Ein kräftiges Holdrijadideldö aus Wisconsin

Viel wurde schon über die amerikanische “Folk Music” geschrieben. Was dabei aber immer wieder übersehen und überhört wird ist, dass all die Einwanderer, die in die USA kamen, ihre Kultur und Musik mit- und in der neuen Heimat einbrachten. Mit “Alpine Dreaming” erscheint nun eine Doppel-CD auf Archeophone Records, die das kurzlebige US Label “Helvetia Records” vorstellt.

Viel ist nicht bekannt über Ferdinand Ingold, nur soviel, dass er 1860 in Bischofszell im Kanton Thurgau zur Welt kam. Im Alter von 32 Jahren zog er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Bern in die USA. Dort siedelten sich die Ingolds in “Green County” in Wisconsin an, dem “Little Switzerland” in Amerika. Hier hatten Einwanderer aus dem Kanton Glarus “New Glarus” gegründet. Ferdinand Ingold unterhielt in der Kleinstadt Monroe einen Laden, in dem er unter anderem auch erste Schallplatten aus der alten Heimat verkaufte. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte Ingold die Idee für ein eigenes Plattenlabel, eines, mit dem er seine Heimatverbundenheit und seine Kunden gleichermaßen zufrieden stellen konnte: Helvetia Records war geboren.

Der Musikethnologe James Leary stieß zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren auf eine 78er Schellack Platte von Helvetia Records. In einem Plattenladen fand er eine Aufnahme von Otto Rindlisbacher, dem Sohn Schweizer Einwanderer. Learys Neugier war geweckt, von da an suchte er nach weiteren Scheiben des Labels. Im Musik Archiv der University of Wisconsin in Madison, an der er lehrt, konnte er über die Jahre zehn weitere 78er finden. Die Idee für eine Gesamtschau des Labels war geboren. „Man kann eine Mischung aus Jodlern hören, vor allem von Charles Schoenenberger. Aber es gibt auch Akkordeon und Violin Duette und rein männliche und gemischte Quartetts, daneben noch eine Art Operetten Jodler, gesungen von der Schweizer Nachtigall.“

Helvetia Records existierte gerade einmal vier Jahre, von 1920 – 1924, alle Aufnahmen wurden allerdings in den USA eingespielt, meist in New York City, wo es seinerzeit zahlreiche Recordings Studios gab. Zielgruppe waren vor allem die Schweizer in Amerika, die in New Jersey, Ohio und eben Wisconsin lebten, aber Ingold platzierte auch Werbung in Swiss-American Zeitungen, die an der Westküste gelesen wurden. “Alpine Dreaming” stellt nun zum ersten Mal den Gesamtkatalog von Helvetia Records vor, 36 Lieder konnte James Leary für dieses Album finden: „Wir hatten Glück, dass die Besitzer von Archeophone Records so ein gutes Netzwerk zu Sammlern haben. Darüber haben wir noch einige der 78er gefunden, die wir nicht in unserem Archiv hatten. Rich and Meagan vom Label sind dann mit einem Plattenspieler und Computer zu Sammlern nach Tennessee und Wisconsin gefahren, um dort einzelne Lieder zu digitalisieren.“

Begleitet wird die Doppel-CD von einem umfangreichen und reich bebilderten Booklet, in dem die Geschichte des Labels und der einzelnen Musiker erzählt wird. Für den Musikethnologen James Leary, der schon zahlreiche Bücher und Musikprojekte zur Geschichte der Einwanderer im Mittleren Westen veröffentlicht hat, war “Alpine Dreaming” eine Herausforderung. Die Sprache sei nicht leicht gewesen, lacht er. „Zum einen waren die Aufnahmen alt, sie waren gesungen und nicht gesprochen. Zum anderen sind diese Schweizer und diese verschiedenen österreichischen Dialekte keine geschriebene Sprache.“ Herausforderungen, die aber schließlich gemeistert wurden.

Auch wenn Helvetia Records nur vier Jahre existierte und 1924 im Konkurs endete, ist diese Episode und damit diese neue Veröffentlichung ein wichtiges und bislang übersehenes oder vergessenes Klangdokument in der langen Geschichte der Schweizer Einwanderer in den USA.

 

Wieviel kostet das Klopapier?

