Stark: David Mitchell durchmisst die Welt

David Mitchell, weltberühmt seit seinem Erfolg „Wolkenatlas“, ist ein Erzähler, der die vielen bunten Fäden, aus denen sich seine Geschichten entwickeln, immer fest in der Hand behält. Seine Fantasie mag von einem heißen Sommer 1984 an der Themse über einen mörderischen Kampf in einem mystischen Kloster auf dem Schweizer Sidelhorn bis zum Ende der Zivilisation 2043 reichen. Die Erzählerfiguren, die er sich ausgedacht hat, mögen ein globetrottender Schriftsteller, ein von zu Hause ausgerissener Teenager oder ein unsterblicher Körperwanderer sein.

NZ-Mitchell Alles in Mitchells Werk ist raffiniert gesponnen und miteinander verwoben. Und das über die einzelnen Bücher hinweg: In den sechs Teilen seines sechsten Romans „Die Knochenuhren“ treffen wir auf alte Bekannte aus seinen früheren Geschichten, Hugo Lamb aus „Der dreizehnte Monat“, die Naturwissenschaftlerin Mo Muntervary aus „Chaos“ oder verschiedene Figuren aus „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Diesmal ist eine Frau der rote Faden durch Raum und Zeit. Die junge Holly Sykes ist nach einem Streit mit ihrer Mutter abgehauen. Am Ufer der Themse begegnet sie einer einsamen ältlichen Anglerin, die sie um Schutz und Hilfe bittet. Noch ahnt Holly nicht, dass diese Begegnung kein Zufall und sie schon lange Teil eines erbitterten Krieges zwischen verschiedenen Fraktionen von Unsterblichen ist. Nebensächliche Details dieses Sommers werden sich Jahrzehnte später als lebenswichtige Lektionen und Hinweise erweisen.

Schon allein die Art und Weise, wie der britische Autor Realismus und sehr konkrete Gesellschaftskritik mit Fantasy, Horror und dystopischer Science-Fiction konfrontiert, wie er seine Geschichte mit jedem neuen Teil scheinbar neu beginnt und doch weitererzählt, das ist wirklich atemberaubend. Dazu kommen Figuren, die die Leser ebenso irritieren, wie überraschend berühren.

Der Kriegsberichterstatter, der sich zwischen Beruf(ung) und Frau und Kind entscheiden soll. Die alte Frau, die im Angesicht eines Rückfalls der Welt ins Mittelalter die ihr liebsten Menschen aufgeben muss. Der moralisch verworfene Cambridge-Absolvent, der während der Weihnachtsferien gleich zwei Angebote erhält, die sein Leben verändern könnten.

Die Entscheidungen, die in den „Knochenuhren“ getroffen werden, sind alle menschlich und übermenschlich zugleich – und Teil eines großen Plans oder „Skripts“, das sich erst allmählich enthüllt. Sensible Geschichten um Liebe und Freundschaft, Schuld und Vergebung stehen neben Horrormomenten, als hätte Stephen King sich kurz eingeschlichen, oder Beschreibungen von physischer und psychischer Gewalt, die das Weiterlesen schwer machen.

Aber weiterlesen muss man. Dieser Roman ist ein „Reißer“, dessen 816 Seiten buchstäblich Welten durchmessen. Und mehr soll hier gar nicht verraten werden!

Andreas Frane

David Mitchell: Die Knochenuhren. Deutsch von Volker Oldenburg. Rowohlt, 816 Seiten, 24,95 Euro.

Klüpfel und Kobr an der Adria

Volker Klüpfel und Michael Kobr, das Erfolgsduo der bayerischen „Kluftinger“-Krimis, haben mit ihrem  neuen Roman „In der ersten Reihe sieht man Meer“  eine Komödie geschrieben, die an die Adria führt… und in die Kindheit vieler Deutscher (Droemer, 19,99 Euro).

