Der neue Deutsche in Washington

Am 30. April kam Peter Wittig nach Washington um seinen Posten als deutscher Botschafter anzutreten. Am Mittwoch nun durfte der oberste deutsche Diplomat in den USA Präsident Barack Obama sein Beglaubigungsschreiben von Bundespräsident Joachim Gauck im Oval Office überreichen. Dazu wurden Wittig und seine Familie traditionell vom Amtssitz des Botschafters in einer Limousine des Weißen Hauses  abgeholt. Dekoriert war das Fahrzeug mit einer amerikanischen und einer deutschen Fahne.

Peter Wittig studierte vor seinem Eintritt in den Auswärtigen Dienst 1982 Geschichte, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaften in Bonn, Freiburg, Canterbury und Oxford. Sein letzter Posten war der des Ständigen Vertreters Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York. Peter Wittig ist mit Huberta von Voss-Wittig verheiratet, das Paar hat vier Kinder.

„Dass es knallte, bekam man mit“

Pfarrer Jörg Zimmermann sagte diesen Satz im Interview. Damit machte er klar, dass jeder, der vor dem 6. April 1994 in Ruanda lebte, mitbekam, dass es zur Katastrophe kommen würde. Von dem, was dann passierte, damit konnte niemand rechnen. Doch klar war, dass es zu Massakern kommen würde.

Heute fand im Bundestag eine Anhörung zum 20. Jahrestag des Genozids statt. Betroffenheit war groß geschrieben. Ja, die internationale Gemeinschaft habe versagt. Doch hier und heute wäre der richtige Ort gewesen, um ganz offiziell die Schuldfrage aufzugreifen. Deutschland hat weggeschaut, die Zeichen nicht erkannt, nicht erkennen wollen. Und das obwohl regelmäßig und gehäuft Berichte und Informationen an mehrere Ministerien in Bonn und in Mainz übermittelt wurden. Das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das Verteidigungsministerium, das Innenministerium und die Staatskanzlei in Mainz, sie alle wußten, was in Ruanda vor sich geht. Doch niemand handelte, niemand ergriff die Initiative. Man versteckte sich damals hinter der Leitlinie, man müsse eine gemeinsame europäische Linie finden, die es nie gab. Und genau diese Politik wird heute weiter betrieben, in dem man sagt, die „internationale Gemeinschaft“ habe versagt. Ist es so schwer zuzugeben, dass Deutschland sich mitschuldig gemacht hat? So schwer zu sagen, man wolle, man habe aus diesen Erfahrungen gelernt?

Doch nichts dergleichen geschieht. Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU Fraktion Philip Mißfelder erklärte: „Die autoritäre Militärregierung hat damals versucht, die Opposition niederzuringen und dringend notwendige Reformen zu verhindern. Als 1973 Präsident Juvénal Habyarimana durch einen Staatsstreich ins Amt kam, war die Rollenverteilung nicht nur in ethnischer Hinsicht klar, sondern auch machtpolitisch zementiert. Zur Konsolidierung seiner Macht platzierte der Präsident diverse Hutu-Anhänger in nahezu allen Schlüsselpositionen, vor allem in der Armee des Landes.“ Herr Mißfelder, die Frage muß gestattet sein, warum hat Deutschland dann Mitte der 70er Jahre mit einer militärischen Kooperation begonnen und diese auch dann weiter geführt als längst klar war, dass die ruandische Regierung die Menschenrechte mit Füßen tritt. In einen vertraulichen Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung heißt es dazu:

