Das Land der starken Frauen

Es geht dem Ende zu. Ein Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung brachte mich hierher ans Horn von Afrika, genauer gesagt in die Republik Somaliland, ein Land, das es offiziell nicht geben darf. Als ich die Ausschreibung der Stiftung gelesen hatte, dachte ich sofort an das Thema „Female Genital Mutilation“ oder Genitalverstümmelung. Ein Thema, das keineswegs einfach ist, vor allem nicht für einen Mann, vor allem nicht für einen Mann aus einem westlichen Land. Als ich im November hier war, sprachen viele Frauen jedoch ganz offen darüber, was mich verwunderte. In Absprache mit dem CARE Büro in Bonn traute ich mich dann doch an dieses Thema, gerade auch, weil ich die Zusage der Unterstützung vor Ort erhielt. Ohne die wäre die Realisierung all der Interviews und Einblicke gar nicht möglich gewesen.

NAGAAD ist eine lokale NGO, die mir vermittelt wurde. Sie arbeiten im ganzen Land, unterstützen Frauenprojekte, „Women’s Empowerment“, in auch noch so entlegenen Gegenden. Und dabei spielt FGM immer eine Rolle. Die Gesundheitsprobleme für Kinder, Jugendliche, junge und alte Frauen sind einfach zu groß, um dieses gewaltige Thema in der täglichen Arbeit auszugrenzen.

Auf dieser Reise in Somaliland traf ich vor allem starke Frauen. Engagiert, zielgerichtet, „outspoken“, kritisch. Fast alle sind von der Genitalverstümmelung betroffen, und gerade vor diesem Hintergrund setzen sie sich ein. Sie organisieren sich nicht nur in den Dörfern, suchen die Gespräche, zeigen auf, dass FGM nichts mit dem Islam zu tun hat, fordern von den religiösen Führern im Land, von den Politikern, von Männern allgemein klare und deutliche Worte.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan im Gespräch.

Edna Adan kämpft seit 40 Jahren gegen die Genitalverstümmelung. Sie war mit dem früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, verheiratet, und selbst auch Außenministerin Somalilands. Schon in den 70er Jahren engagierte sie sich. Heute trägt ein Hospital in Hargeisa ihren Namen, das hat sie selbst aufgebaut. Das „Edna Adan University Hospital“ hilft vor allem Frauen und Kindern. Doch hier werden auch Hebammen ausgebildet. Edna Adan nennt sie „my foot soldiers“, ihre Mitstreiter im Einsatz. FGM ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. Die fast 79jährige ist unermüdlich im Einsatz. Sie habe alles im Leben gesehen, mit Präsidenten diniert, den Luxus gehabt. Heute lebt sie gleich neben ihrem Büro im ersten Stock des Krankenhauses, ihre Tür ist immer offen. Sie ist das Gesicht der somiländischen Frauenbewegung gegen FGM geworden.

In diesen Tagen in der Region traf ich aber auch viele Frauen, deren Hintergrund ganz anders ist, ganz einfach und doch nicht weniger engagiert. Sie waren bereit mit mir zu sprechen, weil man über FGM offen sprechen muß, erklärten sie. In Gesprächen flossen Tränen, schlimme Erinnerungen wurden wieder hervorgeholt. Alleine als Mann hätte ich diese Interviews nie führen können, nie die Tiefe erreicht. In Hodan Elmi von CARE fand ich eine beeindruckende Frau, die mir zur Seite stand, mich beriet, was ich fragen kann und was nicht, was ich vorab wissen sollte, welche Zusammenhänge es gab und gibt. Unermüdlich erklärte sie, übersetzte sie und „öffnete“ für mich die Gespräche. Auch sie selbst kam an ihre Grenzen. Beeindruckend war für uns das Treffen in Gabiley mit betroffenen Frauen, eine von ihnen führte die „Beschneidungen“ durch. Die anderen Frauen erklärten im Gespräch, sie versuchten immer wieder ihr zu helfen, einen anderen Job zu finden. „Ich muß aber meine Familie ernähren“, meinte diese. Sie würde ja aufhören, aber das Geld für ihr „Handwerk“ unterstütze nicht nur sie.

In der somiländischen Hauptstadt Hargeisa wird offener über das Thema gesprochen. Hier leben viele aus der Diaspora, Rückkehrer aus England, Holland, Deutschland, den USA und Kanada. Sie treiben die Diskussion um einen allgeimein Stopp der Genitalverstümmelung mit an. „Zero Tolerance“ ist das Ziel. In den engagierten und rastlosen Frauen und Männern von NAGAAD und anderen lokalen Organisationen im ganzen Land, sind sie auf tatkräftige Mistreiterinnen gestoßen. Gemeinsam wird schon seit Jahren für ein Ende dieser uralten, doch sinnlosen Tradition gekämpft. Und ihre Stimme wird mit jedem Tag lauter.

