Filmstar Brigitte Bardot blickt zurück

Mit den Tieren kamen die Tränen: Die französische Filmlegende Brigitte Bardot veröffentlicht mit 84 Jahren ihre Lebensgeschichte in Buchform. Doch die ist eher eine Abrechnung mit ihren Mitmenschen als die versprochene Autobiografie.

Gut, dass Brigitte Bardot wenig mit Nürnberg zu schaffen hat. Die Debatte über die Dezimierung der Wildgänse, die den Wöhrder See verschmutzen, ginge ihr wohl so an die Nieren, dass man sich weniger um den Fortbestand der Gans als um den Fortbestand der Bardot sorgen müsste. „Ich habe so oft und so sehr um Tiere geweint, dass mir ein Augenarzt eines Tages sagte, ich hätte keine Tränen mehr“, schreibt die Schauspielerin in ihrer Lebensbilanz.

Die französische Schauspielerin Brigitte Bardot blickt auf ihr Leben zurück (Foto: Eric Feferberg/AFP/dpa)

Brigitte Bardot: Sie war einmal eine Legende – heute ist sie ein einziges Lamento. „Tränen des Kampfes“ heißt das Buch, das die französische Journalistin Anne-Cécile Huprelle in langen Interviewsitzungen mit ihr herausgebracht hat. Anders als der Titel, der das folgende Pathos ziemlich gut zusammenfasst, ist der Untertitel „Autobiografie“ eine Lüge. Über Brigitte Bardots Lebenslauf erfährt der Leser so gut wie nichts, was über Wikipedia hinausreicht – dafür über ihre Aktivitäten als Tierschützerin mehr, als er je wollte.

„Schon als Kind fühlte ich mich als Tier“, „Für Robben empfinde ich eine grenzenlose Zärtlichkeit“, so fangen die Kapitel an. Sie behandeln, neben esoterischen Betrachtungen von tierischen und menschlichen Seelen, Themen wie Walfang, Tierdressur, Schlachthöfe und die Arbeit der Bardot-Stiftung. Das meistverwendete Wort bleibt jedenfalls „Tier“.

Auch das könnte erquicklich sein, spräche aus Bardots Reflexionen nicht so viel Arroganz. „Das Filmgeschäft habe ich nie gemocht, es diente mir nur als Sprungbrett“, stellt sie fest. Am Schauspiel – und man muss ihr recht geben, ihr Erscheinungsbild war die größere Stärke – habe sie nie Freude gehabt, im Gegenteil. Der Starrummel um ihre Person sei ihr falsch und hohl erschienen, habe sie in die Depression gestürzt. „Berühmtheit ist ein Gift, und mich hat es davon abgehalten, mein Leben zu leben.“ Zu ihrem 80. Geburtstag, noch vier Jahrzehnte nach dem Ausstieg aus dem Jetset, habe sie 100 000 Briefe aus aller Welt erhalten – aber wer kenne sie als Mensch wirklich?

So weit, so traurig. Doch andererseits beschreibt sich der Schmollmund der Nation etwas zu prahlerisch als freigiebigen, altruistischen, unkonventionellen und aufrichtigen Charakter, ja eigentlich als Erbin des heiligen Franz von Assisi, als dass man für diese Selbstdarstellung Sympathie aufbringen könnte.
Bardot, die Missverstandene? Auf ihre bereits strafrechtlich verurteilte Nähe zur extremen politischen Rechten in Frankreich geht sie nicht tiefer ein, abgesehen von der Bekundung, sie sei gewiss keine Rassistin, sondern nur Gegnerin des rituellen Schächtens. Aus Sorge ums Tier natürlich. Zu Hause in Saint-Tropez stehe sie heute jeden Tag um neun Uhr auf, füttere als Erstes ihre Hunde und 200 Tauben und frühstücke dann mit Bernard d’Ormale, ihrem vierten Mann. Ziege und Schwein sind auch dabei. Die Gräber ihrer Verflossenen pflege sie übrigens genauso hingebungsvoll wie die ihrer toten Tiere. „Ich liebe die Liebe, und genau deshalb war ich so oft untreu.“

BB, oje!

Isabel Lauer

Brigitte Bardot: Tränen des Kampfes. Nagel & Kimche, 327 Seiten, 22 Euro.

