Jonas Lüschers böse Satire: „Kraft“

Mit seinem hochgelobten Roman „Kraft“ ist Jonas Lüscher am 18. Mai 2017 um
19.30 Uhr zu Gast im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg. Auch bei „Lesen!“ in Fürth wird er in Kürze auftreten (27. Juni, Kulturforum).

Bereits mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ sorgte der Schweizer Autor vor ein paar Jahren für Aufsehen – auch zum Erlanger Poetenfest wurde er damals geladen. Da hatte sich Jonas Lüscher die große weite Welt der Banker vorgenommen und bereits als Debütant bewiesen: Hier kommt keiner ungeschoren davon!

Lüscher, Jahrgang 1976, zeigte als angehendes satirisches Talent schon die allerschärfsten Krallen, stilistisch dazu fein manikürt. Manchmal könnte man bei dem in München lebenden Autor fast an Thomas Mann denken, so gezwirbelt geht es hier zur Sache – oder sagen wir: Max Goldt.

Diese Kraft hat ihn auch bei seinem jetzt vorliegenden ersten Roman nicht verlassen. „Kraft“, so der Titel, bezieht sich aber zunächst auf die Hauptfigur. Richard Kraft eben, Professor der Rhetorik aus Tübingen – genau, ein Nachfolger des berühmten Walter Jens! Der ist, trotz akademischer Ehren, privat jedoch die personifizierte Schwäche. Und nun entsprechend frustriert von längst kriselnder Ehe (Heike) und lästiger Vaterschaft (Zwillinge), zudem finanziell erschöpft. Aus einer früheren Verbindung müssen auch noch zwei Söhne versorgt werden . . .

Rettung in der Not – die er sich freilich vielleicht nur einbildet – verspricht nun die irrwitzige Ausschreibung eines im Silicon Valley reichgewordenen Deutschen, der demjenigen Forscher eine Million Dollar stiften will, der den besten Vortrag hält zum doch sehr amerikanischen Thema: Die Welt ist gut, wie sie ist – wie machen wir sie noch besser? Besser natürlich im Sinn von lukrativer. Die Computerindustrie will auch in Zukunft kräftig verdienen.

Kraft jedenfalls beißt an – zu verführerisch lockt der Köder, durch den er ein paar Wochen der Familienhölle in Kalifornien entkommt. Und der Macht der Wirtschaft war er ja schon immer zugetan – bereits während des Studiums in Berlin, wo sich Kraft mit liberal-radikalen Positionen zum Exoten im linken Uni-Milieu der 80er Jahre machte, vielleicht auch nur aus Berechnung.

Die Wiederbegegnung mit einem ungarischen Freund von damals führt nun in Stanford zu einer umfassenden Revision seines Lebens – politisch, philosophisch und paartechnisch. Gerade was seine Frauengeschichten angeht, hat Kraft genug in petto, das Jonas Lüscher pikaresk schildern und mit Peinlichkeiten aller Art polstern kann.

Dem Autor gelingt es spielend, ihn zum sympathischen Unsympathen zu machen, zum „Schwafler“ und elenden Tölpel, der nicht mal zum Paddelausflug taugt – aber den Leser doch mit seinen Gedanken und grotesken Einlagen bei Laune hält.

Die Katastrophe, ahnt man bald, nimmt unweigerlich ihren Lauf!

Wolf Ebersberger

Jonas Lüscher: Kraft. Roman. C. H. Beck, 237 S., 19,95 Euro.

Milena Moser hinter den blauen Bergen

Sie ist ein Pferdemädchen. Sie ist eine Frau in der Mitte des Lebens. Sie hat Ängste und Zweifel. Und sie hat noch mehr Mut. Sie – das ist Milena Moser. Die Schweizer Autorin macht sich wieder einmal auf, ihr Leben umzukrempeln.

Ein Pferdemädchen also. Wirklich? Und auch noch ein Pferdemädchen mit Trauma! Das kann ja heiter werden, denkt man nach der Lektüre der ersten beiden Buchseiten… Und siehe da – das wird es auch. Auch dieses Mal.

Dafür begibt sich Moser nach Santa Fe. Hier, in den USA sucht sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Heimat. Und sich. Vieles lässt sie dafür zurück – Familie, Freunde, Besitz. Ihr Ziel ist ein kleines Häuschen, ihre „Casita“, wie sie es spanisch nennt, das sie auf einem Roadtrip erworben hat. Schreiben will sie hier, bei sich sein nach ihrer Scheidung. Ein neues Leben beginnen.

Dass sie das kann, hat sich Milena Moser immer wieder bewiesen. Und dennoch will sie es ein weiteres Mal wissen. Mit im wenigen Gepäck reist die bange Frage: „Kann ich mich noch einmal verlieben?“

Auf dem Weg zu diesem neuen Leben kommt er ihr dazwischen – der Mann, mit dem sich diese Frage recht schnell beantwortet. Ein mexikanischer Künstler, dem das Leben einiges abverlangt hat und der doch unerschütterlich mitten im selbigen steht. Doch so, wie Victor Teil ihres Lebens wird, wird er auch nur ein Teil ihres Buches „Hinter diesen blauen Bergen“. Dorthin, nach Santa Fe, reist sie schließlich doch noch nach einem ungeplanten Aufenthalt in San Francisco – im Atelier des Künstlers.

