Im Stau: John Irving auf der „Straße der Wunder“

Jeder neue Roman von John Irving wird von seiner Lesergemeinde erwartet wie der nächste Schuss von einem Süchtigen. Und nach den beiden späten Meisterwerken „Letzte Nacht in Twisted River“ und „In einer Person“ sind die Erwartungen an und die Sucht auf seinen 14. Roman besonders hoch.

Um es gleich zu sagen: Die meisten werden enttäuscht sein. Irvings „Straße der Wunder“ versammelt zwar viele der gewohnten Figuren, Motive und Konstellationen, breitet sich aber in einem zähen magischen Realismus – Garcia Marquez lugt manchmal aus dem Sammelsurium an Einfällen hervor – auf erschöpfenden 784 Seiten aus.

Kultautor John Irving.  Foto: dpa Auf zwei Zeitebenen erzählt der Meistererzähler von einem Meistererzähler: Juan Diego Guerrero, ein von allen verehrter Romanautor und Literaturdozent, fliegt auf die Philippinen, um ein altes Versprechen zu erfüllen, das er als Junge gegeben hat. Seine treusorgende Ärztin Dr. Rosemary hat ihn zwar mit Medikamenten versorgt, aber ein unheimliches Mutter-Tochter-Duo bringt ihn noch am Flughafen dazu, die Betablocker abzusetzen und lieber zu Viagra zu greifen – mit wundersamen Folgen für sein Traum- und Sexualleben, aber desaströsen Konsequenzen für seine Gesundheit.

Juan Diego driftet zurück in seine eigene Vergangenheit, wird von Erinnerungen bedrängt: an seine Schwester Lupe, deren unverständliche Sprache er übersetzen muss und die Gedanken und manchmal auch die Zukunft liest; an Señor Eduardo, einen angehenden katholischen Priester, der die tägliche Selbstzüchtigung mit Peitschen gegen die Liebe zu einem sich prostituierenden Transvestiten eintauscht; an die riesige Müllhalde im mexikanischen Oaxaca, auf der die Kinder aufwachsen und Juan Diego die Literatur entdeckt; und an den Zirkus der Wunder mit seinen schönen Artistinnen und fiesen Löwenbändigern, der ihnen auf unterschiedliche Weise zum Schicksal wird.

Dazwischen gibt es Zu- und Unfälle, Mysterien und Tragödien – und zusätzlich überraschend deutliche Kritik an den Praktiken der katholischen Kirche und ihrem Wunderglauben.

Irving überstrapaziert seine von Charles Dickens und Kollegen gelernte Technik der Vorausdeutung. Auf vieles wird so früh und so häufig angespielt, dass sich beim späteren Auserzählen nur noch ein Schatten der beabsichtigten emotionalen Wirkung einstellt: Wenn Lupes grausiges Ende schon von Beginn an mehrfach angesprochen wird, haben wir Leser es schwer, zum Finale noch Mitleid oder Schrecken zu empfinden!

Ein interessanter Aspekt an Irvings Stil ist aber trotzdem auch hier, dass seine Prosa immer dann am lebendigsten wirkt, wenn es ans Sterben geht. Allein der Tod der Prostituierten und Putzfrau Esperanza, die von einer monströsen Marienstatue scheinbar „ermordet“ wird, oder das langsame, tragische Aids-Sterben eines herzensguten Elternpaares sind Passagen, bei denen sich zeigt, dass auch ein weniger gelungener Roman aus den Händen Irvings noch eine Schatzkammer öffnen kann.

Wie für Juan Diego durch das Absetzen der Betablocker sind auch im ganzen Roman die Erinnerungen präsenter als die konstruierte Gegenwartshandlung mit ihren bedrohlichen Tieren und überzogenen Sex- und Todesbotinnen.

Figuren wie Edward Bonshaw, der auf einen Mah-Jongg-Stein fällt, so dass ihm für immer ein „L“ in die Stirn gezeichnet ist, der Müllhaldenchef Rivera, der vielleicht, vielleicht auch nicht, Juan Diegos Vater ist, oder der „gute Gringo“, ein junger amerikanischer Kriegsdienstverweigerer, der kurzzeitig den Weg der (Halb-)Waisen kreuzt, bleiben auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis. Während man die merkwürdige Pilger-Reise, die dem Roman den Rahmen gibt, am liebsten schnell vergisst . . .

