Der Terror vor der eigenen Haustür

1988 war ich das erste Mal in den USA, danach regelmäßig. 1992 dann ein ganzes Jahr, 1996 zog ich dann mit Sack und Pack an die Westküste. Heute habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft, bin eben auch Amerikaner, zumindest auf dem Papier, doch mehr verstehe ich „sie“ deshalb auch nicht.

Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 existiert der „War on Terror“. Billionen von Dollar wurden dafür ausgegeben, Tausende von Soldaten starben in Afghanistan und Irak, die Welt ist nach diesen zwei Kriegen dennoch nicht sicherer geworden. Ganz im Gegenteil. „It’s a mess“ wohin man auch blickt. Und in den USA selbst hat dieser Krieg gegen den Terrorismus zu drastischen Veränderungen geführt. Bürgerrechte wurden eingeschränkt, Geheimgerichte und Geheimgefängnisse eröffnet, riesige Datenbanken aufgebaut, unter dem Begriff „Homeland Security“ ist heute alles möglich in den USA. Zehntausende von Menschen dürfen in kein Flugzeug mehr einsteigen, warum sie auf der „No Fly“-Liste sind und wie man davon wieder gestrichen wird, weiß niemand. Moscheen, islamische Zentren und Geschäfte sind unter FBI Beobachtung. „Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich auch keine Gedanken machen“, diesen Satz habe auch ich schon in Diskussionen gehört, in denen ich die einschneidenen Maßnahmen der US Regierung kritisierte. Keiner murrt über die nervigen und teils schikanierenden Schlangen am Flughafen auf, die Überwachung des öffentlichen Raumes ist zur Normalität geworden, sogar Park Ranger sind in den USA an der „Homeland Security“ Front eingesetzt.

Und dann sind da die allabendlichen Nachrichten. „News Alert“ flimmert auf den 24 Stunden Kabelkanälen gleich mehrfach am Tag über die Bildschirme. Eigentlich ist nichts passiert, doch verkauft wird die Angst vor den Anderen, den angeblichen islamistischen Zellen in den USA, den ohne Gerichtsverhandlung und Richterspruch einsitzenden Gefangenen in Guantanamo Bay, den Terroristen in Übersee und den ach-so-vielen Schläferzellen in Amerika, die nur auf ihre Chance und ihren Marschbefehl warten. Und jüngst sind auch noch die syrischen Flüchtlinge dazugekommen, unter denen sich nur Radikale und Fanatiker befinden, so Donald Trump. Amerikaner sind eigentlich Angsthasen, wenn man sich die Newssendungen hier ansieht und daran glaubt, dass die Botschaft auch ankommt, dann ist das hier das Land der Menschen, die die Buxe voll haben.

Die Knarre gehört zu Amerika wie Coca Cola und Micky Maus. Foto: Reuters.

Das Schießeisen gehört zu Amerika wie Coca Cola, BBQ, Hamburgers und Micky Maus. Foto: Reuters.

Umso verwunderlicher ist es, dass die Amerikaner mit dem Terror vor der eigenen Tür gut leben. Oder zu leben gelernt haben. Egal, wie man es sieht und bewertet, dieses Land, diese Gesellschaft kann man nicht verstehen. Anders ausgedrückt, wenn eine amerikanische Auslandsschule, nehmen wir als Beispiel die „International School of Kenya“ in Nairobi, Ziel eines terroristischen Anschlages durch die somalische Al-Shabaab werden würde, Dutzende von Schulkindern getötet und verletzt werden würden, dann würden die USA reagieren. Washington wäre geeint in einer militärischen Reaktion, die schnell, hart, umgehend und kompromisslos käme. Nichts anderes würde man von den USA erwarten.

Seit dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule in Newtown, Connecticut, im Dezember 2012 gab es in den USA 142 weitere Schießereien an Schulen und Bildungseinrichtungen. Fast jede Woche ein Vorfall mit Toten und Verletzten. Dazu kommen noch all die anderen Amokläufe, Massenschießereien und Morde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In jeder Schule gibt es einen „Lockdown“ Drill, dabei wird das Verhalten trainiert, was zu tun ist, wenn ein Bewaffneter auf das Schulgelände kommt. Schüler, Studenten, Eltern und Familien leben mit der täglichen Angst, dass es auch hier in ihrer Nachbarschaft passieren könnte, denn die Statistik zeigt, es passiert überall.

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass man Opfer eines Amoklaufes wird. Doch die Wahrscheinlichkeit ist in den USA höher als in jedem anderen Land. Die Wahrscheinlichkeit für mich, der schon öfters in Konflikt und Post-Konflikt Regionen unterwegs war, ist höher, hier in den USA Opfer einer Schießerei zu werden, als in Afghanistan, Nord-Mexiko, Kongo, Tschad oder demnächst in Somalia.

