9/11 – America under attack

Jeder weiß genau, wo er am 11. September 2001 war, als er die Nachrichten aus New York und Washington hörte. Vier vollbesetzte Flugzeuge wurden von Terroristen als Waffen in ihrem wahnsinnigen Kampf eingesetzt. Danach veränderte sich die Welt….und Amerika. Seit 15 Jahren lebe ich hier in diesem Land, kenne es vor 9/11 und danach. Vieles ist anders geworden. Terrorstufenalarm, zwei Kriege, viele Fronten. Sicher fühlt man sich deshalb nicht. Warum auch, wenn einem ständig erzählt wird, die Terroristen könnten jederzeit und überall erneut zuschlagen.

Hier ein Audiobericht zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge:

Zehn Jahre nach 9/11     

9/11 – 10 Jahre danach

Osama bin Laden ist tot. Das war das Ziel von Präsident George W. Bush, der in den Ruinen des World Trade Centers schwor, den Oberterroristen zu jagen und zu fangen. „Dead or Alive“, wie man so schön im Wilden Westen sagt, fügte Bush hinzu. Osama ist tot, doch so richtig will die Partystimmung nicht aufkommen. Nichts ist mit Friede, Freude, Eierkuchen in Washington DC.

Warum auch? Das Terrornetzwerk Al-Qaida hat den Krieg gegen die USA gewonnen, und das auf ganzer Flur. Zwar reden die USA noch immer von militärischen Gewinnen gegen die Taliban und gegen Al-Qaida im Irak, in Afghanistan und in Pakistan, doch schon lange ist klar, Amerika hat den „War on Terror“ verloren. Das ist seit dieser Woche nicht mehr zu übersehen. Mit dem Schlachtruf von George W. Bush und den Kriegen im Irak und Afghanistan, dem militärischen Einsatz in Pakistan haben sich die USA selbst an die Wand drücken lassen. Ein kleiner Gegner hat den Riesen Amerika ausgeknockt. Die USA sind pleite, ihre Kreditwürdigkeit in Frage gestellt. Die Kriege haben die amerikanischen Steuerzahler in den letzten zehn Jahren rund vier Billionen Dollar gekostet plus Zinsen und Zinses-Zinsen, denn das Geld wurde auf Pump verballert. Diese Zahl hat das Eisenhower Research Project an der Brown University zusammengerechnet. Darin enthalten sind die direkten Kosten der Militäreinsätze, aber auch die Versorgung von verletzten und verwundeten Soldaten und die Langzeitpflege von kriegsgeschädigten Veteranen.

Doch diese gewaltige Zahl von vier Billionen Dollar beinhaltet noch nicht einmal alle Kosten verbunden mit dem „War on Terror“. Seit dem 11. September 2001 drehen die USA am Rad. Die Terroranschläge sind zu einem Totschlagargument geworden, mit dem in Amerika alles verändert werden konnte und kann. Die Bürgerrechte wurden eingeschränkt, Kommunen und Bundesstaaten sparten hier, um öffentliche Gelder da in die „Sicherheit“ der Bürger zu investieren. Die Vereinigten Staaten bröckeln und das sprichwörtlich. Die gesamte Infrastruktur in den USA leidet unter dem Mangel an finanziellen Mitteln, die woanders gegen einen vermeintlichen Gegner eingesetzt werden. Die Straßenverhältnisse in Kalifornien sind katastrophal, öffentliche Parks werden geschlossen, Büchereien dicht gemacht, in den Schulen und an Universitäten wird auf Sparflamme unterrichtet.

Und dann ist da noch der moralische Sieg der Terroristen. Nicht die Täter der verheerenden Anschläge vom 11. September 2001 leben in Angst und Schrecken, es sind die Amerikaner, die seit zehn Jahren hinter jedem Busch einen Attentäter vermuten. An Flughäfen wird man als normaler Passagier wie ein potenzieller Bombenbastler behandelt. Alte, Gebrechliche, Schwerbehinderte, Kleinkinder werden abgetastet, als würden sie zum heiligen Krieg aufrufen. Moslems in den USA erleben seit zehn Jahren einen täglichen Spießrutenlauf. Wer von ihnen in einem Flughafen ein Gebet für eine sichere Reise spricht, läuft Gefahr verhaftet zu werden und einen Großalarm auszulösen. „We are at war“, eine Nation im Krieg. Damit wird alles erklärt, alles entschuldigt, jedes Argument gegen die offizielle Linie der Regierung vom Tisch gewischt. Sogar die Forderung, dass Präsident Barack Obama endlich seine Wahlversprechen einlösen soll, wie zum Beispiel die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo Bay und anderer geheimer CIA Gefängnisse, wird mit dem Totschlagargument beiseite geschoben.

Auch außenpolitisch haben sich die USA mit der Bush-Doktrin geschadet. Amerika hat den Status einer Supermacht verloren, ist nicht mehr der Kämpfer für Frieden, Freiheit und Demokratie. Die USA stehen heute für Kalkül, militärische Macht und draufhauen mit aller Gewalt. Seit dem Beginn des „War on Terror“ sind, so das Eisenhower Research Project der Brown University, 225.000 Menschen durch den Krieg gestorben. Soldaten, ihre Gegner und Zivilisten. Auch diese Kosten wurden nicht berechnet, können nicht berechnet werden. Wie errechnet man Trauer für unschuldige Opfer, wie errechnet man Hass gegen die USA, wie errechnet man Rachegefühle gegen ein Land?

