Ulrike Almut Sandigs Missbrauchsroman: „Monster wie wir“

„Wenn man nicht darüberspricht, dann ist es nicht geschehen.“ So lautet der Schlüsselsatz im Roman von Ulrike Almut Sandig, der zunächst in der späten DDR spielt, dann in Frankreich und schließlich im Osten nach der Wende.

Ulrike Almut Sandig (Foto: Michael Aust/Stadt Erlangen)

Verinnerlicht haben den fatal falschen Satz die zwei zentralen Figuren des Buchs, die anfangs noch Kinder sind. Ruth, die als Ich-Erzählerin zurückblickt auf die Geschehnisse, und der schneeblonde Viktor, der mit seinem faltigen Lachen aussieht wie ein Troll. Die anderen Kinder gruseln sich vor ihm, Ruth nicht. So werden die beiden Freunde in einer Kleinstadt der DDR-Provinz – obwohl Ruth in einer Pastorenfamilie mit kleinem Trabi-Glück aufwächst, während Viktor, dessen Vater Parteifunktionär mit Privilegien und Posten bei der NVA ist, im Lada herumkutschiert wird.

Zwei unterschiedliche Haushalte, und doch regiert in ihnen das gleiche Schweigen. Dinge nicht zu sagen, mag eine Kernkompetenz unter dem SED-Regime gewesen sein, doch mit staatlicher Bespitzelung hat das Schweigen in diesem Buch nichts zu tun. Es ist ein universelles Schweigen, das überall regiert, wo Erwachsene sich an Kindern vergreifen.

„Die einen hatten Bisse am Hals. Die anderen rote Backen, Hintern oder blaue Rücken. Manche hatten beides. Das ist wie Karies, sagte Mutter im Vorbeigehen.“ Ruth spricht nicht über die Momente, in denen der Großvater sie auf seine Knie zieht und rhythmisch an ihrem Hals saugt wie ein Vampir. Viktor nicht über die Abende, an denen sich sein Schwager mit ihm in seinem Kinderzimmer einschließt, während seine Schwester nebenan den Fernseher lauter stellt. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen: der verhängnisvolle Dreiklang von Misshandlung und Missbrauch, der sich durch Familien zieht.

Die 41-jährige Autorin, aufgewachsen in Sachsen und 2016 bereits einmal zu Gast beim Erlanger Poetenfest, begann mit Lyrik, schrieb Kurzgeschichten und Songs. Mit „Monster wie wir“ legt sie ihren ersten Roman vor. Ein lyrischer Klang zeichnet auch ihn aus, zugleich weicht Sandig souverän allen Stolperfallen aus, wie sie eine literarische Annäherung an ein Thema birgt, das fast täglich Schlagzeilen liefert. Keine Empörungs-Haltung, kein Betroffenheitston richtet sich in ihrem Buch auf der Ebene moralischer Überlegenheit – und damit in sicherer Distanz zum Geschehen – ein.

Stattdessen bettet Sandig den Horror in den ganz normalen Alltag. Die Gewalt und die sexuellen Übergriffe finden mit der gleichen Selbstverständlichkeit statt wie Ausflüge zum Baggersee, Kohleschippen im Hof, Klettern in Apfelbäumen oder der gelegentliche Streit der Eltern. Ein kluger Kunstgriff, denn so en passant präsentiert, wirken die Szenen noch monströser. Dass die Vorkommnisse, über die keiner spricht, tatsächlich Ähnlichkeiten haben mit Karies – davon erzählen die nächsten Kapitel des Romans.

Wie kranke Zähne, die im Inneren zusehends verfaulen, ist die einst kindliche Seele für den Rest des Lebens durch ein Brandzeichen versehrt. Viktor trainiert sich alle Emotionen ab, alles Nachdenken aus dem Kopf und teilt jetzt selbst aus. Ruth spielt besessen Klavier, geht auf Tourneen durch die ganze Welt und versteckt ihre geschwollenen Augen hinter einer Sonnenbrille, wenn der Mann, den sie trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – liebt, wieder mal zugeschlagen hat.

Was Ruth, Viktor und allen anderen widerfährt, löst ein Echo aus, das sich endlos fortsetzt.

Tamara Dotterweich

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir. Roman. Schöffling & Co., 240 S., 22 Euro

Monika Marons frecher Roman „Artur Lanz“

Wann ist ein Mann ein Mann? Auch dann, wenn er aussieht wie eine schwangere Frau? Ein Bild, an das die alte Charlotte immer denken muss – nicht etwa beim Anblick von ausgewachsenen Bierbäuchen, sondern dann, wenn ihr zärtliche junge Väter begegnen, die ihre Kleinkinder vorne in einem Tuch tragen, fast schon mütterlich. Charlotte rümpft – man ahnt es – da nur die Nase.

Die Schriftstellerin Monika Maron (Foto: von Erichsen, dpa)

Aber so richtig sportlich und auf Maß getrimmt mag sie Männer auch nicht. Am schlimmsten: die Jogger, die sie beim gemütlichen Stadtspaziergang immer wieder von hinten und vorne bedrängen! „Ich hasste Jogger“, heißt es ganz explizit, weil Charlotte, jenseits von Gut und Böse, ja eh kein Blatt vor den Mund nimmt. „Für mich waren sie das Sinnbild des unkommunikativen, asozialen, rücksichtslosen, selbstbeschränkten und selbstoptimierenden Zukunftsmenschen.“ Hoppla.

So hat einst ein Thomas Bernhard über seine Heimat Österreich geschrieben. Und so schreibt – stellenweise – Monika Maron nun auch über Deutschland, oder eben das, was sie daran alles reizt, verärgert, in Rage versetzt. Charlotte Winter, ihr herrlich mürrisches Alter ego im neuen Roman „Artur Lanz“, hat einiges zu meckern und zu wettern, wenn es um den Zustand des Landes geht – und seine Männer.

