Nur der Blick nach vorn

Heute morgen ging es noch einmal in ein Lager, ein Camp für Rückkehrer. Fast direkt neben Gore gelegen, über einen Sandweg gelangt man dorthin. Wir treffen die 17jährige Awa aus Bangui. Sie hat ihre Eltern, ihren Bruder, ihren Ehemann verloren. Nach der Flucht gebahr sie hier ein totes Baby. Awa ist alleine im Camp. Sie engagiert sich beim Kinderhaus, kocht für die Kleinen und auch für die unbegleiteten Jugendlichen, die in einem Unicef Zelt untergebracht sind.

Awa in der Unterkunft der Jugendlichen.

Awa in der Unterkunft der Jugendlichen.

Sie blickt zurück, erzählt ein wenig von damals, als sie in die Schule in Bangui ging. Ihr sei es gut gegangen, der Vater habe eine gute Stelle beim Präsidenten gehabt, jeden Tag wurde sie zur Schule gefahren, die Familie habe Hausangestellte gehabt. Nun sei sie eben hier, man müsse sich arrangieren. Morgens nach dem Aufstehen fege sie mit ein paar Zweigen den Bereich vor ihrem Zelt, wasche ihre Kleidung und beginnt den Tag. Sie wolle wieder in die Schule gehen, einen Abschluß machen und dann vielleicht Krankenschwester werden. Aber ersteinmal ist sie hier und kümmert sich um die Kinder und Jugendlichen.
Awa ist eine von vielen, die irgendwo und irgendwie einen Strich gezogen haben. Sie blicken auf das was jetzt ist, auf das, was kommt und kommen soll. Was war ist geschehen, daran kann man nichts mehr ändern. Es wird schon alles. Irgendwie.
Heute Nachmittag geht es Richtung Norden, von Gore nach Moundou, ein paar Stunden über die Staubstraße. Morgen dann der Rest der Strecke zurück nach N’Djamena. Eine interessante, intensive, sehr nahe- und tiefgehende Reise geht ihrem Ende zu. Die Eindrücke sind so vielfach, dass sie ganz langsam sacken, und auch ganz langsam sacken müssen, um sie überhaupt zu verstehen.

Am Schlagbaum geht nichts

In UNHCR Zelten sind zehn Familien untergebracht.

In UNHCR Zelten sind zehn Familien untergebracht.

Ein Zelt für zehn Familien. Planen als Zwischenwände, so verbringen viele der Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik ihre ersten Monate im Lager Dosseye. Gleich daneben bauen sie Erdnüsse, Gemüse und etwas Getreide an. Der Brunnen ist auch nicht weit. Fatimé lebt hier mit ihrer Tochter und drei Enkelinnen. Sie verdient sich etwas mit Näharbeiten dazu. In der Zentralafrikanischen Republik hatte sie einen Laden, abends fuhr sie ein Taxi durch Bangui.

Wir sitzen auf dem Boden ihres Zeltbereichs. Da eine der Familien ausgezogen ist, haben sie die Zwischenwand entfernt, nun haben sie ungefähr sechs mal sechs Meter zum Leben. Den Schlafbereich haben sie etwas mit Erde erhöht, um sich so vor Schlangen und Skorpionen zu schützen. Neben dem Kopfende stehen zwei Koffer, daneben zwei Taschen. Ein paar Töpfe, ein paar Schuhe. Kleidungsstücke hängen über die Trennplane zum Nebenbereich.

Ein paar Fotos konnte sie auf ihrer Flucht mitnehmen.

Ein paar Fotos konnte sie auf ihrer Flucht mitnehmen.

Fatimé zeigt uns ein paar Bilder von früher, von ihrem Laden, ihrer Familie, von Freunden. Die hatte sie bei sich in ihrer Handtasche, sonst hat sie kaum etwas auf der Flucht mitnehmen können. Alles ging so schnell, Hauptsache das Leben blieb. Zwei ihrer Töchter flohen nach Kamerun und sind dort in Flüchtlingslagern untergebracht. Als sie hierher kam, wurden ihr ein paar Decken und Kochgeschirr ausgehändigt. Zurück gehen würde sie nur, wenn alles wieder friedlich ist. Erstmal ist sie hier, will nun im Lager versuchen klar zu kommen. Sie erzählt, blickt ganz ernst dabei. Manchmal lacht sie. Ein schönes Lachen das ansteckt.

