Schau und Frau: Ein starkes Buch über Sängerin Nico

Eine Liebeserklärung aus Fürth: Nach gut zwei Jahren Recherche, Schreib-, Fleiß- und Schweißarbeit bringt Manfred Rothenberger sein Buch über das rauschhafte Leben der Sängerin und 60er-Jahre-Ikone „Nico“ heraus.

Sängerin Nico (Foto: aus dem Buch „Nico. Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ von Manfred Rothenberger, Starfruit Verlag)

Die Frau war die Schau. Zwischen Schall und Schönheit, Wut, Wahn, Selbstzerstörung und Sucht. Ein Hingucker als Deutschlands first Topmodel für Fotografen wie Herbert Tobias und Willy Maywald. Ein Blickfang dann für Männer wie Andy Warhol und Federico Fellini, deren Muse sie wurde. Für Bob Dylan, Iggy Pop, Lou Reed oder Jim Morrison eine Gefährtin im Blitzlichtgewitter. Die Frau war die Schau – doch als Rothenberger nach einem Buch über sie suchte fand er: so gut wie nichts.

Manfred Rothenberger hat, wie er eingesteht, sich in den dunkleren Momenten seiner fast 60 Lebensjahre immer wieder mal hilfesuchend von der düsteren Singstimme Nicos aus dem Plattenspieler trösten lassen.
Weil er zum einen als arbeitswütiger Direktor des Nürnberger Instituts für moderne Kunst seit Jahrzehnten mutig Ausstellungen von und über – sagen wir mal frech – auch „schwer Vermittelbare“ anzettelt und sich zum anderen das zeitraubende, dafür glückbringende Hobby eines feinen kleinen Idealisten-Verlags namens Starfruit leistet – lag die Sache auf der Hand. Wenn es schon kein gescheites Buch über Nico gibt, wird halt eins gemacht!

Bereits im Frühsommer war im Galeriehaus Defet Rothenbergers Nico-Schau „Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“ (nach einem Zitat der Autorin Juliane Liebert) zu sehen. Und schon dort war das nach wie vor aktive Magnetfeld der Kölner Weltbürgerin Nico (1938–1988) spürbar. Nun liegt das Buch dazu vor. Wie in allen „Starfruit“-Veröffentlichungen wird darin der Crossover von bildender Kunst und Literatur, Wortsinn und Wahnsinn vom Cover bis zum letzten Blatt durchexerziert.

Was auf gut 600 Seiten zwischen den Noir atmenden Buchdeckeln steckt, mag Rothenberger manche kurze Nacht beschert haben. Sein Problem. Für Leser ist es eine Offenbarung. Um die Sache zu stemmen, tat er sich mit dem „Kammerflimmer-Kollektiv“-Aktivisten, Musikfreak und Lebenskünstler Thomas Weber (Jg. 1969) zusammen.

Einmal das finstere Blut der späten 60er Jahre geleckt, suchten, besuchten, befragten und durchfilterten Rothenberger und Weber Zeitzeugen in aller Welt, sichteten Archivmaterial und heuerten Beitragschreiber an. Sie fanden Künstler, die an Nico einen Narren gefressen hatten. John Cale, Julian Cope, Marianne Rosenberg, Jonathan Meese oder Rosemarie Trockel gehören neben vielen weiteren zum Kreis. Auch der für Nico-Besessene eigentlich viel zu spät geborene Nürnberger Künstler Sebastian Tröger (Jg. 1986) zählt dazu.

So ist eine Art Staralbum voller Lebenserfahrungen entstanden, das der nicht ganz einfachen Künstlerin gerecht werden dürfte, die ja selbst keinem Konflikt aus dem Weg ging bei ihrem zuweilen torkelnden Tanz zwischen der Gosse der Junkies und dem samtenen Glanz ihrer Zeit als Model und bei Velvet Underground.
Als Leser reiben wir uns die Augen über Nico-Gedichte (u. a. von Franz Dobler), Originalfotos, Kunstwerke, zu denen die Sängerin andere inspirierte. Ja sogar Postkarten, welche die Künstlerin an die deutsche Mutter ihres viele Jahre jüngeren Lovers geschrieben hatte, taten Rothenberger und Weber auf.

