Sonntagmorgen in San Quentin

7:45 Uhr am Sonntagmorgen. Über der San Francisco Bay strahlt die Sonne. Überpünktlich reihe ich mich in die Schlange ein. Vor mir mehrere Frauen, die „loved ones“ im Staatsgefängnis von San Quentin besuchen wollen. Darunter auch eine Engländerin, die viermal im Jahr nach Kalifornien reist, um ihren Mann zu sehen. Das ist keine Ausnahme, der Zellennachbar von Reno ist mit einer Frau aus Nürnberg verheiratet. Sie hatten sich per Brieffreundschaft kennengelernt. Nun ruft er zweimal am Tag vom Golden Gate in Franken an, sie besucht ihn mehrmals im Jahr.

„San Quentin, you’ve been living hell to me“ (Johnny Cash).

Als ich endlich zur Kontrolle dran bin, meint der Officer, meine Hose sei grün, das sei nicht erlaubt. Ich versuche ihm klar zu machen, dass meine Hose grau ist und ich sie schon mehrmals in San Quentin an hatte. Hier herrscht eine strenge Kleiderordnung. Keine blauen Jeans, kein Orange, kein Grün. Alles Farben, die von Häftlingen oder Wärtern getragen werden. Im Falle eines Falles will man so schnell Besucher von den „Inmates“ unterscheiden können. Der Fall der Fälle ist nicht ganz klar, aber Regel ist Regel. Schließlich lässt man mich mit meiner grauen Hose durch, mit dem Versprechen diese beim nächsten Besuch nicht mehr zu tragen. Langsam habe ich ein Problem in meinem Schrank, es sieht so aus, als ob ich mir eine offizielle Anstaltshose besorgen muss.

Der Weg vom Eingang zum „East Block“, in dem die zum Tode Verurteilten einsitzen ist immer wieder faszinierend. Gerade an einem frühen Morgen. Entlang der Bay, mit Blick auf Tiburon und Angel Island, dahinter die Skylines von San Francisco und Oakland. Nach der zweiten Sicherheitskontrolle bin ich endlich mit 45 Minuten Verspätung im Besucherraum. Schnell ein paar Dosen Cola, ein paar Burger und Popcorn aus den Automaten gezogen, in der Mikrowelle warm gemacht und dann werde ich mit Reno in einem ein Meter mal zwei Meter grossen/kleinen Stahlkäfig eingesperrt. Eine kurze Umarmung und dann reden wir.

Er erzählt etwas von seinem Fall, von seiner Gesundheit, davon, dass am Freitag im Außenbereich des Todestraktes ein anderer Häftling erstochen wurde und noch im Hof starb. Ein Warnschuss sei abgegeben worden, doch das half wohl nichts. Ein Streit führte zu den tödlichen Stichen, wie das „Shank“ auf den Hof kam sei noch unklar. Alltag in San Quentin.

Nach zwei Stunden ist der Besuch zu Ende. Der 73jährige wird mit Handschellen abgeführt, erst dann wird die Käftigtür auf meiner Seite geöffnet. Bevor er geht sagt Reno noch, dass er Ende Oktober ein Jubiläum habe. Seit 40 Jahren sei er nun hinter Gittern. Ein Grund zum Feiern gibt es da wohl nicht. Doch, trink einen auf mich, meint er und lacht. Bis zum nächsten Mal.

Gaskammern für die USA

Die Gaskammer im kalifornischen San Quentin. Mehrere US Bundesstaaten überlegen derzeit erneut die Vergasung von Todeskandidaten einzuführen. Foto: Reuters.

Heute ging die Nachricht durch alle Medien. Amnesty International berichtet, dass die Zahl der Hinrichtungen weltweit zurück gegangen sei, auch die Anzahl der Todesurteile habe sich verringert. Doch diese Angaben wurden gemacht, obwohl es keine vollständigen Daten gibt. In China und auch anderen Ländern werden die Zahlen von durchgeführten Exekutionen nicht veröffentlicht.

In den USA allerdings wird derzeit in vielen Bundesstaaten ganz offen überlegt, wie man die Todesmaschine wieder anlaufen lassen kann. Dale Baich ist Rechtsanwalt, der sich seit 1988 als Pflichtverteidiger für Todeskandidaten einsetzt. Baich, der in Arizona lebt, vertritt auch mehrere “Death Row” Häftlinge in Oklahoma, einem Bundesstaat, der nun für Hinrichtungen wieder die Vergasung einführen will. Ich konnte ihn telefonisch erreichen.

