Es tut sich was im „Burger Country“

Seit nunmehr 33 Jahren bin ich Vegetarier. Das ganze ergab sich so nach einem Besuch am „Tag der offenen Tür“ im damaligen städtischen Schlachthof von Nürnberg in St. Leonhard. Der war einfach immer da in meiner Nachbarschaft und irgendwann schaute ich mir das ganze mal von innen an. Am Anfang die Kuh, die sagte Muh, danach die Bolzenschussgeräte, der Prozess der Verarbeitung, die Wurstmacherei und am Ende ein Tablett mit „frischer“ Wurst. Mir war der Hunger vergangen und ich sagte mir, geht nicht mehr.

Fleischlos lebt es sich durchaus ganz gut. Wer mich kennt und sieht, weiß, ich falle nicht vom Fleisch. Auch Kraft hat man, wenn man als nicht Fleischesser seine Tage verbringt. Zumindest merke ich nicht in der Muckibude, dass mir Fleisch fehlt. In all diesen Jahren habe ich viele Witzchen gehört („Wenn Du kein Fleisch isst, wie kannst Du dann nur der Kartoffel die Augen ausstechen?“) und auch vieles probiert, was so an fleischlos Produkten auf den Markt kam. Und mal ehrlich, da war viel dröges Zeugs dabei. Oftmals eine unerklärbare Masse, die sich zu einem festen Klumpen im Mund entwickelte. Oder es einfach nur staubte, nachdem man hinein gebissen hatte. Meist jedoch schmeckte es einfach nicht.

Burger King bewirbt den neuen Whopper.

Doch das hat sich geändert. Ich esse gerne Burger und die sind richtig gut geworden. Seit einiger Zeit ist nun der „Impossible“ Burger der Hit. Am Anfang konnte die Firma „Impossible Foods“ gar nicht schnell genug produzieren und es gab diesen Burger nur in ausgesuchten Restaurants, die meist auch ausverkauft waren. Doch damit ist nun Schluss. Das sieht man auch, da die Fast Food Kette Burger King den „Impossible Whopper“ auf ihre Speisekarte setzte. Den habe ich gestern zum ersten Mal probiert und kann man durchaus essen. Sowieso hat sich der vegetarische Burger auf den Speisekarten der verschiedensten Restaurants etabliert. Zumindest hier drüben in Kalifornien. Mit Burger King tritt nun ein US weite Kette auf den Plan, eine neue Zielgruppe zu erreichen. Ich bin eigentlich kein Fast Food Esser, aber ich weiss, zumindest, wenn ich hier über Land fahre, gibt es nun zumindest eine Möglichkeit, auch etwas warmes und schmackhaftes zum Essen zu bekommen.

Ach ja, immer wieder werde ich auch gefragt, warum Vegetarier vegetarische „Wurst“ oder „Fleisch“ essen, die so aussieht, wie richtige Wurst oder eben richtige Burger. Meine Antwort darauf, wenn ich mir so ein Schwein oder Rind ansehe, dann sieht das auch nicht wie die Bockwurst oder das Schnitzel aus, das viele ja so schätzen. Vielleicht sollte es das, damit manche mal drüber nachdenken, was sie da essen. Und nein ich will nicht missionieren, aber hin und wieder mal einen Gedanken daran verlieren, was da auf dem Teller liegt, täte einigen ganz gut. Und außerdem, wie gesagt, ich esse gerne Burger. Und die „Buns“, die Brötchen, kommen nun mal in der runden Form. Von daher macht es durchaus Sinn, dass mein fleischloser Burger eben auch rund ist und nicht ein Klops, rechteckig oder zum Draufspritzen. Punkt!

Der König von Israel

Man sollte nicht alles kommentieren, was Donald Trump so von sich gibt. Und doch, manchmal ist es äußerst schwer nicht gleich in die Tasten zu hauen, wenn Trump mal wieder was von sich gibt. Gestern war so ein Tag, der heutige folgte. Trump will nicht nach Kopenhagen reisen, weil man dort mit ihm nicht über den Kauf von Grönland sprechen möchte. Trump retweetet eine Kurznachricht, in der er als der neue „King of Israel“, „the second coming of God“ bezeichnet wird. Mehr Bauchpinselei geht wohl nicht.

Er weiss es immer besser. Foto: Reuters.

Trump weiß das zu schätzen und wettert gegen die 75 Prozent jüdischen Wähler im Land, die lieber für Demokraten als für Republikaner stimmen. Diese hätten keine Ahnung, würden keine „Loyalität gegenüber Juden und Israel“ zeigen. Dann kommen mal wieder Frontalangriffe gegen den von ihm eingesetzten Fed-Chef, er weiss besser als die eigentlichen Autobauer, wie man ein Automobil baut und natürlich hetzt er weiter gegen die vier jungen weiblichen Abgeordneten der Demokraten. Ach ja, und dann verkündet er noch, dass es wohl auch in Zukunft keine strikten Kontrollen beim Waffenkauf geben wird. Trump ist im Wahlkampffieber, er hält sich nicht mehr zurück. Seine Berater werden einfach sagen, lass ihn mal machen, denn genau dieser Stil kommt ja bei seiner Basis an.

Der amerikanische Präsident verprellt eigentlich jeden, der nicht auf seinem Kurs liegt. Doch das scheint ihn nicht zu stören, ganz im Gegenteil, Donald Trump lebt auf, wenn er angreifen kann. Man muss ihn nur beobachten, wenn er vor die Presse tritt und seine durchaus hasserfüllten und verletzenden Kommentare abgibt. Er wiegt sich hin und her, bereit das zu sagen, was die anwesenden Medienvertreter schockiert und seine Wählerinnen und Wähler so sehr an ihm schätzen. Doch all das, was allein in dieser Woche passiert ist, lässt nur darauf schließen, was noch auf uns zukommen wird. Trump ohne Grenzen greift frontal, brutal und fies an. Es wird ein Blutbad werden, so etwas hat Amerika noch nicht erlebt.

Gemeinsam gegen die Gewalt

Die Politik in den USA tut nichts gegen die Gewalt auf den Straßen, gegen Massenschießereien und alljährlich Zehntausende von Toten und Verletzten durch Schusswaffen. Das ist die Lehre aus El Paso und Dayton. Doch damit wollen sich viele in den USA nicht mehr abfinden. Es bilden sich Koalitionen, um gemeinsam gegen die ausufernde Gewalt vorzugehen.

