Erschütternd: Götz Aly über „Europa gegen die Juden“

Ein Buch, das weh tut – und wichtig ist: Götz Alys neue Studie über den Antisemitismus, „Europa gegen die Juden“.

Mendel Max Karp wurde 1892 im galizischen, damals österreichischen, nach 1918 polnischen Dorf Ruszelcyce geboren. Der spätere Geiger wanderte nach Deutschland aus. Durch einen Erlass der polnischen Regierung verlor er aber 1938 wie Tausende andere Juden seine Staatsbürgerschaft, weil er in Deutschland lebte. Ende Oktober 1938 wurde er deshalb zusammen mit 17000 anderen Juden aus Deutschland über die Grenze gejagt und verschwand als Staatenloser in einem polnischen Lager.

Mit Hilfe seines Cousins, der in Amerika lebte, gelang es Mendel Max Karp, wieder aus dem Lager herauszukommen und das Ticket für eine Passage aus Deutschland nach Amerika zu ergattern. Doch die Hilfe kam zu spät. Karp wurde nach Kriegsbeginn ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt und zugrunde gerichtet. Er starb dort 1940.

Götz Aly (Foto: dpa)

Der Historiker Götz Aly erzählt diese Lebensgeschichte zu Beginn seines Buches – und macht damit deutlich, dass der Antisemitismus in Europa breit gestreut war und die Nationalsozialisten mit Ausnahme von Belgien und Dänemark in allen besetzten Ländern Freiwillige einsetzten konnten, die den Holocaust aus Überzeugung unterstützt haben.

Hätten die Polen 1938 Mendel Max Karp nicht die polnische Staatsbürgerschaft abgesprochen, dann wäre er noch rechtzeitig nach Amerika entkommen. Aly macht aber auch klar: Bei aller weit verbreiteten Judenfeindschaft in Europa – umgebracht haben Karp die Deutschen.

Alys Buch „Europa gegen die Juden 1880–1945“ zeigt, auf welcher breiten Front der Antisemitismus Gesellschaften geprägt hat. Gesellschaften, die im 19. Jahrhundert gerade begonnen hatten, die Herausforderungen der Moderne anzunehmen. Aly beginnt mit 1880, weil die vorausgehende Befreiung und Akzeptanz der Juden im um sich greifenden Nationalismus nach und nach wieder aufgehoben wurde.

Die Möglichkeit, mit Bildung, Fleiß, Einfallsreichtum und Flexibilität den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen, hatten vor allem die bislang oft geächteten Juden genutzt. Sie sahen ihre Chance, den Kreislauf aus Armut, Demütigung und Ausgrenzung, dem sie über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt waren, zu durchbrechen.

Die Gesellschaften vor allem in Osteuropa und Südosteuropa wie Russland, Polen, Litauen, Rumänien, Ungarn und Griechenland neideten aber den Juden ihre einsetzenden Erfolge in Schulen und Universitäten, als Ärzte, Rechtsanwälte oder Unternehmer. Es folgten neue Pogrome, neue Ausgrenzungen von einer höheren Schulbildung, von Universitätsabschlüssen, neue Enteignungen.

Es ist ein erschütternder Gang durch rund 70 Jahre europäischer Geschichte. Aly legt offen, was hinter dem nationalistischen und rassistischen Antisemitismus steckt: Es ist der Neid auf eine wirtschaftlich erfolgreiche Personengruppe, die ihre Möglichkeiten angesichts der einsetzenden wirtschaftlichen Dynamik nutzt. Antisemitismus und die Forderung nach rassisch reinen Gesellschaften waren die Begründung, den Juden Arbeitsplätze, Häuser oder Geld wegzunehmen. Das belegt Aly schlüssig. Es war der Aufstand von Faulen, Zaudernden, nicht Erfolgreichen, Ängstlichen und Enttäuschten gegen die erfolgreichen gesellschaftlichen Aufsteiger.

Als nach dem Ersten Weltkrieg Frankreich das Elsass ethnisch säuberte und die historisch gewachsene Mischung von französischen, deutschen und alemannischen Traditionen gewalttätig trennte, war in Mitteleuropa ein Paradigma geboren, das Schule machte. Frankreich begründete die Vertreibung der Deutschen aus dem Elsass und aus Lothringen mit dem Staatsziel der nationalen Homogenisierung, die auf eine Säuberung und Abschiebung von Menschen deutscher Abstammung hinauslief. Die Betroffenen waren oft auch Opfer eines Staatsraubs.

Zusammen mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs starkmachte, war der Teufelscocktail, den die Nationalsozialisten dann über Europa verbreiteten, angerührt.

Rassistische und antisemitische Ausgrenzungen von Volksgruppen wurden mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht und der angestrebten Reinheit des Volkskörpers begründet: Es war aber nur die perfide Argumentation, sich ungehemmt zur bereichern. Bei der Mischung von Volksgruppen in vielen Ländern Europas war es ein Wahnsinn, dem eine Methode zugrunde lag.

