Das Leid mit den Zahlen

Die gute Nachricht zuerst. Die Mordraten in den USA und auch in meiner Wahlheimat Oakland fallen weiter. Wir sind Welten von den 80ern entfernt, als allein in New York City 2200 Menschen pro Jahr umgebracht wurden. Derzeit werden in den USA in zwölf Monaten zwischen 14.000 und 16.000 Personen ermordet. Das ist die Zahl, mit der man hier lebt. Klar, es sind noch immer zu viele, da sind sich alle einig. Doch was tun?

Die schlechte Nachricht kommt gleich hinterher. Die Polizei ist nicht gerade erfolgreich in der Aufklärung von Straftaten. Im Landesdurchschnitt gibt es bei „Homicides“ eine „clearance rate“, also lediglich eine Aufklärungs- und keine Verurteilungsrate, die bei etwas über 60 Prozent liegt. Das heißt, jede dritte Mordtat wird nicht aufgeklärt, der Killer läuft weiter frei und unerkannt herum. Wenn man dann noch genauer hinsieht, tauchen da schon fragwürdigere Zahlen auf, z.B. die, dass in vielen Großstädten, wie in Oakland, gerade mal 30 Prozent der Morde aufgeklärt werden. Lediglich ein paar Täter werden gefasst, der Rest bleibt ein „open case“. Das liegt hier zum einen an den paar Ermittlern, denen die Fälle über den Kopf wachsen. Zum anderen an den schlechten Beziehungen zwischen dem „Oakland Police Department“ und der „Community“. „Snitching“, also das Preisgeben von Informationen, ist sei langem verpönt. Die Polizei muß bei Ermittlungen meist ihren eigenen Weg gehen.

Noch schlimmer sieht es dann aus, wenn man alle Gewaltverbrechen zusammenfasst. Dann liegt die Aufklärungsrate in Oakland bei gerade mal 17 Prozent (2012) bzw. 18 Prozent (2013). Und da setzen wir hier noch mal einen drauf. Die nächste Zahl ist schlichtweg ein Schocker. „Property Crime“, also Einbrüche, Autodiebstähle, Brandstiftung wurden 2012 nur in zwei Prozent der Fälle gelöst, ein Jahr später waren es dann „schon“ drei Prozent. Hooray!!! Ich frage mich gerade, ob die Polizisten hier nur Donuts essen, in der Nase bohren oder irgendwas locker hin und her schaukeln? Was tun die eigentlich, wenn sie weder Straftaten verhindern noch aufklären?

Der politische Wille von ganz oben fehlt einfach, um die USA im eigenen Land sicherer zu machen. Lokale Politiker, wie in Oakland Bürgermeisterin Libby Schaaf, werden mit guten Ansätzen schlichtweg im Regen stehen gelassen. Alleine und auf lokaler Ebene kann man die hausgemachten Probleme in den USA nicht lösen.

 

Wohin geht die Reise?

Nach wochenlangen Vorbereitungen geht es morgen los. Ciudad Juarez in Mexiko ist das Ziel. Die Grenzstadt zu El Paso, Texas. Die derzeit gefährlichste Stadt der Welt. Letztes Jahr wurden über 2600 Menschen dort umgebracht, in diesem Jahr ist die Statistik schon auf 50 Morde geklettert. Die 1,5 Millionen Metropole im Norden des Landes gleicht nach 21 Uhr einer Geisterstadt, schilderte mir ein lokaler Reporter am Telefon. Es ist unglaublich, denn nur eine Brücke über den Rio Bravo trennt Juarez von El Paso, der zweitsichersten Stadt in den USA. Hier sinkende Verbrechenszahlen, dort ein offener, brutaler und nicht zu kontrollierender Krieg zweier Drogenkartelle.

JuarezIch bin gespannt, was ich dort sehen werde, was mich erwartet. Es geht mir nicht darum, einen weiteren Beitrag über die Schrecken und den Horror in der Stadt zu zeichnen. Ich möchte sehen, ob und wie ein Leben in Juarez möglich ist, trotz dieser Umstände. Ist es überhaupt möglich, wenn es heisst, die irakische Haupstadt Bagdad oder die afghanische Haupstadt Kabul wären sicherer als Juarez? Es gibt einige beeindruckende und erschütternde Fakten über den Alltag in Juarez. In Mexiko gibt es nur einen legalen Waffenladen, und der ist in Mexico City. Doch die Kartelle sind bis zu den Zähnen bewaffnet. Die Waffen kommen aus den USA, wo einige Leute sehr, sehr gut mit dem Strassenkrieg in Juarez verdienen. Und die Kartelle, die sich um die Drogenrouten nach Norden bekämpfen, lassen den Krieg nicht nach El Paso rüber schwappen, denn sie wissen genau, dass das nur die amerikanischen Sicherheitsbehörden auf den Plan rufen würde. Es scheint also so, als ob Amerika nur dann reagieren würde, wenn die eigenen Interessen berührt werden, wenn die eigenen Bürger dran glauben müssten. Was ausserhalb der südlichen Grenze geschieht….tja, man beobachtet die Situation, heisst es von offiziellen Stellen. Und man zählt die Toten mit, die sich seit zwei Jahren in den Strassen von Juarez anhäufen.