LSD macht’s möglich: T.C. Boyle sieht „Das Licht“

LSD ist wieder im Kommen, sagen die Experten – als seriöses Medikament etwa gegen Depressionen oder in der Palliativmedizin. Gegen Trübsinn hilft indes auch der neue LSD-Roman von
T. C. Boyle ganz wunderbar . . .

US-Kultautor T.C. Boyle (Foto: dpa)

Natürlich geht es nicht ohne Vorspiel – und das liefert der auf seine Weise berühmte Albert Hofmann, einer der Gründerväter in der Geschichte der modernen Drogen. Entdeckte der Basler Chemiker doch bereits 1943 in seinem Labor die unerwartet starken Reaktionen, die eine Substanz namens Lysergsäurediethylamid – kurz LSD – auf das menschliche Bewusstsein haben kann. Die natürliche Vorlage: das Gift des Mutterkorns.

Und schon zum Einstieg, auf diesen wenigen Seiten, zeigt T. C. Boyle wie ein Taschenspieler seine blendenden literarischen Tricks. Vor allem den einen, für ihn charakteristischen: sich faktischen historischen Figuren aus fiktiver Sicht zu nähern und so deren Größe und Geheimnis halb würdigend, halb kritisch zu vermitteln.

Hier ist es Susi, die junge Assistentin, die nicht nur miterleben darf, in welchen durchaus bedenklichen Rauschzustand sich Dr. Hofmann versetzt (gerade, wenn man danach noch heimradeln will), sondern das Experiment auch an sich selbst testen darf. Vielleicht hilft zum synthetisch erzeugten Glückstraum auch die Tatsache, dass Fräulein Ramstein in ihren Chef heimlich verliebt ist. Und dann ja auch – wieder ganz realistisch – den Nächstbesten heiratet, der ihm ähnlich sieht . . .

Die Hauptfiguren in „Das Licht“, dem soeben erschienenen neuen Roman des großen amerikanischen Autors, sind aber andere, die Handlung beginnt erst zwanzig Jahre später, 1962 in Harvard. Eben als Timothy Leary, vielversprechender Psychologieprofessor der Bostoner Eliteuniversität, die epochalen Forschungen Hofmanns aufgreift und für völlig neue Zwecke einsetzen will.

Können Drogen wie LSD oder auch das aus den magischen Pilzen Mittelamerikas gewonnene Psilocybin nicht dabei helfen, Patienten von ihren Blockaden zu befreien? „Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette“, heißt es da. „Es war wie Zauberei.“

Wie in seinem Roman über den Sex-Pionier Alfred Kinsey führt der Autor den schnell als Guru und Schamane bewunderten – und in konservativen Kreisen heftig umstrittenen – Leary (1929–1996) von der Seite her ein. Fitz, so heißt der Student, der bei ihm promovieren will und der sich nach erstem bürgerlichen Zögern doch auf die zur Pflicht erhobenen Drogenexperimente einlässt. Auch seine Ehefrau Joanie, eine brave Bibliothekarin, sowie der kleine Sohn Corey werden unweigerlich mit hineingezogen in den Sog aus Rausch und revolutionärer Sinnsuche.

Denn auch darum, wie schon der Titel andeutet, geht es ja beim anfangs noch sorgfältig überwachten Schlucken der Wunderpillen: Alle wollen sie „Das Licht“ sehen, wollen nicht weniger als göttliche Erfahrung, wollen Erlösung und Erleuchtung. Liegt nicht allen Religionen ein Rauscherlebnis zugrunde, fragt sich der unorthodoxe Leary. Und nennt die Verabreichung des LSDs jeden Samstagabend sogar das „Sakrament“.

Aus den experimentellen Sitzungen werden aber bald von Jazzmusik befeuerte Sessions, bei denen der innere Kreis um den Drogen-Prof auch sexuell neue Wege wagt. Mit allen Risiken für schon etwas erkaltete Ehen wie die von Fitz und Joanie. Wohin führt das grenzenlose Begehren, das psychedelisch freigesetzt wird?