Fast die Hälfte der Gemeinde hat die Folgen von Schusswaffengewalt schon selbst erlebt.

The Way“ in Berkeley ist eine afro-amerikanische Kirche, die sich einmischt. Gerade die beiden Führungspersonen Pastor Mike und sein Bruder Ben McBride, beide in San Francisco und Oakland aufgewachsen, halten sich nicht zurück. Am heutigen Sonntag feierten sie einen Gottesdienst, der schlichtweg mitreißend war. Politisch, fordernd, kompromisslos. Es ging um das Thema Waffengewalt in den „black communities“ der USA. An einem Punkt forderte Pastor Mike all jene in der Gemeinde auf nach vorne zu kommen, die Angehörige, Freunde oder Bekannte durch Gewalt verloren haben. Nahezu die Hälfte der Kirchenbesucher stand danach um ihn herum, einige hatten Fotos von Verstorbenen mitgebracht. Man umarmte sich, man legte seinem Nachbarn die Hand auf die Schulter, man betete gemeinsam für ein Ende des sinnlosen Sterbens.

Die McBrides reden und beten nicht einfach nur, sie organisieren auch im ganzen Land. Pastor Mike ist einer der treibenden Kräfte in einem Verbund aus Hunderten von „black churches“ in den USA. Das Ziel ist, sich zu organisieren und gemeinsam gegen die Gewalt anzugehen. So will man politischen Druck ausüben. Mit etlichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten hat man bereits gesprochen, auch mit Präsident Donald Trump will man ins Gespräch kommen. Doch am wichtigsten ist es diesen Kirchenvertretern, dass die Mitglieder der etwas anderen, eher unkonventionellen Gemeinde aktiv werden, sich einmischen, ihre Senatoren und Kongressabgeordnete anschreiben und das Wort Jesus Christus‘ „love your enemy“ vorleben. Es liege an jedem von uns selbst, so McBride, die Gewaltspirale zu durchbrechen.

Es sind hoffnungsvolle Worte an diesem Sonntagmorgen auf der University Avenue in Berkeley. Vielleicht etwas naiv, doch sie sind der richtige Ansatz in diesem Land. Die Veränderung beim Waffenbesitz, das Ende der Gewalt durch Schusswaffen muss aus den Kirchen kommen, von den Gläubigen selbst, die den Schutz eines jeden als die eigentliche „Pro Life“ Frage einfordern. Die Kirchen der Schwarzen in den USA machen es vor. Sie haben zu lange der Gewalt in ihren Stadtteilen zusehen müssen, darauf hoffend, dass etwas passiert. Damit ist nun Schluß. Gemeinsam will man den Druck im ganzen Land erhöhen. Es wird höchste Zeit.

Musik grenzenlos

Ich bin an meiner Serie zum Deutschlandjahr in den USA dran. Radiosendungen mit Musikthemen, die Deutschland und Amerika verbinden. Eine davon ist die Geschichte des Labels Bear Family Records aus dem kleinen Dorf Holste-Oldendorf. Im Frühjahr bin ich dorthin gefahren, um Detlev Hoegen zu treffen und mit ihm über den weltweiten Erfolg des ganz besonderen und einzigartigen Independent-Labels zu sprechen. Denn Bear Family hat mit seiner Archivarbeit und seinen umfangreichen Dokumentationen viel dazu beigetragen, dass zahlreiche Künstler gerade aus dem Folk, Country und Americana Bereich nicht vergessen wurden. Und als begeisterter Sammler von historischen Aufnahmen kommt man an diesem Label einfach nicht vorbei. Eine wahrlich deutsch-amerikanische Musikerfolgsgeschichte:

Wer oder was ist Bear Family Records?

Detlev Hoegen: Bear Family ist eine in Deutschland gegründete Firma, wir sind nach wie vor hier und nur hier aktiv. Aber was die Materialien, die Geschichte, die wir aufarbeiten angeht sind wir schon sehr, sehr stark mit den USA verbunden.

Was genau veröffentlicht Ihr auf Bear Family?

Detlev Hoegen: Grundsätzlich geht es in unserer Firmenpolitik darum Aufnahmen, die vor langer, langer Zeit mal veröffentlicht worden sind, von Künstlern, zum Teil, die heute völlig unbekannt sind, wieder zugänglich zu machen und zu archivieren und somit ein Stück Zeitgeschichte zu bewahren. Das hat mit unserem Firmengründer 1975 begonnen, wo er gemerkt hat, dass vieles von dem, was man mal in den 60er an Platten kaufen konnte, mittlerweile längst gestrichen war und, dass die große Industrie überhaupt kein Interesse daran hat, diese Sachen im Katalog zu behalten. Er hatte damals einen Versandhandel gegründet für Country Music, Rock’n Roll und Rockabilly also typisch, amerikanische Musikarten und hat dann gemerkt, dass das, was er zur Verfügung gestellt bekommen hat von den Händlern, viel zu klein war. Und ist dann hergegangen, hat sich erkundigt und schlau gemacht und damit begonnen, in Kooperation mit der Industrie, mit den großen Firmen, die die Kataloge verwalteten, Schallplatten neu zu veröffentlichen. Dann hat er gemerkt, dass das sehr spannend ist und, dass es unveröffentlichte Aufnahmen gibt und ist dann immer häufiger in die USA geflogen, hat in Archiven wirklich gewühlt, gut Zugang bekommen, viele Leute kennengelernt und hat so auch Schätze heben können, die bis dahin vollkommen unbekannt waren. Aber sein Ziel, und auch das Ziel von uns heute, nach über 40 Jahren Bear Family Geschichte, ist es immer noch, das zu bewahren, was irgendwann für die Entwicklung der Musik mal ganz, ganz wichtig war.

Wie entsteht denn bei Euch ein Thema, eine musikalische Projektidee?

