Eine fränkische Dorfjugend: Oskar Roehlers neuer Roman

Oskar Roehler hat einen sensiblen Roman über den Aufbruch der BRD geschrieben – und über seine fränkische Dorfkindheit.

Regisseur und Autor: Oskar Roehler (Foto: Britta Pedersen/dpa)

Auch Oskar Roehler ist ein Opfer der Pandemie. In diesen Tagen sollte der jüngste Film des Schriftstellers und Regisseurs in die Kinos kommen. Titel: „Enfant Terrible“.

Der Film handelt von Rainer Werner Fassbinder, einem schrecklichen Kind und wütenden Künstler aus den Tagen des deutschen Nachkriegs. Fassbinder wurde am 31. Mai 1945 geboren. Wir feiern den 75. Geburtstag des bekanntesten deutschen Filmemachers nach der Ära der Ufa, der am 10. Juni 1982 ausgebrannt war und gestorben ist.

Das Leben Fassbinders ist ein idealer Stoff für Roehler, der im eigenen Werk mit den Wunden des Lebens ringt. „Die Unberührbare“ war als Abrechnung mit seiner Mutter, der Autorin Gisela Elsner, sein bester Film. Sein letzter Roman „Selbstverfickung“ war eine rülpsende und kotzende Beschimpfung der Gegenwart in der Berliner Republik.

Auch Oskar Roehler ist ein Enfant Terrible der Kulturszene, wankend zwischen Meisterschaft und Enthemmung. Er wurde 1959 in Starnberg geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit bei den Großeltern in einem fränkischen Dorf. Offenbar war das eine selige Zeit.

Denn Roehler hat ihr den Roman „Der Mangel“ gewidmet, ein ungewohnt zärtliches und genaues Buch aus den Händen dieses Berserkers. Auch wenn die Beschreibung der Zeit in den beginnenden 60er Jahren eher an den dumpfen Aufbruch ins deutsche Wirtschaftswunder während der 50er erinnert, wird die Stimmung vor der Revolte von 1968 präzis umrissen:

Männer im gehetzten Karriere-Aufbau, Frauen als geisterhafte Haushaltswesen, das angstbesetzte Risiko der Schaffung von Wohneigentum in einer Flüchtlingssiedlung. Und die Fremdheit an einem Ort, dessen Bevölkerung aufgeteilt war zwischen utopiefreien Ureinwohnern und nie akzeptierten Fremden mit dem Hang zum Besseren.

So einfühlsam beschreibt Oskar Röhler die Männer der Aufbaugeneration: „Unsere Väter rauchten Pall Mall oder Rothändle ohne Filter. Sie hatten große Hände. Sie trugen nach Feierabend im Sommer Feinrippunterhemden. Sie waren einsilbig und wirkten arrogant. Wenn sie an ihren Zigaretten zogen, knisterte die Asche vorne an der Spitze, die immer länger wurde, bis sie irgendwann abfiel, denn unsere Väter waren oft tief in Gedanken versunken, und vergaßen die Asche an ihren Zigaretten. Sie wirkten einsam da draußen auf den Balkonen an der Landstraße.“

Atembeklemmende Atmosphäre schafft Roehler im ersten Teil seines Romans. Dann allerdings wird er ihm immer mehr zur Parabel eines sinnlosen Aufbruchs. Seitenlang schuften die Familien in den Lehmgruben der Gärten einer Siedlung, die nie fertig wird. Und dann wechselt der Autor vom erzählerischen „Wir“ zum „Ich“ und schafft die Legende einer ästhetischen Erziehung.

Der Schuleintritt wird zum brutalen und traumatischen Erlebnis. Doch ein anthroposophischer Nachbar macht das gerade sechsjährige Kind mit Kultur vertraut. Er liest Samuel Beckett oder gar James Joyce, Stanislaw Lem oder Thomas Bernard vor und macht es in der Münchner Pinakothek gleich mit Francis Bacon vertraut.
Hier grenzt der Autor die Welt der Intellektuellen sehr hart von der anderen Wirklichkeit der Selbstzufriedenen ab. Lebensglück resultiert daraus allerdings nicht. Eines der gebildeten Kinder endet als Mann zerschmettert auf einer Bohrinsel.

Und auch über den Ich-Erzähler kommt das Verhängnis – Oskar Roehlers Werk wird, wie fast immer, autobiografisch und bitter. Eines Tages holt der „richtige Vater“ das Kind aus dem dunklen Idyll. Dieser „richtige Vater“ war der Schriftsteller Klaus Roehler, mit dem Oskar nur in Krise lebte.
In „Der Mangel“ verzeiht er ihm am Ende mit einem Segenskreuz aus Urin. Das schreckliche Kind reckt sich wütend aus dem sensiblen Beobachter der Bundesrepublik am Beginn des Wirtschaftswunders hervor.

„Der Mangel“ ist trotzdem die Lektüre wert.

Herbert Heinzelmann

Oskar Roehler: Der Mangel. Roman. Ullstein Verlag, 170 S., 23 Euro

Daniel Immerwahr über das „Imperium“ USA

Es ist eine Selbstverständlichkeit unter vielen Europäern, dass die USA immer noch eine Imperialmacht sind. Unter einem Rüpel wie Präsident Donald Trump wird dies wieder einmal mehr als deutlich. Denn zu chauvinistisch und egoistisch benehmen sich die USA wieder einmal, wenn sie sich zur Weltpolizei aufbauschen, was doch nur ein Euphemismus für Imperialismus oder Neokolonialismus ist.

Autor Daniel Immerwahr (Foto: Pamela Krayenbuhl / S. Fischer Verlag)

Doch die USA sind nicht von ungefähr ein Imperium, und Trump schließt an eine koloniale Tradition an, wenn er Nichtbürgern des Kernlandes Menschenrechte abspricht, oder versucht, Barack Obama als Nichtamerikaner zu diffamieren.

Wie kommt es also, dass ein Staat, der sich selbst als Republik versteht und sich von einer monarchischen Kolonialmacht (Großbritannien) befreite, zum Imperium wird? Der US-amerikanische Historiker Daniel Immerwahr geht dem auf dem Grund. In seinem neuen Buch „Das heimliche Imperium“ untersucht er, wie die Vereinigten Staaten zur modernen Kolonialmacht wurden: zu den „Greater United States“.

