Die Knarre muss leider draußen bleiben

In der San Francisco Bay Area tut man sich schwer einen Laden zu finden, in dem man eine Knarre kaufen kann. Den einzigen, den ich kannte, „Bullseye“ in San Rafael, hat schon vor einiger Zeit dicht gemacht. Dort konnte man sich ausführlich beraten lassen und auch auf dem hauseigenen Schießstand auf Zielscheiben oder angedeutete Terroristenbilder ballern. Doch der Druck in der liberalen Gegend wurde zu groß, „Bullseye“ machte dicht und verlagerte alle Geschäfte in den benachbarten und waffenfreundlicheren Bundesstaat Nevada.

Bierausschank nur für knarrenlose Trinker.

Hier oben in Michigan sieht das ganz anders aus. Knarren gehören hier im Land der Bären, Wölfe und Hirsche dazu. Aufkleber mit einem Wolf Konterfei, darunter „Smoke a pack a day“ sind zu sehen, Schußwaffen können auch beim lokalen Walmart erworben werden, auf großflächigen Billboards werben lokale „Gun Stores“ für ihre Produkte. Und an Kneipen (!) wird darauf hingewiesen, dass man sein Schießeisen nicht mit hinein bringen darf. Alkohol und die Wumme im Holster passen dann wohl doch nicht so gut zusammen.

Auch das ist Amerika, leben mit Waffen. Es gehört in den USA einfach dazu, das wird einem an einem Ort wie der Upper Peninsula von Michigan ganz deutlich. Wer, wie ich, in Oakland und der San Francisco Bay Area lebt, lebt auf einer Insel, wo Waffenbesitz die Ausnahme oder zumindest nicht öffentlich ist. Doch auf diese Gegenden wie die UP mit ihren Menschen zielt Donald Trump mit seinen Tweets ab, wenn er sich derzeit in den Vorwahlkampf der Bundesstaaten einmischt und die verschiedensten republikanischen Kandidaten unterstützt. Immer wieder erklärt der Präsident die Demokraten wollten das „Second Amendment“, das vermeintliche Grundrecht eines jeden Amerikaners auf Waffenbesitz, abschaffen. Deshalb sollte man den Kandidaten oder die Kandidatin seines Vertrauens wählen, nur so werde auch weiterhin garantiert, dass Amerikaner bewaffnet sein dürfen.

Das ist natürlich totaler Humbug dieses Präsidenten, allerdings auch nicht neu von republikanischer Seite. So gut wie niemand bei den Demokraten fordert ein Totalverbot von Waffen in privater Hand. Es war, ist und wird politisch überhaupt nicht durchsetzbar sein. Das wissen die Demokraten, das wissen die Republikaner, das weiß auch Donald Trump. Aber er spielt mit der Angst davor, dass Polizisten in Nacht- und Nebelaktionen an den Häusern „ehrlicher Amerikaner“ klopfen, um ihre Schießeisen einzusammeln. Das wird in den USA nie passieren. Außerdem gibt es genügend Demokraten in Bundesstaaten wie Michigan, Wisconin, Minnesota, Oregon, Pennsylvania und anderen, die selbst Waffenbesitzer, Jäger, Hobbyschützen sind. Was manche auf der liberalen Insel SF Bay Area in Bezug auf Waffenbesitz denken und fordern, wird dahier nie „law of the land“ werden. Auch das ist eine Tatsache in Amerika.

Industriefriedhöfe

„Copper Country“ wird dieser Teil der Upper Peninsula von Michigan auch genannt. Hier findet man nämlich noch immer den reinsten Kupfer der Welt und das in Brocken die Kleinwagen groß sind. Doch gehoben wird dieser Schatz schon lange nicht mehr. Es lohnt sich nicht mehr, der Bergbau hat hier ausgedient, die Kumpel sind weitergezogen, haben umgeschult oder ganz mit der Maloche aufgehört.