Ein Land voller Schmerzen

Drei Buchstaben sind es: FGM. Sie stehen für „Female Genital Mutilation“, übersetzt wird das fälschlicherweise oftmals mit weiblicher Beschneidung. Doch das trifft es nicht, ganz und gar nicht. Wenn man von Beschneidung spricht, denkt man an die Beschneidung eines Jungen, wie es bei Juden, Muslimen und auch in den USA ganz normal ist. Die Vorhaut wird dabei abgetrennt, ein kleiner chirurgischer Eingriff. „Female Genital Mutilation“ ist dagegen Genitalverstümmelung. Zumeist Mädchen im Alter zwischen 5-10 Jahren werden dabei ein Leben lang gezeichnet.

Dabei werden vier Typen unterschieden, Typ I ist die Entfernung der Klitoris, Typ II die Entfernung der Klitoris und der Schamlippen. Typ IV alles was nicht unter I, II oder III fällt. Die schlimmste Methode ist die Infibulation nach Typ III, oder auch „pharaonische Beschneidung“ genannt. Und die ist am weitesten verbreitet am Horn von Afrika.„Die Beine des Mädchens werden von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die Wunde heilen kann. Die Haut über der Vaginalöffnung und dem Ausgang der Harnröhre wächst zusammen und verschließt den Scheidenvorhof. Lediglich eine kleine Öffnung für den Austritt des Urins, des Menstruationsbluts und der Vaginalsekrete wird geschaffen, indem ein dünner Zweig oder Steinsalz in die Wunde eingefügt wird. Durch diese Behinderung kommt es zu zusätzlichen Schmerzen und Infektionsrisiken. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass die Vulva wieder aufgeschnitten werden muss, um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginalöffnung mit einem scharfen Gegenstand erweitert werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. Manchmal wird an unbeschnittenen schwangeren Frauen vor der Entbindung eine Infibulation durchgeführt, weil geglaubt wird, dass Berührung mit der Klitoris zu Fehlgeburten führt. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.“ (Quelle Wikipedia).

Die Stiftung Weltbevölkerung hat es mir ermöglicht, auf diese Reise nach Somaliland zu gehen. Eine Reise, die mich oftmals an Grenzen gebracht hat. Es ist ein Thema, über das kaum jemand sprechen will. In Deutschland und den USA, jene Länder, in denen ich mich bewege, ist nicht viel bekannt über FGM, meist nur, dass aus religiösen Gründen die Klitoris abgeschnitten wird. Der Islam wird dabei verflucht, was für eine Religion sei das, die so etwas zulässt, wird abgeurteilt.

Ich gebe zu, ich habe auch nicht viel darüber gewußt, bis ich 2014 mit CARE in den Tschad und im letzten November hier ans Horn von Afrika reiste. Das Thema kreuzte immer wieder unseren Weg. In den Flüchtlingslagern im südlichen Tschad, in Somaliland und Puntland in den Gesprächen in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Doch das ganze Ausmaß dieses barbarischen Aktes hatte ich auch nicht vor Augen.

"Female Genital Mutilation" geschieht nicht im Namen des Islam.

„Female Genital Mutilation“ geschieht nicht im Namen des Islam.

Schon am ersten Tag, kurz nach meiner Ankunft, stand das erste Interview an. Edna Adan, ausgebildete Krankenschwester, hat hier ein Hospital eröffnet. Seit 40 Jahren ist sie eine der wohl bekanntesten Kämpferinnen gegen FGM. Auch sie ist betroffen, wie eigentlich jede Frau, die ich hier im Laufe meines Aufenthaltes getroffen habe. Um das Krankenhaus aufzubauen, spendete die Witwe des früheren somalischen und somaliländischen Präsidenten, Mohamed Haji Ibrahim Egal, ihre Pension und ihr Vermögen. Ganz ruhig und sachlich berichtete sie von ihrem fast aussichtslos erscheinenden Kampf gegen tief verwurzelte Überzeugungen, eine Kultur des Schweigens, gegen scheinbar unüberbrückbare Fehlinformationen. Die fast 78jährige ist dennoch voller Energie. Mehr und mehr Mistreiterinnen und Mitstreiter findet sie für diesen Kampf.