Im vorderen Teil des Lagers sind Zelte für die Neuankömmlinge errichtet worden. Keine Trennwände, keine Fenster, es ist dunkel. Weil es derzeit öfters draußen regnet wird im Zelt an offenen Feuerstellen gekocht. Dicker Qualm, der in den Augen brennt. Auf einer Matte sitzt eine Frau, neben ihr die alte Mutter, vor ihr drei ihrer fünf Kinder. Schon seit Wochen ist sie hier in diesem Zelt, weil noch kein Platz in den anderen Unterkünften ist. Ein Zustand der schockiert. Doch sie meint, sie wurden herzlich aufgenommen, haben zu essen bekommen und eine sichere Schlafmöglichkeit. Sicherheit, das sagen alle, haben sie hier wieder gefunden.

Am Nachmittag fahren wir zur Grenze. Ein kleines, ärmliches Dorf liegt gleich daneben. Der Grenzverkehr existierte nicht mehr. Aus dem Süden kommen hier kaum noch Flüchtlinge vorbei. Soldaten bewachen die leere Straße zur Zentralafrikanischen Republik. Ein Schlagbaum, davor sitzt ein Tee trinkender Soldat mit Maschinengewehr. 20 Meter weiter ein Strohdach, darunter sitzen und liegen fünf weitere Uniformierte des Tschad. Junge Burschen, die vielleicht gerade mal 18, 19 Jahre alt sind. Mehrere Maschinengewehre liegen herum. Was wir hier wollen, fragen sie? Die Grenze sehen, ein paar Bilder und Audio-Aufnahmen machen. Dafür brauchen wir eine schriftliche Erlaubnis, sagt einer. Der Präfekt hat es uns erlaubt, sagt unser Übersetzer. Der eine greift zum Telefon und ruft seinen Vorgesetzten an, reicht das Telefon weiter. Schnell ist klar, ohne eine Erlaubnis des Militärs geht hier nichts. Kein Foto darf von der leeren Straße mit Schlagbaum gemacht werden. Thank you and Goodbye. Wir laufen zurück zum Auto, zwei Soldaten folgen uns, passen auf, dass wir nicht doch noch ein Bild schießen. Die Grenze ist gesichert, nur für Flüchtlinge ist sie noch von einer Seite aus offen. Wie das alles hier weitergehen soll, das weiß derzeit niemand zu beantworten.

Sonntagmorgen in Gore

Gore ist eine Kleinstadt. 8000 Menschen wohnen hier. Eine größere Staubstraße führt durchs Zentrum. Kleine Läden reihen sich aneinander. Matratzen, Stoffe, Hemden, Bohnen, Mehl, Töpfe. An einem Tisch zerhackt ein Fleischer erst ein Schaf, dann eine Ziege. Nur ein paar Meter weiter liegen die ersten Haxen schon auf einem größeren Rost. Ein paar Mopedtaxis hupen vorbei. Ein Mobilfunkanbieter versucht mit übersteuerter und überlauter Ethnomucke auf sich aufmerksam zu machen. Viele Kunden zieht der Lärm scheinbar nicht.

Knapp 250 Meter von der morgendlichen Geschäftigkeit entfernt liegt etwas versteckt die evangelische Kirche. Ein Flachbau, blaue Stahltüren und Fensterläden. Mit Handschlag hier und Handschlag dort werde ich begrüßt. Innen wurden meinem Begleiter und mir ein Platz auf einer niedrigen Holzbank zugeteilt. Frauen rechts, Männer links. Ein kahler Raum, vorne ein Podest, eine gezimmerte Kanzel, dahinter an der Wand zwei Christusbilder mit englischem Text darunter. Amerikanische Missionare scheinen in der Gegend gewesen zu sein. Natürlich war Jesus ein Weißer, eines der Bilder erinnerte sogar etwas an „Weird Al“ Yankovic. Seltsam. Es wurde erst einmal gesungen, ein Kirchenchor klatschte und tanzte, eine Kapelle spielte auf. Ein Lied wurde lang und länger, dann noch ein zweites. Zwischendrin fiel der Lautsprecher aus, ein Chorsänger fummelte an einem Kabel rum, dann dröhnte es wieder lautstark. Nach einer halben Stunde trat ein Mann ans Pult und begann zu sprechen. Es klang, so schien mir, nur die Ankündigung eines weiteren Liedes. Und ja, Halleluja.

