Meine Reisen in die „Shitholes“ dieser Welt

Donald Trump erklärte Länder wie Haiti, El Salvador und afrikanische Länder zu „Shitholes“. Damit trat er einen „Shitstorm“ los, um beim Thema zu bleiben. Die Aufregung am Donnerstag war groß. Trump reagierte am Freitagmorgen und tweetete wie immer eine Antwort. Klar, alles sei gelogen.

Er habe niemals schlecht über Haiti gesprochen, denn er habe ja eine „wunderbare Beziehung“ zu den Menschen dort. Kein Wort von El Salvador oder den afrikanischen „Dreckslöchern“, die von Trump ebenso benannt wurden. Anscheinend steht der Präsident zu seiner Meinung, obwohl er bislang weder die Länder noch die Menschen dort kennengelernt hat. Aber die Aussage ist nur eine von vielen rassistischen Äußerungen Donald Trumps. Überraschend kam sie nicht (mehr).

Das Haus wurde mir von der Dorfgemeinschaft in einer kleinen Gemeinde im südlichen Niger angeboten. Wir hatten trotz der ernüchternden Situation um uns herum viel Spaß an diesem Tag.

Erschreckend war auch die Reaktion der Trump-Basis, die die durchaus rassistischen und beleidigenden Worte ihres Führers relativierten. So spreche man eben in der Kneipe, so sehen „Amerikaner“ diese unterentwickelten Orte, Trump verstehe einfach seine Wähler und drücke das aus, was sie denken. So, die einhellige Meinung auf FOXNews. Nun, ich bin auch Amerikaner, selbst Immigrant, wenn auch nicht aus einem „Shithole Country“, doch ich kenne einige der Länder, die unter den Trumpschen Hammer kamen: Niger, Somalia, die Demokratische Republik Kongo, den Tschad. Der Grund, warum Menschen fliehen, zu Flüchtlingen werden, ihre Heimat verlassen, ist sicherlich nicht der, dass sie meinen in den USA ein Lotterleben führen zu können. Oftmals hängt der Grund für die Flucht oder die Eskalation der Situation vor Ort auch mit der amerikanischen Außenpolitik zusammen. Wenn man, wie Trump, die Diplomatie nun fast nur noch auf Militäreinsätze und militärische Drohgebärden beschränkt, offene Stellen in den Botschaften nicht besetzt, wichtige Entwicklungshilfegelder kürzt oder ganz streicht, der braucht sich nicht zu wundern, wenn Menschen sich auf den Weg machen. Niemand wird geboren um ein Flüchtling zu werden.

Die Zukunft des Journalismus

Auf die Medien und die Journalisten wird ja in diesen Wochen und Monaten gerne eingeprügelt. Nicht nur Donald Trump hat seine Sündenböcke gefunden, die er unter dem Jubel seiner Anhänger beschimpft, verunglimpft und verbal bespuckt, auch die seltsame deutsche Bürgerbewegung Pegida und die sogenannte „Alternative für Deutschland“ sprechen gerne von der „Lügenpresse“.

Heute war ich auf Einladung einer alten Kollegin von KUSF, die für den Nachfolgesender „San Francisco Community Radio“ Medienarbeit an Schulen unterrichtet, am „Lycée Français de San Francisco„. Ihn ihrer Klasse waren zehn junge Schüler, die mich interviewten, Fragen stellten zu meiner Arbeit, meinem Werdegang und wie das so ist, Journalist zu sein. Sie hatten zuvor mit Farinaz Agharabi Fragen vorbereitet und die reichten von in welchen Ländern ich schon war, wie lange ich schon als Journalist arbeite, wie es dazu überhaupt kam als Journalist zu arbeiten, bis hin ob es auch mal gefährlich werde. Eine Frage jedoch ließ mich selbst nachdenken: ob ich gerne Journalist bin?

Ja, bin ich. Ich glaube, es ist der richtige Beruf für mich. Und das sagte ich ihnen auch. Ich bin neugierig und meistens bekommt man als Journalist auf seine Fragen Antworten. Ich reise viel und an Orte, die keine Urlaubsziele sind. Treffe Menschen, die ich wohl nie treffen würde, wenn ich nicht Journalist wäre. Viele von ihnen erzählen mir aus ihrem Leben. Oftmals sind es schlimme Erlebnisse, Erfahrungen und Umstände, von denen mir berichtet wird. Und doch sind da auch viele schöne Augenblicke, die ich nicht missen möchte. Im umkämpften Osten des Kongos gab es einmal einen Besuch in einem entlegenen Dorf, das immer wieder von Milizen angegriffen wurde. Das Dorf wurde geplündert, Frauen vergewaltigt, Männer brutalst zusammen geschlagen, erniedrigt, auch getötet. Als wir damals in dieses Dorf fuhren, wartete die evangelische Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf an der Straße, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus und gingen gemeinsam mit ihnen, tanzend und singend, zu der kleinen Kirche aus Holzstöcken und Stroh. Und dort berichteten sie von den Schrecken ihres Alltags. Sie wußten, dass ich „nur“ ein Journalist bin, und doch war da jemand, der einfach mal zuhörte, Interesse zeigte.