Damit kritisiert Immerwahr das Narrativ von Karten, die die USA immer nur als Festland darstellen, ohne die vielen annektierten Gebiete kartographisch darzustellen. Dabei gehörten oder gehören Gebiete wie Alaska, die Philippinen, Puerto Rico, Hawaii auch zu den USA. Denn, während andere Imperien ihre Kolonien als Statussymbole nutzten, sind die USA hier verhaltener. Sie wollten doch die Rebellen sein, nicht das dunkle Imperium.

Es begann mit dem spanisch-amerikanischen Krieg Ende des 19. Jahrhunderts, als Amerika die Philippinen erhielt, aber den Kolonien das Bürgerrecht verweigerte, so wie den nordamerikanischen Siedlern einst das „Recht des Engländers“ verwehrt worden war.

Von den Unabhängigkeitsbewegungen, denen die US-Politik mal wohlwollend, mal ablehnend gegenüberstand, von denen der US-Bürger aber kaum etwas mitbekam, geht Immerwahr aus und fokussiert daraufhin vor allem die Zeit der Weltkriege. In dieser Phase stiegen die USA zur Supermacht auf.

Abgesehen von Kolonien – vor allem kleinen Inseln –, die nötige Rohstoffe zur Verfügung stellten, konnten sich die USA auch durch zwei Aspekte als imperiale Macht durchsetzen: Erstens setzte sich Englisch als Weltsprache durch, zweitens ging die Normierung technischer Geräte zur Vereinheitlichung von Amerika aus.
Dabei ist dieser Staat aber auch in doppelter Hinsicht ein aufsehenerregendes, ambivalentes Imperium: Denn zum einen gaben die USA freiwillig, ohne Unabhängigkeitskrieg, einige Kolonien auf – eine historische Einmaligkeit. Zum anderen aber hat kein anderes Land mehr Militärstützpunkte im Ausland als die USA, wodurch sie ein „pointillistisches“ Imperium wurden.

Mit Witz und Charme, ohne dabei kritische Noten zu vergessen, beschreibt Immerwahr die imperiale US-Außenpolitik. So legt er ein gut lesbares und hochinformatives Werk vor, zu einem, zwar vage bekannten Thema der amerikanischen Geschichte, das aber selten mit diesem Fokus geliefert wird. Dabei betreibt der Historiker einen Rundumschlag von Außenpolitik über Militär- und Technikgeschichte bis zum Alltag der kolonisierten Völker.

Getrübt wird Immerwahrs Leistung durch einige Versäumnisse: Etwa spielt die Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner, bis hin zum Genozid, eine eher marginale Rolle. Auch der Kalte Krieg wird kaum erwähnt.

Nach den Weltkriegen macht der Autor einen Zeitraffer und kommt erst wieder auf den „War on Terror“ detailiert zu sprechen. Bekanntermaßen werden hier Freiheitsrhetorik und Demokratisierung kombiniert mit einem kriegerischen Expansionsdrang – was das Paradox des US-Imperialismus zusammenfasst.
Man darf die USA neutral als Imperium bezeichnen, da sie Kolonien und ausländische Militärstützpunkte besitzen – nicht wenige davon in Deutschland.

Doch gerade unter Trump wird klar, dass man die USA auch negativ als Imperium sehen kann: Als ein machtvoller Staat, der rücksichtlos schwächere Staaten schlägt, mit den NATO-Säbeln rasselt oder die pure Macht des Geldes in Krisenzeiten (wie Corona) als Druckmittel nutzt, etwa gegen die WHO. Erhellend, informativ, lebensnah.

Philip Dingeldey

Daniel Immerwahr: Das heimliche Imperium. Die USA als moderne Kolonialmacht. S. Fischer, 713 S., 26 Euro.

Kein „Fehlstart“: Marion Messinas starkes Debüt

Nein, ein „Fehlstart“ ist Marion Messinas gleichnamiger Debütroman wahrlich nicht. Er ist eine überzeugende, eindringliche Mischung aus Coming-of-Age-Story und literarischer Sozialstudie, die anrührt, nachdenklich und wütend macht.

Autorin mit Perspektiven: Marion Messina. (Foto: Le Dilettante/Hanser)

Bissig-humorvoll erzählt Messina die Geschichte der neunzehnjährigen Aurélie, die dem Arbeitermilieu von Grenoble entstammt. Als erste in ihrer Familie strebt sie eine höhere Bildung an. Nach dem Abitur immatrikuliert sie sich für ein Jurastudium – eine Entscheidung, die sich rasch als Fehlstart ins neue Leben entpuppt. Denn die Universität erweist sich als Ort von Eitelkeiten, Mittelmäßigkeit und Inkompetenz.

Glücksmomente erlebt Aurélie lediglich mit Alejandro, einem jungen, beziehungsunfähigen Kolumbianer, der selbst in prekären Verhältnissen lebt. Als er sie verlässt, droht Aurélie in ein Loch zu fallen. Sie tritt die Flucht nach vorne an – und zieht nach Paris, von jeher Sehnsuchtsort vieler Franzosen aus der Provinz.

Doch die Hauptstadt zeigt sich von ihrer wenig glamourösen Seite: als brutaler Großstadtdschungel, in dem jeder sich selbst am nächsten ist. Aurélie findet einen schlecht bezahlten Job als Empfangsdame. Auf Abruf angeheuert, besteht ihre Aufgabe vor allem darin, anwesend zu sein und zu lächeln. Bald erkennt sie: es sind die Sprossen eines Hamsterrads, nicht der ersehnten Karriereleiter, an denen sie sich tagtäglich entlanghangelt.

Aus Geldnot wohnt sie in einer Jugendherberge, teilt sich dort ein Zimmer mit anderen. Als sie den zwanzig Jahre älteren Franck kennenlernt, geht Aurélie mit ihm eine Beziehung ein. Bei ihm findet sie Unterschlupf, obwohl sie ihn nicht liebt. Denn das hat Aurélie inzwischen verstanden: auch Gefühle sind in einer Konsumwelt eine Ware, die von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Kalkül und Indifferenz eingeschlossen.

