Geschichten aus dem Westerwald: Mariana Leky

Ein Okapi im Westerwald? Nun ja, nicht wirklich. Wobei es aber geradezu eine Spezialität von Mariana Leky ist, die unterschiedlichsten Dinge zusammenzubringen.

Mariana Leky (Foto: Franziska Hauser)

In ihrem vergnüglichen neuen Roman „Was man von hier aus sehen kann“ reicht es auch schon, von einem Okapi zu träumen. Dann weiß die alte Selma: Innerhalb eines Tages wird einer im kleinen Dorf sterben müssen. So war es zumindest die letzten drei Male, als ihr im Traum das exotische Tier erschien. Wer da also nicht schon gespannt zu lesen beginnt. . .

Und selbst den eher unangenehmen Figuren wie der „traurigen Marlies“ (die eher trotzig als traurig ist) oder Problemfall Palm (in dem ja doch ein treuer Christ steckt) mag man den Tod nicht wünschen! Leky hat – wie John Irving als Vorbild – ein wunderbares Talent für Menschen mit Tics und Marotten, mit besonderen Gaben und bizarren Ritualen, die doch alle im Alltagsleben gründen. Man muss sie einfach gernhaben.

Allen voran Luise, ihre Hauptfigur und zunächst kindliche Erzählerin – die nur eine Lüge zu sagen braucht, schon fällt in ihrer Umgebung irgendwas herab. Mitte der 80er Jahre, wenn der märchenhafte Familienroman anhebt, ist sie zehn – und die beste Freundin des bereits alle Posen eines Gewichthebers beherrschenden Martin.

Der Vater (Arzt) und die Mutter (Blumenhändlerin) sind so gut wie abwesend, was gar nichts macht. Selma – die übrigens aussieht wie Rudi Carrell – in ihrem schiefen Häuschen und der Dorf-Optiker, der sie heimlich begehrt, haben längst die Erziehung der Kinder übernommen. Herz und Verstand, Empathie und Eigensinn werden gleichermaßen gebildet.

In Gestalt eines Jünglings, der sich in ein japanisches Kloster geflüchtet hat, kommt dann doch die weite Welt in die Provinz. Mit ihr die erste große Liebe für Luise: Hoffen, Bangen – und Warten. Denn sind die beiden wirklich für einander bestimmt?

So schlicht wie raffiniert, ironisch wie innig erzählt Leky vom Großen im Kleinen und vom Fernen im Nahen. Herzerwärmend.

Wolf Ebersberger

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Roman. Dumont, 315 Seiten, 20 Euro.

Die Baufrau: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Ein Haus ist nicht nur ein Gefäß für die Menschen, es hat Auswirkungen auf ihr Leben und ihr
Denken“, sagt Luise Schilling. Sie will Häuser schaffen, „die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen“. Mit solchen hehren Idealen studiert die fiktive Ich-Erzählerin in Theresia Enzensbergers Roman „Blaupause“ am berühmten Bauhaus, wo Kunst und Handwerk zusammengeführt werden sollten. Für die junge Frau aus gutem Berliner Hause ist das Studium auch eine Flucht – weg vom autoritären Vater, weg von der Mutter, die sie ständig mit Langweilern verkuppeln will.

Theresia Enzensberger (Foto: Rosanna Graf)

Doch in Weimar, wo sie 1921 mit dem Studium beginnt, gibt es Widerstände. Ihr Lehrer steckt sie in die Textilwerkstatt – Häuserbauen ist doch nichts für Frauen! Dafür bricht das „Fräulein Schilling“ privat zu neuen Ufern auf. Sie verliebt sich in den schönen Jakob, der zu den kuttentragenden Lieblingsschülern des Naturmystikers Johannes Itten gehört. Luise empfindet die Zugehörigkeit zur Gruppe mit der unnahbaren Sidonie oder dem treuen Zuhörer Samuel anfangs als großes Glück, die Freunde werden zur Ersatzfamilie.

„Aber soziale Gefüge sind chaotisch und sumpfig“, heißt es an einer Stelle. Luise trennt sich schließlich von den Kuttenträgern. Die esoterischen Rituale, merkt sie, dienen vor allem zur elitären Abgrenzung nach außen. Zudem unterbricht der gestrenge Vater das Studium, indem er Luise nach Berlin zurückbeordert – und sorgt damit auch erzähltechnisch für einen Schnitt. Der zweite Teil von „Blaupause“ spielt ab 1926 in Dessau, wohin das Bauhaus umgezogen ist.