Irgendwo in Ruanda liegt ein Fußballplatz.

In Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, spielte ich mit jungen Männern Fußball. Draußen standen unsere „Bewacher“ mit ihren Maschinengewehren und ich zog mir die kurze Hose an, schnürte die Turnschuhe und wartete auf meinen Einsatz. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und die jungen Kerle kurvten um diesen alten Sack aus Nürnberg problemlos herum, doch es war ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Normalität in einem geplagten Alltag. Fußball war auch in Ruanda so ein Erlebnis für mich. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kigali und Gisenyi fuhren wir an einem Feld vorbei, auf dem ein gutes Dutzend Kinder in Fetzen bekleidet und barfuss Fußball spielte. Ihr Ball war nicht aus Leder, sondern aus Bananenblättern. Hart und dennoch rund. Damit spielten sie. Anfangs waren sie überrascht, als ich mitspielen wollte, doch dann lachten sie und spielten einfach weiter mit mir.

Und dann war da der Niger. In irgendeinem Dorf im Süden des Landes. Ich war mit CARE unterwegs, wir sprachen über die Auswirkungen des „Global Warming“ – Dürre und Hunger. Und dann saßen wir mit einer Frau und ihrem Sohn in ihrer Hütte. Einfach und kahl und lachten. Oder im Tschad, in einem Flüchtlingslager für Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, die viel, die sehr viel Schlimmes auf der Flucht erlebt hatten. Es war erst 10 Uhr morgens, doch schon sehr heiß und drückend. Ein Termin führte uns zu einem Brunnen, der von CARE gebohrt wurde. Auch dort wartete schon eine Gruppe von Frauen, Männern und Jugendlichen auf uns. Sie zeigten uns den Brunnen, wie er funktioniert und instand gehalten wird. Doch dann wurden Lieder gesungen, es wurde ausgelassen getanzt, die Besucher so willkommen geheißen.

Viele solcher kleinen, doch für mich großen Momente, machen den Job als Journalist aus. Und sie sind zahlreich. Die Menschen, mit denen ich spreche, die Orte, die ich sehe, die vielen Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Die reichen von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und Hilfsorganisationen bis hin zu Musikern und sogar einer Bundestagsabgeordneten. Journalist sein bedeutet hinzusehen und hinzuhören. Und es war schön, dieses Interesse heute im „Lycée Français de San Francisco“ zu sehen. Mädchen und Jungen, die Fragen hatten, die Antworten verlangten, die neugierig waren. Der Journalismus hat eine Zukunft, wenn man junge Menschen an die Tiefe und auch an die Schönheit dieses Berufes heranführt.

 

 

Mit CARE nach Afrika

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

In der Vorweihnachtszeit wird viel gespendet. Es ist nicht einfach, die richtige Organisation zu finden, der man vertraut, bei der man weiß, die Spende – ob groß, ob klein – kommt auch an. Schon mehrmals war ich mit der Organisation CARE Deutschland in Afrika unterwegs. Es ging in den Kongo, in den Tschad, nach Somaliland und Puntland und schließlich vor kurzem in den Niger. Vor Ort konnte ich mich über die Arbeit von CARE informieren, selbst sehen, wie das gespendete Geld eingesetzt wird, wie die finanziellen Mittel in den verschiedensten Projekten ankommen, genutzt werden.

Das reicht von der Flüchtlings- und Nothilfe im Osten des Kongos und im Süden des Tschad, über Bildungs- und Fördermaßnahmen in Somaliland und Puntland, der Unterstützung von lokalen Organisationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung am Horn von Afrika bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten im vom Klimawandel betroffenen Niger und Gesundheitssendungen im dortigen Radio. Und das war und ist nicht alles, CARE ist breit aufgestellt in derzeit 90 Ländern.

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Auf den Reisen mit CARE lernte ich viel. Zu den Themen, über die Menschen, die Länder, die Kulturen. Aber auch über mich selbst. Vieles war nahegehend, was ich gesehen, was ich gehört habe. Oftmals war es eine Erdung für das eigene Leben. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind die vielen Projekte von CARE, wie sie angenommen und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht einfach so dahingesagt, die Hilfsorganisation hat selbst viel in den 70 Jahren ihrer Existenz dazu gelernt. Wurden am Anfang, 1946, Lebensmittelpakete aus Amerika in das zerstörte Europa geschickt, um so das Leid und die Not etwas zu lindern, merkte man schnell, dass da mehr gebraucht wird. Schon kurz nach den ersten Lebensmittelpaketen, verschickte man auch Saatgut-, Werkzeug-, Arzneimittel-Pakete – Hilfe zur Selbsthilfe.