Zurückgeblieben sind, wie auch im Ruhrgebiet, ausgediente Industrieanlagen. Doch anders als in Dortmund, Essen, Duisburg und Gelsenkirchen wurden aus den Zechen und Industrieanlagen keine Kulturzentren, Gallerien oder Auftrittsorte geschaffen. Hier wurde nach dem Ende der Fördermaßnahmen einfach „Schicht im Schacht“ ausgerufen, abgesperrt, mit weißer Farbe „Do Not Enter“ auf die Fassade gepinselt. Licht aus, das wars!

Obwohl hier schon seit 50 und mehr Jahren kein Kupfer mehr gefördert wird, stehen viele der alten Türme noch immer in der Landschaft herum. Sie sind Zeuge einer anderen Zeit, als diese Gegend wohlhabend und reich an Arbeitsplätzen war. Die Natur hat sich einiges zurück geholt, was eben ging. Aufräumarbeiten, eine umweltgerechte Sanierung und einen Abbau der Anlagen hat es nie gegeben. Das Geld fehlte am Ende. So waren lange Zeit viele der kleineren Ortschaften nach dem Aus mit den ungesicherten Anlagen und den Umweltschäden alleine gelassen. Heute findet man in dieser Region viele „Ghost Towns“, meist nur noch Fundamente in überwucherten Ortschaften, deren Namen man einzig auf alten Landkarten finden kann. Die Wälder hier sind voller Geschichten.

Auf deutscher Spurensuche

Der „deutsche Friedhof“ außerhalb von Calumet.

In einem Antiquariat in Calumet fragte mich ein Mann, der mitbekommen hatte, dass ich nach Büchern über die deutsche Geschichte suchte, ob ich schon den „German cemetery“ besucht hätte. Einen deutschen Friedhof hier oben in der Upper Peninsula von Michigan? Ja, meinte er, nur ein paar Meilen nördlich auf dem Highway 41 und dort auf der linken Seite, der Friedhof sei total überwachsen.

Das wollte ich sehen, denn ich bin ja immer, egal wo ich bin, auf der Suche nach Spuren deutscher Einwanderer. Ich wusste davon, dass zahlreiche deutsche Emigranten in die Region kamen, um im Kupfer Bergbau zu arbeiten oder in den damals boomenden Gemeinden der Region Arbeit zu finden. Natürlich brachten die Deutschen auch ihre Kultur mit, deutsche Vereine und Brauereien, wie die „Bosch Brewing Company“ von Joseph Bosch wurden gegründet. Doch das ist alles lang her. Die UP von Michigan liegt seit nahezu 100 Jahren im Dornröschenschlaf. Seit der Schließung der Minen, dem Abzug der Industrie ziehen die meisten der jungen Leute irgendwann weg. Es bleiben die Alten und die Erinnerungen an eine Zeit, als Calumet eine „Boom Town“ mit Straßenbahn, Theatern und einem Nachtleben war. Beinahe wäre Calumet sogar Hauptstadt von Michigan geworden, aber nur eben beinahe. Wenn man heute durch die Straßen dieser Stadt läuft, kann man noch etwas vom einstigen Glanz Calumets an den Fassaden der Gebäude ablesen.

Gleich mehrmals fuhr ich an dem Friedhof vorbei, der auch auf keiner Karte verzeichnet ist. Schließlich fand ich ihn hinter einem weißen Zaun. Auf einem Schild stand „Schoolcraft Cemetery“, kein Wort davon, dass das hier ein „deutscher Friedhof“ sei. Und es war wirklich alles wild überwachsen, mannshohe Sträucher, Farne, Birken und Nadelbäume. Dazwischen Grabsteine, teils umgefallen. Und tatsächlich, auf etlichen standen deutsche Namen und Schriftzüge, wie auf dem von Katharina Messner, geboren 1850, gestorben 1890. „Hier ruht in Gott – Ruhe sanft in Frieden“.

Ein kleiner Friedhof am Rande einer einstigen Bergmannsgemeinde, vergessen von den Menschen und von der Natur zurückgeholt. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte, die man wohl nie wieder hören wird, die aber vielleicht von den harten Zeiten jener Immigranten erzählen würde, die ihre eigene Heimat verlassen haben, um im fernen Amerika Arbeit, ein neues Zuhause und eine bessere Zukunft zu finden. Einwanderer wie Katharina Messner haben dieses Land groß gemacht.

