Judith Hermanns neue Stories: „Lettipark“

So schmal die Stories auch sind: Ein neues Buch von Judith Hermann ist immer ein Ereignis.

Vielleicht ist sie tatsächlich die beste Erzählerin von Kurzgeschichten in diesem Land. Aber dieser Superlativ, berechtigt wie er sein mag, passt so gar nicht zu Judith Hermann und ihrem Stil. So dezent, so undeutsch, so luftig und leicht, wie die 1970 in Berlin geborene Autorin ihre lose gehaltenen Sätze webt. Auch in „Lettipark“, ihrem jüngsten Band.

Feuilleton-Judith Dabei geht es ihr auch nie um etwas wie Zeitgeist oder explizite Gegenwart, um Krisen, Flüchtlinge, wirtschaftliche Existenzängste. Es geht ihr, auch wenn die Prosa zerbrechlich ist wie Porzellan, um elementarste Dinge und Erfahrungen, um Leben und Zeit, um Freundschaft, Liebe, Veränderung. Aber eben – man staune – in Geschichten, die auch nur sechs Seiten lang sein können.

So wie „Kohlen“, die erste – und wohl eine der schönsten. Briketts werden da geliefert und müssen in einem Stall verstaut werden. Die Familie – oder Kommune? – will ja warm über den Winter kommen. Alle helfen mit, auch der kleine Nachbarsjunge, Vincent, vier Jahre alt, der mit seinem Rad dazukommt. Um ihn wird es gehen – und darum, wie er damit lebt, dass er erst im Vorjahr seine Mutter verloren hat. Eine lange Leidensgeschichte, vielleicht: ein gebrochenes Herz. Aber Vincent ist nicht gebrochen. Er macht, auf ebenso kindliche wie schon erwachsene Weise, einfach weiter. Er packt mit an – „und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien“.

Kohlen, schwarz und dreckig, die zu etwas Hellem und Heiligem werden: ein gewagtes, unglaubliches Bild, das in seiner religiösen Überhöhung des Alltags auch bei James Joyce und seinen „Dublinern“ stehen könnte. Ohne, dass es der Leser merkt, läuft die Geschichte auf diesen letzten Satz, dieses letzte, erlösende Bild hinaus – eine Epiphanie. Die aber, und das ist die Kunst der seit „Sommerhaus, später“ bei Kritikern wie Lesern erfolgreichen Judith Hermann, nie prätentiös wirkt.

Leser, die keine Kurzgeschichten mögen, weil sie daran nicht satt werden – werden hier verhungern; Leser, die Kurzgeschichten gerade mögen, weil sie, wie eine Kostprobe, auf das große Ganze neugierig machen, ohne den Magen zu füllen, womöglich süchtig werden. Eigentlich sind es ja nicht mal Geschichten. Es sind einzelne Situationen, die sie herausgreift, vage Skizzen, die sie entwirft.

Begegnungen, Wiederbegegnungen, Blicke, der Liebe und der Fremdheit. Freundschaften, vor allem von Frauen, die bestehen oder nicht. Wie in „Solaris“, in der Ada, nun Fotografin, Ehefrau und Mutter, nach Jahren die Schauspielerin Sophia besucht – und von deren virilem Kollegen erneut erotisch angezogen wird. Wunsch und Wirklichkeit, sie bleiben dennoch zwei Welten.

Wolf Ebersberger

Judith Hermann: Lettipark. Verlag S. Fischer, 192 Seiten, 18,99 Euro.

Patti Smith erinnert sich: „M Train“, ein Tagtraum

Mit „M Train“ legt die amerikanische Sängerin Patti Smith einen neuen Erinnerungsband vor – der aber ganz anders ist als der zum Bestseller gewordene Vorläufer „Just Kids“.

Dass Patti Smith schon immer nicht nur eine Rock-Sängerin, sondern eine Rock-Poetin war – freilich der urbanen, rauhen, punkigen Art –, sprach aus jedem ihrer Lieder. Trotzdem wurde ihr Buch „Just Kids“ (2010) zur Überraschung: Die intimen Erinnerungen an ihre Begegnung und Beziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe waren sowohl biografisch aufschlussreich als auch literarisch überaus gelungen. Ein großer Wurf, persönlich ansprechend, packend zu lesen.

NZ-patti Hält „M Train“ nun, was „Just Kids“ versprach? Oder anders gefragt: Kann man die beiden Bücher überhaupt vergleichen? Ähnelt das neue Werk nicht eher dem früheren, freieren Bändchen „Traumsammlerin“? Wie dieses lässt sich „M Train“ als lose, eher spirituelle als an Daten und Fakten justierte Autobiografie sehen. Eine Fortsetzung von „Just Kids“ ist es nicht – das hätte sie selbst, als Autorin, vielleicht nur gelangweilt.