Es darf getanzt werden im Gotteshaus.

Es darf getanzt werden im Gotteshaus.

Der Gottesdienst wurde auf Französisch gehalten. An einem Punkt mußten alle Gäste und Neuankömmlinge in der Gemeinde nach vorne kommen. Es wurde für sie gebetet und ein Lied gesungen. Ich stand da als einziger Weißer im Raum vor der Kanzel, verstand kein Wort, aber die Stimmung war gut. Sowohl die Frauen auf der einen, wie auch die Männer auf der anderen Seite lächelten mir zu. Ich fühlte mich willkommen. Nach Segen und Gesang begrüßte uns der Kirchenvorstand mit Handschlag. Mein „Thank you, for having me here“ ging wahrscheinlich unter.

Die Predigt wurde gehalten und ging an mir vorbei, aber ich genoß die Situation. Dann die Kollekte, alle liefen um einen Tisch herum, auf dem eine Schüssel stand. Jeder sollte so viel geben, wie er kann. Während der Kirchenvorstand zählte, wurde wieder gesungen, musiziert und vor allem im ganzen Raum getanzt. Eine lebendige, energiegeladene, unterhaltsame, schweißtreibende und durchaus auch humorvolle Messe. Es durfte gelacht werden. Am Schluß gab jeder jedem und jeder die Hand. Ganz leicht, fest zudrücken ist hier nicht gewollt.

Ein schöner Sonntagmorgen in Gore. Nun sitze ich wieder im Compound von Care, es ist schwülheiß. Eigentlich sollte es heute weiter Richtung Osten gehen, doch die Planung wurde umgeschmissen. Die Franzosen hatten eine Reisewarnung für alle Europäer veröffentlicht. Lange Autofahrten sollten gerade in Grenznähe vermieden werden. Damit wurde auf die Ermordung des französischen Bergführers in Algerien reagiert. Der Norden und Westen des Tschad ist vor allem von dieser Reisewarnung betroffen. Im Norden die chaotische Situation in Libyen, im Westen Niger, Nigeria und Kamerun, wo Boko Haram die Bevölkerung terrorisiert. Bei Care ist man vorsichtig. Im Osten hätten wir noch weitere Flüchtlingscamps besuchen sollen. Nun bleiben wir hier, führen vor Ort weitere Gespräche. Auch wenn es hier (noch) nicht brennt, die Sicherheit geht vor. Von daher war heute mal ein Ruhetag, ein wohlverdienter.

Es kann immer noch schlimmer kommen

Ein weiterer Tag in Camps. Schon frühmorgens war es heiß, wieder 30 Kilometer über die Piste. Am Anfang eine kleine Diskussionsrunde über sexuelle Gewalt im Lager. Vor allem ging es um die Definition, was ist eigentlich sexuelle Gewalt. Danach ein Gespräch in der Hütte, dem Haus einer 48jährigen Frau. Ein dunkler Raum aus Lehmziegeln, Strohmatten, Planen von Hilfsorganisationen. Ein paar Decken und Matten auf dem Boden, in einer Ecke Töpfe, in einer anderen ein paar kleine Habseligkeiten. Sie war aus der Zentralafrikanischen Republik geflohen. Ihre drei Kinder waren bei einem Pastor untergebracht, der ebenfalls floh, von ihren Kindern fehlt jede Spur. Im Lager Dosseye eröffnete sie einen kleinen Laden, gleich im vorderen Bereich ihrer Hütte. Eines Nachts kamen drei Männer in ihre Hütte, stopften ihr einen Knebel in den Mund und bedrohten sie. Sie solle das Geld rausgeben, als Händlerin habe sie doch etwas. Einer der Männer vergewaltigte sie, während ein zweiter draußen aufpasste. Schließlich gab die Frau ihnen auch noch die paar Francs, die sie verdient hatte. Stundenlang lag sie wach, erst am Morgen vertraute sie sich einer Mitarbeiterin im Camp an, die von Care bezahlt wird. Die Behörden wurden eingeschaltet, doch da keine „Beweise“ vorlagen, wurde auch nicht groß ermittelt. Sexuelle Gewalt in den Flüchtlingscamps passiert tagtäglich.

