Es tut sich was in Amerika

In Oakland wird weiter protestiert. Foto: Reuters.

Tausende marschieren in den USA. Tag für Tag. Die Gewerkschaft der „International Longshore and Warehouse“ Arbeiter machte alle Häfen an der Westküste dicht. Unternehmen solidarisieren sich, überdenken ihre eigene Firmengeschichte, ändern Namen von Produkten. Denkmäler von Generälen der Südstaaten, von ehemaligen Sklavenhaltern, von Christoph Columbus und anderen werden gestürzt. An Brücken, Straßenecken, auf vorbeifahrenden Autos, in Küchenfenstern, überall kann man „Black Lives Matter“ lesen. Amerika erlebt eine breite Front, die ein Umdenken und eine tiefe Reform des gesellschaftlichen Lebens fordert.

Während Donald Trump nach Tulsa, Oklahoma, reist, um dort erneut eine Massenveranstaltung abzuhalten, sichtlich sein Bad in der ihm mehr als wohlwollenden Menge genießen wird, sind die USA im Umbruch. Egal wen man in diesen Tagen spricht, keiner hat bislang solch eine breite Koalition gegen den tief verwurzelten Rassismus in den USA gesehen und erlebt.

Als ich vor ein paar Jahren an einem Feature über das „Redlining“ in den USA arbeitete, wußte kaum jemand, mit dem ich sprach, damit etwas anzufangen. „Redlining“, was ist das? Doch dieses „Redlining“ hat Amerika im 20. Jahrhundert geprägt, die weißen Vorstädte, wie die innerstädtischen afro-amerikanischen Problem- und Elendsviertel. „Redlining“ war eine imaginäre Stacheldraht­ziehung in den amerikanischen Städten und Gemeinden. Die Regierung in Washington hatte 1934 durch den sogenannten National Housing Act Nachbarschaften in vier Klassen unterteilt: A, B, C und D. Die höchste davon, A, wurde auf Karten grün eingefärbt und bezeichnete die „besten“ Gebiete: rein weisse Nachbarschaften, erstrebens­wert für die Mittel­klasse. Schon eine einzige nicht weisse Familie in der Gegend drückte den Grad auf B, die Farbe wechselte auf blau und die Bezeichnung auf „immer noch begehrens­wert“. C-Nachbarschaften, in gelber Farbe, wurden als „eindeutig im Niedergang“ bezeichnet. D, in Rot, als „gefährlich“.
Praktisch jede amerikanische Stadt hatte solche eine Klassifizierung. Ganz offiziell festgehalten wurde sie auf Karten, die von der Home Owners’ Loan Corporation erstellt wurden, einer im New Deal geschaffenen staatlichen Agentur zur finanziellen Unterstützung von Hauseigentümern.

Die Zoneneinteilung hatte drastische Folgen, die bis heute nachhallen. Nicht nur, dass eine A-Strasse „weiss“ sein sollte, also ausschliesslich von Weissen bewohnt – die Stadt­teile unterhalb von A wurden auch gezielt benachteiligt. Afro­amerikaner erhielten für den Häuser­kauf in A- oder B-Gegenden keine staatlich geförderten Hypotheken und konnten für Häuser keine Versicherungen abschliessen. Sie wurden somit in C- oder D-Stadt­teile gedrängt: Gebiete, mit gelber oder roter Linie umrahmt, in denen weniger städtebauliche Investitionen getätigt wurden und wo sich kaum Geschäfte ansiedelten.

Bis in die 1970er-Jahre blieb diese Form der geografischen Diskriminierung gängige Praxis. „Redlining“ beförderte über Jahr­zehnte die Ghettoisierung in den amerikanischen Gross­städten und traf vor allem die Afro­amerikanerinnen. Viele Weisse zogen nach dem Zweiten Weltkrieg und mithilfe der GI Bill, einer Förder­massnahme für rück­kehrende Soldaten, weg von den Zentren in die Vorstädte. Kein Wunder, dass die GI Bill auch nur für weisse Armeeangehörige galt. Damit wurde die Rassen­trennung noch einmal zementiert.

„Redlining“ ist heute kein Begriff mehr, mit dem kaum jemand was anfangen kann. Ganz offen wird deshalb auch in den afro-amerikanischen Communities im ganzen Land ein «New Black Deal» eingefordert. Auch eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, wie sie 1994 am Ende des Apartheid-Regimes in Süd Afrika eingerichtet wurde, wird verlangt, um die tiefen Spuren, Narben und Wunden in der amerikanischen Gesellschaft aufzuarbeiten. Nach dem Erkennen des strukturellen Rassismus müssen dann tiefe Veränderungen kommen. Und das alles kommt in einem Wahljahr, in dem der Präsident noch immer davon redet „Make America Great Again“. Auf Amerika warten noch schwierige und schmerzvolle Wochen.

Die Trumpsche Logik

Eine Aussage des amerikanischen Präsidenten Donald Trump (ich muß noch immer schlucken, wenn ich das ausschreibe!) vom Montag, fiel leider etwas von den Redaktionsschreibtischen. Trump meinte da: „If we stop testing right now, we’d have very few cases, if any.“ Also, wenn man in diesen Corona-Zeiten mit dem Testen aufhöre, dann habe man kaum noch Fälle, wenn überhaupt welche.

Das muß man setzen lassen. Sich den Satz mehrmals durchlesen, um die Logik dahinter in der ganzen Breite zu erfasen. Der Präsident (!) sagt also allen Ernstes, man solle doch vielleicht mit dem Testen aufhören, dann habe sich auch das Problem mit Corona und dieser Pandemie erledigt. Diese Auslegung der Trumpschen Worte ist ja leider keine Übertreibung, denn Trump will die Uhren zurückdrehen, alles soll wieder „normal“ laufen. Masken trägt er nicht und am Samstag will er vor Zehntausenden von Trumpianern in Tulsa, Oklahoma, auftreten. Wie er selbst behauptet, hätte es über eine Million Ticket Anfragen für die Arena gegeben.

Amerika sei „ready for business“ tönt er tagtäglich und preist, wie viel und gut seine Adminstration in dieser weltweiten Krise gearbeitet habe. Seinem Vorgänger Barack Obama wirft er da vor, dass dieser ihm keine Pläne für diese Covid-19 Krise hinterlassen habe und retweetet gerne Bilder von sich ohne Maske und daneben Joe Biden mit Mund-Nasen-Schutz. „If we stop testing right now, we’d have very few cases, if any.“ Das ist dann wohl den Kopf in den Sand stecken und denken es ist dunkel am hellichten Tag. Oder, wie es Kinder gerne machen, wenn sie sich die Hand vor die Augen legen, „wenn ich es nicht sehen kann, kann mich auch niemand sehen“.

Das ist die Trumpsche Logik, wo kein Ankläger, da kein Angeklagter, wo keine hohen Infektionszahlen zu vermelden sind, da läuft auch von Seiten der Trump-Administration nichts schief. Von daher, einfach all die Tests stoppen, die, die krank sind,  würden ja eh sterben, ob mit oder ohne Corona. So einfach ist das im Weltbild des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika!