SWR2 RadioTipp: Ciudad Juarez

Das SWR2 Feature über die Reise nach Ciudad Juarez kann man nun hier anhören.

Über die Situation in der mexikanischen Grenzstadt hatte ich auch ausführlich in der NZ berichtet:

SWR2 Feature
„The perfect storm“

Sendung am Mittwoch, 14.07.2010, 22.05 bis 23.00 Uhr
Juarez, eine Stadt versinkt im Chaos
Von Arndt Peltner
Ciudad Juarez ist eine mexikanische Grenzstadt, gleich neben El Paso, Texas, USA. Eineinhalb Millionen Menschen wohnen hier. Noch vor wenigen Jahren war sie ein beliebtes Ausflugsziel und Partyzone für Amerikaner und Mexikaner gleichermaßen. Juarez war das Musterbeispiel einer funktionierenden „Global Economy“, es herrschte Vollbeschäftigung, die Wirtschaft boomte und machte die Stadt zum Dreh- und Angelpunkt zwischen Nord- und Mittelamerika.
Das änderte sich schlagartig im Januar 2008, als zwei mexikanische Drogenkartelle einen offenen Krieg um die Transportwege in die USA eröffneten und für die Stadt „the perfect storm“ losbrach. Nahezu 5500 Menschen hat er bisher das Leben gekostet und Ciudad Juarez zur gefährlichsten Stadt der Welt gemacht, noch vor Bagdad und Kabul. Brutale Gangs schalteten sich ein und beförderten den offenen Fall der Stadt ins Chaos. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 25 Prozent, der Tourismus ist vollständig zusammen gebrochen, die Elite der Stadt hat das Weite gesucht. Und der Bürgermeister hofft, das Ruder rasch herumreißen zu können.

Wohin geht die Reise?

Nach wochenlangen Vorbereitungen geht es morgen los. Ciudad Juarez in Mexiko ist das Ziel. Die Grenzstadt zu El Paso, Texas. Die derzeit gefährlichste Stadt der Welt. Letztes Jahr wurden über 2600 Menschen dort umgebracht, in diesem Jahr ist die Statistik schon auf 50 Morde geklettert. Die 1,5 Millionen Metropole im Norden des Landes gleicht nach 21 Uhr einer Geisterstadt, schilderte mir ein lokaler Reporter am Telefon. Es ist unglaublich, denn nur eine Brücke über den Rio Bravo trennt Juarez von El Paso, der zweitsichersten Stadt in den USA. Hier sinkende Verbrechenszahlen, dort ein offener, brutaler und nicht zu kontrollierender Krieg zweier Drogenkartelle.

JuarezIch bin gespannt, was ich dort sehen werde, was mich erwartet. Es geht mir nicht darum, einen weiteren Beitrag über die Schrecken und den Horror in der Stadt zu zeichnen. Ich möchte sehen, ob und wie ein Leben in Juarez möglich ist, trotz dieser Umstände. Ist es überhaupt möglich, wenn es heisst, die irakische Haupstadt Bagdad oder die afghanische Haupstadt Kabul wären sicherer als Juarez? Es gibt einige beeindruckende und erschütternde Fakten über den Alltag in Juarez. In Mexiko gibt es nur einen legalen Waffenladen, und der ist in Mexico City. Doch die Kartelle sind bis zu den Zähnen bewaffnet. Die Waffen kommen aus den USA, wo einige Leute sehr, sehr gut mit dem Strassenkrieg in Juarez verdienen. Und die Kartelle, die sich um die Drogenrouten nach Norden bekämpfen, lassen den Krieg nicht nach El Paso rüber schwappen, denn sie wissen genau, dass das nur die amerikanischen Sicherheitsbehörden auf den Plan rufen würde. Es scheint also so, als ob Amerika nur dann reagieren würde, wenn die eigenen Interessen berührt werden, wenn die eigenen Bürger dran glauben müssten. Was ausserhalb der südlichen Grenze geschieht….tja, man beobachtet die Situation, heisst es von offiziellen Stellen. Und man zählt die Toten mit, die sich seit zwei Jahren in den Strassen von Juarez anhäufen.

Mordstadt Oakland

Oakland MordZuerst die gute Nachricht. Vor einem Jahr lag in Oakland die Mordrate Ende November schon bei 115 Toten. Ein Jahr später ist sie leicht gefallen, am Wochenende wurde der 100. Ermordete auf den Strassen Oaklands aufgefunden, ein 52jähriger der mit Schusswunden in seinem Blut lag. Eine Meldung, die hier keinen mehr so richtig überrascht, erzürnt, nachdenklich macht. Man lebt in Oakland mit dieser Mordrate….oder genauer gesagt in East- und West-Oakland. Zwei Stadtteile, die besonders betroffen sind. Hier sind Schiessereien, Drogen- und Bandenkriege und Morde zur Normalität geworden. Kinder wissen, dass man sich ducken muss, wenn es ballert. Das gehört hier einfach dazu.

