Es ging um mehr am Wahltag

Am Wahltag ging es nicht nur um den Kongress, auch in zahlreichen Bundesstaaten wurden die Gouverneure neu bestimmt. Und die sind wichtig. Dazu ein Interview:

– Was ist das auffälligste Resultat?

Interessant sind sicher die Ergebnisse in Florida und auch Georgia, zwei Rennen, die in den letzten Wochen viel beachtet wurden. Denn beide demokratischen Kandidaten, Stacey Abrams und Andrew Gillum, sind Afro-Amerikaner, die nicht nur gegen republikanische Gegner antreten mussten, sondern auch gegen Donald Trump. Denn der mischte sich massiv in die Wahlkämpfe ein, beschimpfte zum Beispiel Andrew Gillum, der Bürgermeister von Tallahassee ist, das dieser ein Dieb und korrupt sei. Stacey Abrams wurde von Trump als dumm und unfähig hingestellt, die für offene Grenzen sei und Kriminelle schütze. Also für beide war es ein schwieriger Kampf, wie es aussieht haben sie ganz knapp verloren, das bedeutet, Trump hat wohl bei den Wählern den ausschlaggebenden Effekt ausgemacht.

– Also eher Vorteile für die Republikaner?

Die Republikaner hatten bislang Gouverneure in 33 der 50 Bundesstaaten. Am Wahltag mussten sie 26 verteidigen, die Demokraten neun und Alaska wird von einem Independent Governor geführt. Es sah im Vorfeld so aus, als ob die Demokraten mit einer “Blauen Welle” einige Gouverneursposten dazu gewinnen könnten, das haben sie wohl auch, besonders interessant ist der Sieg in Kansas, einem tief roten, also republikanischen Staat. Aber wichtig wären Ohio, Florida, Wisconsin und eben auch Georgia gewesen. Die ersten drei, weil sie traditionell Swing States sind, also Staaten, die gerade bei den Präsidentschaftswahlen mal so oder mal so wählen. Aber das scheint wohl nicht zu klappen, Ohio und Florida bleiben republikanisch. Wisconsin wurde für die Demokraten zurückgewonnen. Und Stacey Abrams hofft noch, aber es ist wohl unwahrscheinlich, dass sie in Georgia noch durchkommt. Von einer breiten blauen, also demokratischen Welle ist an diesem Abend nicht ganz so viel zu spüren.

Es ging um mehr am Wahltag. Foto: Reuters

– Warum sind die Gouverneurswahlen für die Republikaner und die Demokraten so wichtig?

Die Republikaner halten wie schon gesagt, seit 2010 die Mehrheiten in 33 Bundesstaaten. 2010 wurde die letzte Volkszählung durchgeführt, danach wurden auch die Wahlkreise “angepasst”, wie es offiziell heisst. Damit werden die Distrikte für die Kongresswahlen bestimmt. Der Gouverneur hat danach die Möglichkeit, diesen Vorschlägen zuzustimmen oder sie zu blockieren. Von daher kann man sehen, wie wichtig ein Gouverneursposten sein kann.

– Wie sehr kann denn die Wahlkreisgestaltung ein Wahlresultat beeinflussen?

Mit der Erhebung der Einwohnerzahlen alle zehn Jahren werden nicht nur die öffentlichen Gelder neu verteilt, es werden auch die Grenzen der Wahldistrikte neu gezogen, um sie gleichstark zu halten. Allerdings haben die Republikaner in der Vergangenheit oftmals die Grenzen so verändert, dass sie ihre Sitze im Kongress halten konnten, auch wenn das nicht unbedingt der Veränderung in der Bevölkerung entspricht. Das heisst, die Wahldistrikte entsprechen oftmals nicht der politischen Mehrheit in einem Bundesstaat.

– Können Sie da ein Beispiel nennen?

Als Beispiel kann ich hier Ohio anführen. Barack Obama hat beispielsweise 2012 deutlich gegen Mitt Romney in Ohio gewonnen, doch 75 Prozent der Kongresssitze in Ohio gingen an diesem Wahlabend 2012 an die Republikaner. Das lag daran, dass die Wahldistrikte bei der Neuziehung der Grenzen eben so manipuliert worden waren, dass Demokraten überhaupt keine Chance hatten zu gewinnen. Und die Mehrheit auf bundesstaatlicher Ebene für Obama zeigt, dass die Mehrheit der Wähler in Ohio für die Demokraten waren, aber das war eben anschliessend nicht das Ergebnis bei der Abstimmung für den Kongress.

– Dass man die Wahlkreise so anpasst, wie es einem Vorteile bringt: Das ist in den USA aber alles andere als neu, oder?

