Texas ändert seine Waffengesetze

22 Menschen starben bei einem Amoklauf in einem Walmart im texanischen El Paso, zwei Dutzend weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Wenige Stunden danach erschütterte eine weitere Massenschiesserei in Dayton, Ohio, die Nation. Seit dem Wochenende gibt es erneut eine zum Teil heftige und intensive Diskussion, ob die Waffengesetze in den USA verschärft werden müssen. Präsident Donald Trump macht klar, dass es bei dieser Krise um die Früherkennung von „Geisteskranken“ geht, denn nicht die Waffe als solche drückt den Abzug, sondern „mentally unstable persons“.

In bed with the NRA. Foto: Reuters.

In Texas werden nun ab September neue Waffengesetze kommen. Aber nicht solche, die man nach solch einer Tat erwarten könnte. Nein, das texanische Parlament mit seiner republikanischen Mehrheit verabschiedete schon im Frühjahr Gesetze, die nun dennoch umgesetzt werden. Darin wird zum Beispiel festgelegt, dass kein Vermieter einem Mieter kündigen kann, wenn dieser Waffen in seiner Wohnung hat. Auch ist es fortan Waffenbesitzern erlaubt, ihre Knarren in ihrem geparkten Auto auf einem Schulgelände bei sich zu haben und sie dürfen ab September auch ein Schießeisen mit in einen Gottesdienst bringen. Texaner sollen also immer bereit sein, ganz nach dem Motto der NRA: only a good guy with a gun can stop a bad guy with a gun.

Umdenken ist nicht angesagt in Texas. Das Tragen und das Mitführen der Waffe im Alltag ist, so die Abgeordneten, auch ein Teil des vermeintlichen Grundrechts auf Waffenbesitz in den USA. Die paar Toten und Verletzten in El Paso sind da nur „collateral damage“, das nicht vom eigentlichen Thema ablenken sollte, dass jeder Amerikaner eine Wumme erwerben und besitzen darf. So steht es in der Verfassung, so zumindest legen es die texanischen Republikaner aus, die offensichtlich im Dienst der „National Rifle Association“ stehen.

Es ist verrückt, was in den USA passiert. Amokläufe, nahezu 300 Massenschiessereien allein in diesem Jahr, Tausende von Opfern durch Schusswaffen lassen kein Umdenken zu. Der Präsident spricht von Geisteskranken, von der Gefahr aus dem Internet und von Videospielen und übersieht schlichtweg das, was nur allzu offensichtlich ist: der leichte Zugang zu Schußwaffen. Dass sich daran nichts ändern wird, zeigt auch, dass sich Trump in den letzten Tagen mit der NRA kurz geschlossen hat, um „gemeinsam“ einen Plan zu erstellen. Das sagt alles, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Blutige 24 Stunden

Es war ein blutiges Wochenende in den USA. In El Paso, Texas, schoss ein 21jähriger in einem Walmart Store wild um sich und tötete 20 Menschen. In Dayton, Ohio, fielen am Samstagabend in einer Bar im Zentrum der Stadt tödliche Schüssen, neun Menschen starben. Dazu ein aktuelles Interview:

Wann passiert es wieder? Foto: Reuters.

– Was weiß man bis jetzt über die Hintergründe dieser Angriffe?

Es ist noch alles etwas unklar. Tatsache ist, es war ein blutige Nacht. In Chicago wurden sieben Menschen auf einem Spielplatz angeschossen und in Dayton, Ohio starben 9 Menschen, 26 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Und das, obwohl die Polizei weniger als eine Minute brauchte, um zu reagieren, um den Todesschützen auszuschalten. Er starb bei dem Einsatz. Das Motiv ist noch völlig unklar, auch wurde der Täter noch nicht identifiziert. Hier versucht man gerade einfach damit umzugehen, was in den letzten 24 Stunden passiert ist.

– Beim Amoklauf in El Paso gibt es anscheinend Hinweise auf rassistische Motive. Gibt es da gesicherte Informationen?

Das FBI geht gerade allem nach, was sie über den Täter von El Paso finden können, was er in sozialen Medien gepostet hat, welche Verbindungen er zu Hassgruppen hatte, aber auch, wie er radikalisiert wurde. Das ist derzeit hier die große Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der 21jährige 600 Meilen von Dallas nach El Paso fuhr, um dort gezielt gegen Migranten vorzugehen. Der junge Mann wurde ja festgenommen, man erwartet sich davon auch klare Aussagen, die sicherlich in den kommenden Tagen und Wochen veröffentlicht werden. Aber jetzt, noch nicht einmal 24 Stunden nach der Tat ist alles noch zu früh, um ein klares Bild zu haben.