Frankreich – krisengeschüttelt und orientierungslos – zehrt noch von Glanz und Dünkel der einstigen „grande nation“ – doch die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drohen zu hohlen Phrasen von Sonntagsrednern zu verkommen. Die Eliten bleiben unter sich, Klassenunterschiede scheinen unüberwindbar.

Bildung allein, so Aurélies schmerzliche Erkenntnis, ist nicht der Schlüssel zu Wohlstand und Teilhabe. Ihr Traum von ökonomischem Fortkommen und Selbstverwirklichung platzt schnell. Wie andere französische Gegenwartsautoren, Didier Eribon oder Nicolas Mathieu, ermöglicht Messina dabei ungeschönte Einblicke ins Arbeitermilieu – nüchtern und unbarmherzig.

„Fehlstart“ ist ein sarkastischer Abgesang auf die französische Gesellschaft, auf ein Land im Niedergang, wirtschaftlich, politisch wie moralisch. Eine alle Lebensbereiche umfassende Abrechnung mit dem modernen Prekariat und seinem mediokren Bildungssystem, mit Wohnungsnot und Migrationsproblemen – soziologisch unterfüttert, mit essayistischem Unterton.

Frankreichs Presse feierte Marion Messina gar als „weiblichen Houellebecq“. Doch Messina thematisiert Entwurzelung, Perspektivlosigkeit und die Auswüchse ungehemmter, neoliberaler Ausbeutung nicht – wie Michel Houellebecq – am Beispiel neurotisch-obsessiver Erotomanen, sondern an einer jungen Durchschnittsfranzösin.

Aurélies vorgezeichnetes Scheitern macht die Lektüre des Romans umso ergreifender und schmerzhafter. Denn sie steht stellvertretend für eine junge, zunehmend desillusionierte Generation, die sich vom
„System“ um ihre Hoffnungen und Träume betrogen fühlt. „Es war ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens.“

Felice Balletta

Marion Messina: Fehlstart. Hanser, 166 Seiten, 18 Euro.

Elizabeth Strouts neuer Roman „Die langen Abende“

Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ hat Elizabeth Strout vor gut zehn Jahren den Pulitzer-Preis bekommen. Er wurde ein Bestseller. Seine Protagonistin, die Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, kehrt im neuen Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin zurück. Es steht in der Lesergunst bereits weit oben.

Ausgezeichnete Autorin: Elizabeth Strout (Foto: Imago)

Olive ist älter geworden. Aber auch mit Mitte 70 zeigt sich diese Frau so barsch wie eh und je. Von Altersmilde ist zumindest zu Beginn des Romans „Die langen Abende“ wenig zu spüren. Anders als die meisten ihrer Mitmenschen, die wie sie an der spärlich besiedelten Küste des nordöstlichen US-Bundesstaates Maine leben, ist sie aber vielleicht einfach nur ehrlich.

Auch schöner, im herkömmlichen Sinn, ist Olive mit den Jahren nicht geworden: „Groß, wuchtig; mein Gott, war sie eine seltsame Frau.“ Das denkt der nur wenig ältere Jack Kennison über sie, trotzdem hat er sie kürzlich auf den Mund geküsst. Und wartet nun so ungeduldig wie ein Teenie darauf, dass sie ihn anruft.
Beide sind verwitwet; beide wissen, dass eine neue Bindung im Alter – der Zeit schlaffer Haut und quellender Bäuche – nicht einfacher wird, ganz zu schweigen von den Marotten, die jede(r) im Gepäck hat.

Und was man noch zu erwarten hat im Leben – Prostata-OPs, anstrengende Enkel, Seniorenheim – hebt die Laune beim Alleinsein auch nicht. Trotzdem ruft Olive natürlich nicht an. Vorerst.

„Die langen Abende“ umfasst einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Strout bleibt ihrem erzählerischen Mittel treu, teilt ihren Roman in viele einzelne Kapitel auf. Nicht in allen ist Olive die Protagonistin, bisweilen taucht sie nur in einer Begegnung am Rand auf, oder ihr Name fällt in einem Gespräch.

An Stelle von Olive nimmt die Autorin dann andere Figuren ins Visier. Dabei genügen ihr nur wenige Seiten, um dem Kaleidoskop des Lebens, das sie entwirft, neue Facetten hinzuzufügen.

Da ist Suzanne, die völlig aufgelöst an die Küste kommt, weil in dem Brand, der ihr Elternhaus zerstört hat, auch ihr 83-jähriger Vater ums Leben gekommen ist. Da ist Cindy, erschöpft von einer Chemotherapie, die über das geheimnisvolle Licht des Februars nachdenkt. Oder Denny, der sein Leben „wie ein Stück Rinde auf einem Fluss“ empfindet, weil er nie den Mut hatte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Die meisten Figuren blicken zurück und decken viel Unschönes dabei auf: man begegnet Familiendramen und anderen Tragödien, jeder Menge Ehebrüche, früher Einsamkeit, Verbrechen, Schuldgefühlen, Verletzungen, die nicht heilen wollen.

All die Blessuren, die man sich im Ringkampf mit dem Leben so zuzieht; in den Pausen, wenn es gilt, Kraft zu sammeln vor der nächsten Runde, schlägt man sich mit der Frage herum, wer man eigentlich ist. Aber eine Antwort darauf gibt es nicht; daran lässt die 67-jährige Autorin wenig Zweifel.

Die Innenwelt ihrer Figuren beschreibt Strout ungeschminkt und intensiv; Platz für Illusionen ist da kaum. Vor allem in den inneren Monologen fördert sie zutage, was die Menschen bewegt, als würde sie mit einem Mikroskop unter ihre Haut dringen – und unter die Haut gehen sie auch, diese Geschichten.

Aber – Überraschung! – es ist dennoch kein deprimierendes Buch. Die Schrullen und Schrammen der Figuren machen sie erst zu unseren Mit-Menschen, zu Gegenübern, in denen wir uns wiedererkennen – wohl oder übel.

Und dann, ganz unerwartet, gibt es liebevolle Gesten, zugewandte Gespräche, Zeichen zärtlicher Nähe. Sogar von Olive.