Der besagte Lover hieß bürgerlich übrigens Lutz Graf-Ulrich (Jg. 1952) und ist heute als „Lüül“ von der
Berliner Band 17 Hippies bekannt. Rothenberger hat ihn für das Buch interviewt. Über die Kindheit der
als Spross einer Brauerei-Dynastie in Köln geborenen Christa Päffgen reimt sich Lüül heute zusammen: „Die Christa war nicht biestig oder so, aber anders als die anderen Kinder. Etwas komisch halt.“

Ein Stern zwischen Schatten und Licht. In ihrem feinen Elternhaus versuchten sie, die Verbindung mit der drogensüchtigen Tochter totzuschweigen. Und der Schauspieler Alain Delon, mit dem Nico offenbar einen gemeinsamen Sohn hat, verleugnet diesen, obwohl er ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Wen wundert’s, dass selbst Leonard Cohen ihr verfiel. Doch hinten anstehen musste. Die Schlange der Verehrer war lang.

So long, Nico. Am 18. Juli 1988 kippte sie auf Ibiza vom Fahrrad
und war tot. Tot? Aus 624 Buchseiten steigt sie wieder auf.

Christian Mückl

Nico – Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist. Herausgegeben von
Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg. Starfruit Verlag, 624 Seiten, 35 Euro.

Sasa Stanisic und seine „Herkunft“: Deutscher Buchpreis

Empört über Handke: Sasa Stanisic, Schriftsteller aus Bosnien und Herzegowina. (Foto: Jan Woitas, dpa)

Wer bin ich? Das ist die eine Frage. Die andere: Wo komme ich her und wie wichtig ist das überhaupt? Der in Hamburg lebende Autor Sasa Stanisic, Jahrgang 1978, stellt sie in seinem aktuellen Buch „Herkunft“ und findet zumindest erzählerisch Antworten. Dafür bekam er nun den Deutschen Buchpreis. Und nutzte die Gelegenheit, sich gleich über den Literaturnobelpreis für Serbenfreund Peter Handke zu beschweren.

Ja, es wirkt fast wie das Paradies, dieses kleine Dorf. Ganz abgeschieden und still liegt Oskorusa im Osten Bosniens, von Wald umwachsen am Fuße des Berges Vijarac: die Quelle seiner Familie, oder? Denn dort lebten einst seine Urgroßeltern väterlicherseits und bauten ihr Haus – jetzt ist nur noch ihr Grab übrig.
Sasa Stanisic hat es mit seiner geliebten Großmutter Kristina besucht. Hat an einem heißen Sommertag im Schatten unter dem Speierlingsbaum am Grab gesessen und mit den letzten Einheimischen – mehr als ein Dutzend sind es nicht – gespeist, ganz friedlich.

Und natürlich muss man da an den Baum der Erkenntnis denken, nicht umsonst sitzt oben in den Zweigen eine Schlange, eine Hornotter, und züngelt ebenso real wie symbolisch. Die Erkenntnis – am Ende des Buches – wird bitter sein und ein bisschen ratlos, die Vertreibung aus dem Paradies hat dann längst stattgefunden. Oma Kristina weiß eh nichts mehr, sie ist inzwischen dement; die Familie – mit muslimischen Wurzeln auf der Mutterseite – lebt in der Diaspora.

„Herkunft“, Sasa Stanisics ambitioniertes neues Buch, ist so etwas wie der Versuch, die Splitter und über die Länder verteilten Steinchen zusammenzutragen und daraus, wie ein Mosaik, wieder ein ganzes Bild werden zu lassen. Bericht, Autobiografie, Tagebuch, Roman – zum Schluss sogar ein Spiel, bei dem der Leser zwischen verschiedenen Varianten wählen und hin- und herblättern darf: „Herkunft“ ist vieles – und wie jede Herkunft, als Produkt des Zufalls, schwierig festzumachen.

Stanisic, der aus der Stadt Visegrad stammt, erzählt einerseits von einem großen Verlust, von Krieg und Flucht und ihren Verwüstungen: Jugoslawien, „das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr… Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats.“ Ein glückliches Kind, muss man hinzufügen, ein Kind Titos.

1992 entkam die Familie den drohenden Schrecken der Bosnien-Kriege und fand – die Eltern nur vorübergehend, dann mussten sie wieder ausreisen – in Deutschland eine neue Heimat. Da ist Sasa gerade 14 Jahre alt und kann kaum ein Wort Deutsch.