Luise, die an den Esoterikern stets deren weltabgewandte Haltung in turbulenten Zeiten kritisierte, ist nun unter anderem mit dem Kommunisten Friedrich befreundet. Der hat vor lauter Politisieren keine Zeit für „so banale Dinge wie Emotionen“. Luise mag ihn trotzdem und fühlt sich heimisch – doch auch in Dessau muss sie Rück- und sogar Faustschläge einstecken.

Enzensbergers Buch punktet mit der stimmigen Zeichnung der sich emanzipierenden Hauptfigur. Historischen Bauhaus-Größen wie Klee oder Kandinsky gönnt die Autorin Nebenrollen, der Schulgründer Walter Gropius hat indes einige nicht unwichtige Auftritte.

Die 1986 geborene Tochter von Hans Magnus Enzensberger verhandelt große Themen wie Liebe, Freundschaft oder die Notwendigkeit einer politischen Haltung leicht und doch nicht klischeehaft. Und ganz am Ende wird auch klar, wie das Buch zu seinem schönen Titel kam.

Marco Puschner

Theresia Enzensberger: Blaupause. Hanser, 256 Seiten, 22 Euro.

Richard Fords Elternbuch: „Zwischen ihnen“

US-Autor Richard Ford, Jahrgang 1944, liefert sonst eher dicke Bücher. Sein neuestes ist dagegen ganz dünn: „Zwischen ihnen“, ein nüchtern-inniges Doppelporträt seiner Eltern.

Als Kind seiner Eltern, schreibt Richard Ford, hatte er gleich einen doppelten Luxus: Er war „ein spätes Kind und ein Einzelkind“. Da geht es ihm aber gar nicht, wie man denken könnte, um seine privilegierte familiäre Stellung – um ungeteilte Aufmerksamkeit, vielleicht Liebe. Es geht ihm, und zwar als Autor seiner Geschichte, um die resultierende Freiheit: „allein und ungestört über die Zeit des ganzen Vorgeschehens zu spekulieren – das lange Leben der Eltern, an dem man keinerlei Anteil hatte.“

Ein interessanter Ansatz – der noch einmal in die Irre führt. Denn wo man nun, als gespannter Leser, erwarten könnte, dass Ford – immerhin Verfasser gigantischer Romane wie „Unabhängigkeitstag“ – weit ausholt und die eigene Imagination spielen lässt, verbietet sich der amerikanische Autor gleichsam sein Handwerk.

Deshalb ist „Zwischen ihnen“, dieses skizzenhafte Porträt seiner Eltern Parker und Edna, letztlich so schlank geblieben. Deshalb ist es – ein fast schon janusköpfiges Werk – durchaus spannend, auch wenn nichts Dramatisches berichtet wird.

US-Schriftsteller Richard Ford (Foto: dpa)

Ein Schriftsteller, selbst schon ein älterer Mann, versucht sich an seine Kindheit zu erinnern und muss einräumen, dass er es in vielem gar nicht kann. Er stellt Fragen, an seine Eltern, an sich, weigert sich aber gewissenhaft, Antworten zu erfinden, wenn er sie nicht findet. Seine Eltern: Fremde, wenn man so will. Sie lassen sich nicht vereinnahmen.

Richard Ford macht aus der Not eine Tugend: Er bleibt bei den Fakten, dem „verengten Blickwinkel“ des Kindes, das er war und immer sein wird, und ergänzt sie, sehr knapp, eher kommentierend, mit den Einsichten des Erwachsenen. Und wie soll er seinen Vater anders beschreiben als über dessen lange „Abwesenheit“?

Ein Handlungsreisender, der Montag früh wegfuhr und Freitagabend wiederkam – unterwegs in den Südstaaten für die Firma „Faultless“. Deren damals sehr gefragtes Produkt: Wäschestärke.

Fünfzehn Jahre waren die Eltern bereits verheiratet, bis dann doch noch ein Kind kam: 1944 in Jackson, Mississippi. Was hat sich mit ihm alles für sie geändert, fragt Richard Ford im spekulierenden Rückblick. Ging es ihnen, gemeinsam „on the road“ unterwegs und keinem Vergnügen in Hotels, Cafés und Kneipen abgetan, vorher nicht besser? „Sie wollten mich; aber sie brauchten mich nicht“, bilanziert Ford skeptisch. „Zusammen – vielleicht nur zusammen – blühten sie erst richtig auf.“

Die Familie wurde sesshaft, verband sich mit der Großmutter mütterlicherseits und ihrem ebenso leichtlebigen zweiten Mann, die zusammen ein Hotel in Arkansas führten. Der Vater des Vaters hatte sich als Bankrotteur umgebracht, die Mutter machte aus ihrer Missbilligung der Schwiegertochter kein Hehl. Edna verhielt sich für sie zu „katholisch“.