Kein anderer als Boyle – in dem Bereich nicht ganz unerfahren – könnte die blumigen, in Farben schier explodierenden Trips so genau schildern. Gleichwohl ist er der Erste, der die kleinen Risse und Krisen notiert, sobald Fitz und Familie sich mit Leary nach Mexiko begeben – ein Paradies auf Zeit –, schließlich in ein altes Herrenhaus in Millbrook im Staate New York, wo sie wie eine Sekte hausen. Und sich Fitz unsterblich in die blutjunge Lori – eine Art Lolita, sehr launisch – verliebt. Mit oder ohne LSD: eine Ekstase, der nur Ernüchterung folgen kann.

Der Leser ahnt es früh – und bleibt doch bis zum Kater-Ende, nun ja, süchtig.

Wolf Ebersberger

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 Seiten, 25 Euro.

Betörend: „Stella“ von Takis Würger

„Ich war ein junger Mann mit Geld und einem Schweizer Pass, der gedacht hat, in diesem Krieg leben zu können, ohne etwas mit ihm zu tun zu haben“: Das Jahr 1942 belehrt die Hauptperson namens Friedrich in Takis Würgers gespenstischem Roman „Stella“ eines Besseren.

Takis Würger (Foto: Döring, Hanser)

Es geht viel um Wahrheit. „Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk . . . Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht.“ Wenige Seiten später: „Ich wusste, dass Vater und Mutter sich nicht liebten“. Weiter: „Die Wahrheit. Du hast gesagt, wir sagen die Wahrheit. Aber über Mutter lügst du.“ Der Junge ahnt: Die Wahrheit zu sagen, kann bedeuten, weh zu tun.


Es sind die frühen 1940er Jahre, Friedrich wächst in einem wohlhabenden Elternhaus am Genfer See auf. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als die Nürnberger Gesetze verkündet werden, trinkt sie eine ganze Flasche Kartoffelschnaps darauf. „Sie hob das Glas auf das Wohl Adolf Hitlers, den sie Adolphe nannte, als wäre er Franzose.“

Als sie ein Jahr später auf dem Privatanwesen die Hakenkreuzfahne hisst, rennt Friedrichs Vater in das Gewächshaus und stößt einen Schrei aus, der das Ende der Ehe ausdrückt. Sonst sei Schweigen seine Art, zu weinen, stellt Friedrich fest. Über den Vater als den Empfindsamen. Den Schwächeren?


Doch was sind Tränen? Spätestens, nachdem der Junge früh farbenblind geworden ist, weil sich ein Kutscher mit dem Stock für einen Schneeballangriff rächte, hat er gelernt, seinen Augen zu misstrauen.


Und dann: Als der künstlerisch ambitionierte junger Mann die Schweiz verlässt und in Berlin bei einem Aktzeichenkurs Kristin erblickt, da traut er seinen Augen ebenfalls kaum: So ein starker Charakter ist ihm – nach Mutter – noch nie begegnet. Dass Kristin in Wahrheit Stella Goldschlag heißt, ahnt er nicht.


Was hat Takis Würger da nur für einen betörenden Roman geschrieben! Kein Geringerer als Daniel Kehlmann lobt: „Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung.“


Takis Würger, geboren 1985, war Kriegsreporter für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, kündigte den Job mit 28, ging nach Cambridge, studierte Ideengeschichte, boxte Schwergewicht und veröffentlichte 2017 mit „Der Club“ seinen ersten Roman. Bereits darin ging es um die Frage, ob man aus Liebe das Falsche tun darf, um das Richtige zu erreichen.


Stella und der junge Schweizer im kriegsgezeichneten Berlin spielen die Hauptrollen in Würgers Roman. Sie ist die erste Frau, die Friedrich küsst. Sie kennt Jazzclubs. Und Müdigkeit, Hunger und Angst. Um das zu vertreiben, nimmt sie Pervitin-Pralinen. Den Stoff, mit dem auch die Wehrmacht Frontsoldaten bei Laune zu halten versuchte.

Den Berliner Kapiteln stellt Takis Würger eine knappe Nachrichtenchronologie aus dem Jahr 1942 voran. Dem fügt er jeweils eine Phrase aus dem hinzu, was er die „Zehn Geboten für Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ nennt. Ein Horror.