Das stimmt, das ist nicht neu. Das geht sogar bis auf die Anfangstage der USA zurück. Kaum gab es eine Wahl versuchte die Partei mit der Mehrheit ihre Mehrheit durch solche Tricks zu halten. Im Laufe der Jahrhunderte wurden deshalb immer wieder die Gerichte angerufen, die auch meist bestätigten, dass das nicht in Ordnung ist…Aber die Wahlen wurden dennoch so durchgeführt, das Problem blieb also bestehen. In 34 Bundesstaaten bestimmen nach einer Erhebung der Daten die Abgeordneten in den Staaten selbst die Grenzen neu. Und das wird dann von den Gouverneuren abgesegnet. Da liegt das Problem begraben, denn niemand will sich wohl um den eigenen Job bringen.

– Zusammengefasst – Kann man schon sagen, wie die Ergebnisse der aktuellen Gouverneurswahlen Einfluss haben werden auf künftige Wahlen?

Wer am Dienstag bei den Gouverneurswahlen gewonnen hat, kann die neu gezogenen Wahlbezirke nach der nächsten Erhebung der Einwohnerzahlen bestätigen oder blockieren. Und die nächste Befragung ist 2020….damit haben die frisch gewählten Gouverneure die Macht, bis 2030 die politischen Verhältnisse in ihren Bundesstaaten zu zementieren.

Ein kräftiges Holdrijadideldö aus Wisconsin

Viel wurde schon über die amerikanische “Folk Music” geschrieben. Was dabei aber immer wieder übersehen und überhört wird ist, dass all die Einwanderer, die in die USA kamen, ihre Kultur und Musik mit- und in der neuen Heimat einbrachten. Mit “Alpine Dreaming” erscheint nun eine Doppel-CD auf Archeophone Records, die das kurzlebige US Label “Helvetia Records” vorstellt.

Viel ist nicht bekannt über Ferdinand Ingold, nur soviel, dass er 1860 in Bischofszell im Kanton Thurgau zur Welt kam. Im Alter von 32 Jahren zog er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Bern in die USA. Dort siedelten sich die Ingolds in “Green County” in Wisconsin an, dem “Little Switzerland” in Amerika. Hier hatten Einwanderer aus dem Kanton Glarus “New Glarus” gegründet. Ferdinand Ingold unterhielt in der Kleinstadt Monroe einen Laden, in dem er unter anderem auch erste Schallplatten aus der alten Heimat verkaufte. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte Ingold die Idee für ein eigenes Plattenlabel, eines, mit dem er seine Heimatverbundenheit und seine Kunden gleichermaßen zufrieden stellen konnte: Helvetia Records war geboren.

Der Musikethnologe James Leary stieß zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren auf eine 78er Schellack Platte von Helvetia Records. In einem Plattenladen fand er eine Aufnahme von Otto Rindlisbacher, dem Sohn Schweizer Einwanderer. Learys Neugier war geweckt, von da an suchte er nach weiteren Scheiben des Labels. Im Musik Archiv der University of Wisconsin in Madison, an der er lehrt, konnte er über die Jahre zehn weitere 78er finden. Die Idee für eine Gesamtschau des Labels war geboren. „Man kann eine Mischung aus Jodlern hören, vor allem von Charles Schoenenberger. Aber es gibt auch Akkordeon und Violin Duette und rein männliche und gemischte Quartetts, daneben noch eine Art Operetten Jodler, gesungen von der Schweizer Nachtigall.“

Helvetia Records existierte gerade einmal vier Jahre, von 1920 – 1924, alle Aufnahmen wurden allerdings in den USA eingespielt, meist in New York City, wo es seinerzeit zahlreiche Recordings Studios gab. Zielgruppe waren vor allem die Schweizer in Amerika, die in New Jersey, Ohio und eben Wisconsin lebten, aber Ingold platzierte auch Werbung in Swiss-American Zeitungen, die an der Westküste gelesen wurden. “Alpine Dreaming” stellt nun zum ersten Mal den Gesamtkatalog von Helvetia Records vor, 36 Lieder konnte James Leary für dieses Album finden: „Wir hatten Glück, dass die Besitzer von Archeophone Records so ein gutes Netzwerk zu Sammlern haben. Darüber haben wir noch einige der 78er gefunden, die wir nicht in unserem Archiv hatten. Rich and Meagan vom Label sind dann mit einem Plattenspieler und Computer zu Sammlern nach Tennessee und Wisconsin gefahren, um dort einzelne Lieder zu digitalisieren.“

Begleitet wird die Doppel-CD von einem umfangreichen und reich bebilderten Booklet, in dem die Geschichte des Labels und der einzelnen Musiker erzählt wird. Für den Musikethnologen James Leary, der schon zahlreiche Bücher und Musikprojekte zur Geschichte der Einwanderer im Mittleren Westen veröffentlicht hat, war “Alpine Dreaming” eine Herausforderung. Die Sprache sei nicht leicht gewesen, lacht er. „Zum einen waren die Aufnahmen alt, sie waren gesungen und nicht gesprochen. Zum anderen sind diese Schweizer und diese verschiedenen österreichischen Dialekte keine geschriebene Sprache.“ Herausforderungen, die aber schließlich gemeistert wurden.

