Andreas Rödders Blick auf die Gegenwart

rödderHistoriker beschäftigen sich in der Regel mit Entwicklungen, die abgeschlossen sind – und die dann aus einer rückwärtsgewandten Perspektive eingeordnet werden. Es ist oft der Versuch, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben oder das nicht Rationalisierbare mit Vernunft einzufangen.

Für die Antwort auf Zukunftsfragen sind Historiker nicht zuständig, denn was einmal gegolten hat, muss es künftig nicht mehr. Historische Vergleiche passen auch selten ein zweites Mal.

Andreas Rödder, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, bricht mit diesen Regeln und wagt den Versuch, die gesellschaftlich prägenden aktuellen Entwicklungen in ihrer Genese zu analysieren und aufzuzeigen, mit welchen Problemkonstellationen Politik und Gesellschaft sich in den nächsten Jahren werden herumplagen müssen.

Rödder verknüpft historische Grundprobleme mit ihrer aktuellen Dynamik. Ein Beispiel: Angesichts der europäischen Krisenszenarien wird Deutschland als wichtigste Wirtschaftskraft in der Europäischen Union immer wieder gedrängt, die Führung bei Problemlösungen zu übernehmen. Nimmt es die Rolle an, dann wird ihm Dominanz- und Hegemonialstreben vorgeworfen. Eine Konstellation, die der von 1914 ziemlich ähnlich ist, nur wird inzwischen mehr miteinander verhandelt und miteinander geredet: eine der wichtigsten Lehren nach zwei Weltkriegen. Mit Angela Merkel an der Spitze hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, so das Credo des Mainzer Professors.

Rödders Problemkomplexe wie Klimawandel, Inklusion, Big Data, Währungsunion, Globalisierung und Konsumgesellschaft werden in ihren wesentlichen Strukturen erfasst und die möglichen Lösungswege der Probleme alternativ nebeneinandergestellt. Was Rödders Buch zu einer ausgezeichneten Lektüre macht, ist seine klare Argumentation.
Ja, es gibt einen Klimawandel – wie es einen schon früher gegeben hat. Diesmal führen ihn aber die Menschen herbei. Oder aber die Diskussion, ob die EU nicht schon längst eine Transfer-Union ist, die Deutschlands wirtschaftliche Macht verkleinern will und wird. Dazu gibt es derzeit wohl keine Alternativen, ohne die EU zu zerstören.

Rödder lässt keine Zweifel, welche Länder aufgrund ihrer Wirtschaftskraft gar nicht in die Währungsunion hätten aufgenommen werden dürfen. Glänzend geschrieben auch seine Bilanz der Hartz-Reformen, die zu einer Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen insgesamt geführt haben. Sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wurden eben nicht wie befürchtet abgebaut. Rödder weicht auch schwierigen Themen wie der Kriminalitätsrate unter Migranten nicht aus.

Die Menschen werden lernen müssen, sich künftig auf noch mehr Ungewissheiten einzustellen als in der Vergangenheit. „Alte Probleme werden nicht von neuen abgelöst, sondern sie überlagern sich, und das Geflecht wird immer komplexer. Pfadabhängigkeiten treten ebenso auf wie Pfadwechsel, Kontinuitäten ebenso wie Revisionen“, schreibt Rödder. Alte Handlungsrezepte, die auf Erfahrungen gründen, müssen nicht mehr gelten. Und, wenn ja, welche?
Der Historiker verweist dabei auf den jüngsten Expansionsdrang der Russen unter Putin: Soll man so handeln wie Deutschland und Österreich gegenüber Russland 1914 – oder wie Frankreich und England gegenüber Hitler, als es um die Zerschlagung Tschechiens 1938 ging? Beides hat zu Katastrophen geführt.

Man habe es zu akzeptieren, dass zu den Treibern des Wandels mehr Unbekannte als früher gehören; auch die immer größeren Rechnerkapazitäten werden keine verlässlicheren Voraussagen treffen können.

„Geschlossene Ordnungsentwürfe und verfestigte Rahmen sind Instrumente zur Ausgrenzung des Abweichenden – hinter diese postmoderne Erkenntnis führt kein Weg zurück. Sie verstellen die Einsicht, dass morgen als falsch gelten kann, was heute für richtig gehalten wird, sie verstellen die Offenheit dafür, dass alles anders kommen kann“, gibt Rödder dem Leser mit auf den Weg. Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht. Eine Erkenntnis, die auch schon Aristoteles hatte.

Ein ungemein anregendes und klar geschriebenes Buch.

André Fischer

Andreas Rödder: 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. C.H. Beck Verlag, 494 Seiten, 24,95 Euro.