NZ-Kluepfel_Kobr„Africavitamineproteinecoccobeeeeellooooooo!“ Wer jemals einen Urlaub an den Stränden der Adria – sagen wir zwischen Bibione und Rimini – verbracht hat, weiß, was gemeint ist: Ein Mann mit einem Eimer in der einen und einem Korb voller Kokosnuss-Stücke in der an deren Hand läuft am Strand entlang, während er in einem seltsamen Singsang seine Ware anpreist – und erfolgreich verkauft. Denn er hat nicht nur die saftigen Nüsse dekorativ auf exotisch wirkenden grünen Blättern drapiert. Nein, er macht auch noch den – vor allem weiblichen – Kunden jede Menge charmante Komplimente.

Diese Stimme, diese Rufe vergisst man nie mehr im Leben. Man spürt regelrecht den heißen Sand unter den Füßen, riecht das Sonnenöl und spürt den köstlichen Kokosgeschmack auf der Zunge. Auf genau diesen Effekt setzen Kobr und Klüpfel in ihrem neuen Buch, das wie ein Fotoalbum von früher aufgemacht ist: blauer, abwaschbarer Kunststoff-Einband, auf dem in Foto-Ecken ein verblichenes Bild mit Liegestuhl und sanften Mittelmeerwellen prangt. Nostalgie pur. Kindheits-, Jugend- und Urlaubserinnerungen in einem, wer würde sich da nicht emotional angesprochen fühlen! Die Adria, das einstige Traum-Urlaubsziel der Deutschen, ist das Thema dieser Geschichte.

Die führt den Ich-Erzähler, einen erfolgreichen Werbefuzzi Mitte vierzig, auf die, wie es im Klappentext heißt, „sonderbarste Reise“ seines Lebens. Eigentlich hat er selbst schon Familie und will am nächsten Tag frühmorgens in den Urlaub aufbrechen. Doch über einer Flasche Wein schlummert er ein. Und beginnt zu träumen. . .

Als er aufwacht, hat er zwar noch nicht die Fahrt in den Urlaub hinter sich, wohl aber eine Zeitreise, die ihn in die schlimmste Phase seiner Pubertät zurückführt. Und in den allerersten Italien-Urlaub mit seinen Eltern und der schon ein wenig erwachseneren Schwester in den achtziger Jahren. Als solche Reisen noch ohne Klimaanlage und Navi in der Familienkutsche unternommen wurden, als Papa fuhr und Mama mit der Landkarte die Richtung vorgab.

Das in der Zusammenarbeit bestens erprobte Autorenduo zieht alle Register und garniert das Ganze mit authentischen Urlaubsfotos von damals. Die Überschriften der Kapitel sind Liedtitel aus den 80ern, viele italienische natürlich. „Santa Maria“, „Ti sento“, „Gente di mare“ oder „Insieme“: Sie wurden in jener Zeit rauf- und runtergenudelt, bis man die Texte im Schlaf mitsingen konnte.

Klüpfel und Kobr lassen kein Klischee aus, das deutschen Italienurlaubern anhaftet. Von der ständigen Angst, von den „Itakern“ übers Ohr gehauen zu werden, bis zur Putzwut der deutschen Hausfrau, die erst die Ferienwohnung desinfiziert, bevor man seine sieben Sachen einräumt. Aber die Autoren machen das so liebevoll und originell, dass man den Roman gar nicht mehr zur Seite legen möchte. Bei der Lektüre stellt sich tatsächlich „Felicità“ ein.

Ute Wolf

Eine Entdeckung: die Autorin Lucia Berlin

Eine literarische Stimme, die man noch nicht kannte – und so schnell nicht wieder vergessen wird: Lucia Berlin. Zum ersten Mal ist die einzigartige amerikanische Autorin (1936 – 2004) nun auch auf Deutsch zu erleben.

berlin So ein wunderbarer Name, fast wie erfunden: Lucia Berlin. Könnte er nicht gut aus dem New Yorker Dunstkreis eines Andy Warhol sein? Sie wissen schon: Eine dieser schönen Damen, die womöglich gar keine Dame ist, nur sehr androgyn und natürlich – oder auch unnatürlich – sehr sehr glamourös. Ein Geschöpf aus der „Factory“ des Künstlers, nachtschwarz schimmernd, somnambul und sexy.