„Deutschland finanzierte seit Jahren schon, aber über den Zeitpunkt der Invasion durch die FPR hinaus, ja bis zur Evakuierung im Anschluß an den Abschuß der Präsidentenmaschine am 6.4. 1994 eine Bundeswehrberatergruppe, deren Aufgaben im wesentlichen in der Schulung bei der Instandhaltung von Gerät und der logistischen Ausbildung lagen. Selbst wenn die Bundeswehr anders als französische, belgische und zairische Truppen damit nicht direkt in Kampfhandlungen oder deren Sicherung involviert war, wurde doch eine eindeutig unterstützende Dienstleistung für die FAR geleistet….Man wundert sich, dass dieses Engagement nicht frühzeitiger gestoppt wurde, insbesondere weil die Zusammenarbeit im Ausstattungshilfebereich mit Ländern wie Togo, Somalia, Sudan, Kenia, Kamerun, Malawi, Zambia udn Zaire Anfang der 1990er Jahre nicht fortgesetzt wurde. Gründe des AA: Man werde nur mit Partnerländern zusammenarbeiten, die “grundsätzlich die Menschenrechte achten, ihre Rüstungsausgaben in angemessenen Grenzen halten und Demokratisierungsbestrebungen nicht unterdrücken”. Wie das Programm dann in Ruanda bis 1994 fortgesetzt wurde ist unverständlich.”

Die Nürnberger Abgeordnete Dagmar Wöhrl erklärte in ihrem Redebeitrag: „Wir haben es gehört: Zwischen dem 6. April und dem 17. Juli 1994 wurden in Ruanda über 800 000 Menschen ermordet – kaltblütig, systematisch, grausam -, das heißt, fast 10 Prozent der Bevölkerung. Mit anderen Worten: mindestens 8 000 Menschen am Tag, in der Minute fünf Tote. Eine mediale Hetzkampagne im Land stachelte die Mörder zusätzlich an. Radiosender meldeten: Das Grab ist nur halb voll. Wer hilft uns, es zu füllen?

Auch Frau Wöhrl sei an dieser Stelle der vertrauliche Bericht des BMZ zu empfehlen, den sie sicherlich aus den Archiven des Ministeriums beziehen kann: „Wie wir inzwischen wissen, bestehen unglücklicherweise enge personelle und technische Verbindungen von RTLM zu Radio Rwanda, das von der deutschen Entwicklungshilfe lange Jahre gefördert wurde.” Die Autoren des Berichts zitieren die BBC: ‘Radio Television des Mille Collines… has become the symbol of “hate radio” throughout the world. It’s broadcasts, disseminating hate propaganda and inciting to murder Tutsis and opponents to the regime, greatly contributed to the 1994 genocide of hundreds of thousands. RTLM, aided by the staff and facilities of Radio Rwanda, called to destroy the Tutsi minority.” Und weiter heißt es in dem Bericht: „Von 1991 bis 1993 wurden Seminare mit ruandischen Journalisten weiterhin sowohl in Ruanda, als auch in Burundi abgehalten; insgesamt wurden aus der CEPGL (Wirtschaftsgemeinschaft der Großen Seen) im Förderzeitraum 700 Journalisten fortgebildet. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltete – in Abstimmung mit der Friedrich-Naumann-Stiftung – einige Presseseminare mit den gleichen (z.T. problematischen) Partnern.”

Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte als erster Redner am heutigen Tag: „Die eine Lehre, die an einem Gedenktag wie heute zu ziehen ist, die wir ziehen müssen, heißt: Niemals wieder! Ja, niemals wieder. Doch viel schwieriger ist die Frage, wie wir dieser Verantwortung des „Niemals wieder!“ eigentlich gerecht werden. Seien wir ehrlich: Wir haben schon einmal „Niemals wieder!“ gerufen. Das war 1948, nach dem Holocaust, als die Vereinten Nationen die Völkermordkonvention beschlossen haben. Doch wir haben dieses Versprechen nicht halten können. Die internationale Gemeinschaft hat versagt, als sie in Ruanda vor 20 Jahren inmitten der Gewalt ihre Blauhelmsoldaten abzog.“

Wenn Herr Steinmeier diese Worte ernst meint, was ich ihm durchaus glaube, dann sollte er auf die Worte seiner Kollegin im Bundestag hören. Kordula Schulz-Asche von den Grünen wies auf die durchaus bedeutende Rolle Deutschlands in Ruanda hin. Schulz-Asche lebte damals mit ihrem Mann in Ruanda und erlebte, durchlebte, überlebte den Horror. Die Abgeordnete berichtete von ihren damaligen Eindrücken und schloß ihren Redebeitrag mit einer Aufforderung nach Aufarbeitung: „Das Ziel einer solchen Aufarbeitung sollte es sein, dass wir für die Zukunft weitere Lehren daraus ziehen und wirklich sagen können: Unser Ziel ist: Nie wieder Völkermord! Lassen Sie uns alle gemeinsam, auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte, eine Antwort auf die Frage finden: Warum habt ihr uns nicht geholfen?“

