Elegisch: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“

Ob er will oder nicht – und dankbar sein darf er ohnehin –, gehört Michael Ondaatje zu den Autoren, die man nicht erwähnen kann, ohne den einen Romantitel zu nennen, dem sie ihren Erfolg, ja vielleicht ihre gesamte Karriere verdanken. Bei Daniel Kehlmann ist es „Die Vermessung der Welt“, an der er selbst nun immer gemessen wird, bei dem Kanadier Ondaatje „Der englische Patient“. Bereits 1992 erschienen, kongenial verfilmt von dem frühverstorbenen Briten Anthony Minghella, am Ende ausgezeichnet mit neun Oscars: ein Welthit, so oder so.

Vor kurzem wurde das Buch auch noch als der beste englisch-sprachige Roman der letzten 50 Jahre mit einem goldenen „Booker Prize“ geehrt. So viel Ehre – die einen seriösen Schriftsteller, und das ist er, sicher auch belasten kann. Denn wie knüpft man an solche Erfolge – und die damit verbundenen Erwartungen – an?

Das Cover

Ondaatje hat einfach weitergeschrieben, ohne jeden Druck, befreit vielleicht sogar für die Geschichten, die er erzählen wollte, und die Weise, wie er sie erzählen wollte. Denn einfach ist sie nicht. Wie in einem Puzzle setzt der Autor, der auch Lyriker ist, was man immer deutlich merkt, seine Geschichten Steinchen für Steinchen zusammen – ohne lineare Ordnung oder einen klar konstruierten Rahmen. Ein Impressionist der uneindeutigen Erinnerung – darauf muss man sich einlassen.

In seinem neuen Roman „Kriegslicht“ geht er zurück in die kurze Zeit, die er als junger Mann in England verbrachte. Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, kam nach der Trennung der Eltern (der Vater war Holländer) dorthin, bevor er mit seinem Bruder weiter nach Kanada ging, wo er seither lebt.

Nathaniel heißt sein jugendliches Alter Ego nun. Ein braver, bürgerlicher Junge, der vierzehn Jahre alt ist, als er und seine kleinere Schwester Rachel vor einer schmerzhaften familiären Wende stehen: Der Vater muss beruflich nach Sri Lanka, die Mutter bleibt noch kurz, dann wird sie ihn begleiten. Die Kinder sollen in London bleiben und ins Internat. Ein Vertrauter, Walter, den sie aber lieber „Falter“ nennen, kümmert sich um sie.

Es ist ein Nachtfalter – eine obskure Figur mit noch obskureren Freunden, die nun alle ins Haus kommen und die zuerst irritierten, dann faszinierten Kinder in eine ganz andere Gesellschaft, eine andere Welt einführen. Und Nathaniel macht gerne mit. Etwa, wenn er nächtens mit einem nur „Boxer“ genannten Kleinkriminellen auf der Themse unterwegs ist und Windhunde für die Rennbahn einschmuggelt . . .

Es ist 1945, erste Nachkriegszeit, und doch herrscht noch immer „Kriegslicht“: Verdunklung, Heimlichkeit, Zwielicht – auch moralisch. Genau darin liegt der erzählerische Reiz, im Flair wie bei Charles Dickens oder Joseph Conrad, ambivalent aufgeladen, nebelhaft, romantisch. Was soll Nathaniel übrigens von seiner Mutter halten, deren vollgepackten Koffer er unerwartet im Keller entdeckt? Hat sie alle belogen, ist sie immer noch im Lande? Und was macht sie dann?

Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sie für den Geheimdienst arbeitet. Ondaatje verrät es selbst nach nicht allzu vielen Seiten. Wichtiger und weniger fassbar bleiben die Folgen, um die es in „Kriegslicht“ geht: um die letztlich zerstörten Leben und Lieben, die der Kampf für eine gute Sache (mit allen unguten Mitteln und Nebenwirkungen) mit sich bringt.

Erst im Nachhinein wird Nathaniel, der selbst in der Diplomatie landen wird, seine Mutter – die große Unbekannte, Fremde, Kalte – begreifen lernen, wird sich in sie hineinversetzen, ihre Beweggründe erkennen, notfalls als Fiktion. Dass er selbst dabei ein Phantom bleibt, ein ungelebtes Leben, ist die bittere Pointe dieser hintergründigen, auf hochelegante Art tristen Elegie eines trauernden Sohnes.

Wolf Ebersberger

Erzähler gebrochener, bruchstückhafter Lebensläufe: Michael Ondaatje, der morgen 75 wird. Foto: dpa

Kurz und gut: Benedict Wells und Frank Schulz

Es ist ein Spätsommer der Kurzgeschichten: Sowohl der alte hanseatische Hase Frank Schulz als auch sein jüngerer süddeutscher Schriftsteller-Kollege Benedict Wells legen schöne Short Stories vor.

Schriftsteller Benedict Wells (Foto: dpa)

Schreiben Autoren tatsächlich die tieferen Texte, wenn sie durch harte Jahre gingen? Sowohl Benedict Wells’ zehn Geschichten unter dem Buchtitel „Die Wahrheit über das Lügen“ als auch Frank Schulz’ Sammlung „Anmut und Feigheit“ tragen, so unterschiedlich sie im Stil sind, feinnervig private Züge.