Geschichtssuche im hohen Norden

Calumet in der Keweenaw Peninsula.

Calumet ist eine Kleinstadt ganz oben in der Upper Peninsula, der Keweenaw Peninsula, von Michigan. Eigentlich hätte Calumet sogar die Hauptstadt von Michigan sein sollen, doch dazu kam es dann doch nicht. Das war damals vor mehr als 100 Jahren, als die Kupferminenstadt eine wahre „Boom Town“ war. Theater, Kinos, Straßenbahnen, Tanzveranstaltungsorte, Immigranten aus aller Welt zog es hierher, vor allem Finnen, Italiener, Deutsche und Iren, die sich unter Tage ihren harten Broterwerb verdienten. In der UP lässt sich der weltweit reinste Kupfer finden, noch immer gibt es unglaubliche Vorkommen, doch gefördert wird hier nichts mehr.

Calumet wurde über die Grenzen der UP hinaus auch durch den Song „1913 Massacre“ von Woody Guthrie bekannt, der in dem Lied ein tödliches Feuer während eines Arbeiterstreiks besingt. Veröffentlicht wurde es 1941, doch nach wie hat es nichts an seiner Kraft und Energie verloren.

YouTube Preview Image

Heute war ich etwas in Calumet unterwegs. Die Stadt ist überschaubaur, ein paar alte Gebäude erinnern an die ruhmreichen Zeiten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute tut man sich schwer. Die Industrie fehlt, nur wenige Touristen finden den Weg in diese abgelegene Landzunge inmitten des Lake Superior, des Oberen Sees. Der Winter ist brutal, hart und lang, im September beginnt es zu schneien und Schnee liegt hier oben meist bis Mitte Mai. Und nicht ein paar Zentimeter, hier spricht man von Metern. In den wenigen Sommermonaten blüht alles auf. Auch in Calumet, der einstigen „Boom Town“ spürt man dieses Aufatmen, dieses Sonnentanken.

Meine heutigen „Fundstücke“: Heintje singt auf Englisch und ein Buch über Baron von Steuben.

Mich hatte es wieder in den alten Buchladen „Artis Books“ gezogen, den ich in der Vergangenheit schon öfters besucht habe. Ein unglaublich reichhaltiger und vollgestopfter „used bookstore“. Ich bin dort immer auf der Suche nach alten deutschen Büchern, nach der Geschichte der Deutschen in der Keweenaw Peninsula. Und die gab es, am bekanntesten ist wohl die, des Bierbrauers Joseph Bosch, der 1874 seine „Bosch Brewing Company“ eröffnete. Ein Bierchen für die Kumpel nach einer langen Schicht im Schacht. Heute erfuhr ich von einem deutschen Friedhof in der Region nördlich von Calumet, den ich auch noch in den kommenden Tagen besuchen will.

Calumet und die Keweenaw Peninsula erinnern an Skandinavien. Vielleicht gerade deshalb zog es so viele Finnen, Norweger und Schweden hierher, die neben der Arbeit auch eine vertraute neue/alte Heimat finden wollten. Die Gegend wirkt vergessen, ja, an vielen Stellen verlassen. „Ghost towns“ kann man überall entdecken, man muss nur nach den Apfelbäumen suchen, dann stößt man auf Häuser und Ansiedlungen, von denen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Und doch, hier oben im Norden kann man sich wohl fühlen, zumindest eine Zeitlang Ruhe, Entspannung und einen inneren Ort der Entschleunigung finden.

Auf ein Bierchen in der „Gay Bar“

Die deutsche Fahne am Oberen See.

Die deutsche Fahne am Oberen See.

Copper Harbor liegt ganz oben in der Upper Peninsula of Michigan. Und ich meine ganz oben, da, wo sich die Wölfe und die Elche gute Nacht sagen. Außenrum nur der „Lake Superior“, der Obere See. Riesig, wie ein Binnenmeer bestimmt der See hier das Wetter. Innerhalb von 20 Minuten kann es sich dramatisch ändern. Deshalb heißt es in der UP auch, wenn dir das Wetter nicht gefällt, warte 20 Minuten.