Eine Gedenkveranstaltung, wie sie heute im Bundestag stattgefunden hat, macht nur dann Sinn, wenn man kritisch die eigene Rolle in dieser Geschichte betrachtet. Das ist bislang, und das ist heute wieder nicht passiert. Das Auswärtige Amt unter Frank-Walter Steinmeier ist nun am Zug. Man sollte nun nicht noch weitere zehn Jahre warten, bis das politische Archiv im AA endlich die Unterlagen zu Ruanda freigibt. Die Lehren aus dem ruandischen Genozid müssen heute gezogen werden.

„Boots on the ground“ in Syrien

Man will reden, man will den diplomatischen Weg gehen. Doch dabei geht es einzig und allein um einen Luftangriff gegen militärische Einrichtungen des Assad-Regimes, als Bestrafung für den Giftgaseinsatz. Unterdessen hat die CIA mit der Auslieferung von Waffen, Fahrzeugen, Kommunikationstechnologie und medizinischen Versorgungsgütern an die syrischen Rebellen begonnen. Klar ist, Amerika hat sich positioniert und greift ein. Greift massiv ein. Da kann Putin noch so viel behaupten, die UN, der Papst und Guido Westerwelle weiter warnen, die USA haben ihren neuen Krieg. Und der wird nun eskalieren. Man kann davon ausgehen, dass die USA nicht nur, wie öffentlich behauptet wird, leichte Schußwaffen liefern werden. Was ist in den Vereinigten Staaten schon eine „leichte Schußwaffe“? Amerika will eine Entscheidung herbei zwingen.

Schon jetzt sind in Jordanien und in der Türkei amerikanische Militärberater und Ausbilder vor Ort, die die Rebellen für den Kampf in Syrien schulen. Und auch damals, kurz nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 waren Special Forces schon in Afghanistan und später auch im Irak, lange vor dem Einmarsch einer Truppe, und auch vor den Bombardements gegen Stellungen der Taliban und Saddam Husseins. Die Spezialeinheiten des amerikanischen Militärs und der CIA sind auch in Syrien vor Ort, klären auf, sammeln Informationen, unterstützen mit Know-How den Widerstand gegen die Assad Regierung. Die berechtigte Frage in Deutschland sollte deshalb sein, ob, wie damals in Afghanistan, auch Spezialkräfte der Bundeswehr und des Nachrichtendienstes in Syrien sind, um ihre amerikanischen Kollegen zu unterstützen?

Nun wird also auch noch geliefert, mit etwas Verzögerung, denn bereits im April kündigte US Außenminister John Kerry an, innerhalb „weniger Wochen“ Materialien zu schicken. Damals war aber die Rede von „nonlethal material“, also ausdrücklich keine Waffen. Das scheint vergessen zu sein.  Der Krieg in Syrien erreicht mit den amerikanischen „Shipments“ eine neue Dimension. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Situation auf dem syrischen Boden außer Kontrolle gerät.

Die rote Linie bleicht aus

Giftgaseinsatz und Obamas rote Linie     

Von der roten Linie war die Rede und davon, dass diese nun überschritten sei. Der Giftgaseinsatz in Syrien sollte ein Testfall für den Westen sein. Mal wieder einer. Und wieder versagt der Westen mit einer klaren Haltung. Obama will ein Zeichen setzen, aber er hat weder international noch im eigenen Land die nötige Unterstützung. Von einem UN Mandat ist schon gar nicht mehr die Rede. Was sich da derzeit auf diplomatischer Ebene tut ist ein peinliches Lamentieren. Ja, man muß was machen, ein deutliches Zeichen gegen solche Tyrannen wie Assad setzen, aber nicht mit uns und überhaupt. Von einer internationalen Gemeinschaft kann überhaupt nicht die Rede sein, eher von einem internationalen Orgelkonzert. Es tönt, aber ziemlich hohl.