Aber es hat sie wirklich gegeben und sie hat wirklich so geheißen. Und was sie geschrieben hat, diese große, bei uns kaum bekannte Schriftstellerin, hat sich auch wirklich ereignet – zumindest im Kern. Oder wie sie es selbst, frontal offen und flatterhaft, in einer ihrer Geschichten formulierte: „Ich übertreibe oft und verwechsle oft Fiktion und Realität, aber, ganz ehrlich, ich lüge nie.“

Sie lügt nie. Ja, das spürt man als Leser, und noch in der kleinsten der 30 Kurzgeschichten des Bandes „Was ich sonst noch verpasst habe“. Mit ihm wird die amerikanische Autorin erstmals dem deutschen Publikum vorgestellt. Mit ihm müsste sie – so Gott will, aber will er? – endlich berühmt werden, wie sie es zu Lebzeiten nie wurde. Auch nicht in ihrer Heimat. Dort hat letztes Jahr immerhin ein neuer Auswahlband – anders betitelt, aber Grundlage der deutschen Ausgabe – für Furore gesorgt und die Autorin posthum populär gemacht.

Denn Leser, die Freude haben an der unscheinbaren, doch schicksalsträchtigen Erzählkunst einer Alice Munro, am jüdisch gepfefferten Plauderton einer Grace Paley, am dunklen, mit Aberwitz überbrückten Seelenabgrund einer Sylvia Plath – all diese Leser werden auch Lucia Berlin ins Herz schließen. Und zwar von den ersten saloppen Zeilen an, mit denen ihre so leicht wirkenden, in Wirklichkeit schweren, weil durchwegs erlittenen Geschichten beginnen.

Manches bleibt Skizze, wird nicht weitergesponnen. Und doch: Alle Stationen, die Lucia Berlin in ihrer wechselhaften Biografie durchlief, finden sich auch in diesen unerschrocken komischen, dann wieder unerwartet rührenden Stories wieder.

1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs in Alaska geboren und zunächst in Minenstädten des Westens aufgewachsen, kam Berlin zur Mutterseite nach Texas – ein Nest von Suff und Missbrauch. Bald ging es nach Chile, wo die Familie als Upper Class ihren bescheidenen Reichtum feiern konnte, dann querbeet durch Mexico, New Mexico, Kalifornien. Drei Ehen, vier Söhne, viel Alkohol, zuviel Alkohol, immer wieder, dazu lebenslang die Krankheit Skoliose. Am Ende eine sichere Stelle an der Uni von Boulder, Colorado, und – stets neben sich – ein Sauerstoffgerät.

Von den Erinnerungen an den Großvater, einen heruntergekommenen Zahnarzt (dem sie, fast surreal, helfen muss, sich alle Zähne zu ziehen), über die Schikanen der Klosterschule (als Außenseiterin im Stahlkorsett) bis zu den vielen Jobs, mit denen sie sich und die Kinder über Wasser hielt (Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Arzthelferin in der Notaufnahme): Berlin packt die Situationen am Schopf und, samt aller haarsträubenden Details, in eine ungeschönte, unerhört lebendige Prosa. Antje Ravic Strubel, selbst Autorin, hat sie trefflich übersetzt.

Manchmal denkt man an Raymond Carver oder gar an Bukowski: Aber Berlin hat ihren ganz eigenen Stil, die Dämonen zu bannen. Wenn sie von der späten Wiederannäherung an ihre Schwester berichtet, als diese Krebs im Endstadium hat, davon wie sich beide, nun versöhnlich, an die kalte Mutter, auch sie Trinkerin, erinnern, dann zeigt der Blick aufs harte Sein die zartesten Seiten. Sie sind es, nicht die Grausamkeiten, die den Atem des Lesers stocken lassen.

Wolf Ebersberger

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe. Arche Verlag, 382 Seiten, 22,99 Euro.

