Die Welt hören

Die UNESCO Musiksammlung     

Ein Beitrag über die UNESCO Musiksammlung

Kurdische Musik ist Teil der UNESCO Sammlung.

Kurdische Musik ist Teil der UNESCO Sammlung.

Gestern lag mal wieder ein Paket vor meiner Tür. Darin eine weitere Lieferung der monumentalen Serie „UNESCO Collection of Traditional Music„, neu veröffentlicht vom Smithsonian Folkways Label. Eine grandiose Klangreise rund um den Globus. Diesmal geht es an über 40 Schauplätze. Wenn man diesen Schatz an Musik hebt, wenn man sich öffnet für teils sehr fremde Kulturen, Sprachen, Instrumente, Melodien, dann merkt man, dass uns alle eigentlich die Musik verbindet. Was hier in Liedern ausgedrückt wird ist einzigartig schön. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer von dem habe, was die Musiker vom südpazifischen Inselstaat Vanuatu singen, oder um was es sich in den Aufnahmen der afghanischen Musik in der Zeit des Bürgerkrieges von 1979 – 2001 dreht, oder was die japanischen Trommler da schreien, oder was die kurdischen Tamburaspieler in ihrem Stück umschreiben möchten. Es ist einfach eine musikalische Weltreise voller Emotionen, Bildern, Klangkreationen.

Auch Musik aus Vanuatu findet man in der Sammlung.

Auch Musik aus Vanuatu findet man in der Sammlung.

Hier spielen hervorragende Musiker, die einen tief in ihren Kulturkreis ziehen neben Laien, die einfach nur ihre traditionellen Lieder aufzeichnen wollten. Da wird falsch geatmet, da wird manchmal der Ton nicht richtig getroffen, da stimmt die Mikrofonierung nicht, und doch, es sind geschichtliche Dokumente, die man in dieser Sammlung zu hören bekommt. Diese Lieder waren nie in den Charts, werden auch nicht in den Superstarfernsehprogrammen nachgesungen, im Radio werden sie wahrscheinlich auch nicht gespielt werden.

Doch was die UNESCO hier in Jahrzehnten an Musik gesammelt hat und nun neu auf Folkways Recordings veröffentlicht wurde, ist weitaus mehr als nur eine beeindruckende Sammlung fürs Archiv. Hier hört man die Welt in einer Sprache, die wir alle verstehen sollten, die uns verbindet; Musik. Als Hörer dieser Klangsammlung ist man gefordert hinzuhören, denn es ist oftmals nicht eingängig, es ist sperrig, fremdartig in vielerlei Hinsicht. Doch ich finde, der Aufwand lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, sich auf das einzulassen, was man hier hört und erfährt. Ich weiß, ich wiederhole mich und muß es dennoch erneut ganz deutlich sagen, die „UNESCO Collection of Traditional Music“ ist eine einzigartige Musiksammlung, die man hören sollte.

 

Der Tag des Radios

World Radio Day 2015.

World Radio Day 2015.

Wie oft habe ich das schon gehört: das Radio ist tot! Das kann eigentlich nur jemand sagen, der sich lediglich die lokale, regionale und vielleicht auch noch die nationale Radiolandschaft ansieht und anhört. Es stimmt, es wird kaum noch investiert in den lokalen Hörfunkjournalismus, die Ausbildungsziele sinken, die Musikberieselung aus einer sehr eng gefassten Rotation nimmt zu, und selbst die öffentlich-rechtlichen Sender, einst Bastionen für Information und Anspruch, schließen sich dem Zeitgeist an: Unterhaltung über alles. Die Umstellung von BR-Klassik auf Puls Jugendradio ist meines Erachtens auch ein deutliches Zeichen in diese Richtung.