Und heute ist dieser Ansatz in allen Bereichen der CARE Arbeit zu finden. Neben der Nothilfe geht es auch immer darum, den Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie mit etwas Unterstützung selbst erreichen können. In den kommenden Tagen berichte ich in einer dreiteiligen Serie in der Printausgabe der Nürnberger Zeitung über CARE, der Fokus liegt dabei auf meiner jüngsten Reise in den Süden des Niger.

Unterstützen kann man die Hilfsorganisation direkt mit einer Spende:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE93 3705 0198 0000 0440 40
BIC: COLSDE33
Stichwort: Afrika Nothilfe
www.care.de/spenden

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„The most dangerous place in the world“

Ich war in der mexikanische Grenzstadt Ciuadad Juarez zu Fuß unterwegs, als dort im Jahr 3600 Menschen ermordet wurden.

      Besuch in Ciudad Juarez

Mit der Bundeswehr war ich zweimal in Afghanistan. Nach der Landung in Kunduz bekam ich gleich eine kugelsichere Weste und einen Stahlhelm verpasst, im gepanzerten Fahrzeug ging es die kurze Strecke vom Flughafen in die Kaserne der Deutschen. Ich reiste in den Ostkongo, um über die dortige Krise zu berichten, sprach im Rebellengebiet der M23 mit dem Präsidenten, während vor der Tür bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehren und Raketenwerfern standen.

      Besuch im Ostkongo

Es ging in den Tschad. Im Süden des Landes herrschte eine Flüchtlingskrise, das Chaos aus der benachbarten Zentralafrikanischen Republik drohte in den Tschad überzuschwappen.

      Besuch im Tschad

Dann ging es nach Somalia, ans Horn von Afrika. Einen funktionierenden Staat gibt es dort nicht mehr, seit 25 Jahren ist das Land gespalten, Teile versinken im Chaos, werden von Terrorgruppen, wie der Al-Shabaab Miliz, tyrannisiert.

      Besuch in Somalia

Ach ja, und hier drüben war ich auch mal in Los Angeles unterwegs, um dort auf Spurensuche nach den Gangs zu gehen, denn LA gilt als die Hauptstadt der Banden und kriminellen Organisationen in den USA.

      Besuch in Los Angeles
Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Donald Trump redet mal wieder Unsinn. Foto: Reuters.

Das sind nur ein paar der „Reiseziele“, die ich in den letzten Jahren angesteuert habe. Waffen, Gewalt, Not und Elend gab es auf all diesen Trips zu sehen. Doch anscheinend hätte ich für den „Nervenkitzel“ gar nicht so weit fahren müssen, denn der angehende republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump erklärte nun in seiner allumfassenden Kenntnis des amerikanischen Alltags in einem Interview mit der New York Times: „There are places in America that are among the most dangerous in the world. You go to places like Oakland, or Ferguson. The crime numbers are worse. Seriously.“ Oakland ist, laut Trump, also vergleichbar mit den Krisenherden dieser Welt.

Was stimmt, meine neue Heimatstadt in Kalifornien hat ein Gewaltproblem. Die FBI Statistik für 2014 belegt, dass es in dem Jahr 6900 Gewaltverbrechen in Oakland gab, darunter 80 Morde. Doch das ist nichts besonderes für die USA. Vergleichbare Städte, wie Miami oder New Orleans, liegen noch darüber. Oakland ist also nicht gefährlicher als andere US Städte.

Die Reaktion in Oakland ließ nicht lange auf sich warten. Bürgermeisterin Libby Schaaf, geboren und aufgewachsen in Oakland und eine erklärte Hillary Clinton Unterstützerin, twitterte und postete diese Nachricht auf facebook: „Let me be clear, regarding @nytimes story, the most dangerous place in America is Donald Trump’s mouth.“ Dazu muß ich glaube ich nichts mehr hinzufügen!

Der Tag des Radios

World Radio Day 2015.

World Radio Day 2015.

Wie oft habe ich das schon gehört: das Radio ist tot! Das kann eigentlich nur jemand sagen, der sich lediglich die lokale, regionale und vielleicht auch noch die nationale Radiolandschaft ansieht und anhört. Es stimmt, es wird kaum noch investiert in den lokalen Hörfunkjournalismus, die Ausbildungsziele sinken, die Musikberieselung aus einer sehr eng gefassten Rotation nimmt zu, und selbst die öffentlich-rechtlichen Sender, einst Bastionen für Information und Anspruch, schließen sich dem Zeitgeist an: Unterhaltung über alles. Die Umstellung von BR-Klassik auf Puls Jugendradio ist meines Erachtens auch ein deutliches Zeichen in diese Richtung.

