“Dass es knallte, bekam man mit”

Pfarrer Jörg Zimmermann sagte diesen Satz im Interview. Damit machte er klar, dass jeder, der vor dem 6. April 1994 in Ruanda lebte, mitbekam, dass es zur Katastrophe kommen würde. Von dem, was dann passierte, damit konnte niemand rechnen. Doch klar war, dass es zu Massakern kommen würde.

Heute fand im Bundestag eine Anhörung zum 20. Jahrestag des Genozids statt. Betroffenheit war groß geschrieben. Ja, die internationale Gemeinschaft habe versagt. Doch hier und heute wäre der richtige Ort gewesen, um ganz offiziell die Schuldfrage aufzugreifen. Deutschland hat weggeschaut, die Zeichen nicht erkannt, nicht erkennen wollen. Und das obwohl regelmäßig und gehäuft Berichte und Informationen an mehrere Ministerien in Bonn und in Mainz übermittelt wurden. Das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das Verteidigungsministerium, das Innenministerium und die Staatskanzlei in Mainz, sie alle wußten, was in Ruanda vor sich geht. Doch niemand handelte, niemand ergriff die Initiative. Man versteckte sich damals hinter der Leitlinie, man müsse eine gemeinsame europäische Linie finden, die es nie gab. Und genau diese Politik wird heute weiter betrieben, in dem man sagt, die “internationale Gemeinschaft” habe versagt. Ist es so schwer zuzugeben, dass Deutschland sich mitschuldig gemacht hat? So schwer zu sagen, man wolle, man habe aus diesen Erfahrungen gelernt?

Doch nichts dergleichen geschieht. Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU Fraktion Philip Mißfelder erklärte: “Die autoritäre Militärregierung hat damals versucht, die Opposition niederzuringen und dringend notwendige Reformen zu verhindern. Als 1973 Präsident Juvénal Habyarimana durch einen Staatsstreich ins Amt kam, war die Rollenverteilung nicht nur in ethnischer Hinsicht klar, sondern auch machtpolitisch zementiert. Zur Konsolidierung seiner Macht platzierte der Präsident diverse Hutu-Anhänger in nahezu allen Schlüsselpositionen, vor allem in der Armee des Landes.” Herr Mißfelder, die Frage muß gestattet sein, warum hat Deutschland dann Mitte der 70er Jahre mit einer militärischen Kooperation begonnen und diese auch dann weiter geführt als längst klar war, dass die ruandische Regierung die Menschenrechte mit Füßen tritt. In einen vertraulichen Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung heißt es dazu:

“Deutschland finanzierte seit Jahren schon, aber über den Zeitpunkt der Invasion durch die FPR hinaus, ja bis zur Evakuierung im Anschluß an den Abschuß der Präsidentenmaschine am 6.4. 1994 eine Bundeswehrberatergruppe, deren Aufgaben im wesentlichen in der Schulung bei der Instandhaltung von Gerät und der logistischen Ausbildung lagen. Selbst wenn die Bundeswehr anders als französische, belgische und zairische Truppen damit nicht direkt in Kampfhandlungen oder deren Sicherung involviert war, wurde doch eine eindeutig unterstützende Dienstleistung für die FAR geleistet….Man wundert sich, dass dieses Engagement nicht frühzeitiger gestoppt wurde, insbesondere weil die Zusammenarbeit im Ausstattungshilfebereich mit Ländern wie Togo, Somalia, Sudan, Kenia, Kamerun, Malawi, Zambia udn Zaire Anfang der 1990er Jahre nicht fortgesetzt wurde. Gründe des AA: Man werde nur mit Partnerländern zusammenarbeiten, die “grundsätzlich die Menschenrechte achten, ihre Rüstungsausgaben in angemessenen Grenzen halten und Demokratisierungsbestrebungen nicht unterdrücken”. Wie das Programm dann in Ruanda bis 1994 fortgesetzt wurde ist unverständlich.”

