Michael Köhlmeiers neuer Roman

Das Wort Zigeunermädchen darf eigentlich nicht mehr in den Mund genommen werden, weil es mit Abwertung, Vorurteilen, ja rassistischem Gedankengut in Verbindung gebracht werden könnte. Das Wort kommt in Michael Köhlmeiers Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ auch nicht vor. Und doch drängt es sich auf. Denn es gibt ja auch die Zigeunermusik, das freie Leben der Zigeuner, die Zigeunerromantik.

Beides: Die negative und positive Seite des Begriffs Zigeuner wird in der Parabel Köhlmeiers in Betracht gezogen. Und wenn einer die Kunst der Parabel beherrscht, dann dieser österreichische Autor, der unter anderem auch Mathematik studiert hat.

Die literarische Form der Parabel wirft in kurzen, lehrhaften Erzählungen die Fragen von Moral und ethischen Grundsätzen auf. Diese werden in einen anderen Vorstellungsbereich übertragen und so greifbar und begreifbar gemacht.

Wobei die beiden Seitenäste des Konstrukts der Parabel, der sich zum Scheitelpunkt senkende und der wieder ins Ungefähre aufsteigende Ast, die beiden Hauptlinien der Erzählung symbolisieren.

Köhlmeier_25055_MR2.indd Das klingt kompliziert, ist aber an der Geschichte gut nachvollziehbar: Ein Mädchen, das alles verloren hat – die Eltern, den Namen, das Wissen um ihr Alter – wird von einer Gruppe der ihren in die Welt geworfen. Es versteht kein Wort, kommt aber irgendwie über die Runden. Mehr noch, es trifft immer wieder auf Menschen, die ihm nicht übel wollen; das Mädchen hätte sogar die Möglichkeit, eine bürgerliche Biografie anzusteuern. Doch wird es eines Nachts von zwei Jungen mitgenommen, die eines wollen: Ihre Freiheit leben, weil zumindest einer von ihnen, der Ältere, mit Abschiebung rechnen muss.

Yiza, wie sich das Mädchen von nun an selbst nennt, wird den Hunger kennenlernen, die Müdigkeit und die Kälte beim Leben auf der Straße. Dabei nähert sich Köhlmeier ganz zart und genau diesen drei Kindern an. Man spürt bereits ihren Hunger wieder, wenn sie sich gerade mal den Magen vollschlagen. Man friert mit ihnen und wird misstrauisch wachsam gegenüber allen Erwachsenen.

Und wieder einmal hätte Yiza die Chance, ihr künftiges Leben in bürgerlicher Geborgenheit zu verbringen. Sie wird gegen alle Widerstände den Weg der Freiheit wählen. Ein Weg, auf dem Mitleid und Rührung, die Yiza bisher erfahren hat, ihr immer seltener begegnen dürfte.
Aber Gleichnisse und Parabeln, man weiß das spätestens aus den Evangelien, müssen nicht immer ein Happy End haben.

Kleines Büchlein, großer Wurf.

Raimund Kirch

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut. Roman. Hanser Verlag, 140 Seiten, 18,90 Euro