– Oklahoma will zukünftig die Hinrichtungen mit Stickstoff durchführen, warum?

Baich: Das zuständige Ministerium für den Strafvollzug erklärte, dass es nicht in der Lage ist, die Substanzen zu bekommen, die für eine tödliche Injektion vorgeschrieben sind.

– Was weiß man über das Hinrichten mit Stickstoff?

Baich: Keiner weiß, ob Stickstoffgas funktionieren wird. Es wurde so bestimmt, weil das Ministerium für den Strafvollzug diese Schwierigkeiten hatte, die chemischen Substanzen für die Injektion zu beschaffen. 2015 schon erlaubte das Parlament in Oklahoma, dass Hinrichtungen mit Stickstoff als eine Möglichkeit gesehen werden kann.

– Wurde denn in Oklahoma das Stickstoffgas getestet oder liegen andere Forschungsergebnisse diesbezüglich vor?

Baich: Wie ich das verstehe, haben sich Abgeordnete mehrere Videos auf youtube angesehen, in denen Leute Helium inhalieren und sie haben zwei Professoren der Kriminalistik an der “Eastern Oklahoma University” angehört, die allerdings keine medizinischen Experten sind. Darüberhinaus wurden Berichte von Piloten mit Hypoxie herangezogen. Und aufgrund dieser youtube Videos und den Berichten von Piloten, die einen Sauerstoffmangel erlebten, wurde entschieden, dass die Verabreichung von Stickstoffgas funktionieren wird.

– Wie kann ich mir das vorstellen, soll das Gas in einer Gaskammer oder über eine Maske verabreicht werden?

Baich: Wie das ganze durchgeführt werden soll ist noch nicht festgelegt. Offizielle in Oklahoma arbeiten noch an dem genauen Durchführungsprotokoll. Bei einer Pressekonferenz vor ein paar Tagen meinte der Direktor der zuständigen Behörde allerdings, dass sie darüber nachdenken, das Gas über eine Gesichtsmaske zu verabreichen.

– Gibt es neben Oklahoma noch andere US Bundesstaaten, die über die Nutzung von Stickstoff nachdenken?

Baich: Louisiana ist daran interessiert mit Stickstoff hinzurichten, auch Alabama denkt darüber nach. Aber Oklahoma war der erste. Aus historischer Sicht ist das interessant, denn Oklahoma war der Bundesstaat, der die tödliche Injektion für Hinrichtungen eingeführt hat. Oklahoma scheint also Vorkämpfer darin zu sein, wie man Menschen hinrichten kann.

– Wie wollen Sie gegen diese Vergasungspläne in Oklahoma angehen?

Baich: So lange wir nicht genau wissen, was in dem Ablaufplan steht, ist es schwer rechtliche Schritte darzulegen. Aber wir werden das genauestens lesen und uns mit medizinischen Experten kurzschließen, um die richtigen Schritte zu unternehmen.

– Von welchem Zeitrahmen sprechen wir hier, kann sich das über Jahre hinauszögern oder kann es ganz schnell gehen?

Baich: Das Ministerium für den Strafvollzug hat angedeutet, dass es etwa 120 Tage dauern wird, bis der genaue Ablaufplan feststeht. Dann wird das veröffentlicht. Der Staat Oklahoma kann ab diesem Zeitpunkt für 150 Tage keine Hinrichtungstermine festsetzen. Wir sprechen also von Ende 2018, Anfang 2019, bevor der Staat diese neue Methode der Hinrichtung ausprobieren könnte.

– Ist das ein Einzelkampf oder sehen Sie Ihre Bemühungen gegen den Einsatz von Stickstoff als Teil der Anti-Todesstrafen Bewegung in den USA?

Baich: Einige werden es sicherlich so sehen, dass es ein Teil der größeren „Anti-Death Penalty“ Kampagne ist, aber von unserer Perspektive als Anwälte betrachtet, vertreten wir nur unsere Klienten. Und wir vertreten sie bei den Herausforderungen der Anschuldigungen und Urteile. Wir schauen uns die Methode der Hinrichtung an, die der Staat wählt und wenn wir da ein verfassungsmäßiges Problem sehen, dann werden wir das anfechten.

