Henry James zum 100. Todestag

Dieses Jahr hätte er seinen 100. Todestag: Henry James, der große amerikanische Autor. Eine Annäherung an den Pionier des psychologischen Erzählens, der sich so leicht nicht packen lässt.

Schon dieser Einstieg: „Wenn ganz bestimmte Umstände zusammentreffen, dann gibt es nur wenige Stunden im Leben, die angenehmer sind als die, welche jenem Zeremoniell gewidmet sind, das als Nachmittagstee bekannt ist.“ Ein Satz, wie von einem Butler gebracht, auf einem kleinen Silbertablett. Sehr formell, aber nicht ohne feine Ironie. Und natürlich ein Satz, den so nur ein Engländer geschrieben haben kann. Dabei war Henry James, der damit seinen wohl erfolgreichsten Roman „The Portrait of a Lady“ begann, Amerikaner: 1843 in New York geboren.

james Aber er wurde zum Engländer, lebte seit 1882 in London, später in Sussex, und erhielt 1915, knapp ein Jahr vor seinem Tod, gar die britische Staatsbürgerschaft. Wer, wenn nicht er, kannte sich also aus, mit den subtilen und weniger subtilen Unterschieden – zwischen Amerika und Europa, zwischen aufstrebsamen neuen Bürgern und ehrbewusstem, alten Adel, zwischen jungem Blut und kaltem Kalkül, das voll Dünkel den steif und trügerisch bewahrten Konventionen verhaftet bleibt?

Henry James, der mit seinen Geschwistern bereits als Schüler vom ruhelosen Vater (Henry James senior), einem Religionsphilosophen, hin und her über den Atlantik geschickt wurde, um nur ja die ideale Ausbildung zu bekommen, hat Europa geliebt. Vor allem Frankreich und Italien, man lese nur seine Reiseberichte. Aber in seinen vielen Kurzgeschichten und Romanen kommt der Kontinent, der alte, oft ernüchternd schlecht weg.

Nicht selten tragisch, oft freilich satirisch, drohen die amerikanischen Männer und Frauen, die Henry James glücksuchend nach Paris, London oder Rom fahren lässt, übel zu scheitern. Alles ist so anders hier, so undurchsichtig, wie der Held aus „Die Gesandten“ erfahren muss, der einen jungen Landsmann zurückholen und, ja, moralisch retten soll. Es gibt sogar Todesfälle, wie die berühmte „Daisy Miller“. Oder eben, wie bei Isabel Archer, der umfangreich porträtierten Lady, die Falle einer romantischen Fehlentscheidung: fatal, wie sie auf den falschen Mann hereinfällt! In Jane Campions schöner Verfilmung von „Portrait of a Lady“ ist es John Malkovich, der die arme Nicole Kidman fast ruiniert, sozial, seelisch und finanziell. Das Geld, der Besitz – vererbt oder verweigert oder strategisch erheiratet – spielen bei James stets eine wichtige Rolle.

Bereits Truffaut hat Henry James als Vorlage genommen, später war es der ebenfalls anglophile Amerikaner James Ivory, der die raffinierten, oft recht komplizierten Romane von Henry James für das Kino zu nutzen wusste. Mit viel Dekor und historischem Kolorit, was leicht täuschen mag. Denn unter der gediegenen Oberfläche brodelt es bei James stets, kommen die heftigsten und hochleidenschaftlichen Gefühle zum Vorschein, oft ungeahnt, oft grausam.

Man muss es nur ahnen lernen, als Leser von Henry James. Hinter den gewundenen, langen Sätzen, unglaublich aufgeladen mit Facetten und Feinjustierungen, hinter dem – scheinbar gemütlichen – mit leisem Humor getränkten Ton (Qualitäten, die ihn in eine Reihe mit Thomas Mann oder auch Marcel Proust stellen) versteckt sich die Misere menschlicher Missverständnisse. James schildert unser Bewusstsein in all seiner Beschränktheit, er zeigt: Was wir wahrnehmen, ist nicht immer wahr. Was wir daraus folgern, eine Illusion. Mit oft katastrophalen Folgen für unser Handeln.

Das macht etwa die berühmte Erzählung „Die Drehung der Schraube“ so spannend. Eine Gouvernante auf einem englischen Landhaus sieht Geister, die es, mit Unmoral, offenbar auf ihren Schützling abgesehen haben. Eine viktorianische Schauergeschichte? Ja, auch. Aber zugleich ein Bericht über die sexuelle Hysterie einer verstörten jungen Frau. Das Kind wird zum Opfer, so oder so, und James schildert alles so indirekt und vieldeutig wie nur möglich. Benjamin Britten, kongenial, hat eine vibrierende Oper daraus gemacht.

Selbst eine tückische kleine Story wie „Die mittleren Jahre“, soeben von dem Salzburger Autor Walter Kappacher übersetzt (im Nachwort jammert er offen über die Schwierigkeiten), hat es in sich. Ein alternder Schriftsteller freut sich da, nach arger Krankheit, über sein frisch gedrucktes Buch. Mehr noch darüber, es ebenfalls in den Händen eines jungen Arztes zu sehen, der offenbar ein glühender Fan ist.

Aber wieso gibt er sich nicht gleich als der Autor zu erkennen und kokettiert erst? Kein guter Anfang für einen Mann, der sich in seiner Karriere bereits am Ende sieht und doch, mit fast erotischer Gier, nach neuem Schwung und dem richtigen Leben lechzt.
Das Lechzen muss man sich denken. Bei Henry James nippt man nachmittags am Tee, und seufzt.

Unsere Buchtipps zu Henry James

Wolf Ebersberger