Damit beginnt die eigentliche Reise – das Abenteuer, die neue Heimat Stück für Stück zu erobern. Doch ihr Mut beschränkt sich dabei nicht nur darauf, sich auf Neues, unbekanntes Terrain zu wagen, sondern er zeigt sich auch darin, dass sie sich dabei in die Seele schauen lässt. Die damit verbundenen Ängste und Zweifel teilt. Dabei gelingt ihr auch dieses Mal wieder das typische Milena-Moser-Kunststück.

Was bei anderen Autoren schnell zur Nabelschau wird – gern auch noch mit einer Portion Larmoyanz versehen – wird bei ihr zur guten Unterhaltung: leicht, ohne oberflächlich zu sein, informativ, ohne zu belehren, vermittelt sie Geschichte in Geschichten.

Wie nebenbei macht sie die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems erlebbar, die Willkür der US-Behörden, wenn es nur um die Vergabe eines Führerscheins geht, erfährt etwas über die in New Mexico lebenden Indianer und die dortige Künstlerszene. Oder über die Befindlichkeiten der Schweizer, was auch in einem Nebensatz verpackt Wucht entfaltet. Denn auch darum geht es – um nationale Identität.

Und nur, indem sie einem Straßenverkäufer eine Zeitung abkauft, lernt man einen ehemaligen Raketenbauer der NASA kennen, der beruflich nach oben schoss und den das Ende des kalten Krieges kalt erwischte.

Moser hingegen findet – selbst wenn sie zwischen gestern und heute mitunter in schnellen Sequenzen springt, zahlreiche Um- und Nebenwege einschlägt – immer wieder zu ihrem Handlungsstrang zurück. Manchmal, auf solch einem Nebenweg stehend, fragt man sich, wie sie das schaffen will. Und sie schafft es schließlich auch, bei sich und in ihrer neuen Heimat anzukommen.

Damit verrät man nicht allzu viel. Denn bei Milena Moser ist der Weg das Ziel. Und die blauen Berge von Santa Fe sind wahrscheinlich ohnehin nur eine Zwischenstation…

Anja Kummerow

Milena Moser: Hinter diesen blauen Bergen. Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro.

Die Früchte der Erinnerung: „Das Marillenmädchen“

Der Marillenbaum im Garten ihres Wiener Elternhauses ist für Elisabetta Shapiro Halt und Erinnerung an ihre Familie. Nur durch einen Zufall blieb sie damals – 1944 – verschont, als ihre Eltern und ihre beiden Schwestern Rahel und Judith ins KZ deportiert wurden. Bei Kriegsende ist sie elf Jahre alt. Einsam und alleine, nur mit den Stimmen ihrer beiden toten Schwestern im Kopf, fristet sie seitdem ihr Dasein.

Jahr für Jahr sammelt Elisabetta die Früchte des Marillenbaumes auf, den einst ihr Vater pflanzte, und kocht daraus Marmelade. Im Keller stapeln sich die Gläser, fein säuberlich mit der Jahreszahl versehen, wie ein kostbares Vermächtnis, das bewahrt werden muss. Ein Glas aus dem Jahre 1944 ist gekennzeichnet mit „M plus A“, Marille und Arsen. „Es ist nur für den Notfall, Kezele“, sagte die Mutter damals zu Elisabetta. „Falls sie dir was tun wollen und ich dir nicht helfen kann.“

„Das Marillenmädchen“ von Beate Teresa Hanika, die bereits mehrere erfolgreiche Jugendbücher schrieb, ist ihr erster Roman für Erwachsene. Die Ich-Erzählerin Elisabetta ist inzwischen eine alte Frau, sie erzählt die Geschichte von Pola, einer jungen Deutschen, die bei ihr zu Untermiete wohnt – was kein Zufall ist. Die Schicksale der jungen Tänzerin und der alten Dame sind unweigerlich miteinander verknüpft.

Die Zeiten in dem intelligent gebauten Roman sind nicht klar voneinander getrennt und wechseln oftmals von Absatz zu Absatz, so wie eben auch Elisabettas Gedanken immer wieder in die Vergangenheit abschweifen. So werden parallel die Geschichten von Pola aus der Gegenwart und Elisabetta aus der Vergangenheit erzählt, bis die beiden Erzählstränge schließlich ineinander münden und die Geschichte komplementieren.
 
Durch die unterschiedlichen Zeitebenen und Erzählperspektiven, die oft fließend ineinander übergehen, erschließt sich das Buch nicht sofort. Hinzu kommt die Namensgleichheit von Elisabettas Schwester und ihrer Enkelin, was die Zeitlinien zusätzlich verwischt. Vieles bleibt offen und unausgesprochen oder wird nur angedeutet in kleinen Gedanken- und Erinnerungssplittern.