Die Gegend ist wunderschön, sehr skandinavisch, viel Wald, Wind und Wasser. Und dazu das Gefühl am Ende der Welt zu sein. Hier passiert nicht viel, außer irgendein Waldtier latscht mal über die Straße. Schönste Häuser und Grundstücke stehen zum Verkauf, doch sie verkaufen sich nicht. Hier will man weg- und niemand will hinziehen. Keine Jobs und sechs Monate im Jahr tiefster Winter. Wer nicht gerade auf Fischen, Jagen und ein hartes Klima steht, der ist hier fehl am Platz.

Umso überraschter war ich, als ich hier oben auf das „Harbor Haus“ stieß, ein Restaurant direkt am Wasser mit „German/Austrian flavor“. An der Außenwand ein paar gemalte Trachtenträger, dahinter wehte dann die deutsche Fahne. In Copper Harbor fand ich dann auch „Grandpa’s Barn“, ein wunderschöner, kleiner Buchladen. Hier fand ich dann „Upper Peninsula Beer – A history of brewing above the bridge“. Und natürlich kommen darin einige der deutschen Brauer vor, die sich hier in der Gegend niederließen und mit dem Brauen anfingen. Darunter Bosch und Haas.

Von Copper Harbor ging es dann über eine Landstraße auf die Ostseite der Peninsula. Und dort liegt das Örtchen Gay, wie es heißt, eine Geisterstadt. So schlimm ist es dann auch nicht, immerhin wohnen dort einige Leute. Klar, auch hier stehen etliche Häuser leer, einige verfallen, aber Gay ist noch weit von einer „Ghost town“ entfernt. Im Zentrum dann die „Gay Bar„, und nein, die Kneipe ist nicht bekannt für die wilde Gay-Szene Michigans. Vielmehr wurde das Städtchen nach Joseph E. Gay benannt, einem der Gründer der „Mohawk and Wolverine Mining Company“.

Die Bar ist so, wie man sich eine Kneipe in einem entlegenen Fleckchen Erde vorstellt. Ein paar Leute an der Theke, ein Billiardtisch, ein paar Tische und Stühle. Als „Fremder“ fällt man gleich auf. Woher kommst Du? Kalifornien. „Oh, I heard they have quite some nuts there“. HaHaHa, die paar Leute an der Theke lachen laut. „Nuts“ steht hier nicht nur für Nüsse, sondern auch für Bekloppte. Die „Gay Bar“ hat ihren Charme!

Die UP von Michigan ist ein wunderschöner, vergessener Teil der USA. Irgendwo da oben, hinter Wisconsin und mitten im großen See. Hier kommt man nicht zufällig vorbei, es dauert mehrere Stunden, bis man über den Highway 120 von Süden kommend ans Ziel gelangt. Aber es lohnt sich, die USA mal ganz anders zu entdecken.

„Happy Birthday USA“

Eine Bootsparade läutete den Nationalfeiertag ein.

Eine Bootsparade läutete den Nationalfeiertag ein.

Nach 20 Jahren in den USA habe ich nun endlich auch mal eine „4th of July“-Parade erlebt. Und die war am 3. Juli, nachts um halb elf, eine Gruppe beleuchteter Boote fuhr um einen See in der UP von Michigan. Fahnen und Musik zwischen Country und Classic Rock, die Zuschauer am Ufer schossen Raketen und Feuerwerk ab, dazu immer mal wieder „USA, USA“ Rufe. All das erinnerte mehr an eine nächtliche „Art-Car“ Show auf der Playa während des „Burning Man“-Festivals in der Wüste von Nevada, als an eine „Proud to be American“ Parade, wie man sie sich so vorstellt. Hier oben, hoch im Norden, laufen eben viele Dinge anders ab.