Die Nürnberger Abgeordnete Dagmar Wöhrl erklärte in ihrem Redebeitrag: “Wir haben es gehört: Zwischen dem 6. April und dem 17. Juli 1994 wurden in Ruanda über 800 000 Menschen ermordet – kaltblütig, systematisch, grausam -, das heißt, fast 10 Prozent der Bevölkerung. Mit anderen Worten: mindestens 8 000 Menschen am Tag, in der Minute fünf Tote. Eine mediale Hetzkampagne im Land stachelte die Mörder zusätzlich an. Radiosender meldeten: Das Grab ist nur halb voll. Wer hilft uns, es zu füllen?

Auch Frau Wöhrl sei an dieser Stelle der vertrauliche Bericht des BMZ zu empfehlen, den sie sicherlich aus den Archiven des Ministeriums beziehen kann: “Wie wir inzwischen wissen, bestehen unglücklicherweise enge personelle und technische Verbindungen von RTLM zu Radio Rwanda, das von der deutschen Entwicklungshilfe lange Jahre gefördert wurde.” Die Autoren des Berichts zitieren die BBC: ‘Radio Television des Mille Collines… has become the symbol of “hate radio” throughout the world. It’s broadcasts, disseminating hate propaganda and inciting to murder Tutsis and opponents to the regime, greatly contributed to the 1994 genocide of hundreds of thousands. RTLM, aided by the staff and facilities of Radio Rwanda, called to destroy the Tutsi minority.” Und weiter heißt es in dem Bericht: “Von 1991 bis 1993 wurden Seminare mit ruandischen Journalisten weiterhin sowohl in Ruanda, als auch in Burundi abgehalten; insgesamt wurden aus der CEPGL (Wirtschaftsgemeinschaft der Großen Seen) im Förderzeitraum 700 Journalisten fortgebildet. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltete – in Abstimmung mit der Friedrich-Naumann-Stiftung – einige Presseseminare mit den gleichen (z.T. problematischen) Partnern.”

Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte als erster Redner am heutigen Tag: “Die eine Lehre, die an einem Gedenktag wie heute zu ziehen ist, die wir ziehen müssen, heißt: Niemals wieder! Ja, niemals wieder. Doch viel schwieriger ist die Frage, wie wir dieser Verantwortung des „Niemals wieder!“ eigentlich gerecht werden. Seien wir ehrlich: Wir haben schon einmal „Niemals wieder!“ gerufen. Das war 1948, nach dem Holocaust, als die Vereinten Nationen die Völkermordkonvention beschlossen haben. Doch wir haben dieses Versprechen nicht halten können. Die internationale Gemeinschaft hat versagt, als sie in Ruanda vor 20 Jahren inmitten der Gewalt ihre Blauhelmsoldaten abzog.”

Wenn Herr Steinmeier diese Worte ernst meint, was ich ihm durchaus glaube, dann sollte er auf die Worte seiner Kollegin im Bundestag hören. Kordula Schulz-Asche von den Grünen wies auf die durchaus bedeutende Rolle Deutschlands in Ruanda hin. Schulz-Asche lebte damals mit ihrem Mann in Ruanda und erlebte, durchlebte, überlebte den Horror. Die Abgeordnete berichtete von ihren damaligen Eindrücken und schloß ihren Redebeitrag mit einer Aufforderung nach Aufarbeitung: “Das Ziel einer solchen Aufarbeitung sollte es sein, dass wir für die Zukunft weitere Lehren daraus ziehen und wirklich sagen können: Unser Ziel ist: Nie wieder Völkermord! Lassen Sie uns alle gemeinsam, auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte, eine Antwort auf die Frage finden: Warum habt ihr uns nicht geholfen?”