Der lakonische Erzählstil, die melancholisch-nachdenkliche Grundstimmung, die poetisch-sensible Sprache, all das wirkt sehr berührend und zieht den Leser tief in die Geschichte hinein. Das Tragische ist, dass Elisabetta zweimal dasselbe Schicksal erleiden muss. Es ist ein Buch über alten und neuen Antisemitismus und zeigt auf erschreckende Weise, dass manche Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Und trotzdem behält der Roman einen lebensbejahenden Grundton. „Irgendwer muss vergeben. Irgendwer muss seine Hand hinstrecken“ – um nicht selbst zu zerbrechen, um endlich Frieden zu finden. Eine bittersüße Erzählung.

Michaela Höber

Beate Teresa Hanika: Das Marillenmädchen. Roman. btb Verlag, 254 Seiten, 19,99 Euro.

Eine Entdeckung von Vincent Klink

Das Reden und Schreiben über Essen hat Konjunktur. Kein Tag ohne Kochsendungen im Fernsehen. Jeder Koch, der meint, sich wichtig nehmen zu müssen, verzapft ein eigenes Buch und glaubt, erst mit ihm fängt das richtige Kochen an. Die informationsfreien Wortblähungen über Esstrends verhindern auch nicht, dass Fertiggerichte auf dem Vormarsch sind. Sie nehmen uns aber die Zeit, selber zu kochen.

Vincent Klink, Patron des Restaurants „Wielandshöhe“ in Stuttgart, gehört zu den Sympathischen seiner Zunft. Er setzt auf eine Küche ohne Firlefanz, die durch sehr gute Grundzutaten und handwerkliches Kochen überzeugt. Legendär sind seine Textsammlungen und Essays über das Kochen. Da hat einer viel Substanz, etwas zu erzählen.

Im Rowohlt Verlag hat Klink jetzt die „Grundzüge des Gastronomischen Anstands von Grimod de la Reynière“ herausgebracht. Der französische Feinschmecker, Exzentriker und Vordenker einer „wohlüberlegten Nahrungsaufnahme“ lebte von 1758 bis 1837 und war bekannt für seine großen Gastmähler – die nur Eingeweihten zugänglich waren, weil nicht nur über die Maßen gegessen, sondern auch feinsinnig diskutiert wurde, vor allem natürlich über das Essen.

Er war aber auch berühmt für seine strengen Vorgaben, was den Umgang mit Nahrung und die Tischmanieren anbelangt. „Vor dem Gesetz und bei Tische müssen Alle gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Die Tafel macht uns alle gleich“, lautete eine der Maximen des Franzosen. Das hätte auch ein Wolfram Siebeck so formulieren können.

Grimod de la Reynière liebte es auch, bei seinen Gelagen auf den Tod anzuspielen. Mal wurde das Essen auf Särgen serviert, mal wurden die 14 Gänge von 200 an Friedhofsbedienstete erinnernde Diener serviert. Der Franzose brachte ein Vermögen mit Essen durch.

Warum sollte man aber heute noch de la Reynière lesen? Es ist einmal das kundige Vorwort Vincent Klinks, das einem ein kleines Fenster in eine längst vergangene Zeit aufmacht, und dass sich der Leser über Überraschendes freuen kann. Und es ist der Witz des Franzosen, der wie ein scharfes Tranchiermesser immer wieder aufblitzt. Auch haben seine Tipps, was etwa am besten zu Krebsen passt, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

Da schreibt einer, der etwas von der Materie versteht, weil er das Essen liebt.

André Fischer

Grimod de la Reynière: Grundzüge des Gastronomischen Anstands, serviert von Vincent Klink
. Rowohlt, 255 Seiten, 19,95 Euro.

Bob Dylan trifft Tomas Espedal

Es gibt wenige, die den radikalen Weg zwischen biografischem und fiktionalem Erzählen so verfolgen wie der norwegische Autor Tomas Espedal und der amerikanische Musiker Bob Dylan. Fast zeitgleich sind nun Bücher von beiden erschienen.

„Einige Jahre suchte ich fast verzweifelt nach einem Beruf, der mich vom Schreiben befreien könnte.“ Schreibt Tomas Espedal. Als wolle er sich mit dem Schreiben vom Leben befreien. Oder vom Lieben. Ums Schreiben, Leben, Lieben kreisen seine Gedanken.

„Biografie. Tagebuch. Briefe.“ ist ein sehr nüchterner Titel für die jüngste Veröffentlichung des Romanciers auf Deutsch. Doch die Klarheit schließt ja die brennenden Sätze nicht aus, die darin stecken. „Es gehört nichts dazu, zu reisen, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen . . . um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.“

Sein Kollege Karl Ove Knausgård hat ihm wohl einmal auf einer Party gesagt, er schreibe so „schön“. Was Espedal zu denken gab. Für den 1961 in Bergen Geborenen, der zu den preisgekrönten Autoren seines nordischen Landes zählt, ist „schön schreiben“ wohl eines der letzten Dinge, worum es ihm geht – passionierter Pendler zwischen dem erlebten Alltäglichen und dem Fiktiven, der er ist.