1850 Dollar und 42 Cent sollte der Flug mit Swiss von Kalifornien über Zürich nach Nürnberg und zurück kosten. Wohlgemerkt Economy oder auch Holzklasse genannt. Dazu muss man natürlich noch einen Sitzplatz reservieren, sonst wird man auf einen Mittelplatz gesetzt, nicht ideal für jemanden der mehr als 120 Pfund wiegt und größer als 1,60 Meter ist. Kurz vor dem Buchen fiel mir dann noch auf, dass da „no baggage allowance“ stand, also kein Koffer erlaubt. Nun bin ich Vielflieger, was mich dann doch etwas wunderte. Also rief ich bei Swiss an.

Über den Wolken muss für die Freiheit bezahlt werden. Foto: Reuters.

Nach etwa 20 Minuten in der Warteschleife meldete sich eine nette Frau mit asiatischem Akzent. Ich schilderte ihr mein Anliegen und fragte, ob da was nicht stimme, denn bei dem Preis müsste doch ein Koffer aufzugeben sein. Nein, meinte die Dame, ich habe ja Klasse S, also den „Spartarif“ gewählt, von daher müsste ich für einen Koffer 60 Dollar extra zahlen. Pro Flug, also insgesamt 120 Dollar. Ich machte die Frau vom Swiss Kundentelefon darauf aufmerksam, dass ich ja seit rund 20 Jahren Kunde der Lufthansa Gruppe sei, dazu gehört auch Swiss, und seit vielen Jahren als „Frequent Flyer“ zwischen den Kontinenten hin und her jette. Eigentlich darf ich ja sogar zwei Koffer mitnehmen. Nein, meinte die Dame erneut, mit dieser Sparpreiskategorie ($1850,42) dürfe ich auch als „Frequent Flyer“ keinen Koffer mitnehmen und müsse für mein aufgegebenes Gepäck zahlen. Auf die Frage, was nun als nächstes kommt, ob ich dann demnächst auch fürs Klopapier zahlen müsse, falls ich über den Wolken mal ein menschliches Bedürfnis hätte, konnte oder wollte sie nichts sagen.

Ich blieb ruhig, sagte der Frau, ich wisse ja, sie könne nichts für die Preisgestaltung, aber es sei doch ein Unding, dass ein so teurer Flug als Spartarif ausgeschildert wird. Und das eben vor dem Hintergrund, dass die Lufthansa Gruppe im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren hat, 12 Prozent mehr als im vorausgegangenen Jahr. Ich verstehe auch durchaus die Preisstaffelung, für Geschäftsreisende auf nationalen Flügen oder auch internationalen macht es oftmals keinen Sinn ein Gepäckstück aufzugeben, von daher sollte diese Möglichkeit durchaus bestehen. Aber für jeden normalen Reisenden, der international unterwegs ist, gehört ein Koffer doch dazu. Früher durfte man zwei Koffer a 32 Kg mit sich führen, dann wurde das auf 2 Koffer a 23 Kg verringert. Heute ist es nur noch ein Koffer a 23 Kg und man muss für die Platzreservierung zahlen. Die Frage ist also, was kommt als nächstes? Öh Ha, die Antwort ist also, man muss für jedes Gepäckstück zahlen. Kundenservice sieht dennoch anders aus….schade, schade Ihr Lufthanseaten…

Die wundersame Welt der Mona Caron

      Mona Caron

Die Schweizer Künstlerin Mona Caron coloriert die Städte.

San Francisco ist eine bunte Stadt, und das liegt nicht nur an dem erdigen Orangeton der Golden Gate Bridge oder der allseits präsenten Regenbogenfahne. Künstler, viele davon aus dem deutschsprachigen Raum, hat es seit jeher in die nordkalifornische Metropole gezogen. Das milde Klima, die kreative Atmosphäre, das gewachsene Mäzenatentum sind einzigartig. Unter den vielen die kamen und blieben ist auch eine Schweizer Künstlerin, die den öffentlichen Raum für ihre Kunstwerke nutzt. Und von San Francisco aus eine Weltkarriere gestartet hat.