Auch wenn Helvetia Records nur vier Jahre existierte und 1924 im Konkurs endete, ist diese Episode und damit diese neue Veröffentlichung ein wichtiges und bislang übersehenes oder vergessenes Klangdokument in der langen Geschichte der Schweizer Einwanderer in den USA.

 

Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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America the beautiful

3500 Kilometer liegen hinter mir. Fast einmal quer durchs Land. Durch Nordkalifornien nach Nevada, den Bundesstaat von West nach Ost durchfahren, dann Richtung Norden durch Idaho, rüber nach Montana, entlang des Yellowstone National Parks. Montana durchkreuzt, den langen Freeway in North Dakota abgefahren, bei Fargo dann auf den Highway Richtung Minnesota eingeschwenkt. Bei Duluth nach Wisconsin rein, von dort noch weiter nördlich bis zur Upper Penninsula von Michigan. Das alles nur mit ein paar „Power Naps“ geschafft.

Eine Endlosfahrt durch Amerika.

Eine lange, endlos erscheinende Autofahrt durch ein Land, das mir auch noch nach 22 Jahren fremd und gleichzeitig neu ist und dennoch faszinierend bleibt. Amerika ist ein wunderschönes Land, in das es sich lohnt zu reisen. Nicht nur nach New York, Florida, Las Vegas und Kalifornien. Wer die USA verstehen lernen möchte, der muss ins Landesinnere fahren. Nach Elko, Bozeman, Bismarck, Duluth, Houghton und viele andere Kleinstädte auf dem Weg von West nach Ost.

Auf dieser Fahrt durch die unvereinigten Staaten von Amerika hörte ich B5 Aktuell, Deutschlandfunk, NPR, Al Jazeera, BBC, das Smartphone macht es möglich. Und alle berichteten von Donald Trump und seinem Treffen mit Vladimir Putin in Helsinki. Berichte, Analysen, Reaktionen. Donald Trump der seltsame, selbstverliebte, unkonventionelle, rüpelhafte Präsident der USA. Und dann diese Bilder von diesem weiten, offenen, wunderschönen Land. Menschen, an allen Tank- und „Dog Business“ Stopps, die freundlich, interessiert, humorvoll waren. Ich war überrascht, dass ich im Landesinneren nicht auf Unmegen an Trump Aufkleber und MAGA-Hüten stieß. Diese Fahrt durch Amerika führte mir auch wieder mal vor Augen, warum ich dieses Land auch nach 22 Jahren noch liebe.

Eins, zwei, drei, vier, fünf….

Wisconsin 0,8 Prozent, Michigan 0,2 Prozent und Pennsylvania 1,1 Prozent. Das ist der jeweilige Vorsprung von Donald Trump in diesen „Swing States“. Es geht also nur um ein paar Stimmen, die ihn am Ende zum Wahlsieger werden ließen. Nicht die meisten Stimmen in den USA zählen, sondern die meisten Stimmen in den umkämpften Bundesstaaten. Denn hier entscheiden sich die Wahlen, hier entscheidet sich die Anzahl der Wahlmänner, die am Ende ausschlaggebend sind.

Donald Trump glaubte schon früh an ein Verschieben der Wahlen, er kündigte an, das Wahlergebnis anfechten zu wollen. Das war im Wahlkampf. In der Wahlnacht sah er alles dann anders. Hillary Clinton gestand die Niederlage ein, kündigte an, keine Nachzählung durchführen zu lassen, auch wenn ihre Anhänger das forderten.

Jill Stein zählt die Stimmen in drei Bundesstaaten neu aus. Foto: Reuters.

Jill Stein zählt die Stimmen in drei Bundesstaaten neu aus. Foto: Reuters.

Doch nun will genau das Jill Stein machen lassen. Die Kandidatin der Grünen will sich mit Präsident Trump noch nicht abfinden, glaubt, da ist etwas nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen. Sie lässt nun nachzählen. Erst in Wisconsin, wahrscheinlich auch in Michigan und Pennsylvania. Überraschenderweise hat sie viele, sehr viele Bürgerinnen und Bürger gefunden, die insgesamt Millionen an Dollar spendeten, um diese Nachzählung der Stimmen überhaupt möglich zu machen. Im Wahlkampf noch hinkte sie bei den Spenden hinterher, nun bauen viele auf die Wahrheitsbringerin Jill Stein.

