Die Woche danach

      Amerika im Schock

Dienstag, eine Woche nach dem Wahltag. Vor sieben Tagen war die Welt noch in Ordnung. Zumindest für viele, für die Mehrheit in den USA. Mit diesem Wahlausgang hatte niemand gerechnet. Die Wahlparties der Demokraten im Land waren gut geplant. Es sollte eine große Sause werden. Die erste Frau im Oval Office sollte gebührend gefeiert werden.

Demonstrationen in Oakland gegen den gewählten Präsidenten Donald Trump. Foto: Reuters.

Demonstrationen in Oakland gegen den gewählten Präsidenten Donald Trump. Foto: Reuters.

Doch die Stimmung kippte schnell am Wahlabend. Es trat ein, was wohl nur die wenigsten für möglich gehalten hatten. Donald Trump wurde zum Präsidenten gewählt, wieder einmal machte das seltsame Wahlsystem in den USA einen Kandidaten zum Sieger, der am Ende weniger Stimmen als die Verliererin hatte. Aber egal, auch das ist Amerika, hier zählt man anders als im Rest der Welt. Pippi Langstrumpf hätte ihren Spaß in diesen USA: „2 x 3 macht 4 Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt ….“

Seit dem Wahlabend protestieren in vielen Großstädten der USA Tausende von Menschen gegen Donald Trump und vor allem gegen das für was er steht. Sein Wahlkampf war aufgebaut auf Lügen, Hass und Anfeindungen. Trump sagt zwar nun, er wolle der Präsident aller Amerikaner sein, doch das nimmt man ihm nicht ab. In Oakland wechseln die Demonstrationen mit friedlichen Zusammenkünften ab. Man umarmt sich, reicht sich die Hände und ruft „Not my president“. Schüler und Studierende sind derzeit lieber auf der Straße als im Klassenzimmer. Ein Weg, um den „Schock“ zu verarbeiten, wie es hier viele betonen. Ich sprach darüber mit Edie und Sage Hirsch, den Audiobeitrag kann man oben hören.

Eine Insel mit zwei Bergen

Na ja, Berge gibt es hier nicht wirklich, am Rande von Oakland liegen jedoch die Oakland Hills, da lebe ich. Aber eine Insel ist das hier schon, eine politische Insel. Das wird ganz deutlich, wenn ich mir die Wahlergebnisse vom Dienstag ansehe.

In Oakland erhielt Hillary Clinton 78,3 Prozent der Stimmen. Donald Trump nur 14,8 Prozent. Bei der Wahl um die Nachfolge der kalifornischen US Senatorin Barbara Boxer traten zwei Demokratinnen an, Republikaner hatten es gar nicht bis auf den Wahlzettel geschafft. Hier setzte sich Kamala Harris, die u.a. von Barack Obama und Hillary Clinton unterstützt wurde, mit 76,3 Prozent durch.

Ausschreitungen in Oakland nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Foto: Reuters.

Ausschreitungen in Oakland nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Foto: Reuters.

Noch deutlicher war das Rennen um den 13. Distrikt für das Abgeordnetenhaus in Washington. Amtsinhaberin Barbara Lee, die praktisch keinen Wahlkampf in Oakland führte, gewann mit 90,46 Prozent gegen die republikanische Herausforderin Sue Caro, die mit 9,54 Prozent nach Hause gehen kann.

Kein Republikaner hat am Golden Gate eine Chance. Entweder kandidieren sie erst gar nicht, oder sie erleben eine krachende Niederlage. Hier in der Bay Area weht ein anderes politisches Lüftchen. Umso fragwürdiger sind da die Proteste gegen „President elect“ Donald Trump, die hier seit Tagen in Oakland, San Francisco und Berkeley ablaufen. Lautstark und teils gewalttätig wird gegen den neuen Mann im Weißen Haus marschiert, geschimpft und getönt. Schaufensterscheiben werden eingeschmissen, Müllcontainer in Brand gesetzt, Straßen und Autobahnen blockiert, Polizisten mit Steinen und anderen Wurfgeschossen angegriffen. Was das soll, was das hier soll, verstehe ich nicht ganz? Ein Zeichen setzen, Donald Trump verdeutlichen, dass es nun an ihm liegt, Amerika zu einen, ist eine Sache. Er sollte durchaus wissen, dass viele in diesem Land, ja, die Mehrheit in den USA, ihn nicht gewählt hat, ihn nicht unterstützt. Trump hat mit dem Wahlsieg keine Narrenfreiheit erlangt. Doch in jenen Städten und Gemeinden, die sich deutlich gegen Präsident Trump aussprachen, aufgeladen und gewaltbereit zu demonstrieren ist unsinnig und schadet am Ende nur dem demokratischen Prozess.

„We’re all living in America“

Na, wer singt noch mit? „America is wunderbar“. Nun ist also das eingetreten, mit dem eigentlich niemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis gerechnet hat. Hier und da, hüben und drüben. Donald Trump ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Das muß ich etwas berichtigen, es sind wohl mehr die Unvereinigten Staaten von Amerika, von einer Einheit kann wahrlich nicht mehr die Rede sein. Das ist die Lehre aus diesem Wahlkampf und das Ergebnis vom Dienstag.

Die einzig wahre Aussage in diesem Wahlkampf. Foto: AFP.

Die einzig wahre Aussage in diesem Wahlkampf. Foto: AFP.

Kaum war das Ergebnis amtlich, erhielt ich die ersten SMS, What’s App Nachrichten, Emails, facebook Messages. In allen war nur Unverständnis zu lesen. Wie kann man nur, was ist da los mit den Amerikanern, das gibt es doch nicht! Ja, das gibt es nicht, doch dann auch wieder. Die USA sind immer für eine Überraschung gut. Reagan, Schwarzenegger und nun eben Trump. Was kommt danach, verwundern wird einen in Zukunft kein Kandidat und keine Kandidatin mehr. Wenn es Trump werden kann, warum nicht auch… ich lass das mal offen!

Was wieder nicht überraschend ist, ist die Reaktion von vielen, die wie nach dem umstrittenen Wahlsieg von George W. Bush sagen, sie werden nun ersteinmal nicht mehr in die USA reisen. Meine Antwort darauf, warum nicht, denn die meisten Amerikaner haben ihn nicht gewählt. Das politische System, das von den Gründungsvätern am Ende des 18. Jahrhunderts eingerichtet wurde, machte den Wahlsieg möglich. Und klar, ich verstehe auch nicht, wie man für diesen Mann stimmen konnte. Es gab Millionen, die sich von seiner Message angesprochen fühlten. Es gab Millionen, die auf keinem Fall Hillary Clinton im Weißen Haus sehen wollten. Eine deutliche Aussage. Nun müssen leider alle Amerikaner diese, in meinen Augen, katastrophale Entscheidung ausbaden.

Und doch, viele, viele Amerikaner haben nicht für ihn, haben damals auch nicht für George W. Bush gestimmt. In Kalifornien waren die Trump-Wähler sogar in der deutlichen Minderheit. Hier fragt man sich nun offen, ob eine Abspaltung Kaliforniens von den USA möglich und eine gute Idee wäre. Meine Stimme hätten sie. Wer nun sagt, er reist nun nicht mehr in die USA wegen dem Egomanen mit der Tolle, könnte auch sagen, er reist nicht mehr nach Dresden wegen Pegida, nach Sachsen-Anhalt wegen der AfD, nach England wegen Brexit, nach Frankreich wegen Marine Le Pen. Auch das wäre wohl übertrieben und würde viele treffen, die mit der Entscheidung eines Teiles des Wahlvolkes nichts zu tun haben. Ich werde nach reiflicher Überlegung die Angebote des „Asyls“ in Cottbus, Eisenhüttenstadt, Berlin und Nürnberg nicht annehmen. Danke dafür, aber ich werde Donald Trump aussitzen, genau beobachten, was nun auf uns alle in den USA zukommen wird, darüber schreiben und berichten, meinen Kommentar abgeben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu schlimm.