Die „Straße der Wunder“ hätte mit einer linearen Erzählweise wohl besser zum Ziel geführt. Wir warten auf den nächsten Irving!

Andreas Frane

John Irving: Straße der Wunder. Roman. Deutsch von Hans M. Herzog. Diogenes, 784 Seiten, 26 Euro.

Grandios: Juli Zehs Gesellschaftsroman

Juli Zeh ist ein Mensch mit messerscharfem Verstand und einer klaren Haltung zum politischen Geschehen in diesem Land. Ein Umstand, der ihr immer wieder Auftritte in Talkshows einbringt. Ihr Ton ist sachlich, ihr Urteil eindeutig, ihr Blick auf die Welt frei von Sentimentalität. Oft sind es die brutalen Seiten des Menschen, die im Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens stehen. So auch in ihrem neuesten Werk, einem 600-Seiten-Wälzer namens „Unterleuten“.

Ihr ganzes schriftstellerisches Leben lang habe sie einen Gesellschaftsroman schreiben wollen, erzählte Juli Zeh in einem Interview. „Für mich stellt dies die literarische Königsdisziplin dar: nicht nur eine spannende Geschichte und interessante Figuren zu schaffen, sondern darüber hinaus den Zeitgeist und die Befindlichkeit einer ganzen Epoche in einen Roman hineinzuerzählen.“

Unterleuten von Juli Zeh

Die promovierte Juristin, 1974 in Bonn geboren, hat schon eine ganze Menge großartiger Literatur produziert und wurde vielfach dafür ausgezeichnet. Mit „Adler und Engel“ gelang ihr 2001 ein beeindruckendes Debüt, dem sie weitere erfolgreiche Romane wie „Spieltrieb“ (2004), Krimis und Essays folgen ließ. Nun hat sie sich selbst und ihren Lesern bewiesen, dass sie auch
die Gattung Gesellschaftsroman beherrscht. „Unterleuten“ ist ein Werk von ungeheurer Wucht und Zeh wieder einmal gnadenlos im Herausarbeiten menschlicher Unzulänglichkeiten.

„Unterleuten“ heißt das Dorf in der brandenburgischen Provinz, in dem die Geschichte über den Menschen und seine Macken spielt. Es scheint, als habe sich hier auf kleinstem Raum die Bösartigkeit der ganzen Welt konzentriert. Irgendwie glaubt jeder zu wissen, was für die Gemeinschaft und deren Zukunft gut ist, und hat am Ende doch nur seinen eigenen Vorteil im Blick. Dazu kommt ein immerwährendes unterschwelliges Rauschen und Raunen, das Rumoren der Gerüchteküche, das dem dörflichen Leben stetig kleine Dosen Gift verabreicht.

Dominiert wird Unterleuten von zwei alten Männern: Gombrowski und Kron. Sie pflegen beharrlich eine alte Feindschaft und haben sich in dieser Situation gut eingerichtet. Doch dann kommen die Störer. Die Großstadtflüchtlinge aus Berlin, die meinen, sie könnten etwas frischen Wind in die kleine, alte Welt bringen.

Linda Franzen, die Pferdenärrin mit dem Computer-Nerd Frederik an ihrer Seite. Oder Gerhard Fließ, der vom akademischen Betrieb frustrierte Professor, der sich nun um eine bedrohte Vogelart kümmert, während seine wesentlich jüngere Frau Jule das Baby pflegt und sich weit weg wünscht.

In Unterleuten, wo jeder immer unter Leuten ist, treffen Resignation und Hoffnung aufeinander, Ost und West, Reichtum und Armut, Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass. Juli Zeh lässt die Menschen im Dorf agieren und reagieren und den Leser ahnen, dass eine Katastrophe bevorsteht.

Wen sie treffen wird, wer involviert ist, bleibt bis zuletzt unvorhersehbar. Natürlich gibt Zeh, die selbst in einem brandenburgischen Dorf lebt und dort nach eigenen Angaben sehr glücklich ist, keinerlei Hinweise. Weder Handlung noch Figuren sind einem erkennbaren Schema unterworfen. Jeder ist ein bisschen gut und ein bisschen böse, keiner ist wirklich ehrlich, jeder fühlt sich dem anderen überlegen. „Der größte Vorteil entsteht“, so die Philosophie des alten Gombrowski, „wenn jeder bekommt, was er sich wünscht.“ Eine Unmöglichkeit, wie er irgendwann einsehen muss. Objekt der Begierde und des Hasses: eine Windkraftanlage. Um sie dreht sich alles.