Hillary Clinton schließt sich nun der Neuauszählung an. Und Donald Trump? Der tobt. Nichts werde sich ändern, twittert er. Aber man stelle sich vor, es würde sich was ändern. Die drei Bundesstaaten fielen doch noch an Hillary Clinton, damit wäre sie auf einmal Präsidentin. Donald Trump und das amerikanische Wahlsystem wären dann vorgeführt. Es käme zu weiteren Auszählungen, Klagen, einer noch tieferen Krise der Demokratie in den USA. Also, sollte man es vielleicht lassen? Ganz und gar nicht, Jill Steins Initiative sollte unterstützt werden, denn sie wird letztendlich die Frage klären, ob Trump wirklich in diesem seltsamen Wahlsystem der USA zum  Präsidenten gewählt worden ist. Damit verdient Stein großen Respekt. Die Endlosgeschichte „Wahlkampf in den USA“ wird also noch um ein paar Kapitel bereichert.

Kanada in der Nase

Da drüben ist Kanada.

Da drüben ist Kanada.

Der Obere See, oder „Lake Superior“ ist der größte der fünf Großen Seen Nordamerikas. Hier grenzen Minnesota, Wisconsin und Michigan an an die kanadische Provinz Ontario. Ein See, der mehr einem Meer gleicht. Die Fläche dieses riesigen Binnengewässers ist vergleichbar mit der von Österreich. Das Wasser ist eisig kalt, ich weiß, wovon ich spreche, ich mußte einfach mal reinspringen.

„Lake Superior“ war und ist eine wichtige Schifffahrtsstraße für beide Länder. Im südlichen Teil des Sees liegt auch einer der größten Schiffsfriedhöfe. Über die Jahrhunderte sind dort in den gefährlichen Stürmen, die oft und teils plötzlich über den See jagen, unzählige von Frachtern und Booten gesunken, eines der bekanntesten Schiffe war die am 10. November 1975 verunglückte „SS Edmund Fitzgerald“. Der kanadische Singer/Songwriter Gordon Lightfoot machte die Geschichte des Frachters zu einem Nummer Eins Hit. Der Schiffswracks werden heute vom „Whitefish Point Underwater Preserve“ geschützt.

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Die Gemeinden rund um den See leben heute vor allem vom Tourismus, weite Teile der Uferlandschaften sind Naturschutzgebiete. Dicht bewachsen und mit Wanderwegen und „Bicycle Trails“ durchzogen. Im Winter ist die Gegend bei Snowmobile Begeisterten und Langlauf-Skifahrern begehrt. Hier, in der Upper Peninsula von Michigan, sagen sich die Füchse sprichwörtlich gute Nacht. Es ist ruhig, weitläufig, verlassen, hier findet man Ruhe. Für mich eine willkommene Abwechslung zum hektischen Umfeld in der überfüllten San Francisco Bay Area.

Es bleibt spannend

Ted Cruz schlägt Donald Trump, Bernie Sanders gewinnt gegen Hillary Clinton. Wisconsin macht die Rennen um die Nominierungen der Republikaner und Demokraten wieder spannend. Trumps Niederlage kann er sich größtenteils selbst zuschreiben, doch da ist auch eine Partei, die ihn nicht haben will. Das wurde in Wisconsin ganz deutlich, wo Gouverneur Scott Walker, selbst anfangs der Hoffnungsträger im Präsidentschaftswahlkampf, sich hinter Ted Cruz positionierte und diesen massiv unterstützte. Hinzu kamen viele konservative Talk-Show-Moderatoren, die auch offen gegen Trump und für Cruz Stellung bezogen. Ted Cruz bezeichnete am Dienstagabend seinen Sieg als einen Wendepunkt im Wahlkampf, als Anfang vom Ende des Trump-Kaptitels. Soweit ist es noch nicht, gerade auch, weil man davon ausgehen kann, dass Ted Cruz in zwei Wochen eine krachende Niederlage in New York erleben wird. Mit den „New York Values“ hat es Cruz nicht so sehr. Darauf baut Donald Trump, der nun auf seinen Heimatstaat und Kalifornien setzt. Zwei der noch wichtigen offenen und an Delegierten reichen Staaten.

Bernie Sanders will es noch schaffen. Foto: Reuters.

Bernie Sanders will es noch schaffen. Foto: Reuters.

Bei den Demokraten konnte sich in Wisconsin Bernie Sanders mit seinem Ruf nach einer „politischen Revolution“ durchsetzen und verpasste Hillary Clinton eine deutliche Schlappe. Sanders ist obenauf, sechs der letzten sieben Wahlgänge konnte er für sich entscheiden und damit deutlich machen, dass er noch lange nicht am Ende ist. Nun blickt man auch bei den Demokraten auf den großen Delegiertenkuchen in New York. Hillary will dort endlich dem Bernie-Spuk ein Ende setzen. Zu lange schon dauert dieses Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden. Es zehrt an Clinton, die zwar mithilfe der Superdelegierten weit vor Sanders liegt, aber ohne die Stimmen der gesetzten Parteimitglieder ist der Vorstand deutlich geschrumpft. Auch konnte Hillary Clinton bislang nicht die vielen jungen Wähler von Bernie Sanders für sich gewinnen. Doch auf New York und Kalifornien baut auch Bernie Sanders, der mit seinem engagierten Wahlkampf gerade in den Uni-Städten und liberalen Hochburgen im Land ankommt.