Doch Friedrich ignoriert die Zeichen der Zeit. Dann ist Kristin plötzlich weg. „Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund und spülte es mit Kognac runter.“


In glasklarer Sprache verhandelt Takis Würger die Schönheit und das Schlimmste. Liebe, Hass, Begehren, Folter, Verlust und Verrat tosen ineinander. Als Jüdin gerät Stella in die Situation, zu verraten, um zu retten. Das Opfer wird zur Täterin.


Die Arbeit an diesem Buch habe ihn dazu gezwungen, „Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte“, sagte Takis Würger in einem Interview. Die Suche war es wert.


Christian Mückl

Takis Würger: Stella. 224 Seiten, Hanser, 22 Euro.

Hermann Glasers „Buchfranken“: Geburtstag im Gefängnis

Die Reihe „Buchfranken“ bringt die letzten drei Bände heraus, die Hermann Glaser betreut hat. Eines der Themen: die erste deutsche Eisenbahn.

Hermann Glaser im Garten seines Hauses im mittelfränkischen Roßtal (Foto: Johnston, dpa)

Sein Tod im vergangenen Jahr bedeutet einen herben Verlust für die hiesige Intellektuellen-Welt. Zum Glück erscheinen selbst posthum noch Texte von Hermann Glaser, dem einstigen Kulturreferenten der Stadt Nürnberg und weit über deren Grenzen hinaus bekannten Publizisten und Vordenker. Er konnte, ungeachtet seines hohen Alters, bis zuletzt nicht vom Schreiben lassen.

In der Reihe „Buchfranken“, die Glaser zusammen mit dem Schrenk-Verlag ins Leben gerufen hat, kam vor kurzem Band 18 heraus: „Geburtstag bei Mörderinnen“, eine Sammlung von Erfahrungen, die Glaser bei seinen Reisen rund um den Globus gemacht hat. Der Titel bezieht sich auf einen sehr speziellen Geburtstag des Autors, den er im Gefängnis verbracht hat – eben bei Mörderinnen.

Und auch die nächsten zwei Bände von „Buchfranken“ sind nun auf dem Markt. „1000 Tageszeichnungen“ heißt Nummer 19 mit einer Auswahl aus 2900 zeichnerischen Notizen von Fridhelm Klein aus den Jahren 2009 bis 2017. Der 1938 in Berlin geborene Künstler und Pädagoge, der an der Akademie der Bildenden Künste München sowohl studierte als auch lehrte und in Nürnberg ebenfalls aktiv war, zückte immer und überall sein Zeichenwerkzeug – und das jahrzehntelang, wie ein Besessener.

Den Titel des Buches erklärt er selbst folgendermaßen: „Tageszeichnungen heißt, im Alltag zu jeder freien Minute und ohne Rücksicht auf Verluste anderer Zeitzirkel den Zeichenstift, hier Kugelschreiber, zur Hand zu nehmen, um unablässig Zeichenspuren aus der Hand fließen zu lassen.“

Einem ganz anderen Sujet widmet sich „Buchfranken“-Band 20, „Marx Meets Wilson. Der Philosoph und der Lokomotivführer der ersten deutschen Eisenbahn“. Das Buch enthält Beiträge von Regine und Jürgen Franzke, Hermann Glaser, Hendrik Bebber und Johann Schrenk, ergänzt durch Betrachtungen von Karl Marx und Friedrich Engels, dazu sogar Johann Wolfgang von Goethe.

Die Texte changieren zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Um die Tatsachen kümmert sich hauptsächlich Jürgen Franzke, der frühere Leiter des Nürnberger Verkehrsmuseums. Als versierter Kenner arbeitet er die Historie der Ludwigs-Bahn zwischen Nürnberg und Fürth sowie der berühmten „Adler“-Lokomotive auf, inklusive der Geschichte von William Wilson, dem ersten deutschen Lokführer, der eigentlich Engländer war.

Hendrik Bebber, London-Korrespondent verschiedener Tageszeitungen, befasst sich mit der seltsamen (Brief-)Freundschaft zwischen Karl Marx und William Wilson, um die sich einige Gerüchte ranken. Ein Spiel mit „Facts und Fakes“, formuliert Glaser dazu im Vorwort. Und der große deutsche Dichterfürst wird in dem Band auch kurz zitiert, mit seinem berühmten Werk „Dichtung und Wahrheit“. Jede Zeit hat eben ihre eigene Sprache . . .

