Das lausige Leben: Gonzalo Torné

In der Midlifecrisis sind schlaue Sprüche manchmal so erwünscht wie ein Strick um den Hals. Dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung sei? Geschenkt. „Die Jahre vergehen für den Körper schneller als für das Bewusstsein“, schreibt Gonzalo Torné diffizil. „Der Geist bleibt daheim (wohin soll er denn gehen), wenn auch mit einem gewissen Unbehagen.“

Der fulminante Roman „Meine Geschichte ohne dich“ des katalanischen Autors Torné (geb. 1976) erzählt von einer Wirklichkeit gewordenen Farce namens Leben, konkret Liebesleben. Und davon, sich zum Affen zu machen bei dem Versuch, zu retten, was längst nicht mehr zu retten ist.

Juan-Marc heißt die Hauptfigur. Er ist in den Vierzigern. Zwei Mal geschieden. Ein Kerl, der nächtens von Bar zu Bar zieht und sich in ein inneres Zwiegespräch mit seiner zweiten Ex, offenbar einer Schriftstellerin, versenkt. Kein Jammerlappen, auch nicht im Stil seiner Rede. Eher ein ernüchterter Betrachter.  „Meine Geschichte ohne dich“ ist ein sinnlicher Abgesang auf die Hoffnung, dass alles noch mal besser werde. Eine bittersüße Hymne auf die Verkorkstheit des Glücks.

Helen hieß seine erste Frau. Aus der US-amerikanischen Provinz blutjung in Spanien gelandet, muss sie ein ziemlicher Feger gewesen sein. Eine „sensationelle Blondine“ – aber eben auch „vorhersehbar wie ein harmloser Witz“. An solchen Spitzen geizt er nicht, der Erzähler. Wenngleich es schon etwas dauert, bis bei aller Prägnanz der filmreif formulierten Szenen klar wird, von welcher Geschichte „ohne dich“ dieser ins Leben gefallene Lebemann, Looser und Leidenschaftsbegabte eigentlich berichtet.

Ausgerechnet ein spanisches Urlaubsressort für rüstigere Senioren hat Juan-Marc,  der ja selbst noch keine 50 ist, gewählt, um nach jahrelanger Trennung seine erste Ehe zu reaktivieren. Was für eine Schnapsidee. Denn Helen reist mit den ältlichen Eltern an, die Juan-Marc noch nie mochten. Und eine halbwüchsige Nervensäge, die Helen zwischenzeitlich aus einer anderen Beziehung importiert hat, haben sie überdies im Schlepptau.

Die Wiederbegegnung gerät schnell und heftig zur komischen Katastrophe, weil Juan-Marc, wie von allen guten Geistern verlassen, die Situation der Ankunft fehlinterpretiert. Kaum auf dem Zimmer geht er seiner inzwischen deutlich gereiften Verflossenen sofort an die Wäsche. Woraufhin die sonst wenig naturverbundene Amerikanerin flugs in die umliegende Botanik des Senioren-Hotels türmt.

Torné erzählt das alles mit einer Gefasstheit, die irgendwo an den männlichen Hornbrillenblick eines Max Frisch, an das  psychoanalytisch Milchglasige eines  Woody Allen und an die mediterrane Schreibeleganz eines Javier Marias denken lässt. Doch was wie eine Komödie beginnt, nimmt rasch die Züge der klassischen Tragödie an. Weil Helens Vater stirbt.

Was seinen unfreiwilligen Erfahrungsschatz an sterbenden älteren Herren betrifft, ist Juan-Marc leider kein Grünspan. Seinen eigenen Vater hat er auch das letzte Mal mit einem Strick um den Hals gesehen. Selbst war er durch diesen Tod – und dem Vermächtnis, die nicht unerheblichen wirtschaftlichen Geschicke der Familie zu ordnen – ins Erwachsenenleben geworfen worden und stand dann doch nur da wie ein trauriger Clown.

„Die Welt war für mich noch dermaßen neu, dass ich nicht begreifen konnte, dass die Welt schon uralt war.“ Das Hadern mit ihren Rollen als Väter und Mütter, als Söhne und Töchter färbt Tornés Roman zartbitter.

Juan-Marc öffnet Türen zu seiner eigenen Vergangenheit, er nimmt wieder Kontakt zu ein paar Gleichaltrigen auf. Der eine ist zum Messie geworden, seine Wohnung gleicht einem versifften Museum. Ein anderer hat sich operieren lassen und lebt transsexuell. Alles in die Jahre gekommene Lebensentwürfe. Klapprig gewordene Arrangements mit der Sehnsucht. Während das Glück verwest.

„Mich kränkte das reine Verstreichen der Zeit, ihre Dreistigkeit, in kaum einer Sekunde auf uns einzuprallen und sich anschließend wie ein vergeblicher Rückstand zu entfernen, die Trägheit, sich in einer immer fülliger werdenden Vergangenheit zu entfernen“, lässt der Autor seinen Juan-Marc einmal denken.

Und macht selbst das Beste daraus. Denn „Meine Geschichte ohne dich“, Tornés erstes Werk in deutscher Übersetzung, ist tolle Literatur vom lausigen Leben.

Christian Mückl

Gonzalo Torné: Meine Geschichte ohne dich. Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 21,99 Euro.

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