– Gibt es einen “humanen” Weg der Hinrichtung?

Baich: Die Exekution durch Gas ist eine barbarische Praxis und es gibt keinen Grund für Oklahoma darauf zurück zu greifen und zu glauben, diese wäre sicherer und humaner. Das Verfassungsgericht hat entschieden, dass die Nutzung eines Barbiturats bei einer Hinrichtung nicht gegen die Verfassung verstösst. Ob das human ist, wissen wir nicht, denn es gibt keine Experimente an Menschen, um herauszufinden, wie man einen Menschen human tötet.

– Ist diese Debatte in einigen Bundesstaaten, wie man human hinrichtet, ein Zeichen dafür, dass das gesamte Todesstrafensystem in den USA gescheitert ist?

Baich: Viele Bundesstaaten schauen auf die Todesstrafe und erkennen, dass es eine gescheiterte Methode ist. Und die Frage, die gestellt werden muss ist, soll der Staat weiterhin Menschen hinrichten dürfen oder sollten wir das als eine Methode der Vergangenheit sehen und nach vorne blicken. Es gibt die Möglichkeit für die Bundesstaaten vorsätzlichen Morgen mit lebenslanger Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung zu ahnden.

– Worüber ich mich in all den Jahren in den USA immer wieder wundere ist, es gibt strikte Regeln und Vorgaben, wie ein Tier eingeschläfert werden muss. Warum gibt es keine genaue Vorgabe beim Hinrichtungsprozess?

Baich: Wenn wir Tiere einschläfern, dann tun wir das, um ihr Leiden zu beenden. Mediziner haben das herausgefunden, was am besten für die Haustiere ist. Es gibt aber diese Art der Forschung nicht für Hinrichtungen. Und Mediziner wollen daran auch gar nicht teilhaben, ihnen ist es sogar verboten Hinweise zu geben, wie man eine Hinrichtung durchführen sollte. Also bleibt uns die Behörde für den Strafvollzug und andere Amateure, die dann vorschlagen, was sie für den besten Weg halten, einen Menschen zu töten.

– Für mich als Deutscher ist es verstörend, dass in den USA über die erneute Einführung der legalen Vergasung gesprochen wird.

Baich: Es ist in der Tat mehr als verstörend, zuzusehen, wie in Oklahoma ein Schritt zurück gegangen wird. Aber der Großteil der Welt und viele Bundesstaaten in den USA blicken in die Zukunft und haben erkannt, dass die Todesstrafe eine verfehlte Politik ist.

– Wie sehen Sie die Zukunft der Todesstrafe in den USA?

Baich: Ich glaube, wir sind auf einem langen Weg hin zur Abschaffung. Wir sehen auch schon, dass das Verfassungsgericht bestimmte Gruppen von Menschen nicht länger hinrichten lassen will, wie Menschen mit geistigen Behinderungen oder Jugendliche. Aber ich glaube, die Entscheidungen müssen auf Bundesstaatsebene in den Parlamenten getroffen werden. Dort muss eine offene und ehrliche Diskussion geführt werden, darüber, ob sie die Todesstrafe beibehalten wollen oder sie als verfehlte Methode erkennen und andere Möglichkeiten der Bestrafung finden.

Aber Präsident Donald Trump hat jüngst sogar die Todesstrafe für Drogenhändler gefordert…

Baich: (Seufzt) Ich hatte gehofft, bald in Rente gehen zu können, ohne Arbeit dazustehen. Daraus wird wohl so bald nichts werden.

Winnie Mandela in San Quentin

In San Quentin werden heute einige Strafvollzugsbeamte und Gefangene an den Oktober 1999 denken, denn damals besuchte die einstige First Lady von Südafrika, Winnie Mandela, das älteste kalifornischen Staatsgefängnis. Mandela war eine von vielen Prominenten, die sich für die Lebensgeschichte des Crips-Ganggründers interessierten und bis zuletzt seine Begnadigung verlangten.

Winnie Mandela und Stanley „Tookie“ Williams im Besucherraum von San Quentin.