An der Ecke Church und 14th Street in San Francisco, an der Außenmauer eines Corner Stores, findet man ein etwa zehn Meter mal drei Meter großes Mural, ein Wandbild. Gemalt von der Schweizer Künstlerin Mona Caron, die seit 1996 in San Francisco lebt und arbeitet. Dieses Mural ist eines von 12 in der nordkalifornischen Metropole, das die aus Lugano stammende Malerin fertiggestellt hat. Passanten laufen an dem Bild vorbei, ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm schaut genauer hin, deutet auf Personen und Einzelheiten im Bild. Hier treffe ich Mona Caron. Wir schlendern in eine Seitenstraße und setzen uns an diesem sonnigen Tag in San Francisco auf die Stufen eines viktorianischen Gebäudes. „Das Wandbild ist eine einzige Vogelperspektive von der Market Street in San Francisco. Es ist eine Art verschiedene Momente der Geschichte zu vergleichen, wie die Leute so den öffentlichen Raum gebraucht haben und wie sich das wahnsinnig geändert hat.“

Dieses Wandbild ist eines der frühen von Mona Caron. Damals als sie nach einem Studium an der Academy of Art in San Francisco hängenblieb, hier ein relativ günstiges Zimmer fand und einfach eintauchte in die kreative Schaffenswelt der “City by the Bay”. Sie nahm sich die Zeit, manchmal mehrere Monate, sprach mit Anwohnern über das, was in dem Quartier wichtig ist und verarbeitete all das in den riesigen Murals. Doch das ist lange her. Bekannt ist sie nun geworden – und das weltweit – durch ihre riesigen Wandbilder, die Unkräuter darstellen, die in den kleinsten Betonritzen wachsen. Mona Caron spricht von einer Metapher. Unkraut vergeht nicht. Und so sei es auch in einer Stadt wie San Francisco, in der die Gentrifizierung unbarmherzig voranschreitet. „Ich fing an diese Pflanzen zu malen, Zentimeter um Zentimeter, und davon habe ich Trickfilme, also Stop-Motion-Animation gemacht, wie sie da wachsen. Und das in einem visuellen Kontext, wo die plötzlich größer sind als die Stadt selbst, darum waren die Dächer perfekt, weil ich diese Pflanzen zeigen wollte, die Rückeroberung…das wollte ich illustrieren. Dann habe ich so einen kleinen Trickfilm auf youtube gestellt und ich hatte genau 17 followers, aber irgendwie ist das raus und ich weiss nicht, wer das gesehen hat, aber es ging durchs Internet und plötzlich habe ich aus der ganzen Welt Nachrichten von Leuten bekommen, die sagen, ich weiss genau wovon du sprichst.“

Sogar aus dem Kriegsgebiet im Irak erhielt sie Post. Auf ihrer Instagram Seite und auf youtube hat Mona Caron viele Bilder und Videos veröffentlicht, die ihre Kunstwerke und sie bei der Arbeit zeigen. Mittlerweile ist sie international gefragt, war u.a. in Mexiko, Brasilien, Taiwan, um grauen Beton in den Innenstädten unter ihren farbenfrohen Wandbildern verschwinden zu lassen. Und am Anfang, wenn sie vor der leeren Wand steht hat sie noch immer Bauchschmerzen. „Ich denke mir, das werde ich nie fertig bringen. Früher hatte ich manchmal Monate an einer Wand. Was wirklich wahnsinnig ist, ist, dass heutzutage sind nicht nur die Wände sehr groß, sondern man sagt, gut, du hast so 15 Tage…(lacht)…danke vielmals…ja Scheisse, was mach ich da.“

Aufhören kann und will sie dennoch nicht, die Wände ziehen sie weiter an. Ihre Unkräuter wachsen also auf grauem Beton weiter und nehmen sich den Platz zum Wuchern.

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Pröschtli Switzerland in San Francisco

Wer als Besucher nach San Francisco kommt, sieht selten die zahlreichen diplomatischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vertretungen vieler Länder in der Stadt. Sie haben meist ihre Büros auf irgendeiner Etage in Downtown oder ihre Konsulate in Nachbarschaften, in die kein Tourist kommt.

Eine bessere Location gibt es wohl kaum in San Francisco. Foto: swisspier.org.

Eine bessere Location findet man wohl kaum in San Francisco. Foto: swisspier.org.

Das ist nun anders. Die Schweiz zeigt Flagge und klotzt direkt am Embarcadero in San Francisco. Nachbar ist das Wissenschafts- und Mitmachmuseum Exploratorium, ein beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen gleichermaßen. Wer als Besucher vom Ferry-Building, am Ende der Market Street, Richtung Fisherman’s Wharf spaziert, kommt direkt an der neuen Schweizer Vertretung in San Francisco vorbei. Über dem Eingang am Pier 17 weht nun das weiße Kreuz auf rotem Untergrund.

