Hans Pleschinski lässt Gerhart Hauptmann jammern: „Wiesenstein“

Hans Pleschinski hat einen Roman über die letzten Tage Gerhart Hauptmanns geschrieben. Muss man ihn lesen?

Gerhart Hauptmann gilt als einer der umstrittensten Charaktere der deutschen Literatur: ein Nobelpreisträger, der in seinen Dramen alltagsnah das Proletariat beschrieb und doch ästhetisch dichtete, der im Nationalsozialismus konform blieb und als Staatsdichter inszeniert wurde, während seine couragierteren Kollegen flohen oder starben. Mit diesem Gegensatz hat sich auch Hans Pleschinski beschäftigt. Nachdem er bereits einen intimen Roman über Thomas Mann geschrieben hat, liefert er mit „Wiesenstein“ ein Werk über das Ehepaar Hauptmann.

Gerhart Hauptmann (1862 bis 1946). Foto: dpa

Der Roman handelt von ihrer Zeit im Jahr 1945 als Punkt der politischen Wende und der persönlichen Einsicht und Scham des vergreisten Dichters und seiner Frau Margarete. Nachdem Letztere im März aus einem Sanatorium im zerstörten Dresden entlassen wird, fährt das Paar zurück in sein schlesisches Anwesen Wiesenstein, um dort das Kriegsende zu erleben.

Hier treffen sie, als gebrochene und verzweifelte Menschen, auf allerlei Gestalten: vom SS-Mann über Diener, Sekretäre, inzwischen selbstkritische frühere Nazis aus ihrem persönlichen Umfeld, bis zu polnischen Sowjets. Alle errichten ähnliche Gedankengebäude vor ihnen, suchen nach Liebe oder Absolution oder wollen diese vergeblich erteilen. Wollen die Hauptmanns entweder vor den Siegermächten schützen oder sie erneut instrumentalisieren, bis Gerhart 1946 schließlich stirbt.

Pleschinski hat Hauptmanns letztes Lebensjahr minutiös recherchiert und einen nichtfiktiven Roman verfasst. Er möchte keine Kriegsszenarien fantasieren, sondern sich an die Fakten halten. Daher gliedert auch immer wieder Margaretes Tagebuch oder Hauptmanns literarisches Werk das Buch.

Für ein Porträt über die späten Hauptmanns ist der Roman das beste Genre. Durch eine emotionale Sprache, einen distanzierten Erzähler, der jedoch in Köpfe sehen kann, entfalten sich die Widersprüche Hauptmanns wirkungsvoll. Etwa, dass Europa im Krieg versinkt und Deutschland zerbombt ist, während Wiesenstein als Prachtbau des Biedermeiers noch steht.

Es gibt ein dekadentes und groteskes Bild der Illusion ab: die heile Welt der Kunst im totalen Krieg. Ergänzt wird dies durch einen kranken, stotternden Hauptmann, der entweder selbstmitleidig, selbstkritisch oder eben selbstgerecht, auf jeden Fall selbstzentriert agiert. Gerade die so frei werdenden Gefühle der Protagonisten verleihen dem Roman eine gewisse Qualität.

„Wiesenstein“ wäre gar ein großer Wurf, wären da nicht die stilistischen Schwächen. Denn Pleschinski überbetont leider die Jammereien der Hauptmanns. So wird der Roman langatmig und in den Aussagen der Protagonisten redundant. Viele Passagen sind rein atmosphärisch.

Das Hauptproblem, nämlich dass es eine von der Politik unabhängige Kunst nicht geben kann und Hauptmann sich nolens volens hat benutzen lassen, wird dem Leser früh klar. Dennoch muss Pleschinski es mit neuen Details immer wieder aufgreifen, bis man sich gelangweilt abwendet. Dazu kommt, dass Pleschinski eigentlich ein ausgezeichnetes Sprachgefühl hat, aber immer wieder sein Vorbild Thomas Mann zu imitieren scheint.

Pleschinski möchte einen Beitrag zur Aufarbeitung der Kunst, die sich dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellt, aber auch zur Reue von Menschen ohne Hoffnung liefern. Hätte er „Wiesenstein“ von dem dominanten Jammerton befreit und die Widersprüche der Charaktere weitergeführt, hätte er sein Ziel erreicht.

So bleibt es zwar ein kritischer, teils auch lesenswerter, aber viel zu dicker Roman.

Philip Dingeldey

Hans Pleschinski: Wiesenstein. Roman. C. H. Beck, 549 S., 24 Euro.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.