We won’t overcome

50 Jahre nach der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und Amerika ist wieder mittendrin in einer neuen Debatte um Rassismus, Gleichberechtigung, schwarz und weiß. Doch diesmal marschieren nicht mehr die Massen, auch die Radikalisierung der Black Panther Bewegung fehlt, vielmehr spielt sich mehr und mehr in den Tiefen des World Wide Web ab. Die sozialen Netzwerke sind die Waffen. Facebook und twitter anstelle von „We shall overcome“ und Sitzblockaden.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung 1965.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung 1965.

Die Namen Oscar Grant, Trayvon Martin, Michael Brown, Eric Garner und andere, werden heute so genannt wie Medgar Evers, James Chaney, Vernon Dahmer, Fred Hampton. Immer wieder werden Parallelen zu den Ereignissen vor 50 Jahren gezogen, zumindest wird der Versuch unternommen. Doch die Zeiten haben sich geändert, die breite Bewegung in den USA fehlt. Die Demonstrationen auf der Straße ziehen lange nicht die gleichen Menschenmengen an, wie damals. Das etwas nicht stimmt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das ist jedem klar. Nur, welche Lösungen es für die Probleme gibt, das bleibt offen und wird auch offen bleiben.

Auch wenn viele in Amerika und im Ausland gerne dieses schwarz-weiß Bild von den USA zeichnen und zeichnen wollen. Es geht nicht nur um Polizeigewalt,  um eine Reduzierung auf dieses symbolische Bild weißer Polizist/Staatsmacht gegen Afro-Amerikaner/Unterdrückte. In den USA gibt es vielmehr strukturelle Probleme, die nicht zu ändern sind. Damals nicht und auch heute nicht. Man denke nur an das Bildungs-, das Wahl-, das Sozialsystem, um nur drei Beispiele zu nennen. Der Wille fehlt auf breiter Basis, um Amerika ganz neu zu gestalten. Das wird auch wieder im Wahlkampf deutlich, wo von „God’s Country“, vom „best place on earth“ geredet und vom „American Dream“ geschwärmt wird. Man sollte endlich aufhören Amerika als Fantasialand darzustellen und vielmehr eine nüchterne, doch ehrliche Analyse der amerikanischen Gesellschaft vorantreiben. Doch damit, das ist klar, lassen sich keine Wahlen gewinnen. Fazit…es wird sich also nichts ändern. Zumindest nicht zum Besseren.

Was steckt hinter der Gewalt?

In Ferguson brannten erneut Autos und Geschäfte.

In Ferguson brannten erneut Autos und Geschäfte.

In Ferguson, Missouri, erklärt die „Grand Jury“, dass der weiße Polizist Darren Wilson nicht für die tödlichen Schüsse auf den unbewaffneten 18jährigen Afro-Amerikaner Michael Brown angeklagt wird. In Ferguson und auch in Oakland stehen Protestierende auf der Straße, halten Plakate hoch, hören das Urteil, alles bleibt zunächst ruhig. Dann beginnt der Demonstrationszug durch Downtown Oakland zu marschieren. Alles ist noch friedlich, doch irgendwann kippt die Stimmung.

Oakland ist die Stadt, in der Oscar Grant von einem BART Polizisten erschossen wurde. Auch er war unbewaffnet, auch er ein Afro-Amerikaner, auch in dem Fall wurde der Todesschütze nicht wegen Mordes angeklagt. Oakland ist eine „schwarze“ und hochpolitische Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sich hier viele Afro-Amerikaner aus dem Süden des Landes nieder. Der Hafen und die lokale Industrie boten Jobs. In Oakland wurde die Black Panther Partei gegründet, hier begann die „Free Speech“ Bewegung, Oakland ist eines der amerikanischen Zentren des Hip Hop.

Natürlich blickt man von hier aus genau hin, was in Ferguson oder in Sanford, Florida, im Trayvon Martin Fall, passierte. Eben nichts, zumindest kam das so an. Ein weißer Polizist schießt auf einen unbewaffneten Schwarzen. Mal wieder, ein Zeichen der Ungleichheit in den USA, des Rassismus, die ganze Geschichte dieses Landes wird neu aufgerollt.

Dass Schwarze in den USA noch immer nicht gleichberechtigt sind ist weitestgehend bekannt. Da helfen auch keine Gesetze und auch kein schwarzer Präsident. Eine tiefe, umfassende und vor allem ehrliche Debatte fehlt in den USA. Da wird immer wieder Martin Luther Kings „I have a dream“ Rede vorgezogen, an die Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren erinnert, auf die Politisierung und auch Radikalisierung der Afro-Amerikaner gezeigt. Es wurden in den letzten 50 Jahren viele Gesetze verabschiedet, um die geschichtlichen Schulden des weißen Amerikas zu begleichen. Viel geholfen hat es nicht. Da muß man ehrlich sein.