Am Ende seines Buches stellt Götz Aly folgende spannende These zur Diskussion: „Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten. Gute, niemals zu missbilligende Bildungspolitik und der staatlich geförderte Wille zu massenhafter Aufwärtsmobilität, also die größten Erfolge im Europa des 20. Jahrhunderts, steigerten den Hass.“ Eben auf die Erfolgreichen, die ihre Chance besser als andere nutzten.

Der zivilisatorische Fortschritt und der damit einhergehende massenhafte soziale Aufstieg begünstigten den Zivilisationsbruch des Holocausts, so Aly. Lesenswert.

André Fischer

Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880–1945. S. Fischer, 431 Seiten, 26 Euro.

Ein Meisterwerk: „Verfahren eingestellt“ von Claudio Magris

Zuweilen erscheint das wahre Leben phantastischer als manche Fiktion. So auch in Claudio Magris’ großem neuem Roman „Verfahren eingestellt“ über den Krieg und das Vergessen.

Im Mittelpunkt steht der Triester Professor Diego de Henriquez (1909–1974), dessen Biografie als Quelle der Inspiration diente. Über Jahrzehnte sammelt dieser Militaria jeglicher Art – vom Säbel bis zum Panzer – mit dem Ziel, in seiner Heimatstadt ein der Dokumentation des Krieges gewidmetes, friedensstiftendes Museum zu errichten, oder – barocker formuliert – ein „vollständiges Museum des Krieges für die Ankunft des Friedens und die Entschärfung der Geschichte.“

Henriquez widmet sein Leben dem Frieden: Dafür wird er selbst zum akribischen Archivar des Krieges; und das utopische Ideal zur Obsession. Seine Sammelwut führt Henriquez auch in die berüchtigte Risiera di San Sabba, eine stillgelegte Reismühle in einem Triester Vorort, die als Konzentrationslager fungierte, in dem Tausende, zumeist Partisanen, Juden und Kommunisten, grausam gefoltert und ermordet wurden.

In den dortigen Todeszellen sucht er Graffiti von Inhaftierten, die auch Namen von Denunzianten enthielten – bevor Kalk und Farbe die Erinnerung an die Verräter auslöschten. Allein in seinen Aufzeichnungen, die Teil des Museums werden sollen, existieren die Opfer und Täter nationalsozialistischer und faschistischer Willkür namentlich weiter.

Als Kopist dieser Palimpseste, als „Protokollant des Jüngsten Gerichts“, wird er zum unliebsamen Racheengel – zumindest in den Augen jener Kollaborateure und Kriegsgewinnler, denen es nach dem Zusammenbruch der beiden Diktaturen gelungen ist, unbeschadet von einem System ins nächste zu wechseln: „Über die Toten kann man reden. Aber nicht über die Lebenden, nicht über bestimmte Lebende.“
1974 kommt Diego de Henriquez unter ebenso tragischen wie mysteriösen Umständen bei einem Brand ums Leben. Auch ein beträchtlicher Teil seiner umfangreichen Sammlung fällt den Flammen zum Opfer, darunter die Hefte mit den kompromittierenden Aufzeichnungen. Die anschließenden polizeilichen Ermittlungen laufen ins Leere: Das Verfahren wird eingestellt.

Magris setzt mit „Verfahren eingestellt“ Diego de Henriquez’ außergewöhnlicher Persönlichkeit ein eindrucksvolles Denkmal – und beleuchtet zugleich ein dunkles Kapitel seiner Heimatstadt Triest. Dass sich das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden ausgerechnet vor den Toren dieser Vielvölkerstadt befand, die über Jahrhunderte hinweg durch das ethnisch, kulturell und religiös vielfältige Miteinander ihrer Bewohner geprägt wurde, ist nicht ohne Hohn.

Es ist Luisa Brooks, die den Auftrag erhält, auf der Grundlage der Erinnerungsstücke, die vom Feuer verschont blieben, das Museum ganz im Sinne des Verstorbenen wiederaufzubauen. Als Tochter einer italienischen Jüdin und eines afroamerikanischen Offiziers, der mit den Alliierten Truppen Triest befreite, ist Luisa durch Religion und Hautfarbe doppelt prädestiniert, Henriquez’ Lebenswerk fortzuführen: Auch ihre Großmutter wurde in San Sabba ermordet und im dortigen Krematorium – „ausgezeichnete Chirurgie des Vergessens“ – verbrannt. „Die ganze Geschichte der Menschheit ist ein Abschaben des Bewusstseins und vor allem des Bewusstseins dessen, was verschwindet, verschwunden ist.“

Zu den beiden Protagonisten gesellen sich unzählige weitere Stimmen. Die Erzählungen, düster und bitter, aber nie hoffnungslos stimmend, fügen sich schlussendlich kunstvoll zu einem großen Ganzen, zu einem arabesk verästelten Epos, das zeigt, wozu Menschen in ihrer Grausamkeit fähig sind.

Detailverliebt und mit unbändiger Erzähllust, die dem Leser mitunter einiges abverlangt, springt Magris mühelos zwischen unterschiedlichsten Orten und Zeiten und meistert bravourös so manch heiklen Spagat: zwischen Nazi-Gräueln auf dem Balkan, Stammeskriegen in Mittelamerika und dem Schicksal afrikanischer Sklaven.