Ein Mann sollte ja nicht nur ein Mann sein, nein, es wäre auch schön, wenn mal wieder ein paar Helden dabei herauskämen, gütig, aber wehrhaft und mit Opfermut. Die Anlagen sind doch da, zumindest beim Titelhelden, den die Schriftstellerin Charlotte, Ende 70, immer wieder auf einer Parkbank sitzen sieht, seltsam nachdenklich und verzagt, auffällig deplatziert neben den üblichen Säufergrüppchen. Natürlich spricht sie ihn an.

Artur Lanz: Das sind ja gleich zwei Helden auf einmal. Artur wie der sagenhafte König Artus, Lanz wie sein Ritter Lancelot. Mit diesen beiden im Kopf hat Arturs Mutter ihrem Sohnemann wohl auch den Vornamen gegeben. Aber hat dieser die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt? Er als geschiedener Physiker, 50 Jahre alt und erst unlängst von einem Herzinfarkt geschwächt?

Und überhaupt: Leben wir nicht längst in einem „postheroischen“ Zeitalter? Ein Wort, das Charlotte schier auf die Palme bringt. Als ob Heldentum etwas Böses und Blutiges sei, von deutscher und anderer Vergangenheit für immer geschändet – und so lästig wie Bismarckstatuen, die immer noch herumstehen.

„Die Helden sind vielleicht ausgestorben, aber nicht die Sehnsucht nach ihnen.“ Punkt. Charlotte – und Monika Maron – pfeifen ohnehin auf jede politische Korrektheit und all jene, die sie, vom Zeitgeist bestärkt, ihrer Umwelt vorschreiben wollen. Das macht „Artur Lanz“ zur anregend-amüsanten Lektüre, die genügend Stoff für Kontroversen bereithält.

Mit Gender-Sternchen oder gerade angesagten Ayurveda-Kuren braucht man Charlotte und ihrer ebenso resoluten Freundin Lady gar nicht erst zu kommen. Beim gemeinsamen Rotwein und der unerlässlichen Zigarette wird kräftig gelästert und Luft abgelassen.

Unerträglicher als Männer sind für beide eigentlich nur Frauen – dann, wenn sie sich defätistisch und denunziatorisch an deren endgültigem Fall zu schaffen machen. Mit der „alten Geschlechterordnung“ hatten Charlotte und Lady kein Problem. Wenn ihnen etwas nicht passte, haben sie es auch gesagt, selbst damals in der DDR, als eine Mitstudentin in politische Nöte kam, weil sie Wolf Biermanns Lieder hörte . . .

Man denkt an Handke, manchmal gar an Botho Strauß – so sehr reibt sich Maron am modernen Alltag und uns Angepassten, um doch noch irgendwie den verlorenen Mythos, die edel schimmernde Ritterrüstung freizulegen. Und bei Artur gelingt es ihr am Ende ja auch.

Der hatte schon einen ersten heldenhaften Moment, als er seinen geliebten Schnauzermischling, der mit der Leine davonlief und sich in einem Rapsfeld fast erdrosselt hätte, in einer selbstlosen Suchaktion retten konnte. Worauf ihm prompt die Frau, sich weniger geliebt fühlend, davonlief…

Nun steht eine neue Bewährung an: Ein Kollege von Artur ist mit kritischen Bemerkungen zur Umweltpolitik aufgefallen und wird – zu Unrecht – als rechtslastig verdächtigt (Monika Maron kennt die absurde Situation). Wird Artur helfen?

Er muss ja vielleicht gar kein Held sein – es reicht die nötige Portion Zivilcourage.

Wolf Ebersberger

Monika Maron: Artur Lanz. Roman. S. Fischer, 220 Seiten, 24 Euro.

Matthias Politycki und der Tod am Kilimandscharo

Ein Kilimandscharo-Roman? Sofort drängen sich Bilder von Ernest Hemingways berühmter Erzählung und ihrer Verfilmung auf. Dieser Gefahr war sich Matthias Politycki sicherlich bewusst, als er seinen Roman „Das kann uns keiner nehmen“ geschrieben hat. Die erzählerische Nähe zu Hemingway ergibt sich auch dadurch, dass der Tod in Polityckis Buch eine wichtige Rolle spielt.

Schriftsteller, Lyriker, Reisender: Matthias Politycki.
(Foto: Imago)

Matthias Politycki hat sich für Tansania als Schauplatz seines Romans entschieden, da er dort selbst vor 25 Jahren nur mit viel Glück dem Tod entronnen war. „Das kann uns keiner nehmen“ ist der Roman einer Männerfreundschaft, in dem allerdings auch zwei abwesende Frauen eine entscheidende Rolle spielen. Aber der Reihe nach.

Ich-Erzähler Hans ist ein Hamburger Schriftsteller, der nach Afrika zurückkehrt, um den Kilimandscharo zu bezwingen. Dort am Krater trifft er Tscharli, ein oberbayerisches Original, das ihn verächtlich als „Hornbrillenwürschtl“ und „Windelhansi“ bezeichnet. Trotz der anfänglichen und gegenseitigen Antipathie beginnt sich zwischen den beiden Männern eine Freundschaft zu entwickeln.

Tscharli, der nimmermüde Sprüche-klopfer und Macho, hat Afrika zu seiner zweiten Heimat erkoren. Die Einheimischen schätzen seine direkte Art und begegnen ihm ihrerseits mit einer Mischung aus Zuneigung und Respekt. Tscharli nennt sich abwechselnd King of Falula oder Simba One und kommuniziert – ohne jegliche politische Korrektheit – in einer Phantasiesprache, die mit bayerischen, englischen sowie Swahili-Begriffen durchsetzt ist.

