Ein Meisterwerk: „Verfahren eingestellt“ von Claudio Magris

Zuweilen erscheint das wahre Leben phantastischer als manche Fiktion. So auch in Claudio Magris’ großem neuem Roman „Verfahren eingestellt“ über den Krieg und das Vergessen.

Im Mittelpunkt steht der Triester Professor Diego de Henriquez (1909–1974), dessen Biografie als Quelle der Inspiration diente. Über Jahrzehnte sammelt dieser Militaria jeglicher Art – vom Säbel bis zum Panzer – mit dem Ziel, in seiner Heimatstadt ein der Dokumentation des Krieges gewidmetes, friedensstiftendes Museum zu errichten, oder – barocker formuliert – ein „vollständiges Museum des Krieges für die Ankunft des Friedens und die Entschärfung der Geschichte.“

Henriquez widmet sein Leben dem Frieden: Dafür wird er selbst zum akribischen Archivar des Krieges; und das utopische Ideal zur Obsession. Seine Sammelwut führt Henriquez auch in die berüchtigte Risiera di San Sabba, eine stillgelegte Reismühle in einem Triester Vorort, die als Konzentrationslager fungierte, in dem Tausende, zumeist Partisanen, Juden und Kommunisten, grausam gefoltert und ermordet wurden.

In den dortigen Todeszellen sucht er Graffiti von Inhaftierten, die auch Namen von Denunzianten enthielten – bevor Kalk und Farbe die Erinnerung an die Verräter auslöschten. Allein in seinen Aufzeichnungen, die Teil des Museums werden sollen, existieren die Opfer und Täter nationalsozialistischer und faschistischer Willkür namentlich weiter.

Als Kopist dieser Palimpseste, als „Protokollant des Jüngsten Gerichts“, wird er zum unliebsamen Racheengel – zumindest in den Augen jener Kollaborateure und Kriegsgewinnler, denen es nach dem Zusammenbruch der beiden Diktaturen gelungen ist, unbeschadet von einem System ins nächste zu wechseln: „Über die Toten kann man reden. Aber nicht über die Lebenden, nicht über bestimmte Lebende.“
1974 kommt Diego de Henriquez unter ebenso tragischen wie mysteriösen Umständen bei einem Brand ums Leben. Auch ein beträchtlicher Teil seiner umfangreichen Sammlung fällt den Flammen zum Opfer, darunter die Hefte mit den kompromittierenden Aufzeichnungen. Die anschließenden polizeilichen Ermittlungen laufen ins Leere: Das Verfahren wird eingestellt.

Magris setzt mit „Verfahren eingestellt“ Diego de Henriquez’ außergewöhnlicher Persönlichkeit ein eindrucksvolles Denkmal – und beleuchtet zugleich ein dunkles Kapitel seiner Heimatstadt Triest. Dass sich das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden ausgerechnet vor den Toren dieser Vielvölkerstadt befand, die über Jahrhunderte hinweg durch das ethnisch, kulturell und religiös vielfältige Miteinander ihrer Bewohner geprägt wurde, ist nicht ohne Hohn.

Es ist Luisa Brooks, die den Auftrag erhält, auf der Grundlage der Erinnerungsstücke, die vom Feuer verschont blieben, das Museum ganz im Sinne des Verstorbenen wiederaufzubauen. Als Tochter einer italienischen Jüdin und eines afroamerikanischen Offiziers, der mit den Alliierten Truppen Triest befreite, ist Luisa durch Religion und Hautfarbe doppelt prädestiniert, Henriquez’ Lebenswerk fortzuführen: Auch ihre Großmutter wurde in San Sabba ermordet und im dortigen Krematorium – „ausgezeichnete Chirurgie des Vergessens“ – verbrannt. „Die ganze Geschichte der Menschheit ist ein Abschaben des Bewusstseins und vor allem des Bewusstseins dessen, was verschwindet, verschwunden ist.“

Zu den beiden Protagonisten gesellen sich unzählige weitere Stimmen. Die Erzählungen, düster und bitter, aber nie hoffnungslos stimmend, fügen sich schlussendlich kunstvoll zu einem großen Ganzen, zu einem arabesk verästelten Epos, das zeigt, wozu Menschen in ihrer Grausamkeit fähig sind.

Detailverliebt und mit unbändiger Erzähllust, die dem Leser mitunter einiges abverlangt, springt Magris mühelos zwischen unterschiedlichsten Orten und Zeiten und meistert bravourös so manch heiklen Spagat: zwischen Nazi-Gräueln auf dem Balkan, Stammeskriegen in Mittelamerika und dem Schicksal afrikanischer Sklaven.

„Verfahren eingestellt“, von Ragni Maria Gschwend gewohnt kongenial übersetzt, ist ein wortgewaltiges Meisterwerk gegen das Vergessen, ein machtvolles, unverzichtbares Plädoyer in Zeiten, in denen geistige Brandstifter wieder salonfähig zu werden scheinen.

Denn erst die Erinnerung, so schmerzhaft sie auch sein mag, ermöglicht die nötige Katharsis: „Die Geschichte ist eine Mülldeponie – natürlich, wenn man sie genau durchsucht, findet man auch schöne Sachen, irgendetwas, das man noch brauchen und wieder verwerten kann.“

Und so beweist Claudio Magris, der Grandseigneur der europäischen Literatur, einmal mehr: Nach Antonio Tabucchis und Umberto Ecos Verschwinden von Italiens literarischer Bühne brilliert er als letzte moralische Instanz mit intellektueller Strahlkraft und Autorität.

Felice Balletta

Claudio Magris: Verfahren eingestellt. Hanser, 400 Seiten, 25 Euro.

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