Am Tag danach saß ich mit Frauen im Büro von Nagaad zusammen. Vertreterinnen der Frauenrechtsorganisation, die schon 1997 gegründet wurde, und Frauen aus einem Flüchtlingslager am Rande der Stadt. Sie alle arbeiten daran, die hohe Rate von weiblicher Genitalverstümmelung in Somaliland zu senken. Und die ist hoch, weit über 90 Prozent. Alle Frauen, die im Kreis in diesem kargen Raum um mich herumsaßen waren Betroffene. Eine 70jährige berichtete davon, dass sie noch immer massive Gesundheitsprobleme habe. Und dennoch, sie selbst hat ihre Töchter und Enkelinnen „beschnitten“. Das verlangte ihre Religion, glaubte sie. Zumindest sei sie davon über all die Jahre überzeugt gewesen. Erst vor kurzem hat sie gelernt, dass im Koran nichts von dieser frauenfeindlichen und schmerzhaften Prozedur steht. Die Vertreter ihrer Religion hätten sie enttäuscht und betrogen. Ein Leben lang. Als sie das begriff ging sie zu ihren Töchtern und bat um Vergebung für das, was sie ihnen angetan hatte.

Persönliche Geschichten und Erfahrungen wie diese sind kein Einzelfall. Die Frauen erzählen bereitwillig, denn sie wissen, der Deckmantel des Schweigens ist ein Grund dafür, warum diese gewaltsame Prozedur noch immer in ihrem Land, in ihrer Kultur und vermeintlich im Namen ihrer Religion durchgeführt wird.

„How are you?“ „Fine, how are you?“

Am Nachmittag hatte ich heute frei. Mal was anderes auf so einer Reise. Meist ist das Programm sehr dicht gefasst, soll es ja auch. Ich will möglichst viel in der kurzen Zeit sehen, erleben, erfahren. Doch manchmal tun solche kurzen Auszeiten sehr gut. Die Geschichten, die ich am Morgen so hörte gingen mir schon sehr nahe. Unvorstellbar.

Statt KFC gibt es PFC in Hargeisa.

Statt KFC gibt es PFC in Hargeisa.

Zurück im Hotel machte ich mich auf den Weg, ein Spaziergang durch Hargeisa, einer Stadt, die so gar nicht für Fußgänger ausgelegt ist und doch laufen hier viele. Bürgersteige gibt es keine, Autos und Kleinbusse fahren, ja, rasen ungebremst auf einen zu. Bei einer Straßenüberquerung fühlt man sich wie im Spiel „Frogger“, mal vor, mal zurück, mal seitlich und dann ganz schnell rüber. Ziegen kauen auf Stöckchen, Gräsern und Pappe herum, ein Hupkonzert ohne Ende, lethargische Hunde unter abgestellten Lastern und immer mal wieder der Ruf „How are you?“. „Fine, how are you?“.

Hargeisa ist heiß, trocken, staubig. Als Weißer fällt man auf, egal, wie man das nun drehen will, ich war der einzige, der hier schwitzend durch die Gegend lief. Sowieso sind hier, anders als in vielen anderen afrikanischen Hauptstädten, kaum Europäer oder Amerikaner im Stadtbild zu sehen. Sie sind da, ja, Hilfsorganisationen, Geheimdienste, Fachleute, aber begegnen tut man ihnen so gut wie gar nicht, nur am Flughafen, bei der Ein- und Ausreise. Selbst im Hotel ist das so.

Meine neuen "Freunde" aus Hargeisa, zumindest sind sie es jetzt auf facebook.

Meine neuen „Freunde“ aus Hargeisa, zumindest sind sie es jetzt auf facebook.

Ich lief durch die Straßen, Hauptstraße runter, in die Seitenstraßen, schaute mich um. Alles ist anders hier. Wer Geld hat, baut sich ein pompöses Haus mit einer hohen Mauer drumherum, obendrauf Stacheldraht oder Glasscherben. Vor einer Moschee setzte ich mich hin und sah mir die Leute im Vorbeigehen an. Klar, ich fiel auf. Einige blieben stehen und glotzten, andere meinten wieder „How are you?“. „Fine, how are you?“. In einem Straßencafe trank ich eine Cola und kaum hatte ich den ersten kühlen Schluck der amerikanischen Brause durch die trockene Kehle laufen lassen, fragte mich schon ein junger Mann neben mir, woher ich denn komme. Wir plauderten etwas, anfangs darüber, wie mir Hargeisa gefalle, dann erzählte er, er sei arbeitslos, finde keinen Job. Schon zweimal habe er sich auf die Reise gemacht, „Tahreeb“ heißt das hier, die Reise mit Risiko. Darüber hatte ich im November ausführlich berichtet. Er wollte nach Europa. Einmal kam er bis Äthiopien, das zweite Mal bis nach Libyen. Nun ist er wieder hier, würde aber gerne wieder aufbrechen ins gelobte Land, da hinter dem großen Wasser.