Winnie Mandela war auf den früheren Gangsterboss aufmerksam geworden, als dessen im Todestrakt von San Quentin geschriebene Kinderbücher in Südafrika veröffentlicht und dort von vielen Schülern in den Schwarzensiedlungen gelesen wurden. „Tookie“ hatte gemeinsam mit seiner Vertrauten Barbara Becnel mehrere Bücher geschrieben, die Kinder und Jugendliche vor dem Gangsterleben warnten. Während einer mehrtägigen Reise im Herbst 1999 traf Winnie Mandela Stanley „Tookie“ Williams für ein paar Stunden im Besucherraum des „East Block“. Damals war es noch möglich in dem Raum umher zu laufen, der an eine Greyhound Bus Station erinnerte. Heute wird man dort als Besucher in einem kleinen Stahlkäfig mit dem Gefangenen eingesperrt. Das Foto von Mandela und Williams wurde vor einem etwas kitschigen Wandbild aufgenommen, das einer der Häftlinge dort als „Art Project“ hinmalen durfte.

Winnie Mandela nannte den Besuch einen der Höhepunkte ihrer Kalifornienreise. Die beiden blieben über die nächsten Jahre in Kontakt. Noch wenige Tage vor der angesetzten Hinrichtung am 13. Dezember 2005 wandte sich Mandela an den damaligen kalifornischen Gouverneur, Arnold Schwarzenegger, und bat um eine Begnadigung von „Tookie“. In der Nacht der Exekution wurde eine Botschaft von Winnie Mandela vor dem Tor von San Quentin verlesen. Der letzte Wunsch von Stanley „Tookie“ Williams war, dass seine Asche nach seinem Tod von seiner langjährigen Vertrauten, Barbara Becnel, nach Soweto, Südafrika, gebracht werden soll. Nach der Hinrichtung von Williams und einer größeren Trauerfeier in Los Angeles wurde die Asche von „Tookie“ in einem Park von Soweto in Anwesenheit von Winnie Mandela verstreut.

„Ehre Dein Leben“

San Quentin am frühen Morgen.

Heute war ich mal wieder in San Quentin. Ein Sonntagmorgen, die Sonne schien, die San Francisco Bay lag still und wellenlos auf meiner linken Seite, als ich über die Richmond-San Rafael Bridge fuhr. Vor mir das älteste Staatsgefängnis Kaliforniens. Ich war noch früh dran, es standen kaum Autos auf dem Parkplatz von San Quentin. In der Schlange wie immer vor allem Frauen, etwas aufgedonnert, gerade so, wie es die prüfenden Blicke der „Correctional Officers“ noch erlauben. Nicht zu viel Ausschnitt, der Rock nicht zu kurz, keine durchsichtigen Blusen, die High Heels dürfen nicht zu hoch, keine Drähte im BH sein.

Reno wartete schon auf mich in seinem Käfig. Schnell ein paar Sandwiches, Popcorn, einen Schokoriegel und Coca Cola aus den Automaten gekauft, alles aufgewärmt und dann sass ich ihm mal wieder gegenüber, eingesperrt in einem Stahlkäfig. 2 Meter mal 1,20 Freiheit für zwei Stunden. Wir unterhielten uns über alles mögliche, das reichte von Politik bis hin zu den Feuern in Südkalifornien. Wir sprachen etwas über seinen Fall. Reno ist am Ende der Einspruchmöglichkeiten angelangt. Falls Kalifornien wieder mit den Hinrichtungen beginnt, was wahrscheinlich ist, wird er einer der ersten sein, die auf der Henkersliste stehen.

Während des Besuches blickte ich ständig auf ein Plakat, dass an der Wand des Besucherraumes hing. „Prevent Suicides“, darauf noch der Satz, dass man sich an einen Sergeant wenden sollte, wenn man suizidale Gedanken hätte. Und dann „Honor Your life“. Ich wollte es nicht glauben, dass da wirklich „Honor Your Life“ steht, im Todestrakt von San Quentin. Nach dem Motto, ehre Dein Leben, bis der Staat sagt, jetzt ist genug, jetzt kommt die Gaskammer oder die Giftspritze. Dann ist Schluss mit dem „ehrenwerten“ Leben. Es ist schon surreal, was man manchmal so erlebt.

Kunst aus dem Todestrakt zur Weihnachtszeit.