In beiden Rennen bleibt es nach Wisconsin also spannend. In beiden Lagern beginnt die Rechnerei. Bei den Republikanern wird es wohl bis zum Parteikonvent keinen klaren Sieger geben, keinen, der die notwendige Mehrheit der Delegiertenstimmen auf sich vereinen kann. Bei den Demokraten sieht es trotz des jüngsten Durchmarsches von Bernie Sanders nach einem Wahlsieg von Hillary Clinton aus. Doch Hillary, das wird immer deutlicher, wird angeschlagen aus dem Vorwahlkampf kommen, denn viele in der eigenen Partei sehen sie nicht als die ideale Kandidatin der Demokraten. Was die Partei dann nur einige könnte, wäre der Gegner, sei es ein Egomane wie Donald Trump oder ein Erzkonservativer wie Ted Cruz.

“Woi geh und steh, tut ma’s Herz so weh”

Zu Hunderttausenden kamen am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts die Einwanderer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die USA. Die Deutschen und die Schweizer zog es in den Mittleren Westen, vor allem nach Wisconsin, oder “Swissconsin” wie der “deutscheste aller Bundesstaaten” auch genannt wurde. In Chicago dagegen gab es die größte Ansammlung von im Ausland lebenden Österreichern. Sie kamen auf der Suche nach einer neuen Heimat und brachten ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Musik mit.

Eine Konzertankündigung für die "Scheidegger Seven" aus dem Jahr 1927. Quelle: Serge Schmidt

Eine Konzertankündigung für die „Scheidegger Seven“ von 1927. Quelle: Serge Schmidt

Im August 1927 stehen im “Rice Lake Dance Pavilion” in Wisconsin die “Scheidegger Seven” in Berner Tracht und vor einem großen Bild der Alpen auf der Bühne. Die Gruppe war zwei Jahre zuvor aus Huttwil in die USA übergesiedelt. Vater Fritz Scheidegger und seine Töchter hatten schon in der Schweiz als “Flühjodler vom Emmental” Erfahrungen sammeln können. In den USA touren sie in zwei Jahren durch 38 Bundesstaaten und spielen in New York und Chicago mehrere Schellack Platten ein.

Die “Scheidegger Seven” sind nur ein Beispiel einer lebendigen deutschsprachigen Musikszene in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Neben zahlreichen Immigranten Musikern, tourten auch Künstler aus der alten Heimat in Übersee, wie die „Moser Brothers“ aus der Schweiz, die mit ihren Herzschmerz und Heimweh Liedern zu Superstars in der Neuen Welt wurden. Und auch wenn die Konzerte meist nur in den deutschen und schweizer Clubs stattfanden, so war die deutschsprachige Musik doch ein wichtiger Teil des frühen amerikanischen Musikgeschäfts. Die Deutschen, so werden in den USA alle Deutschsprechenden genannt spielten ihre Musik auf Festen, Hochzeiten, Veranstaltungen. Es war bekannt, dass es auf ihren Feiern immer zünftig zu und her geht. Viel Bier, Tanz und Musik. Als die Aufnahmetechnik kommerziell nutzbar wurde, merkten die Plattenfirmen schnell, dass die Einwanderer durchaus eine große Zielgruppe waren und damit eine zahlkräftige Kundschaft. Die Columbia Phonograph Company reagierte bereits 1909 und schrieb ihren Handelsvertretern:

“Denken Sie daran, dass es in allen Großstädten und in den meisten größeren Städten Stadtteile gibt, wo Leute einer Nationalität zusammenleben. Die meisten von ihnen behalten ihre Gewohnheiten bei und bevorzugen es, sich in der Sprache ihres Heimatlandes zu verständigen. Auf diese Leuten üben Schallplatten in ihrer eigenen Sprache eine unwiderstehliche Attraktion aus und sie werden sie bereitwillig kaufen.”

Auch die Zahlen der veröffentlichten Schallplatten in den USA sprechen eine deutliche Sprache. Im Zeitraum von 1908 bis 1923 bringt Columbia rund 5000 Platten in der A-Serie heraus, A für Amerika,. In der E-Serie, E für Europa, veröffentlicht die Schallplattenfirma im gleichen Zeitraum 6000 Schellack Platten.

Eine umfassende CD Box über die Musik der Immigranten im oberen Mittleren Westen der USA.