Die USA haben ihren „War on Terror“ verloren. Mit Saddam Hussein und Osama bin Laden sind ein paar bekannte Köpfe gerollt, doch von einer Befriedung der Regionen, von einer Befreiung, von einer Demokratisierung kann nicht die Rede sein. Und nun auch noch das, Amerika ist pleite. Wer jetzt noch von „Mission accomplished“ spricht, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, träumt weiter von „God’s country“, von „the mighty, the greatest nation in the world“.

 

 

„We are all Americans…“

National_Park_Service_9_11_Statue_of_Liberty_and_WTC_fire.jpg„We are all Americans…“ An diese Worte erinnere ich mich noch gut. Der 11. September ist so ein Tag, an dem jeder weiss, wo er war und was er machte, als die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers rasten, ein Jet das Pentagon traf und ein weiterer in Pennsylvania abstürzte.

Ich lag im Bett und schlief als mich Antenne Thüringen gegen 6 Uhr morgens meiner Zeit aus dem Bett klingelte. „Was ist denn da bei Euch los“, fragte mich der Redakteur. „Wie jetzt, keine Ahnung, ich habe noch geschlafen“. „Na, mach mal den Fernseher an“.

Die Bilder trafen. Nie werde ich den Einschlag des zweiten Fliegers vergessen. Ich ging nach oben und weckte meine Bekannte, die zu Besuch war, selbst eine Journalistin. Ich sehe sie noch heute in der Küche sitzen. Mit ihrem weissen Bademantel. Stundelang starrte sie auf die Mattscheibe und konnte es, wie wir alle, nicht fassen.

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„We are all Americans…“ hörte man an diesem und den folgenden Tagen immer wieder. Sogar Freunde in Deutschland, die ablehnend den USA gegenüber standen, riefen mich an und sagten diese Worte, baten mich den Amerikanern, die ich kenne, genau das mitzuteilen „we are all Americans“.

Amerika hat sich in den vergangenen sieben Jahren verändert. Alles ist anders geworden. Mit Angst wurde und wird Politik gemacht. Das Misstrauen ist gewachsen. Wann und wo wird der nächste Anschlag stattfinden? Sogar die Menschen in der Mitte von Nirgendwo haben Angst vor einem terroristischen Anschlag. Amerika hat für mich an diesem 11. September 2001 seine Seele verloren. Das, woran Generationen von Menschen geglaubt, für das sie vieles aufgegeben, für das sie gekämpft haben, für das sie auch gestorben sind.

Die Frage muss erlaubt sein, was wohl aus einem Präsidenten Bush geworden wäre, wenn die Terroranschläge nicht passiert wären? Hätte Amerika einen anderen Weg eingeschlagen, nicht einen, der sie international isolierte? Wie wären die zig Milliarden Dollar, die im Irakkrieg verpulvert wurden im Inland eingesetzt worden? Hätte der Texaner 2004 eine zweite Amtszeit zugesprochen bekommen, wenn er nicht den gesamten Wahlkampf auf die Angst vieler Bürger aufgebaut hätte?

Hätte, hätte, hätte….sieben Jahre liegen nun hinter uns. Sieben Jahre, in denen ich als Deutscher in Amerika die Politik der Bundesregierung verteidigen musste, nicht an der Seite der USA in den Irak einzumarschieren. Sieben Jahre, in denen mir gesagt wurde, ich solle doch dahin gehen, woher ich gekommen bin? Sieben Jahre, in denen ich hören musste, dass wir Deutschen undankbar seien und anscheinend nicht wüssten, wie es wäre, wenn man angegriffen wird?

Aber ich habe auch die andere Seite gehört. Menschen, die die Haltung Deutschlands und der Deutschen gut fanden. Die sich daran erinnerten, dass Hunderttausende Deutsche nach den Anschlägen auf die Strassen gingen und so ihre Solidarität mit den Amerikanern ausdrückten. Die die Haltung Deutschlands begrüssten, nicht in einen widersinnigen Krieg zu ziehen.

Amerika wurde mit den Terroranschlägen des 11.9. gespalten, nie war der Graben zwischen den politischen Lagern tiefer und unüberbrückbarer. Das Schwarz-Weiss Denken nahm Einzug in die Politik. Man ist für Amerika und seinen Präsidenten oder dagegen. Wer den Präsidenten in Kriegszeiten kritisiert ist unpatriotisch und spielt dem Feind zu. Die politische Auseinandersetzung wurde zur Hexenjagd, die Produzenten von amerikanischen Flaggen und Anstecknadeln (made in china) erfreuten sich an riesigen Gewinnen.

Und sogar im aktuellen Wahlkampf wurde der Demokrat Barack Obama öffentlich gemassregelt, warum er keine Anstecknadel der amerikanischen Fahne trage. „Ist Obama unpatriotisch?“ fragte eine Schlagzeile. Seitdem trägt der Demokrat die Flagge. Und wir?

An diesem 11.9. werden wir alle ein bisschen zu Amerikanern. In der Trauer und dem Gedenken an die Opfer und an das, was wir verloren haben, finden wir zusammen.

9/11