Eine Gedenkveranstaltung, wie sie heute im Bundestag stattgefunden hat, macht nur dann Sinn, wenn man kritisch die eigene Rolle in dieser Geschichte betrachtet. Das ist bislang, und das ist heute wieder nicht passiert. Das Auswärtige Amt unter Frank-Walter Steinmeier ist nun am Zug. Man sollte nun nicht noch weitere zehn Jahre warten, bis das politische Archiv im AA endlich die Unterlagen zu Ruanda freigibt. Die Lehren aus dem ruandischen Genozid müssen heute gezogen werden.

Jahrestag des Genozids

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In den Abendstunden des 6. April 1994 wurde die Präsidentenmaschine im Anflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschossen. An Bord der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana und sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira. Das Attentat war der Auslöser für das 100tägige Abschlachten der Tutsi Minderheit und der gemäßigten Hutu Opposition im Land. Am Ende waren fast eine Million Menschen ermordet worden.

Die westlichen Nationen zeigten sich vom Ausmaß überrascht, weigerten sich lange Zeit, von einem Genozid zu sprechen. Erst nach langem Druck auf die UN und die westlichen Nationen, wurde das gezielte Morden nicht länger nur eine Stammesfehde genannt. Doch das Einschreiten kam zu spät, viel zu spät.

Der Audiobeitrag schildert die Erfahrungen der katholischen Ordensschwester Milgitha im ruandischen Kaduha im April 1994.

 

In der Hölle und zurück

Unten wurde der polnische Ministerpräsident mit Militärehren, Fanfaren und Salut empfangen, im zweiten Stock saß ich General a.D. und Senator Romeo Dallaire gegenüber. Ottawa strahlte an diesem Montagmorgen unter einem blauen Himmel. Und auch der 65jährige lacht. Ganz stolz zeigt er mir die deutsche Ausgabe seines Buches “Handschlag mit dem Teufel“.

Romeo Dallaire ist durch die Hölle gegangen, ein Jahr lang war er in Ruanda stationiert. Hochmotiviert kam er im August ’93 in dieses kleine afrikanische Land, um die UN Truppen zu befehligen, die das dortige Friedensabkommen überwachen sollten. Doch alles kam anders. Im Rückblick war klar, radikale Kräfte in der Regierung und im Land arbeiteten auf die Endlösung hin, sie wollten die Tutsi Minderheit auslöschen. Man spielte mit ihm. Die verschiedensten radikalen Kräfte im Land und auch die Politdiplomaten daheim in New York.

Im Interview berichtet der Senator von damals, von seinen Einschätzungen, von den Versuchen, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen endlich zum Handeln zu bringen. Aber auch davon, dass Länder wie Deutschland schlichtweg versagt haben, kaum mit ihm als UN Vertreter vor Ort zusammen gearbeitet haben oder zusammen arbeiten wollten. Deutschland war Teil einer Gruppe von Botschaftern, die sich regelmäßig in Kigali traf, um die Lage vor Ort zu besprechen.

Romeo Dallaire erzählt, man merkt ihm im Gespräch nicht an, dass er Zeuge eines der schlimmsten Verbrechen der Geschichte war. Im Jahr 2000 versuchte er sich umzubringen, die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung. Die Geister von Ruanda lassen ihn nicht mehr los. Seine Erlebnisse, seine Erfahrungen in Ruanda und innerhalb des gewaltigen UN Apparats, die Enttäuschungen, die Hilflosigkeit, der Handschlag mit dem Teufel haben sein Leben verändert. Romeo Dallaire blickt nach vorne, sucht den Kontakt und das Gespräch mit vielen jungen Menschen. Man habe aus der Geschichte gelernt, sagt er. Und fügt hinzu, zumindest auf dem Papier.

Immun, wenn genehm

Am 6. April 1994 wurde im Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali eine Maschine abgeschossen. An Bord waren der ruandische Präsident Juvenal Habyarimana und der burundische Präsident Cyprien Ntaryamira. Beide Hutus. Dieses Attentat eskalierte die Situation in Ruanda, die radikalen Hutu Kräfte im Land nahmen den Abschuss zum Anlass, mit Macheten, Speeren und Knüppeln gegen die Tutsi Minderheit vorzugehen. Ruanda glich in den folgenden 100 Tagen einem Schlachthaus, in dem am Ende rund eine Million Menschen ermordet wurden. Die Weltgemeinschaft schaute weg, allen voran der amerikanische Präsident Bill Clinton.

Die Eskalation in Ruanda führte auch dazu, dass der Führer der RPF Armee, Paul Kagame, massiv vom Norden her kommend auf Kigali marschierte. Die Hutus schlachteten sich durchs Land, gefolgt von der “Befreiungsarmee” der RPF, die auch nicht gerade zimperlich vorging.

Der Abschuss der Präsidentenmaschine wurde nie aufgeklärt. Die radikalen Hutus im Land sahen eine Verschwörung der belgischen Armee mit der RPF. Als Antwort ermordeten sie zehn belgische UN Soldaten, was zum Abzug der Belgier und zu einer weiteren Eskalation führte. Von Seiten Kagames wurden die Hutus in der Regierung beschuldigt, die mit ihrem Schlachtruf “Hutu Power” das Attentat als Auslöser für ihr Bluthandwerk nutzten. Doch die genauen Hintergründe wurden nie geklärt.

Die Witwen der beiden Präsidenten hatten im April 2010 eine Klage gegen Paul Kagame an einem Gericht im US Bundesstaat Oklahoma eingereicht, als dieser für eine Veranstaltung dort war. Sie beschuldigten den heutigen ruandischen Präsidenten, das dieser den Abschuss des Flugzeugs angeordnet hätte. Sie beriefen sich dabei auch auf einen Beschluß des Verfassungsgerichts von 1997, in dem damals der Prozess Clinton gegen Jones weitergeführt werden konnte, obwohl Bill Clinton als Präsident noch im Amt war und Immunität genoß. Doch Richter Lee West hat nun die Argumentation des Weißen Hauses und des State Departments gelten lassen, die massiv auf die Immunität Paul Kagames als ruandischer Präsident verwiesen. Das Gericht habe keine Zuständigkeit, so Washington. Mit der Klage wurden auch die Hoffnungen vom Tisch gewischt, endlich heraus zu finden, wer hinter dem Attentat vom 6. April 1994 steckte….und vielleicht auch, wer schon lange mehr wußte, als er zu gibt.

Der Club ist überall

Im Nordwesten von Ruanda. Die Vulkane im Dreiländereck Ruanda/Uganda/DRC. Dort findet man auch die Gorillas, zu denen man in geführten Gruppen marschieren kann. Als Tourist zahlt man schlappe 500 Dollar. Eine wunderschöne Landschaft, viel Grün, aber eben auch rauh aufgrund der noch aktiven Vulkane. Und hier oben sehe ich einen Ruander, der mit einem Trikot des 1.FCN rumläuft. Klar will ich ein Bild machen, doch der will nicht. Ziert und zickt da rum, als wollte ich es ihm vom Leib reißen. Auch das Argument, ich komme immerhin aus der Stadt und wolle nur ein Photo machen, nutzt nichts. Er macht auf blöd. Und einfach so mal schnell knipsen geht auch nicht, zu viele stehen schon um den jungen Mann herum und diskutieren und Knips und weg könnte Probleme mit sich bringen. Die Ruander lassen sich nicht gerne photographieren. Keine Ahnung warum, aber es ist schade, denn man sieht hier so viel wunderschöne AugenBlicke, z.B. was hier alles auf dem Kopf getragen wird. Alleine mit so einer Bildserie könnte man ganze Bücher füllen.

Na gut, soll nicht sein, steht dem Ruander eh nicht, das FCN Trikot…der Heini!!!