Vor 30 Jahren begann mit großem Elan der private Rundfunk in Bayern. Im Nürnberger Großraum gab es einige Sender, die kamen und gingen, am Ende wurde das Funkhaus gegründet, ein Zusammenschluß von vier Privatsendern: Radio F, Radio Gong, Radio N1 und Radio Charivari. Ein paar Jahre war ich auch dabei, im Rückblick wohl die schönen Jahre des Lokalfunks, denn einiges war journalistisch möglich und auch gewollt, von dem man heute nur noch träumen kann. Von daher kann ich gut verstehen, dass einige meinen, Radio sei so überflüssig geworden wie der berühmte umfallende Sack Reis im Hafen von Shanghai.

Sendeplakat der Deutschen Welle zum Standort Kigali, Ruanda.

Sendeplakat der Deutschen Welle zum Standort Kigali, Ruanda.

Doch Radio ist viel mehr als nur Berieselung und Bespaßung. Ich hatte das Glück, Radio auch in anderen Teilen der Welt kennenzulernen, hier in den USA, in Afrika, in Afghanistan. Und natürlich gibt es überall die gleiche Entwicklung. Unterhaltung ohne Ende, Moderatoren, die dem Hörer auf dem Schoß sitzen und mir schon morgens um halb sieben sagen, wie toll doch der Tag sei. Grottenschreckliche Comedy, die mit Lachern unterlegt wird, damit man erahnen kann, wann eigentlich gelacht werden sollte. Das ist weit verbreitet.

Dennoch glaube ich an das Radio. Hier in den USA sind es die vielen Community und Collegesender, die Piratenradios, die den demokratischen Grundansatz verteidigen. Hier hört man Programme, Musik, Meinungen, die anders sind, die ehrlich sind, die aus einer ganz anderen Perspektive kommen. Ja, Minderheitenradio wird zum Einschaltfaktor. Und das alles hat sich neben dem riesigen Moloch des kommerziellen Rundfunks in den USA entwickeln und etablieren können und dürfen.

In afrikanischen Ländern wie Ruanda, dem Kongo, Uganda, Burundi, dem Tschad ist es schwer diese Form von „offenen“ Kanälen zu verwirklichen. Der Staat schaut genau hin, was gesendet wird, reglementiert, verbietet, läßt abschalten. Dort ist die Rolle von Auslandssendern, wie der Deutschen Welle, mehr als wichtig, um so neutrale Informationen und durchaus auch kritische Berichterstattungen zu verbreiten. Viele Menschen in Afrika schalten ein, Untersuchungen besagen sogar, dass 75 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern Zugang zum Radio hat. Das schafft kein Fernsehen, keine Zeitung, kein Onlinedienst. Radio war, ist und bleibt wichtig.

Doch am 29. März wird die Sendeanlage der Deutschen Welle in der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschaltet. Über diese Sendemasten verbreitete der deutsche Auslandssender seit Jahrzehnten seine Programme in Afrika über Kurzwelle. Der Staat Ruanda wollte das weitläufige Areal zurück haben, bebauen und verlängerte daher nicht mehr die Verträge, die 1963 unterschrieben wurden. Die Deutsche Welle erklärte, man wolle in Zukunft mehr auf Partnerschaften mit UKW Stationen in den verschiedenen Ländern und Smartphone-Apps setzen. „Hier erreichen wir einen stetig wachsenden Hörerkreis in Afrika“, meinte ein Sprecher der DW. Doch das ist ein fataler Irrtum, denn mit UKW Sendern und Apps macht man sich abhängig von anderen, die letztendlich die Kontrolle über die Sendungen des deutschen Auslandssenders haben.

Am Freitag den 13. Februar ist „World Radio Day„, der internationale Tag des Radios, ausgerufen von der UNESCO. Damit soll auf die hohe Bedeutung des Radios hingewiesen werden, dem wohl nach wie vor wichtigsten Medium. Man muß nun genauer hinschauen und hinter die Grenzen der eigenen Region blicken.

Eine einzigartige Klangreise um die Welt

Unesco Musiksammlung     
Sammlung traditionelle Musik der Unesco, nun veröffentlicht bei Smithsonian Folkways Recordings.

Sammlung traditionelle Musik der UNESCO, nun neu und digital veröffentlicht bei Smithsonian Folkways Recordings.