Detlev Hoegen: Es gibt verschiedene Wege, die zu Bear Family führen. Das eine und im Grunde der häufigste Weg ist, dass uns Projekte angetragen werden. Es gibt Historiker, Ethonologen, Musikwissenschaftler, Sammler da draußen in der Welt, die ein Faible entwickelt haben für ein ganz bestimmtes Thema, jahrelang Materialien zusammen getragen haben, das archiviert haben und nun sichten und denken, ja, das ist doch so wichtig und so ein tolles Thema, das sollte man doch mal veröffentlichen. Und dann stellt sich ganz schnell die Frage, wer soll das denn veröffentlichen. Viele fragen dann bei der Industrie, also den großen Firmen an, die es noch gibt. Bei einigen kleinen, aber die meisten winken ab und sagen, das können wir gar nicht realisieren, davon kann man nicht genug verkaufen, das ist zu aufwendig, viel zu kompliziert und interessiert auch nur eine Minorität, das ist nichts für uns. Und viele von denen, die sich für ganz spezielle Randthemen interessieren, landen mehr oder weniger schnell bei Bear Family. Das ist ja heute nicht mehr so kompliziert, das heißt, wenn man irgendetwas sucht und man sucht vielleicht Gleichgesinnte im großen Netz, dann stösst man schon auf Bear Family. Viele Themen, die an uns heran getragen werden sind wirklich spannend, manche davon haben es schon selber realisiert zuvor oder in anderer Form veröffentlicht. Aber es gibt immer wieder größere Themen, die für uns auch Neuland bedeuten. Und wenn es sich dann um bestimmte Themen handelt, Ecken handelt in der Musikwelt, die wir überhaupt noch nicht abgedeckt haben, dann sind wir gerne bereit da auch mal genauer drauf zu schauen und daraus sind schon viele spannende Projekte entstanden.

Wie reagieren eigentlich die Künstler, denen Ihr eine umfangreiche Retrospektive widmet?

Detlev Hoegen: Da muss man natürlich etwas kucken, wer von den Country Musikern aus den 40er, 50er Jahren, also aus der ursprünglichen Zeit dieser Musik erlebt denn noch eine Bear Family Box, wenn die auf den Markt kommt. Es gibt sehr, sehr viele positive Reaktionen, nehmen wir mal ein populäres Beispiel, Johnny Cash z.b. hat seine Plattenfirma, ich glaube, es war Columbia, gefragt: sagt mal, warum macht ihr mit meinem Material nicht auch so tolle Boxen, wie Bear Family das kann? Das war für uns natürlich ein ganz großes Lob. Ich denke, bei den Musikern selbst kommt so eine Retrospektive, wie wir sie machen, in der Regel sehr gut an. Es gibt auch kritische Stimmen, das sollte man auch durchaus sagen, die Frage, ob man nun jede jemals aufgenommene Version von einem Song, dann nochmal später veröffentlichen sollte oder nicht, das ist schon eine Frage, die bei manchen Musikern eher zu Unmut geführt hat. Aber in der Regel ist die Resonanz auf das, was Bear Family tut auch bei den Musikern, die es noch erleben, sehr, sehr gut.

Kann ich mir Eure Arbeit so vorstellen, dass Ihr wirklich durch Archive forstet, auf der Suche nach dem verlorenen Tape?

Detlev Hoegen: So kann man sich das vorstellen, ich bin selber mit Richard in den frühen 80er Jahren in die USA geflogen und habe dann den ganzen Tag in einem fensterlosen Raum im 27. Stock, irgendwo an der 5th Avenue gestanden, wo CBS damals ein Headoffice hatte und habe Unterlagen von Aufnahmen kopiert. Stundenlang, bis mir von dem Kopierergeruch irgendwann schlecht wurde. Und diese Aufnahmen sind letztzlich dann auch der Pfad zu den Mastertapes. Man muss sich das so vorstellen, dass die amerikanische Industrie ganz, ganz viele Aufnahmen in den 50er und 60er Jahren gemacht hat, die nicht veröffentlicht worden sind, die archiviert worden sind, manchmal korrekt, oftmals aber auch falsch beschriftet und in irgendwelchen Archivräumen, Lagerräumen dann ein Dasein fristen. Es gab damals zumindest Verwalter in diesen Archiven, ähnlich wie bei Rundfunkarchiven auch in Deutschland, die dann auf Wunsch von Richard oder auch von anderen, die Originalbänder gesucht haben. Manchmal gefunden haben, manchmal auch nicht. Richard Weize konnte und kann sehr hartnäckig sein und irgendwann hat er dann bei den meisten offene Türen eingerannt und hat sich dann selber in den Archiven auf die Suche begeben können und wirklich auch einiges Unveröffentlichtes und Spannendes gefunden. Das natürlich ganz legal war und ist im Eigentum der Firma geblieben, aber zumindest gab es dann die Möglichkeit, das auf Bear Family zu veröffentlichen.

Eine Bear Family Box ist ja wie ein Ritterschlag für einen Musiker. Woran liegt das?

Detlev Hoegen: Das sind viele verschiedene Faktoren. Ich glaube es ist bei uns zum einen die Akribie und die Leidenschaft möglichst perfekt zu arbeiten. Das fängt damit an, dass wir die Themen sehr sorgfältig aussuchen. Und es geht dann in jedem weiteren folgenden Schritt seinen Weg. Die besten möglichen Quellen für die Aufnahmen müssen gesucht werden, oftmals sind die Originalbänder verschwunden, sind bei einem Feuer verbrannt oder gestohlen worden. Dann muss man sich auf gut erhaltene Kopien stützen, da gibt es Quellen, zum Beispiel in Studios oder bei ehemaligen Mitarbeitern. Also, man muss immer versuchen, die bestmögliche Quelle aufzutreiben, von der dann für die neue Veröffentlichung gemastert werden kann. Das setzt sich dann fort in einem ähnlichen Bereich, es geht auch immer darum, dass man die Illustration und die Texte möglichst optimal zusammenstellen kann. Das heißt, man muss sich auf die Suche machen nach Bildern, die zuvor noch nie jemand gesehen hat, vielleicht aus Privatarchiven, von Freunden, von ehemaligen Produzenten. Und dann geht es darum, dass man dieses ganze Konzept von einem Autor in Text kleiden lassen muss, der die Geschichte des Musikers oder des Labels oder einer Ära oder irgendeiner anderen Dokumentation nachvollzieht. Und da haben wir immer das Glück gehabt, dass wir mit sehr, sehr engagierten und versierten Autoren zusammen arbeiten konnten. Das war immer ein Teil des großen Bear Family Konzeptes.