Über eine Huppelpiste geht es von Gisenyi, direkt an der Grenze zum Kongo, runter nach Kibuye. Fast parallel entlang des Lake Kivu Ufers, hinauf in die Bergkette. Ein wunderschöner Blick fast hinter jeder Kurve. Mal die gewaltigen Vulkane, mal ein Blick auf Goma hinter der Grenze, mal auf den wunderschönen See, da kann der Bodensee dagegen auslaufen. Die Fahrt geht vorbei an riesigen Teefeldern und anderen Anbauprodukten. Und auch einige Kühe weiden hier oben, erinnert sehr an dieses Plattencover von Pink Floyd’s “Atom Heart Mother”.

Für 75 Kilometer benötigt man fast dreieinhalb Stunden. Erster, manchmal zweiter und so gut wie nie dritter Gang. Kurvenreich und steinig ist die Straße. Doch Ruanda ist ein Land auf dem Vormarsch, auch hier in der Pampa merkt man das. Es ist organisiert und kontrolliert, auch wenn auf dem Land die Armut sichtbarer ist, die Infrastruktur weitgehend fehlt. Aber auch hier wurden schon Fiberglaskabel verlegt, Ruanda ist startbereit für die Zukunft, oder zumindest will man das sein. Aber hier oben im Nordwesten des Landes wird auch deutlich, dass all die Bemühungen der Regierung in Kigali an Entwicklungen in der Region geknöpft sind. Hier findet man noch Flüchtlingslager der UN, Wiedereingliederungslager für ehemalige Milizenkämpfer, die zum Teil mit deutschen Geldern finanziert werden. Und der Blick über die Grenze macht klar, wie nah die Gefahr lauert. Selbst Kongolesen, die man in Gisenyi trifft, erklären einem, Goma als solches sei sicher, doch man könne das Stadtgebiet nicht verlassen. Sicher sei nur die Reise über die Grenze ins benachbarte Gisenyi. Und tatsächlich trifft man am Seeufer in Gisenyi viele junge und wohlhabende Kongolesen, die Party machen. Unterdessen geht der Krieg der Milizen unvermindert weiter in Nord- und Süd Kivu. Die Gefahr wächst, dass die Gewalt auch wieder über die Grenze nach Ruanda schwappen könnte oder dass die Kagame Regierung in Kigali entscheidet, die Situation jenseits der Grenze sei eine Gefahr für die innere Sicherheit. Die ruandische Armee ist eine der bestausgebildetsten in Afrika und marschbereit in Richtung Kongo.

Und hier am Lake Kivu sitzt man, blickt auf diese traumhaft schöne Landschaft. Vögel zwitschern und krächzen, singen und feiern Vogelhochzeit. Ein paar Fischer in ihren langen Einbäumen paddeln singend vorbei. Das Grün ist vielschichtig und für mich als Grünschwächelnder gar nicht so richtig zu erkunden. Der Nachthimmel ein einziges klares Sternenglitzern. Hier im Herzen von Afrika scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Kein Flugzeug am Himmel, kaum Autos unterwegs, alles wirkt friedlich. Es ist gar nicht so leicht, einfach mal eins, zwei, drei, vier, fünf und sechs gerade sein zu lassen. Hier steht die Zeit….die Frage ist, für wie lange noch.

Der Glaube bringt Frieden

Vor fast zwei Jahren traf ich zum ersten mal Schwester Milgitha in Kaduha, Ruanda. Nach einer mehrstündigen und holprigen Autofahrt von Kigali kommend saß ich ihr in einem Wohnzimmerbereich des “Maision Euthymia” gegenüber. Die Clemensschwester berichtete von ihrem Leben und ihrer Arbeit in Ruanda. Anfang der 70er Jahre war sie ins Land gekommen, um hier eine Gesundheitsstation aufzubauen.

Und das gelang ihr und ihrer Mitschwester auch. Der Ruf des Zentrums war weit über die eigentlichen Grenzen des Einzugsbereichs bekannt. Schwester Milgitha half und war dort angekommen, wo sie immer sein wollte, bei den Armen Afrikas.