This is not a love song / I don’t sing my mother tongue / No, this is not a love song / We’re all living in America / America is wunderbar

 

Pinocchios Halbbruder stellt sich zur Wahl

Dieser Wahlkampf wird in die Geschichtsbücher eingehen. Es wurde gelärmt, beleidigt, niedergemacht und gelogen. Gelogen, bis sich die Balken bogen. Allen voran Donald Trump, der es eigentlich nie so wichtig mit der Ehrlichkeit nahm. Klar, im Wahlkampf biegen viele Politiker die Wahrheit so, wie es am besten passt und bei den Wählern ankommt. Auch Hillary Clinton bestach hin und wieder durch Falschaussagen, bewusst oder unbewusst, aber sie blieb im Rahmen, so wie etwa Barack Obama in seinen Wahlkämpfen 2008 und 2012.

Kann dieses Gesicht lügen? Foto: AFP.

Kann dieses Gesicht lügen? Foto: AFP.

Trump hingegen wird als Pinocchio in die Annalen eingehen. Seine Nase müsste eigentlich in diesem Wahlkampf erheblich gewachsen sein. Er sprach von 42 Prozent Arbeitslosigkeit, wenn sie eigentlich nur bei fünf Prozent liegt. Er erklärte, er könnte im staatlichen Krankenversicherungssystem für Senioren 300 Milliarden Dollar für Arzneimittel einsparen, obwohl dabei nur 78 Milliarden Dollar ausgegeben werden. Trump stand auch auf der Bühne und in Interviews und meinte, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Tausende von Muslimen nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 jubelnd in New Jersey standen und auf die zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers blickten. Auch habe Hillary Clinton die Geburtsortfrage von Barack Obama in die Welt gebracht und der Vater seines innerparteilichen Konkurrenten Ted Cruz habe eine Rolle beim Attentat auf John F. Kennedy gespielt.

Trump legte Fakten auch immer so aus, als ob er allwissend sei. Er sei gegen den Irakkrieg gewesen, obwohl nachgewiesen wurde, dass er dafür war. Auch erklärte er, er habe schon vorher gewusst, dass Osama bin Laden die USA angreifen werde und die Gesundheitsreform „Obamacare“ ein Desaster werden würde. Nichts dergleichen hat Donald Trump vorher gesagt, aber im Rückblick ist man immer schlauer und kann sich die eigene Geschichte so hinbiegen, wie man möchte Seine Fans bejubeln die Weitsicht des Donald, der keine Probleme damit hat, Statistiken und Umfragen so auszulegen, wie es ihm gerade passt. Mit einem ehrlichen Wahlkampf hat das nichts mehr zu tun. Aber das war wohl auch nicht zu erwarten. Von keiner Seite.

Amerika im Wahlkampf. Nun ist der zu Ende und doch „after the election is before the election“. Es geht gleich weiter. In zwei Jahren wird erneut der gesamte Kongress gewählt und schon jetzt bringen sich einige Republikaner in Stellung, die fest davon ausgehen, dass Donald Trump am Dienstagabend eine Klatsche erleiden wird. Einmal kurz durchgeatmet, ein lautes „Seufz“ und weiter geht es mit der Berichterstattung über die Endlosgeschichte des amerikanischen Wahlkampfes.

Ausverkauf im Waffenladen

Am Dienstag ist es nun endlich so weit. Amerika wählt. Also nur noch zwei Tage, der Countdown läuft. Nicht nur für das genervte Wahlvolk ist dann endlich mal Ruhe, auch für die vielen, vielen Berichterstatter ist dann Schicht im Schacht. Aus, Schluß, vorbei, der Endloswahlkampf mit all seinen Skandalen, Skandälchen, Provokationen, Tiefschlägen und Anfeindungen kommt dann zu einem Ende. Zumindest hoffen wir das alle.

Doch die Aussicht, dass Hillary Clinton die erste Frau im Weißen Haus und 45. Präsidentin werden könnte, ruft so einige auf den Plan. Clinton ist eine erklärte Gegnerin des freien und ungehinderten Zugangs zu Waffen. Sie würde gerne so einige Hintertürchen beim Kauf einer Schusswaffe schließen, das gibt sie unumwunden zu. Da ist zum Beispiel jene Idee, das Personen, die auf der geheimen „No-Fly“-Liste stehen, der Kauf einer Knarre verboten sein sollte. Sie will darüberhinaus, dass das „Loop Hole“, das Hintertürchen des Waffenkaufs bei Gun-Shows ohne FBI-Anfrage geschlossen wird. Auch militärische Sturmgewehre sollten nicht einfach so für den Normalbürger zugänglich sein. Clinton möchte das jahrelange Verbot von Sturmgewehren, den sogenannten „Brady Act“, wieder erneuern und auch Magazine mit mehr als 12 Schuß Munition beschränken.

Solche Vorgaben hat Donald Trump auf den Plan gebracht, Wahlkampf in den Reihen der Waffenlobby, der National Riffle Association (NRA) zu führen. Er erklärt, dass Clinton das „Second Amendment“, das vermeintliche Grundrecht jedes Amerikaners auf Waffenbesitz nicht nur einschränken sondern abschaffen möchte. Das stimmt nicht, einfach auch aus dem Grund, weil es in den USA unmöglich ist, ein in der Verfassung garantiertes Recht außer Kraft zu setzen. Dafür bräuchte es eine Zweidrittelmehrheit, die nie zustande kommen würde.

Doch das Angstgespenst geht um. Trump malt Horrorvisionen von Clinton. Er läßt keine Wahlveranstaltung und kein Interview aus, ohne darauf hinzuweisen, dass Hillary all die Waffen der Amerikaner einkassieren und den Kauf von Schießeisen verbieten will. Eine klare Lüge des modernen Lügenbarons, aber Trumps Anhänger glauben ihm auch das und rennen wie die Bekloppten in die Waffenläden, um sich für den Tag X zu bewaffnen.

Sommerschlußverkauf im Waffenladen. Foto: Reuters.

Sommerschlußverkauf im Waffenladen. Foto: Reuters.

Die Waffenkäufe in den USA sind so hoch, wie nie zuvor. Allein im Oktober hat das FBI rund 2,3 Millionen „Background Checks“ für den Neukauf von Waffen durchgeführt. 400.000 mehr als im Jahr zuvor, 1,3 Millionen mehr als noch vor zehn Jahren. 2,3 Millionen in einem Monat. 2,3 Millionen neue Waffen wurden in Gun-Stores verkauft. Die Dunkelziffer der Verkäufe bei Gun-Shows, bei denen es keine gesetzlich vorgeschriebenen FBI-Anfragen gibt, kann nur geschätzt werden. Amerika, so scheint es bei dieser Dimension von Neukäufen, bewaffnet sich für den Ernstfall.