Seine große Ernsthaftigkeit und auch Schonungslosigkeit beim Schreiben macht die atemberaubende Qualität seiner überwiegend kurzen Kapitel aus. Auch in der Poesie geht er keine Kompromisse ein, weder vor sich, noch vor seinen Lesern.

Der Handlung dieses außergewöhnlichen, zuweilen sehr intimen Buches voller Gedankenanstöße liegen einschneidende biografische Brechungen im Leben des Autors zugrunde. Er schreibt vom Tod der Mutter und zeitnah von dem seiner Frau, einer Schauspielerin, mit der er zwei kleine Töchter hat. Die Pole seines Alltag verlaufen zwischen dem Gefordertsein als plötzlich alleinerziehender Vater und der Selbstbespiegelung als Schriftsteller, der zwischen Notwendigkeiten wie dem morgendlichen Anfeuern, Wecken, Frühstückmachen und die Mädchenschulfertigmachen sein Warten und Finden von Worten im kaum 30 Meter vom Wohnhaus entfernten Gartenhaus beschreibt. Dort, wo Romane wie „Wider die Kunst“ und „Wider die Natur“ entstanden.

Er hat Trinkphasen. Er hat eine Liebesbeziehung mit einer viel zu jungen Frau. Er hat Fluchten in die Stadt. Aber letztlich strandet er immer bei sich und der Literatur. Und wie einer seiner auch ins Deutsche übersetzten Romane „Gehen“ hieß, verströmen auch seine kurzen Texten zwar Ruhe, doch nie Stillstand. Espedal ist – durchaus artverwandt mit W. G. Sebald oder dem frühen Peter Handke – ein großer Wanderer, der in einer Lebenskrise offenbar halb Europa zu Fuß durchschritt. Wer Sebald und Handke gerne gefolgt ist, wird auch mit diesem die Worte wägenden Norweger einen Weggefährten finden. Weggefährten können aber kauzig sein.

Wie wenig sich einer wie Bob Dylan um seine Außenwahrnehmung als Kauz schert, geht aus dem nun veröffentlichte Buch „Planetenwellen“ wunderbar hervor. Auf Deutsch und Englisch zweisprachig gedruckt, enthält es Gedichte und Prosatexte aus den Jahren 1963 bis 1978, bei deren Übersetzung Heinrich Detering einen guten Job geleistet hat.

Reden und Essays bis hin zu Dylans – sehr, sehr artig ausgefallener – Nobelpreis-Tischrede von 2016 ergänzen die frühen Schriften, kommen aber eher wie ein verkaufstaktischer Bonus-Track daher. Gerade in Anbetracht von Dylans frühen Gedichten, die ihm als Steinbruch für Alben von „Bringing it all back home“ (1965) bis „Live at Budokan“ (1975) dienten. „Und du springst aus dem bett, dass die träume vor dir fliehen/Und du fragst dich und du weißt es nicht/hast du selbst im traum geschrien/Und du weißt du brauchst jetzt etwas um himmels willen/Und du weißt keine droge kann dir diesen wunsch erfüllen/Und kein schnaps im ganzen land kann deine hirnblutung stillen“ schreibt da der wütende junge Mann in „Letzte Gedanken über Woody Guthrie“. So wie er andernorts zarte Zeilen für Joan Baez fand.

In den siebziger Jahren schmeißt Dylan solche Poesien jedoch zum Hotelfenster hinaus und probiert zerstörerische Stilformen aus. So dass man als Leser entweder einen satanischen Pakt mit dem Assoziationsstrom eines alle Verständlichkeiten torpedierenden Kunstschreibers eingehen muss – oder verwirrt auf der Strecke bleibt.

Bei all dem fehlt es Dylan offenbar nicht an Humor, Heinrich Detering erwähnt aufschlussreiche Stellen. Ein Schlüsselzitat aus Dylans Stellungnahmen, Reden und Essays lautet: „Die Kritiker haben auch gesagt, ich lebte davon, Erwartungen zu enttäuschen. Wirklich? . . . Als ob ich abends lange aufbliebe und mich fragte, wie ich das anfange . . . Erwartungen enttäuschen. Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet und wer Zeit dafür hat.“

Dylans „Planetenwellen“ und Espedals „Biografie. Tagebuch. Briefe.“ sind bei aller Unterschiedlichkeit wagemutige Beispiele für den schmalen Grat einer Literatur zwischen Kunst und Ich. Auch im Sinne eines Thomas Mann, den Espedal zitiert, weil dieser Schriftsteller einmal als Menschen bezeichnet hat, denen es schwerer fallen würde, Texte zu schreiben als anderen. Hier mit bestem Ergebnis.

Christian Mückl

Tomas Espedal: Biografie. Tagebuch. Briefe. Matthes & Seitz, 347 Seiten, 25 Euro.
Bob Dylan: Planetenwellen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 24 Euro.

Maurizio Torchio aus dem Knast

„Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichen Maß. Nach meinem Maß.“ Der das schreibt, verbüßt eine lebenslange Strafe in einem namenlosen Gefängnis – in Einzelhaft.