Die Geschichte braucht Zeit, sich zu entwickeln. Zeh verwebt Vergangenheit und Gegenwart, lässt ihren Charakteren Raum. Die Menschen rücken ganz nahe an den Leser heran, er glaubt sie irgendwann zu kennen und wird doch immer wieder aufs Neue überrascht. Sie alle stehen für eine bestimmte Zeit, einen Ort, eine Lebenseinstellung. „Unterleuten“ ist spannend wie ein Krimi und gleichzeitig ein großartiges Porträt vom Zeitgeist einer Sinn suchenden Gesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends.

Gabi Eisenack

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Luchterhand, 640 Seiten, 24.99 Euro.

Michael Köhlmeiers neuer Roman

Das Wort Zigeunermädchen darf eigentlich nicht mehr in den Mund genommen werden, weil es mit Abwertung, Vorurteilen, ja rassistischem Gedankengut in Verbindung gebracht werden könnte. Das Wort kommt in Michael Köhlmeiers Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ auch nicht vor. Und doch drängt es sich auf. Denn es gibt ja auch die Zigeunermusik, das freie Leben der Zigeuner, die Zigeunerromantik.

Beides: Die negative und positive Seite des Begriffs Zigeuner wird in der Parabel Köhlmeiers in Betracht gezogen. Und wenn einer die Kunst der Parabel beherrscht, dann dieser österreichische Autor, der unter anderem auch Mathematik studiert hat.

Die literarische Form der Parabel wirft in kurzen, lehrhaften Erzählungen die Fragen von Moral und ethischen Grundsätzen auf. Diese werden in einen anderen Vorstellungsbereich übertragen und so greifbar und begreifbar gemacht.

Wobei die beiden Seitenäste des Konstrukts der Parabel, der sich zum Scheitelpunkt senkende und der wieder ins Ungefähre aufsteigende Ast, die beiden Hauptlinien der Erzählung symbolisieren.

Köhlmeier_25055_MR2.indd Das klingt kompliziert, ist aber an der Geschichte gut nachvollziehbar: Ein Mädchen, das alles verloren hat – die Eltern, den Namen, das Wissen um ihr Alter – wird von einer Gruppe der ihren in die Welt geworfen. Es versteht kein Wort, kommt aber irgendwie über die Runden. Mehr noch, es trifft immer wieder auf Menschen, die ihm nicht übel wollen; das Mädchen hätte sogar die Möglichkeit, eine bürgerliche Biografie anzusteuern. Doch wird es eines Nachts von zwei Jungen mitgenommen, die eines wollen: Ihre Freiheit leben, weil zumindest einer von ihnen, der Ältere, mit Abschiebung rechnen muss.

Yiza, wie sich das Mädchen von nun an selbst nennt, wird den Hunger kennenlernen, die Müdigkeit und die Kälte beim Leben auf der Straße. Dabei nähert sich Köhlmeier ganz zart und genau diesen drei Kindern an. Man spürt bereits ihren Hunger wieder, wenn sie sich gerade mal den Magen vollschlagen. Man friert mit ihnen und wird misstrauisch wachsam gegenüber allen Erwachsenen.

Und wieder einmal hätte Yiza die Chance, ihr künftiges Leben in bürgerlicher Geborgenheit zu verbringen. Sie wird gegen alle Widerstände den Weg der Freiheit wählen. Ein Weg, auf dem Mitleid und Rührung, die Yiza bisher erfahren hat, ihr immer seltener begegnen dürfte.
Aber Gleichnisse und Parabeln, man weiß das spätestens aus den Evangelien, müssen nicht immer ein Happy End haben.

Kleines Büchlein, großer Wurf.

Raimund Kirch

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Roman. Hanser Verlag, 140 Seiten, 18,90 Euro

Andreas Rödders Blick auf die Gegenwart

rödderHistoriker beschäftigen sich in der Regel mit Entwicklungen, die abgeschlossen sind – und die dann aus einer rückwärtsgewandten Perspektive eingeordnet werden. Es ist oft der Versuch, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben oder das nicht Rationalisierbare mit Vernunft einzufangen.

Für die Antwort auf Zukunftsfragen sind Historiker nicht zuständig, denn was einmal gegolten hat, muss es künftig nicht mehr. Historische Vergleiche passen auch selten ein zweites Mal.