Die Frage ist, von welchem Ernstfall sprechen wir hier? Sind es Jäger, die mit durchschlagskräftigen Militärwummen ein Reh zerfetzen wollen? Sind es paranoide Männer und Frauen, die einem eventuellen Einbrecher den Kopf wegblasen möchten? Sind es Waffenfetischisten, die zärtlich über den Lauf ihrer Knarre streicheln wollen? Oder sind es Trumps Wähler, jene Wutbürger, die sich auf einen Bürgerkrieg gegen die verhasste Regierung in Washington vorbereiten? Klar, das ist nun provokant formuliert, doch die Zeichen in den USA stehen auf Sturm. Trump hat mit seinem Wahlkampf den Boden für alle möglichen Horrorszenarien bereitet. Billie Weiss, Gewaltpräventionsexpertin aus Kalifornien beschreibt es so: „Wir haben eine Menge wütender Leute hier, wie man das in diesem Wahlkampf auch sehen kann. Wirklich, eine Menge aufgebrachter Menschen. Und eine Waffe zur Hand, macht aus einem Argument ein tödliches Ereignis.“ Was für ein Argument zu was für einem Ereignis führen wird, das wird sich noch zeigen.

Donald Trump, von Gott gesandt

Sie sind für “Guns, Country and Culture”, für Waffen, Nation und Kultur. Die christlichen Fundamentalisten in den USA greifen erneut in den Wahlkampf ein. Doch diesmal haben sie mit Donald Trump einen Kandidaten vorgesetzt bekommen, der eigentlich so gar nicht in ihr Weltbild passt. Mehrfach geschieden, ein Egomane, ein politischer Wendehals. Und doch hat er etwas, was die Christliche Rechte in Amerika anspricht.

“I think it’s important for us to realize, going back in our history. We were founded as a Judeo-Christian nation. This nation was built on the truth claims of the Judeo-Christian tradition, built on the laws of nature and nature’s god. And therefore I think as Americans, the only way we can properly view this thing is through the lense of scripture, use the same platform, the same truth-foundation that the founders used when they established the political experiment we call the United States.” (Bryan Fischer)

Die Sendung heißt “Focal Point”, Moderator ist Bryan Fischer, täglich ausgestrahlt auf dem christlich-konservativen Radionetzwerk “American Family Radio”. Die Programme von AFR werden in den USA über nahezu 200 Stationen im ganzen Land verbreitet. Fischer ist bekannt für seine radikale Sicht der Dinge. Und die ist gegen Abtreibung, Homosexualität, ein staatliches Gesundheitssystem und vor allem gegen Muslime. Seine Verbalattacken haben so weit geführt, dass “American Family Radio” auf der Liste der Hassgruppen des “Southern Poverty Law Centers” aufgeführt wurde. AFR musste sich von Fischer distanzieren, aber senden darf er weiter. So umschrieb Fischer Muslime als “Parasiten”, die einen “Dämon” anbeteten. Zitat Bryan Fischer: “Jedesmal wenn wir es erlauben, eine Moschee in unseren Nachbarschaften bauen zu lassen, pflanzen wir einen improvisierten Sprengkörper in die Herzen unserer Städte und wir haben keine Ahnung, wann eine dieser Bomben gezündet wird”.

“That was Paul Ryan. I did not, did you hear any specifics at all about what principals we are gonna unify around. I didn’t hear anything. While I heard Paul Ryan saying, we all agree on, there is only two things we all agree on, we gotta stop Hillary Clinton and the country is in bad shape. Those are the two things we agree on. But then Paul Ryan talks about common principles. A compelling and clear agenda going forward, and he just raises the question, can we unify around our common principals? Well, I did not hear him articulation any common principals around which we could rally.” (Tim Wildmon)

“American Family Radio” und die dahinter stehende “American Family Association” sieht sich nicht als politisches, eher als moralisches Sprachrohr, wie der frühere General-Manager des Senders, Marvin Sanders, erklärt: „Wir sind nicht politisch aktiv, ich würde dem widersprechen und lieber sagen, wir sind kulturell aktiv. Wir haben keine politischen Ziele, aber wir haben kulturelle Ziele. Dieses Land ist quasi ein Zweiparteienstaat, Republikaner und Demokraten. Wir als Missionare waren immer wieder sehr kritisch gegenüber beiden Parteien aus verschiedenen Gründen. Wir sind in den jüdisch-christlichen Werten verankert, dem Leben verbunden, gegen Abtreibung, glauben an die Familie und die Ehe. Wir setzen uns dafür mit kulturellen Mitteln ein, die Leute finden das politisch, ist es aber nicht. Wir können keinen Kandidaten unterstützen, aber wir arbeiten mit vielen Demokraten und Republikanern im ganzen Land zusammen. Es sieht also politisch aus, denn die Republikanische Partei hat eine Basis, die sich um diese Werte sorgt, jene kulturellen Werte, die ich meine. Die Demokratische Partei hingegen ist in eine andere Richtung marschiert und unterstützt Abtreibung, die homosexuelle Agenda, Anti-Familien Maßnahmen, Lebensstile, vorehelichen Sex, diese Dinge. Das ist die Basis des dominanten Flügels der Demokratischen Partei. Wenn man aber von Staat zu Staat, von Gemeinde zu Gemeinde geht, dann findet man eine Menge Demokraten, die auf unserer Seite stehen. Es ist also nicht politisch, es geht vielmehr um Kultur.“

Tim Wildmon ist der Präsident der AFA, der “American Family Association”, und auch selbst Radiomoderator auf AFR. Für ihn ist das Anliegen ganz klar. „American Family Association und American Family Network existiert, um traditionelle moralische Werte zu fördern, biblische Werte, in der amerikanischen Kultur und Gesellschaft. Und wir wollen die Botschaft Jesus Christus verbreiten. Das sind unsere zwei wichtigsten Ziele. Wir sind durch die Bibel motiviert, Matthäus Kapitel 5, wo Jesus sagt, wohin wir in der Welt in Salz und Licht gehen sollen.“

“I have heard Donald Trump say repeadedly he likes the late Anthony Scalia and Clarence Thomas and he continuously lists those justices as the kind of Supreme Court Justices he would appoint, with those justices, Scalia and Thomas, five stars in our view. So if he appoints those kinds of justices, I think that will help him build his credibility with conservatives, because a president has very few responsibilities that are more important than appointing Supreme Court justices…” (Tim Wildmon)

Tim Wildmon von der “American Family Association” stimmt mit Donald Trump überein, dass die konservativsten Verfassungsrichter Anthony Scalia und Clarence Thomas der Maßstab für das oberste Gericht der USA sein sollten. Genau darum geht es den christlichen Fundamentalisten wie Wildmon und anderen der Christlichen Rechten vor allem im aktuellen Wahlkampf 2016. Mit der Wahl der Verfassungsrichter werden politische Entscheidungen für Generationen in Stein gemeißelt.

Nur so kann man auch das vorsichtige Herantasten der christlichen Fundamentalisten an den New Yorker Milliardär Donald Trump verstehen. Er ist sicherlich nicht der Wunschkandidat der Christlich-Konservativen und des Partei-Establishments, aber er ist immer noch besser in ihren Augen als die verhasste Hillary Clinton.