Die Zelle ist, nach zwanzig Jahren im Bau, längst zu seinem Universum geworden, die ritualisierten Abläufe im Gefängnis zu seinem Alltag. In einer erstaunlich nüchternen Sprache, sachlich und scheinbar emotionslos, beschreibt Maurizio Torchio dieses Leben in einer Welt, die mit der des Lesers so gar nichts zu tun hat. Und genau daraus bezieht das Buch seinen Reiz.

Es ist auch ein psychologischer Roman. Der Autor zeichnet penibel und schonungslos die persönliche Entwicklung des namenlosen Häftlings nach, von seiner vergleichsweise harmlosen Rolle als Entführer bis hin zum Mörder, zu dem er unter den schier unerträglichen Haftbedingungen schließlich wird.

Er lässt den Leser in die Gedankengänge eines Verbrechers eintauchen, der zwar eine abscheuliche Tat begangen hat, aber trotzdem menschlich und integer wirkt. Als unmenschlich hingegen – und im Laufe des Buches als immer unmenschlicher – empfindet man mit diesem Mann die Zustände im Isolationstrakt des Gefängnisses.

Er und die Haftanstalt sind eins geworden: „Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm.“ Solche Passagen gehen einem unter die Haut und prägen sich ein. Man empfindet das, was der Häftling durchmacht, regelrecht mit ihm mit. „Manchmal geben sie dir Dinge, damit du Angst bekommst, sie wieder zu verlieren. . . Damit du erfährst, wie es ist, zu fallen, heben sie dich von Zeit zu Zeit hoch.“

„Das angehaltene Leben“ ist der zweite Roman des 1970 in Turin geborenen Autors und wurde nach seinem Erscheinen in Italien mehrfach ausgezeichnet. Der Übersetzung von Annette Kopetzki ist es zu verdanken, dass auch der deutsche Leser das Buch in vollen Zügen genießen kann, würde man gerne sagen.

Nun, von Genießen kann hier angesichts des Inhalts nicht die Rede sein. Aber manchmal ist Mitleiden genauso wertvoll.

Ute Wolf

Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Zsolnay, 237 S., 22 Euro.

Tommie Goerz im Bierkeller

Tommie Goerz ist bekannt geworden durch sechs Franken-Krimis, in denen deutlich wird, dass die Hauptfigur Friedo Behütuns sehr gerne mal die lärmigen Großstädte der Metropolregion verlässt und sich auf einem Keller in der Fränkischen Schweiz ein oder zwei Seidla fränkischen Landbieres gönnt. In Goerz’ neuem Bändchen „Auf dem Keller“ geht es mitnichten um Kriminalfälle, sondern um Geschichten rund um Bierkeller und das dort dargereichte Hauptgetränk.

„Hans“ heißt in diesem Bändchen mit 35 Geschichten aus der fränkischen und Oberpfälzer Umgegend die Hauptfigur. Dessen Erlebnisse sind keineswegs kriminalistisch spannend; Tommie Goerz nähert sich dem Thema eher (bier-)philosophisch. Und der Hans hat die Geschichten nicht alle selbst erlebt; manche sind ihm auch zugetragen worden.

Goerz stellt existenzielle Fragen wie, warum es auf Kellern keine Bedienungen gibt oder warum die Wirte der Bier-Tempel nach außen hin oft „mufflerd“ wirken – und er gibt stichhaltige Antworten. Insofern ist das Büchlein auch ein Kompendium der fränkischen Seele.

Viele kleine Erlebnisse machen den Reiz von „Auf dem Keller“ aus. Ein Beispiel: „Die Vielfältigkeiten der Antworten ist doch immer wieder überraschend. Auch hier, als dem Hans ein Wirt auf die Frage ,Wos hobbdern nu zeann Essen?‘ mit einer Gegenfrage geantwortet hatte: ,Kald oder warm?‘ Der Hans entschied sofort: ,Scho lieber warm.‘ Darauf der Wirt, furztrocken und wie selbstverständlich: ,Mir hamm blos nu kald.‘ Man weiß bei fränkischen Wirtsleuten halt nie, was man für eine Antwort bekommt.“

Solche überraschenden Alltagserlebnisse sind der Stoff, aus dem dieses Bändchen gewebt ist. Es geht um die Langsamkeit, die einen auf dem Keller umfängt, um den Seelenfrieden, den man nur hier richtig genießen kann, und um fränkische Schläue. So antwortet ein Wirt dem Hans auf die Frage, ob es bei ausgedehnten nächtlichen Festivitäten denn nicht zu Beschwerden komme: Höchstens die Jäger, die die Reviere rund um sein abgelegenes Lokal gepachtet haben, könnten sich beschweren. „Deshalb hobbi die Jachd edds ah pachd.“

Tommie Goerz hat sich genau umgeschaut und noch genauer hingehört in den fränkischen Bier-Oasen, doch macht er sich auch ums Essen seine Gedanken: Karpfen mit und ohne Ingreisch, Karpfen in Bierteig mit Soße und was der Leckereien mehr sind . . . Und auf die Frage, ob man auch etwas ohne Fleisch zum Essen haben könnte, antwortet die Wirtin des Dorfgasthauses, sie könne Bratwürste machen . . . Denn Fleisch, das ist für den Franken immer am Stück; ist es durchgedreht, ist es kein Fleisch mehr, sondern Gehäck, Wurst oder so etwas.