Nun hat auch Obama einen Rückzieher gemacht. Zumindest einen Schritt zurück. Er will jetzt erst einmal im Kongress die Zustimmung für einen Militärschlag einholen. Man sollte jetzt nichts überstürzen, so eine Entscheidung muß von allen mitgetragen werden. Obama hat schlichtweg die Hosen voll, denn er sieht, er steht allein auf weiter Flur. Telefonate mit Regierungschefs in Europa und in der arabischen Welt haben nicht das eingebracht, was sich der Präsident erhoffte. Und auch daheim fehlt ihm der Rückhalt für etwas, was einen Flächenbrand auslösen könnte und nicht mal sicherstellen würde, dass es zu keinem weiteren Giftgaseinsatz kommen wird. Ob der Schachzug, den Kongress einzuschalten, sinnvoll war, wird sich herausstellen müssen. Für Obama könnte es allerdings der Anfang vom Ende sein….egal, was dabei herauskommt.

Dazu ein aktueller Audiobeitrag

Ein Stück Kongo in der Hosentasche

Was schreibt man über ein Buch, das einen tief beeindruckt, bewegt, fasziniert? Es ist schwer, das in Worte zu fassen, was David Van Reybrouck mit „Kongo – Eine Geschichte“ gelungen ist. Der Belgier hat über Jahre hinweg den Kongo bereist, Gespräche geführt, Interviews aufgezeichnet, alle Ecken des Landes kennengelernt, sich umfassend mit der Geschichte dieses Landes im Herzen des Kontinents auseinander gesetzt. Der Kongo ist nicht weit weg, er war und ist Spielball Amerikas, Europas und nun Asiens. Die Belgier, die Deutschen, die CIA, Che Guevara, im Kongo war im 20. Jahrhundert die Bühne, auf der die Welt verrückt spielte.

Den Kongo zu beschreiben ist unmöglich. Was dort passiert, gerade in den letzten 20 Jahren, ist nicht zu verstehen. Es ist ein Land in der Größe Westeuropas. Ein Land ohne Infrastruktur, man kann nicht von der Hauptstadt Kinshasa in den Osten des Landes fahren. Es existieren keine Straßen (mehr), keine Kanalisation, keine Trinkwasser- und Stromversorgung. Als das Land nach 80 Jahren brutalster Ausbeutung unabhängig wurde, hinterließen die Belgier ein funktionierendes Infrastrukturnetz. Doch von dem ist nicht mehr viel übrig. Was folgte ist das Abgleiten eines ganzen Landes ins Chaos.

David Van Reybrouck beschreibt lesenswert die Geschichte und die Geschichten des Kongo. Seine Politik, seine Kultur, seine Ethnien. Er geht darauf ein, wie dieses wunderbare Land zwischen Ost und West, zwischen den verschiedensten Machtinteressen in der Region und in Übersee aufgerieben wurde. Seit nunmehr 130 Jahren wird der Kongo ausgebeutet. Und es ist nicht einfach so, dass all das weit weg ist, uns nichts angeht. Was Van Reybroucks Buch so besonders macht, ist, dass er zeigt, wie sehr der Kongo eigentlich in unserer Mitte ist. In jedem Handy in unserer Hosentasche, in jedem Computer auf unserem Schreibtisch steckt ein Stück aus der Erde dieses reichen Landes. Es geht uns an, was dort passiert, wie die Ressourcen dort geplündert werden. Wie eine korrupte Regierung, wie Rebellengruppen die eigene Bevölkerung unterdrücken, plündern, vergewaltigen, ermorden, in Armut verkommen lassen. Im Kongo ist Krieg und wir tun so, als ob es uns nichts angeht. Das Land könnte aufgrund seiner Bodenschätze, seiner Lage und seines kraftvollen Flusses in seiner Mitte zu den reichsten Ländern der Welt gehören, doch es ist das Armenhaus des Kontinents.