Lars Gustafssons letzter Roman

Die Liste der Auszeichnungen und Werke des schwedischen Schriftstellers und Philosophen Lars Gustafsson ist beeindruckend lang. Der 1936 geborene und vor kurzem verstorbene Autor hat in seinen Romanen mehrfach vom Spiel mit der Identität der handelnden Personen erzählt. Es geht um den Verlust der Ichs und wie ein fiktionaler Selbstentwurf aussehen könnte. Das kann phantasievolle Geschichten ergeben, die zeigen, dass der Einzelne nicht auf eine Rolle im Leben festgelegt ist, sondern unterschiedliche Möglichkeiten hat.

Gustafsson_25051_MR1.indd In seinem letzten auf Deutsch erschienenen Roman zieht Gustafsson noch einmal aller Register seines Spieltriebs und zeigt, welche unterschiedlichen Seiten in Kent Andersson stecken. Der 80-jährige Mann lebt nur noch in seinen Erinnerungen und erzählt von seinem Start ins Leben: Die blonden Haare der Lehrerin waren wichtiger als die Mathematik, auch die sexuellen Exkurse seines Vaters haben den Jungen fasziniert, vor allem seine Ausreden.

Als der junge Kent einen toten Motorradfahrer entdeckt, nutzt er die Möglichkeit, eine neue Identität anzunehmen, und zwar komplett. Er übernimmt nicht nur den Namen des toten DDR-Flüchtlings Dr. Kurt Wasser, sondern auch dessen Beruf. Der war ausgebildeter Arzt. Da Kent aber über keine Ausbildung verfügt, muss er alle Anstrengungen unternehmen, ein Arzt zu werden, der, wie es heißt, „niemandem weh tut“ – er wird also Schlafforscher. Vor allem als Verführer von Frauen hat er auch im Privatleben großen Erfolg.

Das ist alles nett erzählt, bisweilen auch witzig – aber letztlich doch eine Art Altherrenprosa, mit der an die längst vergangene Libido erinnert wird. So richtig in Gang kommt der schmale Roman darüber nicht. Natürlich wird der falsche Doktor mit zunehmendem Alter immer eitler und kritisiert jede Amtsanmaßung von anderen, ohne dabei seinen eigenen Rollenbetrug zu berücksichtigen. Am liebsten würde er alle Blender in seinem Beruf entlarven.

Ein Buch also für die Fans von Gustafsson oder alle, die es auf die vollständige Kenntnis seiner Werke anlegen . . .

André Fischer

Lars Gustafsson: Doktor Wassers Rezept. Deutsch von Verena Reichel. Hanser, 142 Seiten, 17,90 Euro.

Ronja von Rönnes Roman „Wir kommen“

Das Haar nachlässig hochgesteckt, dazu bis oben zugeknöpfte Hemden oder Bubikragen – Ronja von Rönne ist das It-Girl der Literaturszene, abgeklärt und attraktiv. Und ja, das darf man erwähnen, schließlich setzt sich Rönne gern effektsicher in Szene. Jetzt ist ihr erster Roman erschienen.

Eine 20-Jährige hat, sofern sie in ordentlichen Verhältnissen lebt, unbeschwert bis glücklich zu sein, liegt doch ihr ganzes Leben und eine Zukunft als Girokonto-Besitzerin vor ihr. So zumindest wollen es Sparkassen und Menschen, die wesentlich älter sind und ihre Jugend verklären, weil das Alter auch nicht pausenlos euphorisch stimmt.

Aber wer will schon etwas lesen über Jugendliche, die fröhlich durch Eisdielen, oder, zeitgemäßer, Shisha-Bars ziehen? Junge Leute mit Hang zum Lebensüberdruss bevölkern deshalb die Literatur seit jeher; der aussichtslos die anderweitig versprochene Lotte bestürmende Werther wurde nicht von ungefähr ein Superseller seiner Zeit.