– Die beiden Taten haben viel Bestürzung ausgelöst, Präsident Trump tweetete „thoughts and prayers“, was immer nach solchen Taten passiert. Gibt es Anzeichen dafür, dass sich nun etwas an den Waffengesetzen in den USA ändern könnte?

Ich sage es mal so, ich lebe seit 23 Jahren in den USA. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass es nicht eine Frage des “ob es wieder passieren wird” ist, sondern eher „wann es wieder passieren wird“? Die Gebete und die betroffenen Worte kommen immer wieder, aber die bringen offensichtlich nichts. Und Präsident Donald Trump, der nach der Schiesserei im kalifornischen Gilroy noch über Twitter sein tiefstes Beileid ausdrückte, hat nur ein paar Stunden nach diesem Tweet ein weiteres Tweet abgesetzt, in dem er einen Kandidaten der Republikaner lobt und unterstützt und dabei betont, dass dieser sich für das Grundrecht auf Waffenbesitz einsetzt. Das lese ich als eine Verhöhnung der Opfer. Also, ich sehe hier keine Zweidrittelmehrheit in den USA, um dieses vermeintliche Grundrecht in der Verfassung zu ändern, ich sehe auch keine Mehrheit im Kongress, um jetzt im Wahlkampf Waffengesetze zu verschärfen. Und ich sehe auch keinen Präsidenten, der mit einer präsidialen Anordnung quasi im Alleingang aktiv wird. Kurz gesagt, es wird wieder passieren, irgendwo in den USA, die Frage ist nur wann?

– Es ist Wahlkampf, aber das Thema Waffengesetze ist nicht eines der großen Themen. Wird sich das nun ändern?

Das würde ich so nicht unbedingt unterschreiben, das Thema ist bereits ein großes Thema im Wahlkampf. Einige der Kandidaten auf demokratischer Seite kommen ja sogar aus der “Anti-Gun” Bewegung, wurden dadurch politisch aktiv. Es war bislang sicherlich noch nicht das Hauptthema bei den Demokraten, aber Donald Trump dagegen machte schon deutlich, dass die Wahl 2020 auch eine Wahl um das Recht auf Waffenbesitz aller Amerikaner geht. Das betont er immer wieder über Twitter und auf seinen Massenveranstaltungen. Von daher, die laxen Waffengesetze und dieses vermeintliche Grundrecht werden sicherlich ein grosses Thema sein. Und es wird dazu führen, dass wie immer im Wahlkampf die Verkäufe von Schusswaffen und Munition in die Höhe schnellen werden, denn es wird das Horrorbild verbreitet werden, dass die Demokraten alle Waffen einziehen wollen. Was ja eigentlich ein totaler Blödsinn ist, denn darum geht es bei dieser Diskussion gar nicht…

– Die starke Waffenlobby, die „National Rifle Association“ (NRA) steckt derzeit in der Krise. Könnte diese Schwächung vielleicht gut für das Durchsetzen von schärferen Waffengesetzen sein?

– Die NRA hat mit Präsident Donald Trump den stärksten Kämpfer im Weißen Haus. Er setzt sich regelmäßig, ja fast täglich für Kandidaten ein, die zum Grundrecht auf Waffenbesitz stehen. Die NRA ist sicherlich geschwächt, durch die Skandale, den Umbau der Organisation und auch durch die in gewissen Bereichen Neuausrichtung, aber es gibt diesen engen Schulterschluss mit den Republikanern in Washington und im ganzen Land. Da wird sich in diesem Wahlkampfjahr nichts daran ändern. Denn es gibt ja hier in den USA noch nicht einmal eine klare und ehrliche Diskussion über das Thema Waffen. Sogar die klare Definition, was eine Massenschiesserei ist, gibt es nicht. Selbst das hat die Waffenlobby verhindert. Experten sagen, wenn es drei oder mehr Opfer gibt, dann ist das eine Massenschiesserei. Wenn man diese Definition zugrunde legt, dann gab es in diesem Jahr schon 293 Massenschiessereien. Eigentlich ist die Waffengewalt ein “public health” Problem in den USA, also eine Frage des allgemeinen Wohls. Das müsste man so bei Zehntausenden von Schußopfern in diesem Land auch so sehen, dann allerdings müsste man das als eine nationale Krise einstufen. Aber das passiert nicht, dank des nach wie vor grossen Einflusses der NRA.