An diesem 4. Juli werden wieder Reden geschwungen, die Größe der Nation beschworen, für ein paar Stunden die Einheit der Amerikaner gelobt. Und das in einem Wahljahr, in dem es so deutlich wird, dass durch die amerikanische Gesellschaft ein tiefer San Andreas Graben verläuft. Lange hielt der Burgfrieden sowieso nicht, denn Donald Trump beschimpfte kurz nach seinem „Happy 4th of July“-Tweet seine Kontrahentin Hillary Clinton als „Crooked“. Und die schoss umgehend mit einem Video-Tweet gegen Trump zurück. Der Wahlkampf macht vor nichts eine Pause.

An diesem Tag feiern die USA ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. Am 4. Juli 1776 unterschrieben Thomas Jefferson, John Adams und Benjamin Franklin die „Declaration of Independence“. Darin erklärten sich die 13 Kolonien auf dem Kontinent als neue Nation. Dazu gehörten:  Delaware, Pennsylvania, New Jersey, Georgia, Connecticut, Massachusetts Bay, Maryland, South Carolina, New Hampshire, Virginia, New York, North Carolina und Rhode Island mit den Providence Plantations. Seitdem feiern die Amerikaner diesen Tag als Nationalfeiertag, mit BBQ und Feuerwerk, Paraden, vielen Fahnen und patriotischer Musik. Die „Stars and Stripes“ sieht man in diesen Tagen überall. Fahnen an Häusern, an Autos, auf Sweat- und T-Shirts, an Hundehalsbändern auf Fingernägeln. Amerika feiert sich selbst, Gründe dafür gibt es – auch mit einer kritischen Distanz – sicherlich genug. Von daher: „Happy Birthday USA“.

YouTube Preview Image

Auf den Spuren der Deutschen

Egal wohin ich in den USA auch reise, ich suche immer Antiquariate und Second-Hand Plattenläden auf. In den Buchläden stöbere ich vor allem nach lokaler deutscher Geschichte oder eben alten Büchern, die deutsche Immigranten mit in die Neue Welt brachten. Heute war ich erneut in Calumet, durch dichten Nebel und Nieselregen ging es an Houghton und Hancock vorbei in diese einstige „Boom-Town“, in der vor 100 Jahren sogar eine Straßenbahn fuhr. Doch vom früheren Ruhm dieser Stadt ist nicht mehr viel übrig geblieben. Man muß schon wissen, wohin man hier will, sonst ist man schneller durchgefahren als erwartet.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Schriften, die fast 100 Jahre alt sind.

Mich zog es auf die Fifth Street zu „Artis Books“, die Parallelstrasse zur eigentlichen Main Street, auf der Kneipen, das alte Theater, die Feuerwehr zu finden sind. Auf der Fifth ist auch die lokale Kaffee-Rösterei, Keweenaw Coffee. Ein Pfund „dark roasted“ musste ich einfach mitnehmen, denn in den Supermärkten hier gibt es nicht gerade den besten Kaffee zu kaufen. Etwa 150 Meter weiter ist dann der Buchladen. Eine schwere Eingangstür und dahinter öffnet sich eine fantastische Buchwelt. Über eine knarzige Treppe ging ich in den Keller, in dem die deutschsprachigen Bücher auf einem Eckregal standen. Ein paar Romane, alte deutschsprachige Bibeln, Sachbücher und dann auch ein paar Kuriositäten, wie „Die Gegenvorschläge der Deutschen Regierung zu den Friedensbedingungen“ und die „Antwort der alliierten und assoziierten Mächte“, veröffentlicht 1919. Und auch die „Betrachtungen zum Weltkriege“ aus demselben Jahr von Theobald von Bethmann Hollweg standen da auf dem Regal.