Tamara Dotterweich

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, 352 Seiten, 20 Euro

Joshua Groß und sein Roman „Flexen in Miami“

Ein paar gute Jahre lang hat Joshua Groß in Nürnberg geschrieben und gelebt. 2018 las er beim renommierten Bachmann-Preis. Jetzt setzt der Berliner Verlag Matthes & Seitz auf ihn: „Flexen in Miami“ heißt sein neuer Roman.

Joshua Groß beim Erlanger Poetenfest 2016 (Foto: Ralf Rödel)

Die Welt war schon immer fantastisch am Interessantesten in den Büchern von Joshua Groß. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn er in seiner „Novelle aus dem Spätkapitalismus“ namens „Magische Rosinen“ die Politikerin Sahra Wagenknecht von einem Rapper Mascarpone „entwaffnen“ ließ?

Bereits die Titel seiner Romane waren Ausgeburten an guter Fantasie. Mit dem Debüt „Trost von Telefonzellen“ fing das 2013 im Fürther Nischenkunst-Verlag Starfruit an. Im nach Österreich an den Grundlsee verlagerten Spaghetti-Western „Faunenschnitt“ setzte Groß einen Erzählstil fort, in dem Roberto Bolaño anklang, aber auch Philipp K. Dick.

Einen Sound, der dann auch in die Erzählung „FLAUSCHkontraste“ (2017) einging, in der von einem Aufzugrennen im Sheraton ebenso die Rede war wie von einer erotisch angehauchten Straßenbekanntschaft im Stadtteil St. Johannis. Wobei sich der junge Held dann bezeichnenderweise lieber in ein Computerspiel flüchtete, statt mit der „Einhornfrau“ Sex zu haben.

Wenigstens in dieser Hinsicht ist die Hauptfigur in Groß’ neuem Buch breiter aufgestellt, der er als Autor frivol sein Alter Ego andichtet. Ungewollt wird die Quallenforscherin Claire von ihm schwanger. Dass eine Zeit lang auch sein Lieblingsrapper Jellyfish P als Vater in Frage kommt, nährt die Spannung. Falls es denn in diesem Buch überhaupt eine gibt.

Denn aufregend ist wenig im Leben des Traumtänzers, den wir als Kiffer und Müßiggänger, Cyber-Junkie und Rap-Fan, Literatur-Stipendiaten in Miami kennen lernen und den Drohnen mit Essen und Geld versorgen: „Ich verbrachte viel Zeit mit Twittern, meinen Marihuanavorräten und halbesoterischen Büchern. Ich lebte genau genommen das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte“.

Die Entdeckung der Langsamkeit haben andere eindringlich beschrieben. Groß gelingt das nicht. Überhaupt frisst sich im Erzählen des 1989 in Grünsberg bei Altdorf geboren Autors eine Schlendriansprache ein, die auf Dauer nervt: Das Handy ist ausschließlich ein „Phone“. Anstelle zu gehen oder zu verschwinden wird „geschlurcht“. Und selbst einer Großmutter jubelt Groß noch ein Wort wie „Lifestyle“ unter. Wie „wavig“ ist das denn?

Schon kapiert: Wer zu Groß greift, sucht nicht Grass. Und mit den Requisiten von Roadmovie bis Science-Fiction kennt der inzwischen in Braunschweig lebende Schriftsteller sich durchaus aus. Ein sprechender Kühlschrank etwa meint es mit dem laschen Helden in Miami nur gut, wenn er sagt: „Ich bin froh, dass du endlich zurück bist, Joshua. Ich habe mir schon Sorgen um dich und die Nahrungsmittel gemacht, die ich für dich besorgt habe.“

Sein literarisches Spiel mit den Reizen von Sci-Fi und Horror, Virtualität und auch Noir läuft Groß aber spätestens dann aus dem Ruder, wenn er ausufernd über ein Computerspiel schreibt: „Die Spams führten obszöne Tänze in Cloud Control auf, sie vergewaltigten und folterten die Avatare; sie schlitzten ihnen lachend die Kehlen auf, das Blut tropfte verpixelt und monochrom und glitzernd aus offenen Hälsen. Aber die Spams passten gleichzeitig auf, dass die Avatare nicht starben, sie gaben ihnen sogar Algenkompott, damit sich die Energiebalken wieder auffüllten, um sie von Neuem foltern zu können.“

In der Sprache der „Gamer“ gesprochen: Mit solchen Sequenzen hat der Autor sein Buch leider verzockt.

Christian Mückl

Joshua Groß: Flexen in Miami. Matthes & Seitz, 199 Seiten, 14,99 Euro.

Karl Schlögel über Chanel und die Russen: „Der Duft der Imperien“

Karl Schlögel, einer der besten Kenner der osteuropäischen Geschichte, ist ein begnadeter Erzähler. Ihm gelingt es, Geschichte in Geschichten aufzulösen, ohne dabei die übergeordneten Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. In seinem neuen Buch „Der Duft der Imperien“ erzählt er von den Parfüms „Chanel Nr. 5“ und „Rotes Moskau“.

Grandioser Erzähler: Karl Schlögel (Foto: Jens Kalaene/dpa)

Coco Chanels Duft steht für Luxus, Mode und den Aufbruch in die Moderne. Kreiert wurde er 1920. „Rotes Moskau“ ist ein Parfüm, mit dem der Kommunismus 1927 seine menschliche Seite zeigen wollte und dem allgemeinen Bedürfnis nach spielerischer Eleganz entgegengekommen ist.

Vor der russischen Revolution waren Düfte nur etwas für Reiche. Beide Parfüms stehen als Marken für westliche und östliche Imperien. Beide haben aber eine gemeinsame Wurzel und beide Düfte wurden von starken Frauen durchgesetzt.

Für Schlögel beginnt die gemeinsame Geschichte 1913 mit der Komposition des Parfums „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ Anlass war das 300-jährige Regierungsjubiläum der Romanows. Das Parfum, das an die aus Anhalt-Zerbst stammende Zarin Katharina die Große erinnern sollte, wurde nach Beginn des Ersten Weltkriegs in „Rallet Nr. 1“ umbenannt. Der Verweis auf die Deutsche Katharina war den russischen Kundinnen in Kriegszeiten nicht mehr zumutbar.