Doch dann kam das Frühjahr 1994, in dem in einhundert Tagen rund eine Million Menschen abgeschlachtet wurden. Tausende wurden brutalst auf dem Kirchengelände von Kaduha, unter den hilflosen Blicken der Clemensschwestern mit Macheten, Knüppeln, Speeren, Gewehrkolben, Granaten ermordet. Auch in diesen Tagen schaffte es Schwester Milgitha Hunderten von Menschen zu helfen, viele zu retten. Erst vor ein paar Wochen traf sie Dutzende der Kinder von damals, die sie vor dem sicheren Tod bewahrte und sie nach Burundi bringen konnte.

Die fast 75jährige lebt heute in einem kleinen Häuschen in Kigali. Sie ist keine Clemensschwester mehr, der Orden hat sie entlassen. Die Kirche, an die sie glaubte, für die sie ihr Leben gegeben hätte, für die sie unermüdlich im Einsatz war, diese Kirche hat sie fallenlassen. Man wirft ihr Ungehorsam vor, eine Sünde im katholischen Orden. Egal, wie sehr man sich auch für die Menschen in Not eingesetzt hat. Egal, was man selbst in den schlimmsten Zeiten im Einsatz für die Kirche erlebt, durchgemacht, mitgemacht und gesehen hat.

Nun sitze ich dieser 75jährigen Frau im Hotel “Des Mille Collines”, dem “Hotel Rwanda” gegenüber. Sie erzählt, berichtet, und ja, sie ist enttäuscht von ihrer Kirche. Doch noch immer schöpft sie Kraft und Energie, Trost und Hoffnung aus ihrem Glauben an Gott. Man habe ihr nach den Wochen und Monaten des Genozids vorgeschlagen, psychologische Betreuung anzunehmen. Doch sie lehnte ab. Sie setze sich stattdessen lieber in eine Kapelle. Spreche dabei noch nicht einmal mit Gott. Sie schließe die Augen, hört einfach nur, was er ihr mitteilen will. Sie findet so den Frieden, den Frieden vor den Bildern, die sie nie mehr vergessen wird.

Hier noch einmal der Radiobeitrag über Schwester Milgitha, über die 100 Tage, an denen Gott nicht zum Ruhen nach Ruanda kam:

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Umuganda in Ruanda

Umuganda in Ruanda könnte auch eine Textzeile aus dem United Balls Song Pogo in Togo, Coca Cola in Angola, Samba in Uganda sein…Ist es aber nicht. Aber heute ist Umuganda in Ruanda. Immer am letzten Samstag im Monat von 7 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags ist Gemeinschaftstag im Land der tausend Hügel. Geschäfte, Märkte, Restaurants sind geschlossen, auf den Straßen fahren kaum Autos, und wenn, dann werden sie gestoppt, falls sie keine Sondererlaubnis oder Diplomatenkennzeichen haben.

An diesem Samstagmorgen arbeiten alle über 18 Jahre “ehrenamtlich” im Dienst der Allgemeinheit. Der Blockwart paßt darauf auf, dass auch jeder völlig freiweillig dabei ist. Es wird gefegt und geputzt, gebaut und gezimmert, Müll eingesammelt und öffentliche Grünflächen gesäubert. Alles, um das Land zusammen zu bringen. Umuganda bedeutet in etwa “Beitrag”, und jeder kann und soll seinen Beitrag für die Allgemeinheit geben.

Vor dem Hintergrund des Genozids 1994, als in rund 100 Tagen nahezu eine Million Menschen abgeschlachtet wurden, wird mit diesem symbolischen Tag versucht, die Menschen zusammen zu bringen, “Nation Building” zu ermöglichen. Offiziell gibt es keine Hutus und Tutsis mehr, doch die dunkle Geschichte Ruandas überschattet alles im Land. Die Älteren wissen noch genau, wer welcher Gruppe angehört. Die jüngeren hingegen sehen sich als Ruander. Das zumindest wird einem in Gesprächen erklärt. Man hofft einfach, dass das auch so ist, falls es erneut zu Spannungen in der Region der großen Seen kommen sollte.