Andreas Rödder, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, bricht mit diesen Regeln und wagt den Versuch, die gesellschaftlich prägenden aktuellen Entwicklungen in ihrer Genese zu analysieren und aufzuzeigen, mit welchen Problemkonstellationen Politik und Gesellschaft sich in den nächsten Jahren werden herumplagen müssen.

Rödder verknüpft historische Grundprobleme mit ihrer aktuellen Dynamik. Ein Beispiel: Angesichts der europäischen Krisenszenarien wird Deutschland als wichtigste Wirtschaftskraft in der Europäischen Union immer wieder gedrängt, die Führung bei Problemlösungen zu übernehmen. Nimmt es die Rolle an, dann wird ihm Dominanz- und Hegemonialstreben vorgeworfen. Eine Konstellation, die der von 1914 ziemlich ähnlich ist, nur wird inzwischen mehr miteinander verhandelt und miteinander geredet: eine der wichtigsten Lehren nach zwei Weltkriegen. Mit Angela Merkel an der Spitze hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, so das Credo des Mainzer Professors.

Rödders Problemkomplexe wie Klimawandel, Inklusion, Big Data, Währungsunion, Globalisierung und Konsumgesellschaft werden in ihren wesentlichen Strukturen erfasst und die möglichen Lösungswege der Probleme alternativ nebeneinandergestellt. Was Rödders Buch zu einer ausgezeichneten Lektüre macht, ist seine klare Argumentation.
Ja, es gibt einen Klimawandel – wie es einen schon früher gegeben hat. Diesmal führen ihn aber die Menschen herbei. Oder aber die Diskussion, ob die EU nicht schon längst eine Transfer-Union ist, die Deutschlands wirtschaftliche Macht verkleinern will und wird. Dazu gibt es derzeit wohl keine Alternativen, ohne die EU zu zerstören.

Rödder lässt keine Zweifel, welche Länder aufgrund ihrer Wirtschaftskraft gar nicht in die Währungsunion hätten aufgenommen werden dürfen. Glänzend geschrieben auch seine Bilanz der Hartz-Reformen, die zu einer Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen insgesamt geführt haben. Sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wurden eben nicht wie befürchtet abgebaut. Rödder weicht auch schwierigen Themen wie der Kriminalitätsrate unter Migranten nicht aus.
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Andrzej Stasiuk im dunklen „Osten“

ostenAndrzej Stasiuk bereist Orte, die kaum andere locken. Und dann schreibt er großartige Bücher darüber. „Der Osten“ heißt sein jüngster Roman.

Solche Sätze über die Transsibirische Eisenbahn stehen in keinem Reiseprospekt. „Ich wollte nach sechs Stunden nur gähnen. Es war, als führe ich mit der Elektrischen nach Nasielsk und dieses Nasielsk entfernte sich immer mehr.“ Nur die allmächtige russische PR sei imstande, so eine Fahrt „als etwas Attraktives darzustellen“.

Wenn der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk (Jg. 1960) nicht gerade unwegsame Reisen unternimmt, ist er seit drei Jahrzehnten in den nicht minder unwegsamen Beskiden daheim. Mit seinem neuen Roman „Der Osten“ setzt er sein literarisches Herzensprojekt fort: Orte aufzuspüren, vornehmlich in den Weiten hinter dem Ural, wo tatsächlich noch Menschen leben. Landschaftserfahrungen zu machen in Gegenden, von denen wir Westeuropäer nicht einmal ahnten, dass es sie gibt.

Wenn Stasiuk aufbricht, nehmen sich Sehnsucht und Desillusionierung gegenseitig nichts. Als Suchender in Russland, der Mongolei oder in China unterwegs, musste er „dort hinfahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelt, dessen Kind ich bin“.

Empfindsam hofft der Reisende an den Randbezirken der Zivilisation längst nicht mehr darauf, so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit zu finden. Dafür entdeckt er noch im staubigsten vorderasiatischen Steppennest Körnungen von Poesie: „Dort, wo die wüsten Winde entstehen. Dort wo die Dunkelheit geboren ist.“

Die Gattungsbezeichnung Roman trifft es insofern, weil Stasiuks Sätze und Gedanken rein subjektiv sind. Hier eine harte, staubtrockene, zuweilen auch urzeitliche Wirklichkeit, die sich stoisch in die Gegenwart hinübergerettet hat. Und dort die nicht minder urpersönliche Wahrnehmung des Autors. Reiseeindrücke, in knappen Sätzen aneinandergereiht, verdichten den Stoff, Meditationen über die Landschaft oder den allgegenwärtigen Dreck im Osten liegen nah beieinander, haben fast lyrischen Sog.