Ute Wolf

Gerald Murnanes behutsames Buch „Grenzbezirke“

Der bald 80-jährige australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt auf seinem Kontinent seit vielen Jahren als Nobelpreiskandidat. Jetzt hat er ein Erinnerungsbuch geschrieben, in dem vieles steckt, was sein Schreiben von dem anderer Autoren unterscheidet. Es heißt „Grenzbezirke“.

Gerald Murnane (Foto: Giramondo Publishing/Suhrkamp)

Wie bereits in seinem Hauptwerk „Die Ebenen“ (1982), das 2017 endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt uns Murnane in „Grenzbezirke“ mit auf eine Reise in die Innerlichkeit jenseits des realistischen Erzählens. Behutsamkeit durchdringt die Seiten.

Der Ich-Erzähler ist unschwer als Alter-Ego des Autors zu erkennen. Er hat ein Haus am Rand der Zivilisation nahe dem australischem Outback bezogen, um dort die Ecken, Zwischenräume und Kanten der menschlichen Wahrnehmung zu erkunden. Dafür erlegt er sich Regeln auf. So „hütet“ er seine Augen, um wachsamer für das zu sein, „was an den Rändern meines Gesichtsfeldes“ wirkt. Mönchisch experimentiert er mit Sehtechniken. Es interessiert ihn, ob und wie sich neue Bilder, Gedanken, Assoziationen, Bewusstseinsströme auftun, wenn man zum Beispiel das gewöhnliche menschliche „Starren“ auf Dinge durch Blinzeln oder schräge Augenstellung variiert.

Zugegeben, das klingt schrullig. Doch der Autor bringt eine ernstzunehmende Lebenserfahrung ein. Nachdem er Witwer wurde, war der Ich-Erzähler so mutig, das Wagnis des Wegziehens zu wählen. So erfahren wir, dass er, der zeitlebens ein Leser und Liebhaber von Büchern gewesen ist, den Inhalt seiner Regale zurückgelassen hat. Ihn bewegte dazu die Annahme, dass jeder Lesende die wichtigen Essenzen, Prägungen durch Literatur bewusst oder unbewusst speichert – wenn sie denn von Belang für ihn persönlich sind.

Als Schatzgräber verschütteten Wissens übt der Erzähler sich, wenn er versucht, durch den Anblick von Farben einer Murmel oder über das Hören eines Lieds Zugang zu eingeschlafenen Gefühlen seines früheren Lebens zu erhalten.

Murnane erzählt vom Radiobeitrag einer Kollegin: Weil auch sie den Stückeschreibern, Drehbuchautoren und Biografen misstraut, „die zu leicht durch das Sichtbare verlockt werden“, fühlt er sich verstanden. Das „Empfinden stiller Intensität innerhalb der Steinmauern in entlegener Landschaft“ hält er wie sie dagegen. Seinem Denken und Fühlen haftet etwas Naturmystisches an. Sätze fließen sanft. Peter Handke oder W. G. Sebald sind ihm Sprachverwandte. Manchmal entstehen durch das Drehen und Wenden bei der Suche nach präziser Annäherung an die Dinge aber auch Längen.

Wer „Grenzbezirke“ als Einladung sieht, im Heute der Hektik, der schnellen Bilder, der wissenschaftlichen Sicherheiten den sinnlichen Weg in die andere Richtung einzuschlagen – dem schenkt der Australier Mut und Inspiration.

Christian Mückl

Gerald Murnane: Grenzbezirke. Bibliothek Suhrkamp, 231 S., 18 Euro.

Von Troja bis Trump: Wendy Brown über „Mauern“

Die Grenze zwischen Mexico und USA bei Tijuana. (Foto: Arias, afp)

Von Troja bis Trump: In „Mauern“ beschreibt die amerikanische Poitikwissenschaftlerin Wendy Brown die neuen Grenzziehungen als Kulissen-Spektakel.