Ronja So gesehen reiht sich Nora, die Protagonistin des Romans „Wir kommen“, in eine lange Tradition, ist dank seiner etwa gleichaltrigen Autorin Ronja von Rönne (Jahrgang 1992) aber doch so von der Gegenwart geprägt, wie man es erwarten darf; dazu braucht Rönne übrigens nicht die permanente Anwesenheit der modernen Dreifaltigkeit Blog, Facebook und Twitter – die sie im echten Leben natürlich ausgiebig nutzt. Lesenswert wird ihr literarisches Debüt aber vor allem, weil sie aus Nora eine vielschichtige Figur gemacht hat.

Es ist nicht leicht, über den Roman zu schreiben, ohne von der Autorin mehr preiszugeben als Namen und Alter, die üblichen Angaben also. „Wir kommen“, bitte nicht zu verwechseln mit dem Kultur-Phänomen des Willkommens (der Autorin ist zuzutrauen, dass die Assoziation gewollt ist), mag ein Debüt sein; doch nicht eines, das die Autorin, wie es gern heißt „über Nacht“ bekanntgemacht hätte – es verhält sich vielmehr umgekehrt: Aufmerksamkeit wird dem Roman nicht zuletzt zuteil, weil es Rönne bereits vorab zu Berühmtheit gebracht hat; dank eines vor einem Jahr erschienenen Zeitungsartikels. Unter dem Titel „Warum mich der Feminismus anekelt“ fand sich darin viel Unsinn, zugleich aber eine nicht zu bestreitende sprachliche Virtuosität, wohltuender Witz und der unbedingte Wille, aller politischen Korrektheit eins vor den Latz zu knallen – was auch gelang.

Vielleicht war der Artikel aber auch nur einer Veranlagung der Autorin zu sensiblen Magennerven geschuldet; schlecht wird ihr bzw. ihren Figuren nämlich immer wieder mal; auch Nora, die sich erinnert, wie sie sich während ihres ersten Rauschs in ein Behältnis mit Glückskeksen übergab.
Damit wären wir wieder bei der Romanfigur, die sich, wie bereits angedeutet, nicht frohgemut Richtung Eigenheim etc. bewegt, sondern seit einiger Zeit von Panikattacken geweckt wird und sich deshalb in psychotherapeutischer Behandlung befindet. Aufschreiben, rät der Therapeut, alles aufschreiben. Dann ist die Panik zwar immer noch da, aber wenigstens dokumentiert, so Noras trockener Kommentar dazu, der den lakonischen Tonfall des Buchs vorgibt.

Was erklärt diese Panik? Die „offene“, aber die tatsächlichen emotionalen Bedürfnisse ignorierende Viererbeziehung, die Nora mit Karl, Jonas und Leonie verbindet und alle vier zu „traurigen warmen Tieren“ macht? Die Erinnerung an die Kindheit in einer Familie, in der vor allem geschwiegen wurde, getreu dem Motto: „Wenn wir etwas nicht mit Schweigen ausdrücken konnten, drückten wir es gar nicht aus, dann würde es schon nicht wichtig gewesen sein.“ Oder die Nachricht vom Tod Majas, Noras taffer Freundin aus Jugendtagen, die all das tat, was Nora sich nie traute?

Gewiss, manches konnte auch Nora gut: abwarten, nicken, sich helfen lassen. „Ich weiß nicht, weshalb mein Leben generell so anders aussieht, als ich es mir mit zwölf vorgestellt hatte“, fragt sie sich deshalb heute.

Man möchte endlos aus dem Buch zitieren, Rönne formuliert knapp, präzise, immer wieder auch hochkomisch. Melancholie schleicht sich erst zwischen die Zeilen, rückt dann immer stärker in den Vordergrund dieses Frauenporträts auf der Höhe der Zeit. Noras Generation scheint sich in den vermeintlich grenzenlosen Räumen der Freiheit heilloser zu verirren als in einem Labyrinth; die Sehnsüchte bleiben eben doch die alten und im Zweifelsfall nach wie vor unerfüllt.