Ois easy in Afrika! Politycki lässt die beiden so unterschiedlichen Protagonisten auch nach der Kilimandscharo-Besteigung viel Zeit miteinander verbringen und beschreibt so Stück für Stück, wie sich die Beziehung zwischen Tscharli und Hansi vertieft. Erstmals fallen dann auch die Namen Kiki und Mara – die stellvertretend für die große Liebe im Leben eines Menschen stehen.

Schließlich brechen die beiden Männer auf, um noch die Insel Sansibar mit dem Motorroller zu erkunden. Ein letztes Abenteuer für den schwer kranken und bereits stark geschwächten Tscharli, dessen Leben sich dem Ende zuneigt. Während Tscharli noch immer um seine Kiki trauert, erzählt Hansi von Mara, die ihm einst das Leben gerettet hatte, um ihn anschließend für immer zu verlassen.

„Das kann uns keiner nehmen“ ist Matthias Polityckis persönlichstes Buch, mit tiefen Einblicken in die menschliche Seele, dicht erzählt in schönen Naturbeschreibungen und authentischen Begegnungen mit Land und Leuten.

Ralf Nestmeyer


Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen
. Hoffmann und Campe, 302 S., 22 Euro.

Eine fränkische Dorfjugend: Oskar Roehlers neuer Roman

Oskar Roehler hat einen sensiblen Roman über den Aufbruch der BRD geschrieben – und über seine fränkische Dorfkindheit.

Regisseur und Autor: Oskar Roehler (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Auch Oskar Roehler ist ein Opfer der Pandemie. In diesen Tagen sollte der jüngste Film des Schriftstellers und Regisseurs in die Kinos kommen. Titel: „Enfant Terrible“.

Der Film handelt von Rainer Werner Fassbinder, einem schrecklichen Kind und wütenden Künstler aus den Tagen des deutschen Nachkriegs. Fassbinder wurde am 31. Mai 1945 geboren. Wir feiern den 75. Geburtstag des bekanntesten deutschen Filmemachers nach der Ära der Ufa, der am 10. Juni 1982 ausgebrannt war und gestorben ist.

Das Leben Fassbinders ist ein idealer Stoff für Roehler, der im eigenen Werk mit den Wunden des Lebens ringt. „Die Unberührbare“ war als Abrechnung mit seiner Mutter, der Autorin Gisela Elsner, sein bester Film. Sein letzter Roman „Selbstverfickung“ war eine rülpsende und kotzende Beschimpfung der Gegenwart in der Berliner Republik.

Auch Oskar Roehler ist ein Enfant Terrible der Kulturszene, wankend zwischen Meisterschaft und Enthemmung. Er wurde 1959 in Starnberg geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit bei den Großeltern in einem fränkischen Dorf. Offenbar war das eine selige Zeit.

Denn Roehler hat ihr den Roman „Der Mangel“ gewidmet, ein ungewohnt zärtliches und genaues Buch aus den Händen dieses Berserkers. Auch wenn die Beschreibung der Zeit in den beginnenden 60er Jahren eher an den dumpfen Aufbruch ins deutsche Wirtschaftswunder während der 50er erinnert, wird die Stimmung vor der Revolte von 1968 präzis umrissen:

Männer im gehetzten Karriere-Aufbau, Frauen als geisterhafte Haushaltswesen, das angstbesetzte Risiko der Schaffung von Wohneigentum in einer Flüchtlingssiedlung. Und die Fremdheit an einem Ort, dessen Bevölkerung aufgeteilt war zwischen utopiefreien Ureinwohnern und nie akzeptierten Fremden mit dem Hang zum Besseren.

So einfühlsam beschreibt Oskar Röhler die Männer der Aufbaugeneration: „Unsere Väter rauchten Pall Mall oder Rothändle ohne Filter. Sie hatten große Hände. Sie trugen nach Feierabend im Sommer Feinrippunterhemden. Sie waren einsilbig und wirkten arrogant. Wenn sie an ihren Zigaretten zogen, knisterte die Asche vorne an der Spitze, die immer länger wurde, bis sie irgendwann abfiel, denn unsere Väter waren oft tief in Gedanken versunken, und vergaßen die Asche an ihren Zigaretten. Sie wirkten einsam da draußen auf den Balkonen an der Landstraße.“

Atembeklemmende Atmosphäre schafft Roehler im ersten Teil seines Romans. Dann allerdings wird er ihm immer mehr zur Parabel eines sinnlosen Aufbruchs. Seitenlang schuften die Familien in den Lehmgruben der Gärten einer Siedlung, die nie fertig wird. Und dann wechselt der Autor vom erzählerischen „Wir“ zum „Ich“ und schafft die Legende einer ästhetischen Erziehung.

Der Schuleintritt wird zum brutalen und traumatischen Erlebnis. Doch ein anthroposophischer Nachbar macht das gerade sechsjährige Kind mit Kultur vertraut. Er liest Samuel Beckett oder gar James Joyce, Stanislaw Lem oder Thomas Bernard vor und macht es in der Münchner Pinakothek gleich mit Francis Bacon vertraut.
Hier grenzt der Autor die Welt der Intellektuellen sehr hart von der anderen Wirklichkeit der Selbstzufriedenen ab. Lebensglück resultiert daraus allerdings nicht. Eines der gebildeten Kinder endet als Mann zerschmettert auf einer Bohrinsel.

Und auch über den Ich-Erzähler kommt das Verhängnis – Oskar Roehlers Werk wird, wie fast immer, autobiografisch und bitter. Eines Tages holt der „richtige Vater“ das Kind aus dem dunklen Idyll. Dieser „richtige Vater“ war der Schriftsteller Klaus Roehler, mit dem Oskar nur in Krise lebte.
In „Der Mangel“ verzeiht er ihm am Ende mit einem Segenskreuz aus Urin. Das schreckliche Kind reckt sich wütend aus dem sensiblen Beobachter der Bundesrepublik am Beginn des Wirtschaftswunders hervor.

