Im Stau: John Irving auf der „Straße der Wunder“

Jeder neue Roman von John Irving wird von seiner Lesergemeinde erwartet wie der nächste Schuss von einem Süchtigen. Und nach den beiden späten Meisterwerken „Letzte Nacht in Twisted River“ und „In einer Person“ sind die Erwartungen an und die Sucht auf seinen 14. Roman besonders hoch.

Um es gleich zu sagen: Die meisten werden enttäuscht sein. Irvings „Straße der Wunder“ versammelt zwar viele der gewohnten Figuren, Motive und Konstellationen, breitet sich aber in einem zähen magischen Realismus – Garcia Marquez lugt manchmal aus dem Sammelsurium an Einfällen hervor – auf erschöpfenden 784 Seiten aus.

Kultautor John Irving.  Foto: dpa Auf zwei Zeitebenen erzählt der Meistererzähler von einem Meistererzähler: Juan Diego Guerrero, ein von allen verehrter Romanautor und Literaturdozent, fliegt auf die Philippinen, um ein altes Versprechen zu erfüllen, das er als Junge gegeben hat. Seine treusorgende Ärztin Dr. Rosemary hat ihn zwar mit Medikamenten versorgt, aber ein unheimliches Mutter-Tochter-Duo bringt ihn noch am Flughafen dazu, die Betablocker abzusetzen und lieber zu Viagra zu greifen – mit wundersamen Folgen für sein Traum- und Sexualleben, aber desaströsen Konsequenzen für seine Gesundheit.

Juan Diego driftet zurück in seine eigene Vergangenheit, wird von Erinnerungen bedrängt: an seine Schwester Lupe, deren unverständliche Sprache er übersetzen muss und die Gedanken und manchmal auch die Zukunft liest; an Señor Eduardo, einen angehenden katholischen Priester, der die tägliche Selbstzüchtigung mit Peitschen gegen die Liebe zu einem sich prostituierenden Transvestiten eintauscht; an die riesige Müllhalde im mexikanischen Oaxaca, auf der die Kinder aufwachsen und Juan Diego die Literatur entdeckt; und an den Zirkus der Wunder mit seinen schönen Artistinnen und fiesen Löwenbändigern, der ihnen auf unterschiedliche Weise zum Schicksal wird.

Dazwischen gibt es Zu- und Unfälle, Mysterien und Tragödien – und zusätzlich überraschend deutliche Kritik an den Praktiken der katholischen Kirche und ihrem Wunderglauben.

Irving überstrapaziert seine von Charles Dickens und Kollegen gelernte Technik der Vorausdeutung. Auf vieles wird so früh und so häufig angespielt, dass sich beim späteren Auserzählen nur noch ein Schatten der beabsichtigten emotionalen Wirkung einstellt: Wenn Lupes grausiges Ende schon von Beginn an mehrfach angesprochen wird, haben wir Leser es schwer, zum Finale noch Mitleid oder Schrecken zu empfinden!

Ein interessanter Aspekt an Irvings Stil ist aber trotzdem auch hier, dass seine Prosa immer dann am lebendigsten wirkt, wenn es ans Sterben geht. Allein der Tod der Prostituierten und Putzfrau Esperanza, die von einer monströsen Marienstatue scheinbar „ermordet“ wird, oder das langsame, tragische Aids-Sterben eines herzensguten Elternpaares sind Passagen, bei denen sich zeigt, dass auch ein weniger gelungener Roman aus den Händen Irvings noch eine Schatzkammer öffnen kann.

Wie für Juan Diego durch das Absetzen der Betablocker sind auch im ganzen Roman die Erinnerungen präsenter als die konstruierte Gegenwartshandlung mit ihren bedrohlichen Tieren und überzogenen Sex- und Todesbotinnen.

Figuren wie Edward Bonshaw, der auf einen Mah-Jongg-Stein fällt, so dass ihm für immer ein „L“ in die Stirn gezeichnet ist, der Müllhaldenchef Rivera, der vielleicht, vielleicht auch nicht, Juan Diegos Vater ist, oder der „gute Gringo“, ein junger amerikanischer Kriegsdienstverweigerer, der kurzzeitig den Weg der (Halb-)Waisen kreuzt, bleiben auch nach der Lektüre noch im Gedächtnis. Während man die merkwürdige Pilger-Reise, die dem Roman den Rahmen gibt, am liebsten schnell vergisst . . .

Die „Straße der Wunder“ hätte mit einer linearen Erzählweise wohl besser zum Ziel geführt. Wir warten auf den nächsten Irving!

Andreas Frane

John Irving: Straße der Wunder. Roman. Deutsch von Hans M. Herzog. Diogenes, 784 Seiten, 26 Euro.