Die größte UN Friedensmission ist im Kongo. Jedes Jahr verschlingt sie eine Milliarde Dollar. Doch geändert hat sich nichts. Das Land versinkt weiter im Chaos. Das Buch von David Van Reybrouck wirft Fragen auf, vor allem warum. Warum schreitet die Weltgemeinschaft hier nicht tatkräftiger ein? Rund fünf Millionen Tote in den letzten 15 Kriegsjahren sollten nicht einfach übersehen werden. Warum? Man sollte sich auch fragen, wie die Kongo Strategie der Bundesrepublik, der Europäischen Gemeinschaft, der USA, der UN aussieht. Sie scheint nicht zu existieren und man fragt sich nach dem Lesen dieses Buches, warum eigentlich nicht?

Am Ende bleibt für mich nur eine Frage an den Autoren. Hat er Hoffnung, dass sich im Kongo etwas ändern wird? Im Buch beantwortet er diese nicht. Ich habe ihm geschrieben, die Antwort steht noch aus.

„Kongo – Eine Geschichte“ von David Van Reybrouck ist nun auch als Taschenbuch erschienen.

Ein „Muzungu“ auf dem Moped

Am Tag als der Papst seinen Rücktritt erklärt, stehe ich vor einer Wandmalerei im Gefängnis von Goma. In diesem Raum waren rund 150 Häftlinge untergebracht. Ab und an wurde hier auch ein Gottesdienst gefeiert. Unchristlicher könnte kein Ort sein. Verdreckt, elendig, zerstört. Wer hier hauste, hier untergebracht war, der war vergessen. Im November wurden die Gefängnistore geöffnet, von wem ist unklar, den Regierungssoldaten oder den M23 Rebellen.

Heute ging es am Morgen zuerst mit dem Mopedtaxi in einen Randbezirk von Goma, dort werden ehemalige Kämpfer und Opfer von zumeist sexueller Gewalt geschult. Es ist wie eine Berufsschule, es gibt eine Schreinerei, eine Autowerkstatt, Näherei, Maurerei. Finanziert wird das ganze von norwegischen und finnischen Hilfsorganisationen. Hier arbeiten, und zum Teil leben, Täter und Opfer nahe beieinander. Ein einmaliger Versuch, der jedoch zu funktionieren scheint.

Wieder zurück in die Stadt, mit dem Moped Taxi. Der schwarze Lavastaub setzt sich in allen Poren fest, nach jeder Fahrt hat man ein schwarzes Gesicht, man sieht deutlich die Ränder der Sonnenbrille um die Augen. Wie die Mopedfahrer den Parcours auf Gomas Straßen bewältigen ist einzigartig. Geschickt wird um steinige Hügel aus Lavagestein auf den Strassen und tiefe Schlaglöcher herum manövriert. Und immer sind andere Mopeds um einen rum. Ein „Muzungu“, ein Weißer auf einem Mopedtaxi kommt nicht so oft vor. Da bleiben schon mal einige stehen, wie gestern, als meinem Fahrer der Sprit ausging. Er rief einen anderen herbei und versuchte mir auf Französisch klar zu machen, was ich zu zahlen habe. Und ich antwortete auf Englisch, dass das viel zu viel sei…währenddessen wurde die Gruppe um uns herum immer größer. Einige lachten über den Muzungu, andere hörten dem sicherlich bizarren hin und her einfach interessiert zu. Schließlich einigten wir uns, ein paar Scheine wechselten die Hand und weiter ging es.

Heute morgen ein ähnliches Schauspiel. Diesmal fuhr mein Mopedtaxi nach ein paar Hundert Metern mit plattem Hinterreifen. Der Fahrer hielt also an, rief einen anderen Fahrer herbei. Schaulustige machten sich über den etwas größeren und sicherlich auch schwergewichtigeren Muzungu im Vergleich zu den schmalen Kongolesen lustig. Der sei wohl schuld am platten Reifen, machten sie mir mit Gesten klar. Ich zeigte auf einen bäuchigen Kongolesen auf einem anderen Moped, also an mir konnte es wohl nicht gelegen haben. Einmal herzhaft gelacht und weiter ging es.