Wann ist genug genug?

„God be with you all“, tweetete Donald Trump. 20 Menschen wurden getötet, 26 zum Teil schwer verletzt. Tatort ein Walmart Shopping Center in El Paso, Texas. Erneut war nach der Massenschießerei in Gilroy am vergangenen Sonntag nicht die Frage, ob es wieder, sondern nur wann es wieder passieren wird. Es dauerte noch nicht einmal eine Woche. Dazwischen lagen weitere Schießereien, die die Anzahl der „Mass Shootings“ in den USA in diesem Jahr auf 291 hochschrauben ließ, Stand 3. August 2019.

Kunden verlassen mit erhobenen Händen das Shoppingcenter in El Paso. Foto: Reuters.

Als langjähriger Beobachter solcher Geschehnisse und den danach folgenden frommen Worten frage ich mich immer öfters, warum man Gott um Hilfe anruft, wenn man sich eigentlich ganz einfach selbst helfen könnte. Dass der Präsident seine Worte nicht wirklich ernst meint und sie quasi sagen muss, kann man auch daran absehen, dass er nach diesem Tweet schnell zur Tagesordnung überging und weitere Tweets gegen seine politischen Gegner absetzte. Da war kein Einhalten, da war keine innere Einkehr, da war keine Einsicht. Amerika lebt mit seiner Waffengewalt auf den Straßen und bei diesen Massenschießereien. Egal ob in einer Schule, an einer Universität, im Kindergarten, in einer Kirche, einer Synagoge, einem Kino, einem Supermarkt, am Arbeitsplatz oder auf einem Volksfest, nirgendwo ist man in den USA noch sicher. Geschehen kann es überall. Hier laufen einfach zu viele Bekloppte mit Waffen durch die Gegend. Und wer noch nach wie vor an das Motto der National Rifle Asssociation (NRA) glaubt und es verteidigt „Only a good guy with a gun can stop a bad guy with a gun“, der macht sich mitverantwortlich an dem nahezu alltäglichen Blutbad in den USA. Doch interessiert das wirklich jemanden?

Donald Trump spricht sein Mitgefühl aus und es wirkt wie Hohn. Man muss sich nur die Kommentare unter seinen Tweets ansehen. Da sind Leute, die schreiben, sie hoffen, dass der Präsident hart bleibe bei der nun sicherlich erneut aufkommenden Debatte um strengere Waffengesetze. Andere beschuldigen die Demokraten, dass sie mit ihrer „Hetze“ für solche Schießereien verantwortlich seien. Einer schreibt sogar, ob sich Donald Trump nicht wundere, warum ausgerechnet im Wahlkampf die Zahl der Massenschiessereien zunehme. Stecke dahinter wohl der liberale Milliardär George Soros, wird gefragt?

20 Tote, 26 Verletzte, eine weitere Community unter Schock. Ändern wird sich nichts. Die Opferliste wird länger, der Verkauf der Knarren wird nicht abbrechen, gerade auch, weil Präsident Donald Trump das „Horrorbild“ einer demokratischen Präsidentin oder eines demokratischen Präsidenten an die Wand malt. Diese, so Trump, würden sich gegen das Grundrecht auf Waffenbesitz einsetzen und den Amerikanern ihre Knarren wegnehmen wollen. Totaler Blödsinn, aber es gibt genügend Menschen in diesem Land, die das ernsthaft glauben. Und ja, ich frage mich auch, warum ich an Tagen wie diesen nichts von der sogenannten „Right for Life“ Bewegung, der Christliche Rechte in den USA höre? Das Recht auf den Waffenbesitz zählt auch für diese „Lebenschützer“ mehr als das Recht auf Leben eines jeden Amerikaners.

Man kann nur noch lachen über „President Trump“

Ich sitze in Somaliland und Donald Trump verfolgt mich, aber das hier muss ich einfach im Blog aufgreifen. Präsident Trump haute in den letzten paar Tagen so richtig auf die Pauke und meinte im „eye of the storm“, seine Regierung habe im vergangenen Jahr hervorragend (1+) auf die Hurricanes in Texas und Florida reagiert und auch auf Puerto Rico einen „great job“ geleistet, der nur nicht anerkannt wird.

Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Immerhin wurden nach offiziellen (!) Zählungen etwa 3000 Todesopfer auf Puerto Rico gezählt. Auch die Reaktion auf die Katastrophe war alles andere als „great“, vielmehr mussten die Menschen lange auf Verpflegung, Wasser, Strom warten. Das allerdings will Trump nicht wahrhaben. Deshalb tweetete er heute, dass es nur 6 – 18 Tote gab, nachdem er die Insel besuchte, Papierhandtuchrollen in die Menge warf und mit seiner stöckelnden Melania auf Mitgefühl machte.

Trump wirft in seinen Tweets den Demokraten vor, eine Falschmeldungskampagne gegen ihn zu führen und sogar aus Altersgründen Verstorbene zu den Opfern des Hurricanes zu zählen. Was soll man darauf noch sagen, man kann eigentlich nur noch mit Humor reagieren, wie Twitter User „Hitting the Trifecta“:

„Lyin‘ Ted“ und Donalds Tweet

Im Wahlkampf 2016 machte sich Donald Trump über so manchen Gegner lustig. Jeb Bush hatte „low energy“, Marco Rubio war zu klein („little Mario“), Bernie Sanders war für Trump nur „Crazy Bernie“ und natürlich gab es da auch „Crooked Hillary“. Einer aus der eigenen Partei, der bis zum Schluß sein Fett abbekam war „Lyin‘ Ted“, damit gemeint war der texanisch-republikanische Senator Ted Cruz. Beide schenkten sich im Wahlkampf nichts, doch vor allem Trump griff Cruz immer wieder auf Twitter an. Unbarmherzig, brutal und frontal.

Foto: GoFundMe.

Nach der erfolgreichen Wahl von Donald Trump wurde das Geschimpfe begraben, nun war man wieder beste Freunde. Allerdings haben so einige die bitteren und beleidigenden Worte von Trump in Richtung Ted Cruz nicht vergessen. Einer davon Antonio Arellano, ein Aktivist aus Houston, der kurzerhand eine GoFundMe Seite online stellte, um seine Idee einer großen Billboard-Tafel zu verwirklichen. Und die soll nun schon bald genau dort stehen, wo Präsident Trump schon bald  für seinen Senator Ted Cruz im Wahlkampf auftreten will. Cruz muss sich nämlich einer Wiederwahl stellen und sein Sieg im November ist nicht sicher. Man kann sich also fragen, wie die Wählerinnen und Wähler darüber denken, wenn Trump für Cruz wirbt, wenn er noch vor kurzem über ihn sagte, dass Ted Cruz eigentlich so rein gar nichts für die Texaner erreicht hat, „all talk, no action“!

Immer wieder Bumm-Bumm

Nun also Texas. Mal wieder griff ein Jugendlicher zur Knarre und ballerte in einer High School um sich. Zehn Tote sind die Folge, zahlreiche Verletzte, Hunderte von geschockten Schülerinnen und Schülern. Der Präsident, der Gouverneur und ziemlich viele Politiker drücken ihr Bedauern aus, so, als ob es eine Einzeltat gewesen sei. Amerika wird mal wieder aufgefordert für die Opfer zu beten.

Foto: Reuters.

Doch ändern wird sich nichts. Präsident Donald Trump, der nach dem Schulmassaker von Parkland, Florida, noch erklärte, man müsse etwas tun, war vor zwei Wochen erst auf der Jahrestagung der NRA und meinte dort, so lange er im Amt sei, werde nicht am Grundrecht auf Waffenbesitz gerüttelt. Und der Vize-Gouverneur von Texas betonte nach den tödlichen Schüssen von Santa Fe, er selbst sei „stolzer Waffenbesitzer“, man müsse nun endlich die Lehrer bewaffnen, um auf solche Ereignisse vorbereitet zu sein. Was die Waffenlobby NRA von sich gab, brauche ich gar nicht zu erwähnen, es war der gleiche zynische, gallige Brei, wie er jedesmal nach Massenschiessereien und Amokläufen verbreitet wird.