Das Ding sah gefährlich aus.

Das Ding sah gefährlich aus.

Zurück im Hotel schaute ich mir mal den Fitnessbereich an, der in einem Flachbau am Rande des Geländes untergebracht war. Ein paar Geräte konnte ich beim besten Willen nicht einordnen (siehe Bild). Aber sie hatten auch Gewichte, das erfüllte den Zweck, den Kopf leer zu kriegen. Auf dem Weg zurück ins Hotel setzte ich mich in den Garten, um etwas auszudampfen, als vier junge Männer auf mich zukamen, ein Gespräch anfingen. „How are you?“. „Fine, how are you?“. Sie fragten, woher ich käme, was ich hier mache. Ich solle ihnen doch was von Deutschland erzählen. Ist es schwer an ein Stipendium zu kommen? „Ja“, meinte ich. „Alleine schon aus dem einen Grund, weil kein Land der Welt den Reisepass von Somaliland anerkennt“. Doch das kratzte sie so gar nicht. Sie spassten rum, unterhielten sich weiter und dann wollten sie Fotos machen. Ein seltsamer Anblick, ich, der verschwitzte Deutsche in kurzen Hosen, und neben mir sehnige, fein gekleidete, junge Männer. Und sie schauten fast alle sehr ernst in die Kamera.

Nach der Dusche wollte ich mich wieder in den Garten setzen, um endlich ein paar Mails durchzusehen. Kaum saß ich, kam ein junger Mann auf mich zu „How are you?“. „Fine, how are you?“. Er stellte sich vor und begann zu erzählen. Er sei als Lehrer ausgebildet, spreche sehr gut Englisch und versuche nun mit ein paar Freunden ein „Business“ zu eröffnen. Was genau, das konnte ich auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht rausfinden. Der Begriff war mir einfach unbekannt. Auch er erzählte, er sei ohne Job, würde gerne eine Übersetzerstelle annehmen. „Can you help me?“. Puh, wie soll ich helfen, mein Freund? Die Jugendarbeitslosigkeit ist riesig in Somaliland und auch in Rest-Somalia. Das führt dazu, dass viele einfach nur weg wollen. „Tahreeb“, die Reise mit Risiko. Europa hat Flüchtlingsdeals abgeschlossen, doch die wurden ohne die vielen, vielen jungen Leute gemacht, die in Ländern wie Somaliland nur darauf warten aufzubrechen. Es ist nicht eine Frage ob, sondern eine Frage wann sie sich auf den langen Weg Richtung Norden machen. Hier, vor Ort, muß geholfen, investiert werden. Ein Anfang wäre wohl die Anerkennung der unabhängigen Republik Somaliland. Doch Berlin und Brüssel verstecken sich da nur wieder im bürokratischen Schatten. Lieber ein fragwürdiger Deal mit einem Despoten am Bosporus, als die Fluchtgründe an der Wurzel anzupacken.

Die freiwillige Sprachlosigkeit

Die Hauptstadt Somalilands von oben.

Die Hauptstadt Somalilands von oben.

Zumindest für ein paar Tage, kann, ja soll ich nicht darüber schreiben, mit wem ich hier spreche, wen ich besuche, wen ich treffe, was ich erfahre. Nach einem langen Nachtflug und einem mehrstündigen Aufenthalt in Addis Abeba bin ich schließlich am späten Morgen Ortszeit in Hargeisa gelandet. Ich glaube, hier hat sich auf den ersten Eindruck seit November nicht viel verändert. Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war erfüllt mit Huperei, Kamelherden und unzähligen Ziegen, die kreuz und quer durch die Gegend wanderten, ein Rudel ausgezehrter Straßenhunde lag neben einem Esel im Schatten eines Baumes. Der Fluß führte etwas Wasser. Und überall der Abfall, den der Wind schon irgendwann wegtragen oder der von den Ziegen, zumindest zum Teil, verspeist wird.

