Die Zoom Nation tanzt und lacht

Mal ehrlich, all diese Online-Interviews über Skype, What’s App Audio, Zoom usw. gehen mir langsam wohin. Ich weiß, warum es so ist, aber mir fehlt das vor Ort sein, das Beobachten, das Riechen, das Erfahren, Eindrücke und Töne sammeln. Mit Menschen auch mal zu schweigen, Pausen zu genießen, Zeit zum Nachfragen zu haben. Vor einem Jahr reiste ich von hier direkt nach Hargeisa, von dort weiter nach Niamey und von dort wieder hierher zurück. Eine gewaltige und anstrengende Reise für ein wunderschönes Thema, die Kraft und Bedeutung der Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden. Nachhören kann man diese Geschichte hier. Aber genau das fehlt mir. Auch nach San Quentin komme ich nicht rein, dort wollte ich eigentlich schon lange eine Geschichte über Gefangene machen, die mit Hunden leben, eine Partnerschaft zwischen der Haftanstalt und dem Tierheim in Marin County. Aber keine Besuche sind derzeit und auf unbestimmte Zeit möglich.

Ich bin nun viel zu Hause, wenn ich raus gehe, dann eigentlich nur zum Einkaufen, zum Spazierengehen mit Käthe, zum Fahrradfahren. Das wars dann. Ich arbeite, lese und höre viel Musik, trainiere hier daheim vor mich hin, denn auch die Fitnessclubs im Bezirk Alameda dürfen noch nicht öffnen. Mir fällt die Decke dennoch nicht auf den Kopf, irgendwie wird mir trotz der Einschränkungen nicht langweilig, auch wenn ich das Reisen und das vor Ort sein sehr vermisse.

Auch 2020 brennt der „Man“.

Anderen scheint es da schlimmer zu gehen. Zoom Tanzparties, gemeinsame Abendessen vor dem Bildschirm, geteilte Screen Time und was es nicht alles noch per Videokonferenz und -Chat gibt. Eigentlich sollte ja in dieser Woche das Burning Man Festival sein, doch auch das findet natürlich 2020 nicht in der Wüste von Nevada statt. Klar, auch Burning Man ist online und es wird versucht die „Community“ eben so zusammenzuhalten. Bei einigen sieht das sogar so aus, dass sie in ihrem Wohnzimmer ein Zelt aufgebaut haben, um das „Feeling“ von der Playa nach Hause zu holen. Zumindest in diesem Jahr. Keine Ahnung, ob sie dafür auch noch Sand in ihrer Bude verstreuen, den immer mal wieder von einem Ventilator durchs Zimmer pusten lassen, um einen Sandsturm vorzutäuschen und dazu auch noch das Thermometer auf 40 Grad drehen. Aber mein Ding wäre das nicht.

Auch das angekündigte Webtoberfest ist nichts für mich. In den USA verstehen viele nicht, dass ich zwar aus (Nord) Bayern komme, aber nur einmal in meinem Leben auf dem Oktoberfest war und das auf der Klassenabschlußfahrt und es fürchterlich fand. Aber auch wenn ich solch ein Bierfest gut finden würde, ich glaube, ich ziehe einem „virtual Beer tasting“ einen Abend mit Freunden auf dem Tiergärtnertorplatz mit Bier vom Wanderer vor. Sowieso frage ich mich, warum man für eine virtuelle Bierprobe 21 Jahre alt sein muss? USA halt! Es gibt also Auswüchse und Seltsames in diesen Corona Tagen, die braucht wirklich kein Mensch. Klar ist es schade, wenn man derzeit erheblich in seinem Lebensumfeld und Lebensrhythmus eingeschränkt wird, aber deshalb muß man ja nicht alles vor dem Bildschirm nachmachen. Ich sag ja nur…