Eine umfassende CD Box von James Leary über die Musik der Immigranten im oberen Mittleren Westen der USA.

Doch die “Deutschen” in den USA waren nicht nur Konsumenten, sie prägten mit ihren Jodlern und auch mit ihren Instrumenten gerade die “Roots” Musik Amerikas. Das Jodeln aus der Alpenregion hat seine Spuren in der amerikanischen Musikszene hinterlassen und beeinflusste gerade die frühe Hillbilly und Country Musik. Die Konzertina, eine kleine Ziehharmonika gebaut in Chemnitz, wurde zum Hit in Übersee und ist noch heute in der amerikanischen Polka Szene zu finden. Auch das deutsche Akkordeon der Firma Monarch hat sich in der US-amerikanischen Musik gehalten – besonders in der Cajun-Musik, die francophone Einwanderer in die USA gebracht haben. Und die Mundharmonika aus dem Hause Hohner wurde zu einem Exportschlager in die USA.

Die Spuren der deutschsprachigen Einwanderer in der amerikanischen Musik sind heute nicht mehr allzu offensichtlich. Im Melting Pot USA sind die zahlreichen musikalischen und instrumentalen Einflüsse von so vielen Kulturen einfach aufgegangen. Doch man kann sie finden, wenn man nur will.

Zu dem Thema “Die Musik der deutschsprachigen Immigranten in Amerika” habe ich ein längeres Feature für den Schweizer Rundfunk produziert, das man hier hören kann:

      Deutschsprachige Musik

Weitere Informationen zum Thema der schweizer Musik in Übersee kann man auf der umfangreichen und mit viel Liebe gestalteten Webseite von Serge Schmidt finden.

Zu Fragen der deutschsprachigen Musik empfehle ich die Seite von Christoph Wagner, der schon einige CDs über die Musik der Immigranten für das Münchner Label Trikont veröffentlicht hat. Und dann ist da noch die einzigartige CD Box „Folksongs of another America„, zusammengestellt von Professor James Leary von der University of Wisconsin, die auf dem „Dust to Digital“ Label erscheinen wird.

 

Nach 160 Jahren wieder auf der Bühne

Vor einiger Zeit berichtete ich über das Buch „Other Witnesses“ von Cora Lee Kluge. Kluge ist Professorin an der University of Wisconsin. Sie hat eine Anthologie über deutschsprachige Autoren heraus gegeben, eine Sammlung von Erzählungen und Gedichten, Romanen und Kurzgeschichten, die von deutschen Einwanderern vor allem im Mittleren geschrieben worden waren.

Der Schwank "Bekehrung vom Temperenzwahn" von Christian Essellen wird nach 160 Jahren neu aufgeführt.

Der Schwank „Bekehrung vom Temperenzwahn“ von Christian Essellen wird nach 160 Jahren neu aufgeführt.

Wisconsin war Ende des 19. Jahrhunderts der „deutscheste“ aller amerikanischen Bundesstaaten. In Milwaukee gab es mehrere deutschsprachige Tageszeitungen, Büchereien und Theater.

In ihrer Anthologie verweist Kluge auch auf das Theaterstück „Bekehrung vom Temperenzwahn“ von Christian Esselen. Durch Zufall stieß sie im Keller einer Bibliothek auf einen wahren Schatz der deutschen Literatur in den USA. Kistenweise lagerten dort Texte deutschsprachiger Theaterstücke. Darunter auch jener von Esselen, der zuletzt vor 160 Jahren in Milwaukee aufgeführt worden war. Kluge war so begeistert von dem Text, dass die Idee entstand, diese Geschichte neu zu inszenieren. Mithilfe einer weiteren Deutschprofessorin, zahlreichen Studierenden und dem aus Frankfurt am Main angereisten Theaterregisseur Manfred Roth wurde nun dieses Projekt realisiert. Am 4., 5. und 6. Mai wird „Bekehrung vom Temperenzwahn“ erneut aufgeführt, diesmal auf der Bühne der Universität. Und dann am 9. Mai kehrt das Lustspiel auch nach Milwaukee zurück. Die Laientruppe wird das Theaterstück nach 160 Jahren für einen Abend auch wieder dort aufführen.

 

 

Die vergessene amerikanische Literatur

Other Witnesses – An Anthology of literature of the German-Americans 1850 – 1914 von Cora Lee Kluge.

„Other Witnesses – An Anthology of literature of the German-Americans 1850 – 1914“ von Cora Lee Kluge.

Oft sucht der deutsche Jüngling
In weiter Welt sein Glück,
Doch treibt es ihn im Alter
In’s Vaterland zurück.
 
Ob er sein Glück am Hudson,
Ob er’s am Congo fand,
Es zieht ihn nach der Scholle,
Wo seine Wiege stand.
 