Bislang waren die verschiedenen Einrichtungen der Schweiz über das Stadtgebiet verteilt, darunter das Generalkonsulat, Swissnex und eine Wirtschaftsvertretung. Das hat sich nun mit dem Einzug in Pier 17 geändert. Büros, die Visastelle und ein Veranstaltungsort in einem soll es sein. Die Räume sind hell und offen, immer findet man hier Kunstprojekte aus der Schweiz. Und dann ist da der einmalige Blick auf die San Francisco Bay, Treasure Island/Buena Vista Island und die Bay Bridge.

Ein Schluck Franken an der Westküste.

Gestern nun wurde Pier 17 feierlich eröffnet, am Wochenende stehen noch Workshops, Konzerte und eine Party an. Bürgermeister Ed Lee sprach am Abend von einer engen Beziehung zwischen San Francisco und der Schweiz, Zürich ist die Partnerstast der „City by the Bay“.

Was aus Nürnberger Sicht interessant war, war das Bier, das am Abend ausgeschenkt wurde. Die kleine Brauerei „Fort Point“ aus San Francisco hatte da eine Sorte, die sie „Westfalia“ nannten. Und dieses „Red Ale“ war „Nuremberg inspired“. Klar, ich mußte es probieren und es ist richtig gut. Auf der Webseite der Brauerei wird die Namensgebung so erklärt: „Inspired by a trip to Nuremberg, Germany, Westfalia imports an exemplary red ale to audiences closer to home.“ Na dann,  Pröschtli, Switzerland!

In der Schweiz laufen die Uhren anders

Ich weiß, nun werden einige sagen „First World Problems“. Aber mal ehrlich, wenn man um fünf Uhr morgens von einem Kundenservicemitarbeiter einer großen Schweizer Airline geweckt wird, dann wird man etwas pickelig.

Doch fangen wir von vorne an. Im Januar habe ich ein Ticket nach Deutschland gebucht, SFO – ZRH – NUE – ZRH – SFO. Billig gibt es nicht mehr, also zahle ich dafür sogar außerhalb der Hochsaison 1500 Dollar. Nutzt ja nichts, meine Familie lebt noch immer in der Frankenmetropole. Dummerweise hatte ich die Vorstellung, auf dem Hinflug mit Meilen ein Upgrade zu beantragen. Ich schrieb also eine Mail an die bestimmte Schweizer Fluggesellschaft. Die Antwort kam prompt, man könne aufgrund von Überlastung nicht sofort antworten, „in Kürze“ werde sich jemand meines Anliegens annehmen.

Über den Wolken ist alles gut. Am Boden haben sie keinen Plan.

Über den Wolken kann es nur besser werden.

Kein Problem, dachte ich mir. Nach vier Wochen schrieb ich die Airline erneut an und fragte, ob die Uhren in der Schweiz anders liefen, denn wo ich herkomme und wo ich lebe bedeutet „In Kürze“ einen schnelleren Zeitrahmen als vier Wochen. Ein paar Tage später erhielt ich eine Antwort, ich solle doch mal anrufen, man habe mich telefonisch (eine Stunde vorher) nicht erreicht. Gesagt getan, bimmel, bimmel, Warteschleife. Da hörte ich, dass ja nun Herbst (!) sei und man als Fluggast doch den Winter in schönen Schweizer Gegenden verbringen sollte. Die Uhren scheinen in der Schweiz wirklich anders zu ticken.

Dann nahm ein Servicemitarbeiter meinen Anruf an und hatte keinen Plan von dem, was ich eigentlich wollte. Ich sagte noch freundlich „Good bye“ und legte auf. Heute morgen dann um 5 Uhr klingelt das Telefon. „Hello, this is your Airline calling“. Ganz ehrlich,  um 5 Uhr bin ich nicht so gesprächig und fragte nur nach, ob er wisse, wieviel Uhr es hier sei? Aufgelegt.

Wieder im Bett lag ich wach, wälz, wälz. Im Kopf formulierte ich schon eine Mail an die Fluggesellschaft, darüber schlief ich ein. Doch diese nicht gerade freundlichen Vibes kamen anscheinend in der Kundenservicezentrale der Schweizer Airline an, denn um 5:50 Uhr klingelte erneut das Telefon. „Hello?“. „Is this is a good time to talk?“ Kein Witz, die Schweizer waren wieder am Telefon. Na, Grüezi! Damit war meine Nacht gelaufen.