James Bennett

James Bennett

Der christliche Fundamentalismus ist keine neue Erscheinung in den USA. Die Bewegung formte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, wie James Bennett, Professor für religiöse Studien an der Santa Clara University in Kalifornien, erklärt: „Fundamentalismus geht zurück bis auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, auf die ersten ein, zwei Jahrzehnte. Fundamentalismus ist ein Teil einer größeren christlich-konservativen oder christlich-evangelikalen Bewegung. Der fundamentalistische Zweig nimmt seinen Namen von einer Buchserie, die “The Fundamentals” hieß, veröffentlicht zwischen 1910 und 1915. Das war wirklich die Geburtsstunde der fundamentalistischen Bewegung, gegen Modernisierung, gegen Liberalismus, gegen Evolution, gegen kritische Bibelstudien, wie sie Ende des 19. Jahrhuderts auch aus Deutschland kamen. Der Fundamentalismus kam also Anfang des 20. Jahrhunderts gegen diese modernen Bewegungen auf.“

LeAnn Flesher ist die akademische Dekanen und Professorin für das Alte Testament am “American Baptist Seminary of the West” in Berkeley, Kalifornien. Auch sie markiert den Beginn des Fundamentalismus in den USA mit einer Buch-Veröffentlichung. Sie sieht John Darbys Doktrin zum Dispensationalismus als Ausgangspunkt. John Darby war ein englischer Geistlicher, der im 19. Jahrhundert eine eigene heilsgeschichtliche Lesart der Bibel predigte; für ihn setzte schon nach dem Tod der Apostel der Verfall der christlichen Kirche ein, und er kämpfte um eine christliche Erneuerung aus einer gesunden Lehre heraus. Der sogenannte Dispensationalismus sah in der Bibel irrtumsfreie Texte, die wörtlich genommen werden müssen und keiner Auslegung bedürfen.

LeAnn Flesher

LeAnn Flesher

John Darby wirkte in England, aber seine fundamentalistische Sicht auf die Bibel und das Christentum verbreitete sich, so LeAnn Flesher, schnell in den USA. Vor allem durch die sogenannte “Scofield Bible”. Der Theologe Cyrus Scofield kommentierte darin die biblischen Texte, verwies erklärend an manchen Stellen auf andere Bezüge in der Heiligen Schrift, erzählt LeAnn Flesher: „Diese Erklärungen unterstützten den “pre-millennial”–Dispensationalismus. Die Leute lasen sie wie einen Teil der Bibel, denn sie waren alle und zum ersten Mal auf derselben Seite und in einer Ausgabe zu finden. Es wurde kein Unterschied mehr gemacht, was eigentlich der biblische Kanon und was die Ergänzungen von Mister Scofield waren. Das breitete sich so aus, dass viele Leute meinten – und das habe ich in einigen Schriften bestätigt gefunden – die “Scofield Bible” sei alles, was man brauche, um zu verstehen, was Theologie, Religion, wer Gott, was die Wiederaufstehung ist und auch wie die Welt in Zukunft sein wird.“

Der Dispensationalismus von Darby, den Scofield so für eine breite Leserschaft zugänglich machte, beschreibt die Endzeit, so Flesher: „Was John Darby verstand, war, dass da zwei Gruppen waren, die Juden und die Christen, und dass die Juden für Gott Plan A waren, die es aber verkorkst hatten. Und deshalb mußte Gott einen Plan B haben, und der war die Kirche. Darby erkannte, dass es in der Bibel Texte speziell für die Juden und Texte speziell für die Christen gibt. Niemand der einen Gruppe musste dabei die Texte der anderen Gruppe beachten. Die Zeilen, die die jüdischen Gesetze umfassen, waren nur für die jüdische Bevölkerung wichtig. Jene Zeilen, die von der Gnade und der Wiederaufstehung handelten, waren für die Christen gedacht. Aber nur ein Teil der Christen, die Apostoliker, werden am jüngsten Tag auffahren. Und diese Gruppe wurde die “True Church”, die wahre Kirche, genannt. Niemand sonst war in der “wahren Kirche”, selbst wenn sie mit Glauben, Kirche und Religion zu tun hatten. All das verfestigte eine Hierarchie, eine männliche Vorherrschaft, eine christliche Vorherrschaft. Was wir hier haben, ist eine bestimmte elitäre Gruppe, die am Ende mit dem Messias sein wird, mit dem Messias kommen wird, um über den Rest der Welt zu herrschen.“

„Es war aber niemals eine breite Bewegung“, meint James Bennett, der Professor für religiöse Studien an der Santa Clara University in Kalifornien, hin. „Die Fundamentalisten verfolgten damals zwei Wege. Sie versuchten die Führung in den Glaubensgemeinschaften, wie den Baptisten, den Presbyterianern, den Methodisten zu übernehmen. Alle hatten in ihren Reihen fundamentalistische Schlachten um die Führungsrolle. Und die Fundamentalisten verloren alle davon. Sie versuchten auch, dass in öffentlichen Schulen nicht mehr die Evolutionstheorie gelehrt wird, auch diese Schlacht verloren sie. Nur ein paar Prozesse an untergeordneten Gerichten konnten sie gewinnen, aber den Kulturkrieg verloren sie. Sie waren nie bedeutend genug, um innerhalb der Kirchen oder der Gesellschaft wichtig zu sein.“

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, so Bennett, schrumpfte der christliche Fundamentalismus jedoch zu einer Randerscheinung in der US-amerikanischen Gesellschaft: „Nachdem sie diesen Kampf um die Kirchenführungen und die Evolutionstheorie in den 20er und 30er Jahren verloren hatten, verschwanden sie aus dem öffentlichen Leben und versuchten auch nicht weiter, politisch in den bestehenden Institutionen zu agieren. Sie gründeten vielmehr ihre eigenen Institutionen, Colleges und Bibelschulen, Sommercamps, Netzwerke, die den meisten Amerikanern gar nicht bekannt sind. Dazu Fernseh- und Radiostationen. Und in diesem Netzwerk operierten sie bis Mitte der 70er Jahre.“

Eine der bekanntesten Bildungseinrichtungen der Christlichen Rechten in den USA war und ist die Bob Jones University. Eine Eliteschmiede der Fundamentalisten. Deren Präsident Bob Jones III. musste sich seit Anfang der 70er Jahre regelmäßig in Interviews, wie hier mit Larry King auf CNN, für die teils rassistische Grundeinstellung seiner Universität erklären. Im Interview begründet Jones, warum die Universität nach einem Urteil des US Verfassungsgerichts lieber eine Million Dollar an Steuerschulden zahlt, als ihre Politik der Rassentrennung aufzugeben.

James Bennett sieht diesen Kampf als Neuanfang der christlich-fundamentalistischen Bewegung in den USA: „Ab diesem Zeitpunkt ging es um die Frage der Rassentrennung, denn Behörden begannen damit, Steuererbefreiungen solchen Colleges und Universitäten zu entziehen, die aufgrund der Hautfarbe diskriminierten. Das brachte die politische Rechte hervor, wie wir sie heute kennen. Es war der Fall der “Bob Jones-Universität” in Greenville, South Carolina, die bis in die 70er Jahre hinein keine farbigen Studierenden zuließ. Und danach wurden keine unverheirateten schwarzen Studenten zugelassen, denn es herrschte ein Verbot von Mischbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen. Die Steuerbehörde IRS entzog der “Bob Jones University” daraufhin die Steuerbefreiung. Und dieser Eingriff des Staates auf eine religiöse Einrichtung ließ das politische Gewissen der religiösen Rechten und vor allem der Fundamentalisten erwachen. Das brachte sie zusammen: der Kampf gegen die Einflussnahme des Staates auf eine religiöse Institution. Den Kampf haben sie verloren, aber sie realisierten, es gibt ein Potenzial für eine politische Organisation in der Gesellschaft. “Bob Jones” hatte ihnen das gezeigt und im Laufe der 70er Jahre erarbeiteten sie eine gemeinsame Strategie.“

