer und sprang. Was in 99 Prozent der Fälle tödlich ausgeht, am Donnerstag war dies anders. Ein Surfer, der zu dieser Zeit an einem beliebten Spot direkt unterhalb der Brücke die Wellen ritt, sah den Schüler ins Wasser fallen und wieder auftauchen. Er schwamm sofort auf seinem Surfbrett zu ihm und gemeinsam mit dem Schüler zurück an Land. Der Junge meinte zu dem perplexen Surfer, er sei wegen des „Kicks“ gesprungen.

Im Krankenhaus stellten sie nur einen kleineren Bruch und ein paar blaue Flecken an dem Jugendlichen fest. Der Surfer ist sich sicher, dass ein starker Südwind, den Sprung des Jungen abgefedert und ihn letztendlich gerettet habe. Seitdem die Brücke 1937 eröffnet wurde, sprangen fast 2000 Menschen am Golden Gate in den Freitod. Pro Jahr bringen sich hier zwischen 20 und 30 Menschen um, meist auf der Seite, auf der San Francisco liegt.