Bewaffnet zum Wahltag

Es ist eigentlich keine Neuigkeit mehr, dass Amerikaner ihre Schusswaffen lieben. Oft genug schon habe ich an dieser Stelle über das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz geschrieben. Darüber, wie weit verbreitet „Guns“ in den USA sind, darüber, dass der problemlose Zugang zu Knarren eigentlich eine „public health“ Krise ist, eine Gefahr für die Allgemeinheit, aber das hier von einem Teil der Amerikaner ganz anders gesehen wird.

Und nun ist eben wieder Wahl und der Verkauf von Schußwaffen schnellt dramatisch nach oben, so, als ob am 3. November alle Waffenverkäufe gestoppt werden würden. Mit diesem Szenario arbeitet auch die „National Rifle Association“, die NRA, die einflussreichste Waffenlobby im Land, die wie schon 2016 auf Donald Trump setzt.

So wird hier Wahlkampf geführt und all jene, die eh schon etliche Knarren und Tausende Schuss Munition zu Hause haben, glauben diese Mär von den Demokraten, die kommen, um alles einzukassieren. Die Folgen sind vielsagend. Das FBI vermeldet, dass es im Zeitraum von März bis Juli dieses Jahres 93 Prozent mehr „Background Checks“ für Waffenkäufe durchgeführt hat, als im vergleichbaren Zeitraum 2019. In einigen der „Swing States“, jener Staaten, die mal so und mal so wählen und in diesem Wahlkampf hart umkämpft sind, denn sie werden den Ausgang der Wahl am 3. November entscheiden, sind die Waffenverkäufe um 80 (!) Prozent gestiegen.

Das hat sicherlich mit dem Wahlkampf zu tun. Viele Waffennarren glauben tatsächlich, dass die Demokraten ihr vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz abschaffen oder deutlich einschränken werden. Was natürlich nicht stimmt und gar nicht passieren kann, denn dafür wäre eine Verfassungsänderung mit einer Zweidrittelmehrheit notwendig. Und die ist für keine Partei in Sicht. Aber Donald Trump verbreitet dennoch weiterhin dieses Bild, dass Joe Biden anfangen könnte die rund 400 Millionen Schußwaffen im Umlauf zu konfiszieren.

Ein anderer Grund hat auch mit Trump zu tun, der ja vor chaotischen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen warnt, falls der Demokrat Biden die Wahl gewinnen sollte. Ganz offen sagt Trump, dass es dann in den zumeist weißen Vorstädten Amerikas zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen würde. Die Armen, die Schwarzen, die brutalen Gangs der MS-13 würden dann kommen, um den Wohlstand der weißen Familien zu zerstören. Der rassistische Unterton Trumps ist dabei durchaus gewollt. Viele Amerikaner, vor allem eben in der Trump Basis glauben diesen Humbug und wollen sich auf einen drohenden „Race War“, einen Krieg der Rassen, vorbereiten. Die Zahlen des FBIs machen das ganz deutlich. Amerika geht bewaffnet in eine Wahl, deren Ausgang und deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Aber ein Land „under arms“ ist nicht gerade beruhigend im Vorfeld einer Präsidentenwahl, deren Ausgang vom Amtsinhaber schon jetzt angezweifelt wird.

War es das schon für Mister Prahlhans?

Donald Trump hat ein Problem. Ihm laufen die Wähler davon. Oder anders gesagt, nun wird langsam deutlich, dass er eigentlich nie eine Mehrheit der Wähler hinter sich hatte. Wer sich einmal die harten Zahlen in den Vorwahlen ansieht, merkt schnell, dass Trump zwar viele der Abstimmungen deutlich gewonnen hat, aber die allgemeinen Wählerzahlen eine einzige Katastrophe waren. Trump tönte jeweils danach, er sei der einzige Kandidat, der diesen oder jenen Bundesstaat gegen Hillary Clinton gewinnen könne. So führte er sogar nach seinem deutlichen Sieg in New York an, er werde den tiefblauen Staat, mit seiner Heimatstadt NYC, in den Novemberwahlen für die GOP holen. Was er nicht erwähnte, was auch viele Medienvertreter nicht ansprachen, war, dass der zweite im demokratischen Lager, Bernie Sanders, mehr Stimmen in der New Yorker Vorwahl der Demokraten erhielt, als Donald Trump, Ted Cruz und John Kasich zusammen genommen.

Nix mit Nummer Eins. Donald Trump verliert in den Umfragen an Boden. Foto: Reuters.

Nix mit Nummer Eins. Donald Trump verliert in den Umfragen an Boden. Foto: Reuters.

Und nun wird alles noch deutlicher. Der Prahlhans aus dem Big Apple sackt in den Umfragen immer weiter ab. Nicht nur das, gerade in den wichtigen „Swing-States“ deutet sich für den Donald ein Fiasko an. Großmäulig hatte er in den letzten Wochen und Monaten behauptet, er könne jeden Bundesstaat gegen die Über-Demokratin Clinton gewinnen, sogar Kalifornien wäre für Trump drin, so Trump über Trump. Doch nun scheint das Kartenhaus des Milliardärs zusammenzubrechen. „Swing-States“ sind jene Staaten, in denen die Präsidentschaftswahlen entschieden werden, heisst, es gibt viele blaue, also demokratische Staaten, die fest in der Hand der Demokraten sind. Und es gibt rote, also republikanische Staaten, die fest in der Hand der Republikaner sind. Und ein paar Staaten, „Swing-States“, wählen mal so und mal so. Dort wird gekämpft, dort findet die „Wahl“ statt. Doch in all diesen Bundesstaaten liegt derzeit Hillary Clinton weit vor Donald Trump: 51% zu 37% in Florida, 45% zu 41% in Iowa, 48% zu 38% in North Carolina und 45% zu 38% in Virginia.

Hinzu kommen jene Industrie-Staaten, in denen Trump hoffte, mit seiner nationalistischen Kampagne punkten zu können. Auch hier jedoch scheinen die protzigen, extremen und selbstbeweihräuchernden Töne des Donald nicht anzukommen. In Michigan führt Clinton 50% zu 33%, in Ohio 46% zu 37% und in Pennsylvania 49% to 35%. Im Trump Lager schrillen die Alarmglocken auf. Auch der bevorstehende Parteitag, der eigentlich ein Liebesfest für den Kandidaten sein soll, könnte zum Desaster werden. Zum einen haben bereits viele namhafte Republikaner erklärt, nicht nach Cleveland reisen zu wollen, um mit ihrem Fernbleiben deutlich zu machen, dass sie den Kandidaten nicht unterstützen. Zum anderen blicken die Medienvertreter derzeit nur auf eine Frage, wird es auf dem Parteitag zum Eklat zwischen der GOP und dem Kandidaten kommen. Donald Trump sollte sich einem „Reality Check“ unterziehen, mal den Blick weg vom Spiegel wenden und erkennen, dass die meisten Amerikaner nicht bereit sind, einen prahlerischen, selbstverliebten Egomanen zu wählen.