Straße im Flüchtlingslager Dosseye.

Straße im Flüchtlingslager Dosseye.

Anschließend fuhren wir in ein Lager für „Rückkehrer“, also ehemalige Bürger des Tschad, ihre Kinder und Kindeskinder. Viele von ihnen hatten eine gesicherte Existenz in CAR. Nun wohnen sie im Lager. Noch schlimmer geht es den Menschen in den Gemeinden drumherum. Das Camp wurde einfach auf ihre Felder gesetzt, ohne einen Ausgleich dafür von der Regierung zu erhalten. Sie seien ihre Verwandten, hieß es, man müsse ihnen helfen. Die Hilfsorganisationen sind im Lager aktiv, bauen Brunnen, helfen, soweit es geht. Die Dorfbewohner außenrum gehen zumeist leer aus. Nicht nur das, ihre Ernten sind kleiner geworden, viele hungern. Care versucht auch hier zu helfen. Mit dem, was möglich ist.

Ich habe Post bekommen, ich solle den Tschad nicht so wichtig nehmen, es gebe schließlich noch andere Krisen auf der Welt. Das stimmt, doch gerade deshalb bin ich hier. Der Tschad ist ein vergessenes Land mit vergessenen Krisen. Als ich hierher fahren wollte, fragten mich viele, wo ist der Tschad überhaupt. Nur weil eine Krise nicht akut ist, bleibt sie dennoch eine Krise. Lebensgeschichten, wie die von der 48jährigen Frau oder die von dem 17jährigen Mädchen, von dem ich gestern berichtete, müssen erzählt werden. Viele Journalisten kommen hier nicht vorbei. Und ich wäre wohl auch nicht hierher gekommen, wenn ich nicht ganz direkt von einer Care Mitarbeiterin gefragt worden wäre. Der Tschad ist kein Reiseland, der Trip hierher war und ist beschwerlich. Doch als ich da auf dem Boden der Hütte saß und zuhörte, wie die Frau den Mut und die Kraft fand sich Fremden zu öffnen, da war mir wieder klar, warum ich hierher kam.

Im Endloslager

Bohnen zum Mittag. Im Kreis sitzen sie um den großen Teller.

Bohnen zum Mittag. Im Kreis sitzen sie um den großen Teller.

Heute ging es in das Flüchtlingslager Dosseye. Zuvor meldeten wir uns noch bei der Präfektur an, muß man, wenn man hier ist. Die Nacht über hatte es heftigst geregnet, ich dachte schon das Dach fliegt vom Gästehaus. 30 Kilometer über eine rotfarbene Matschstraße lagen vor uns. Am Flüchtlingslager angekommen ging es zuerst in eine Einrichtung für Kleinkinder, eine Art Vorschule. Die Kinder lernen hier das ABC, singen, spielen und erhalten eine Mahlzeit. Und gerade die überzeugt die Eltern, ihre Kinder auch wirklich hierher zu bringen.

Anschließend sprachen wir mit einer 17jährigen, die in Bangui ihre gesamte Familie verlor. Sie war zum Brot kaufen gegangen, als sie zurück kam, hatten die Anti-Balaka ihre Geschwister und Eltern umgebracht, das Haus zerstört. Sie flüchtete sich in die Moschee und wurde von dort in den Tschad gebracht.