Die Amerikaner haben gelernt mit dem Terror im Alltag zu leben. Verstehen kann man es jedoch nicht. Warum würde die US Militärmaschinerie nach einem Anschlag auf die „International School of Kenya“ in Gang gesetzt werden, die Täter dingfest oder wahrscheinlicher „neutralisiert“, Hintermänner des Attentats ausfindig gemacht werden. Sie müssten auch nach Jahren noch mit Dronenangriffen rechnen. Amerika schläft und vergisst nicht.

Ganz anders im eigenen Land. 142 Schulschießereien in 34 Monaten, und nichts ist passiert. Hier Trauer, Betroffenheit, Hilflosigkeit, das Gefühl, es ist einfach so, es wird sich nichts ändern. Dort die hirnrissige Forderung nach der Bewaffnung von Lehrern und Schülern, um Amokläufer schnell auszuschalten. Der Waffenbesitz ist nun nach dem jüngsten Vorfall am „Umpqua Community College“ in Roseburg, Oregon, auch wieder zum Wahlkampfthema geworden. Donald Trump hat sich unter dem Applaus von NRA Trollen geoutet, eine Lizenz zum Tragen eines Schießeisens zu besitzen. Und ja, er fordert mehr Waffen in allen Lebenslagen, aber das verwundert nun wirklich niemanden mehr.

Es scheint, Terrorismus ist in den USA eine Auslegungssache, die sehr stark von der Lobbyarbeit in Washington abhängt. Das Erschießen amerikanischer Kinder ist im Ausland anders zu betrachten und zu werten, als im Inland. Und im Inland ist es nur dann ein terroristischer Akt, wenn der oder die Täter Islamisten oder rechtsradikale Spinner sind. Aber selbst dann wird es sehr laute Stimmen in den USA geben, die alles daran setzen, den allgemeinen Zugang zu Waffen nicht zu beschränken. Das begreife, wer will. Fazit ist, es wird sich nichts ändern.

Der wievielte Amoklauf ist es?

Foto: AFP.

Foto: AFP.

Am 27. August beendete ich einen Blogeintrag mit den Worten: Es wird wieder passieren, irgendwo und irgendwann im Land. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Egal, es wird passieren. Das steht fest.“ Es hat fünf Wochen gedauert, dann knallte es wieder. Diesmal am Umpqua Community College in Roseburg, Oregon. 13 Tote, mindestens 20 Verletzte. Doch die Zahlen können sich noch verändern. Der Todesschütze, ein 20jähriger, ist bei dem anschließenden Schußwechsel mit der Polizei ums Leben gekommen. Ein Einzeltäter, heißt es, über Hintergrund und Motiv ist noch nichts bekannt. Es ist schon die 45. (!) Schießerei in diesem Jahr an einer Schule, einem College, einer Unversität.

Das Entsetzen ist – mal wieder – groß. In Washington forderte ein sichtlich betroffener Präsident Barack Obama umgehend striktere Waffengesetze. „Das ist etwas, was ich nicht alleine machen kann“. Er wolle für die Opfer und deren Angehörige beten, meinte er, und drückte damit auch aus, dass das wohl das einzige sein wird, was er machen kann und wird. Man glaubt Obama, dass er gerne etwas tun würde, doch im politischen Washington keine Chance auf eine Verschärfung der Waffengesetze sieht. Das vermeintliche Recht auf Waffenbesitz wird von konservativen Politikern und Richtern über das Grundrecht auf Unversehrtheit der eigenen Bürger gestellt.

Wenn solche regelmäßigen Amokläufe und Massenschießereien nichts verändern. Wenn Kleinkinder und Kirchgänger, Schüler, Studenten, Kinobesucher und Arbeitnehmer nicht mehr da sicher sind, wo sie glauben sicher zu sein, dann stimmt doch etwas nicht in „God’s Country“. Ich lebe seit nunmehr 19 Jahren in einem Land, in dem einfach hingenommen wird, dass Jahr für Jahr die Bewohner einer Stadt in der Größe von Forchheim einfach abgeballert werden. Schußwaffen fordern jährlich rund 30.000 Tote in den USA, Morde, Selbstmorde, „Unfälle“ mit Knarren. Und nichts verändert sich. Das eigentliche Ereignis, das zwangsläufige Betroffensein, das Abhaken und zum Alltag übergehen, es ist noch nicht mal mehr ein Skandal. Es ist Amerika. Es wird wieder passieren, irgendwo und irgendwann im Land. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Egal, es wird passieren. Das steht fest.“