Vor 30 Jahren begann mit großem Elan der private Rundfunk in Bayern. Im Nürnberger Großraum gab es einige Sender, die kamen und gingen, am Ende wurde das Funkhaus gegründet, ein Zusammenschluß von vier Privatsendern: Radio F, Radio Gong, Radio N1 und Radio Charivari. Ein paar Jahre war ich auch dabei, im Rückblick wohl die schönen Jahre des Lokalfunks, denn einiges war journalistisch möglich und auch gewollt, von dem man heute nur noch träumen kann. Von daher kann ich gut verstehen, dass einige meinen, Radio sei so überflüssig geworden wie der berühmte umfallende Sack Reis im Hafen von Shanghai.

Sendeplakat der Deutschen Welle zum Standort Kigali, Ruanda.

Sendeplakat der Deutschen Welle zum Standort Kigali, Ruanda.

Doch Radio ist viel mehr als nur Berieselung und Bespaßung. Ich hatte das Glück, Radio auch in anderen Teilen der Welt kennenzulernen, hier in den USA, in Afrika, in Afghanistan. Und natürlich gibt es überall die gleiche Entwicklung. Unterhaltung ohne Ende, Moderatoren, die dem Hörer auf dem Schoß sitzen und mir schon morgens um halb sieben sagen, wie toll doch der Tag sei. Grottenschreckliche Comedy, die mit Lachern unterlegt wird, damit man erahnen kann, wann eigentlich gelacht werden sollte. Das ist weit verbreitet.

Dennoch glaube ich an das Radio. Hier in den USA sind es die vielen Community und Collegesender, die Piratenradios, die den demokratischen Grundansatz verteidigen. Hier hört man Programme, Musik, Meinungen, die anders sind, die ehrlich sind, die aus einer ganz anderen Perspektive kommen. Ja, Minderheitenradio wird zum Einschaltfaktor. Und das alles hat sich neben dem riesigen Moloch des kommerziellen Rundfunks in den USA entwickeln und etablieren können und dürfen.

In afrikanischen Ländern wie Ruanda, dem Kongo, Uganda, Burundi, dem Tschad ist es schwer diese Form von „offenen“ Kanälen zu verwirklichen. Der Staat schaut genau hin, was gesendet wird, reglementiert, verbietet, läßt abschalten. Dort ist die Rolle von Auslandssendern, wie der Deutschen Welle, mehr als wichtig, um so neutrale Informationen und durchaus auch kritische Berichterstattungen zu verbreiten. Viele Menschen in Afrika schalten ein, Untersuchungen besagen sogar, dass 75 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern Zugang zum Radio hat. Das schafft kein Fernsehen, keine Zeitung, kein Onlinedienst. Radio war, ist und bleibt wichtig.

Doch am 29. März wird die Sendeanlage der Deutschen Welle in der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschaltet. Über diese Sendemasten verbreitete der deutsche Auslandssender seit Jahrzehnten seine Programme in Afrika über Kurzwelle. Der Staat Ruanda wollte das weitläufige Areal zurück haben, bebauen und verlängerte daher nicht mehr die Verträge, die 1963 unterschrieben wurden. Die Deutsche Welle erklärte, man wolle in Zukunft mehr auf Partnerschaften mit UKW Stationen in den verschiedenen Ländern und Smartphone-Apps setzen. „Hier erreichen wir einen stetig wachsenden Hörerkreis in Afrika“, meinte ein Sprecher der DW. Doch das ist ein fataler Irrtum, denn mit UKW Sendern und Apps macht man sich abhängig von anderen, die letztendlich die Kontrolle über die Sendungen des deutschen Auslandssenders haben.

Am Freitag den 13. Februar ist „World Radio Day„, der internationale Tag des Radios, ausgerufen von der UNESCO. Damit soll auf die hohe Bedeutung des Radios hingewiesen werden, dem wohl nach wie vor wichtigsten Medium. Man muß nun genauer hinschauen und hinter die Grenzen der eigenen Region blicken.

Ein Mann im Schutzanzug

Zurück aus dem Tschad. Am letzten Tag hatte ich noch ein sehr interessantes und umfassendes Gespräch mit dem Leiter der UN Mission im Tschad. Der Schweizer Thomas Gurtner lebt seit über drei Jahren in N’Djamena und fasste für mich die Situation historisch und politisch zusammen. Die Region brennt, der Tschad ist das einzig einigermaßen stabile Land weit und breit. Der Westen sollte hinschauen, was dort passiert, meinte Gurtner, Europa ist nah. Die Konsequenzen eines gescheiteren Tschad wären immens.

Deutschland ist im Tschad aktiv. In den Flüchtlingslagern sieht man Schilder und Plakate, auf denen erwähnt wird, dass dieses oder jenes Projekt mit Geldern des Auswärtigen Amtes und des BMZ unterstützt wurde. Die Hilfsorganisation Care ist vor Ort ein verlässlicher Partner. Die deutschen Steuergelder kommen da an, wo sie helfen sollen. Und das wird geprüft. Für jeden ausgegebenen Euro gibt es einen Beleg. Der Papierberg ist immens, die Pressesprecherin von Care Deutschland schleppte am Ende der Reise einen zusätzlichen fast 30 Kilogramm schweren Koffer mit zurück nach Bonn. Gefüllt nur mit Papier. Abrechnungen, die ans Auswärtige Amt gehen und dort genauestens geprüft werden. Der Umfang der Hilfsangebote und Hilfsprojekte von Care im Tschad ist jedoch gefährdet. Es fehlen Gelder, um den aktuellen Stand auch nur halten zu können. Wie es weiter gehen soll, das ist derzeit noch offen.