Zuerst stand nach meiner Ankunft das Sicherheits-Briefing an. Somaliland ist sicher, Spannungen gibt es hier keine, oder zumindest nichts im Vergleich zu South-Central Somalia, dort, wo Mogadischu liegt, dort, wo die Al-Shabaab Milizen ihren Terror ausleben, jenes zerrüttete Somalia, das wir aus den Medien kennen. Bei Reisen außerhalb der Hauptstadt Hargeisa wird dennoch ein bewaffneter Sicherheitsbeamter mit dabei sein. Das ist die Auflage der Regierung, nichts schlimmes und spiegelt auch nicht die Stimmung im Land wider. Es soll wohl mehr das Sicherheitsgefühl stärken. Darüberhinaus, so hieß es, sollte ich abends nicht mehr alleine auf die Straße gehen, tagsüber sei das jedoch kein Problem.

In diesem Briefing wurde mir auch gesagt, ich solle ersteinmal nichts darüber schreiben, was ich hier mache und vorhabe. Beim letzten Aufenthalt gab es ja den seltsamen Zwischenfall, da hatte eine lokale Zeitung in Somaliland mein NZ-Blog aufgegriffen, falsch übersetzt und dann den Namen und das Bild einer nichtverwandten Anne Peltner auf ihre Seite gestellt. So kann es gehen. Diesmal also soll das nicht passieren, ich werde ganz behutsam sein….über das Wetter schreiben (sonnig, leicht windig, angenehm warme Temperaturen), über das Essen (zum Mittag Salat, abends dann ein Curry mit Reis), über das Hotelzimmer (sauber, Dusche, Klo und ein schreiendblaues Moskitonetz über dem Bett), über die ersten Eindrücke (siehe oben mit den Kamelen und Ziegen).

Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben und ich werde sicherlich über meine Gespräche, meine Erfahrungen und Erlebnisse hier schreiben. Ich bin ja auch ganz offiziell als Journalist mit passendem Visum eingereist, nun werde ich alles eben einfach etwas später veröffentlichen. Ich hoffe, meine werten Leserinnen und Leser sehen mir das nach. Meine Grundregel bei solchen Reisen in Länder und Regionen, in denen es krachte oder kracht lautet immer, ich höre mir das an, was jene zu mir sagen, die dort leben. Ich glaube, die wissen ganz gut, was für einen Besucher aus dem Westen, der dazu auch nicht einfach so in der Menge eintauchen kann, am besten ist. Zumindest bilde ich mir ein, dass das der richtige Ansatz ist. Heute ging es schon los, morgen geht es weiter, ein volles Programm wartet auf mich.

Eine ganz schwierige Reise

somaliaIn den USA herrscht der Wahlkampf und ich mach mich von dannen. Na ja, nicht ganz, also, es geht nicht an den Strand oder in den Urlaub. Ich sitze am Flughafen in Frankfurt und warte auf meinen Flieger, der mich nach Addis Abeba und von dort weiter nach Somaliland bringt. Eine weitere Reise ans Horn von Afrika steht bevor, diesmal geht es nicht um Flüchtlinge, sondern um ein Thema, das auf vielen verschiedenen Ebenen sehr schwierig werden wird – „Female Genital Mutilation“ oder weibliche Genitalverstümmelung. Dafür habe ich ein Reisestipendium der Stiftung Weltbevölkerung erhalten.

In die Region, in die es mich zieht, sind zwischen 92-98 Prozent der Frauen betroffen, es hängt davon ab, in welchen Landesteil man fährt. In Somaliland, meiner ersten Station, scheint es den Zahlen nach einige erfolreiche Projekte zu geben, die Zahlen konnten dort gesenkt werden. In Puntland ist die Situation ganz anders. Und in South Central Somalia noch einmal anders, sprich schlimmer für Frauen.

Vor Ort werde ich mit Frauen sprechen, Selbsthilfegruppen und Krankenhäuser besuchen, mit religiösen Führern und Regierungsvertretern zusammen treffen. Es soll ein umfangreiches Bild entstehen, das Thema möglichst von vielen Seiten beleuchtet werden. Geschichten sollen erzählt, erfolgreiche Ansätze und Erfahrungen beleuchtet werden Und ja, ich weiß, als Mann, als Mann aus einem westlichen Land, wird es nicht einfach werden. Aber ich werde vor Ort nicht alleine unterwegs sein. Wie auf meiner letzten Reise ans Horn von Afrika, kann ich mich auf lokale Mitarbeiter von CARE „stützen“, die mir über die sprachlichen und die kulturellen Hürden helfen, die mir viele Türen öffnen werden. Und mir vor allem beistehen, den „Gender“ Graben zu überwinden. Die Reise, die vor mir liegt, wird mit Sicherheit eine meiner schwersten sein. Das Thema gibt es vor. Ich bin gespannt und werde an dieser Stelle in den kommenden Tagen berichten.