Geschaffen hatte das Parfum die russisch-französische Firma Rallet in Moskau, die nach Ende des Ersten Weltkriegs wieder nach Frankreich zurückkehrte. Mit dabei Chefparfumeur Ernst Beaux, der die Rezeptur von „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II.“ kannte, und der für die Zusammensetzung von „Chanel Nr. 5“ in Frankreich verantwortlich war. Es war eine Weiterentwicklung des russischen Ursprungsdufts.

Parfumeur Auguste Michel, der ebenfalls bei Rallet gearbeitet hat und der die Duftkompositionen kannte, wurde vom Moskauer Duftkonzern Brokar abgeworben. Da er seinen Pass verloren hatte, konnte er nicht mehr nach Frankreich ausreisen. Nach der Verstaatlichung des Betriebs unter dem neuen Namen TeShe wurde dann „Rotes Moskau“ entwickelt, das allerdings nur ganz entfernt an den Romanow-Duft
erinnerte.

Protegiert wurde das „Rote Moskau“ von Polina Shemtschushina-Molotowa, der Frau des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow. Schlögel gelingt es, anhand der Biographie der beiden Frauen Chanel und Shemtschushina eine kleine Kulturgeschichte der Düfte und der Moden in den jeweiligen Gesellschaften zu schreiben.

Wie sich Chanel, die früh auf die modische Moderne setzte und Bekleidung für Frauen auf das angenehm Tragbare reduzierte: Das bedeutete eine Abkehr von schweren und mit Mustern überbordenden Kleidern. Frauen sollten sich schick und praktisch anziehen können.

Chanel, die aus ganz armen Familienverhältnissen stammte, wurde zur Stilikone. Es gelang ihr, mit Mut und Kreativität, mit vielen Ideen, einflussreichen Männern und einem opportunistischem Geschick gegenüber Vertretern des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg in Frankreich eine Modeimperium aufzubauen. „Chanel“, das ist seit den 50er Jahren eine Weltmarke.

Shemtschushina wiederum leitete zunächst den sowjetischen Parfumtrust TeShe, dann die Abteilung für die Textil- und Galanterieindustrie, später wurde sie Kommissarin für Kosmetik. Auch sie unterstützte neue Formen der Bekleidung, die sich gut tragen lassen und Frauen gut aussehen lassen. Sie kümmerte sich außerdem um die Parfum- und Salbenindustrie.

Shemtschushina hatte in den 30er Jahren exzellente Beziehungen zum diplomatischen Korps und ins Ausland. Ihre Einladungen sollen legendär gewesen sein. 1949 wurde sie überraschend zu fünf Jahren Verbannung verurteilt. Es half ihr nichts, dass sie stets eine glühende Stalinistin war. Diese Haltung änderte sich auch nicht durch die Verbannung. 1953 kehrte sie aus Sibirien zurück, erhielt aber keinen einflussreichen Posten mehr.

Und das „Rote Moskau“ – es ist inzwischen fast vergessen. Die Originalrezeptur wurde noch nicht wiedergefunden. Schlögel hat darüber ein lesenswertes und sehr unterhaltsames Buch geschrieben. Er weckt die Neugierde auf Bereiche der Geschichte, die bislang nur wenig bekannt waren und überrascht immer wieder mit neuen Bezügen. So hat man den Siegeszug von „Chanel Nr. 5“ jedenfalls noch nicht gekannt. Und der Leser lernt daraus, dass nicht nur Bücher eine Geschichte haben, sondern auch Parfüms.

Übrigens: Von Karl Schlögel ist zuletzt auch eine erweiterte Neuausgabe seines Buchs „Das russische Berlin“ erschienen, eine Reise in das untergegangen Berlin der 20er und 30er Jahre. Auch hier: Die große Geschichte löst sich in viele kleine, anschauliche Geschichten auf.

Wer Zeit hat zum Schmökern, der kann sich in Schlögels Universen verlieren. Es sind wunderbare Leseerlebnisse.

André Fischer

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. Chanel Nr. 5 und Rotes Moskau. Hanser, 221 Seiten, 23 Euro.
Das russische Berlin. Suhrkamp, 667 Seiten, 38 Euro.

Frau und Hund: „Der Freund“ von Sigrid Nunez

Was tun, wenn Apollo mit ins Bett möchte? „Der Freund“ ist nicht das erste Buch der US-Amerikanerin Sigrid Nunez, doch war die 69-Jährige bislang eher ein Geheimtipp. Das hat sich geändert, seit sie für ihren neuen Roman den National Book Award bekam. Damit hat sie auch hierzulande einen Bestseller gelandet.

Clever: US-Autorin Sigrid Nunez (Foto: Ettlinger, Aufbau)

Man könnte dieses Buch eine Sensation nennen, wenn sein zurückgenommener Stil, seine Scheu vor allem Vordergründigen diesen Begriff nicht unangemessen erscheinen ließe. Die Ich-Erzählerin schreibt darin an einen langjährigen Freund, der sich kürzlich das Leben genommen hat.

Eine Art Brief also. An einen Toten? Keine schlechte Adresse für die Selbstgespräche, die Briefe durchaus sein können. Besonders, wenn eine Antwort nicht zu erwarten ist. Dazu muss der Empfänger nicht unbedingt gestorben sein.

Die Erzählerin lässt die Jahrzehnte der Freundschaft Revue passieren und versucht, den Kern dieser intensiven Beziehung zu ergründen, zärtlich und reflektiert zugleich. Es gibt manches, was diesen ehemaligen Uni-Lehrer von ihr, dessen Kollegin sie später wurde, in ein fragwürdiges Licht rücken könnte: Neben seinen drei Ehen pflegte er auf dem Campus – den er als legitimes Jagdrevier betrachtete – mit großer Selbstverständlichkeit unzählige erotische Eskapaden mit Studentinnen.

