Dörte Hansens neuer Roman „Mittagsstunde“

Nach ihrem Überraschungserfolg mit dem Roman „Altes Land“ legt Dörte Hansen ein neues Buch vor. Und „Mittagsstunde“ ist fast noch besser . . .

Schriftstellerin Dörte Hansen (Foto: Axel Heimken/dpa)

Er nennt sie „Mudder“ und „Vadder“, dabei sind es die betagten Großeltern, die Ingwer Feddersen heute pflegt. Seine Mutter heißt eigentlich Marrett. Sie war bei seiner Geburt erst 17 – geistig und körperlich behindert. Immer wieder war sie aus dem Fenster gesprungen, um das werdende Leben in ihrem Körper zu töten. Dann, als das Kind auf der Welt war, überließ sie es Mudder und Vadder – unfähig, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Marrett wird Ingwer zeit seines Lebens als große Schwester verkauft. Mit ihren klappernden Holzschuhen läuft sie durch das Dorf im Alten (Fries-)Land, predigt den Weltuntergang, tanzt im Dorfgasthof der Eltern zu Schlagermusik und lebt in ihrer eigenen, für niemanden zugänglichen Welt. Ingwer, das uneheliche Kind – Vater unbekannt – bleibt stets Außenseiter im Dorf.

Als er zum Studieren nach Kiel geht, anstatt das Lokal zu übernehmen, entfremdet er sich noch weiter von daheim. In der Stadt lebt der promovierte Archäologe, inzwischen Ende 40, seit Jahren mit einer Frau (reiche Erbin) und einem Mann (reicher Erbe) in einer WG zusammen – zu dritt teilt man sich Tisch und Bett. Als armer Wirtshaussohn vom platten Land passt er auch nicht wirklich in diese unorthodoxe Lebensgemeinschaft hinein.

Klar, dass Ingwer Feddersen in der Mitte seines Lebens die Sinnkrise erreicht: Die pflegebedürftigen „Eltern“ allein in dem mittlerweile heruntergekommenen Gasthof, das desolate Privatleben und eine stockende akademische Karriere. Da kommt ihm das Sabbatjahr an der Uni gerade recht, um einen mutigen Schritt zu wagen: Ingwer kehrt vorübergehend in sein Dorf Brinkebüll zurück, um sich hier nützlich zu machen.

Bald wird der verlorene Sohn unentbehrlich für das gebrechliche Paar, das kurz vor seinem 70-jährigen Ehejubiläum steht. Sie: demenzkrank, er: körperlich am Ende. Dennoch finden Sönke und Ella Feddersen immer noch in kurzen Momenten zueinander, was rührend beschrieben wird.

Dabei war ihre lange Ehe alles andere als unproblematisch. Als Sönke im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpft, rechnet niemand mit seiner Rückkehr. Ella wendet sich damals dem Schullehrer zu, Marrett ist also dessen und nicht Sönkes Tochter. Auch Ella führt bis ins hohe Alter ein Doppelleben mit zwei Männern. Doch nichts wird ausgesprochen in Brinkebüll. Man weiß oder vermutet Dinge. Als in den 60er Jahre die Flurbereinigung stattfindet, ändert sich das Leben für die Dorfbewohner.

Aus der alten, mit Wurzeln durchzogenen Hauptstraße wird eine glattgeteerte Rennstrecke. Hier kommt schon bald das „meistgekraulte Kind von Brinkebüll“, der kleine, blondgelockte Marten, zu Tode. Ergreifend die Szene, als die Krämerfrau Dora Koopmann mit einem Eis in der Hand vor ihrem Laden auf den Jungen wartet und den schrecklichen Verkehrsunfall mitansieht.

Über Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“ liegt eine tiefe Melancholie und Sentimentalität. Ganz selten flammt ein wenig Humor auf, ab und zu etwas Lebenslust. Doch selbst die fröhlichen Feste im Dorfgasthof, enden in Besäufnissen, in Zank und Streit. Es geht in dem Buch um Verfall, um die Unausweichlichkeit von Veränderung, um Lebensgeheimnisse. Aber auch um Nostalgie.

Hansen beschreibt das Provinzleben, ihre Figuren und Entwicklungen realistisch und versucht gar nicht erst eine „Landlust“-Idylle entstehen zu lassen. Sprachlich ist das Buch eine Wonne. Die Bestsellerautorin, 1964 in Husum geboren („Altes Land“), lässt drastische, mitunter aber auch bittersüße Bilder entstehen, wenn Ella im grünen Mantel auf dem zugefrorenen Teich mit ihren Schlittschuhen übers Eis gleitet und man von weitem ihre Silhouette sieht.

Und immer wieder fließt der plattdeutsche Zungenschlag mit ein. Auch die Schlager und englischsprachigen Songs der 60er Jahre erklingen in dem Buch – aus der Musikbox oder dem Autoradio: Freddy Quinn, Peggy March und Neil Young sind da zu hören.

Hansen, die selbst in Nordfriesland lebt, arbeitet sicherlich mit bildhaften und akustischen Assoziationen aus ihrer Kindheit. Und so werden bei der Lektüre auch die eigenen Erinnerungen an die ersten Jahre auf dem Dorf geweckt: an die Bewohner, an Örtlichkeiten, an Geschichten, Gerüche und Geräusche – und an die Stimmung in der „Mittagsstunde“. Ein fesselnder Roman, der traurig macht.

Susanne Stemmler

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

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