Am Abend ging es dann mit Verspätung von N’Djamena zuerst nach Kona in Nigeria. Turkish Airlines mußte aufgrund der Ebola Krise in Westafrika seine Flugroute ändern. Normalerweise fliegt TK zuerst Kona an und dann in einem Spreizflug weiter nach N’Djamena, bevor es zurück nach Istanbul geht. Doch der Tschad gibt derzeit keine Landeerlaubnis für Flüge aus Westafrika, Nigeria eingeschlossen. Also fliegt TK andersrum, Istanbul – N’Djamena – Kona – Istanbul.

Ebola "Screening Form" auf dem Flug von Nigeria nach Istanbul.

Ebola „Screening Form“ auf dem Flug von Nigeria nach Istanbul.

Auf dem Flug von Kona an den Bosporus rannte dann zuerst mal eine Flugbegleiterin mit einer Tüte, auf der „Do not open, burn right away“ stand,  in den vorderen Bereich der Kabine. Mit etwas darin kam sie zurück. Anschließend dann die Durchsage „Is a doctor on board?“. Kein Arzt meldete sich. Das war die letzte Durchsage. Formulare, „Screening Forms“, wurden verteilt, auf denen man Kontaktinformationen und Gesundheitsprobleme vermerken sollte. Interessant die Telefonnummer 080EBOLAHELP für etwaige Rückfragen. Fortan liefen die Flugbegleiter nur noch mit Mundschutz und Latexhandschuhen durch das Flugzeug.

Nach der Landung in Istanbul ging ersteinmal gar nichts. Die Passagiere wurden lediglich aufgefordert sitzen zu bleiben und zu warten. Auf was, keine Ahnung, bis dann eben nach rund 45 Minuten zwei Personen in Schutzanzügen durchs Flugzeug marschierten.

Mundschutz für die Flugbegleiter, Schutzanzug für die Bodencrew.

Mundschutz für die Flugbegleiter von Turkish Airlines, Schutzanzug für die Bodencrew.

Sie schauten sich den „Patienten“ genauer an, nahmen die Temperatur von einigen anderen. Doch eine klare Ansage von Turkish Airlines fehlte. Wir warteten. Und warteten. Und warteten. Bei jedem Husterer eines Mitpassagiers schaute man sich um, wer denn da seine Bazillen und Viren verbreitete. Die Mundschutzfraktion und die Schutzanzugtragenden liefen mal hoch und mal runter. Irgendwie hatte keiner einen Plan. Dann hieß es, wir dürften aussteigen. Als ich am Ausgang die „Screening Form“ der Stewardess geben wollte, meinte sie nur, die wäre für mich. Auf meinen Einwand, dass ich ja wüßte, wie ich heiße und ob mir schlecht sei, lächelte sie nur. Auch schön. Also stiegen wir alle in den bereitstehenden Bus und fuhren Richtung Terminal.

Doch dort durften wir nicht aussteigen. Warten und wieder keine Durchsage von Turkish Airlines. Die Fluggesellschaft lobt sich zwar an allen Ecken und Enden selbst, dass sie Europas beste Airline sei, die Werbeträger Kobe Bryant und Lionel Messi grinsen einem überall entgegen, aber im Kommunikationsbereich spielt sie derzeit noch in der anatolischen C-Klasse. Dann, nach weiteren 15 Minuten, durften wir schließlich den Bus verlassen, nachdem  (!) wir die „Screening Forms“ TK Airline Mitarbeitern ausgehändigt hatten. Mit etwas Gerenne durch den Atatürk Airport erreichte ich auch noch meinen Anschlußflug nach Deutschland.

Bislang hat sich auch noch niemand bei mir gemeldet, von daher hatte der vermeintliche Ebola Patient wohl nur eine lausige Grippe. Zurück im Alltag, ein kleiner Kulturschock, zurück zu den Alltagsthemen. Die Kongresswahlen in den USA stehen an, die Trockenheit in Kalifornien bleibt ein heißes Thema und überhaupt, alles was in Amerika passiert, scheint interessanter, wichtiger, weltbewegender zu sein, als das, was in einem Land wie dem Tschad vor sich geht. Das Geschäft mit den Nachrichten ist schon ein seltsames.

Leben mit Tieren

Zwei kleine Affen in einem kahlen Stahlkäfig.

Zwei kleine Affen in einem kahlen Stahlkäfig.