Als ich 1999 hierher zog lag die Rate gerade mal bei 68 Toten. Und „gerade mal“ in diesem Zusammenhang zu schreiben, ist schon komisch. Denn 68 Ermordete gelten in Oakland als ein Erfolg der Polizei- und Präventionsarbeit. Nach 1999 ging es steil bergauf, jedes Jahr weit über 100 Tote. Bürgermeister kamen und gingen, darunter solche politischen Schwergewichte wie Jerry Brown und Ron Dellums. Beide führten Wahlkampf mit der hohen Mordrate und versprachen diese zu senken. Aber nischte passierte. Sie brachten neue Polizeipräsidenten mit sich, schöne Worte und viele neue Strategien, aber am Ende war die Modernisierung der Innenstadt wichtiger als der Alltag in den sowieso runtergekommenen Stadtteilen. Jerry Brown war früher Gouverneur von Kalifornien, dann demokratischer Präsidentschaftskandidat. Wurde Bürgermeister in Oakland, danach Generalstaatsanwalt in Kalifornien und ist nun erneut im Gespräch als Gouverneur des Bundesstaates. Könnte ich wählen, ich würde ihm nicht mein Kreuzchen geben, denn er hat auf ganzer Strecke in dieser Stadt versagt. Und der Amtsinhaber Ron Dellums ist nicht viel besser. Lange Zeit Kongressabgeordneter für Oakland, er gilt als einer der einflussreichsten Afro-Amerikaner in den USA, enger Busenfreund der Clintons. Doch im letztjährigen Präsidentschaftswahlkampf war er mehr für Hillary Clinton aktiv, glänzte durch Abwesenheit, als die Mordrate 2008 auf 124 Tote anstieg.

Seitdem ich vor 10 Jahren nach Oakland zog, wurden auf den Strassen der Stadt nahezu 1500 Menschen ermordet. Hier gewöhnt man sich an solche Statistiken. Als ich mit der Bundeswehr nach Afghanistan reiste, versuchte ich meine Mutter mit dem Argument zu beruhigen, dass die Wahrscheinlichkeit in Oakland umgebracht zu werden um einiges höher liegt als in Begleitung der Bundeswehr am Hindukusch. Es ist wohl überflüssig zu sagen, dass Mutter Peltner dem Argument so gar nicht folgen wollte. „Ach, hör doch auf Arndt“, waren ihre Worte.

Na ja, man kann auch die gute Seite des ganzen sehen. Oakland ist nicht die gefährlichste Stadt Kaliforniens. Man soll ja auch mal über die guten Nachrichten berichten.

Mörderischer Wahnsinn ohne Ende

Deutschland ist geschockt. Der Amoklauf des 17jährigen Tim K. wirft immer wieder die Frage auf, wie kann so etwas passieren. Eine Antwort darauf wird es wohl nie geben. Doch die Debatten über Gründe der Gewalttat sind wichtig, denn sie zeigen, dass Gewalt nicht akzeptiert wird. Was kann getan werden, um so etwas in Zukunft zu verhindern? Helfen strengere Waffengesetze? Kann man betroffene Schüler schon vorher erreichen, bevor sie Unvorstellbares in die Tat umsetzen?

In Oakland starb in der letzten Nacht ein Mädchen. Niedergeschossen an der Ecke 64. Strasse/MacArthur Boulevard. Im Highland Hospital konnte nur noch ihr Tod festgestellt werden. Die Teenagerin ist bereits das elfte Mordopfer in diesem Jahr. 2008 wurden 124 Menschen im Stadtbereich von Oakland ermordet. Auf dem Online Portal von SF Gate kommentierte ein Leser die kurze Nachricht mit den Worten: „Wo ist der Aufschrei? Regen sich die Menschen in Oakland nur auf, wenn die Polizei jemanden erschiesst?“

Seitdem ich 1999 nach Oakland zog, ist die Mordrate pro Jahr fast gleich geblieben. Das heisst, in den zehn Jahren, seitdem ich hier in dieser Stadt wohne, wurden rund 1200 Menschen ermordet. Bürgermeister kamen und gingen, darunter so bekannte Namen wie der frühere kalifornische Gouverneur und jetzige kalifornische Staatsanwalt Jerry Brown und der einflussreiche ehemalige Kongressabgeordnete Ron Dellums, der auf Du und Du mit den Clintons und Obamas ist. Sie alle machten die hohe Mordrate zum Wahlkampfthema, versprachen ein Ende der Gewalt auf den Strassen. Nichts hat sich allerdings geändert…das Töten geht weiter.

Eine breite Diskussion, wie sie derzeit in Deutschland geführt wird, gibt es in den USA nicht. Denn sie würde an einem vermeintlichen Grundrecht wackeln, auf das sich viele Amerikaner stützen. Das Recht eine Waffe zu tragen, und das, obwohl es solch ein universales Recht in der amerikanischen Verfassung gar nicht gibt.