Goma ist eine seltsame Stadt. Am Ufer große Villen und Hotels, Motorboote der Reichen düsen vorbei, dahinter junge Frauen auf Wasserski. Und dann ist da der Rest von Goma, eine Stadt, die eigentlich nicht existent ist, also zumindest nicht so, wie wir uns eine Stadt vorstellen. Die Stromversorgung mangelhaft, kaum fliessend Wasser in den Häusern, Straßen nicht existent. Armut, Elend, Not. Und das hier, wo Goma der Umschlagplatz für Gold, Diamanten, Coltan, Wolfram und viele andere Erze ist. Jeden Tag werden hier Bodenschätze im zig stelligen Millionenbereich vertickt und über die Grenze geschafft. Einige leben sehr gut davon, die Rebellengruppen finanzieren ihre Kämpfe damit, doch in der Bevölkerung kommt vom Reichtum der Region und des Kongos nichts an.

Ich sitze hier auf dem Balkon meines Hotelzimmers, schaue auf den Kivu See, in der Ferne die Berge, der mächtige Vulkan Nyiragongo. Eine Traumlandschaft….gerade startet wieder lautstark ein UN Flugzeug vom Flughafen Goma. Eine Erinnerung daran, dass dies hier keine normale Stadt am beschaulichen Seeufer ist.

In der Hölle und zurück

Unten wurde der polnische Ministerpräsident mit Militärehren, Fanfaren und Salut empfangen, im zweiten Stock saß ich General a.D. und Senator Romeo Dallaire gegenüber. Ottawa strahlte an diesem Montagmorgen unter einem blauen Himmel. Und auch der 65jährige lacht. Ganz stolz zeigt er mir die deutsche Ausgabe seines Buches „Handschlag mit dem Teufel„.

Romeo Dallaire ist durch die Hölle gegangen, ein Jahr lang war er in Ruanda stationiert. Hochmotiviert kam er im August ’93 in dieses kleine afrikanische Land, um die UN Truppen zu befehligen, die das dortige Friedensabkommen überwachen sollten. Doch alles kam anders. Im Rückblick war klar, radikale Kräfte in der Regierung und im Land arbeiteten auf die Endlösung hin, sie wollten die Tutsi Minderheit auslöschen. Man spielte mit ihm. Die verschiedensten radikalen Kräfte im Land und auch die Politdiplomaten daheim in New York.

Im Interview berichtet der Senator von damals, von seinen Einschätzungen, von den Versuchen, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen endlich zum Handeln zu bringen. Aber auch davon, dass Länder wie Deutschland schlichtweg versagt haben, kaum mit ihm als UN Vertreter vor Ort zusammen gearbeitet haben oder zusammen arbeiten wollten. Deutschland war Teil einer Gruppe von Botschaftern, die sich regelmäßig in Kigali traf, um die Lage vor Ort zu besprechen.

Romeo Dallaire erzählt, man merkt ihm im Gespräch nicht an, dass er Zeuge eines der schlimmsten Verbrechen der Geschichte war. Im Jahr 2000 versuchte er sich umzubringen, die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung. Die Geister von Ruanda lassen ihn nicht mehr los. Seine Erlebnisse, seine Erfahrungen in Ruanda und innerhalb des gewaltigen UN Apparats, die Enttäuschungen, die Hilflosigkeit, der Handschlag mit dem Teufel haben sein Leben verändert. Romeo Dallaire blickt nach vorne, sucht den Kontakt und das Gespräch mit vielen jungen Menschen. Man habe aus der Geschichte gelernt, sagt er. Und fügt hinzu, zumindest auf dem Papier.