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Buchtipps zu Henry James

Ein Pionier in der Wiederentdeckung von Henry James ist der kleine Cadolzburger Ars Vivendi Verlag. Zum Jubiläum legt er den Band „Im Käfig“ (20 Euro) mit vier berühmten Erzählungen – darunter „Daisy Miller“ und „Die Drehung der Schraube“ – sowie den großen Roman „Das Porträt einer jungen Dame“ (24,90 Euro) wieder auf. Gottfried Röckelein, der für dessen Übertragung damals viel Lob bekam, durfte nun auch „Was Maisie wusste“ (19,90 Euro) in elegantestes Deutsch bringen.

Umwerfend schön gestaltet der Manesse Verlag seine neu übertragenen James-Bücher – mit farbigem Schnitt, Leinen und Lesebändchen. Nach dem Roman „Washington Square“ und den Geschichten „Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ erschien zuletzt das amüsante Frühwerk „Die Europäer“ (24,95 Euro).

James_24917_MR1.indd „Die Gesandten“, einer der elaborierten Meisterromane von Henry James, liegt auf 700 Dünndruckseiten nun bei Hanser vor – ein Klassiker, mit bewusster historischer Patina von Michael Walter höchst kunstvoll übersetzt (39,90 Euro). Anregender noch, gerade für James-Anfänger, mag die handliche Kurzprosa sein: die kompakte Schriftsteller-Erzählung „Die mittleren Jahre“ (Jung und Jung, 12 Euro) oder „Eine Dame von Welt“ über eine unerschrockene Amerikanerin, die in Paris um ihren Ruf kämpft (Aufbau Verlag, 16,95 Euro).

Gut auch, dass endlich erste biografische Annäherungen an den Autor auf Deutsch erhältlich sind. Zweimal „Henry James“ also: Die englische Professorin Hazel Hutchison gibt einen informativen, eher sachlich gehaltenen Abriss (Parthas, 24,80 Euro), die deutsche Literaturkritikerin Verena Auffermann eine begeisterte Hommage, zudem mit großen Fotos garniert (Deutscher Kunstverlag, 22 Euro). Das schöne Zitat auf dem Cover: „Leben Sie so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler.“ Nun ja. „Lesen Sie“ würde auch stimmen.
Wolf Ebersberger

Henry James zum 100. Todestag

Dieses Jahr hätte er seinen 100. Todestag: Henry James, der große amerikanische Autor. Eine Annäherung an den Pionier des psychologischen Erzählens, der sich so leicht nicht packen lässt.

Schon dieser Einstieg: „Wenn ganz bestimmte Umstände zusammentreffen, dann gibt es nur wenige Stunden im Leben, die angenehmer sind als die, welche jenem Zeremoniell gewidmet sind, das als Nachmittagstee bekannt ist.“ Ein Satz, wie von einem Butler gebracht, auf einem kleinen Silbertablett. Sehr formell, aber nicht ohne feine Ironie. Und natürlich ein Satz, den so nur ein Engländer geschrieben haben kann. Dabei war Henry James, der damit seinen wohl erfolgreichsten Roman „The Portrait of a Lady“ begann, Amerikaner: 1843 in New York geboren.

james Aber er wurde zum Engländer, lebte seit 1882 in London, später in Sussex, und erhielt 1915, knapp ein Jahr vor seinem Tod, gar die britische Staatsbürgerschaft. Wer, wenn nicht er, kannte sich also aus, mit den subtilen und weniger subtilen Unterschieden – zwischen Amerika und Europa, zwischen aufstrebsamen neuen Bürgern und ehrbewusstem, alten Adel, zwischen jungem Blut und kaltem Kalkül, das voll Dünkel den steif und trügerisch bewahrten Konventionen verhaftet bleibt?

Henry James, der mit seinen Geschwistern bereits als Schüler vom ruhelosen Vater (Henry James senior), einem Religionsphilosophen, hin und her über den Atlantik geschickt wurde, um nur ja die ideale Ausbildung zu bekommen, hat Europa geliebt. Vor allem Frankreich und Italien, man lese nur seine Reiseberichte. Aber in seinen vielen Kurzgeschichten und Romanen kommt der Kontinent, der alte, oft ernüchternd schlecht weg.