In der anschließenden Email bat ich darum, dass man doch auf die Liste der absoluten Tabus im Kontakt mit Kunden setzen sollte, dass man sie nicht um 5 Uhr morgens rausklingelt und es 50 Minuten später erneut versucht. Und ich regte an, dass man den Mitarbeitern in der Telefonzentrale die Grundkenntnisse der Geographie nahebringen solle, denn wenn es beim Anrufer draußen hell ist, heißt das noch nicht, dass es beim Angerufenen draußen auch hell ist. Die Erde ist keine Scheibe, wo hier die Sonne scheint, ist es dort noch tiefste Nacht. Ich weiß, alle Airlines wollen sparen, aber die Investition in Zeittafeln für Kundenberater wäre keine schlechte Idee. Gerade für eine Schweizer Fluggesellschaft.

 

California here I come

Ich hab‘ Rücken. Dazu gab es noch Ebola Warnung. Jeder, dem ich von einem Magen-Darm-Virus erzählte, gepaart mit der Tatsache, dass ich in Afrika war, ging gleich mal zwei Schritte rückwärts. Auch wenn es im Tschad kein Ebola gibt, auch wenn sogar der Ansprechpartner am „Kompetenzzentrum“ in München, das ich auf ärztliches Anraten kontaktierte, mich gleich unterbrach und sagte „Sie haben kein Ebola“. Afrika und Durchfall heißt in diesen Tagen Ebola. Punkt.

Auf dem Weg nach Kalifornien.Mit Swiss Air ging es zurück ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Viele Möglichkeiten hat man jedoch nicht auf dem Flug, man ist für 12 Stunden quasi an den Sitz gefesselt. Wenn der Vordermann die Rückenlehne zurück setzt, stößt man sich den Kopf. Meine Rückenlehne ging zurück und hinter mir war eine ältere Frau mit Blasenschwäche, die ständig monierte, ich solle die Lehne vor machen, da sie auf die Toilette müsse und so nicht von ihrem Platz kommt. Ein vor und zurück also über den Wolken. Film schauen ging auch nicht so richtig, denn zum einen hat man den Monitor quasi an der Nasenspitze hängen, zum anderen ist auch bei der Lufthansatochter Swiss der Sparwahn ausgebrochen und Filme werden nicht mehr so oft ausgetauscht. Ich hatte das, was ich interessant fand, schon auf dem Hinweg vor vier Wochen gesehen.

Der Platz im Flieger wird enger und enger. Der Beinraum wird noch durch eine metallene Box beschnitten, die einfach unter den Sitz des Vordermanns geschraubt wurde. Auch schön. Egal wie man sich auch setzt und dreht, 12 Stunden hält man es in diesen dünnen Sitzen nicht aus. Also, der Urlaub oder die Reise fängt mit Sicherheit nicht mehr am Flughafen an. Wer das dennoch behauptet, hat entweder kein Gefühl im Gesäß, ist auf Drogen, Fesselungsfetischist oder gehört zur körperlich kleineren Bevölkerungsgruppe.

Das Fliegen, ich rede hier ausdrücklich nur von der „Economy Class“, ist zu einer Tortur geworden. Und zwar, wenn man größer als 1,65 Meter ist und mehr als 65 Kilogramm wiegt. Da haben wir wohl auch wieder das alte Problem. Anscheinend werden nun auch die Flugzeuge, oder zumindest Teile der Innenausstattung, in China produziert. Die nehmen dann die chinesischen Normalgrößen als Grundlage für ihre Bemessungen. Ist genauso, wie wenn ich mir ein XL T-Shirt „Made in China“ kaufe, das spannt dann etwas im Arm-, Schulter- und Brustbereich und ist bauchnabelfrei. Sehr attraktiv. Und im Flugzeug ist es eben auch so, die Sitze sind nicht mehr für Ottonormalverbraucher sondern für Dengchongping ausgelegt. Selbst wenn ich mit angelegten Ellenbogen das Essen vor mir verzehre, stoße ich dem Nachbarn in die Seite. Auf dem Weg zur Bordtoilette kann ich nur noch seitlich gehen, so eng ist der Gang geworden. Die Toilettenräume sind für Häftlinge in San Quentin ausgelegt, die jahrelanges Training in der Unterbringung auf engstem Raum haben. Und sicherlich ist das alles EU Norm und vom Gesetzgeber abgenickt. Ich weiß, ich weiß. Und klar, billig ist das alles nicht mehr. Heute zahle ich dreimal so viel für einen Flug SFO – NUE, wie noch vor zehn Jahren. Aber irgendwie muß ja die Pilotenrente ab 55 bezahlt werden. Über den Wolken, ist von einer grenzenlosen Freiheit nichts mehr zu spüren.

