So klingt Amerika

Zehn Jahre lang produzierte und moderierte ich die Country, Folk und Americana Sendung auf allen Langstreckenflügen einer großen deutschen Airline. Diese Zweistundenshow war ein offener Raum, in dem ich frei entscheiden konnte, was ich in die Playlisten aufnahm. Dabei sollte ich mich nicht an den Country Charts orientieren, sondern vielmehr die Alternative Country Szene vorstellen. Ein paar wenige Auflagen gab es, keine Schimpfwörter und keine Songs, die bei Menschen mit Flugangst Panik auslösen könnten.

Aber sonst hatte ich alle Freiheiten, die dazu führten, dass ich von den Shiny Gnomes und ihr „Lazing at Desert Inn“, von den Berliner Infamis und ihrem Metropolen Country Sound, bis hin zu 16 Horsepower und ihrem für mich grandiosen Song „American Wheeze“ alles einsetzen konnte. Manchmal sah ich Bands in kleinen Clubs spielen, war begeistert und fragte nach dem Konzert einfach, ob sie mir eine CD geben könnten, ich würde sie gerne in meiner Show über den Wolken spielen. Das war wirklich handgemachtes Radio mit einem Fokus auf Independent Künstler.

Und eine der Bands, die ich über das Programm kennenlernte waren die Crooked Jades aus San Francisco. Eine Gruppe, die sich selbst als „old-time string band closer in spirit to Tom Waits and Nick Cave“ beschreibt. Doch das trifft es ganz gut. Die Wurzeln des Americana Sounds und dazu das Düstere von Nick Cave und das Verschrobene von Tom Waits, angereichert mit musikalischen Einflüssen aus Afrika und Europa. Beeindruckend, faszinierend, mitreissend.

Nun melden sich die Crooked Jades mit einem neuen Album zurück. „Empathy Moves The Water“ heißt es und ist erneut eine tolle Songsammlung, eine Mischung aus neu arrangierten „Traditionals“ und eigenen Liedern. Hinter den Crooked Jades steckt Jeff Kazor, der diese Vision eines musikalischen Brückenschlags zwischen Alt und Neu, zwischen Americana und der weiten Klangwelt da draußen verwirklicht. Einfach brillant.

„Empathy Moves The Water“ klingt nach Amerika, nach dem, was mich hier immer wieder anspricht, fasziniert, bewegt. Musik, die die Schönheit des Landes, die Offenheit dieser Gesellschaft, die Möglichkeit des Lebens hier in den USA beschreibt. Das klingt nach viel, aber in diesen Zeiten des Geplärres und der lauten Töne, sollte man nicht vergessen, was Amerika auch ausmacht, was das Schöne an diesem Land ist. Und die Crooked Jades schaffen es – bewußt oder unbewußt – all das einzufangen. Ein tolles Album zum Jahresende, sehr empfehlenswert für alle, die den wahren Americana Sound entdecken wollen.