Wie lange dauert es eigentlich, bis es zur Veröffentlichung so eines Projektes kommt?

Detlev Hoegen: Jahre, viele Jahre manchmal. Es gibt sicherlich Projekte, gerade wenn es um die Bear Family Boxen geht, das sind eigentlich die Projekte, für die unsere Firma am meisten bekannt ist. Wenn es darum geht, wirklich umfassend eine Musikerbiographie oder die Geschichte eines Labels zu dokumentieren, dann kann das schon Jahre, manchmal sogar mehr als zehn Jahre dauern, bis das dann von der eigentlichen Konzeption zur Veröffentlichung gereift ist.

Ihr seid ein einzigartiges Indie-Label, weltweit beachtet, das Erfolg hat. Gibt es für Dich Veröffentlichungen, die ganz besonders sind?

Detlev Hoegen: Das ist auch einzigartig. In der Zeit, in der Bear Family angefangen hat, Boxen zu veröffentlichen, Anfang der 80er Jahre, war das ein vollkommen neues Format. Die Industrie hat sich damit eigentlich nie beschäftigt, weil für die Industrie natürlich das Thema heute produziert, morgen auf den Markt und nach einem Jahr vergessen eigentlich die Prämisse war. Für uns ging es gerade ums Gegenteil. Die Sorgfalt, die hinter diesen Veröffentlichungen steckte, erforderte einfach immer sehr viel Zeit. Das war das eine. Das andere, was ich denke, was Bear Family international nochmal ins Rampenlicht geführt hat, war eine Box, die eigentlich mit dem amerikanischen Thema so gut wie nichts zu tun hatte. Das war eine Veröffentlichung, die nannte sich “Beyond Recall” über Musik des jüdischen Kulturbundes in Berlin unter der Zeit der Nazi-Herrschaft, also Aufnahmen von 1933 bis Ende der 30er Jahre. Eine Zeit, die glaube ich selbst in der jüdischen Biographie oftmals vergessen wurde und wo vielen gar nicht bewusst war, dass eben unter der Herrschaft der Nazis, der jüdische Kulturbund zum Teil noch produzieren und anfangs noch veröffentlichen konnte. Das war ein grosses Projekt mit einem ganz umfangreichen Begleitbuch, was u.a. in Frankreich für viel Furore gesorgt hat. Ich kann mich noch erinnern, dass damals in der Libération eine Doppelseite über dieses Projekt geschrieben wurde. Und sich Bear Family damit erstmals von dem amerikanischen Thema wegentwickelt hat und ein ganz großartiges und wichtiges, internationales Kulturthema aufgegriffen hat. Wichtige Veröffentlichungen darüberhinaus fand ich, und finde ich im Nachhinein immer noch, unsere Box rund um den Vietnamkrieg, wo es darum geht, die populäre Musik der damaligen Zeit zusammenzutragen. Das was damals im Radio gespielt wurde, was wir hier in Europa, was Studenten und junge Leute in Amerika gehörte haben, aber eben auch die Soldaten in Vietnam. Und das in Verbindung mit kritischen Songs über den Krieg in Vietnam, aber auch auf der anderen Seite die Befürworter, die sind genauso zu hören, werden natürlich kritisch begleitet im Begleitbuch. Und als Ausblick für das, was ein Krieg so mit sich bringt Aufnahmen von Vietnam Veteranen, die versucht haben, mit Musik, mit eigenen Songs, die Traumata des Krieges zu verarbeiten. Das fand ich eine sehr spannende Dokumentation. Wir haben jetzt vor kurzem noch eine Box herausgebracht über die Musik des Spanischen Bürgerkriegs. Und aktuell im letzten Jahr, Musik aus dem sogenannten “Forgotten War”, den Krieg in Korea. Das klingt vielleicht ein bißchen makaber, dass es um Kriegsthemen geht, aber ich denke, in Verbindung mit Krieg spielt Musik eine besondere Rolle. Und viele von denen, die in irgendeiner Form in Krieg involviert waren, natürlich die Soldaten selber in erster Linie, haben versucht dann auch über eigene Musik dieses Thema eigens zu verarbeiten. Und, der Höhepunkt, auch der Höhepunkt, was die Massivität angeht, war eine Veröffentlichung vor ein paar Jahren mit dem Titel “Black Europe”, wo es um schwarze Musik in Europa geht. Ich glaube, die älteste Aufnahme war von 1896 und die jüngste von 1926. Insgesamt über 1200 Aufnahmen, die die schwarze Musikgeschichte in Europa dokumentiert. Also, die Musik von afrikanischen Musikern, die damals z.B. in Paris, einer der Hochburgen der Musikproduktion, Aufnahmen gemacht haben, aber auch von afro-amerikanischen Musikern, die in Europa auf Tournee gegangen waren und ebenfalls vor allem in Frankreich Aufnahmen gemacht haben. Da haben sich einige Sammler jahrzehntelang mit beschäftigt und ersteinmal versucht überhaupt diese Aufnahmen, die ja mittlerweile fast 100 Jahre alt sind, zusammen zu tragen und Materialien zu sammeln, Informationen über die Musiker beizutragen, Fotos zu finden. Und das war ein einzigartiges Projekt mit insgesamt 24 CDs und zwei dicken, schweren Büchern. Und für dieses Projekt sind wir damals auch für einen Grammy nominiert worden. Das sind einige der Projekte, die,wie ich finde, aus der großen Menge von guten Veröffentlichungen herausragen.

Du hast schon einige der großen Veröffentlichungen genannt, aber was führt letztendlich zu einem Projekt?