Am 13. Dezember 1971 begann vor dem Verfassungsgericht die Anhörung Roe vs. Wade. In dem Prozess ging es um das Recht einer Frau auf Abtreibung. Mit dem Richterspruch am 22. Januar 1973 wurde Amerika tief gespalten. Seitdem ist Abtreibung eines der immer wiederkehrenden Themen im amerikanischen Wahlkampf, hier das Recht auf Leben, dort das Recht auf freie Entscheidung. Damit wurde die Nation gespalten, erklärt James Bennett: „Das war zu einer Zeit, als die Abtreibung und später die Homosexualität die galvanisierenden Punkte für sie wurden. Sie präsentierten sich als ein Block, der konservativen Kandidaten zur Wahl verhelfen könnte, wenn diese mit ihren Überzeugungen übereinstimmten. Bekannt ist da vor allem ihre Mithilfe bei der Wahl von Ronald Reagan 1980. Es gab also diese Ruhezeit zwischen den 20er, 30er Jahren und dann den massiven Ereignissen in den 70ern, was zur Wiederauferstehung der konservativen Protestanten in der politischen Landschaft führte.“

Und LeAnn Flesher ergänzt: „Bis dahin hielten sich die konservativ-religiösen Gruppen und die Fundamentalisten aus der Politik raus. Ihre Aufgabe sahen sie in der Verbreitung des Evangeliums, neue Gläubige zu finden und eine Art Gegenkultur zu leben. Aber in den 80ern traten Politiker an Jerry Falwell heran, damit er die “Moral Majority” gründen sollte, sie gaben das Geld dazu, und die Gruppen konzentrierten sich fortan auf die “Family Values”, die Familienwerte. Die Politiker der Republikaner wollten damit die konservative Wählerschaft gewinnen. Sie bauten die Plattform auf, danach wurde immer und immer wieder von den “Familienwerten” gesprochen.“

In den 70er Jahren unterstützten die Fundamentalisten den Demokraten Jimmy Carter. Foto: Reuters.

In den 70er Jahren unterstützten die Fundamentalisten den Demokraten Jimmy Carter. Foto: Reuters.

Die Republikaner waren jedoch nicht von Anfang an die Partei, auf die die christlichen Fundamentalisten in den USA setzten. James Bennett von der Santa Clara University verweist auf einen Demokraten, der eigentlich für die Evangelikalen im Land der bessere Kandidat war: Jimmy Carter, der 1976 für die Demokraten die Präsidentschaftswahl gewann. Er sei der erste evangelikale US-Präsident gewesen, sagt Bennett: „Er ist auch derjenige, der sich als erster als “wiedergeborener Christ” beschrieb. Er hat diese Bezeichnung in die öffentliche Diskussion gebracht. Die Medien wussten so gar nicht, was ein Evangelikaler ist, was es bedeutet, wiedergeboren zu sein. Jene Evangelikale in den 70er Jahren, die politisch aktiv werden wollten, sich von der Bob Jones-Rassendebatte fernhielten und sich nocht nicht auf das Abtreibungsthema festgelegt hatten, unterstützten Jimmy Carter, denn er war Evangelikaler, “er ist einer von uns”. Aber als er gewählt wurde, war er mehr an den traditionell liberaleren Sozialthemen interessiert, die Evangelikale , Konservative, Fundamentalisten so gar nicht berührte. Und das ist einer der Gründe, warum sie 1980 von Carter zu Reagan wechselten. Die Wirtschaft, soziale Gleichheit, Obdachlosigkeit, Arbeitnehmerfragen, das alles war nichts für die religiöse Rechte. Sie waren mehr an den persönlichen Moralfragen interessiert, wie Ehe, Familie, Geschlechtsrolle, Abtreibung, Homosexualität. Auch für die Außenpolitik der Republikaner standen sie. Ihre religiöse Identität und ihre amerikanische Identität gingen Hand in Hand. Amerika zu verteidigen als besondere Nation, als christliche Nation, gegen den gottlosen Kommunismus kämpfend, das passte zusammen für die christliche Rechte.“

Für die war der Wahlsieg Reagans 1980 ein politischer Triumph, obwohl politische Erwartungen der Evangelikalen eigentlich enttäuscht wurden, so Bennett: „Ich glaube, es war viel eher eine synergetische Bewegung als nur eine einseitige Sache. Man könnte sogar fast das Gegenteil behaupten, die republikanische Partei hat die religiös Konservativen vereinnahmt. Wenn man genauer hinschaut, Abtreibung war Ende der 70er Jahre das Thema, aber die Präsidenten Reagan, Bush 1 und Bush 2 haben nie etwas dahingehend geliefert. Sie machten Wahlkampfversprechen, um die Unterstützung dieser Wählergruppe zu bekommen, aber mehr wurde nicht daraus.“

So schrieb zum Beispiel die christlich-konservative Kommentatorin, Deborah Caldwell, nach der Wiederwahl George W. Bushs 2004 auf der einschlägigen christlich-konservativen Internetseite beliefnet.com:
“Präsident Bush erklärte am Tag nach seiner Wiederwahl, dass dafür vor allem sein politischer Berater Karl Rove verantwortlich sei, den er “den Architekten” seines Wahlkampfes nannte. In Kirchen, auf christlichen Radiosendern und in Wahlbezirken mit vor allem konservativen Christen ging der Dank hingegen an einen, der viel mächtiger ist: Gott. Der Allmächtige mischte sich in die US Wahl ein, damit Bush Präsident bleibt, das glauben die Evangelikalen. Sie sagen, Gott habe Amerika mit Bush “gesegnet”. Und wenn Senator John Kerry gewählt worden wäre, hätte Gott die USA “verflucht”. Indem er die Wiederwahl von Bush zugelassen hat, gab Gott Amerika “mehr Zeit”, das Abrutschen ins Teuflische zu stoppen.”

Und dann kam Bill Clinton. Für James Bennett ist der 42. Präsident ein äußerst interessantes Kapitel in dieser Geschichte. „Bill Clinton ist ein Evangelikaler aus dem Süden, so wie Jimmy Carter. Er spricht hervorragend die Sprache der Evangelikalen, der Christen, er fühlt sich viel wohler in einer Kirche zu beten und zu singen als Ronald Reagan oder George Bush. Er hat Sand ins Getriebe dieser damaligen Allianz geschmissen und gleichzeitig wurde er in seiner Präsidentschaft und mit der Monica Lewinsky-Affäre zur Hassfigur. Er lieferte Stoff für die “Christian Coalition”, dem politischen Arm, der von Ralph Reed geführten konservativ-politischen Gruppierung. Bill Clinton gab ihnen gute Gründe, für George W. Bush zu spenden und ihn im Jahr 2000 zu unterstützen. Aber 1992 mit dem ersten George Bush und dann 1996 mit Bob Dole als republikanische Kandidaten, das waren keine guten evangelikal-konservativen, protestantischen Kandidaten. Sie sprachen nicht die Sprache, sie kamen nicht aus dieser Tradition und Bill Clinton schaffte es, daraus Gewinn zu schlagen. Er war ein Präsident, der Kompromisse schließen und damit auch etwas die Schärfe aus dem politischen Zwist nehmen konnte. Zum Beispiel seine Sozialhilfereform stieß durchaus auf Unterstützung bei politischen und religiösen Konservativen.“