„Der Mangel“ ist trotzdem die Lektüre wert.

Herbert Heinzelmann

Oskar Roehler: Der Mangel. Roman. Ullstein Verlag, 170 S., 23 Euro

Daniel Immerwahr über das „Imperium“ USA

Es ist eine Selbstverständlichkeit unter vielen Europäern, dass die USA immer noch eine Imperialmacht sind. Unter einem Rüpel wie Präsident Donald Trump wird dies wieder einmal mehr als deutlich. Denn zu chauvinistisch und egoistisch benehmen sich die USA wieder einmal, wenn sie sich zur Weltpolizei aufbauschen, was doch nur ein Euphemismus für Imperialismus oder Neokolonialismus ist.

Autor Daniel Immerwahr (Foto: Pamela Krayenbuhl / S. Fischer Verlag)

Doch die USA sind nicht von ungefähr ein Imperium, und Trump schließt an eine koloniale Tradition an, wenn er Nichtbürgern des Kernlandes Menschenrechte abspricht, oder versucht, Barack Obama als Nichtamerikaner zu diffamieren.

Wie kommt es also, dass ein Staat, der sich selbst als Republik versteht und sich von einer monarchischen Kolonialmacht (Großbritannien) befreite, zum Imperium wird? Der US-amerikanische Historiker Daniel Immerwahr geht dem auf dem Grund. In seinem neuen Buch „Das heimliche Imperium“ untersucht er, wie die Vereinigten Staaten zur modernen Kolonialmacht wurden: zu den „Greater United States“.

Damit kritisiert Immerwahr das Narrativ von Karten, die die USA immer nur als Festland darstellen, ohne die vielen annektierten Gebiete kartographisch darzustellen. Dabei gehörten oder gehören Gebiete wie Alaska, die Philippinen, Puerto Rico, Hawaii auch zu den USA. Denn, während andere Imperien ihre Kolonien als Statussymbole nutzten, sind die USA hier verhaltener. Sie wollten doch die Rebellen sein, nicht das dunkle Imperium.

Es begann mit dem spanisch-amerikanischen Krieg Ende des 19. Jahrhunderts, als Amerika die Philippinen erhielt, aber den Kolonien das Bürgerrecht verweigerte, so wie den nordamerikanischen Siedlern einst das „Recht des Engländers“ verwehrt worden war.

Von den Unabhängigkeitsbewegungen, denen die US-Politik mal wohlwollend, mal ablehnend gegenüberstand, von denen der US-Bürger aber kaum etwas mitbekam, geht Immerwahr aus und fokussiert daraufhin vor allem die Zeit der Weltkriege. In dieser Phase stiegen die USA zur Supermacht auf.

Abgesehen von Kolonien – vor allem kleinen Inseln –, die nötige Rohstoffe zur Verfügung stellten, konnten sich die USA auch durch zwei Aspekte als imperiale Macht durchsetzen: Erstens setzte sich Englisch als Weltsprache durch, zweitens ging die Normierung technischer Geräte zur Vereinheitlichung von Amerika aus.
Dabei ist dieser Staat aber auch in doppelter Hinsicht ein aufsehenerregendes, ambivalentes Imperium: Denn zum einen gaben die USA freiwillig, ohne Unabhängigkeitskrieg, einige Kolonien auf – eine historische Einmaligkeit. Zum anderen aber hat kein anderes Land mehr Militärstützpunkte im Ausland als die USA, wodurch sie ein „pointillistisches“ Imperium wurden.

Mit Witz und Charme, ohne dabei kritische Noten zu vergessen, beschreibt Immerwahr die imperiale US-Außenpolitik. So legt er ein gut lesbares und hochinformatives Werk vor, zu einem, zwar vage bekannten Thema der amerikanischen Geschichte, das aber selten mit diesem Fokus geliefert wird. Dabei betreibt der Historiker einen Rundumschlag von Außenpolitik über Militär- und Technikgeschichte bis zum Alltag der kolonisierten Völker.

Getrübt wird Immerwahrs Leistung durch einige Versäumnisse: Etwa spielt die Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner, bis hin zum Genozid, eine eher marginale Rolle. Auch der Kalte Krieg wird kaum erwähnt.

Nach den Weltkriegen macht der Autor einen Zeitraffer und kommt erst wieder auf den „War on Terror“ detailiert zu sprechen. Bekanntermaßen werden hier Freiheitsrhetorik und Demokratisierung kombiniert mit einem kriegerischen Expansionsdrang – was das Paradox des US-Imperialismus zusammenfasst.
Man darf die USA neutral als Imperium bezeichnen, da sie Kolonien und ausländische Militärstützpunkte besitzen – nicht wenige davon in Deutschland.

Doch gerade unter Trump wird klar, dass man die USA auch negativ als Imperium sehen kann: Als ein machtvoller Staat, der rücksichtlos schwächere Staaten schlägt, mit den NATO-Säbeln rasselt oder die pure Macht des Geldes in Krisenzeiten (wie Corona) als Druckmittel nutzt, etwa gegen die WHO. Erhellend, informativ, lebensnah.

Philip Dingeldey

Daniel Immerwahr: Das heimliche Imperium. Die USA als moderne Kolonialmacht. S. Fischer, 713 S., 26 Euro.

Kein „Fehlstart“: Marion Messinas starkes Debüt

Nein, ein „Fehlstart“ ist Marion Messinas gleichnamiger Debütroman wahrlich nicht. Er ist eine überzeugende, eindringliche Mischung aus Coming-of-Age-Story und literarischer Sozialstudie, die anrührt, nachdenklich und wütend macht.