Ihn halt kein Land der Erde,
Er flieht der Tropen Pracht,
Wenn Sehnen nach der Heimath
In seiner Brust erwacht.
 
Noch einmal will er weilen,
Am trauten Heimathsort,
Eh’ ihn der Todesengel
Ruft von der Erde fort…..

Ein Auszug aus dem Gedicht “In der Heimath” von Johann W. Dietz, erschienen 1892 in der Anthologie “Deutsch in Amerika: Beiträge zur Geschichte der Deutsch-amerikanischen Literatur”.

Wer heute von der amerikanischen Literatur spricht, denkt eigentlich nur an die englischsprachigen Poems, Short Stories, Novels. Doch Amerika war schon immer ein Einwanderungsland. Aus aller Herren Länder zog es Menschen in die Neue Welt. Im 19. Jahrhundert erlebten die USA eine Einwanderungswelle aus Europa, vor allem auch aus Deutschland und den deutschsprachigen Ländern. Es waren nicht nur Bauern und Bergleute, Handwerker und Arbeiter, es kamen auch Journalisten, Schriftsteller, Dichter, Politiker. Sie alle brachten eines mit; ihre Liebe zur deutschen Sprache. Und sie schrieben weiter in der “neuen” Heimat. Gedichte, Artikel, Romane, Theaterstücke, Reisebeschreibungen.

Noch einmal will er weilen,
Wo er als Kind gespielt,
Wo ihn der Arm der Mutter
Dereinst umfangen hielt.

Noch einmal will ergreifen
Der Greis den Wanderstab,
Und Kindesthränen weinen
Auf seiner Eltern Grab.

Ein alter Freund, den lange
Das Heimweh schon gequält,
Hat mir von seiner Reise
Das folgende erzählt:…

Cora Lee Kluge ist Deutsch Professorin an der University of Wisconsin in Madison und sie ist die Co-Direktorin des Max Kade Instituts, das sich mit Fragen der deutschen Einwanderung in den USA beschäftigt. Kluge hat das Buch “Other Witnesses – An Anthology of literature of the German Americans 1850 – 1914” veröffentlicht. „Es gibt sehr, sehr viele Sprachen, in denen die amerikanische Literatur geschrieben wurde. Genau wie in Europa, europäische Literatur wurde nicht in einer Sprache geschrieben“, beschreibt sie ihren ursprünglichen Ansatz, dieses Buch herauszubringen.

“Als wir den deutschen Hafen
Nach langer Fahrt erreicht,
Vergoß ich Freudenthränen,
Ward es um’s Herz mir leicht.
Und alle meine Pulse
Durchglühte Seligkeit,
Als ich die Bahn nach Hause
Zur Abfahrt fand bereit.

Mir war’s, als müßt’ erreichen
Das Städtchen ich im Flug,
Als ich den Thurm gewahrte
Am fernen Höhenzug.

Cora Lee Kluge konzentrierte sich in ihrer Anthologie auf Wisconsin. Texte, die sie im “deutschesten aller amerikanischen Bundesstaaten”, wie sie Wisconsin bezeichnet, finden konnte. Und dabei hatte die Professorin durchaus auch Glück. Vor rund zehn Jahren machte sie sich in Milwaukee auf die Suche nach dem Text für das Schauspiel “Die Brücke” von Fernande Richter. Richter wurde in Hannover geboren und kam mit ihrer Familie 1881 in die USA. Unter dem Pseudonym Edna Fern veröffentlichte sie einige Erzählungen und Theaterstücke.“Ich bin nach Milwaukee gefahren und fragte nach, warum  man den Text für dieses Bühnenstück nicht finden kann, obwohl es in Milwaukee aufgeführt wurde. Und ein Bibliothekar wollte wissen, was ich suche. Er meinte; “Haben sie vielleicht in der “Trostel Kollektion” gesucht?” Und ich sagte, “in der was?” Ich wußte nichts davon. Er führte mich hinunter in den Keller und da sind jetzt, wo wir das sortiert haben, 172 Archivkasten voller Texte. Wir haben eine Bibliographie gemacht, 3000 Texte, zum Teil ganz unbekannt in Deutschland und unbekannt in Amerika. Wir wissen nicht, welche von ihnen aufgeführt worden sind, aber das sind Schätze, die diesem Theater gehört haben.“

„Und als das Dampfroß keuchte
Den Schienenweg entlang,
Da war es mir, als hörte
Ich fernen Glockenklang.

„Da war es mir, als klängen
Die Lieder an mein Ohr,
Die ich dereinst im Kirchlein
Mit Andern sang im Chor.

„Es tauchten die Gestalten
Der Jugend vor mir auf,
Und Traumgebilde jagten
Vorbei im raschen Lauf.