Die ersten Epen des Abendlands erzählen vom Scheitern der Mauern. In Homers „Ilias“ stehen die Befestigungswälle der mächtigen Stadt Troja noch. In der „Odyssee“, mit der Homer die Geschichte fortsetzt, sind sie gefallen – nicht durch die Gewalt einer zehnjährigen Belagerung, sondern durch List. Vielleicht sind diese Ur-Erzählungen Menetekel: Mauern halten
keinen auf.

Diese Gedanken kommen dem Leser bei der Lektüre von Wendy Browns Buch „Mauern“. Die Studie der amerikanischen Politikwissenschaftlerin mit dem Untertitel „Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität“ ist in den USA bereits 2010 erschienen und letztes Jahr ins Deutsche übersetzt worden. Nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten gab es eine Neuauflage mit frischem Vorwort. Denn die „Mauer“ gegen Mexiko ist ihm bekanntlich ein wichtiges Anliegen.

Wendy Brown aber schreibt: „Solche Bauwerke vermögen es kaum jemals, ihrer Abriegelungsfunktion zu genügen, und sie sind auch keine wirtschaftlich vernünftige und technisch effektive Antwort auf die schlimmsten Gefahren, die gegenwärtig über die Grenzen hinwegfließen oder politische Gemeinschaften bedrohen.“

Warum also erlebt die Errichtung physischer Bollwerke seit Jahren eine Renaissance rund um die Welt? Auch wenn sich die Autorin hauptsächlich mit den Grenzzäunen in den USA und in Israel beschäftigt, verweist sie auf Abschottungen im Süden Spaniens, auf dem Balkan, in Indien und Saudi-Arabien – sowie auf das wachsende Phänomen von „Gated Communties“, bewachten Bezirken zum Schutz meist exklusiver Gesellschaftsgruppen.

Brown greift auf Niccolo Machiavelli zurück. Für diesen knallharten Analytiker war Realpolitik immer sehr theatralisch: „ein Schauspiel von Gefahr und Erlösung, Macht und Möglichkeit, zu dem absichtliche Manipulationen von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung gehören“.

Die neuen Mauern sind also Theaterkulissen. Sie sollen den Menschen eine staatliche Souveränität vorgaukeln, die durch weltweite Kapitalflüsse, überstaatliche Institutionen zu deren Regulierung und die digitale Vernetzung verloren gegangen ist. Der schöne Schein der Sicherheit vor Drogen, Kriminalität, Fremden – deren Wirkungsmacht oft durch die Errichtung letztlich doch durchlässiger Grenzen überhaupt erst erzeugt wird.

Das Buch von Wendy Brown, die an der University of California lehrt, ist nicht immer einfach zu lesen. Wenn es Souveränitäts-Theorien (etwa von Carl Schmitt) durchnimmt, greift es in langen Sätzen gern auf Wissenschafts-Jargon zurück. Doch es macht viele politische Bewegungen einsichtig, die auch bei uns zu spüren sind.

Dazu gehört die verzweifelte Behauptung von ethnischen Identitäten, die durch strenge Grenzziehungen zu schützen seien. In den Passagen darüber, dass Ausgrenzung immer auch Einsperrung bedeutet, erhellen sich manche politischen Haltungen von Ostdeutschen. Jahrelang von Mauern „beschützt“, fühlen sie sich „entgrenzt“ zutiefst verunsichert – und rufen nach neuen Mauer-Kulissen im politischen Theater.

Obwohl bereits Homer die Beständigkeit von Mauern als Illusion entlarvt hat, bestehen viele Bürger weiterhin darauf, in Troja leben zu wollen. Wendy Brown erklärt dieses Beharren mit Sigmund und Anna Freud tiefenpsychologisch. Mauern sind Fetische: „Sie gewähren magischen Schutz gegen unvorstellbar große, zerstörerische… Kräfte, gegen das Nachdenken über die Folgen, die die Heldentaten und Aggressionen der eigenen Nation haben, und gegen ihre Schwächung durch die Globalisierung.“

Mit diesem „Fetischismus“ versuchen Donald Trump und andere Politiker Macht zu gewinnen oder zu erhalten. Wendy Brown diagnostiziert ihn als Krankheitssymptom in unserem demokratischen System.

Herbert Heinzelmann

Wendy Brown: Mauern – Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Aus dem Amerikanischen von Frank Lachmann. Suhrkamp, 260 S., 28 Euro