I give a Fuck

Till Lindemann, der Autor von „On Quiet Nights“. Lindemann, der Sänger und Texter des gleichnamigen Projektes. Diesmal auf Englisch, seine Gedichte und seine Lyrics. Till Lindemann ist der Sänger von Rammstein. Und die haben weltweit Kultstatus. Seit Mitte der 90er Jahre provozieren die eigensinnigen und markanten Berliner Heavy Rocker mit ihren Songs, ihren Texten, ihren Live-Shows. Auf ihrer ersten USA Tournee im Vorprogramm von KMFDM interviewte ich Gitarrist Paul Landers. Ein nettes Gespräch und Landers meinte, die Band sei selber überrascht, dass das, was sie machen, so gut ankommt. Und wie geht es weiter, fragte ich. Keine Ahnung, meinte Paul Landers, sie machen einfach weiter, so lange es jemand hören will.

Album 1 kam, da dachte man, was ist das denn. Album 2 kam, da waren sie schon ein Begriff in den USA. Mit Album 3 war klar, Rammstein bleiben. 21 Jahre nach der Gründung der Band sind sie weltweit zu den erfolgreichsten Botschaftern der deutschen Sprache geworden. Auch wenn dieser eine Satz den Kulturprofis in Deutschland Bauchschmerzen bereitet. Die Berufsbeamten in den Zentralen von Goethe-Institut und Auswärtigem Amt haben lange Zeit versucht, mit Ignorieren, Weghören und Belächeln Rammstein auszusitzen. Das hat nicht geklappt.

Rammstein wurden zu einem internationalen Phänomen. Allein die DVD „Völkerball“ zeigt, welchen kulturellen und sprachlichen Beitrag die Band geleistet hat. Da singen Fans in England, Russland, Frankreich, Japan die deutschen Texte, feiern diese Band aus Germany, die Interesse weckt an Deutschland, der deutschen Kultur, der deutschen Sprache. Und wer das nicht glaubt, den verweise ich immer wieder gerne auf einen Radiobeitrag, den ich vor ein paar Jahren für DeutschlandRadio Kultur produzierte. Damals postete ich auf dem Rammstein Forum herzeleid.com die Frage, warum und weshalb Amerikaner Rammstein hören? Ich erhielt nahezu 400 Rückmeldungen, vom High School Schüler bis zum Deutschprofessor. Rammstein waren geliebte Superstars, die einfach anders waren und die ein ganz neues, ein weltoffenes, ein interessantes, ein aufgeladenes, ja, ein durchaus positives Deutschlandbild vermittelten. Fans kamen über Rammstein zu anderen deutschsprachigen Bands, diskutierten online über Texte, deutsche Kultur, Sprache, Filme und Politik. Klar, kann man das belächeln und ignorieren, das ist jedem selbst überlassen. Ich allerdings betrachte das Phänomen Rammstein als jemand, der die Berliner als erster im amerikanischen Radio spielte, aus einer anderen Perspektive.

Doch zurück zu Till Lindemann, der sein musikalisches Soloprojekt und seine Gedichte nun auf Englisch veröffentlicht hat. Da hämmert sich einer auf der CD durch die Boxen, ein Fuck folgt dem anderen. Das erste Video, ganz typisch in Rammstein Manier, provoziert, eskaliert. Lindemann will nicht im Radio gespielt werden, warum auch? Eigentlich kann so gut wie kein Song auf der CD im US Rundfunk laufen. „Clean Versions“, bereinigte Songs, wie das amerikanische Musiker und Bands liefern, um im Radio und Fernsehen zu laufen, gibt es bei Lindemann nicht. Er macht ganz deutlich, er ist Künstler. „Fuck it“ ist die Aussage. Hör hin oder laß es sein. Die internationale Fangemeinde ist groß genug, um auch dieses Album, englischsprachig, zum Hit zu machen.

Und da sind die Gedichte des ehemaligen DDR Wettkampfschwimmers. „On Quiet Nights“. Verquastet, verschroben, verfremdet durch die englische Sprache. Doch das Englisch macht sie nicht einfacher, nicht schwieriger zum Verstehen. Till Lindemann hat seinen Ton gefunden, den er in typischer, sonorer Tonlage dem Leser, dem Hörer entgegen schleudert. Er will sich gar nicht erklären, er redet da nicht um den heißen Brei herum. Es sind dunkle Zeilen, bei denen man sich – ich mich – als Leser ertappt, man versteht manchmal einfach nicht, um was es eigentlich geht. Was will der Künstler mir da sagen? Und doch, die Worte haben ihren Reiz, ihren Klang, ihre Schönheit.