Detlev Hoegen: Das ist eine Gratwanderung. Es gibt nicht die eine Entscheidung, die man bei einem Projekt gefunden hat und dann vielleicht auf das nächste überträgt. Sondern jedes Projekt muss wieder neu betrachtet werden. Natürlich müssen wir darauf achten, dass sich solche Projekte auch finanziell tragen. Das ist heute schwieriger als noch vor 10, 20 Jahren, aber die Antriebsfeder besteht eher in der Frage, ist das spannend, interessiert das jemanden, ist das dokumentationswürdig und passt das auf unser Label? Sind wir sozusagen die richtigen Partner, die so etwas veröffentlichen können. Nehmen wir mal ein Gegenbeispiel. Wenn mir jemand ein großes Projekt über die Geschichte des Jazz in den USA antragen würde, würde ich höchstwahrscheinlich ablehnen, weil wir im Jazz nun überhaupt nicht zu Hause sind. Das hat nichts mit einer Abneigung zu tun, sondern es hat einfach damit zu tun, dass die Geschichte von Bear Family eine andere ist. Und das diejenigen, die hier arbeiten und die Verantwortung tragen für Veröffentlichungen sich auf ganz bestimmte Themen konzentriert haben. Das hat also nichts mit Qualität zu tun, sondern da muss ich sagen, wir müssen irgendwo eine Grenze ziehen. Wir können nicht die vergessene Arbeit von Generationen leisten. Wir müssen uns auch schon auf bestimmte Dinge konzentrieren. Und ansonsten spielt, denke ich mal, einfach die Spannung eine ganz, ganz große Rolle. Das Thema muss wirklich spannend sein. Bleiben wir noch einmal bei dem Thema “Black Europe”, das war ein Thema, das ich nur ansatzweise kannte. Josephine Baker kannte ich auch, aber die meisten Künstler, die auf diesen Aufnahmen vertreten sind, habe ich noch nie gehört im Leben. Werde ich wahrscheinlich darüberhinaus niemals woanders erleben. Und so etwas zu veröffentlichen, auch wenn es nur in einer kleinen Auflage ist, das war schon eine extreme Herausforderung und da bin ich Richard Weize dankbar, dass er das wirklich damals aufgegriffen hatte. Das hatte ich ja auch schon kurz erwähnt. Ich glaube, aus rein finanziellen, betriebswirtschaftlichen Gründen hätte ich meine Finger davon gelassen. Aber, es ist wunderbar, dass ich mich da nicht durchsetzen konnte und, dass das Projekt wirklich veröffentlicht wurde.

Gibt es eigentlich auch Musiker, die nicht mit Euch zusammenarbeiten möchten?

Detlev Hoegen: Das gibt es auch, klar. Aber man muss sich ein bisschen in der Entwicklung der Musikindustrie auskennen, um zu beurteilen, was ist möglich und was nicht. Wir profitieren natürlich davon, dass in den 50er und 60er Jahren Musikerverträge geschlossen wurden, wo der Musiker selbst relativ wenig Einfluss auf das hat, was mit seinem aufgenommenen Material passiert. Gerade in den USA sind damals Verträge geschlossen worden, die dem Musiker quasi alle Rechte absprachen und alles wurde auf die Industrie übertragen. Davon profitiert die Industrie und wir natürlich gleichermaßen. Es gibt aber auch Themen von Musikern, wo es dann einfach schwierig wird, weil es komplizierteste Herangehensweisen über Rechtsanwalts-Konsortien erfordert und da müssen wir dann die Finger von lassen. Das wird immer komplizierter je neuer die Aufnahmen sind. Und das hat auch was damit zu tun, dass die Industrie selber sich verändert hat. Unser Hauptaugenmerk liegt einfach in der Phase der ursprünglichen Entwicklung von amerikanischer, populärer Musik, also 40er, 50er, 60er Jahre. Und was danach kommt, also alles was eigentlich in der Geschichte der Rockmusik passiert ist, so ab Mitte der 60er Jahre, das ist gar nicht mehr unser Aufgabengebiet.

Welche Projekte würdest Du noch gerne verwirklichen?

Detlev Hoegen: Ich habe da schon ein paar Projekte im Kopf. Ich arbeite jetzt mit einem Autor aus San Francisco zusammen, an einem Projekt, das nennt sich “The history of Folk Rock”. Das ist schon ein Thema, das so ein bißchen für uns in die Neuzeit reinragt, auch, weil es so ein bißchen in die 70er Jahre reingeht. Das finde ich ein spannendes Thema, hat mich auch selber in den 60er und 70er Jahren beeinflusst. Dann wird im nächsten Jahr eine 20 CD Box kommen zum Thema Blues aus Memphis und da geht es einfach darum, die gesamte Musikgeschichte von der Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die späten 60er hinein zu dokumentieren mit allen Aufnahmen, die in Memphis entstanden sind, bzw. von Memphis Musikern außerhalb von Memphis, abgesehen von dem Sun Katalog, den wir schon viel, viel tiefer ausgeschlachtet haben. Das sind dann auch schon wieder 550, 560 verschiedene Aufnahmen und da arbeiten wir jetzt dran zusammen mit einem Autor, einem Experten, einem Historiker aus England, der schon fleißig dabei ist, die einzelnen Musikerbiographien zu schreiben und die Songs zu bewerten. Das ist ein Projekt, was jetzt auch schon seit gut einem Jahr in der Mache ist. Also, da gibt es schon einige Projekte, ich würde gerne eine Gesamtretrospektive über den Musiker Steve Young machen. Ich finde, er ist einer der wundebarsten Sänger der amerikanischen Country Geschichte, toller Typ. Ist schwierig, weil es da eben auch rechtliche Hürden gibt. Andere Projekte, die mir noch vorschweben wäre vielleicht mal etwas über Dough Sahm zu machen, bekannt hier vor allem über das “Sir Douglas Quintet” und den alten Pophit “Mendocino”. Man kann so viele Themen aufgreifen und so viele Themen werden auch einfach in den USA ignoriert, dass ich denke, daran mangelt es nicht.

Ihr habt neben Country auch zahlreiche Schlager Boxen gemacht, dazu auch solche Sachen wie eine umfangreiche Martin Böttcher Box. Wie kam es dazu?

Detlev Hoegen: Ich glaube, diese älteren Projekte, die Du jetzt ansprichst, die wurden in der Regel in den 90er Jahren veröffentlich, die haben natürlich was mit Richards persönlichen Vorlieben zu tun. Und neben Country Musik war für Richard in der Zeit der 60er Jahre Schlager eben sehr prägend und es gab ja auch immer eine Verbindung zwischen Schlagermusik in Deutschland und Country Musik in den USA. Diese Verbindung hat er aufgezeigt und hat ja auch ganz, ganz viele Sachen dazu dokumentiert. Zwar weniger in aufwendigen Boxen, aber in vielen Einzel-Cds, als die deutsche Industrie eben auch daran überhaupt kein Interesse hatte. Ich denke mal, dass die Bandbreite ein wichtiger Faktor ist für die Überlebensgeschichte von Bear Family. Und Soundtracks ist ein ganz anderer Markt, als der Markt für Country Musik und die Geschichte von Bonanza und die Geschichte der Martin Böttcher Soundtracks und viele andere deutsche Filmkomponisten, ist durchaus ein Thema auch heute noch. Ich denke, dass das durchaus ins Bear Family Repertoire reinpasst.