Handschlag mit dem Teufel

Ich sitze in Ottawa, drei Stunden Zeitverschiebung, für mich mitten in der Nacht. Ein langer Flug von San Francisco über Minneapolis bis nach Montreal. Von dort mit dem Auto weiter. Heute morgen steht das Interview mit General Romeo Dallaire an, der 1994 in Ruanda die UN Truppen befehligte und hilflos mitansehen mußte, wie das Abschlachten begann. Seine Hilferufe an die Zentrale der Vereinten Nationen in New York fielen auf taube Ohren. Stattdessen mußte Dallaire einen Eiertanz über das Wort „Genozid“ erleben. War das, was da in Ruanda stattfand ein Genozid oder nicht, denn erst dann würde man aufgrund der geschichtlichen Verantwortung eingreifen? Hauptverantwortliche: Bill Clinton, Madeleine Albright, Kofi Annan.

Nun also hier in Ottawa. Seit zwei Jahren habe ich versucht dieses Interview zu bekommen, immer kam irgendetwas dazwischen. Vorletzte Woche dann die Zusage, 14. Mai, 10:30 Uhr morgens. Flug buchen und hier bin ich und bin sehr gespannt auf diesen Mann, der eines der größten Verbrechen der Menschheit durchlebt und überlebt hat, der hilflos dabei stehen mußte…und die Weltbevölkerung schaute einfach weg.

Seine Erfahrungen als UN General in Ruanda hat Romeo Dallaire in seinem Buch „Handschlag mit dem Teufel“ verarbeitet. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Hier zwei kurze Audioberichte zu Ruanda.

Der geschichtliche Hintergrund:

Ruanda 1994     

Das Aufarbeiten des Unfassbaren:

Ruanda 2012     

Mann mit Durchblick

John Bolton nervt. Er ist der frühere UN Botschafter der Vereinigten Staaten unter Präsident Bush. Jener Bolton, der der Welt Horrorszenarien aus dem Irak unterschob. Er quasselte von Aufrüstung, Massenvernichtungswaffen und geheimdienstlichen Informationen. Am Ende, das wissen wir nun alle, war alles Lug und Trug was dieser Diplomat und seine Regierung der Welt auftischten.

Und dieser John Bolton ist gern gesehener Gast beim konservativen Fernsehnetwork FOXNews. Dort lässt er sich mit „Mr. Ambassador“ ansprechen und faselt von Außenpolitik und innerer Sicherheit, weil er ja soooo viel Erfahrung in dem Bereich hat. Und nun setzt er noch eins drauf. In einer Kolumne für NYDailyNews.com wettert er gegen Präsident Obama, dass der überhaupt keinen aussenpolitschen Plan bei den Massenprotesten in Tunesien, Ägypten und Lybien habe. „Hatten wir adäquate geheimdienstliche Informationen über das, was passieren wird? Die offensichtliche Antwort ist „Nein“, und das grundsätzlich.“ Hallo! Ich glaub‘ es hackt…. Obama und Amerika waren zweifellos etwas überrascht von den Ereignissen in Nordafrika. Aber jemand, der die Weltöffentlichkeit mit Schwachsinnsinformationen in einen Krieg getrieben hat, sollte mal lieber schön ruhig sein.

„Waren wir darauf vorbereitet amerikanische Bürger zu beschützen, in dem Land oder durch notwendige Evakuierung?“ Auch da sollte sich Herr Bolton mal lieber durch den mächtigen Schnauzer kraulen, denn seine Regierung hatte auf sowas überhaupt keinen Wert gelegt und lieber so einigen Nationen Feuer unterm Allerwertesten gemacht und damit Amerikaner weltweit gefährdet.