San Quentin ist, so weit es eben geht, weihnachtlich dekoriert. Ein paar Girlanden im Wartebereich, Weihnachtsmänner an Fenstern, „Candy Cane“ für die Kinder, bevor sie durch die Sicherheitsschleuse gehen und selbst der „Hobby Store“ von San Quentin mit Produkten, Bildern und Kunstgegenständen hergestellt von Gefangenen ist festlich geschmückt. Im Todestrakt ist es nicht ganz so weihnachtlich, hier geht alles normal weiter. Weihnachten findet draußen statt, der Großteil der Männer auf „Death Row“ ist eh schon vergessen. Nur die Priester sprechen im East-Block in diesen Tagen von der Adventszeit, von der Bedeutung des Weihnachtsfestes für die Menschen. Ihre Predigten hinter Gittern und mit stichsicherer Weste soll Hoffnung für die Hoffnungslosen geben. Wie sang einst Johnny Cash: „…San Quentin you’ve been living hell to me“.

Dem Henker von der Schippe springen

Die Hinrichtungskammer in San Quentin. Foto: Reuters.

Was sagt man einem Mann, der seit 1978 in der Todeszelle sitzt und sterben will? Der Staat Kalifornien könnte schon bald wieder mit Hinrichtungen beginnen. Im vergangenen Jahr stimmte eine knappe Mehrheit der Wähler dafür, die Einspruchsmöglichkeiten von zum Tode Verurteilten zu verkürzen. Das kalifornische Verfassungsgericht hat vor ein paar Wochen dieses Gesetz weitgehend für rechtens befunden. Damit ist für 18 Todeskandidaten das Ende in Sicht. weiter lesen

Alcatraz, San Quentin, Angola

Gestern in Alcatraz, heute mit San Quentin gesprochen, morgen geht es nach New Orleans, um mit einem ehemaligen Häftling zu sprechen, der über 40 Jahre in Einzelhaft im berüchtigten Gefängnis Angola untergebracht war.

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4 qm Leben

Sonntagmorgen 8 Uhr. Ich habe einen Besuchstermin für San Quentin. Seit nunmehr 21 Jahren besuche ich regelmäßig einen Gefangenen auf „Death Row“, dem kalifornischen Todestrakt im ältesten Gefängnis des Bundesstaates. Am Donnerstag noch ließ ich mir telefonisch den Termin geben, „Lock Down“ sei so gut wie vorbei, hieß es. „Lock Down“ heißt, das gesamte Gefängnis oder ein Teil davon ist unter Verschluß. Die Gefangenen bleiben in ihren vier qm Zellen und die werden eine nach der anderen total umgekrempelt auf der Suche nach verbotenen Gegenständen, wie Waffen, Drogen, nicht Erlaubtes.

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Weniger Henkersmahlzeiten in den USA

Es gibt auch noch gute Meldungen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vor kurzem verkündete zwar der Bundesstaat Arkansas, dass man innerhalb von 11 Tagen acht Exekutionen durchführen wolle, was international zu einem großem Aufschrei führte. Der Grund für die Fließbandhinrichtungen war ein Betäubungsmittel, dessen Haltbarkeitsdatum auslief. Arkansas setzte sich am Ende vor den Gerichten durch und ließ den Henker walten.

Im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin ist die größte Death Row in den USA untergebracht. Foto: Sam Robinson.

Doch diese Nachricht widerspricht dem Trend in den USA. Wurden 1999 noch 98 Menschen in den USA hingerichtet, waren es 2016 „nur“ noch 20. So wenig, wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und auch die Todesurteile verringerten sich dramatisch. Im vergangenen Jahr sprachen Geschworene im ganzen Land 30 Höchststrafen aus, 1996 waren es noch 315. Ist das ein Umdenken in der amerikanischen Bevölkerung? Ja, sagt das Pew Research Center, das im vergangenen Jahr in einer Umfrage heraus fand, dass zum ersten Mal in 50 Jahren weniger als 50 Prozent der Amerikaner für die Todesstrafe sind.