Lieber blickt Patti Smith, fast schon ziellos durch Alltag und Gegenwart schlendernd, auf einzelne wichtige Stationen ihres Erwachsenenlebens zurück. Stationen, das passt. Oder eben „Haltestellen“, wie sie die Kapitel nennt. Denn: „Der Schriftsteller ist ein Zugführer“, so die Weisheit, die ihr ein Cowboy, der ihr im Traum begegnet, mit auf den Weg gibt. An sowas glaubt sie.

Und Smith träumt im Grunde die ganze Zeit – auch offenen Auges. Sitzt in ihrem geliebten New Yorker „Café ’Ino“ und sinniert, dass sie selbst gern mal ein Café eröffnet hätte. Der Traum blieb unerfüllt. Andere ließen sich verwirklichen. Mitunter erst beim zweiten Mal, wie der Fan-Besuch, den sie unbedingt Frida Kahlos Blauem Haus in Mexico City abstatten wollte. 1971, als junge Frau, stand sie noch vor der verschlossenen Tür. Der berühmten Künstlerin Patti Smith hat diese sich, Jahrzehnte später, dann geöffnet.

Wie eine Pilgerin reist Smith durch die Welt, folgt den Spuren der Dichter und Denker, die sie bewundert, von Genet, Roberto Bolaño und Haruki Murakami, beehrt die Gräber von Rimbaud und Sylvia Plath. Gern nimmt sie Andenken mit, kleine Fundstücke, auf jeden Fall aber Fotografien, die das Buch nun zieren. Auch ihr früh verstorbener Mann Fred erscheint so, in Wort und Bild betrauert.

Über ihre Musik, die Karriere, den Ruhm – nichts. Stattdessen schwelgt sie, als profaner Kontrapunkt, in TV-Serien, die sie geradezu süchtig verfolgt. Man muss sie dafür mögen, so unprätentiös, offen und ohne jede Spur von Eitelkeit, wie Patti Smith anhand vieler anderer Dinge von sich selbst erzählt.

Wolf Ebersberger

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, 329 S., 19,99 Euro.

Adrien Boscs aufregendes Debüt: „Morgen früh in New York“

Sie war schon zu Lebzeiten eine Legende: Édith Piaf, der „Spatz von Paris“ (1915 – 1963). Die Chansons der zierlichen französischen Sängerin handelten immer wieder von den Tragödien ihres Lebens. Eine davon war der Schicksalsschlag, durch den sie ihre große Liebe verlor: den in Algerien geborenen Boxweltmeister Marcel Cerdan. Der kam am 27. Oktober 1949 ums Leben, zusammen mit 47 weiteren Opfern bei einem Flugzeugabsturz, der bis heute nicht restlos aufgeklärt ist.

NZ-bosc Der Lockheed-Luxusliner „Constellation“ war unterwegs von Paris nach New York und sollte auf der Azoren-Insel Santa Maria zwischenlanden. Dort kam er aber niemals an – der Funkkontakt riss kurz vorher ab, und die Maschine zerschellte an einem Berg auf der Nachbarinsel.

Dieses Unglück war für die Presse ein gefundenes Fressen und sorgte tagelang für Schlagzeilen. Außer dem Boxchampion Cerdan, den seine Fans „le bombardier“ nannten, befanden sich nämlich noch andere Stars an Bord der Maschine, die seinerzeit als das Langstreckenflugzeug schlechthin galt.

Etwa die Geigerin Ginette Neveu, damals in etwa so prominent wie heute David Garrett, oder der Disney-Manager Kay Kamen. Sie wurden ebenso tot unter den Trümmern an der Absturzstelle geborgen wie die zahlreichen weniger berühmten Opfer.

In seinem vielversprechenden Debütroman spürt Adrien Bosc den durch den schrecklichen Unglücksfall miteinander verknüpften Schicksalen der Toten nach, stellt Zusammenhänge her, wo sie keiner vermutet hätte und setzt die Einzelgeschichten wie ein Puzzle zusammen. Das tut er mit journalistischer Gründlichkeit und geht dabei auch auf die unbekannten verunglückten Passagiere ein, deren Geschichten er akribisch recherchiert hat.

Der 1986 in Avignon geborene Autor hat schon mit 25 Jahren einen Verlag gegründet, in dem eine Literatur- und eine Sportzeitschrift erscheinen. Für seinen ersten Roman wurde er nun mit dem Grand Prix de l’Académie Française und dem Prix littéraire de la Vocation ausgezeichnet.

Aus dem Französischen übersetzt hat den Roman übrigens Olaf M. Roth, ehemaliger Pressesprecher am Staatstheater Nürnberg. Ihm ist es zu verdanken, dass auch die deutschen Leser den unglaublich präzisen Stil von Adrien Bosc voll und ganz genießen können.

Man darf also schon gespannt sein auf den nächsten Roman dieses jungen Autors!

Ute Wolf

Adrien Bosc: Morgen früh in New York. List, 224 Seiten, 18 Euro.