Über den Wolken…

… ist die Freiheit schon lange nicht mehr grenzenlos. Fangen wir mal mit den Sitzen an. In der Economy Class wohlgemerkt, nicht in der First oder Business Class. Da ist die Welt noch in Ordnung. Wer größer als 1,70 Meter ist, hat in der Touristen- oder „Holzklasse“ die Minuskarte gezogen, auch wenn man eine Vielfliegerkarte bei einer der großen deutschen Airlines hat. Die Knie stoßen an den Vordersitz und das bereits, wenn der Vordermann noch nicht einmal die Rückenlehne zurück gestellt hat und einem dann quasi auf dem Schoß liegt. Bei der Schweizer Partner Airline, einst das Flaggschiff und der ganze Stolz der helvetischen Nation, sind im Fußbereich darüberhinaus noch metallene Kästen angebracht, die den sowieso engen Fußraum noch weiter einschränken.

Die Kranich Airline hat gefühltermaßen noch ein paar Sitzreihen in die Economy Class eingefügt. Zentimeterarbeit war das, dabei hat man sich nach der Durchschnittsgröße eines chinesischen Bauern orientiert oder eines indischen Yogi, der problemlos seine Beine falten kann und das stundenlang durchhält. Diese Neuausrichtung der deutschen Fluggesellschaft ist nicht verwunderlich, denn der asiatische Markt ist, wie weitläufig bekannt, der Zukunftsmarkt. Auf Transatlantikflügen, auf denen mehr hochgewachsene Deutsche, Schweizer und auch Amerikaner reisen, wird man schon mit 1,83 Meter zu einem Hünen.

Die Flüge sind überbucht, die Zeiten des freien Sitzplatzes neben einem sind schon lange vergangen. Und das ist nun kein Vorwurf, die Airlines sind ja im Geschäft, um Passagiere zu befördern. Doch Spaß am Fliegen hat man schon lange nicht mehr. Ein 11 Stunden Flug wird zur Gruselreise. Der Platz schwindet, der Service ist deutlich schlechter geworden und selbst als Vielflieger fühlt man sich immer mehr verarscht. Hier ein Beispiel: Mein letztes Ticket von SFO nach NUE kostete 1233 Dollar, ein stolzer Preis für die Economy Class. Doch das ist die unterste Preis- und damit Servicekategorie. Das heisst, auf dem Langstreckenflug sammelt man gerade mal 25% der möglichen Meilen, sprich in etwa so 1200 Meilen. Wenn man als Vielflieger auch noch eine Kreditkarte mit dem Unternehmenslogo führt, bekommt man immer wieder Angebote bei diversen Geschäften und Unternehmen. Avis schreibt einem 500 Meilen für jede Anmietung gut. Im Dezember kaufte ich in der Nürnberger Innenstadt etwas für rund 100 Euro, dafür wurden mir 3000 Meilen „geschenkt“. Die Frage ist nun, was ist eigentlich der Sinn einer Fluggesellschaft? Passagiere durch die Luft zu befördern oder Dinge zu verkaufen? Ach ja, wenn man in dieser „Billigklasse“ fliegt und nur 25% der Meilen sammelt, dann ist natürlich auch ein „Upgrade“ ausgeschlossen. Kann ja wohl auch nicht sein, dass man als geiziger Schmarotzer auch noch sein übervolles Meilenkonto leeren will.

Wer sich beschwert, der wird einfach ignoriert. Nach drei Anschreiben kam dann mal eine Antwort. Unbefriedigend für mich, aber das war ja nicht überraschend. Das Fliegen ist schon lange kein grenzenloser Spaß mehr. Jede Fluggesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren dem Preisdruck angepaßt, das steht außer Frage und ist auch verständlich. Allerdings sollten Airlines durchaus erkennen, dass der Großteil der Kunden nicht nur First und Business Klasse fliegt. Kundenservice sollte für alle Passagiere gelten und ein Langstreckenflug ist nun einmal so lang wie er ist. Nicht 25 Prozent so lang, wäre zwar schön, aber ist eben nicht so.