Nicht selten tragisch, oft freilich satirisch, drohen die amerikanischen Männer und Frauen, die Henry James glücksuchend nach Paris, London oder Rom fahren lässt, übel zu scheitern. Alles ist so anders hier, so undurchsichtig, wie der Held aus „Die Gesandten“ erfahren muss, der einen jungen Landsmann zurückholen und, ja, moralisch retten soll. Es gibt sogar Todesfälle, wie die berühmte „Daisy Miller“. Oder eben, wie bei Isabel Archer, der umfangreich porträtierten Lady, die Falle einer romantischen Fehlentscheidung: fatal, wie sie auf den falschen Mann hereinfällt! In Jane Campions schöner Verfilmung von „Portrait of a Lady“ ist es John Malkovich, der die arme Nicole Kidman fast ruiniert, sozial, seelisch und finanziell. Das Geld, der Besitz – vererbt oder verweigert oder strategisch erheiratet – spielen bei James stets eine wichtige Rolle.

Bereits Truffaut hat Henry James als Vorlage genommen, später war es der ebenfalls anglophile Amerikaner James Ivory, der die raffinierten, oft recht komplizierten Romane von Henry James für das Kino zu nutzen wusste. Mit viel Dekor und historischem Kolorit, was leicht täuschen mag. Denn unter der gediegenen Oberfläche brodelt es bei James stets, kommen die heftigsten und hochleidenschaftlichen Gefühle zum Vorschein, oft ungeahnt, oft grausam.

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An der Etsch gibt es was zu erleben

etsch
Verona? Der Opernfreund denkt sofort an Freiluft-Aufführungen in der Arena di Verona, dem Literatur­liebhaber kommt das Drama um Romeo und Julia in den Sinn. Und die Bezüge der oberitalienischen Stadt zu Bayern und Deutschland sind viel­fältig.

Von all dem erzählt die Nürnberger Malerin und Schriftstellerin Ulrike Rauh in ihrem neuen Bändchen „Spa­ziergänge in Verona“. Es ist ein wei­terer, gelungener Baustein in ihrer Reiseliteratur-Reihe zu Städten im Land, wo die Zitronen blühen. Und wie stets hat sich die Künstlerin akri­bisch vorbereitet für ihre Tour durch die Stadt an der Etsch, was dem Leser ihres Buches zugute kommt.

So bewegt sich die Auto­rin zielgerichtet durch das Gewirr der Plätze und Häuser, wird bekannt mit einem Abkömmling des Dichters Dante Alighieri und trifft auf Spuren von Wolfgang Amadeus Mo­zart.

Sie bewundert die Pracht der vielen Gottes­häuser und streift durch sehenswerte Museen. Und sie unterhält sich mit Ein­heimischen, knüpft Kon­takte nicht nur literari­scher Art. Aber nicht nur die Stadt selbst durchstreift sie, sondern auch deren Um­gebung. „Terra Cimbra“ heißt das Ziel des Ausflugs in die Umgebung, und hier wird es sehr geschichts­trächtig: Die Nachfahren der Cimbern sprechen noch heute ein eigentümliches Bairisch, doch die jun­ge Generation pflegt diese Tradition nicht mehr. So wird Ulrike Rauh zur Zeugin der Vergänglichkeit von Kul­tur – in einer Umgebung, die nur so strotzt von kulturellen Attraktionen.

Ganz nebenbei erfährt der Leser die Herkunft des Begriffs „Skala“ – die Leiter der Skaliger stand hier Pate. Und fasziniert ist die Nürnbergerin von der Atmosphäre bei einer Auffüh­rung in der berühmten Arena. Wie sie das Geschehen auf den Rängen schil­dert, erweckt Lust, es einmal selbst mitzuerleben.

So ist eben der Stil von Ulrike Rauh: Sie verfasst keinen Stadtfüh­rer, der den Touristen von A nach B lotst, sondern stößt zu eigenen Beob­achtungen an, sofern man die Stadt einmal selbst besuchen sollte. Der Daheimgebliebene aber lässt die Ein­drücke in Schrift- und auch in Bild­form auf sich wirken und erlebt die Stadtspaziergänge im Kopf mit.

Friedrich G. Stern

Ulrike Rauh: Spaziergänge in Verona. Wiesenburg Verlag, 130 Sei­ten mit 6 Farbbildern der Autorin, 15,20 Euro.