Autorin mit Perspektiven: Marion Messina. (Foto: Le Dilettante/Hanser)

Bissig-humorvoll erzählt Messina die Geschichte der neunzehnjährigen Aurélie, die dem Arbeitermilieu von Grenoble entstammt. Als erste in ihrer Familie strebt sie eine höhere Bildung an. Nach dem Abitur immatrikuliert sie sich für ein Jurastudium – eine Entscheidung, die sich rasch als Fehlstart ins neue Leben entpuppt. Denn die Universität erweist sich als Ort von Eitelkeiten, Mittelmäßigkeit und Inkompetenz.

Glücksmomente erlebt Aurélie lediglich mit Alejandro, einem jungen, beziehungsunfähigen Kolumbianer, der selbst in prekären Verhältnissen lebt. Als er sie verlässt, droht Aurélie in ein Loch zu fallen. Sie tritt die Flucht nach vorne an – und zieht nach Paris, von jeher Sehnsuchtsort vieler Franzosen aus der Provinz.

Doch die Hauptstadt zeigt sich von ihrer wenig glamourösen Seite: als brutaler Großstadtdschungel, in dem jeder sich selbst am nächsten ist. Aurélie findet einen schlecht bezahlten Job als Empfangsdame. Auf Abruf angeheuert, besteht ihre Aufgabe vor allem darin, anwesend zu sein und zu lächeln. Bald erkennt sie: es sind die Sprossen eines Hamsterrads, nicht der ersehnten Karriereleiter, an denen sie sich tagtäglich entlanghangelt.

Aus Geldnot wohnt sie in einer Jugendherberge, teilt sich dort ein Zimmer mit anderen. Als sie den zwanzig Jahre älteren Franck kennenlernt, geht Aurélie mit ihm eine Beziehung ein. Bei ihm findet sie Unterschlupf, obwohl sie ihn nicht liebt. Denn das hat Aurélie inzwischen verstanden: auch Gefühle sind in einer Konsumwelt eine Ware, die von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Kalkül und Indifferenz eingeschlossen.

Frankreich – krisengeschüttelt und orientierungslos – zehrt noch von Glanz und Dünkel der einstigen „grande nation“ – doch die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drohen zu hohlen Phrasen von Sonntagsrednern zu verkommen. Die Eliten bleiben unter sich, Klassenunterschiede scheinen unüberwindbar.

Bildung allein, so Aurélies schmerzliche Erkenntnis, ist nicht der Schlüssel zu Wohlstand und Teilhabe. Ihr Traum von ökonomischem Fortkommen und Selbstverwirklichung platzt schnell. Wie andere französische Gegenwartsautoren, Didier Eribon oder Nicolas Mathieu, ermöglicht Messina dabei ungeschönte Einblicke ins Arbeitermilieu – nüchtern und unbarmherzig.

„Fehlstart“ ist ein sarkastischer Abgesang auf die französische Gesellschaft, auf ein Land im Niedergang, wirtschaftlich, politisch wie moralisch. Eine alle Lebensbereiche umfassende Abrechnung mit dem modernen Prekariat und seinem mediokren Bildungssystem, mit Wohnungsnot und Migrationsproblemen – soziologisch unterfüttert, mit essayistischem Unterton.

Frankreichs Presse feierte Marion Messina gar als „weiblichen Houellebecq“. Doch Messina thematisiert Entwurzelung, Perspektivlosigkeit und die Auswüchse ungehemmter, neoliberaler Ausbeutung nicht – wie Michel Houellebecq – am Beispiel neurotisch-obsessiver Erotomanen, sondern an einer jungen Durchschnittsfranzösin.

Aurélies vorgezeichnetes Scheitern macht die Lektüre des Romans umso ergreifender und schmerzhafter. Denn sie steht stellvertretend für eine junge, zunehmend desillusionierte Generation, die sich vom
„System“ um ihre Hoffnungen und Träume betrogen fühlt. „Es war ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens.“

Felice Balletta

Marion Messina: Fehlstart. Hanser, 166 Seiten, 18 Euro.

Elizabeth Strouts neuer Roman „Die langen Abende“

Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ hat Elizabeth Strout vor gut zehn Jahren den Pulitzer-Preis bekommen. Er wurde ein Bestseller. Seine Protagonistin, die Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, kehrt im neuen Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin zurück. Es steht in der Lesergunst bereits weit oben.

Ausgezeichnete Autorin: Elizabeth Strout (Foto: Imago)

Olive ist älter geworden. Aber auch mit Mitte 70 zeigt sich diese Frau so barsch wie eh und je. Von Altersmilde ist zumindest zu Beginn des Romans „Die langen Abende“ wenig zu spüren. Anders als die meisten ihrer Mitmenschen, die wie sie an der spärlich besiedelten Küste des nordöstlichen US-Bundesstaates Maine leben, ist sie aber vielleicht einfach nur ehrlich.

Auch schöner, im herkömmlichen Sinn, ist Olive mit den Jahren nicht geworden: „Groß, wuchtig; mein Gott, war sie eine seltsame Frau.“ Das denkt der nur wenig ältere Jack Kennison über sie, trotzdem hat er sie kürzlich auf den Mund geküsst. Und wartet nun so ungeduldig wie ein Teenie darauf, dass sie ihn anruft.
Beide sind verwitwet; beide wissen, dass eine neue Bindung im Alter – der Zeit schlaffer Haut und quellender Bäuche – nicht einfacher wird, ganz zu schweigen von den Marotten, die jede(r) im Gepäck hat.

Und was man noch zu erwarten hat im Leben – Prostata-OPs, anstrengende Enkel, Seniorenheim – hebt die Laune beim Alleinsein auch nicht. Trotzdem ruft Olive natürlich nicht an. Vorerst.

„Die langen Abende“ umfasst einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Strout bleibt ihrem erzählerischen Mittel treu, teilt ihren Roman in viele einzelne Kapitel auf. Nicht in allen ist Olive die Protagonistin, bisweilen taucht sie nur in einer Begegnung am Rand auf, oder ihr Name fällt in einem Gespräch.