Wieder zurück in N’Djamena. Eine lange Autofahrt vom Süden. Erst Holperpiste, dann Asphaltstrasse, dann Asphaltstrasse mit Schlaglöchern. Es zog und zog sich. Der Süden des Landes ist grün. Stundenlang fuhren wir an Reisfeldern vorbei, durch kleine Dörfer, durch ein paar größere Städte.

Rinder, Ziegen, Schafe weideten an der Straße, Schweine und Hühner streunten frei in Dörfern, abgemagerte Hunde liefen scheu und verängstigt durch die Gegend. Hier und da ein Esel und ein Pferd, meist angeleint oder die Hufen eng zusammengeschnürt, damit sie nicht weglaufen können. In den Dörfern und den Städten wurde am Straßenrand geschlachtet. Einige Tiere standen fast direkt daneben, wurden vom Schlachter abgetastet, nur ein paar Meter weiter war dann schon die Braterei.

Tiere sind hier Nutztiere. Sie werden auf Mopeds und Fahrrädern transportiert wie ein Sack Reis, Kopf nach unten, eng gebunden, damit sie sich nicht rühren können. Auf den Kleinbussen lagen sie oben auf dem Dach, um so zum und vom Markt transportiert zu werden. Es gibt hier keine Massentierhaltung, die Tiere laufen meist fast frei herum. Und doch ist es für einen westlichen Besucher nicht leicht, die Behandlung der Tiere mitanzusehen. Ich weiß, ich bin in einem Entwicklungsland. Hier herrschen andere Regeln, hier gibt es eine andere Kultur, auch eine andere Kultur des Miteinander zwischen Mensch und Tier. Und was maße ich mir überhaupt ein Urteil an, wenn allein in Deutschland jährlich 60 Millionen Schweine und 200 Millionen Hühner „verbraucht“ werden. Gehalten auf engstem Raum in engen Massentierhaltungsfabriken, abgesegnet und abgenickt vom Gesetzgeber in Berlin und Brüssel.

Zwei Riesenschildkröten im Käfig gleich neben den Affen.

Zwei Riesenschildkröten im Käfig gleich neben den Affen.

Hier ist alles offener. Hier sieht man das Tier, die Schlachtung, das Blut. Es ist da, vor einem, man blickt hin. Vielleicht ist diese Art des Umgangs sogar besser, zumindest ist das Schnitzel auf dem Teller dann nicht einfach nur ein Stück Fleisch, gekauft im Supermarkt, wie 500 Gramm Zucker. Zuvor sah man das Tier grasen, hörte es muhen, blöken, meckern, schreien, kriegte mit, wie es zerlegt wurde.

Ich halte mich also hier mit Urteilen bei der hiesigen Fleischproduktion und -verarbeitung zurück. Ich esse kein Fleisch, nichts was mich anschauen kann, schon seit fast 30 Jahren nicht mehr. Das macht mich nicht besser, das ist einfach so, meine Entscheidung, darüber brauche ich nicht zu diskutieren. Was mir aber wirklich aufstößt ist die Behandlung von Tieren. Wenn Hunde getreten, nach ihnen Steine geschmissen werden. Oder wenn Affen und Schildkröten, wie in dem Hotel, in dem ich hier untergebracht war, in einem kleinen, kahlen Käfig im Hof „gehalten“ werden. Artgerecht ist etwas anderes. Ich verstehe es nicht, werde es auch nie verstehen, wie man Tiere so behandeln kann. Bei all dem Leid, dem Elend, der Not, der Armut, der Ungerechtigkeit, die ich hier gesehen habe und sehe, das hätte es nicht auch noch gebraucht.

Nur der Blick nach vorn

Heute morgen ging es noch einmal in ein Lager, ein Camp für Rückkehrer. Fast direkt neben Gore gelegen, über einen Sandweg gelangt man dorthin. Wir treffen die 17jährige Awa aus Bangui. Sie hat ihre Eltern, ihren Bruder, ihren Ehemann verloren. Nach der Flucht gebahr sie hier ein totes Baby. Awa ist alleine im Camp. Sie engagiert sich beim Kinderhaus, kocht für die Kleinen und auch für die unbegleiteten Jugendlichen, die in einem Unicef Zelt untergebracht sind.

Awa in der Unterkunft der Jugendlichen.

Awa in der Unterkunft der Jugendlichen.