Umuganda ist da vielleicht mehr als nur ein symbolischer Schritt auf einem langen Weg, eine gespaltene Nation und ein traumatisiertes Volk zu einen.

Die Ruander sind von diesem Konzept überzeugt. Die als Blauhelme eingesetzten Mitglieder der ruandischen Armee RDF in Darfur und in Haiti haben auch dort Umuganda am letzten Samstag im Monat eingeführt.

Ruanda nimmt einem den Atem

murambiDie hügelige Landschaft so wunderschön, das Grün so intensiv. Wie ein Bildnis liegt alles vor einem. Die Stille nimmt den Besucher ein. Am Ende der staubigen Strasse dann ist dieses Gelände, Murambi. Man erreicht es, wenn man kurz vor Butare, dem heutigen Huye rechts abbiegt. 20 Kilometer weiter hat man das Ende erreicht. Es sollte eine Bildungseinrichtung mit Klassenzimmern sein. Übrig geblieben sind noch ein Hauptgebäude und mehrere halb verfallene Backsteinbauten. Der Wind pfeift durch die offenen Fensterhöhlen.

Ein Mitarbeiter erwartet die wenigen Besucher. Gestern waren zwei Besucher hier, am Tag zuvor niemand, davor einer. Murambi, erklärt er, war im April 1994 eine Zufluchtsstätte für tausende von Tutsi, insgesamt mehr als 40.000 Menschen flohen auf das Gelände. Männer, Frauen, Kinder. murambi3Hutu Milizen riegelten das Gelände ab und hungerten die Flüchtlinge zwei Wochen lang aus, bevor sie zuschlugen, auf die wehrlosen und geschwächten Menschen mit Macheten, Knüppeln, Hämmern und Speeren einschlugen. In mehreren Massengräbern wurden die Opfer verscharrt, eines davon sofort geschlossen, es versiegelte hunderte von Toten. Der Verwesungsprozess wurde damit gestoppt, die Toten später gefunden und ausgegraben.

In einigen der als Klassenzimmer geplanten Backsteingebäude liegen heute diese eingekalkten Toten. Männer, Frauen und Kinder. Mit abgetrennten Gliedmaßen, eingeschlagenen Schädeln, verstümmelt. Murambi ist heute eine Gedenkstätte für den Horror jener 100 Tage im Frühjahr 1994. Man geht als Besucher von einem Raum zum anderen. Die Leichen liegen auf Holzpritschen, teils aufeinander. Es wirkt surreal, wie ein Kunstwerk. Es könnte eine Skultpur von Käthe Kollwitz sein. Doch es ist der Tod, der hier haust. Der Geruch ist betäubend, der Atem stockt einem, man wird richtiggehend erdrückt von dem, was man hier sieht, riecht, empfindet. So geht man von Zimmer zu Zimmer…vorbei an hunderten von Ermordeten.

murambi2jpgGedenken ist allgegenwärtig in Ruanda, man kann ihm nicht entkommen. Doch wer gedenkt der Toten, wer erinnert sich, wer will die Lehren aus der Vergangenheit ziehen? Ruander sieht man hier nur selten, auch nicht an den anderen “Genocide Memorials” in Ruanda, die es alle paar Kilometer gibt. Eine Schule, eine Kirche, ein offenes Feld. Einzig die zentrale Gedenkstätte in Kigali zieht Einheimische wie Touristen gleichermaßen an.

Die Hoffnung liegt auf den jungen Ruandern, jenen, die lernen sich zu erinnern. Die ohne blanken Hass sind, die unvoreingenommen dem Nachbarn in die Augen blicken können. Ruanda hat noch einen langen und schwierigen Weg vor sich.