In Zeiten, in denen immer weniger CDs verkauft werden, hat Bear Family noch eine Zukunft?

Detlev Hoegen: Ich denke schon, dass wir eine Zukunft haben. Vielleicht nicht für alle Ewigkeiten, keine Ahnung, ich bin kein Prophet. Aber wenn ich mir die Entwicklung der letzten 20 Jahre anschaue, seit es im digitalen Bereich extreme Veränderungen gegeben hat, da muss ich sagen, dass wir eigentlich besser dastehen, als vor 10 Jahren erwartet. Das hat sicherlich damit zu tun, dass der Markt, den wir bedienen, ein komplett anderer ist als der, der sich über Streaming und Downloads im digitalen Bereich bedient. Wir veröffentlichen eben keine aktuellen Aufnahmen. Wir sind nicht im Pop Bereich tätig. Sondern wir sind Archivare, wir sind Bewahrer in einer gewissen Weise. Und für uns und unsere Veröffentlichungen gilt, dass es stets um das Gesamtprojekt geht. Also auch das Gesamtprodukt in dem Fall. Ich denke, viele von den Aufnahmen, die wir heute veröffentlichen kann man, wenn man sich bemüht, auch im Netz finden. Entweder legal oder illegal, aber die Art und Weise, wie wir sie zusammen fassen mit Text und Bild und CDs mit 60seitigem Booklets veröffentlichen und Boxen mit mehreren hundertseitig dicken Büchern, das ist schon ein ganz anderes Thema, als das, was im Alltagsgeschäft digital heute läuft.

Wer sind eigentlich Eure Kunden, habt Ihr da Informationen?

Detlev Hoegen: Wir wissen schon was, das hat viel damit zu tun, dass wir ja an eine ganze Reihe von Kunden direkt verkaufen. Also Bear Family hat ja ein zweites Standbein, das ist der Mailorder, der seit einigen Jahren dann mehr oder weniger zum Online Shop weiterentwickelt wurde. Wo wir dank meines Partners, Michael Ohloff, sehr gut aufgestellt sind. Das ist eine Riesenaufgabe da mit unseren Veröffentlichungen und auch mit den anderen Produkten, die wir vertreiben, im google ranking, was ja heute ganz, ganz wichtig ist, möglichst weit oben zu stehen. Das ist eine der Strategien, die uns das Überleben erleichtert. Und das andere ist, dass wir einfach versuchen über das, was es noch an Handel gibt, überall präsent zu sein. Wir nutzen natürlich die Market Places von bestimmten großen Plattformen weltweit, wir haben auch noch ein Vertriebssystem in den USA. Wir vertreiben unsere Produkte in Deutschland jetzt wieder selbst. Wir sind über Exporteure auch in Läden in Skandinavien oder in England, eigentlich weltweit zu finden. Insgesamt gesehen wird der Markt natürlich kleiner werden. Und das Publikum, das wir bedienen wird immer älter. Das denke ich mal ist einfach der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu schulden, also der gesellschaftlichen und der technologischen Entwicklung. Und jemandem, der heute 20 ist, davon zu überzeugen, dass er ein physisches Produkt kaufen soll, wo eine CD drin liegt, das ist glaube ich nahezu unmöglich. Da können wir natürlich noch ein bißchen was reißen, in dem wir spannende Sachen auch auf Vinyl veröffentlichen, aber die CD Boxen, das spricht schon ein Publikum an, das in einem Altersbereich zwischen 50 und 80 liegt. Die meisten unserer Kunden sind wahrscheinlich zwischen 55 und 70 Jahre alt.

Bear Family Records

Der Morgenkaffee im Trump Zeitalter

Irgendwas hat ihn heute mal wieder geritten. Vielleicht hat er schlecht geschlafen, vielleicht hat er Stress mit Melania, irgendwas lief jedenfalls schief am Morgen des Donald Trump. 22 Tweets haute er bis 8:30 PST raus, vieles davon „retweeted“. Und die Themen sind vielfältig. Breitseiten gegen Abgeordnete der Demokraten Ilhan Omar und Rashida Tlaib. Mal wieder, diesmal allerdings greift er damit in internationale Politik ein. Dann hat er „gute“ Ratschläge für den chinesischen Präsidenten, unterstützt ihm freundlich gesinnte Unterhaltungskünstler, erwähnt ein neues Buch, das, klar, seine Weltsicht unterstützt. Sowieo nennt Trump viele Bücher, eigentlich müsste man denken, er liest viel, was aber ja allgemein bekannt ist, dass er das nicht tut. Dann geht es auch noch um die Wirtschaft. Im Handelsstreit mit China läuft alles hervorragend, so Trump. Wenn denn doch was schieflaufen sollte, wäre nicht er, sondern der Vorsitzende der Fed, Jerome Powell, dafür verantwortlich. Donald Trump ist einfach unfehlbar.

Auffällig an seinem Tweet-Storm ist, was nicht erwähnt wird. Der Skandal um Jeffrey Epstein, die Verhaftung und nun der Tod des einstigen engen Freundes von Trump kommt in seinen Tweets kaum vor. Und das, obwohl es da sehr viele offene Fragen gibt. Zum einen zu dieser Freundschaft, zu den Parties von Epstein, auf denen auch Trump war und dann zum anderen auch der Tod in einem Bundesgefängnis in New York. Letzteres übernimmt FoxNews, allen voran sein „Buddy“ Sean Hannity. Doch der geht nicht der Frage nach, ob Präsident Donald Trump damit irgendetwas zu tun haben könnte, nein, Hannity kramt in der Verschwörungskiste und bringt mal wieder die Clintons ins Gespräch, die sicherlich irgendetwas mit dem Tod von Epstein zu haben. Also, ganz im Sinne von Trump.