Flüchtlingsdrama oder Doku-Soap? Timur Vermes’ neuer Roman

Für manche Bürger ist das die absolute Horror-Vorstellung: Ein Zug von 300 000 Flüchtlingen rollt auf die deutsche Grenze zu. Aus dem Stoff kann man einen Roman machen wie Timur Vermes, der vor ein paar Jahren mit der Hitler-Reinkarnation „Er ist wieder da“ bekannt wurde. „Die Hungrigen und die Satten“ heißt sein neues Buch. Nicht uninteressant. Aber schlechte Literatur.

Bestsellerautor Timur Vermes. (FOTO: Michael Matejka)

Schuld ist Nadeche Hackenbusch, die prominente Fernsehmoderatorin aus der Abteilung Doku-Soap. Muss sie doch ihre Kameras in einem afrikanischen Flüchtlingslager aufbauen, um Quote zu machen. Muss sie sich überdies in einen virilen Flüchtling verlieben, der nicht in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer ertrinken, sondern lieber zu Fuß ins Traumland mit dem „Ottobafes“ marschieren will. Noch dazu vor laufenden Kameras, die Sicherheit garantieren. Die Flucht als Life Show. Besorgte Bürger glauben sowieso, die Medien seien für alles Schlimme verantwortlich.

Damit hat Timur Vermes, in Nürnberg mit ungarischem Migrationshintergrund geboren, den Handlungsstrang gesponnen. Er drillt ihn zusammen aus vier regelmäßig wechselnden Perspektiven: dem Geschehen um Nadeche, den Ereignissen im Flüchtlingszug, der sich erstaunlich gut zu organisieren weiß, den Diskussionen von Nadeches heimischen Fernseh-Bossen und den Reaktionen der deutschen Innenpolitik um zwei wechselnde Minister (der eine ist zu human und wird abgelöst). Dazu gibt es eingeblendete Beiträge einer Nadeche verklärenden Bloggerin – womit der Autor wohl auf seine Herkunft aus dem Boulevard-Journalismus verweist.

Der vermischt Katastrophenberichterstattung ja gern mit flapsigem Tonfall. So scheint Timur Vermes immer mal wieder Anläufe zur Satire (vor allem zur Medien- und Lifestyle-Satire) zu nehmen. Aber das Ende der Geschichte ist eigentlich ganz schrecklich. Soll dem Leser das seitenweise bewusst angezettelte Lachen vergehen? Wobei den Schlusspunkt nochmals ein komischer Schlenker setzt. Schwarzer Humor nach Tausenden von Toten? Oder kann es der Autor nicht besser?

Timur Vermes erinnert an einen großen deutschen Unterhaltungsschriftsteller des ausgehenden 20. Jahrhunderts, der heute fast völlig vergessen ist: Johannes Mario Simmel. Der hatte gern gesellschaftskritische Ambitionen. Der füllte die Seiten mit langen Dialogen, ein Stilmittel, das auch Vermes nutzt. Aber Simmel traute seinen Lesern Verdichtungen und Handlungs-Montagen zu, die Vermes vermeidet. Aus Sorge, der Leser könnte irgendwann nicht folgen, wird die Handlung deutlichst ausgebreitet.

Was machen wir also mit „Die Hungrigen und die Satten“, außer Zeit zu vertreiben? Reflektieren wir über die prekäre Lage des Globus als Ausgangspunkt von Flüchtlingsströmen? Befeuern wir unsere Ängste vor kultureller und sozialer Überfremdung? Oder schmunzeln wir über komische Sprüche in den Promi-Welten von Medien und Politik? Der Roman bietet diverse Möglichkeiten, kann sich letztlich aber für keine entscheiden. Immerhin ist das letzte Drittel leidlich spannend und lässt vergessen, wie seltsam konstruiert der Exodus der Flüchtlingsmassen anfangs wirkt.

Ein Exodus der Hoffnung, der in Hoffnungslosigkeit endet? Das Buch klappt zu, die Fragen bleiben offen.

Herbert Heinzelmann

Timur Vermes: Die Hungrigen und die Satten. Roman. Eichborn Verlag, 509 Seiten, 22 Euro.