Till Lindemann ist jemand, der mit den Worten onaniert. In seinen Songtexten und seinen Gedichten gleichermaßen. Es ist dieses diabolische Vergnügen des Sängers, Dichters, Wortfetischisten, das man beim Lesen und Hören der Zeilen verspürt. Er schert sich einen Dreck darum, was Kritiker und Journalisten und Schreiberlinge über ihn denken und zu Papier bringen. „I give a fuck“ steht über allem. Und das ist ganz und gar nicht negativ gemeint. Ganz im Gegenteil, es verschafft Till Lindemann die künstlerische Freiheit, die er braucht und die seine Fans an ihm schätzen. Für Rammstein, für Lindemann, für seine poetischen Ergüsse.

On Quiet Nights / Lindemann

Es wird kalt, Amerika!

Das neue Eisbrecher Album wird auch wieder in den USA veröffentlicht werden.

Das neue Eisbrecher Album „Schock“ wird auch wieder in den USA veröffentlicht werden.

Nun also die Nummer 6. “Schock” heißt das Album und knallt richtig gut. Eisbrecher holen zum nächsten Schlag aus, der sie weit nach vorne katapultieren soll und auch wird. Kompromisslos und mit Vollgas schiebt sich der Eisbrecher voran.

Ohne Zweifel haben sich die Mannen um Sänger Alex Wesselsky fest in der deutschen Musikszene verankert. Das kann man an den Verkaufszahlen ablesen, das kann man an den begeisterten Fans (Rheinfeier 2014) erkennen, das kann man aber auch erneut auf dieser Platte hören. Das Rad wird hier nicht neu erfunden, vielmehr baut die Band auf den fünf Vorgängeralben auf. Der Sound ist kompakt, direkt und auf die 12. Da wird nicht groß gefrickelt, da wird nicht rumgezaudert, da versucht man nicht sich mit Klangexperimenten neuen Hörerschichten zu öffnen. Wer eine Eisbrecher Platte hört, weiß, was er bekommt. Harte Riffs, treibende Beats, stimmige, ja eingängige Melodien und deutsche Texte, die mit “Hooklines” nur so durchsetzt sind.

Die Band lebt vom charismatischen Sänger Alex Wesselsky, der nicht nur ein begnadeter Vocalist ist, sondern auch ein ganz besonderer Frontmann. Hier überschneiden sich die Spuren von Eisbrecher mit denen von Rammstein. Beide Bands haben einen herausragenden Sänger, der live und im Studio in seinem Element ist. Und wenn man das sagt, vermindert das in keinster Weise die Bedeutung von Noel Pix oder Richard Kruspe in ihren Bands. Ganz im Gegenteil, Eisbrecher zeigen auf ihren neuen Album “Schock” das perfekte Zusammenspiel einer Band. Einfach hervorragend!

Rammstein haben vor Jahren den Sprung in die USA gewagt, sich als Vorband von KMFDM durch kleinere Clubs nach oben gespielt. Sie überzeugten die Fans mit ihrem Sänger, ihrer Show, ihrem brettharten Sound und ihren deutschen Texten. Eisbrecher könnte ohne weiteres diesem Beispiel folgen. Sie haben das Zeug und vor allem die Songs dafür. Seit über 18 Jahren ist „Radio Goethe“ on-air in den USA und Kanada. Die Rückmeldungen, die ich von Hörerinnen und Hörern bekomme, bestätigt genau das; deutsche Texte sind international kein Bremsklotz mehr.

Auch die neue Platte wird Ende Januar auf Metropolis Records in “God’s Country” veröffentlicht. Die Möglichkeiten für Eisbrecher sind unbegrenzt im Land jenseits des großen Wassers. Ein “Schock” wäre es nur, wenn der Eisbrecher lediglich im Heimathafen vertaut bliebe. Deshalb mal hier und klar gesagt: Es wird kalt, Amerika!