Mit 60 Jahren wird Nick Cave zum Comic-Helden

Dass Reinhard Kleist ein Faible für die düsteren Gestalten der Musikwelt pflegt, ließ schon seine liebevolle Comic-Hommage an Country-Ikone Johnny Cash erahnen. Nun hat sich der mehrfach preisgekrönte Zeichner aus Berlin mit Nick Cave einen anderen „Man in Black“ vorgenommen. Der Frontmann der Bad Seeds, der soeben 60 Jahre wurde, gilt als ähnlich schillernde, komplexe und spätestens seit dem tragischen Unfalltod seines Sohnes von inneren Dämonen geplagte Persönlichkeit.

Nick Cave, das Kunstwerk. (FOTO: Reinhard Kleist, Buch-Illustration aus Nick Cave And The Bad Seeds, Carlsen Verlag)

Die 328 Seiten starke Graphic Novel „Mercy On Me“ (Carlsen Verlag, 24,99 Euro) funktioniert denn auch nicht als klassische Biografie mit streng chronologischer Erzählstruktur. Sie ist vielmehr der virtuose, phasenweise surrealistische und mit viel künstlerischer Freiheit angereicherte Versuch der Annäherung an einen Menschen, der schon zu Lebzeiten an der Schwelle zum Mythos steht.

Zwar schildert Kleist in expressiven, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern den Aufstieg eines grüblerischen Teenagers aus dem australischen Warracknabeal zum weltweit gefeierten Rockstar; die markanten Ereignisse und Wendepunkte in Caves Karriere dienen dabei aber allenfalls als grobe Klammer. Detailverliebt erzählt Kleist von Caves erster Band The Boys Next Door, aus der die legendären The Birthday Party erwuchsen, lässt die drogengetrübten, manischen Punkjahre in Berlin und London Revue passieren und erinnert an illustre Weggefährten wie Mick Harvey, Anita Lane, Lydia Lunch, Blixa Bargeld, PJ Harvey oder Kylie Minogue.

Dazwischen webt der 47-Jährige aber immer wieder furios illustrierte Songtexte ein oder lässt Cave in Visionen auf die gepeinigten (und am Ende meist toten) Figuren seiner eigenen morbiden Lieder und Romane treffen: etwa die adrette Wasserleiche Elisa Day („Where The Wild Roses Grow“), den unschuldigen Delinquenten auf dem elektrischen Stuhl („The Mercy Seat“) oder den sterbenden Ausreißer aus dem „Hammer Song“.

Und spätestens wenn auf dem Weg nach Genf noch Blues-Pionier Robert Johnson in Caves Auto steigt und die Fahrt mit einem großen Knall im Teilchenbeschleuniger endet, sind auch die letzten Grenzen zwischen Fakt und Fiktion pulverisiert. So gerät „Mercy On Me“ zu einem faszinierenden und bisweilen bizarren Panoptikum, das Leser, die mit Caves Schaffen nur wenig vertraut sind, allerdings etwas überfordern könnte.

Als ideale Ergänzung dient das im LP-Format gehaltene, prachtvolle Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ (Carlsen, 24,99 Euro), in dem Kleist weitere Porträts, Skizzen und Comicstrips aus dem Cave-Kosmos versammelt.

Uli Digmayer

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