Es gibt in diesem Buch hin und wieder Formulierungen, die stehen etwas prätentiös da und wollen Beifall. Und wenn schon: Ronja von Rönne ist noch jung und hoffentlich gekommen, um zu bleiben.

Tamara Dotterweich

Ronja von Rönne: Wir kommen. Aufbau Verlag, 208 Seiten, 18,95 Euro

Tommie Goerz’ neuer Frankenkrimi: „Schlachttag“

Kommissar Friedo Behütuns hat das Zeitliche nicht gesegnet, auch wenn es ihm am Ende des letzten Franken-Krimis aus der Feder von Tommie Goerz gar nicht gut ging – in „Einkehr“ kippte der Nürnberger Fahnder am Ende in einem Biergarten um. Doch jetzt schlaunzt er in seinem nunmehr sechsten Fall wieder durch die Gasthäuser und Bierkeller der Fränkischen Schweiz – als frisch ernannter Leiter des neuen Sonderbüros Metropolregion Nürnberg. Und da kommen er und sein Team ziemlich herum in Mittel- und Oberfranken.

Persönlich geht es Behütuns nicht übermäßig gut. Seine Fern-Freundin Julie LaFayette war in Frankreich Opfer eines Auto-Unfalls geworden – mit tödlichem Ausgang für sie. Da grübelt Behütuns nun über den Sinn von Leben und Tod – das hat natürlich Auswirkungen auf seinen Arbeitseifer und seine Arbeitsfähigkeit. Doch nach und nach kommen die Dinge wieder ins Lot und quälend langsam kehrt die Lebenslust von Behütuns zurück.

Die aktuellen Ermittlungen drehen sich zunächst um eine Leiche, die ein Wanderer zwischen den Felsbrocken des Druidenhains bei Wohlmannsgesees gefunden hat — und die kurze Zeit später, als die Polizei eintrifft, wieder verschwunden ist. Es handelt sich – das weiß aber zunächst nur der Leser – um Franziskus Aloisius Heiselbetz, einen katholischen Pfarrer im Ruhestand. Und der war in seinem aktiven Berufsleben auch mal Pfarrer in Markt Erlbach. Und dort ist zu seiner Pfarrerszeit eine Frau spurlos verschwunden, die Frau des ortsansässigen Bauunternehmers Scholl.

Das sind schon Rätsel genug. Obendrein aber wird in der Nähe einer einsam stehenden Kirche bei Kaubenheim ein Teil einer Frauenleiche von einem Hund ans Tageslicht gezerrt. Das Ermittlerteam wird jedoch das Gefühl nicht los, dass zwischen all diesen Fällen — ob alt, ob frisch — ein Zusammenhang besteht. Behütuns und seine Mitermittler winden sich zwischen den Verdachtsmomenten durch, geraten immer wieder auf falsche Spuren und schließlich auf eine schlüssige, wenn auch überraschende Lösung der vertackten Gemengelage.

Tommie Goerz taucht wieder einmal tief und treffsicher ein in die fränkische Gemütslage und schildert in meisterhaft geschriebenen Mundartpassagen die Befindlichkeiten der fränkischen Seele.
Nur die Schilderungen, in denen Behütuns wieder und wieder sein Seelenleid knetet, sind teilweise etwas langatmig geraten. Aber sonst kommt die komplizierte Story flott und schlüssig erzählt daher – mit dem für Goerz typischen überraschenden Schlussakkord.

Nebenbei grantelt der Autor noch etwas an der geistigen Befindlichkeit von islamischen Terroristen und katholischen Geistlichen herum – nicht zu tiefschürfend, aber doch bedenkenswert. Und faszinierend die eingeschobenen Kapitel über das Schlachten eines Schweins — ein Schlachttag ist nichts weniger als ein Festtag. Goerz ist erneut ein Franken-Krimi vom feinsten gelungen – auch weil er sich in fränkischen Landen und Köpfen bestens auskennt.

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Schlachttag. ars vivendi, 425 Seiten, 14,90 Euro.