Die Vorschläge, die von den Waffenfetischisten im Land kamen, zeigen das ganze Ausmaß dieser Debatte. Lehrer müssen bewaffnet werden, die Schulen mehr Sicherheitspersonal bekommen, die Ein- und Ausgänge müssen geändert, Schüler besser kontrolliert werden. Bildungseinrichtungen sollten abgesperrte Hochsicherheitstrakte sein. Von den stolzen Waffenbesitzern im Politzirkus zitiert keiner jene Statistiken, die zumindest ein paar Fragen aufwerfen könnten. Seit 2009 gab es in den USA 288 (!) Schiessereien an Schulen. Im Land der Vergewaltiger, Mörder, Drogenhändler und Kriminellen – Mexiko – gab es im gleichen Zeitraum 8. Im Land des nördlichen Nachbarn Kanada zwei. In Deutschland eine und in Australien und Großbritannien überhaupt keine. Aber Zahlen scheinen in einer wissenschaftsfeindlichen Administration nicht zu gelten.

Der Blick über den Tellerrand fehlt bei dieser Diskussion ganz. Weder die NRA noch ihre republikanischen Marionetten sehen den Zusammenhang zwischen einem leichten Zugang zu Waffen in den USA und den fast alltäglichen amerikanischen Blutbädern. Zu viel Geld ist im Spiel, hier die Gewinne der Industrie, dort die Wahlkampfunterstützungsschecks. Diese Logik kann und werde ich wohl nie verstehen. Es scheint, die Amerikaner haben sich damit abgefunden mit dem Terror im eigenen Land zu leben. Anders lässt es sich nicht mehr umschreiben. Jede Schule und Bildungseinrichtung könnte die nächste sein. Man kann nur hoffen, dass man niemanden von den Opfern kennt. Das ist zynisch, aber das ist die amerikanische Realität.

Trump und der Heimatterror

Es ist auffallend. Mehr als auffallend. Während bei islamistischen Terroranschlägen das Blut der Opfer noch nicht getrocknet war, rief der damalige Kandidat und nun Präsident Donald Trump schon nach der Schließung der Grenzen, nach Einreiseverboten, nach Überwachung von Muslimen im Land, nach drastischen strafrechtlichen und militärischen Antworten. Nun, während und nach der Bombenserie in Austin, Texas, bleibt Donald Trump ungewöhnlich ruhig.

Dieses Tweet von Trump kam am Mittwochmorgen. Das war es in Sachen Kommentar von Trump bezüglich der Bombenattentate in Austin, Texas. Aus, Schluss, vorbei, Trump tweetete in den letzten Tagen und Wochen lieber über anderes, als über den Terror im eigenen Land: die Russlandaffäre, seine geliebte Mauer, Jobs-Jobs-Jobs, verhasste Demokraten. Einige Kritiker erklärten, sein bombastisches Schweigen sei rassistisch, denn die ersten Opfer waren Schwarze und Latinos.

Doch ich denke, so weit braucht man gar nicht gehen. Trump lebt vielmehr in seiner vorgefertigten Welt. Terror wird da mit Muslimen und Islamisten in Verbindung gebracht. Fünf Bombenanschläge in drei Wochen mit zwei Toten und zahlreichen Verletzten von einem, wie sich nun rausstellte, 23jährigen weißen Amerikaner verübt, passt da nicht ins Trumpsche Weltbild. Sowieso ist der Präsident stets zurückhaltend, wenn es um den Terror im eigenen Land geht, verübt von den eigenen, hier geborenen Amerikanern. Ich spreche von den wöchentlichen Massenschießereien in den USA. Man müsse erst einmal die Ermittlungen abwarten, heißt es dann. Und nun eben Bombenanschläge in Austin, die noch nicht mal als Terror bezeichnet werden. Die wenigen Worte in Trumps Tweet sagen viel aus über den 45. Präsidenten und seine Sicht der Dinge.

Die Welt spielt verrückt

Der Führer der Zorn-Republik. Foto: Reuters.

Schnee in Texas, ausufernde Brände in Kalifornien, Politiker links und rechts, die ihren Job wegen sexueller Belästigung verlieren, ein republikanischer Senatskandidat wird wohl trotz schlimmster Beschuldigungen und das mit präsidialer Unterstützung gewählt werden und der „greatest groper“ von allen sitzt weiterhin im Weißen Haus. Irgendwie spielt gerade alles verrückt. Am Jahresende geht es noch einmal so richtig rund.