Einen 70jährigen Mann besuchten wir in seinem kleinen Haus. Mit einem kleinen Betrag hat er ein Geschäft aufgebaut und konnte so einfache Verbesserungen an seinem Haus fertigstellen. Er lebt schon seit Jahren im Lager, doch möchte unbedingt zurück in die Zentralafrikanische Republik. Wann, das sei ihm egal, auch wenn er 20 Jahre warten müßte. Hier sind viele heimisch geworden, die die Flucht in den südlichen Tschad nur als vorübergehend ansahen. Doch aus Tagen und Wochen wurden Monate und Jahre.

Nur einen Steinwurf von seinem Haus entfernt ist das Gebäude einer Frauengruppe. Hier wird genäht und gestrickt. Gerne würde man das kleine Projekt zu einem Business ausbauen, meinten die Frauen, doch es fehlt an Geld für ein paar Nähmaschinen mit Fußpedal und Stoff. Kleinstbeträge, die hier die Welt bedeuten.

Ein Chor und eine Art tschadischer "Chicken Dance" am Brunnen.

Ein Chor und eine Art tschadischer „Chicken Dance“ am Brunnen.

Care ist im Lager sehr im Bereich der Wasserversorgung aktiv. 42 Brunnen wurden angelegt, bis zu 60 Meter tief gebohrt, Abflußrinnen gelegt und die Pumpen mit Zement umfaßt, damit die Sauberkeit garantiert werden kann. Als wir zu einer dieser Pumpen kamen, wurden wir schon von einem Chor und den Betreuern des Brunnens erwartet. Es wird versucht, lokale Mitarbeiter zu schulen und so die Instandhaltung vor Ort zu garantieren. Ein scheinbar einfaches Projekt, ein Brunnen, hier im Tschad ist der Zugang zu sauberem Wasser allerdings nicht selbstverständlich. Die Bevölkerung weiß das zu schätzen.

Morgen geht es weiter mit Besuchen, Interviews und Unmengen an Eindrücken, die ganz langsam sacken und die ich jetzt noch gar nicht in Worte fassen kann.

Im Tschad sind die Borussen Fans

Mit der Flugbereitschaft der UN in den Süden des Tschad.

Mit der Flugbereitschaft der UN in den Süden des Tschad.

Sechs Uhr aufstehen, es geht ins „Feld“. Nicht auf den Acker, ins Feld bedeutet zu den Einsatzorten von Care. Mit der Flugbereitschaft der UN, unterstützt u.a. auch von der Bundesregierung, fliegen wir nach Moundou. Unter uns der Tschad, flach und grün, immer mal wieder kleine Dörfer und einzelne Häuser. Es ist drückend heiß. Am Flughafen warten schon zwei SUVs der Organisation auf uns. Nach einer Fahrt durch die Stadt halten wir an einem nobleren Hotel. Hier sollen wir warten. Die lokalen Care Mitarbeiter müssen noch einiges für ihren Außenposten einkaufen.

Nach fast drei Stunden geht es weiter, die beiden Wagen sind vollbepackt. Die geteerte Straße wandelt sich schon bald zu einer Huppelpiste. Ich sitze mit den beiden anderen Besuchern hinten im Wagen. Die Sicherheitsvorkehrungen schreiben das vor. Westliche Besucher sollen so wenig wie möglich gesehen werden, denn jüngst wurden Fahrzeuge der UN gewaltsam gestoppt und entführt. Ohne Personen, na immerhin. Der vordere Wagen ist mit unserem SUV per Funk verbunden und gibt jedesmal durch, wenn uns ein Auto, ein Bus oder ein Motorrad entgegenkommt. Sicher ist sicher.

Drei Stunden dauert die Fahrt von Moundou nach Gore. Der Südtschad ist grün, die rote Sandstraße geht fast schnurgeradeaus Richtung Süden. Immer mal wieder ein paar kleine Dörfer. Kühe, Schafe und Ziegen weiden am Straßenrand. Ein paar ausgezehrte Hunde rennen über die Fahrbahn. Ich muß sagen, im Tschad scheint es viele Borussia Dortmund Fans zu geben. Die Trikots der Borussen sind weit verbreitet in dieser Gegend.