Von daher ist die Wut und der Zorn, das Desinteresse und die Gleichgültigkeit in den afro-amerikanischen und mittlerweile auch in den Latino Communities zu verstehen. Es ändert sich ja doch nichts. Doch warum bei solchen Protesten immer auch Läden und Autos angezündet, „Corner Stores“, kleine Nachbarschaftsläden, geplündert werden, das ist mir unbegreiflich. Hier in Oakland brannten Geschäfte, Autos wurden demoliert, Hunderte marschierten auf die Autobahn und behinderten für Stunden den Verkehr. Bis tief in die Nacht lieferten sich einige der Protestierer Straßenschlachten mit der Polizei. Was das für eine politische Message sein soll, was das mit Michael Brown, Oscar Grant, Trayvon Martin, mit Diskriminierung, Rassismus und Ungleichheit zu tun hat, verstehe ich nicht. Das politische Establishment, das verhasste „weiße Amerika“ blieb davon in der Nacht auf Dienstag zumindest unberührt.

Die offene Wunde Amerikas

Schwarze in Amerika     
Unruhen in Ferguson, Missouri.

Unruhen in Ferguson, Missouri.

Die Unruhen in Ferguson sind kein Einzelfall in den USA. Ganz im Gegenteil, sie werfen ein Licht auf ein großes Problem, das allzu gerne in Amerika übersehen wird. Die Benachteiligung und die Ungleichheit von Afro-Amerikanern. 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung hat sich für einige Teile der amerikanischen Bevölkerung nicht viel geändert. Interessanterweise ist Amerika selbst über das Offensichtliche im Land gespalten. Nahezu 65 Prozent der Republikaner sehen in den Ereignissen in Ferguson kein „Rassenproblem“. Demokraten hingegen meinen mit einer Zweidrittelmehrheit, dass die Unruhen in der Kleinstadt durchaus etwas mit einer Ungleichbehandlung von jungen Schwarzen zu tun habe. Und nicht nur das, wie Professor Howard Pinderhughes von der „University of California“ in San Francisco (UCSF) erklärt, wer eine schwarze Hautfarbe in den USA hat, ist von vornherein verdächtig.

Dazu der aktuelle Audiobericht.

Der Blick zurück nach vorne

George Zimmerman ist ein freier Mann. Eine Jury in Florida kam zu dem Urteil, dass er den schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin nicht ermordet hatte. Doch dieses Urteil löste erneut in den USA eine breite Diskussion über Bürgerrechte und Benachteiligung von Afro-Amerikanern, über Diskriminierung und Rassismus, über ein ungerechte Justiz und eine gespaltene Gesellschaft aus. Und das 50 Jahre nach dem Marsch auf Washington.

Am 28. August jährt sich der Tag, an dem 1963 Martin Luther King seine berühmte Rede vor dem Lincoln Memorial in Washington hielt:

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Rund 300.000 Menschen kamen damals nach Washington. 80 % davon, so schätzte man, waren Afro-Amerikaner, die ihre Rechte einforderten. Mahalia Jackson, Bob Dylan, Joan Baez umrahmten musikalisch dieses Ereignis. Der Marsch auf Washington wurde zum historischen Datum in der amerikanischen Geschichte, es war der Beginn einer Gewissheit für die Afro-Amerikaner, dass Veränderungen möglich waren, dass man gemeinsam den gesellschaftlichen Wandel schaffen kann.

In diesen Tagen wird zurück geblickt. Man erinnert sich, fragt, was ist seitdem geschehen? Der 28. August 1963 ist ein bedeutender Tag in der Geschichte der USA. Gerade auch, weil die derzeitige Debatte aufzeigt, dass die amerikanische Gesellschaft noch immer in Bewegung, noch lange nicht am Ziel angekommen ist. Die Bürgerrechtsbewegung ist nicht einfach etwas aus den 60er Jahren, sie ist ein lebendiger Part der USA.

Smithsonian Folkways hat eine interessante Sammlung an Originaltönen und Liedern aus der Zeit online gestellt, die man hier finden kann.

Another bloody murder…#54

Alaysha Carradine ist bereits das 54. Mordopfer in Oakland in diesem Jahr. Sie war gerade mal 8 Jahre alt. Es sind Schulferien und Alaysha wollte die Nacht bei ihrer 7jährigen Freundin verbringen, als um 23:18 Uhr jemand durch die Wohnungstür schoß. Alaysha starb an ihren Verletzungen. Die Freundin, deren 4jähriger Bruder und die 64jährige Großmutter wurden angeschossen und ins Krankenhaus gebracht. Eine weitere Person in der Wohnung blieb unverletzt.

Das ganze ereignete sich in einem Stadtteil von Oakland, der bislang von der blutigen Gewalt verschont blieb. Die Polizei hat nun die Bevölkerung aufgerufen, an der Aufklärung dieses Mordes zu helfen. Eine Belohnung von 25.000 Dollar wurde ausgeschrieben.