Auch mit der Erzählerin ging er, als sie noch seine Studentin war, einmal ins Bett (ein Fehler, wie er danach sagte!) und hakte es ab wie ein gescheitertes Experiment – ohne sich zu fragen, was es ihr bedeutet haben könnte. Verbunden blieben sie aber nicht zuletzt durch eine andere gemeinsame Leidenschaft: die Liebe zur Literatur.

Die Erzählerin, die um die 60 sein dürfte, lebt offenbar seit langem allein und zurückgezogen in einem kleinen Appartement in New York, das sie in erster Linie nur verlässt, um an der Universität Schreibkurse zu geben.

Das ändert sich mit dem Tod ihres Freundes, denn eine seiner Ehefrauen vermacht ihr dessen Hund, eine beeindruckende Dänische Dogge, mit der sie ab sofort die Wohnung teilt und die ausgedehnte Spaziergänge einfordert.

Das tischhohe Tier heißt Apollo und ist für sie zunächst nur eine postume Verbindung zu seinem einstigen Besitzer. Doch mit irritierendem Nachdruck beansprucht Apollo einen Platz in ihrem Bett, legt ihr „seine massive Pfote, so groß wie eine Männerfaust, mitten auf die Brust und lässt sie dort“.

Es beginnen Grenzen zu verschwimmen und zwar weitaus vielschichtiger, als man zunächst annimmt. Schon allein dieser Name: Apollo. Wird der tote Freund wiederum anfangs nicht einmal als Romeo bezeichnet. . .?

„Der Freund“ nennt sich Roman, ist aber ein Buch, das weniger von etwas handelt, als von vielem spricht: von Freundschaft und Liebe, vom Miteinander der Menschen, ihren Gemeinsamkeiten, ihren Einsamkeiten; von Trauer und Schmerz, vom Trost in der Literatur. Immer wieder nimmt die Erzählerin Zuflucht zu anderen Schriftstellern, den Selbstmördern Kleist und Virginia Woolf, dem Tierfreund Rilke, den wundersamen Märchen Hans Christian Andersens.

Dabei dient ihr nicht das eigene Empfinden als Maßstab, sie formuliert Sätze oft als Fragen, stellt auch sich selbst, was sie denkt und schreibt, zur Disposition. Gewissheiten sind etwas für Feiglinge, und es dürfte aufmerksame Leser(innen) kaum überraschen, wenn sich am Ende des Romans auch noch die letzten auflösen.

Es ist auch das vorsichtige Formulieren, der bewusst unspektakuläre, aber subtile Blickwinkel einer Suchenden, der diesen komplexen Roman zu einem empathischen, immer wieder ergreifenden Buch macht – ohne die Fähigkeit zum (Mit-)Gefühl je auszustellen, auch ohne einen Hauch Sentimentalität. Für feine Ironie sorgen dabei Seitenhiebe auf den heutigen Literaturbetrieb.

Was Apollo angeht: mit ihm erfüllt die Erzählerin ihrem Menschenfreund einen Wunsch. Es war vielleicht sein letzter. Vielleicht aber auch nicht.

Tamara Dotterweich

Sigrid Nunez: Der Freund. Roman. Deutsch von Anette Grube. Aufbau, 235 S., 20 Euro

Debbie Harry über ihr Leben und Blondie: „Face It“

Dem „Stern“ gestand Debbie Harry kürzlich in einem Interview ihre Verehrung für Billie Eilish. „Ich finde sie wunderbar. Ich erfreue mich an ihrer wunderschönen Stimme und sie ist so ein hübsches Mädchen“, schwärmte die 74-Jährige vom gerade mit vier Grammys überhäuften Jungstar.

Debbie Harry 2017 in London (Foto: Ian West/PA Wire/dpa)

Ähnlich dürften wohl Mitte der 70er auch viele über Debbie Harry gedacht haben. Als attraktive Leadsängerin der New-Wave-Pioniere Blondie – „Heart Of Glass“, „Call Me“, „Denis“, „One Way Or Another“ – eroberte das bei Adoptiveltern aufgewachsene Kleinstadtgirl aus New Jersey nicht nur die meist männerdominierte Rockwelt, sondern avancierte auch zur prägenden Stilikone mit hohem Coolness-Faktor.

„Meine Rolle war die einer extrem femininen Frontfrau einer männlichen Rockband in einem klaren Macho-Umfeld“, erinnert sich Harry, für die die Selbstinszenierung als begehrtes Sex-Symbol nie einen Widerspruch zu feministischen Überzeugungen darstellte.

Dass sich hinter der Fassade des wasserstoffblonden Pin-Up-Girls mit Schmollmund und Schlafzimmerblick eine vielseitig talentierte, selbstbestimmte Künstlerin verbarg, unterstrich Harry später mit einer erfolgreichen Solokarriere und ihrem „Nebenjob“ als Schauspielerin. Seit Jahren engagiert sie sich zudem für den Umweltschutz und die Rechte der LGBTQ-Community.

Genug Stoff also für eine fesselnde Autobiografie. Dieses Versprechen löst „Face It“ allerdings nur zum Teil ein. Extrem unterhaltsam ist der über 400 Seiten dicke Schmöker vor allem dann, wenn er intime Einblicke in die New Yorker Punk- und Undergroundszene der 70er und 80er Jahre rund um den legendären Klub CBGB’s gestattet. Ob Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, William S. Burroughs, John Waters, David Bowie, Joey Ramone oder Iggy Pop – Debbie Harry kannte sie alle.

Auch lässt sie kein noch so düsteres Kapitel ihres bewegten Lebens aus. Erste Jobs als Playboy-Bunny, Kellnerin und Go-Go-Tänzerin, selbstzerstörerische Drogenexzesse, die gnadenlose Ausbeutung im Musikbusiness bis hin zum finanziellen Ruin, die Trennung der Band, ausschweifende amouröse Abenteuer, eine gruselige Begegnung mit Serienmörder Ted Bundy, eine traumatische Vergewaltigung, die Sucht nach Schönheitsoperationen oder die schwere Krankheit ihres langjährigen Bett- und Bühnenpartners Chris Stein – „Dirty Harry“ erzählt uns (fast) alles.