In Gore liegt eines der Compounds von Care, unweit der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Von hier werden wir in den nächsten paar Tagen in verschiedene Lager aufbrechen. Ansiedlungen für Rückkehrer und Camps für Flüchtlinge aus CAR. Die Care Besucher sind im eigenen Gästehaus untergebracht. Es ist ruhig, kein Verkehrslärm, ein Hund bellt, ein Hahn kräht, Vogelgeschrei. Ein dicker schwarzer Käfer wackelt vorbei und verschwindet in einem Loch. Noch immer ist es drückend warm, Zeit für ein kühles Bier. Ja, auch das gibt es hier.

Hunger in der Hauptstadt

Ein Gesundheitszentrum für unterernährte Kinder in N'Djamena.

Ein Gesundheitszentrum für unterernährte Kinder in N’Djamena.

Vor kurzem habe ich das Buch „Tschad – Land ohne Hoffnung“ gelesen, die Erzählung eines Missionarsehepaars. Land ohne Hoffnung, eine Frage, die eigentlich schon die Antwort birgt. Das Ehepaar kam in den 50er Jahren in den Tschad und blieb fast 30 Jahre. Am Ende zweifelten sie an ihrem Lebenswerk.

Ich bin erst ein paar Tage in N’Djamena, doch Gespräch nach Gespräch wird deutlich, die Lage hier ist dramatisch. Der Tschad liegt in einer Region, die schon bald explodieren könnte. Lager für Flüchtlinge im Süden, Osten und Westen des Landes, dazu die vielen „Rückkehrer“, ehemalige Tschadbürger, die aus der Zentralafrikanischen Republik geflohen sind, stellen den Tschad vor eine riesige logistische, soziale und finanzielle Probe. Hinzu kommen die „normalen“ Probleme, wie die Ausbreitung der Wüste, die Versteppung einst fruchtbaren Bodens. Das Militär ist aufgerüstet, rund 23 Prozent des Staatshaushalts gehen in die Rüstung. Weite Teile der Grenzen zu den Nachbarländern sind abgeriegelt.

Heute besuchte ich eine Gesundheitsklinik, in der unterernährte Kinder behandelt und betreut werden. Für viele kommt die Behandlung zu spät, ausgemergelt, nur noch Knochen und Haut, sie sterben in der Hauptstadt an Unterernährung. Die Mitarbeiter bemühen sich um jedes Kind, die schlimmsten Fälle werden gleich auf die Intensivstation gebracht, die alles andere wie eine Intensivstation in deutschen Kliniken aussieht. Ganz schlicht und einfach, ohne viele Maschinen. Die Zahlen sind höher, als sie von der Regierung und selbst Hilfsorganisationen geschätzt wurden. Eine Mischung aus hohen Lebensmittelpreisen, fehlender Hygiene und mangelnder Kenntnis führen zu einer katastrophalen Lage in N’Djamena und im Rest des Landes. Und die Aussichten auf Besserung sind nicht gegeben. Ganz im Gegenteil, die Regierung würde dieses Problem gerne unterdrücken. Verhungernde Kinder in den Straßen sind kein gutes Selbstbildnis.

Der Tschad ist ein Land in der Dauerkrise. Ein Land, dass von der internationalen Gemeinschaft vergessen wurde. Nur 19 Prozent der benötigten finanziellen Mittel kommen an. Eigentlich brennt es an allen Ecken. Terrorgefahr an den Grenzen, Umweltzerstörung, Ausbreitung der Wüste, Armut, Elend, Not. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Land ohne Hoffnung? Land ohne Hoffnung!

Kalifornien steht im Saft neben dieser Trockenheit

Kalifornien trocknet aus. Die Reservoirs, Flüsse und Seen sind auf dem niedrigsten Pegelstand seit Jahren. Im Winter schneite es nicht, Regen will auch nicht fallen. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown spricht von einer Notlage und will das Wasser rationieren. Darüber habe ich schon mehrmals berichtet. Kalifornische und amerikanische Themen kommen an, die Leserinnen, Leser, Hörerinnen und Hörer werden gerne darüber informiert, was sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten so tut.