Sie blickt zurück, erzählt ein wenig von damals, als sie in die Schule in Bangui ging. Ihr sei es gut gegangen, der Vater habe eine gute Stelle beim Präsidenten gehabt, jeden Tag wurde sie zur Schule gefahren, die Familie habe Hausangestellte gehabt. Nun sei sie eben hier, man müsse sich arrangieren. Morgens nach dem Aufstehen fege sie mit ein paar Zweigen den Bereich vor ihrem Zelt, wasche ihre Kleidung und beginnt den Tag. Sie wolle wieder in die Schule gehen, einen Abschluß machen und dann vielleicht Krankenschwester werden. Aber ersteinmal ist sie hier und kümmert sich um die Kinder und Jugendlichen.
Awa ist eine von vielen, die irgendwo und irgendwie einen Strich gezogen haben. Sie blicken auf das was jetzt ist, auf das, was kommt und kommen soll. Was war ist geschehen, daran kann man nichts mehr ändern. Es wird schon alles. Irgendwie.
Heute Nachmittag geht es Richtung Norden, von Gore nach Moundou, ein paar Stunden über die Staubstraße. Morgen dann der Rest der Strecke zurück nach N’Djamena. Eine interessante, intensive, sehr nahe- und tiefgehende Reise geht ihrem Ende zu. Die Eindrücke sind so vielfach, dass sie ganz langsam sacken, und auch ganz langsam sacken müssen, um sie überhaupt zu verstehen.

Am Schlagbaum geht nichts

In UNHCR Zelten sind zehn Familien untergebracht.

In UNHCR Zelten sind zehn Familien untergebracht.

Ein Zelt für zehn Familien. Planen als Zwischenwände, so verbringen viele der Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik ihre ersten Monate im Lager Dosseye. Gleich daneben bauen sie Erdnüsse, Gemüse und etwas Getreide an. Der Brunnen ist auch nicht weit. Fatimé lebt hier mit ihrer Tochter und drei Enkelinnen. Sie verdient sich etwas mit Näharbeiten dazu. In der Zentralafrikanischen Republik hatte sie einen Laden, abends fuhr sie ein Taxi durch Bangui.

Wir sitzen auf dem Boden ihres Zeltbereichs. Da eine der Familien ausgezogen ist, haben sie die Zwischenwand entfernt, nun haben sie ungefähr sechs mal sechs Meter zum Leben. Den Schlafbereich haben sie etwas mit Erde erhöht, um sich so vor Schlangen und Skorpionen zu schützen. Neben dem Kopfende stehen zwei Koffer, daneben zwei Taschen. Ein paar Töpfe, ein paar Schuhe. Kleidungsstücke hängen über die Trennplane zum Nebenbereich.

Ein paar Fotos konnte sie auf ihrer Flucht mitnehmen.

Ein paar Fotos konnte sie auf ihrer Flucht mitnehmen.

Fatimé zeigt uns ein paar Bilder von früher, von ihrem Laden, ihrer Familie, von Freunden. Die hatte sie bei sich in ihrer Handtasche, sonst hat sie kaum etwas auf der Flucht mitnehmen können. Alles ging so schnell, Hauptsache das Leben blieb. Zwei ihrer Töchter flohen nach Kamerun und sind dort in Flüchtlingslagern untergebracht. Als sie hierher kam, wurden ihr ein paar Decken und Kochgeschirr ausgehändigt. Zurück gehen würde sie nur, wenn alles wieder friedlich ist. Erstmal ist sie hier, will nun im Lager versuchen klar zu kommen. Sie erzählt, blickt ganz ernst dabei. Manchmal lacht sie. Ein schönes Lachen das ansteckt.

Im vorderen Teil des Lagers sind Zelte für die Neuankömmlinge errichtet worden. Keine Trennwände, keine Fenster, es ist dunkel. Weil es derzeit öfters draußen regnet wird im Zelt an offenen Feuerstellen gekocht. Dicker Qualm, der in den Augen brennt. Auf einer Matte sitzt eine Frau, neben ihr die alte Mutter, vor ihr drei ihrer fünf Kinder. Schon seit Wochen ist sie hier in diesem Zelt, weil noch kein Platz in den anderen Unterkünften ist. Ein Zustand der schockiert. Doch sie meint, sie wurden herzlich aufgenommen, haben zu essen bekommen und eine sichere Schlafmöglichkeit. Sicherheit, das sagen alle, haben sie hier wieder gefunden.

Am Nachmittag fahren wir zur Grenze. Ein kleines, ärmliches Dorf liegt gleich daneben. Der Grenzverkehr existierte nicht mehr. Aus dem Süden kommen hier kaum noch Flüchtlinge vorbei. Soldaten bewachen die leere Straße zur Zentralafrikanischen Republik. Ein Schlagbaum, davor sitzt ein Tee trinkender Soldat mit Maschinengewehr. 20 Meter weiter ein Strohdach, darunter sitzen und liegen fünf weitere Uniformierte des Tschad. Junge Burschen, die vielleicht gerade mal 18, 19 Jahre alt sind. Mehrere Maschinengewehre liegen herum. Was wir hier wollen, fragen sie? Die Grenze sehen, ein paar Bilder und Audio-Aufnahmen machen. Dafür brauchen wir eine schriftliche Erlaubnis, sagt einer. Der Präfekt hat es uns erlaubt, sagt unser Übersetzer. Der eine greift zum Telefon und ruft seinen Vorgesetzten an, reicht das Telefon weiter. Schnell ist klar, ohne eine Erlaubnis des Militärs geht hier nichts. Kein Foto darf von der leeren Straße mit Schlagbaum gemacht werden. Thank you and Goodbye. Wir laufen zurück zum Auto, zwei Soldaten folgen uns, passen auf, dass wir nicht doch noch ein Bild schießen. Die Grenze ist gesichert, nur für Flüchtlinge ist sie noch von einer Seite aus offen. Wie das alles hier weitergehen soll, das weiß derzeit niemand zu beantworten.

