Die Baufrau: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Ein Haus ist nicht nur ein Gefäß für die Menschen, es hat Auswirkungen auf ihr Leben und ihr
Denken“, sagt Luise Schilling. Sie will Häuser schaffen, „die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen“. Mit solchen hehren Idealen studiert die fiktive Ich-Erzählerin in Theresia Enzensbergers Roman „Blaupause“ am berühmten Bauhaus, wo Kunst und Handwerk zusammengeführt werden sollten. Für die junge Frau aus gutem Berliner Hause ist das Studium auch eine Flucht – weg vom autoritären Vater, weg von der Mutter, die sie ständig mit Langweilern verkuppeln will.

Theresia Enzensberger (Foto: Rosanna Graf)

Doch in Weimar, wo sie 1921 mit dem Studium beginnt, gibt es Widerstände. Ihr Lehrer steckt sie in die Textilwerkstatt – Häuserbauen ist doch nichts für Frauen! Dafür bricht das „Fräulein Schilling“ privat zu neuen Ufern auf. Sie verliebt sich in den schönen Jakob, der zu den kuttentragenden Lieblingsschülern des Naturmystikers Johannes Itten gehört. Luise empfindet die Zugehörigkeit zur Gruppe mit der unnahbaren Sidonie oder dem treuen Zuhörer Samuel anfangs als großes Glück, die Freunde werden zur Ersatzfamilie.

„Aber soziale Gefüge sind chaotisch und sumpfig“, heißt es an einer Stelle. Luise trennt sich schließlich von den Kuttenträgern. Die esoterischen Rituale, merkt sie, dienen vor allem zur elitären Abgrenzung nach außen. Zudem unterbricht der gestrenge Vater das Studium, indem er Luise nach Berlin zurückbeordert – und sorgt damit auch erzähltechnisch für einen Schnitt. Der zweite Teil von „Blaupause“ spielt ab 1926 in Dessau, wohin das Bauhaus umgezogen ist.

Luise, die an den Esoterikern stets deren weltabgewandte Haltung in turbulenten Zeiten kritisierte, ist nun unter anderem mit dem Kommunisten Friedrich befreundet. Der hat vor lauter Politisieren keine Zeit für „so banale Dinge wie Emotionen“. Luise mag ihn trotzdem und fühlt sich heimisch – doch auch in Dessau muss sie Rück- und sogar Faustschläge einstecken.

Enzensbergers Buch punktet mit der stimmigen Zeichnung der sich emanzipierenden Hauptfigur. Historischen Bauhaus-Größen wie Klee oder Kandinsky gönnt die Autorin Nebenrollen, der Schulgründer Walter Gropius hat indes einige nicht unwichtige Auftritte.

Die 1986 geborene Tochter von Hans Magnus Enzensberger verhandelt große Themen wie Liebe, Freundschaft oder die Notwendigkeit einer politischen Haltung leicht und doch nicht klischeehaft. Und ganz am Ende wird auch klar, wie das Buch zu seinem schönen Titel kam.

Marco Puschner

Theresia Enzensberger: Blaupause. Hanser, 256 Seiten, 22 Euro.

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