„Verfahren eingestellt“, von Ragni Maria Gschwend gewohnt kongenial übersetzt, ist ein wortgewaltiges Meisterwerk gegen das Vergessen, ein machtvolles, unverzichtbares Plädoyer in Zeiten, in denen geistige Brandstifter wieder salonfähig zu werden scheinen.

Denn erst die Erinnerung, so schmerzhaft sie auch sein mag, ermöglicht die nötige Katharsis: „Die Geschichte ist eine Mülldeponie – natürlich, wenn man sie genau durchsucht, findet man auch schöne Sachen, irgendetwas, das man noch brauchen und wieder verwerten kann.“

Und so beweist Claudio Magris, der Grandseigneur der europäischen Literatur, einmal mehr: Nach Antonio Tabucchis und Umberto Ecos Verschwinden von Italiens literarischer Bühne brilliert er als letzte moralische Instanz mit intellektueller Strahlkraft und Autorität.

Felice Balletta

Claudio Magris: Verfahren eingestellt. Hanser, 400 Seiten, 25 Euro.

Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.

Brunetti, der Bienenflüsterer: die neue Donna Leon

Ab auf die Insel: Donna Leon verordnet Guido Brunetti in seinem 26. Fall „Stille Wasser“ eine Auszeit auf einer Gemüseinsel vor der Lagunenstadt – und landet damit umgehend auf Platz eins der Bestsellerliste.

Mamma mia, das musste ja mal so kommen: zu viel Arbeit, Pasta, Grappa und Espresso! Kein Wunder, dass Donna Leon da die Notbremse und unseren Lieblingscommissario aus dem Verkehr ziehen musste: mit einem dramatischen Zusammenbruch.

Doch keine Angst. Der vermeintliche Herzinfarkt ist bloß ein Ablenkungsmanöver. Um einen übereifrigen Kollegen vor einer dienstlichen Dummheit zu retten. Trotzdem lautet die anschließende Diagnose: Burnout. Und Guido Brunetti wird auf die Gemüseinsel Sant’ Erasmo verbannt. Mit Zahnbürste und Minimalausstattung und Plinius (dem Älteren) statt Gattin Paola im Gepäck.

Aber gar nicht schlecht, so eine Auszeit, die der tatsächlich ordentlich gestresste Guido in einer Prachtvilla mit eigenem Bootssteg, Park und Hausverwalter verbringen darf. Wohl dem, der eine begüterte Ehefrau mit ebensolcher Verwandtschaft hat, die einem solche Annehmlichkeiten gratis überlässt.
Ab sofort also bloß noch ein Glas Weißwein pro Tag, cholesterinarmen Fisch und acht Stunden Schönheitsschlaf. Tagsüber Schwimmen in der Lagune und Bootsausflüge mit dem Verwalter. Es gab in der Weltgeschichte schon schlechtere Exile.

Ist natürlich etwas weit hergeholt, dass der dienstbare (Haus-)Geist – Davide Casati – ausgerechnet der beste Ruderfreund des eigenen Vaters war. Auch, dass sich der Commissario mit Davide quasi aus dem Stand stundenlang wie ein Galeerensträfling ins Zeug legt. Immerhin wird er so ratzfatz topfit. Und wir lernen en passant die Gewässer und Eilande vor der Stadt von einer Seite kennen, die mit Sicherheit in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Kleiner Imker-Crashkurs inklusive.

Davide hat nämlich ein hübsches Hobby: seine „Mädchen“, wie er die Immen in zahlreichen Bienenstöcken auf den Grasinseln in den Salzmarschen vor La Serenissima, nennt. Dorthin rudert das Duo nun zwei Wochen lang. Eine Katastrophe, dass in den Körben plötzlich nichts mehr brummt und summt. Und dann ist der philosophische Honigmacher auch noch verschwunden. Schluss mit lustig für Guido Brunetti und Aus mit der Auszeit.

„Mehr nicht?“ könnten wir nun die in der Stadt lebende US-Erfolgsautorin Donna Leon fragen, deren Kultkommissar wir seit 25 Fällen und genau so vielen Jahren die Treue halten. Zugegeben: „Stille Wasser“ ist tatsächlich ein ebensolches. Keine verschachtelten Handlungsebenen, wie man das aus früheren Büchern gewohnt ist.

Auch das neue zentrale Thema – die maritime Verklappung von Giftmüll vor Ort – gab’s in „Das Gesetz der Lagune“ schon einmal. Andere brisante Themen-Eisen wie Mafia, Korruption, Sex-Tourismus, Nazis und Flüchtlingen aus Afrika sind auch schon abgegrast. Trotzdem ist Leon mit dem kritischen Zustandsbericht ihrer Wahlheimat und der Welt ein weiterer, sauberer Wurf gelungen. Sprachlich und mit seinen Bildern auf dem Punkt. Nur von Honig aus der Lagunenstadt sollte man künftig wohl besser die Finger lassen.

Kerstin Benz

Donna Leon: Stille Wasser. Diogenes, 343 S., 24 Euro.