Johan Bargum und der „Nachsommer“ der Gefühle

Der Titel ist zwar eigentlich schon von Adalbert Stifter belegt, aber auch der finnisch-schwedische Autor Johan Bargum hat zum Thema „Nachsommer“ etwas zu sagen.

Toller Autor: Johan Bargum (FOTO: Irmelin Jung/mareverlag)

Wenn ein Stolpern nicht mehr zu kaschieren ist, ein Leben zerbrochen, eine Lüge aufgedeckt – beginnt der Autor und Finnlandschwede Johan Bargum mit dem Erzählen.

In seiner „Septembernovelle“ von 2014 war das so. Und im neuen, heute erscheinenden Roman „Nachsommer“, der das Hinterher schon im Titel trägt, die wachsenden Schatten nach dem reichen Licht, reflektiert er diese Frage nicht minder: Wie konnte das passieren? Ein Fehltritt? Eine Schwäche? Eine Unachtsamkeit?

Es wird nun Herbst und alle sind abgereist von der Insel, so fängt die Geschichte an. Ein Landhaus in den Schären, nur Olof blieb zurück. Der Anlass für das Wiedersehen mit seinem jüngeren Bruder Carl war düster. Die Mutter lag im Sterben.

Dass Carl, der schon als Kind der Selbstbewusstere war und heute als Erwachsener den kühlen Karrieremann gibt, dass er immer Mutters Liebling war, ist allen Beteiligten klar. Beteiligte sind: Tom, der die Rolle des verstorbenen Vaters einnahm und für die Brüder zum zwiespältigen „Onkel“ wurde – als neuer Geliebter der Mutter. Dann ist da Klara, Carls Frau. Und ihre zwei Buben. Wobei sich um den Jüngsten ein Geheimnis rankt. Denn wer tatsächlich der Vater von Sam ist, verrät sie nicht. Ihr Mann? Oder doch dessen Bruder? Rechnerisch ist beides denkbar.

Mit der Romanhandlung, die so unschuldig im sanften Echo des abklingenden Sommers anfängt, beginnt sich das Unausgesproche auszubreiten wie eine eisige Decke. Eine Decke, deren Fasern der Autor mit feiner psychologischer Empfindung nach und nach aufzuschneiden scheint. Erzählt wird aus der Warte Olofs, des Unverheirateten, des Eigenbrötlers. Es gibt Rückblenden in die Kindheit. Die Natur hat der empfindsame Olof immer als Zuflucht erlebt. Und Carl als darin wandelnden Schrecken.

Johan Bargum, 1943 in Helsinki geboren, ist ein bittersüßes Buch über die Ungleichheit gelungen, über die Abgründe zwischen Menschen, die sich nahestehen, doch einander im Wege. Der „Nachsommer“ ist die Zeit des Verschwindens. Irgendwann ist die Chance verpasst.

Christian Mückl

Johan Bargum: Nachsommer. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare, 142 Seiten, 18 Euro.

„Schräge Typen“: Tom Hanks als cleverer Erzähler

Wie bitte, schreiben kann er auch noch? Ja – und sogar richtig gut, wie Hollywoodstar Tom Hanks mit seinem ersten Buch „Schräge Typen“ beweist. Jetzt erscheinen die Short Stories auch auf Deutsch.

Tom Hanks in seiner Paraderolle als „Forrest Gump“ (FOTO: Paramount Pictures)

Der nächste große Film mit ihm steht schon in der Warteschlange und wird fleißig beworben: „Die Verlegerin“ von Steven Spielberg, ab 22. Februar in den deutschen Kinos. Wobei die Titelrolle, nun ja, natürlich von Meryl Streep gespielt wird . . .