Wer hoffte, Donald Trump würde im Laufe seiner Amtszeit etwas gemäßigter werden, den populistischen Rechtsaußenton ändern, der sieht sich immer mehr getäuscht. Eigentlich müsste man ja sagen, so ist es gut, denn Donald Trump hat sich im Wahlkampf nicht verstellt, hat seine Wahlversprechen gegeben, die er jetzt nach und nach abarbeitet. Niemand kann also behaupten, er hätte nicht geahnt, was da auf uns zukommt. Wer für Trump gestimmt hat, der ist für Trump verantwortlich. Wer nicht zur Wahl gegangen ist, der sollte lieber den Mund halten und sich nicht beschweren. Anstatt zu klagen, wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich zu informieren, zu organisieren, die schnelle Abwahl der Trumpschen Kongresssoldaten im kommenden Jahr und ihres Führers 2020 vorzubereiten.

Vor dem selbstverliebten Donald Trump wurde jahrelang gewarnt, wer das nicht hören wollte muss nun damit leben. Trump versteckte sich nicht, sprach das aus, was er dachte, für was er stand. Rechtspopulistisches Gefasel, das die USA auf eine gefährliche Spur gebracht hat. Nun setzt Trump zu Überholmanövern an, die dieses Land, diese Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft mehr als gefährden.

Amerika ist nicht erst seit Donald Trump tief gespalten. Spätestens seit der republikanischen Revolution unter Newt Gingrich Mitte der 90er Jahre war offensichtlich, dass es tiefe Gräben in diesem Land gibt. Man musste nur Talk Radio hören, die schreienden „Radioheads“ Rush Limbaugh, Michael Savage, Sean Hannity und andere oder den offiziellen GOP-Sender Fox News sehen, der die Kandidatur von George W. Bush aktiv unterstützte. Der Graben war schon damals tief und wurde nur noch tiefer. Mit Barack Obama im Amt und Trumps Kandidatur wurden all diese Gräben noch betoniert. Eine Einheit, ein Zusammenkommen ist gar nicht mehr vorstellbar. Die USA werden nicht aus der Mitte heraus regiert. Das politische Pendel schlägt hier immer weiter aus, unter Donald Trump wurde das Zentrum des politischen Diskurses massiv nach rechts verlagert

„Cut & Paste“…ein Amoklauf wie der andere

Donald Trump hat ganz ungewollt in seinen Tweets dargestellt, dass Amerika mit seinen Blutbädern leben kann und leben will. Nach dem Amoklauf in einer Kirche im texanischen Sutherland Springs tweetete der Commander in Chief:

Damit wollte er zeigen, dass er auch im fernen Japan den Überblick über die Situation hat. Es folgten wie immer noch ein paar Aussagen, dass man für die Opfer und Hinterbliebenen beten sollte. Das typische und zu erwartende Bla-Bla nach so einem Blutbad. Damit war das Thema abgehakt. Und dann folgte nur etwas über eine Woche später die Schiesserei im nordkalifornischen Rancho Tehama. Trump, nun wieder zurück von seiner Asienreise, tweete erneut:

Kurzerhand hatte er die Japanbotschaft an „Sutherland Springs“ kopiert und getweetet, dabei nur leider vergessen, die Orte der Blutbäder auszutauschen. Texas scheint ihm lieber zu sein als Kalifornien. Oder vielleicht steckte doch was anderes dahinter. Vielleicht wollte Präsident Donald Trump, der ja die Wahlkampfunterstützung der NRA erhalten hatte, mit seinem neuerlichen Tweet deutlich machen, dass Amokläufe in den USA einfach dazugehören. Nur der Ort ist austauschbar.

Irgendwann scheint dann doch jemand im Umfeld des Präsidenten den Fauxpas bemerkt zu haben, die Nachricht wurde gelöscht. Der bittere Beigeschmack der beiden Nachrichten bleibt jedoch.

Mehr Waffen braucht das Land

Amerika hat ein Waffenproblem. Daran wird sich nichts ändern, das weiß man einfach, das sieht man an den Reaktionen nach jedem Amoklauf, nach veröffentlichten Statistiken über Mordraten, Selbstmorden und Unfällen mit Schußwaffen. Es ist einfach so, wie es ist. Die Deutschen haben ihr ungebremstes Fahrvergnügen, die Amerikaner ihr vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz. weiter lesen