An Stelle von Olive nimmt die Autorin dann andere Figuren ins Visier. Dabei genügen ihr nur wenige Seiten, um dem Kaleidoskop des Lebens, das sie entwirft, neue Facetten hinzuzufügen.

Da ist Suzanne, die völlig aufgelöst an die Küste kommt, weil in dem Brand, der ihr Elternhaus zerstört hat, auch ihr 83-jähriger Vater ums Leben gekommen ist. Da ist Cindy, erschöpft von einer Chemotherapie, die über das geheimnisvolle Licht des Februars nachdenkt. Oder Denny, der sein Leben „wie ein Stück Rinde auf einem Fluss“ empfindet, weil er nie den Mut hatte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Die meisten Figuren blicken zurück und decken viel Unschönes dabei auf: man begegnet Familiendramen und anderen Tragödien, jeder Menge Ehebrüche, früher Einsamkeit, Verbrechen, Schuldgefühlen, Verletzungen, die nicht heilen wollen.

All die Blessuren, die man sich im Ringkampf mit dem Leben so zuzieht; in den Pausen, wenn es gilt, Kraft zu sammeln vor der nächsten Runde, schlägt man sich mit der Frage herum, wer man eigentlich ist. Aber eine Antwort darauf gibt es nicht; daran lässt die 67-jährige Autorin wenig Zweifel.

Die Innenwelt ihrer Figuren beschreibt Strout ungeschminkt und intensiv; Platz für Illusionen ist da kaum. Vor allem in den inneren Monologen fördert sie zutage, was die Menschen bewegt, als würde sie mit einem Mikroskop unter ihre Haut dringen – und unter die Haut gehen sie auch, diese Geschichten.

Aber – Überraschung! – es ist dennoch kein deprimierendes Buch. Die Schrullen und Schrammen der Figuren machen sie erst zu unseren Mit-Menschen, zu Gegenübern, in denen wir uns wiedererkennen – wohl oder übel.

Und dann, ganz unerwartet, gibt es liebevolle Gesten, zugewandte Gespräche, Zeichen zärtlicher Nähe. Sogar von Olive.

Tamara Dotterweich

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, 352 Seiten, 20 Euro

Joshua Groß und sein Roman „Flexen in Miami“

Ein paar gute Jahre lang hat Joshua Groß in Nürnberg geschrieben und gelebt. 2018 las er beim renommierten Bachmann-Preis. Jetzt setzt der Berliner Verlag Matthes & Seitz auf ihn: „Flexen in Miami“ heißt sein neuer Roman.

Joshua Groß beim Erlanger Poetenfest 2016 (Foto: Ralf Rödel)

Die Welt war schon immer fantastisch am Interessantesten in den Büchern von Joshua Groß. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn er in seiner „Novelle aus dem Spätkapitalismus“ namens „Magische Rosinen“ die Politikerin Sahra Wagenknecht von einem Rapper Mascarpone „entwaffnen“ ließ?

Bereits die Titel seiner Romane waren Ausgeburten an guter Fantasie. Mit dem Debüt „Trost von Telefonzellen“ fing das 2013 im Fürther Nischenkunst-Verlag Starfruit an. Im nach Österreich an den Grundlsee verlagerten Spaghetti-Western „Faunenschnitt“ setzte Groß einen Erzählstil fort, in dem Roberto Bolaño anklang, aber auch Philipp K. Dick.

Einen Sound, der dann auch in die Erzählung „FLAUSCHkontraste“ (2017) einging, in der von einem Aufzugrennen im Sheraton ebenso die Rede war wie von einer erotisch angehauchten Straßenbekanntschaft im Stadtteil St. Johannis. Wobei sich der junge Held dann bezeichnenderweise lieber in ein Computerspiel flüchtete, statt mit der „Einhornfrau“ Sex zu haben.

Wenigstens in dieser Hinsicht ist die Hauptfigur in Groß’ neuem Buch breiter aufgestellt, der er als Autor frivol sein Alter Ego andichtet. Ungewollt wird die Quallenforscherin Claire von ihm schwanger. Dass eine Zeit lang auch sein Lieblingsrapper Jellyfish P als Vater in Frage kommt, nährt die Spannung. Falls es denn in diesem Buch überhaupt eine gibt.

Denn aufregend ist wenig im Leben des Traumtänzers, den wir als Kiffer und Müßiggänger, Cyber-Junkie und Rap-Fan, Literatur-Stipendiaten in Miami kennen lernen und den Drohnen mit Essen und Geld versorgen: „Ich verbrachte viel Zeit mit Twittern, meinen Marihuanavorräten und halbesoterischen Büchern. Ich lebte genau genommen das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte“.

Die Entdeckung der Langsamkeit haben andere eindringlich beschrieben. Groß gelingt das nicht. Überhaupt frisst sich im Erzählen des 1989 in Grünsberg bei Altdorf geboren Autors eine Schlendriansprache ein, die auf Dauer nervt: Das Handy ist ausschließlich ein „Phone“. Anstelle zu gehen oder zu verschwinden wird „geschlurcht“. Und selbst einer Großmutter jubelt Groß noch ein Wort wie „Lifestyle“ unter. Wie „wavig“ ist das denn?