Die Clintons wurden zum roten Tuch für die christlichen Fundamentalisten in den USA. Als Hillary Clinton 2008 für das Präsidentenamt kandidierte, wurde sie massiv von den religiösen Rechten angegangen und bekämpft. Barack Obama war für sie das kleinere Übel. Acht Jahre später stehen die christlichen Konservativen vor einem noch größeren Problem als 2008. Denn ihr Kandidat war eigentlich Ted Cruz. Aber der hatte das Nachsehen gegen Donald Trump. Für LeAnn Flesher vom „American Baptist Seminary of the West“ ist der Triumph des vermeintlichen Außenseiters Donald Trump in den Vorwahlen der Republikaner gar nicht so verwunderlich: „Wir haben heute eine sehr große Gruppe in unserem Land, die noch immer in diesem elitären, auserwählten Denken steckt. Und diese Gruppe ist in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden, bei den sehr, sehr reichen Leuten, aber auch unter den Ärmeren denken manche so. Und ein großer Teil der Mittelschicht. Das ist schon interessant, wenn man an die Rolle der Religion in der Gesellschaft denkt, dass das klassenübergreifend ist. Ganz klar, die Kandidatur von Donald Trump und die Unterstützung, die er von diesem Teil der Gläubigen bekommt, ist etwas Besonderes. Wir alle sind davon überrascht worden. In diesem Wahlkampf wurde etwas sichtbar, was wir nicht für möglich hielten in diesem Land. Es gibt eine sehr starke elitäre Überzeugung, auserkoren zu sein. Die Fundamentalisten glauben fest daran und sehen das, was sie hier in den Vereinigten Staaten machen als von Gott gewollt. Sie sehen sich als jene, die für das jüngste Gericht vorbereitet werden. Dahingehend, dass sie biblische Texte so lesen, dass der Tempel in Jerusalem ein drittes Mal erbaut werden muss und die Juden wieder zurück nach Jerusalem kommen müssen, um das Land in ihren Besitz zu nehmen. Sie senden also Gelder an konservative Gruppen in Jerusalem und Israel, die diese Ideen und Bestrebungen unterstützen.“

Donald Trump ist der Kandidat der christlichen Fundamentalisten. Foto: Reuters.

Donald Trump ist der Kandidat der christlichen Fundamentalisten. Foto: Reuters.

Aus europäischer Perspektive treten bei der Präsidentschaftswahl 2016 zwei Lager gegeneinander an: das liberale gegen das konservative Lager. Clinton gegen Trump. Die Frage ist, welchen Einfluss die Fundamentalisten auf die zukünftige inhaltliche Ausrichtung der Republikaner nehmen werden. Für James Bennett, den Professor für religiöse Studien in Kalifornien, verfallen die Fundamentalisten beim Zweikampf Clinton gegen Trump in das altbekannte Schwarz-Weiß-Denken, für das Präsident George W. Bush stand. „In Abwesenheit eines klaren Kontrastes ist es also mehr das kleinere Übel. Ich glaube, da sind ein paar sehr interessante Dinge, die mit der Kandidatur von Donald Trump hochkommen. Wenn man vom Startpunkt “ich hasse Hillary Clinton” ausgeht, dann nimmt man eben die Alternative. Nach dem Motto, wenn sie nicht für uns sind, sind sie gegen uns. Oder wenn sie nicht gegen uns sind, dann sind sie für uns. Man kann für beide Positionen auch mit der heiligen Schrift argumentieren, denn Jesus sagt beides aus verschiedenen Blickwinkeln. Was die Trump-Kandidatur aber auch zeigt, ist, wie gespalten die religiöse Rechte ist. Klar sehen wir Leute wie Jerry Falwell Jr., der Trump unterstützt, aber wir sehen auch viele evangelikale Führer, die sagen: “ich kann Trump nicht unterstützen”. Sie reihen sich auch nicht so schnell hinter dem republikanischen Kandidaten ein, wie das viele republikanische Politiker in den letzten Wochen getan haben. Ich glaube, die religiöse Rechte, auch die Fundamentalisten, waren nie so eine geeinte Bewegung, wie wir das immer dachten. In diesem Wahlkampf wird die Spaltung in viele Teile ganz deutlich. Die Frage ist, wie sehr wollen sie an der politischen Macht festhalten, die sie durch die Unterstützung republikanischer Kandidaten in den 70er und 80er Jahren erhalten haben. Was sie gerade lernen, ist, dass Religion und Politik nicht immer gut zusammen passen. Und, dass die Kompromisse, um an der Macht zu bleiben, manchmal zu groß sind. So scheint es zumindest für einige Konservative zu sein.“

Für LeAnn Flesher, Professorin für das Alte Testament, bedient Trump vor allem das amerikanische Urgefühl, „god´s own country“ zu sein: „Ich glaube, ein großer Teil von allem liegt an der Prosperitätslehre. Gott will, dass es uns gut geht. Gott will nicht, dass wir arm sind. Und so hören sie Donal Trumps Reden, dass, wenn Trump ins Amt kommt, er “diese Nation wieder großartig macht”, “jeder bekommt, was er braucht”. Das hören sie in seinen Reden, er bringt uns wieder dahin, wo wir die stärkste und wohlhabendste und bedeutendste Nation der Welt werden, die das auch verteidigt. Und das glauben sie zu hundert Prozent. Das hängt mit ihrer eigenen Theologie zusammen, die besagt, Gott will nicht, dass wir arm sind. Er will, dass wir erfolgreich sind, wohlhabend und, davon sind sie fest überzeugt, dass wir die Welt anführen müssen. Denn die USA sind für sie das Land der Auserwählten, ich glaube, deshalb unterstützen sie Trump.“

Nur so kann man überhaupt verstehen, wie die christlichen Fundamentalisten in diesem Wahlkampf auf Donald Trump setzen, meint Flesher: „Trump setzt sich dafür ein, andere draußen zu lassen. Ich hasse es sogar, das zu wiederholen, weil es so abstoßend und schrecklich ist – Trump sagt, wir lassen nicht alle Immigranten rein und bauen eine Mauer an der mexikanischen Grenze, denn sie sind Vergewaltiger. Wir lassen die Muslime nicht rein, sie sind Terroristen. Für mich sind diese verallgemeinernden Aussagen fürchterlich. Doch ein Teil der Bevölkerung kauft ihm das so ab, damit glauben sie, die Kontrolle behalten zu können. Und der Fundamentalismus geht genau darum: die Kontrolle zu behalten. Wir wollen keine großen Veränderungen, wir wollen es nicht viel anders, wir wollen die Hierarchie nicht zerstören.“

Die Sehnsucht, keine großen Veränderungen verkraften zu müssen, war seit der Modernisierung der Welt im 19. Jahrhundert der Nährboden des Fundamentalismus in den USA. Herkömmliche Hierarchien verteidigen. In diesem Sinne ist Trump ihr Kandidat, obwohl sie ihn nicht, wie sie es gerne hätten, sonntags in der Kirche antreffen werden. Das machte auch der ehemalige Gouverneur von Arkansas, Pastor und quasi Sprecher der Christlichen Rechte, Mike Huckabee, in einem Interview deutlich: “I don’t think for many of them, they’re voting for Donald Trump, they say, oh, he will be sitting with me in church next Sunday. They are pretty sure he won’t. But they’re willing to say, he will defend their religious liberty, so they won’t be harassed, because they did go to church and that’s more important to them than who they elect to be president.”

LeAnn Flesher blickt gespannt auf den kommenden Wahlabend, es könnte eine große Richtungsentscheidung sein: „Es ist schon etwas beunruhigend, dass sie glauben, Donald Trump sei der beste Kandidat. Aber er steht eben für diese Prinzipien, die sie wollen und die da sind: wir sind ein besonderes Land, wir wollen die anderen nicht hier haben, wir wollen die Hierachie nicht verändern, was einer weißen, männlichen Vorherrschaft gleichkommt. Sie versuchen nun, das Beste daraus zu machen, aber ein großer Teil der Bevölkerung stimmt damit nicht überein. Eine große Gruppe widerspricht dem. Es wird also spannend sein, was bei der Wahl passieren wird.“

Die Umfrageergebnisse kannste inne Tonne kloppen!