Eine Liebeserklärung an Franken hat Tommie Goerz hier verfasst, eine Liebeserklärung, die aber auch die kleinen Schwächen dieses Stammes nicht verschweigt und sie humorvoll auf die Schippe nimmt…

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Auf dem Keller. Biergeschichten. Verlag ars vivendi, 218 Seiten, 14 Euro

Das lausige Leben: Gonzalo Torné

In der Midlifecrisis sind schlaue Sprüche manchmal so erwünscht wie ein Strick um den Hals. Dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei? Geschenkt. „Die Jahre vergehen für den Körper schneller als für das Bewusstsein“, schreibt Gonzalo Torné diffizil. „Der Geist bleibt daheim (wohin soll er denn gehen), wenn auch mit einem gewissen Unbehagen.“

Der fulminante Roman „Meine Geschichte ohne dich“ des katalanischen Autors Torné (geb. 1976) erzählt von einer Wirklichkeit gewordenen Farce namens Leben, konkret Liebesleben. Und davon, sich zum Affen zu machen bei dem Versuch, zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist.

Juan-Marc heißt die Hauptfigur. Er ist in den Vierzigern. Zwei Mal geschieden. Ein Kerl, der nächtens von Bar zu Bar zieht und sich in ein inneres Zwiegespräch mit seiner zweiten Ex, offenbar einer Schriftstellerin, versenkt. Kein Jammerlappen, auch nicht im Stil seiner Rede. Eher ein ernüchterter Betrachter.  „Meine Geschichte ohne dich“ ist ein sinnlicher Abgesang auf die Hoffnung, dass alles noch mal besser werde. Eine bittersüße Hymne auf die Verkorkstheit des Glücks.

Helen hieß seine erste Frau. Aus der US-amerikanischen Provinz blutjung in Spanien gelandet, muss sie ein ziemlicher Feger gewesen sein. Eine „sensationelle Blondine“ – aber eben auch „vorhersehbar wie ein harmloser Witz“. An solchen Spitzen geizt er nicht, der Erzähler. Wenngleich es schon etwas dauert, bis bei aller Prägnanz der filmreif formulierten Szenen klar wird, von welcher Geschichte „ohne dich“ dieser ins Leben gefallene Lebemann, Looser und Leidenschaftsbegabte eigentlich berichtet.

Ausgerechnet ein spanisches Urlaubsressort für rüstigere Senioren hat Juan-Marc,  der ja selbst noch keine 50 ist, gewählt, um nach jahrelanger Trennung seine erste Ehe zu reaktivieren. Was für eine Schnapsidee. Denn Helen reist mit den ältlichen Eltern an, die Juan-Marc noch nie mochten. Und eine halbwüchsige Nervensäge, die Helen zwischenzeitlich aus einer anderen Beziehung importiert hat, haben sie überdies im Schlepptau.

Die Wiederbegegnung gerät schnell und heftig zur komischen Katastrophe, weil Juan-Marc, wie von allen guten Geistern verlassen, die Situation der Ankunft fehlinterpretiert. Kaum auf dem Zimmer geht er seiner inzwischen deutlich gereiften Verflossenen sofort an die Wäsche. Woraufhin die sonst wenig naturverbundene Amerikanerin flugs in die umliegende Botanik des Senioren-Hotels türmt.

Torné erzählt das alles mit einer Gefasstheit, die irgendwo an den männlichen Hornbrillenblick eines Max Frisch, an das  psychoanalytisch Milchglasige eines  Woody Allen und an die mediterrane Schreibeleganz eines Javier Marias denken lässt. Doch was wie eine Komödie beginnt, nimmt rasch die Züge der klassischen Tragödie an. Weil Helens Vater stirbt.

Was seinen unfreiwilligen Erfahrungsschatz an sterbenden älteren Herren betrifft, ist Juan-Marc leider kein Grünspan. Seinen eigenen Vater hat er auch das letzte Mal mit einem Strick um den Hals gesehen. Selbst war er durch diesen Tod – und dem Vermächtnis, die nicht unerheblichen wirtschaftlichen Geschicke der Familie zu ordnen – ins Erwachsenenleben geworfen worden und stand dann doch nur da wie ein trauriger Clown.

„Die Welt war für mich noch dermaßen neu, dass ich nicht begreifen konnte, dass die Welt schon uralt war.“ Das Hadern mit ihren Rollen als Väter und Mütter, als Söhne und Töchter färbt Tornés Roman zartbitter.

Juan-Marc öffnet Türen zu seiner eigenen Vergangenheit, er nimmt wieder Kontakt zu ein paar Gleichaltrigen auf. Der eine ist zum Messie geworden, seine Wohnung gleicht einem versifften Museum. Ein anderer hat sich operieren lassen und lebt transsexuell. Alles in die Jahre gekommene Lebensentwürfe. Klapprig gewordene Arrangements mit der Sehnsucht. Während das Glück verwest.