Im Nebenzimmer des Kellers dann allerhand Fotobände, Romane, Kunstbücher. Ich entschied mich schließlich für „The World Encyclopedia of Cartoons“, ein wunderbares und umfangreiches Nachschlagwerk, auch wenn der Fokus etwas zu stark auf dem nordamerikanischen Raum liegt. Zur Geschichte der deutschen Einwanderer fand ich ein kleines Büchlein über die Bosch Brauerei, gegründet von Joseph Bosch, der 1850 in Baden geboren wurde. Sein Vater war Brauer in Wisconsin, bevor die Familie nach Lake Linden in Michigan zog. Anfangs arbeitete der junge Bosch als Bergarbeiter, doch er wollte wie sein Vater Brauer werden. Schließlich ging er nach Milwaukee, um dort an der Schlitz Brauerei das Handwerk zu erlernen. 1876 eröffnete Joseph Bosch dann in Lake Linden, Michigan, die „Torch Lake Brewery“, die 1896 schließlich in „Bosch Brewery Company“ umbenannt wurde. Um die Jahrhundertwende war die Brauerei die größte in der „Upper Peninsula“ von Michigan, mit einer jährlichen Produktion von 60.000 Fässern. Zu dieser Zeit brummte die „UP“. Der Bergbau war der Motor der Region, die durstigen Kumpels tranken den „German“ Gerstensaft nur zu gern.

Mit der Prohibition 1919 stand die Brauerei allerdings vor dem Aus. Erst 1933 wurden die Sudkessel wieder zum Kochen gebracht, Gründer Joseph Bosch verstarb vier Jahre später, seine Kinder übernahmen den Betrieb. Der Höhepunkt für die „Bosch Brewing Company“ kam Mitte der 50er Jahre mit einem jährlichen Ausstoß von gut 100.000 Fässern. Bosch Bier war fest verankert in der „UP“. Doch mit dem Verlust von mehr und mehr Arbeitsplätzen in der Region und der Abwanderung vieler „Yoppers“ aus ihrer angestammten Heimat, wurde Anfang der 70er Jahre auch das Ende der „deutschen“ Brauerei erreicht. Bosch konnte nicht länger mit den Großbrauereien aus Detroit, St. Louis und Milwaukee konkurrieren. Am 28. September 1973 wurde das letzte Fass an Schmidt’s Corner Bar in Houghton ausgeliefert. Die Bude war rappelvoll, wie es heißt, jeder wollte noch einmal einen Schluck des beliebten lokalen Biers nehmen. Zum Ende erhallte ein lautstarkes Cheers, Prost, Skål, Kippis.

Kanada in der Nase

Da drüben ist Kanada.

Da drüben ist Kanada.

Der Obere See, oder „Lake Superior“ ist der größte der fünf Großen Seen Nordamerikas. Hier grenzen Minnesota, Wisconsin und Michigan an an die kanadische Provinz Ontario. Ein See, der mehr einem Meer gleicht. Die Fläche dieses riesigen Binnengewässers ist vergleichbar mit der von Österreich. Das Wasser ist eisig kalt, ich weiß, wovon ich spreche, ich mußte einfach mal reinspringen.

„Lake Superior“ war und ist eine wichtige Schifffahrtsstraße für beide Länder. Im südlichen Teil des Sees liegt auch einer der größten Schiffsfriedhöfe. Über die Jahrhunderte sind dort in den gefährlichen Stürmen, die oft und teils plötzlich über den See jagen, unzählige von Frachtern und Booten gesunken, eines der bekanntesten Schiffe war die am 10. November 1975 verunglückte „SS Edmund Fitzgerald“. Der kanadische Singer/Songwriter Gordon Lightfoot machte die Geschichte des Frachters zu einem Nummer Eins Hit. Der Schiffswracks werden heute vom „Whitefish Point Underwater Preserve“ geschützt.

YouTube Preview Image

Die Gemeinden rund um den See leben heute vor allem vom Tourismus, weite Teile der Uferlandschaften sind Naturschutzgebiete. Dicht bewachsen und mit Wanderwegen und „Bicycle Trails“ durchzogen. Im Winter ist die Gegend bei Snowmobile Begeisterten und Langlauf-Skifahrern begehrt. Hier, in der Upper Peninsula von Michigan, sagen sich die Füchse sprichwörtlich gute Nacht. Es ist ruhig, weitläufig, verlassen, hier findet man Ruhe. Für mich eine willkommene Abwechslung zum hektischen Umfeld in der überfüllten San Francisco Bay Area.