Dan Brown als Ursprungsforscher

Der amerikanische Bestseller-Autor Dan Brown macht in seinem neuen Buch „Origin“ den Versuch, komplexe Themen von Philosophie und Religion als Unterhaltungsliteratur an eine große Lesergemeinde zu vermitteln. Das verdient immerhin respektvolle Aufmerksamkeit.

„Origin“ wird sich – anders als zuvor „Illuminati“ oder „Inferno“ – nur schwer verfilmen lassen. Denn im Zentrum der Geschichte steht nicht die Entschlüsselung eines Codes, um im letzten Augenblick die Explosion einer Bombe zu verhindern. Im Zentrum gibt es vielmehr die ausführliche Beschreibung einer Art Video-Dokumentation mit dem Thema des Ursprungs von Leben auf dem Planeten. Es geht um Origin, Genesis, Ursprung. Das ist der Stoff zahlloser Schöpfungsmythen. Auch die drei Buchreligionen Judentum, Christentum, Islam erzählen davon.

Deswegen trifft sich Edmond Kirsch am Anfang des Romans mit den geheimen Oberhäuptern dieser Religionsgemeinschaften. Kirsch ist ein Computer-Nerd und Zukunftsforscher, der eine große Enthüllung ankündigt. Von der Nacht an, in der er im Guggenheim Museum von Bilbao vor die (Internet-)Öffentlichkeit treten will, soll alles anders sein. Er will seinem Publikum erklären, warum Gott als Lebensschöpfer überflüssig geworden ist.

Dan Brown stellte sein neues Werk auf der Buchmesse in Frankfurt vor (Foto: dpa). In dem Roman geht er – wie es so seine Erzähltechnik ist – gleich an spektakuläre Schauplätze. Diesmal liegen alle in Spanien: das Kloster Montserrat, das Guggenheim Museum. Später kommen Antoni Gaudis Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona sowie der Escorial und das „Tal der Gefallenen“ bei Madrid hinzu. Browns Serienheld – der Symbolist Robert Langdon – agiert hauptsächlich in Bilbao und Barcelona.

Wie es sein muss, wird Kirsch ermordet, bevor er sein Geheimnis preisgeben kann. Auch zwei Oberhäupter der Buchreligionen fallen Anschlägen zum Opfer. Langdon muss ein Computer-Passwort entschlüsseln, um die Botschaft des Futurologen doch noch in die Öffentlichkeit zu bringen. Und diese Botschaft besteht aus langen Diskursen über die Notwendigkeit oder die Absurdität von Religion. Mag sein, dass Theologen und Philosophen über das eher journalistische Niveau der Erörterungen die Nase rümpfen. Doch man darf davon ausgehen, dass der „normale“ Leser eines Mystery-Thrillers wie von Dan Brown sich im Allgemeinen nicht mit solchen Themen beschäftigt. Dass gerade in den USA Browns Gedankenspiele mit dem Atheismus eher auf Ablehnung stoßen. Die Adressaten von Edmond Kirsch sind deshalb vor allem christliche Fundamentalisten und Kreationisten. Die ersten leugnen die Erkenntnisse der Wissenschaft und glauben lieber an uralte Geschichten. Die anderen behaupten hinter jedem physikalischen oder evolutionären Geschehen die ordnende Hand eines Schöpfers.

In „Origin“ rüttelt Dan Brown an solchen Positionen. Deswegen muss er das Genre-Gerüst des Mystery-Thrillers ziemlich rasch aushöhlen. Das Buch setzt eher auf geistige Spannung als auf Action. Es tendiert zum (über Dialog und Vortragsform transportierten) Essay. Schließlich schlägt es in Science Fiction um. Denn es geht dem Autor nicht nur darum, „woher wir kommen“, sondern auch „wohin wir gehen“. Da entwickelt er eine Utopie vom Verschmelzen des Menschen mit der Technologie. Außerdem führt er eine künstliche Intelligenz namens Winston als Handlungsträger ein. Und irgendwann beginnt der Leser zu ahnen, dass sich seit Mary W. Shelleys „Frankenstein“ künstliche Geschöpfe gern gegen ihre Schöpfer wenden.

Am Ende mag Dan Brown den Tod Gottes unter der Lawine der Vernunft doch nicht so kalt dastehen lassen. Er verweist auf das, was Alain Botton „Religion für Atheisten“ genannt hat: das Ozeanische Gefühl, die gemeinsamen Ideen hinter allen Mythen. Die vage Spiritualität, wie sie sonst Paulo Coelho gern predigt. Deswegen führt er Robert Langdon nochmals in die lichtdurchstrahlte Sagrada Familia und lässt ihn trostvoll sinnieren: „Das Staunen über ein schlichtes Wunder. Sonnenlicht auf Stein.“

Herbert Heinzelmann

Dan Brown: Origin. Lübbe, 670 S., 28 Euro.

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