In ersten Reaktionen auf diese Meldung fragten viele Leser online, ob die „Community“ von Oakland nun auch auf die Straße gehen und für ein Ende der Gewalt protestieren wird. Seit dem Urteilsspruch gegen George Zimmerman am Samstagabend im Trayvon Martin Prozess kommt es in Oakland immer wieder zu Demonstrationen.

„I just called to say…I’m not coming anymore“

Stevie Wonder kommt nicht mehr nach Florida. Das hat der Musiker bei einem Konzert im kanadischen Quebec erklärt. Grund dafür ist das Gesetz „Stand your ground“, das besagt, wenn man angegriffen wird, darf man sich verteidigen, auch mit einer Waffe, auch mit tödlichen Schüssen. Aufgrund dieses Gesetzes wurde am Samstag George Zimmerman freigesprochen, der im vergangenen Jahr den 17jährigen Afro-Amerikaner Trayvon Martin während einer Auseinandersetzung erschoss. Die Staatsanwaltschaft konnte nicht klar belegen, wer der Aggressor war, Zweifel bestanden, die Jury wollte Zimmerman nicht verurteilen, der erklärte, er habe sich nur verteidigt.

Seitdem diskutiert Amerika über eine rassistische Justiz, über Diskriminierungen von Schwarzen, über „Racial Profiling“, die gezielte polizeiliche Kontrolle aufgrund von rassischen Gründen. In Online-Foren, in Diskussionssendungen, auf der Straße beklagen sich junge Schwarze, dass sie von vornherein von der Polizei als Kriminelle gesehen werden. Sie würden öfters und stärker kontrolliert werden. Amerikas Polizeibehörden und Justizia sei auf einem Auge blind.

Nun bekommt die Debatte durch die Ankündigung von Stevie Wonder nochmal einen neuen Dreh. Er wolle in keinem Bundesstaat mehr auftreten, in dem so eine Gesetzgebung existiere. Ein junger Afro-Amerikaner sei Opfer genau dieser „Stand your ground“ Regel geworden. Stevie Wonder wird seinen Tourplan nun deutlich einschränken müssen, denn in mehr als der Hälfte der US Bundesstaaten sind solche Gesetze verankert. Doch Wonders Entscheidung stößt auf großes Interesse, abzuwarten ist nun, ob andere Musiker und Bands seinem Beispiel folgen werden. Diese „musikalische“ Abstimmung könnte schließlich Erfolg haben, dass ein fatales Gesetz wie „Stand your ground“ überarbeitet wird.

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Nazi-Aufmarsch in Florida

Ihre Webseite heisst www.nsm88.org. Und das steht ganz einfach und unverhohlen für „National Socialist Movement Heil Hitler“. Alles klar? Alles klar. Die Gruppe um den Kommandeur Jeff Schoep sieht sich selbst als „weiße Bürgerrechtsorganisation“. Der Hauptsitz ist in Detroit, doch die Freizeitnazis machen derzeit mehr durch Patrouillen in anderen Teilen der USA auf sich aufmerksam. An der US-mexikanischen Grenze in Arizona marschiert die NSM, um den illegalen Grenzübertritt von Mexikanern zu verhindern. Natürlich ist man als braune Militia im Kampf fürs Vaterland gut gerüstet mit Pistolen, Maschingewehren und allem, was der amerikanische Arier im Dienst des österreichischen Seitenscheitelträgers so braucht.

Nun kam die Gruppe wieder in die Schlagzeilen. Die NSM patrouilliert in den Straßen von Sanford in Florida, in jener Stadt, wo Ende Februar der junge Schwarze Trayvon Martin vom Blockwart George Zimmerman erschossen wurde. Seitdem die tödlichen Schüsse fielen, ist nichts mehr, wie es war in Sanford. Die afro-amerikanischen Bürgerrechtler Jesse Jackson und Al Sharpton führen eine nach der anderen Demo an. Die New Black Panther Party hat ein Kopfgeld von 10.000 Dollar für die Ergreifung Zimmermans ausgesetzt.

Und nun marschieren auch noch die schwer bewaffneten Sturmtruppen durch Sanford. Commander Schoep erklärt, dass sei nur zum Schutz der weißen Anwohner, denn die hätten Angst davor, dass ein Rassenkrieg auf ihren Straßen ausbrechen könnte und verweist auf vergangene Konflikte in Detroit und Los Angeles. Klar, rassistische Neo-Nazi Kampfgruppen mit dem Finger am Abzug werden sicherlich die Situation und die Gegend beruhigen. Ist klar, was anderes kann man sich auch gar nicht vorstellen. Interessant ist dabei, dass so ein Aufmarsch mit Schußwaffen in Florida ganz legal ist. Man kann also fast darauf warten, dass es zu einer weiteren Auseinandersetzung, wie auf dem NSM Video kommen wird. Auch das ist Amerika, ganz legal, toleriert und fast überall anzutreffen.

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