„How are you?“ „Fine, how are you?“

Am Nachmittag hatte ich heute frei. Mal was anderes auf so einer Reise. Meist ist das Programm sehr dicht gefasst, soll es ja auch. Ich will möglichst viel in der kurzen Zeit sehen, erleben, erfahren. Doch manchmal tun solche kurzen Auszeiten sehr gut. Die Geschichten, die ich am Morgen so hörte gingen mir schon sehr nahe. Unvorstellbar.

Statt KFC gibt es PFC in Hargeisa.

Statt KFC gibt es PFC in Hargeisa.

Zurück im Hotel machte ich mich auf den Weg, ein Spaziergang durch Hargeisa, einer Stadt, die so gar nicht für Fußgänger ausgelegt ist und doch laufen hier viele. Bürgersteige gibt es keine, Autos und Kleinbusse fahren, ja, rasen ungebremst auf einen zu. Bei einer Straßenüberquerung fühlt man sich wie im Spiel „Frogger“, mal vor, mal zurück, mal seitlich und dann ganz schnell rüber. Ziegen kauen auf Stöckchen, Gräsern und Pappe herum, ein Hupkonzert ohne Ende, lethargische Hunde unter abgestellten Lastern und immer mal wieder der Ruf „How are you?“. „Fine, how are you?“.

Hargeisa ist heiß, trocken, staubig. Als Weißer fällt man auf, egal, wie man das nun drehen will, ich war der einzige, der hier schwitzend durch die Gegend lief. Sowieso sind hier, anders als in vielen anderen afrikanischen Hauptstädten, kaum Europäer oder Amerikaner im Stadtbild zu sehen. Sie sind da, ja, Hilfsorganisationen, Geheimdienste, Fachleute, aber begegnen tut man ihnen so gut wie gar nicht, nur am Flughafen, bei der Ein- und Ausreise. Selbst im Hotel ist das so.

Meine neuen "Freunde" aus Hargeisa, zumindest sind sie es jetzt auf facebook.

Meine neuen „Freunde“ aus Hargeisa, zumindest sind sie es jetzt auf facebook.

Ich lief durch die Straßen, Hauptstraße runter, in die Seitenstraßen, schaute mich um. Alles ist anders hier. Wer Geld hat, baut sich ein pompöses Haus mit einer hohen Mauer drumherum, obendrauf Stacheldraht oder Glasscherben. Vor einer Moschee setzte ich mich hin und sah mir die Leute im Vorbeigehen an. Klar, ich fiel auf. Einige blieben stehen und glotzten, andere meinten wieder „How are you?“. „Fine, how are you?“. In einem Straßencafe trank ich eine Cola und kaum hatte ich den ersten kühlen Schluck der amerikanischen Brause durch die trockene Kehle laufen lassen, fragte mich schon ein junger Mann neben mir, woher ich denn komme. Wir plauderten etwas, anfangs darüber, wie mir Hargeisa gefalle, dann erzählte er, er sei arbeitslos, finde keinen Job. Schon zweimal habe er sich auf die Reise gemacht, „Tahreeb“ heißt das hier, die Reise mit Risiko. Darüber hatte ich im November ausführlich berichtet. Er wollte nach Europa. Einmal kam er bis Äthiopien, das zweite Mal bis nach Libyen. Nun ist er wieder hier, würde aber gerne wieder aufbrechen ins gelobte Land, da hinter dem großen Wasser.

Das Ding sah gefährlich aus.

Das Ding sah gefährlich aus.

Zurück im Hotel schaute ich mir mal den Fitnessbereich an, der in einem Flachbau am Rande des Geländes untergebracht war. Ein paar Geräte konnte ich beim besten Willen nicht einordnen (siehe Bild). Aber sie hatten auch Gewichte, das erfüllte den Zweck, den Kopf leer zu kriegen. Auf dem Weg zurück ins Hotel setzte ich mich in den Garten, um etwas auszudampfen, als vier junge Männer auf mich zukamen, ein Gespräch anfingen. „How are you?“. „Fine, how are you?“. Sie fragten, woher ich käme, was ich hier mache. Ich solle ihnen doch was von Deutschland erzählen. Ist es schwer an ein Stipendium zu kommen? „Ja“, meinte ich. „Alleine schon aus dem einen Grund, weil kein Land der Welt den Reisepass von Somaliland anerkennt“. Doch das kratzte sie so gar nicht. Sie spassten rum, unterhielten sich weiter und dann wollten sie Fotos machen. Ein seltsamer Anblick, ich, der verschwitzte Deutsche in kurzen Hosen, und neben mir sehnige, fein gekleidete, junge Männer. Und sie schauten fast alle sehr ernst in die Kamera.

Nach der Dusche wollte ich mich wieder in den Garten setzen, um endlich ein paar Mails durchzusehen. Kaum saß ich, kam ein junger Mann auf mich zu „How are you?“. „Fine, how are you?“. Er stellte sich vor und begann zu erzählen. Er sei als Lehrer ausgebildet, spreche sehr gut Englisch und versuche nun mit ein paar Freunden ein „Business“ zu eröffnen. Was genau, das konnte ich auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht rausfinden. Der Begriff war mir einfach unbekannt. Auch er erzählte, er sei ohne Job, würde gerne eine Übersetzerstelle annehmen. „Can you help me?“. Puh, wie soll ich helfen, mein Freund? Die Jugendarbeitslosigkeit ist riesig in Somaliland und auch in Rest-Somalia. Das führt dazu, dass viele einfach nur weg wollen. „Tahreeb“, die Reise mit Risiko. Europa hat Flüchtlingsdeals abgeschlossen, doch die wurden ohne die vielen, vielen jungen Leute gemacht, die in Ländern wie Somaliland nur darauf warten aufzubrechen. Es ist nicht eine Frage ob, sondern eine Frage wann sie sich auf den langen Weg Richtung Norden machen. Hier, vor Ort, muß geholfen, investiert werden. Ein Anfang wäre wohl die Anerkennung der unabhängigen Republik Somaliland. Doch Berlin und Brüssel verstecken sich da nur wieder im bürokratischen Schatten. Lieber ein fragwürdiger Deal mit einem Despoten am Bosporus, als die Fluchtgründe an der Wurzel anzupacken.