Dann holt John Bolton noch weiter aus. Präsident Obama habe überhaupt keine Ahnung, erklärt der frühere UN Botschafter. Was macht der da eigentlich im Weißen Haus? Und auch andere Republikaner und denen nahestehende Medien schlagen einfach mal drauf auf Klein-Barack. Mitt Romney, schon jetzt heißblütiger Anwärter auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur, meint denn auch, Obama habe keinen blassen Schimmer von der Wirtschaft. Er, ja, er und nur er könne Amerika wieder voran bringen. Gleichzeitig wird berichtet, dass Barack Obama süchtig nach Golfspielen sei und in seiner Amtszeit schon 60 mal auf dem Golfplatz stand. Pro Spiel müssten vier Stunden veranschlagt werden + An- und Abreise, heißt, während amerikanische GIs im Irak und Afghanistan für ihr Land sterben, ballert der „Commander in Chief“ den Ball übers Grün. Vergessen wird auch hier, dass sein Vorgänger Präsident George W. Bush lieber auf seiner Ranch in Texas das Unkraut jäten und die Büsche stutzen war, als sich in Washington um das Tagesgeschehen zu kümmern. Und dessen Vorgänger Bill Clinton, tja, man denke nur an Zigarre und an ein blaues Cocktailkleid.

Wenn ich so drüber nachdenke…John Bolton sollte wahrlich ruhig sein. Doch auch für viele andere im amerikanischen Politzirkus wäre es wohl besser, wenn sie nicht mit dem Finger in der Gegend rumzappeln würden.

 

 

 

 

„In Za, in Zaire“

„Goma ist ein Dreckloch“, meinte einer zu mir. Am Ende der Promenade von Ginsenyi liegt ein Grenzübergang. Villa neben Villa und dann der Grenzposten. Formular ausfüllen auf ruandischer Seite, Pass zeigen, dann rüber laufen. DRC Grenzposten, 30 Dollar zahlen, ein paar dämliche Fragen beantworten und man bekommt ein Din A 4 Visum ausgestellt. Ganz toll! Darf man das nun falten? Egal, muss in die Tasche rein.goma2

Ein Fahrer von UNHCR, dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, holt mich ab. Mit dem Jeep geht es durch die Stadt. Nur wenige Minuten später ein kleiner Zwischenfall an einer Strassenecke, ein aufgebrachter Pulk von Menschen, Sicherheitsleute dazwischen. Der UN Fahrer haut die Linkskurve rein, fährt auf der anderen Strassenseite schnell vorbei. Warum, wieso, weshalb…kein Kommentar. Hundert Meter weiter meint er, dass hier 2002 der Lavastrom entlang floss, als der Vulkan Nyiragongo ausbrach. Die frühere Strasse liegt zwei Meter unter der jetzigen Asphaltdecke, der einzigen geteerten Strasse in Goma.

Die UN ist seit den 60er Jahren in Goma präsent, versucht hier unmögliches zu leisten. Ein Ende ist nicht in Sicht. Flüchtlingsströme haben sich verschoben. Nach dem Genozid in Ruanda begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen, die noch immer in Teilen von Nord-Kivu anhalten. Erst der erste Kongo Krieg, dann der zweite. Hutu Milizen versuchen sich erneut zu formen, ihr Ziel ist die gewaltsame Rückkehr nach Ruanda. goma3Der Osten des Kongos gleicht in weiten Teilen einem Chaos. Die Hauptstadt Kinshasa im Westen ist weit weg, und was dort beschlossen wird, kommt nicht unbedingt in dieser Region im Osten an.

Rund 40 Hilfsorganisationen sind vor Ort, darunter auch die GTZ, die deutsche „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“. Wenn man durch die Strassen von Goma läuft fragt man sich ernsthaft, wie man hier technisch zusammen arbeiten kann. Alles scheint ein reiner Moloch zu sein. Es ist dreckig, Abfall überall. Gebäude, Strassen in einem desaströsen Zustand. Doch die Leiterin des UNHCR Büros in Goma zeigt sich optimistisch. Sie meint, es sei nicht einfach, aber man müsse mit den Gegebenheiten hier arbeiten. Was sie damit sagen will ist klar. Es gibt in Goma und der Nord-Kivu Region verschiedene Machtzentren, die teils gegeneinander arbeiten, verschiedene Interessen haben und nicht leicht zu durchschauen sind. Aber man mache Fortschritte, meint sie. Die Flüchtlingslager seien fast vollständig aufgelöst worden, nun versuche man mehr mit lokalen Führungen am Wiederaufbau zu arbeiten. In Goma braucht man Optimismus, ansonsten versinkt man in Hoffnungslosigkeit.