Die Death Rows in den Bundesstaaten leeren sich trotz der verringerten Hinrichtungszahlen stetig. Immer mal wieder müssen Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen werden, weil die Urteile nachweislich falsch waren. Hinzu kommt, dass mehr und mehr Todeskandidaten dem Henker durch einen natürlichen Tod von der Schüppe springen. Auch die Selbstmordzahlen in den abgeschotteten Hochsicherheitstrakts bleibt hoch. Die Zahl der Death Row Inmates ist von 3500 im Jahr 2000 auf 2881 im Jahr 2015 gefallen.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Zahl der „Lifers“, der zu lebenslanger Haft Verurteilten, ohne Aussicht auf Begnadigung. 161.000 Männer und Frauen haben diese Strafe erhalten. Hinzu kommen weitere 44.000 Personen, die durch lange Haftstrafen von zig Jahrzehnten quasi lebenslang hinter Gittern bleiben werden. Die Hälfte der über 200.000 inhaftierten „Lifers“ sind Afro-Amerikaner, auch das ist eine klare Aussage über die amerikanische Gesellschaft. Insgesamt ist die Gefängnisindustrie in den USA ein lukratives Geschäft. Nahezu zweieinhalb Millionen Menschen sitzen in amerikanischen Prisons, so viel, wie nirgends sonst auf der Welt. Das waren dann also die schlechten Nachrichten zum Schluß dieses Blogeintrags, Amerika ist einfach ein Land voller Widersprüche.

 

Die Nürnberger San Quentin Connection

Die Welt ist kleiner geworden. Samstagmorgen kalifornischer Zeit und ich höre auf der Autofahrt nach San Quentin der Live–Übertragung der Fußballbundesliga auf B5 Aktuell zu. Vorbei an Downtown Oakland, Blick auf San Francisco und die Golden Gate Bridge, über die Richmond-San Rafael Bridge und schon bin ich auf dem Parkplatz des legendären und ältesten Gefängnisses von Kalifornien. Auf der anderen Seite der Bay liegen Tiburon und Belvedere, eine sündhaft teure Gegend in der Region. Hier lebten Steffi Graf und Andre Agassi, bis sie ihr Anwesen für etwas über 20 Millionen Dollar verkauften und nach Las Vegas zogen. Dort lebte auch Robin Williams bis zu seinem Freitod.

San Quentin hat eine Traumlage mit Blick auf die Bay, der Nebel, der durch das Golden Gate strömt, lässt das Staatsgefängnis oftmals links liegen. Das sehe ich auch wieder, als ich an diesem Morgen mit Reno in einem kleinen Stahlkäfig eingesperrt werde. Er ist braungebrannt vom vielen Scrabble Spiel auf dem Hof des „East-Blocks“, der Death Row in San Quentin. In aller Ruhe schmiert er sich Ketchup und Mayonnaise auf das Sandwich und den Burger aus den Automaten, die ich noch in der Mikrowelle aufgewärmt habe, dazu zwei Dosen Coca Cola, Popkorn und ein Milky Way, denn das gab es diesmal mit dunkler Schokolade.

Die Zellen im East-Block von San Quentin. Foto: Reuters.

Ein Besuch wie so viele zuvor. Im Käfig gegenüber ein Mitglied der Aryan Nation. Glatzkopf, langer weißer Bart, ein eindeutiges Tattoo am Hals. Der Mittfünfziger beobachtet uns mit ernstem Blick. Er wartet und wartet und wartet. Nach 50 Minuten wird er wieder mit Handschellen und Kette um den Bauch in seine Zelle zurück gebracht, sein angekündigter Besucher kam nicht. In den weiteren Käfigen Gefangene und Frauen, die sie besuchen. Sowieso fällt man hier als männlicher Besucher auf. Es gibt wohl eine Faszination von Frauen für Häftlinge mit einer aussichtslosen Haftstrafe. Und die hier ist noch härter als lebenslang, denn im normalen Strafvollzug kann man „private“ Besuche mit der Frau oder Freundin bekommen. Auf Death Row ist gerade mal ein Begrüßungs- und Abschiedskuss erlaubt. Während des Besuches müssen die Hände sichtbar, also auf der Tischplatte sein. Und doch all diese Einschränkungen und Aussichten schrecken Frauen nicht ab, ernsthafte Beziehungen mit Todeskandidaten einzugehen. Eine davon lebt sogar in Nürnberg. Sie hat einen „Death Row Inmate“ in San Quentin geheiratet. Nach einer Brieffreundschaft ging man den Bund der Ehe ein. Nun ist es eine Fernbeziehung zwischen Nürnberg und San Quentin. Ein paar Besuche im Jahr, Briefe und fast tägliche Telefonanrufe um die halbe Welt.