Schon kapiert: Wer zu Groß greift, sucht nicht Grass. Und mit den Requisiten von Roadmovie bis Science-Fiction kennt der inzwischen in Braunschweig lebende Schriftsteller sich durchaus aus. Ein sprechender Kühlschrank etwa meint es mit dem laschen Helden in Miami nur gut, wenn er sagt: „Ich bin froh, dass du endlich zurück bist, Joshua. Ich habe mir schon Sorgen um dich und die Nahrungsmittel gemacht, die ich für dich besorgt habe.“

Sein literarisches Spiel mit den Reizen von Sci-Fi und Horror, Virtualität und auch Noir läuft Groß aber spätestens dann aus dem Ruder, wenn er ausufernd über ein Computerspiel schreibt: „Die Spams führten obszöne Tänze in Cloud Control auf, sie vergewaltigten und folterten die Avatare; sie schlitzten ihnen lachend die Kehlen auf, das Blut tropfte verpixelt und monochrom und glitzernd aus offenen Hälsen. Aber die Spams passten gleichzeitig auf, dass die Avatare nicht starben, sie gaben ihnen sogar Algenkompott, damit sich die Energiebalken wieder auffüllten, um sie von Neuem foltern zu können.“

In der Sprache der „Gamer“ gesprochen: Mit solchen Sequenzen hat der Autor sein Buch leider verzockt.

Christian Mückl

Joshua Groß: Flexen in Miami. Matthes & Seitz, 199 Seiten, 14,99 Euro.

Karl Schlögel über Chanel und die Russen: „Der Duft der Imperien“

Karl Schlögel, einer der besten Kenner der osteuropäischen Geschichte, ist ein begnadeter Erzähler. Ihm gelingt es, Geschichte in Geschichten aufzulösen, ohne dabei die übergeordneten Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. In seinem neuen Buch „Der Duft der Imperien“ erzählt er von den Parfüms „Chanel Nr. 5“ und „Rotes Moskau“.

Grandioser Erzähler: Karl Schlögel (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Coco Chanels Duft steht für Luxus, Mode und den Aufbruch in die Moderne. Kreiert wurde er 1920. „Rotes Moskau“ ist ein Parfüm, mit dem der Kommunismus 1927 seine menschliche Seite zeigen wollte und dem allgemeinen Bedürfnis nach spielerischer Eleganz entgegengekommen ist.

Vor der russischen Revolution waren Düfte nur etwas für Reiche. Beide Parfüms stehen als Marken für westliche und östliche Imperien. Beide haben aber eine gemeinsame Wurzel und beide Düfte wurden von starken Frauen durchgesetzt.

Für Schlögel beginnt die gemeinsame Geschichte 1913 mit der Komposition des Parfums „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ Anlass war das 300-jährige Regierungsjubiläum der Romanows. Das Parfum, das an die aus Anhalt-Zerbst stammende Zarin Katharina die Große erinnern sollte, wurde nach Beginn des Ersten Weltkriegs in „Rallet Nr. 1“ umbenannt. Der Verweis auf die Deutsche Katharina war den russischen Kundinnen in Kriegszeiten nicht mehr zumutbar.

Geschaffen hatte das Parfum die russisch-französische Firma Rallet in Moskau, die nach Ende des Ersten Weltkriegs wieder nach Frankreich zurückkehrte. Mit dabei Chefparfumeur Ernst Beaux, der die Rezeptur von „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ kannte, und der für die Zusammensetzung von „Chanel Nr. 5“ in Frankreich verantwortlich war. Es war eine Weiterentwicklung des russischen Ursprungsdufts.

Parfumeur Auguste Michel, der ebenfalls bei Rallet gearbeitet hat und der die Duftkompositionen kannte, wurde vom Moskauer Duftkonzern Brokar abgeworben. Da er seinen Pass verloren hatte, konnte er nicht mehr nach Frankreich ausreisen. Nach der Verstaatlichung des Betriebs unter dem neuen Namen TeShe wurde dann „Rotes Moskau“ entwickelt, das allerdings nur ganz entfernt an den Romanow-Duft
erinnerte.

Protegiert wurde das „Rote Moskau“ von Polina Shemtschushina-Molotowa, der Frau des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow. Schlögel gelingt es, anhand der Biographie der beiden Frauen Chanel und Shemtschushina eine kleine Kulturgeschichte der Düfte und der Moden in den jeweiligen Gesellschaften zu schreiben.

Wie sich Chanel, die früh auf die modische Moderne setzte und Bekleidung für Frauen auf das angenehm Tragbare reduzierte: Das bedeutete eine Abkehr von schweren und mit Mustern überbordenden Kleidern. Frauen sollten sich schick und praktisch anziehen können.

Chanel, die aus ganz armen Familienverhältnissen stammte, wurde zur Stilikone. Es gelang ihr, mit Mut und Kreativität, mit vielen Ideen, einflussreichen Männern und einem opportunistischem Geschick gegenüber Vertretern des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg in Frankreich eine Modeimperium aufzubauen. „Chanel“, das ist seit den 50er Jahren eine Weltmarke.

Shemtschushina wiederum leitete zunächst den sowjetischen Parfumtrust TeShe, dann die Abteilung für die Textil- und Galanterieindustrie, später wurde sie Kommissarin für Kosmetik. Auch sie unterstützte neue Formen der Bekleidung, die sich gut tragen lassen und Frauen gut aussehen lassen. Sie kümmerte sich außerdem um die Parfum- und Salbenindustrie.

Shemtschushina hatte in den 30er Jahren exzellente Beziehungen zum diplomatischen Korps und ins Ausland. Ihre Einladungen sollen legendär gewesen sein. 1949 wurde sie überraschend zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Es half ihr nichts, dass sie stets eine glühende Stalinistin war. Diese Haltung änderte sich auch nicht durch die Verbannung. 1953 kehrte sie aus Sibirien zurück, erhielt aber keinen einflussreichen Posten mehr.

Und das „Rote Moskau“ – es ist inzwischen fast vergessen. Die Originalrezeptur wurde noch nicht wiedergefunden. Schlögel hat darüber ein lesenswertes und sehr unterhaltsames Buch geschrieben. Er weckt die Neugierde auf Bereiche der Geschichte, die bislang nur wenig bekannt waren und überrascht immer wieder mit neuen Bezügen. So hat man den Siegeszug von „Chanel Nr. 5“ jedenfalls noch nicht gekannt. Und der Leser lernt daraus, dass nicht nur Bücher eine Geschichte haben, sondern auch Parfüms.