Eigentlich müsste ich bei all den Morgentweets Kaffee mit Schuss trinken, denn im nüchternen Zustand ist das alles kaum noch zu ertragen. Hier ist ein Präsident der tagtäglich zündelt, der Feuer anheizt, der lügt, Verschwörungstheorien verbreitet und dann schlichtweg erklärt: „people are talking.“ Nach Trump wird es kein Zurück mehr geben. Was er mit seiner „alternativen Realität“ geschaffen hat, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ein Teil der Bevölkerung in den USA – und leider auch in anderen Ländern – glaubt nicht mehr das, was wirklich passiert. Sie vertreten und verteidigen das, was ein Mann wie Donald Trump verbreitet. Mit oder ohne Trump, da warten düstere Zeiten auf uns.

„Gun Culture“ in the USA

Man redet von der amerikanischen Waffenkultur. Gemeint ist damit, dass „Guns“ einfach dazu gehören. Leicht zu erwerben und das ganz legal. Dazu kommt, dass der Waffenbesitz als uramerikanisch dargestellt wird und irgendwie dazu gehört, wie die Pommes zum Burger, wie Hotdogs zum Baseball, wie Bud Bier zum Football.

Und selbst in einem Laden wie Walmart, der vor wenigen Tagen in El Paso noch Ort eines Amokläufers wurde, sind Waffen zu kaufen. Man stelle sich vor, man kaufe seine Wumme bei Karstadt, Real oder Metro. Doch nicht nur der leichte Zugang und die fehlenden „Background Checks“ gehören zur Waffenkultur in den USA, es ist auch die Verherrlichung des Waffenbesitzes, der Waffennutzung, dieses mit Waffen leben. Ganz deutlich wird das, wenn man sich die T-Shirts ansieht, die es bei Walmart, bei amazon oder in anderen Läden im Angebot gibt. „Smoke a pack a day“ hat nichts mit dem Rauchen einer Schachtel Zigaretten zu tun, sondern vielmehr damit, dass man ein Rudel Wölfe am Tag abknallen will.

Nicht viel besser sind da die Shirts der amerikanischen Fahne als Knarre oder das mit den Bildern einige automatischer oder halbautomischer Waffen, den Tatwaffen bei Massenschießereien. Was soll man denken von jemandem, der so etwas trägt? Was soll man von einem Unternehmen halten, in dessen El Paso Store Menschen durch Schüsse starben und verletzt wurden und die dennoch weiterhin Teil dieser ausufernden „Waffenkultur“ in den USA bleiben wollen. Sowieso hat das nichts mit Kultur zu tun, zumindest nicht mit dem weiten Feld, was ich unter Kultur verstehe. Amerika hat ein Problem und will nichts davon wissen. Das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz hat sich verinnerlicht in den USA. Das Recht eines Waffenbesitzers zählt mehr als das Recht auf Sicherheit eines Schulkindes, eines Gläubigen, eines Kunden, eines jeden.

 

 

Es geht um den Halm

Donald Trump eröffnet eine weitere Front in seinem Kulturkrieg. In seinen über 12.000 Lügen, Halbwahrheiten und Falschaussagen seit Amtsantritt, hat er schon viel dem politischen Gegner schon vorgeworfen. Doch nun geht es um den Strohhalm, diesem ureigensten amerikanischen Trinkgenuss. Dieser wird schon länger in so manchen US Städten und unzähligen Restaurants ersetzt oder ganz abgeschafft, Dank den „liberal-sozialistischen Klimafaschisten“, so das Trump Lager.

„Stand with President Trump“, heißt es auf der Webseite von Donald Trump. Neben T-Shirts und den MAGA Hüten gibt es da auch den Zehnerpack Strohhalme mit dem Trump Namenszug für 15 Dollar zu haben. Nach dem Motto: Saug Amerika wieder großartig. Und die „Straws“ sollen nach Angaben der Trump-Kampagne ein Renner sein. 670,000 Dollar will man allein in einem Monat mit den Strohhalmen eingenommen haben, ein Zeichen dafür, so das Trump-Lager, dass Amerika sich nicht länger vorschreiben lassen will, wie man sein Leben zu leben hat. Amerikaner haben das Recht auf ihre Beefburger, ihre BBQs, ihre dicken SUVs, ihre Flugreisen und eben auch auf ihre Strohhalme mit denen sie ihre Soft Drinks trinken. Nichts und niemand darf ihnen das verbieten.

Genau damit zieht Donald Trump in den Wahlkampf und beschreibt die Demokraten als „Gängelpartei“, die das Leben der Amerikaner einschränken und stark reglementieren wollen. Der Klimawandel sei nicht wissenschaftlich belegt, die Erde habe schon immer Phasen der Hitze und der Kälte erlebt, so Trump. Alles ganz natürlich, der „Climate Change“ sei vielmehr ein „Hoax“, Humbug, Schmarrn, Hirngespinst von jenen, die den „American Way of Life“ einschränken wollen. Es geht also um den Strohhalm, an dem sollten sich die Amerikaner festhalten, wenn es nach Trump geht. Denn dieses Röhrchen steht für viel mehr als nur den „American Way of Drinking“. Er steht nun für den Kulturkampf in den USA.

Stan neben Ronnie neben Lemmy

Gestern hatte ich viel Zeit in Los Angeles. Ich glaube, das war das erste Mal überhaupt, dass ich in aller Ruhe in dieser Stadt Dinge für mich machte. Zuerst ging es zu Amoeba Records in Hollywood, ein riesiger Plattenladen, in dem man Stunden verbringen kann. Ich hatte ein „Gift certificate“, das eingelöst werden wollte. Gefunden habe ich so einiges zwischen experimenteller Musik, über deutsche Beat/Tanzmucke der 60er und 70er Jahre bis hin zu historischen Sounddokumenten aus dem Jahr 1959 und alten Aufnahmen aus dem Iran. Man kann also nicht sagen, dass ich einen eingeschränkten Musikgeschmack habe.