Kluge merkte schnell, dass sie sowohl in den Archiven in Milwaukee, wie auch in Madison Texte und Artikel, Romane, Schauspiele und Gedichte von deutschen Einwanderern finden kann. „Wisconsin wurde 1848 zum Bundesstaat und das war genau zu der Zeit, als eine große Gruppe von Deutschen in dieses Land einwanderten. Also, Wisconsin wurde zu einem deutschen Staat. Und diese Texte sind in Wisconsin zu finden. Meine Perspektive war immer vom Mittleren Westen aus und von Wisconsin aus. Ich würde wahrscheinlich meine Anthologie anders gemacht haben, wenn ich zum Beispiel in Pennsylvania gewesen wäre. Die haben ältere Texte, die haben die koloniale Periode eher da vorhanden.

„Wird mich auch noch erkennen,
Dacht‘ ich, mein Mütterlein;
Wird sie, die mich verschmähte,
Mit ihm wohl glücklich sein?

„Die letzten Hügel schwanden,
Der Zug bog in das Thal,
Und vor mir lag das Städtchen
Im hellen Sonnenstrahl.

In ihrer Anthologie hat sie sich ganz bewußt nur die Zeit von 1850 bis 1914 beachtet. Für sie die produktivste Zeit der Deutschen in den USA. Denn damals flohen unzählige von Autoren, Gelehrten, Politikern, ja, Teilnehmern der Märzrevolution nach Übersee. Sie fanden hier ein neues Zuhause, halfen mit die amerikanischen Arbeiter zu organisieren, setzten sich für demokratische Veränderungen und für das Frauenwahlrecht ein. Doch verloren nie ihre alte Heimat und ihre Muttersprache aus den Augen. Es wurden deutsche Theater und Zeitungen gegründet, gerade im Mittleren Westen. Halb Milwaukee war in deutscher Hand. „Es brach ungefähr ab mit dem ersten Weltkrieg“, erzählt sie. „Die meisten Menschen meinen, das hätte den deutschsprachigen Zeitungen  und der deutschen Sprache hier ein Ende gesetzt,. Und das stimmt nicht ganz. Es war schon ziemlich zurück gegangen vor diesem Jahr. Aber nach dem ersten Weltkrieg verschwand die deutsche Sprache in Amerika mehr und mehr. Und eben auch die deutschsprachige Literatur in Amerika.“

„Doch wie verändert sahen
Die Straßen all mir aus;
Und fremden Leute wohnten
Im elterlichen Haus.

„Die Mutter war gestorben,
Ein Bruder in die Welt,
Der andre lag gebettet
Auf Frankreichs blut’gem Feld!

„Am Ziele meiner Sehnsucht
Fand ich kein liebend Herz,
Und nur an Gräbern klagt‘ ich
Allein in meinem Schmerz!“

In ihrer Anthologie hat sie Texte zusammen getragen, die aus heutiger Sicht noch immer beeindruckend zu lesen sind. So z.B. die Reisebeschreibung von Theodor Kirchhoff “Die Wunder des Yosemite-Thales in Californien”. Die Schilderung eines Besuches, als der heute weltberühmte Nationalpark Yosemite noch nahezu unbekannt war. Detailreich und farbig beschreibt der 1828 in Uetersen, Holstein, geborene und 1851 in die USA übergesiedelte Kirchhoff seine Reise. Ein anderer Autor in Cora Lee Kluges Buch ist Udo Brachvogel, der 1878 nach New York kam. Neben eigenen Artikeln, Erzählungen und Gedichten, übersetze Brachvogel auch Texte von Bret Harte und Mark Twain und stellte sie so einer breiten deutschsprachigen Leserschaft in den USA und auch in Deutschland selbst vor. Auch Brachvogel beschrieb das, was er in Amerika erlebte für Leser hier, als auch in Übersee:

Dieser Strom ist der Niagara. Breit und majestätisch wälzt er die ungeheuren Fluthen der größten Inland-Seeen des Erdballs dahin. Nur wenige Meilen noch, und seine Fälle sind erreicht. Aber wie kann eine so schmucklose Gegend, wie diese, wirklich die Fassung, wirklich der Rahmen sein, mit welchem die Natur ihre kolossalste Schaustellung umgeben? Es will und will dem erwartungsvollen Reisenden nicht glaublich werden.

Cora Lee Kluges Anthologie ist eine kleine Sammlung, ein Ausschnitt auf das, was die amerikanische Literatur auch ist; ein “Melting Pot” der Einwanderer, unbeachtet und fast vergessen. Doch nicht ganz verloren. Denn der Blick zurück und die Suche nach dem, was die Immigranten niedergeschrieben haben, bereichert am Ende nur die amerikanische und durchaus auch die deutschsprachige Literatur.

Erschienen ist “Other Witnesses – An Anthology of literature of the German-Americans 1850 – 1914” im Eigenverlag des Max Kade Instituts der University of Wisconin.