Wells (geb. 1984) ist es in nur zehn Jahren gelungen, sich vom spritzigen Schreiber („Spinner“) mit filmreifem Stoff („Becks letzter Sommer“) zum ernst zu nehmenden Romancier („Das Ende der Einsamkeit“) zu entwickeln. Abwesende Eltern, sensible Seelen, früher Schmerz und trotzdem Nischen des Glücks: Wells Literatur atmet, fühlt, schält Gedanken.

Vor allem der letztgenannte Roman spiegelte bei aller melancholischen Leichtigkeit dunkle Wolken unter der Wasseroberfläche des Erzählens. Und auch für seine Kurzgeschichten gilt: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Wells erzählt zügig durch. Gleich mit der ersten Story „Die Wanderschaft“ verhandelt er fantastischen Realismus und nacktes Erschrecken in der Wirklichkeit – wohin ist mein Leben? – gleichermaßen. Ein Business-Mann, erfolgreich, Vater zweier kleiner Kinder und obendrein mit einer sehr geduldigen Ehefrau gesegnet, bricht am Geburtstag seines Sohnes spontan zu einer Gipfelwanderung auf. Bin zum Grillen wieder da!

Seine Rückkehr wird dann sein: Gegen Mitternacht. Er kehrt als anderer Mensch heim – am Abgrund des plötzlichen Gealtertseins. Damit verglichen kommt „Die Muse“ zunächst leichtfüßig daher. Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade wird im Bett geküsst. Von der Muse, die männlich ist, sexy und inspirierend auf sie wirkt. Das Teuflische: Schreibt sie am ersehnten Roman weiter, blutet der Musenmann aus, verliert seine Lebenskraft. Kunst oder Liebe, Erfolg oder Erlösung – die Gretchenfrage aller Kreativen ist hier der Dauerbrenner.

Charmant erzählt Wells eine Weihnachtsgeschichte, „Die Nacht der Bücher“. Die Klassiker der Weltliteratur unterhalten sich in einer Londoner Leihbibliothek am Heiligen Abend. Hemingway, Shakespeare, Proust, Rowling: Die Schöngeistigen schießen sich mit giftigen Kommentaren gegenseitig ab.
Wells gelingt eine ironische Abrechnung mit den Säulenheiligen des Betriebs, die als angestaubte, selbstverliebte Langweiler in den Regalen stehen und mit ihrem Schicksal als Zwangslektüre hadern.

„Hunderttausend“ verhandelt dann sehr privat die Sehnsucht nach dem Vater. Und in „Die Entstehung der Angst“ spinnt Wells eine Figur aus seinem letzten Roman weiter. Zentral liegt die Titelstory „Die Wahrheit über das Lügen“ im Buch. Vordergründig mag es um die Erfindung von „Star Wars“ gehen. Hintergründig fächert Wells die Finten des Filmgeschäfts auf. Man kann auch sagen: Er erdet Science Fiction.

Beim Hamburger Schriftsteller Frank Schulz irritiert es zunächst, dass er die Kurzgeschichten „Anmut und Feigheit“ (sein „Prosa-Album der Leidenschaft“) von 2018 bis 1950 zurückdatiert. Scherzkeks, der er ist! Wurde er doch selbst erst 1951 geboren. Bei der Lektüre wird klar: Die älteste Geschichte handelt nicht nur von „Mamapapamamapapa“, sondern auch von seiner Zeugung!

Zu welch zärtlich verschrobenen Persönlichkeits-, Großstadt- und Landschaftsporträts Schulz fähig ist, hat er mit seinen Büchern übers norddeutsche Künstler- und Proletenidyll („Kolks blonde Bräute“, „Morbus Fonticuli“, „Das Ouzo-Orakel“) bewiesen. Mit der hanseatischen Trilogie über „Onno Viets“ und den „Irren vom Kiez“ setzte er diese Kunst fort. Und auch in seinen Stories zappelt die Sinnlichkeit seines Schreibens wieder derart nach der Welt, als wären einem Kettenraucher die Kippen ausgegangen.

Es geht um Trauer in „Rotkehlchen“, einem Oratorium für den Vater. Zwiespältig lustig ertappt Schulz uns mit der Ehe-Satire „Der korfiotische Kuss“. Und dann glücken ihm gänsehautgute Schmachtfetzen wie „Geliebte mein im Schuhkarton“. In einen zentnerschweren Großstadtfenster-Voyeur denkt Schulz sich da hinein. In einen Kerl, der sogar aufgehört hat, zu „seiner“ Hure zu gehen, dem einzigen verzweifelten Frauenkontakt, den er noch hatte. Der Grund: Dem Dicken genügt es irgendwann vollends, der Nachbarin im Haus gegenüber bei ihren Alltagsverrichtungen zuzuschauen. Wenigstens im Winter. Im Sommer versperren die Blätter der Bäume den beglückenden Blick in das zum Greifen nahe Behauste . . .

Christian Mückl

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, 256 Seiten, 22 Euro.
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani, 336 Seiten, 22 Euro.