Sonntagmorgen in Gore

Gore ist eine Kleinstadt. 8000 Menschen wohnen hier. Eine größere Staubstraße führt durchs Zentrum. Kleine Läden reihen sich aneinander. Matratzen, Stoffe, Hemden, Bohnen, Mehl, Töpfe. An einem Tisch zerhackt ein Fleischer erst ein Schaf, dann eine Ziege. Nur ein paar Meter weiter liegen die ersten Haxen schon auf einem größeren Rost. Ein paar Mopedtaxis hupen vorbei. Ein Mobilfunkanbieter versucht mit übersteuerter und überlauter Ethnomucke auf sich aufmerksam zu machen. Viele Kunden zieht der Lärm scheinbar nicht.

Knapp 250 Meter von der morgendlichen Geschäftigkeit entfernt liegt etwas versteckt die evangelische Kirche. Ein Flachbau, blaue Stahltüren und Fensterläden. Mit Handschlag hier und Handschlag dort werde ich begrüßt. Innen wurden meinem Begleiter und mir ein Platz auf einer niedrigen Holzbank zugeteilt. Frauen rechts, Männer links. Ein kahler Raum, vorne ein Podest, eine gezimmerte Kanzel, dahinter an der Wand zwei Christusbilder mit englischem Text darunter. Amerikanische Missionare scheinen in der Gegend gewesen zu sein. Natürlich war Jesus ein Weißer, eines der Bilder erinnerte sogar etwas an „Weird Al“ Yankovic. Seltsam. Es wurde erst einmal gesungen, ein Kirchenchor klatschte und tanzte, eine Kapelle spielte auf. Ein Lied wurde lang und länger, dann noch ein zweites. Zwischendrin fiel der Lautsprecher aus, ein Chorsänger fummelte an einem Kabel rum, dann dröhnte es wieder lautstark. Nach einer halben Stunde trat ein Mann ans Pult und begann zu sprechen. Es klang, so schien mir, nur die Ankündigung eines weiteren Liedes. Und ja, Halleluja.

Es darf getanzt werden im Gotteshaus.

Es darf getanzt werden im Gotteshaus.

Der Gottesdienst wurde auf Französisch gehalten. An einem Punkt mußten alle Gäste und Neuankömmlinge in der Gemeinde nach vorne kommen. Es wurde für sie gebetet und ein Lied gesungen. Ich stand da als einziger Weißer im Raum vor der Kanzel, verstand kein Wort, aber die Stimmung war gut. Sowohl die Frauen auf der einen, wie auch die Männer auf der anderen Seite lächelten mir zu. Ich fühlte mich willkommen. Nach Segen und Gesang begrüßte uns der Kirchenvorstand mit Handschlag. Mein „Thank you, for having me here“ ging wahrscheinlich unter.

Die Predigt wurde gehalten und ging an mir vorbei, aber ich genoß die Situation. Dann die Kollekte, alle liefen um einen Tisch herum, auf dem eine Schüssel stand. Jeder sollte so viel geben, wie er kann. Während der Kirchenvorstand zählte, wurde wieder gesungen, musiziert und vor allem im ganzen Raum getanzt. Eine lebendige, energiegeladene, unterhaltsame, schweißtreibende und durchaus auch humorvolle Messe. Es durfte gelacht werden. Am Schluß gab jeder jedem und jeder die Hand. Ganz leicht, fest zudrücken ist hier nicht gewollt.

Ein schöner Sonntagmorgen in Gore. Nun sitze ich wieder im Compound von Care, es ist schwülheiß. Eigentlich sollte es heute weiter Richtung Osten gehen, doch die Planung wurde umgeschmissen. Die Franzosen hatten eine Reisewarnung für alle Europäer veröffentlicht. Lange Autofahrten sollten gerade in Grenznähe vermieden werden. Damit wurde auf die Ermordung des französischen Bergführers in Algerien reagiert. Der Norden und Westen des Tschad ist vor allem von dieser Reisewarnung betroffen. Im Norden die chaotische Situation in Libyen, im Westen Niger, Nigeria und Kamerun, wo Boko Haram die Bevölkerung terrorisiert. Bei Care ist man vorsichtig. Im Osten hätten wir noch weitere Flüchtlingscamps besuchen sollen. Nun bleiben wir hier, führen vor Ort weitere Gespräche. Auch wenn es hier (noch) nicht brennt, die Sicherheit geht vor. Von daher war heute mal ein Ruhetag, ein wohlverdienter.