Vom alltäglichen Leben daheim, den Gesprächen und Ansichten seiner Eltern, kann Ford nicht viel überliefern. Aber: „Wenn ich durch den Dunst all dieser kaum gespeicherten Einzelheiten an meinen Vater denke, läuft die wahrste und liebevollste Erkenntnis über ihn darauf hinaus, dass er kein moderner Vater war. Ja, selbst damals, als ich ihn am besten kannte, schien er von einem anderen Ort, aus einer anderen Zeit zu kommen, von weit her.“

Ein Merkmal sticht dabei heraus: „das aufbrausende Temperament meines Vaters“, seine Ungeduld, sein Jähzorn. Da gewinnt auch der Text gleich an Leben, wenn Ford etwa die Anekdote vom gewilderten Weihnachtsbaum erzählt. Der Vater will ihn klein, der Sohn groß; als er dann nicht in die Wohnung passt und der verärgerte Vater ihn an der Spitze kürzt, wirft der ebenso verärgerte Sohn mit dem verstümmelten Baum nach ihm – eine Tracht Prügel folgt sofort!

Nach dem frühen Herztod des Vaters 1960, da war Richard erst 16, wird die Mutter zur „Partnerin“. Eine Nähe, wenn auch auf Zeit, die dem ihr gewidmeten zweiten Text des Bandes (im Gegensatz zum Vatertext bereits vor Jahrzehnten entstanden) die weit größere Intimität und Geschlossenheit gibt. Sogar seine ersten sexuellen Erlebnisse mit der Freundin hat er ihr – aus Angst vor den Folgen – eins zu eins geschildert.

„Wann suchst du dir endlich eine Arbeit und legst los?“ fragte sie ihn später. Da hatte Ford schon zwei Romane veröffentlicht und unterrichtete in Princeton. Doch sonst waren sie sich in der Einschätzung der Dinge meist einig. „So war das Leben. Etwas anderes würden wir nicht bekommen. Als Mutter und Sohn waren wir Realisten. Wir machten das Beste aus allem und wussten das.“

Vom irischstämmigen Vater hat er die schönen hellblauen Augen, von der Mutter aber den Rest des Gesichts. Die Stirn groß und hoch. „Gleiches Kinn, gleiche Nase. Man kann es auf Fotos sehen“, schreibt Ford. „In mir sehe ich sie, in meinem Lachen höre ich ihres.“

Ein Glückskind.

Wolf Ebersberger

Richard Ford: Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin, 144 Seiten, 18 Euro.

Eiskaltes Boston: Dennis Lehane

In den Neunzigern waren sie Ikonen des knallharten Thrillers: Kenzie und Gennaro, die Bostoner Privatdetektive. Jetzt wird die Reihe neu übersetzt.

„Halten Sie sich von seinem Mund fern“, wird der Bostoner Privatdetektiv Patrick Kenzie gewarnt, bevor er den hochintelligenten Psychopathen Alec Hardiman treffen soll. Das FBI braucht Kenzies – und Hardimans – Hilfe, um eine grausame Mordserie aufzuklären, deren Opfer auf makabere Weise in der nordamerikanischen Universitäts-Stadt drapiert sind, zerstückelt, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe ausgeweidet. Aber Hardiman spielt sein eigenes Spiel mit den Ermittlern.

Autor Dennis Lehane (Foto: Boesl/dpa)

Das klingt bekannt? „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und ihre Epigonen scheinen Pate gestanden zu haben bei Dennis Lehanes schon 1996 in den USA erschienenem Thriller „Dunkelheit, nimm meine Hand“. Der Diogenes Verlag, mit Lehanes aktuellen (und besseren) Romanen erfolgreich, greift damit zurück auf die „Kenzie & Gennaro“-Serie aus den 90ern, um dem begeisterten Publikum mehr Futter zu liefern. Leider kann man sich aber an diesem Menü aus Hard-Boiled-Krimis à la Raymond Chandler oder Ross Macdonald und unappetitlichem Psycho-Horror auch den Magen verderben.

Kenzie und seine aus Mafiakreisen stammende Kollegin Angie Gennaro verstricken sich immer tiefer in ein zunehmend absurdes Netz aus bedrohlichen Gangstern, grausamen Rächern und Geisteskranken in Biedermann-Maske. Nichts und niemand ist hier sicher, und – wie Kenzie gedroht wird – „es werden Opfer gebracht werden müssen“. Das winterliche Boston liefert dazu die eiskalte Kulisse.