Trotzdem bleibt einem der Mensch hinter dem Megastar seltsam fremd, was auch am etwas konfus wirkenden, assoziativen Storytelling liegen könnte. Zu oft verlieren sich die Sängerin und ihre Co-Autorin Sylvie Simmons, die die Memoiren auf Basis zahlreicher exklusiver Interviews verfasst hat, in ausufernden Detailschilderungen, zu oft neigen sie zum routinierten Nacherzählen diverser Begebenheiten. Auch das exzessive Name Dropping von – zumindest hierzulande weniger bekannten – Protagonisten macht die Lektüre mitunter anstrengend.

Optisch hingegen präsentiert sich die edle Hardcover-Ausgabe als echtes Schmuckstück. Neben bislang unveröffentlichten Fotos hat Art Director Rob Roth über 40 von Fans gestaltete Debbie-Porträts ausgewählt, deren Bandbreite von der krakeligen Kinderzeichnung bis zum kunstvollen Gemälde reicht.

Dank dieses kreativen Ansatzes gerät „Face It“ zu einer würdigen Hommage an eine faszinierende Frau und starke Persönlichkeit, die tradierte Geschlechterrollen aufbrach, den Punk-Spirit konsequent lebte und dabei als frühes „Role Model“ den Weg bereitete für nachfolgende Generationen. Ohne Debbie Harry keine Madonna, keine Katy Perry, keine Lady Gaga. Und vielleicht auch keine Billie Eilish.

Uli Digmayer

Debbie Harry: Face It. Die Autobiografie. Heyne Hardcore, 432 Seiten, 25 Euro.

Lutz Seilers großer Nachwende-Roman: „Stern 111“

So viel Anfang war nie: Lutz Seiler erinnert in seinem preisgekrönten neuen Roman „Stern 111“ an die kurze anarchische Zeit nach dem Mauerfall. Und an einen jungen Mann, der – wie er selbst – Dichter werden wollte.

Preisgekrönt: Autor Lutz Seiler (Foto: Schmidt, dpa)

Sogar– und das freut natürlich uns Nürnberger – Kevin Coyne kommt als uralternativer Rocker vor. Oder Nick Cave, als er vom heroinbleichen Punker der frühen Jahre zum poptauglichen Balladensänger wurde, mit Liedern wie dem „Weeping Song“. Lang ist’s her, und der ganze Roman ist ja selbst eine Art Radio, das die längst verklungenen, verwehten Töne und Stimmen der späten 80er Jahre noch einmal einfängt und in Erinnerung ruft – ohne Nostalgie, ohne Ostalgie.

Dennoch: „Stern 111“, das alte DDR-Radio, das Lutz Seiler schon im Titel beschwört, steht auch für das, was nicht preisgegeben werden sollte im Lauf der Zeiten und Leben, steht für alte Hoffnungen, Träume, Werte, für alles, „was gut und richtig war“, auch wenn man es, persönlich wie historisch, vielleicht verdrängen und vergessen will.

Sogar als „Leitstern für die Reise“ kann die eigene Vergangenheit noch dienen, so eine der Erkenntnisse, die Seiler seinem mit sich selbst hadernden Helden, dem etwas verkrachten Studenten Carl Bischoff, in den Ranzen packt. „Stern 111“, das ist ja auch, auf einer Ebene, ein ganz klassischer Bildungs- und Entwicklungsroman. Ein junger Mann versucht, sich selbst zu finden. Ohne Eltern, aber mit einer jungen Frau – nicht ganz einfach, die erste große Liebe!

Und dann unter diesen Bedingungen: November ’89, gerade ist die Mauer gefallen, die Grenzen sind offen, da ordern Bischoffs den braven Sohn von der Uni zurück ins heimische Gera. Inge und Walter haben die Koffer schon gepackt und wollen gen Westen, so schnell wie möglich, wer weiß, was noch kommt – Carl kann sich derweil ja um die Wohnung kümmern! Hat Carl nicht immer gemacht, was Mutti und Vati sagten?

Das ist die Konstellation, die dem Buch schon viel seiner subtilen Komik gibt. Die Eltern werden hier flügge, der Sohn bleibt zuhause – und schaut den späten Nestflüchtern, den „Auswanderern“, wie sie sich selbst nennen, teils neidisch, teils besorgt, auf jeden Fall sich arg wundernd hinterher.

Zunächst aus dem beschaulichen Gera, bald aber aus dem Osten der Hauptstadt, Berlin-Mitte, wohin sich Carl heimlich aufmacht, im alten, aber perfekt gepflegten Russen-Wagen aus der Garage, einem weiß-orangenen „Shiguli“. Darin schläft er anfangs sogar, bis die Winterkälte es nicht mehr zulässt.

Und bis Carl, fröstelnd und fiebernd gleichermaßen, von einer Gruppe Aussteiger gerettet, ja – in jeder Hinsicht – reanimiert wird. Das „kluge Rudel“ werden sie genannt, und als Hausbesetzer wollen sie lieber nicht angesehen werden. Die Häuser werden ja nicht „besetzt“, sondern „in Obhut genommen“, wie es Rudelführer Hoffi, „der Hirte“, geradezu religiös formuliert. Stets an seiner Seite: eine Ziege namens Dodo, deren Milch fast schon magische Kräfte hat. Wie sie selbst ja auch.

Man kann „Stern 111“ auch als Fortsetzung von Seilers famosem ersten Roman „Kruso“ lesen, der auf Hiddensee vor der Wende spielte – und als ziemlich abgedrehte Figur taucht dieser Kruso sogar kurz auf. Warum, so sein Vorschlag, werden die leeren Wohnungen, die das Rudel knackt, nicht von den nun arbeitslosen DDR-Grenzhunden bewacht? Gegen die kapitalistischen Klassenfeinde, die alles ein- und aufkaufend von Westen näherrücken?

Wie in „Kruso“ schildert Seiler ein schräges, anarchisches, die eigene Freiheit absurd verteidigendes Milieu aus den naiven Augen eines Novizen. Carl ist immerhin gelernter Maurer, lässt sich also gut einsetzen im utopischen Niemandsland, etwa beim Ausbau einer Kellerkneipe, der „Assel“. Ein klammer, aber trinkfreudiger Ort, wo Carl auch kellnert und sich erst die abrückenden Russen, dann die anrückenden „Arbeiterinnen“ – des Strichs auf der Oranienburger Straße! – wohlfühlen.