„Mich kränkte das reine Verstreichen der Zeit, ihre Dreistigkeit, in kaum einer Sekunde auf uns einzuprallen und sich anschließend wie ein vergeblicher Rückstand zu entfernen, die Trägheit, sich in einer immer fülliger werdenden Vergangenheit zu entfernen“, lässt der Autor seinen Juan-Marc einmal denken.

Und macht selbst das Beste daraus. Denn „Meine Geschichte ohne dich“, Tornés erstes Werk in deutscher Übersetzung, ist tolle Literatur vom lausigen Leben.

Christian Mückl

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich. Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 21,99 Euro.

Klug: Philipp Blom über die kleine Eiszeit

Der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom hat mit „Die Welt aus den Angeln‘“ sicher eines der spannendsten Bücher dieses Frühjahrs geschrieben. Er geht der Frage nach, welche Auswirkungen die sogenannte kleine Eiszeit zwischen 1570 und 1700 hatte.

Es geht Blom weniger darum, dass damals der Weinbau nicht mehr in Nordeuropa möglich ist, weil die Jahrestemperatur im Durchschnitt um rund zwei Grad gesunken ist, sondern welche langfristigen makroökonomischen und ideengeschichtlichen Folgen dieser Kälteeinbruch für das moderne Europa hatte. Bloms These ist, dass die Kälte für eine radikale Abkehr vom mittelalterlichen Weltbild gesorgt hat und die Ökonomisierung des Lebens, die auch heute noch gilt, sich durchgesetzt hat.

Erfolgreich überlebt haben diejenigen, die mit den Herausforderungen kreativ umgegangen sind und sich nicht mehr auf überkommene Erfahrungen verlassen haben: Amsterdam, das bis zum Kälteeinbruch eine eher kleine Stadt war, wurde angesichts der zurückgehenden Ernteerträge zu einem Großimporteur von Getreide aus Osteuropa. Die Holländer legten damit den Grundstein für ihre Prosperität. Parallel dazu entwickelten sie ein grausames System der Überwachung: Wer nicht gearbeitet hat, bekam auch nichts zu essen oder wurde in Armenhäusern dem Publikum vorgeführt, wie er zum Arbeiten gezwungen wurde: Wer nicht gepumpt hat, der saß im Wasser.

Eine weitere Kehrseite der Entwicklung: Weil die kleine Eiszeit nicht erklärt werden konnte, erlebten der Hexenwahn und andere okkulte Begründungszusammenhänge eine Hochzeit. Vor allem Frauen wurden zu Sündenböcken gemacht.

Geschickt kombiniert Blom die Herausforderungen des kälteren Klimas mit dem aufkommenden Protestantismus, dem sich durchsetzenden naturwissenschaftlichen Denken und den Bestrebungen, demokratische Rechte gegenüber dem Adel durchzusetzen. Alle drei Ideenstränge bedingen sich wechselseitig und sorgen in bestimmten Ländern für eine ökonomische Aufbruchstimmung, etwa eben in Holland.

Diese Entdeckung des eigenen Denkens, mit dem pragmatisch vor allem der eigene wirtschaftliche Erfolg gesucht wird, zeigt natürlich schnell seine Schattenseiten: Spekulanten halten das knappe Getreide noch weiter zurück, um Gewinnmaximierung zu betreiben. Während das entstehende Bürgertum auf seine Freiheiten gegenüber dem Adel pocht, wird der wirtschaftliche Erfolg zu Lasten der Bevölkerung in den Kolonien erzielt. Freiheit und Menschenrechte gelten für die Europäer, aber nicht für Asiaten, Afrikaner oder Südamerikaner.

Blom hat im Grunde keine Geschichte dieser kleinen Eiszeit verfasst, sondern Denk- und Argumentationstraditionen herausgearbeitet, die heute noch gelten und die es seiner Meinung nach schwer machen, mit dem erneuten Klimawandel – diesmal ist es die Erderwärmung – umzugehen.
Während die Menschen vor 400 Jahren im Grunde nicht wussten, welche Ursachen die kleine Eiszeit hatte und wie man mit ihr fertig wird, sie deshalb sehr viel ausprobiert haben und sich von überkommenen Weltbildern gelöst haben, sollten wir es heute freilich besser wissen.

Mit einer weiter vorangetriebenen Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen werden sich die Folgen des Klimawandels nicht beherrschen lassen. Wir machen einfach so weiter – und kommen dem Abgrund immer näher. Auch löst sich zunehmend die Verknüpfung von demokratischen Rechten und erfolgreichem wirtschaftlichem Handeln auf. Es geht auch ohne Rechte.

Im Grunde leben wir alle nach einem zynischen Verhaltensmuster, das erläutert Blom etwa an der Person Voltaires: Der berühmte französische Aufklärer forderte Menschenrechte ein, liebte das freie Wort und pochte auf Toleranz. Sein Geld legte Voltaire aber – weil er den größten Gewinn anstrebte – in ausgesprochen üblen Unternehmungen an.