Trommeln, Wasserplätschern, ein Singsang. Man hört Wassertrommeln aus Kamerun. Feldaufnahmen, die aus der Sammlung traditioneller Musik der UNESCO stammen. Nichts ist beschönigt, bereinigt oder aufgearbeitet. Es klingt so, als wenn man daneben sitzen würde. Irgendwo in Afrika. Solche und viele andere Aufnahmen wurden von der UNESCO seit den 50er Jahren zusammen getragen.

2004 verschickte die UNESCO eine Rundmail, in der es hieß, die Plattenfirma, die bislang diese umfangreiche Sammlung auf Schallplatten herausgebracht habe, mache mit diesen Veröffentlichungen im digitalen CD- und mp3-Zeitalter keine Gewinne mehr. Niemand wollte wohl mehr eine LP mit Regengesängen der Aboriginals aus dem Herzen Australiens kaufen.

Diese Mail kam auch auf den Schreibtisch von Atesh Sonneborn, der beim Smithsonian Folkways Plattenlabel in Washington DC für die Programmarbeit zuständig ist. Folkways Records ist eine alte Plattenfirma, die 1948 von Moses Asch gegründet wurde. Bis zu seinem Tod 1986 wurden 2168 Alben veröffentlicht. Ethnische und zeitgenössische Musik aus aller Welt, Literatur- und historische Aufnahmen, Dokumentationen, Soundplatten und allerlei andere teils seltsame “Recordings”. Nach dem Tod von Moses Asch stifteten die Erben diese umfangreiche Klang- und Musiksammlung dem Smithsonian Institut für kulturelles Erbe. Einzige Bedingung: Alle Aufnahmen müssen auch weiterhin einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Smithsonian dürfe sich nicht nur die Rosinen aus dem Kuchen picken, wie z. B. die Aufnahmen von Folksänger Woody Guthrie. Ein Deal, der noch heute besteht. Folkways Records wurde Smithsonian Folkways Recordings.

Das Resultat dieser Kooperation zwischen dem Plattenlabel und der Weltkulturorganisation ist ein Monumentalwerk. Zehn Jahre dauerte es für das Label, um überhaupt alle Rechte an den Aufnahmen zu klären und zu bekommen. 127 CDs sind projektiert. Bereits seit Ende April werden pro Woche und ein Jahr lang zwei Platten als CD und Download veröffentlicht. Man kann alles erwerben oder ganz gezielt nach Land und Regionen auswählen. Der Stapel CDs vor mir gleicht einer klanglichen Weltreise. An manchen Orten will man mehr verweilen, ausruhen, eintauchen. Andere hingegen will der Hörer schnell wieder verlassen. Doch das hängt vom persönlichen Geschmack ab. In dieser Sammlung geht es an und um die musikalischen Wurzeln. Hier kann man der Seele von Volksgruppen und, ja, der gesamten Menschheit näherkommen. Es ist Musik, die fast vergessen schien, die lange Jahre nicht mehr gehört wurde. Und wahrscheinlich auch davor nur von Wenigen. Es ist wie eine Jukebox der Menschheit. In 127 CDs um die Welt.

Manches in der Unesco Musiksammlung ist eingängig, anderes eher sperrig. Hier hört man nichts, was auch nur annähernd den Weg in die Hitparaden und Charts der westlichen Welt geschafft hat. Es ist“Roots”-Musik, die Grundlage der Weltmusik. Aus Indien, Afghanistan, Russland, Jemen, Kurdistan und vielen, vielen anderen Ländern.

Das Label Smithsonian Folkways hofft mit dieser Neuauflage der Unesco Musiksammlung auf Käufer vieler ethnischer Gruppen in den USA und anderswo, die fernab der eigenen Heimat mehr über ihre Wurzeln erfahren wollen. Mit dieser Reihe werden Grenzen überschritten; geographisch, musikalisch, spielerisch. Man dreht den Erdball, hört hin und erkennt: Musik ist die einzige globale Sprache.