Aber Carl hat ja nur Augen für Effi, den Schwarm aus Kindertagen, die in Berlin Künstlerin werden will so wie er Dichter, und die mit ihm – ein wunderbares Kapitel – bis nach Paris fährt, um an die gemeinsame Liebe zu glauben. Illusionen hier wie da, schmerzhaft, wenn man sie als solche erkennt. Aber dass Carl Lyriker wird – wie es Lutz Seiler geworden ist, bevor er mit Romanen grandios reüssierte –, das wollen wir doch gerne glauben . . .

Ein großer Wurf!

Wolf Ebersberger

Lutz Seiler: Stern 111. Roman. Suhrkamp, 528 Seiten, 24 Euro.

Wie einst Don Quijote: „Das zweite Schwert“ von Peter Handke

„Das zweite Schwert“ nennt Peter Handke sein neues Buch ganz martialisch. Darin geht es ja auch um Rache. Aber zum Glück nicht nur…

Homer in der Straßenbahn: Peter Handke (Foto: Hochmuth,dpa)

Am schönsten – und österreichisch quer gedacht wie immer – hat es neulich die alte Sigrid Löffler formuliert. Peter Handke, so sagte sie in einer literarischen Fernsehrunde, ist und bleibt für sie, als Kritikerin wie Leserin, einer der wichtigsten Autoren ihres Lebens – „auch wenn er jetzt den Literaturnobelpreis hat“! Dazu dieses mörderisch süße Lächeln, mit dem sie einst schon einen Marcel Reich-Ranicki tief in seinen Sessel versenkte.

Aber auch wer kein Fan des gerade politisch heftig umstrittenen Autors ist oder ihm nicht in all seinen Äußerungen und Veräußerungen folgen will (das Nürnberger Staatstheater führte es zuletzt sehr gewitzt mit dem Handke-Frühwerk „Kaspar“ vor), liest vielleicht mit Gewinn, ja Vergnügen seine jüngste Erzählung, „Das zweite Schwert“.

Der Titel, biblisch belegt: ein Zitat aus dem Evangelium des Lukas. Und schon der Anfang: eine einzige Kampf-, ja Kriegserklärung im Zeichen der Rache, gleichsam mit Schaum vorm zuckenden Mund geschrieben.

Da fuchtelt einer wild nicht mit Waffen, aber doch mit Worten, und der Leser, der sich bald fragt, worum es ihm eigentlich geht, um welche Tat und Schuld, ja welches „Verbrechen“, muss sich lang und kunstreich hinhalten lassen.

Erst in der Mitte des Büchleins, auf Seite 74, lässt Handke die böse schwarze Katze aus dem Sack: Eine französische Journalistin ist die gewissenlose Übeltäterin, hat nicht ihn (was ihm egal wäre), sondern
seine „heilige“ Mutter aufs schändlichste beleidigt. Diese habe damals, als Mädchen von 17 Jahren, den Anschluss Österreichs ans Hitlerreich freudig bejubelt! Dazu eine Fotomontage vom vollen Wiener Heldenplatz, fast schon frivol.

Eine Entgleisung, ganz ohne Frage, und man ist einerseits ganz bei Handke, dem Sohn, der sich gekränkt fühlt. Andererseits, und darin offenbart sich seine Größe als Autor und vielleicht auch Mensch, zelebriert er sein Amt als Mutter-Rächer so selbstironisch aufgeblasen und von jedem beliebigen Sinneseindruck ablenkbar, dass sein dramatischer Aufbruch zur Tat nur als Lustspiel gelesen werden kann.

Ist es nicht komisch, wie er sich selbst immer wieder am langen grauen Schopf packt, sich in scheinbar
heroische Pose wirft, auch in Selbstgespräche rücksichtslosester Art? Alles, nur um aus seinem Häuschen am Rand von Paris zu kommen und der unbenannten „Hassfrau“ (Handke kennt deren mehrere), die ja gar nicht allzu weit weg wohnt, entgegenzutreten.

Und natürlich muss er erst einmal haarklein die drei ruhigen Tage daheim schildern, die der schon seit langem geplanten Racheaktion vorausgehen. Thema und Tonfall wechseln da von Zarathustra-hafter Einsamkeit (als sei er „hier auf Erden der letzte Mensch“, über ihm kreist ein Adler!) bis zum genauen Erfassen der Geräusche, die Mülltonnen eben mal machen.

Auch diese können freilich Gewaltphantasien auslösen… Und steckt nicht im sensibelsten Poeten das Potential zum Killer? „Endlich würde ich die mir an- oder eingeborene Illegalität ausleben! Sie unter Beweis stellen. Sie in die Tat umsetzen. Sie exerzieren! Sie exekutieren!“ – so macht er sich da Mut und Luft.

Das Ein-Mann-Exekutionskommando legt freilich stets Wert auf geputzte Schuhe und ein weißes Hemd, frischgebügelt und „an der rechten Hüftseite eingestickt ein dickschwarzer Schmetterling, den ich einen Fingerbreit oberhalb des Gürtels in das Blickfeld rückte“. Darüber: ein Anzug von Dior, was sonst.

Eitel auch noch? Da muss man, gerade wenn er dann noch vom immer wieder ersehnten „Ritterlichen Leben“ redet, doch vor allem an tragikomische Ritter wie Don Quijote denken, und Handke tut alles, um die eigene – liebenswerte – Lächerlichkeit zu bestätigen.

Es wird also so schnell kein Blut fließen, nur Tinte, viel Tinte, wie immer, denn „Das zweite Schwert“ ist hier ja nichts anderes als der Stift oder eben die Feder in der Hand des Dichters – der metaphorische Ersatz, die Kunst.

Und wenn er dann mit der Tram unterwegs ist und die Landschaften, Menschen, Veränderungen seiner Wahlheimat an der Seine gewohnt träumerisch beschreibt, bleibt von der heißen Rachelust des Beginns ohnehin wenig übrig . . . Am Ende gibt es gar ein Fest. Der Leser feiert gerne mit.

Wolf Ebersberger

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.