Die Dürre hier ist anders als in Kalifornien.

Die Dürre hier ist anders als in Kalifornien.

Nun sitze ich im Tschad, einem sehr armen Land. Ein Großteil ist Wüste, die sich immer weiter Richtung Süden ausbreitet. Da ist der Tschadsee, vier Länder drumherum. Niger, Nigeria, Kamerun und Tschad. In den letzten 30 Jahren verlor der See nahezu 90 Prozent seiner Wasseroberfläche. In der Geschichte gab es zwar immer mal wieder Trockenperioden und auch der Tschadsee versickerte. Doch dieses mal ist es anders. Das Wasser fehlt, der Tschad ist trocken, Ernten und damit die Versorgung der Bevölkerung gefährdet. Eine Dürre macht sich breit. Hier ist die Trockenheit eine Gratwanderung, ob man gerade noch so an einer größeren humanitären Krise vorbeischlittert oder Zeit gewinnt. Mehr als Zweidrittel der Bevölkerung verwenden 80 Prozent ihres Einkommens auf die Grundversorgung. Preisanstiege für Grundnahrungsmittel können da nicht aufgefangen werden.

Der Tschad leidet unter einer Dürre. Anders als in Kalifornien ist das hier jedoch lebensbedrohlich. Kinder leiden aufgrund der Ernteausfälle an Mangelerscheinungen, internationale Hilfsorganisationen versorgen Hunderttausende mit Nahrungsmitteln. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Es wird höchstens noch schlimmer. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Hier Kalifornien, dort der Tschad. Und dabei ist der Tschad ganz weit weg. Die Krisen, das Elend und die Not in Afrika sind kaum noch Themen. Man weiß ja schon davon, hat die Bilder schon oft genug gesehen. Bitte umblättern, bitte umschalten.

Eine Stadt in Afrika

Straßenbild in N'Djamena, Tschad.

Straßenbild in N’Djamena, Tschad.

Schön ist sie nicht, die Hauptstadt der Republik Tschad. Zumindest habe ich die schönen Seiten noch nicht gesehen, auch wenn es auf Wikipedia heißt, man sollte sich die „Altstadt“ ansehen. Also, die hier ist nicht zu vergleichen mit der in Nürnberg.

N’Djamena hieß bis 1973 Fort-Lamy, dann wurde die Stadt umbenannt. Die Spuren der Kolonialzeit sollten ausgemerzt werden. Viel ist von der französischen Herrschaft nicht übrig geblieben, man muss schon danach suchen. Heute morgen war ich zur Sicherheitsbesprechung im Büro von CARE. Der Compound der Hilfsorganisation liegt nicht weit vom Hotel entfernt. Ein paar Straßen weiter, zwei Kreisverkehre, dann ist man auch schon da.

Der Tschad ist Krisengebiet. Man muß nur auf die Landkarte blicken und weiß, hier könnte es schon bald drunter und drüber gehen. Im Norden Libyen, im Osten der Sudan, im Süden die Zentralafrikanische Republik, im Osten Kamerun, Nigeria und Niger. Eine Krise neben der anderen wickelt sich um das Land herum. Weite Teile der Grenze wurden von der tschadischen Regierung abgeriegelt, aus Angst vor Übergriffen. Libyen im Norden, Boko Haram im Westen, radikale Milizen im Süden. Dazu noch der Alptraum Ebola, der bereits hinter der Grenze zu Nigeria lauert. Zur Sicherung verwendet und verschwendet die tschadische Regierung riesige Beträge fürs Militär, Geld das woanders fehlt. Im Süden, Osten und Westen gibt es riesige Flüchtlingslager, Hilfen, Unterstützung und Programme aus N’Djamena gibt es nicht. Denn dafür sind ja die internationalen Hilfsorganisationen vor Ort.

Noch zwei Tage sind wir hier, dann geht es in den Süden des Landes, an die Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Flüchtlingslager, Elend, Not, eine vergessene Krise bei all den Krisen weltweit. War da was in Afrika?