Tom Hanks, 61, das all-amerikanische Gesicht von Hollywood und in den unterschiedlichsten Genres fast schon alterslos aktiv, hat in seiner Karriere immer wieder gezeigt, dass er als Darsteller nicht nur zu überzeugen, sondern auch zu überraschen weiß: ein Jungsprofil mit Tiefe. Beides gelingt ihm nun auch als Schriftsteller. „Schräge Typen“ heißt der Band von Kurzgeschichten, mit dem der Filmstar aus Kalifornien sein erzählerisches Debüt gibt.

Erstaunlich, wie gut es geworden ist. Denn auch wenn der Leser bei manchen Szenen unweigerlich an Filme denken muss, in denen Tom Hanks mitgemacht hat – etwa an „Forrest Gump“, „Der Soldat James Ryan“ oder auch „Apollo 13“ –, so wird doch schnell klar: Diese Geschichten haben ihren eigenen Ton, ihre eigene Haltung. Und wenn sie einleitend bestimmte Milieus oder Situationen heraufbeschwören, die man gleichsam schon längst kennt, dann tun sie es mit Absicht: um gekonnt die Erwartungen zu brechen.

So wie in „Heiligabend 1953“, wo fast schon idyllisch eine Familie vorgeführt wird, die kurz vor den Festlichkeiten steht. Mit pünktlichem Schneefall und genügend Geschenken für die beiden Kinder. Hurra, Papa ist da, jauchzt das kleine Mädchen, und wird vom größeren Bruder – wichtig, wichtig! – auf den Besuch des Weihnachtsmannes vorbereitet. Vater Virgil hat also allen Anlass zum Glück.

Das geheime Zentrum der vermeintlich so nostalgischen Geschichte ist aber der nächtliche Anruf seines Kumpels Bud, der ihm – dem Kriegsinvaliden, der nur noch ein Bein hat, wie langsam klar wird – 1944 in Belgien das Leben gerettet hat. In hartem Kontrast kommt die ganze blutige Erinnerung hoch . . .

„Schräge Typen“, wie man meinen könnte, sind das alle nicht, sondern Bürger, Kumpel, Käuze wie du und ich, nur eben vor der einen oder anderen Bewährung stehend. Bette, eine alleinerziehende Mutter, zieht in ein neues Haus und misstraut erst mal dem Nachbarn – was will der Herr Professor in seinen Flipflops von ihr? In plötzlichen Eingebungen, die sie manchmal hat, sieht sie ihn schon an ihrer Seite und bekommt Angst. Erst als sie seinen Schlüsselbund findet und Ungeahntes über ihn erfährt, taut das Eis.

Es sind alles Liebeserklärungen an ein liberales Amerika, an die Provinz und die kleinen Leute, an das Bowlingspielen und theaterbegeisterte junge Mädchen, die von Arizona nach New York kommen, weil sie meinen, der Broadway wartet auf sie – nicht ganz einfach, der Frust ist da programmiert! Ebenso für mittellose Einwanderer wie Hassan aus Bulgarien, der mit dem Schiff in eine bessere Zukunft überzusetzen meint – und erst mal im Park beraubt wird.

Mit den Typen des Titels spielt Tom Hanks, der flott und ohne Firlefanz zu erzählen weiß, viel mehr auf die im Buch auch abgebildeten alten Schreibmaschinen an. Die – als Medium von einst – leitmotivisch in jeder Story auftauchen und auch für teure, leider vergangene Lebensgefühle stehen. Lokalreporter Hank Fiset kann ein ganz besonderes Lied davon singen und meldet sich gleich mehrfach im Buch zu Wort: Ach, der Journalismus konnte so schön sein, so authentisch und mannhaft!

Man liest es betroffen. Und muss den talentierten Mr. Hanks ja nicht gleich an einer Alice Munro, der Königin der Kurzgeschichte, messen (wie es übereifrige Kritiker schon getan haben), um ihn als Autor anzuerkennen. Weiter so!

Wolf Ebersberger

Tom Hanks: Schräge Typen. Stories. Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. Piper, 345 Seiten, 22 Euro.