Ich glaube, Umfrageergebnisse sind nur für die Medien gemacht. Damit werden ganze Sendungen ausgeschmückt. Damit füllt man Sendezeit. Damit wird der Wahlkampf seit nunmehr zwei Jahren allabendlich und zur besten Sendezeit angetrieben. Trump oben, Trump unten. Hillary uneinholbar vorn, dann wieder ein offener Zweikampf. Aber mal ehrlich, ich kenne viele Republikaner, doch nur eine hat bislang ganz offen zu mir gesagt, sie wird für Donald Trump stimmen. Sie meinte auf meine Frage, warum sie denn für Trump stimmen wolle: „He makes America great again“. Darauf fiel mir dann nichts mehr ein.

Viele konservative Zeitungen in den USA unterstützen in diesem Wahlkampf zum ersten Mal die Demokraten fürs Präsidentenamt. Die Zeitung des Ku Klux Klan hingegen setzt auf Donald Trump.

Viele konservative Zeitungen in den USA unterstützen in diesem Wahlkampf zum ersten Mal die Demokraten fürs Präsidentenamt. Die Zeitung des Ku Klux Klan hingegen setzt auf Donald Trump.

Die meisten GOP-Wähler erklärten hingegen, sie werden wohl ihre Stimme gegen Clinton mit einer Enthaltung ausdrücken und nicht für den republikanischen Kandidaten votieren. Zu einer Trump-Stimme könnten sie sich beim besten Willen nicht durchringen. Klare Aussage! Die Umfragen ergeben also meistens Ergebnisse, die irgendein Bild unterstützen sollen. Ein Kopf-an-Kopf Rennen ist da besser als ein abgeschlagener Donald Trump. Und nein, Hillary Clinton ist wahrlich keine gute Kandidatin. Ich bin mir sogar sicher, dass im wahrscheinlichen Falle einer Clinton-Administration nichts voran gehen wird, denn Hillary Clinton wird auf jeden Fall ausgebremst, blockiert, behindert werden. Unterstützung wird sie von der republikanischen Seite auf keinen Fall bekommen.

Noch ein paar Tage, dann ist zumindest dieses Kapitel in der Endlossaga US-Wahlkampf vorbei. Doch das Ende ist damit noch nicht erreicht. Viele Fragen sind offen. Was passiert mit Hillary Clinton, die sich wohl vor zahlreichen Untersuchungsausschüssen erklären muß? Was passiert mit Donald Trump im Falle einer Niederlage, wie wird er sich verhalten, wie seine Millionen von Unterstützern? Werden sie den Sieg Clintons anerkennen oder was wahrscheinlicher ist, sich in Verschwörungstheorien verrennen? Und wenn sie Trumps Pleite als abgekartetes Spiel sehen, wird das zu einer neuen politischen Kraft führen oder sogar zu einer weiteren Radikalisierung im Land?

Ich befürchte leider letzteres. Donald Trump hat in seinem Wahlkampf den Boden für einen neuen politischen Extremismus in den USA bereitet. Das haben seine Veranstaltungen gezeigt, die Reaktionen zahlreicher seiner Anhänger und auch der vielen rechtsextremistischen, nationalistischen und faschistischen Gruppen in den USA, wie dem Ku Klux Klan. Der Graben, der Amerika schon lange trennt, wird in den kommenden Jahren noch ein bißchen tiefer werden, egal wie die Wahl am kommenden Dienstag auch ausgehen wird.

„Back to Reality“

nigerDa bin ich wieder in meinem richtigen Leben. Die Tage im Niger waren schnell rum, dieser Blick in eine ganz andere Welt, ein anderes Leben, eine andere Kultur. Klimawandel, Unterernährung, Desertifikation, Terrogefahr. Alles ist wieder soweit weg, obwohl es für die Menschen dort der Alltag ist. Und doch, so eine Reise erdet mich immer aufs Neue. Es ist seltsam, ich sehe wieder vieles in meinem „normalen“ Leben mit anderen Augen.

Der US Wahlkampf dauert an und hat mal wieder eine neue Richtung eingeschlagen. In den Umfragen liegen Trump und Clinton nun fast gleich auf, doch wer schaut eigentlich noch auf diese Umfragen? In Europa ist nun der Vertrag zwischen der EU und Kanada unterschrieben worden. In Italien bebt die Erde. Der Krieg in Syrien geht weiter.

Ich überlege, wie ich das, was ich im Niger erlebt und gesehen habe in Artikel und Radiobeiträge verarbeiten kann. Und vor allem, wie ich dafür Interesse schaffen kann. Der Niger und seine Probleme sind weit weg. Ein Land von vielen in Afrika. Armut, Elend, Hunger, Terror, Krisen. Nichts Neues also und doch ist es wichtig, zumindest empfinde ich es so, dass man den Blick über den Tellerrand hinaus wagt. Was mir auf dieser Reise immer wieder deutlich gemacht wurde, ist, die Krise im Niger ist zu bewältigen. Der Hunger, die Unterernährung, die Anpassung an die verschärften klimatischen Bedingungen und selbst die Terrorgefahr im Land, all das sind Probleme, die gemeistert werden können. Die Menschen dort wollen nicht weg aus ihren Dörfern und Städten, ihrem Land. Sie wollen bleiben in ihrer Heimat und stellen sich den Herausforderungen. Der Niger ist zwar Durchgangsland für viele Flüchtlinge in Richtung Europa, doch kaum eine Nigrerin und ein Nigrer schließen sich dem langen Treck nach Norden an.

Es wird gelacht bei der Zubereitung eine nahrhaften Hirsebreis für unterernährte Kleinkinder.

Es wird gelacht bei der Zubereitung eines nahrhaften Hirsebreis für unterernährte Kleinkinder. Zutaten sind Hirse, Wasser, Milch und Erdnussöl.

Die Probleme sind zu bewältigen, das ist das Fazit dieser Reise in den Niger. Das kann ich für die Situation in meiner Wahlheimat USA nicht sagen. Mit dem Wahltag am 8. November wird kein Ende des Politklamauks erreicht, dann geht es erst richtig los. Ich will mir das Land unter einem Präsidenten Donald Trump gar nicht vorstellen. Mit Hillary Clinton im Weißen Haus werden die Gräben in den USA nur noch tiefer werden. Schon jetzt kündigen die Republikaner im Kongress an, die Demokratin mit Untersuchungsausschüssen zu überhäufen. Dazu kommt noch die große Frage, was Donald Trump selbst und seine Millionen Unterstützer im Falle einer Niederlage machen werden. Es ist schon seltsam, wenn man im ärmsten Land der Welt mehr Hoffnung und Zuversicht finden kann, als in der führenden Nation der Welt.

Trump bereitet den Boden für den Kampf danach

Die dritte Debatte war verlorene Zeit für Donald Trump. Foto: AFP.

Die dritte Debatte war verlorene Zeit für Donald Trump. Foto: AFP.