Ich sitze mit Reno fast zwei Stunden an diesem Tisch, draußen fliegen die Möwen vorbei, die Fenster sind mit einem Stahlgitter ausbruchssicher gemacht. Wir reden über alles mögliche, klar, auch der neue Präsident ist ein Gesprächsthema. „Ich schalte immer gleich weg, wenn er im Fernsehen kommt“, meint Reno. In seiner 1,20 x 2,60 Meter kleinen Zelle schaut er lieber Motorrennsport und träumt von alten Zeiten, als er in den 60er und frühen 70er Jahren auf seiner Harley durch die Gegend tuckerte. Lang ist es her. 1978 wurde er verhaftet, 1980 zum Tode verurteilt. Seitdem ist viel Wasser durchs Golden Gate rein und wieder raus geflossen. Ebbe und Flut kommen und gehen, in San Quentin ist ein Tag wie der andere. Der fast 72jährige ist schon über die Hälfte seines Lebens hinter Gittern. Im Hochsicherheitstrakt der „Death Row“ mit strengen Regeln und Abläufen sind Besuche mehr als willkommene Abwechslungen. Sie sind, trotz der offensichtlichen Umstände, ein stückweit normales Leben. Eine Umarmung, relativ schmackhaftes Essen von draußen, Lachen, Geschichten von der Außenwelt. Nicht viele der etwa 750 Todeskandidaten haben diese Möglichkeit. Die meisten von ihnen sind mit ihrer aussichtslosen Verurteilung und über die Jahre vergessen worden.

Auf dem Weg nach draußen und zurück zum Parkplatz treffe ich den Pressesprecher von San Quentin. Mit ihm war ich mehrere Male im Gefängnis unterwegs, verbrachte viele Stunden mit ihm. „Hey, how you’re doing? Good to see you.“ „Doing well, how yourself?“ Ein bißchen Smalltalk am Rande der Bay. Ein neues, größeres Thema schwirrt mir durch den Kopf, Arbeitstitel: 24 Stunden auf Death Row. Die Genehmigung könne er mir nicht erteilen. Das müsse ganz oben im kalifornischen Justizministerium entschieden werden und das würde dauern. Zeit, das habe ich über die Jahre gelernt, ist nicht das Problem, wenn man sich mit der Todesstrafe und der Death Row in San Quentin beschäftigt.

Plastiktüten, Todesstrafe, Kondome und Limosteuer

Der Präsident ist durch und Kalifornien hat auch noch über anderes abgestimmt. Das Verbot von Plastiktüten bleibt im Sonnenstaat bestehen, Pornodarsteller müssen in ihren Filmen keine Kondome drüberziehen, in vielen Gemeinden wurde eine Limosteuer eingeführt, Zigaretten werden weiter besteuert, der Preis für eine Schachtel wird wohl um zwei Dollar steigen, der Verkauf von Munition wird drastisch verschärft und dann ist da noch die Todesstrafe. Kalifornien setzt politische Rauchzeichen, die auch in Washington gehört werden. Und diese Abstimmungen zeigen, dass Amerika auch mit einem Präsidenten Trump keinen Rechtsruck macht. Nicht die Themen für die Hillary Clinton steht wurden abgelehnt, sondern die Kandidatin. Viele der Stimmen für Trump waren vor allem Stimmen gegen Hillary Clinton.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Ich hatte ja schon in einem früheren Blogeintrag geschrieben, dass viele im Todestrakt von San Quentin gegen die Abschaffung der Todesstrafe und für die Beschleunigung der Verfahren sind, die nun auch zur Abstimmung standen. Und jetzt liegt das Ergebnis vor. Die kalifornischen Wähler haben sich mit 53,9 Prozent gegen eine Abschaffung der Todesstrafe und einer Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung ausgesprochen. Doch die Zahl der „Death Penalty“ Unterstützer sinkt weiter.

In der zweiten Abstimmung, die sich mit der Todesstrafe in Kalifornien befasste, votierten 50,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler für eine Beschleunigung der Verfahren. Zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung solle nicht mehr so viel Zeit vergehen, damit soll erreicht werden, dass die übervolle Death Row in Kalifornien mit derzeit über 750 Todeskandidaten geleert wird. Es gibt also noch eine Mehrheit in diesem Bundesstaat, die die Höchststrafe unterstützt. Doch diese Wahl zeigt, das Ende der Todesstrafe ist in Sicht.