Ruanda zwischen Himmel und Hölle

Ruanda das Land der tausend Hügel. Powerhouse in der Gegend der Großen Seen. Afrikanischer Hoffnungsträger. Die Wirtschaft boomt, das Land ist auf Kurs mit einem visionären Präsidenten Paul Kagame. Alles scheint nach Plan zu laufen, sogar die Wahlergebnisse von 93 Prozent für den Amtsinhaber deuten scheinbar darauf hin, dass die Ruander diesen eingeschlagenen Weg gehen wollen. Ob sie möchten oder nicht.

Die Kritik an Kagame und seinem Kurs kommt nur verhalten, und dann auch nur von außen. Die ausländischen Medien reden von unterdrückter Meinungs- und Pressefreiheit, sprechen von Unterdrückung der Opposition und politisch Andersdenkender. Doch die kritischen Worte werden noch nicht mal in den Hauptstädten von Berlin bis Washington wahrgenommen. Man schaut weg, übersieht, wie man das schon immer mit Ruanda getan hat.

Genozid Memorial an einer Kirche in KibuyeDoch in diesem Land und dieser Region kann man nicht einfach wegschauen. Zu gegenwärtig ist das, was vor 16 Jahren passierte. Der Massenmord an den Tutsis, die systematische Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Egal wohin man in Ruanda auch fährt, man stößt überall auf die Orte des Schreckens. Kirchen, Plätze, Schulhäuser, Krankenhäuser. An den wunderschönsten Orten wurden Menschen zu tausenden brutalst abgeschlachtet. In Ruanda entkommt man dem Grauen nicht, es sei denn man will ganz bewußt nicht das wahrhaben, was hier geschehen ist. Doch dann ist man in Ruanda fehl am Platz.

Das seltsame im Ruanda des Paul Kagame ist, dass seit gut eineinhalb Jahren nur noch vom Morden an den Tutsis gesprochen werden darf. Doch damals zwischen April und Juli 1994 wurden auch moderate Hutus von den Radikalen Hutu Milizen umgebracht, vernichtet, abgeschlachtet. Es gab viele, die den Wahnsinn verhindern, die einschreiten, die schützen wollten. Doch auch sie wurden Opfer der Macheten, Speere und Knüppel. Aber darüber darf im heutigen Ruanda nicht berichtet werden.

Auch nicht darüber, dass Paul Kagames Rebellenarmee RPF beim Vorrücken auf Kigali und der Vertreibung der Hutu Milizen aus Ruanda ebenfalls Massaker an Zivilisten begangen haben soll. Kaum wird hier über das Vorgehen der ruandischen Armee unter ihrem Präsidenten Kagame im Kongo gesprochen. Auch dort fielen viele Zivilisten den in den USA ausgebildeten und geschulten RPF Kämpfern zum Opfer.

In den westlichen Hauptstädten der EU, der USA und Kanadas geht man mit der (Erfolgs)geschichte Ruandas etwas einseitig um. Der Besuch des Genozid Memorials in Kigali gehört für westliche Politbesucher zum Pflichtprogramm. Durchaus drängende und offene Fragen werden danach leider nicht gestellt.

“Der Engel von Kigali”

Dr. Alfred Jahn…so wurde Dr. Alfred Jahn auch schon genannt. Der frühere Chefarzt der Kinderklinik in Landshut lebt heute in Kigali. Ich traf ihn bei meinem jüngsten Besuch in der ruandischen Hauptstadt. Er lud uns zum Abendessen mit “seinen Jungs” ein. Seine Lebensgeschichte ist aussergewöhnlich. Man sitzt einfach nur da, hört ihm zu, sieht das, was er tagtäglich tut und geht mit vielen Fragen wieder weg. Vor allem einer, was habe ich eigentlich bislang in meinem Leben gemacht?

Hier ein zweiteiliger Audiobericht über einen Arzt, der nicht wegsehen wollte und kann:

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