Nicht ein, nicht zwei, nein, dreimal trafen sich nun Donald Trump und Hillary Clinton auf einer Bühne. Das Publikum, die amerikanische Fernsehnation und alle rund um den Globus, die es interessierte, schauten fasziniert auf das, was sich da amerikanische Demokratie nennt. Zwei Kandidaten, die schlimmer nicht sein könnten. Ein New Yorker Immobilienmilliardär, der poltert, tobt und lügt, und bei so gut wie allen politischen Themen seine Meinung in den letzten Jahren geändert hat, darunter Abtreibung, Waffengesetze, Immigration. Und dann ist da Hillary Clinton, eigentlich wäre sie ein Grund zur Freude, denn sie ist die erste Frau, die Präsidentschaftskandidatin einer großen Partei geworden ist. Doch Clinton ist nicht gerade die ideale Kandidatin, sie ist durch die vielen Skandale und Skandälchen in ihrem Umfeld mehr als angreifbar: Bill Clintons Eskapaden, Email-Server, Bengasi…

Das dritte Aufeinandertreffen ergab keinen klaren Sieger. Es ging auch nicht mehr darum, wer hier gewinnt. Dafür ist es schon viel zu spät im Rennen. Beide Lager überzeugten ihre Wählerinnen und Wähler. Trump hielt sich anfangs noch zurück, aber man merkte an seinem Gesichtsausdruck, dass er innerlich kochte und endlich loslegen wollte. Das tat er dann auch mit seinen bekannten „Wrong“- Einwürfen, er bezeichnete Clinton als schlechte Person, er erzählte erneut Lügen, die schon seit Wochen widerlegt wurden und zweifelte ganz offen das anstehende Ergebnis der Wahl an.

Wenn überhaupt, dann hat Hillary Clinton heute noch einmal gepunktet, denn sie hat keinen Fehler gemacht, in den Umfragen liegt sie weit vor Donald Trump. Vor allem in einigen der umkämpften Swing-States. Trump wird da nicht mehr aufholen können. Von daher ist wohl auch diese dritte Fernsehdebatte ein Punktgewinn für Hillary Clinton. Donald Trump hat die Chance verpasst, Hillary noch einmal aus der Reserve zu locken, sie in Widersprüche zu verwickeln. Doch die ließ die Angriffe des Donald an sich abperlen, wechselte bei heiklen Themen schnell zu anderen Themen über, meist wurde aus Donalds Angriff eine Gegenoffensive. Und Hillary Clinton war besser vorbereitet, sie war auf die eine mögliche Offensive Trumps bestens vorbereitet. Das zeigte sie, als der Milliardär ihr erneut vorwarf, in den letzten 30 Jahren keine Veränderungen herbeigeführt zu haben. Auch argumentierte Clinton mit dem Über-Präsidenten der Republikaner, Ronald Reagan. Trump hatte 1987 eine 100.000 Dollar Anzeige in der New York Times schalten lassen, in der er die Steuerpolitik Reagans kritisierte.

Als Zuschauer im Saal war man zum Stillschweigen verpflichtet. Doch das ging nicht immer. Gerade dann, als Trump nach seiner Einstellung gegenüber Frauen gefragt wurde und er erklärte erneut, niemand respektiere Frauen mehr als er. Das war dann schon lachhaft. Auch als Trump betroffen erklärte, er hätte einen Emmy für seine Apprentice Show verdient. Da kam das geknickte Ego des Egozentrikers durch und ließ erahnen, was passieren wird, wenn Trump am 8. November eine Niederlage erleiden wird.

Es sind noch 20 Tage bis zur Wahl. Die große Frage ist nun, was passiert, wenn Donald Trump eine krachende Niederlage erleben wird. Es sieht danach aus. Es sieht sogar so sehr danach aus, dass der Wahlabend kurz werden könnte, denn wenn er Florida, Virginia, New Hampshire, Pennsylvania und Ohio im Osten des Landes nicht gewinnen sollte, ist das frühe Ende des Trump-Alptraums erreicht. Doch wird er die Niederlage eingestehen? Das muß sein, er muß öffentlich erklären, verloren zu haben. Das ist Teil des amerikanischen Wahlsystems. Derzeit sehe ich das nicht, Trump wird die Wahl wohl anzweifeln und die Krise damit nur noch verschlimmern. Am Wahlabend ist noch lange nicht alles vorbei.

Trump, Du kannst nach Hause fahrn!

Heute Abend findet die dritte und letzte Fernsehdebatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump statt. Eigentlich ist die Sache klar, wenn Hillary Clinton nicht noch einen riesigen Fehler macht, wird sie die nächste Präsidentin der USA werden. Trump ist auf der Verliererstraße und kann daran nichts mehr ändern.

Er könnte nur noch in seiner Niederlage etwas verbessern, doch das wird er nicht. Der Polterer Trump wird nicht stillschweigend und als fairer Verlierer von der Bühne treten. Das macht er immer und immer wieder auf seinen Wahlkampfveranstaltungen deutlich. Trump spricht von einem abgekarteten Spiel, die Wahl sei manipuliert, von den Demokraten und auch den Republikanern, vom politischen Establishment gefälscht. Das sei klar, so Trump: „Wir werden nicht zulassen, dass sie vielleicht die großartigste Bewegung in der Geschichte dieses Landes stoppen“. Das sind die Worte von Donald Trump, mit denen er seine Wutfans in Rage bringt. Die Menge brüllte im Chor zurück „USA, USA, USA“.

Dieser Gedanke ist weit verbreitet im Trump-Lager. Die stille Mehrheit in den USA sei für Donald Trump. Foto: Reuters.

Dieser Gedanke ist weit verbreitet im Trump-Lager. Die stille Mehrheit in den USA sei für Donald Trump. Foto: Reuters.

Keiner der Trump Unterstützer erkennt die derzeitige Situation an. Für sie führt ihr Kandidat in den Umfragen, wenn er nicht gewinnen sollte, sei alles manipuliert. Von Hillary, den Demokraten, der eigenen Partei und einer geheimen Macht, die in Washington die Fäden in der Hand hält. „Die Demokraten besch…“, so die allgemeine Meinung im Trump-Lager. Der Vertraute und Berater von Donald Trump, Roger Stone, erklärte: „Es gibt weitreichenden Wählerbetrug. Und wenn das so ist, dann ist die Wahl nicht legitim. Wir werden eine Verfassungskrise haben, zivilen Ungehorsam und die Regierung wird nicht als Regierung anerkannt werden.“ Das ist die eindeutige Richtung, in die derzeit die politische Debatte geht.

Viele in den USA befürchten nach einer Niederlage Trumps das Schlimmste, heißt, eine weitere Radikalisierung eines Teiles des Trump-Lagers. Der Milliardär spielt mit dem Feuer und das ganz bewußt. Er fordert seine Unterstützer dazu auf, das Ergebnis der Wahl nicht anzuerkennen, sich dagegen aufzulehnen in welcher Form auch immer. Es ist ein riskantes Spiel, das durchaus die Gefahr eines Inlandsterrorismus birgt. Das Bombenattentat von Oklahoma City, Waco, Ruby Ridge und zuletzt der Bundy-Aufstand zeigen, dass es in den USA schon jetzt Freiräume gibt, in denen der bewaffnete Kampf gegen die Regierung geprobt und durchgeführt wird. Was nach der Niederlage von Donald Trump am 8. November passieren wird ist noch offen, doch schon jetzt kann man davon ausgehen, dass radikale und bewaffnete Kräfte im Land Unterstützung bekommen werden. Donald Trump selbst hat damit die Grundlage für so einiges geliefert, was man sich jetzt noch gar nicht vorstellen möchte. Zu stoppen ist diese Entwicklung nicht mehr, seine Wählerinnen und Wähler sind davon überzeugt, dass das System „rigged“, manipuliert ist.