Dass Dennis Lehane, der mit seiner Gangster-Saga „In der Nacht“ (gerade verfilmt von und mit Ben Affleck) und „Am Ende einer Welt“ als reifer Meistererzähler überzeugte, zweifellos weiß, wie man Spannung aufbaut, liegt schon in diesem Frühwerk auf der Hand. Aber in der Wahl seiner Mittel war er zur Zeit von „Dunkelheit, nimm meine Hand“ leider weder zimperlich noch sicher.

Übrig bleibt ein Reißer, der von seinen offensichtlichen Vorbildern in den Schatten gestellt wird und dadurch doch eher „passé“ wirkt.

Andreas Frane

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Diogenes, 510 Seiten, 16 Euro.

Colson Whitehead und der Rassismus: „Underground Railroad“

Es gibt Romane, die sind so aktuell, dass man glaubt, der Zeitpunkt ihres Erscheinens wurde genau geplant. Bei dem Buch „Underground Railroad“ des amerikanischen Autors Colson Whitehead kann das aber nicht der Fall sein, denn der 1969 in New York geborene, afroamerikanische Autor geht mit dem Stoff Rasse, Freiheit und Sklaverei schon seit dem Jahr 2000 um.

Autor Colson Whitehead (Foto: Madeline Whitehead)

Geschrieben wurde der Roman während der Amtszeit von Präsident Barack Obama. Nachdem in Amerika mit Präsident Donald Trump rechtsextreme Gruppierungen wieder Oberwasser haben und es, wie zuletzt in Charlottesville, zu Auseinandersetzungen mit Anhängern der alten Südstaaten kommt, ist Whiteheads Roman aber hochaktuell.

Er erzählt vom historischen Rassismus der Sklavenhalter und wie schwierig es für Schwarze war, von den Baumwollplantagen zu entkommen. Selbst wenn sie es geschafft haben, gibt es für sie kaum Freiheit. Der amerikanische Traum – das eigene Glück zu suchen und es auch zu finden – gilt kaum für Schwarze. Offenbar ist dieser Konflikt noch immer nicht ausgestanden. Der offene Rassismus der Sklavenhalter wurde durch einen latenten Rassismus der Ausgrenzung ersetzt.

Der Roman spielt um 1850. Die junge Cora muss auf der Baumwollplantage der Randall Brüder in Georgia leben. Ihre Großmutter war aus Afrika entführt worden, ihre Mutter hat die Flucht aus der Sklaverei geschafft. Cora weiß allerdings nur, dass sie nicht mehr da ist. Ob sie tatsächlich überlebt hat, bleibt unklar.

Whiteheads Darstellung der Sklaverei ist eindringlich, weil er die Entmenschlichung der Sklaven durch systematisches Quälen beschreibt. Frauen werden von den weißen Sklavenhaltern beliebig vergewaltigt; wer einen eigenen Willen zeigt, der muss leiden, ihm wird etwa die Zunge abgeschnitten. Tote oder fast tote Körper werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Mit der Züchtigung durch die Neunschwänzige Katze werden Menschen für ihr Leben gezeichnet.

Für Sentimentalitäten dem alten Süden gegenüber hat Colson Whitehead nichts übrig. Hier geht es nicht allein um Ausbeutung, sondern um die physische und psychische Zerstörung von Menschen, die nur so viel zum Leben bekommen, dass sie nicht sterben. Cora, die den Traum hat, ihre Mutter zu finden, entschließt sich zur Flucht, die ihr auch knapp gelingt. Immer aber in Angst vor den Sklavenjägern, die sie zu ihren Besitzern zurückbringen wollen.

Mit einem Kunstgriff wird der durchaus realitätsnah geschilderte Romanbeginn metaphorisch aufgeladen: Cora schafft es, in einen Zug einzusteigen, der im Untergrund fährt. Diese „Underground Railroad“, die von Gegnern der Sklaverei betrieben wird und Schwarze in die Freiheit im Norden bringen soll, hat es natürlich historisch nicht gegeben und ist ein Produkt der Phantasie Whiteheads.

Ein Netzwerk mit diesem Namen gab es aber schon. Durch dieses metaphorische Konzept bekommt der Roman Tempo und der Autor kann die unterschiedlichsten Formen von Rassismus durchspielen, ohne dass der Roman didaktisch wirkt.