Übrigens: Von Karl Schlögel ist zuletzt auch eine erweiterte Neuausgabe seines Buchs „Das russische Berlin“ erschienen, eine Reise in das untergegangen Berlin der 20er und 30er Jahre. Auch hier: Die große Geschichte löst sich in viele kleine, anschauliche Geschichten auf.

Wer Zeit hat zum Schmökern, der kann sich in Schlögels Universen verlieren. Es sind wunderbare Leseerlebnisse.

André Fischer

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. Chanel Nr. 5 und Rotes Moskau. Hanser, 221 Seiten, 23 Euro.
Das russische Berlin. Suhrkamp, 667 Seiten, 38 Euro.

Frau und Hund: „Der Freund“ von Sigrid Nunez

Was tun, wenn Apollo mit ins Bett möchte? „Der Freund“ ist nicht das erste Buch der US-Amerikanerin Sigrid Nunez, doch war die 69-Jährige bislang eher ein Geheimtipp. Das hat sich geändert, seit sie für ihren neuen Roman den National Book Award bekam. Damit hat sie auch hierzulande einen Bestseller gelandet.

Clever: US-Autorin Sigrid Nunez (Foto: Ettlinger, Aufbau)

Man könnte dieses Buch eine Sensation nennen, wenn sein zurückgenommener Stil, seine Scheu vor allem Vordergründigen diesen Begriff nicht unangemessen erscheinen ließe. Die Ich-Erzählerin schreibt darin an einen langjährigen Freund, der sich kürzlich das Leben genommen hat.

Eine Art Brief also. An einen Toten? Keine schlechte Adresse für die Selbstgespräche, die Briefe durchaus sein können. Besonders, wenn eine Antwort nicht zu erwarten ist. Dazu muss der Empfänger nicht unbedingt gestorben sein.

Die Erzählerin lässt die Jahrzehnte der Freundschaft Revue passieren und versucht, den Kern dieser intensiven Beziehung zu ergründen, zärtlich und reflektiert zugleich. Es gibt manches, was diesen ehemaligen Uni-Lehrer von ihr, dessen Kollegin sie später wurde, in ein fragwürdiges Licht rücken könnte: Neben seinen drei Ehen pflegte er auf dem Campus – den er als legitimes Jagdrevier betrachtete – mit großer Selbstverständlichkeit unzählige erotische Eskapaden mit Studentinnen.

Auch mit der Erzählerin ging er, als sie noch seine Studentin war, einmal ins Bett (ein Fehler, wie er danach sagte!) und hakte es ab wie ein gescheitertes Experiment – ohne sich zu fragen, was es ihr bedeutet haben könnte. Verbunden blieben sie aber nicht zuletzt durch eine andere gemeinsame Leidenschaft: die Liebe zur Literatur.

Die Erzählerin, die um die 60 sein dürfte, lebt offenbar seit langem allein und zurückgezogen in einem kleinen Appartement in New York, das sie in erster Linie nur verlässt, um an der Universität Schreibkurse zu geben.

Das ändert sich mit dem Tod ihres Freundes, denn eine seiner Ehefrauen vermacht ihr dessen Hund, eine beeindruckende Dänische Dogge, mit der sie ab sofort die Wohnung teilt und die ausgedehnte Spaziergänge einfordert.

Das tischhohe Tier heißt Apollo und ist für sie zunächst nur eine postume Verbindung zu seinem einstigen Besitzer. Doch mit irritierendem Nachdruck beansprucht Apollo einen Platz in ihrem Bett, legt ihr „seine massive Pfote, so groß wie eine Männerfaust, mitten auf die Brust und lässt sie dort“.

Es beginnen Grenzen zu verschwimmen und zwar weitaus vielschichtiger, als man zunächst annimmt. Schon allein dieser Name: Apollo. Wird der tote Freund wiederum anfangs nicht einmal als Romeo bezeichnet. . .?

„Der Freund“ nennt sich Roman, ist aber ein Buch, das weniger von etwas handelt, als von vielem spricht: von Freundschaft und Liebe, vom Miteinander der Menschen, ihren Gemeinsamkeiten, ihren Einsamkeiten; von Trauer und Schmerz, vom Trost in der Literatur. Immer wieder nimmt die Erzählerin Zuflucht zu anderen Schriftstellern, den Selbstmördern Kleist und Virginia Woolf, dem Tierfreund Rilke, den wundersamen Märchen Hans Christian Andersens.

Dabei dient ihr nicht das eigene Empfinden als Maßstab, sie formuliert Sätze oft als Fragen, stellt auch sich selbst, was sie denkt und schreibt, zur Disposition. Gewissheiten sind etwas für Feiglinge, und es dürfte aufmerksame Leser(innen) kaum überraschen, wenn sich am Ende des Romans auch noch die letzten auflösen.

Es ist auch das vorsichtige Formulieren, der bewusst unspektakuläre, aber subtile Blickwinkel einer Suchenden, der diesen komplexen Roman zu einem empathischen, immer wieder ergreifenden Buch macht – ohne die Fähigkeit zum (Mit-)Gefühl je auszustellen, auch ohne einen Hauch Sentimentalität. Für feine Ironie sorgen dabei Seitenhiebe auf den heutigen Literaturbetrieb.

Was Apollo angeht: mit ihm erfüllt die Erzählerin ihrem Menschenfreund einen Wunsch. Es war vielleicht sein letzter. Vielleicht aber auch nicht.

Tamara Dotterweich

Sigrid Nunez: Der Freund. Roman. Deutsch von Anette Grube. Aufbau, 235 S., 20 Euro