„Voltaire schrieb darüber, dass an jedem Sack Zucker, der aus den Kolonien kam, Blut klebte, aber er investierte in Plantagen und wusste, wie sein Geld sich vermehrte. Er war sich bewusst, dass die „Compagnie des Indes“, in der er erhebliche Geldanlagen hatte, ihre enormen Profite auf dem Rücken von afrikanischen Sklaven erwirtschaftete.“

Die Rhetorik der Menschenrechte ging für einen Großteil der Erdbevölkerung mit Unterdrückung und Ausbeutung einher – was die Lösung der anstehenden Probleme besonders schwierig macht . . . Ein Dilemma, das der 1970 in Hamburg geborene Autor übrigens auch in den lesenswerten Essays des Bändchens „Gefangen im Panoptikum“ beschreibt. Der Untertitel: „Reisenotizen zwischen Aufklärung und Gegenwart“.

Die Epoche der Aufklärung mag uns ja aus vielen Fesseln gelöst haben, aber was nun? „Die Massen haben ihre Befreiung dankend zur Kenntnis genommen, ziehen es aber vor, zu Hause vor dem Fernseher zu bleiben, Das Finale fängt gleich an, das Bier steht kalt.“

André Fischer

Philipp Blom: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700. Hanser, 302 S., 24 Euro.
Philipp Blom: Gefangen im Panoptikum. Residenz, 96 S., 18 Euro.

Short Stories vom Feinsten: Fante, Yates und Salter

Keiner schreibt bessere Kurzgeschichten als amerikanische Autoren. Zum Beispiel John
Fante – der immer wieder neu entdeckt wird (und immer wieder neu vergessen). Aber Fans wie Charles Bukowski – „John Fante war mein Gott“ – wussten schon, was sie im Werk des erst posthum erfolgreichen Schriftstellers (1909 –1983) fanden: eine unverstellte, gern naive Stimme, viel Witz und viel Wärme im Blick auf das ganz normale Leben und Streben kleiner Leute.

Fantes Bücher sind alle autobiografisch, spiegeln die familiäre Enge italienischer Einwanderer, die katholische Kindheit in Colorado. Der Vater ein armer Maurer, die Mutter fromm und betrogen, dazwischen der Sohn, der davon träumt, Baseballstar zu werden. Das ergibt Situationen, die der Kurzgeschichtenband „Little Italy“ (Maro Verlag, 20 Euro) – übrigens erstmals auf Deutsch – betont kindlich und komisch schildert. Wie soll man zur Erstkommunion, wenn man nicht mal ein ordentliches weißes Hemd hat? Eine Tragödie mit zu langen Ärmeln!

Der Schriftsteller Alex Capus wiederum, selbst seit langem Fante-Fan, hat nun auch den ebenfalls sehr kurzen Roman „1933 war ein schlimmes Jahr“ übersetzt (Blumenbar, 16 Euro). Wirtschaftskrise, eisiger Winter, erste abgewiesene Liebe – dem jungen Dominic Molise wird nichts geschenkt, auch nicht vom Elternhaus. Wird er sich gegen den Vater durchsetzen können und mit seinem starken linken Wurfarm zum Sporthelden werden? Eine Geschichte, die erheitert und zu Herzen geht – ohne einen Moment sentimental zu sein.

Ähnlich wie John Fante stets auf Augenhöhe mit seinen Figuren war der inzwischen als moderner Klassiker anerkannte Richard Yates (1926 – 1992). Nun sind auch neun seiner Erzählungen, die bislang noch nicht veröffentlicht waren, auf Deutsch herausgekommen – und bestätigen seinen Rang als großer Menschenfreund und -kenner.

Kriegsveteranen und Krankenhausromanzen, bröckelnde Ehen und Affären mit bitterem Ende: „Eine letzte Liebschaft“ (DVA, 19,99 Euro) führt geradezu idealtypisch vor, wie intim sich Yates in seine Alltagshelden einfühlt und ihre seelischen Nöte ahnt. Allein der Fund einer 50-Cent-Münze im Schulhof kann das Leben eines Mädchens aus ärmlichen Verhältnissen völlig durcheinanderbringen – hätte sie nur nicht ihrem dummen Bruder davon erzählt . . . Kleines Herz in kargen Zeiten, von allen verkannt! Dass in einer Story James Joyce zitiert wird, ist kein Zufall: Yates führte das literarische Erbe grandios fort.

Artverwandt in den Themen und Milieus, aber ganz anders im Stil war der aus der gleichen Generation stammende James Salter (1925 – 2015). Lange Jahre Kampfpilot, wovon er in seinen Romanen berichtete, wurde Salter zu einem der raffiniertesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit. Der noch von ihm selbst angelegte Band „Charisma“ fasst alle seine Short Stories zusammen und ergänzt sie mit drei Vorlesungen, die er übers Schreiben hielt.

Salter war, wenn man so will, eine Schaltstelle zwischen Hemingway und John Updike: ein Erzähler lakonisch kühler Sätze und überaus geschliffener Dialoge, der den emotionalen Abgrund, in den seine Figuren geraten, oft nur andeutet. Dazu die durchaus pikante Note, das erotische Prickeln, die nicht nur in den Dreiecksgeschichten spürbar sind . . . (Berlin Verlag, 22 Euro).

Wolf Ebersberger