Von Amoeba ging es Richtung Burbank zu einem Buchladen, der einem Labyrinth glich, aber fündig wurde ich da nicht. Irgendwie hatten sie eine andere Zielgruppe. Und da ich noch ein paar Stunden zum „Totschlagen“ hatte, fuhr ich in Richtung Griffith Park und entdeckte durch Zufall den „Forest Lawn Memorial Park“ in den Hollywood Hills. Und dort ging ich auf Namenssuche, was nicht so leicht ist, denn so richtig organisiert ist man in diesem Schattenreich nicht. Aber ich fand durch Zufall das Grab von Stan Laurel, den Meister der Comedy, und dann nach langer Such noch die der Rock’n Roll Ikonen Ronnie James Dio und Lemmy. Dios Grab ist da schon etwas protziger, der „Man on the silver Mountain“. Viel Platz für den kleinen, gewaltigen Sänger, den ich einmal in San Francsico traf, als Doro Pesch im Vorprogramm von Dio spielte.

Viele kommen mit Campingstühlen auf den Friedhof, geniessen die Ruhe, den Ausblick, die besondere Atmosphäre. Rehe liegen im Schatten der Bäume und Sträucher, es wird auch vor „Mountain Lions“ gewarnt. Für jeden und jede, die Los Angeles besucht, würde ich einen Besuch auf diesem alten Friedhof voller Geschichte und Geschichten empfehlen. Einfach mal mit Zeit über die Rasenflächen spazieren, hier findet man ein etwas anderes Los Angeles, nicht weit vom hektische und lauten Hollywood Boulevard entfernt. Nur gewarnt sollte man sein, Blumen dürfen nicht geklaut werden, denn sonst wird man eingesperrt. Wo, das ist die große Frage auf diesem Friedhof?

 

 

Texas ändert seine Waffengesetze

22 Menschen starben bei einem Amoklauf in einem Walmart im texanischen El Paso, zwei Dutzend weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Wenige Stunden danach erschütterte eine weitere Massenschiesserei in Dayton, Ohio, die Nation. Seit dem Wochenende gibt es erneut eine zum Teil heftige und intensive Diskussion, ob die Waffengesetze in den USA verschärft werden müssen. Präsident Donald Trump macht klar, dass es bei dieser Krise um die Früherkennung von „Geisteskranken“ geht, denn nicht die Waffe als solche drückt den Abzug, sondern „mentally unstable persons“.

In bed with the NRA. Foto: Reuters.

In Texas werden nun ab September neue Waffengesetze kommen. Aber nicht solche, die man nach solch einer Tat erwarten könnte. Nein, das texanische Parlament mit seiner republikanischen Mehrheit verabschiedete schon im Frühjahr Gesetze, die nun dennoch umgesetzt werden. Darin wird zum Beispiel festgelegt, dass kein Vermieter einem Mieter kündigen kann, wenn dieser Waffen in seiner Wohnung hat. Auch ist es fortan Waffenbesitzern erlaubt, ihre Knarren in ihrem geparkten Auto auf einem Schulgelände bei sich zu haben und sie dürfen ab September auch ein Schießeisen mit in einen Gottesdienst bringen. Texaner sollen also immer bereit sein, ganz nach dem Motto der NRA: only a good guy with a gun can stop a bad guy with a gun.

Umdenken ist nicht angesagt in Texas. Das Tragen und das Mitführen der Waffe im Alltag ist, so die Abgeordneten, auch ein Teil des vermeintlichen Grundrechts auf Waffenbesitz in den USA. Die paar Toten und Verletzten in El Paso sind da nur „collateral damage“, das nicht vom eigentlichen Thema ablenken sollte, dass jeder Amerikaner eine Wumme erwerben und besitzen darf. So steht es in der Verfassung, so zumindest legen es die texanischen Republikaner aus, die offensichtlich im Dienst der „National Rifle Association“ stehen.

Es ist verrückt, was in den USA passiert. Amokläufe, nahezu 300 Massenschiessereien allein in diesem Jahr, Tausende von Opfern durch Schusswaffen lassen kein Umdenken zu. Der Präsident spricht von Geisteskranken, von der Gefahr aus dem Internet und von Videospielen und übersieht schlichtweg das, was nur allzu offensichtlich ist: der leichte Zugang zu Schußwaffen. Dass sich daran nichts ändern wird, zeigt auch, dass sich Trump in den letzten Tagen mit der NRA kurz geschlossen hat, um „gemeinsam“ einen Plan zu erstellen. Das sagt alles, dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Wahlkampf auf dem Rücken der Opfer

Amerika durchlebt derzeit schwierige Tage. Nach den Schießereien in Dayton und El Paso fragt man sich im Land, wie man damit umgehen soll, was die Lehren sein sollten, was man den vielen Toten und Verletzten schuldig ist. Die Demokraten, allen voran die zahlreichen Präsidentschaftskandidaten suchen das Rampenlicht, um Donald Trump zu verurteilen. Seine befeuernden Worte, seine Reaktionen, sein Festhalten daran, keinen Fehler gemacht zu haben, all das wird kritisiert.

Donald Trump besuchte am Mittwoch Dayton und El Paso. Foto: Reuters.

FoxNews und Trump Vertreter erklärten, das sei nicht richtig, was die Demokraten da täten, sich nach vorne zu drängeln, quasi nach so einer nationalen Katastrophe. Das kann man so sehen, eigentlich sollte die Nation inne halten, nachdenken und vor allem zu Schlüssen kommen, wie man in Zukunft diese Gewaltverbrechen unterbinden kann. Doch dann ist da auch noch Donald Trump selbst, der spätabends und frühmorgens tweetet, den Ton setzt, politische Gegner angreift und schlichtweg Unwahrheiten verbreitet.

Heute besuchte er Dayton und El Paso. Die begleitende Presse durfte nicht anwesend sein, als der Präsident und die First Lady mit den Opfern und den Einsatzkräften sprachen. Es hieß von Seiten des Weißen Hauses, der Besuch solle nicht für politische Diskussionen hergenommen werden können. Das ist gut, wenn, ja, wenn da nicht ein anschließendes Video vom Weißen Haus veröffentlicht worden wäre, das doch sehr an ein Wahlkampfvideo mit passender Musik unterlegt erinnert. Trump nutzt also seine Besuche an den Katastrophenorten, um zum einen gegen politische Gegner auszuteilen. Zum anderen, um aus den blutigen Verbrechen auch noch politische Punkte ziehen zu können. Nein, Mister President, das ist nicht präsidial, das ist schlichtweg schäbig.

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