Auf ihrer Flucht kreuz und quer durch die Südstaaten mit der Untergrundbahn muss Cora immer wieder Stationen bei Gegnern der Sklaverei machen, und Hoffnung keimt bei ihr auf, dass sie es geschafft hat, in Freiheit zu überleben. Doch sie wird enttäuscht und muss erkennen, dass ihre Unterstützer genauso gefährlich leben wie die Sklaven selbst. In South Carolina hat sie zunächst den Eindruck, dass Schwarze frei leben und arbeiten können. Doch Cora wird zusammen mit den Familien, die sie aufgenommen haben, von den Einheimischen, die sich dabei auf die Bibel berufen, vertrieben.

In North Carolina ist die Sklaverei offiziell abgeschafft, gleichwohl will man alle Schwarzen loswerden. Schwarze und ihre Helfer werden gejagt, es gibt Denunziationen. Freitags, im Rahmen eines rassistischen Unterhaltungsspektakels, wird gelyncht. Auch Coras Unterstützer.

Manchmal fragt sich der Leser – in einem ganz altmodischen, pathetischen Sinn –, was die Heldin denn noch alles aushalten muss. Whitehead hat für seinen Roman aber authentische Texte wie Lebenserinnerungen von ehemaligen Sklaven und die Sammlungen von mündlichen Überlieferungen gelesen und ausgewertet.

Sein Buch ist eine Collage der rassistischen Ursünden Amerikas, die mit dem Geisterzug abgefahren werden. „Underground Railroad“ gilt derzeit als der am meisten diskutierte Roman. Er wurde in den USA zum Bestseller. Er hat den Pulitzer Preis und den National Book Award bekommen. Gleich beide Auszeichnungen für ein Buch zu erhalten schaffen nur wenige Autoren.

Absolut lesenswert!

André Fischer

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 352 Seiten, 24 Euro.

Eine Entdeckung: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Nun, wo bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen war, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kamen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival standen, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra nun geworden ist (ab 29. September läuft er auf Netflix) – das Buch und sein Autor sind eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

„Sweet Occupation“ von Lizzie Doron

Sie sitzt mit einem fremden Menschen am Tisch und fragt sich immer wieder, wen er wohl getötet hat. Wie er getötet hat. Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, hat sich mit Mitgliedern der Friedenskämpfer-Bewegung (Combatants for Peace) getroffen, mit ihnen gesprochen, ihnen ein Buch gewidmet.

„Sweet Occupation“ heißt es und handelt von ehemaligen palästinensischen Terroristen und israelischen Wehrdienstverweigerern, die das endlose Blutvergießen in ihrer Heimat nicht mehr ertragen können, die selbst innere Mauern überwunden haben und dem Feind die Hand reichen.

Lizzie Doron (Foto: dpa)

Lizzie Doron („Who the Fuck is Kafka“) zwingt sich zum Zuhören, erfährt Geschichten von Leid und Verlust, von Flucht und Vertreibung. Jede Gewalttat schürt neuen Hass, erzeugt neue Zerstörung – von Menschenleben und Heimat.

Hier gibt es kein Gut und Böse. Es gibt ein Vielleicht, eine Vision und gleichzeitig viel Raum für Resignation. Während fünf Menschen von ihrer Sehnsucht nach Umkehr, nach Frieden erzählen, wird weiter getötet, es wird geschossen, es wird gebombt, es fliegen Steine. Doron lässt immer wieder aktuelle Nachrichten einfließen vom schier immerwährenden Sterben in Nahost.

Für „Sweet Occupation“ hat Lizzie Doron, die viel Zeit auch in Berlin verbringt, in Israel keinen Verlag gefunden. Dafür hat sie sich dort eine Menge Feinde gemacht. Freunde haben sich von ihr distanziert, empfinden sie als Verräterin, weil sie auch vom Leid der anderen Seite berichtet.

Sie tut das ohne Pathos, sie wertet nicht. Sie hört zu, schreibt auf. Immer wieder lässt sie Passagen über ihre eigene Jugend einfließen. Über Freunde, die zur Armee gegangen sind, voller Euphorie. Die starben für einen sinnlosen Krieg. Sie nimmt die Schmerzen der Menschen auf beiden Seiten des Zauns ernst, das macht ihr Buch so wertvoll. Und so traurig. Weil es keine Hoffnung auf ein Ende der Gewalt zu geben scheint.

Die aktuellen Nachrichten aus Nahost verheißen nichts Gutes.

Gabi Eisenack

Lizzie Doron: Sweet Occupation
. dtv, 208 Seiten, 16,90 Euro.