Aber das wird sich ändern. In Heidelberg – mit den Freunden, die sich an der Aral-Tankstelle im sozial schlichten Emmertsgrund treffen, mit den ersten Mädchen wie Rike, denen er imponieren will, mit Lehrern, die im Schultrott doch erkennen, welche Talente das Flüchtlingskind in sich trägt, wird Sasa Stanisic die fremde Sprache nicht nur lernen, sondern lieben lernen.

Was für ein Moment, wenn die Klasse dann im Unterricht auch ein Gedicht von ihm bespricht – und natürlich darf das niemand wissen! Deutsch, „besprenkelt mit der Muttersprache“, nennt er diesen knalligen Jugendjargon von damals, den er, als einen Stil von vielen, in der Erinnerung noch einmal aufleben lässt – „wirklich schön“.

Er tut dies immer aus der akuten Gegenwart heraus, in der er dieses Buch schreibt: politisch konfrontiert mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und dem Aufstieg der AfD, aber auch persönlich ungewiss und zögernd, wie er sich selbst, seine familiäre Identität, sinnvoll und schlüssig darstellen soll. Ist nicht das ganze Konzept von Herkunft fraglich, ja gefährlich? Ist nicht auch ein Buch, das sich so nennt, zum Scheitern verurteilt?

Die Großmutter – deren Geschichte dramatisch dominiert – wird verstummen. Aber umso stärker erwächst ein neuer Impuls: Sasa, der Enkel, wird weiter erzählen. Gut so.

Wolf Ebersberger

Sasa Stanisic: Herkunft. Luchterhand, 355 Seiten, 22 Euro.

Anika Deckers starkes Romandebüt

Nicht weniger als ein Leben steht in diesem Roman auf dem Spiel. Trotzdem ist er immer wieder extrem lustig. Geht das?

Anika Decker (Foto: dpa)

Die Drehbuchautorin Rahel Wald ist Mitte 30, als sie urplötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Wegen einer Sepsis landet sie auf der Intensivstation, ihre Eltern werden auf das Schlimmste vorbereitet. Doch Rahel überlebt. Aufatmen, aufstehen, Happy End?

Könnte in einem Buch mit mäßigem Drehbuch so sein. Hier aber fängt die Geschichte erst an. Denn als Rahel Wald aus dem künstlichen Koma erwacht, als sie wieder mit ihren Eltern und ihrem Freund kommunizieren kann, stellt sie fest, dass sie Erinnerungslücken hat, was die Zeit vor ihrem Zusammenbruch betrifft.

Damit beginnt eine Horrorstory. Keine übersinnliche Fantasy made in Hollywood, sondern eine aus der ganz normalen Welt – die kann mitunter ja gruselig genug sein. Und ist hier zugleich immer wieder sehr, sehr komisch.

Passgenau zusammengeführt hat diese Extreme die Drehbuchautorin Anika Decker, die mit „Wir von der anderen Seite“ ihren ersten Roman vorlegt. Von Decker, 44, dürften die wenigsten schon gehört haben, obwohl sie das Drehbuch zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahrzehnts geschrieben hat: „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger; mehr als sechs Millionen Zuschauer haben sich in dieser Komödie amüsiert. Aber Drehbuchautoren sind nach wie vor in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dabei brauchen Filme guten Stoff so nötig wie ein Junkie den seinen.

Auch um den Stellenwert von kreativer Arbeit geht es in diesem Roman, wie überhaupt um die ganze Filmbranche mit ihren Ekel-Egomanen, Selbstdarstellern und Geschäftsleuten – und darum, wie sich eine junge Frau in diesem Haifischbecken bewegt.

Vor allem aber handelt das Buch davon, wie ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, wie sich aus dem Nichts – so zumindest scheint es lange Zeit – eine Hürde in den Weg schiebt, über die man nicht einfach so hinweggehen und danach weitermachen kann wie vorher.

Und obwohl die Parallelen offensichtlich sind – nein, das ist keine verkappte Autobiografie von Anika Decker, die mit ihrem ersten Drehbuch gerade einen Erfolg gelandet hatte und dann schwer erkrankte. Wo Anika aufhört und Rahel beginnt, ist zwar schwer zu sagen; allerdings ist das auch nicht sonderlich wichtig.

Denn die Autorin hat eine starke Figur in einer Extremsituation geschaffen, die um ihr Leben kämpft; der, vollgepumpt mit Medikamenten, nachts ein Eichhörnchen auf der Brust sitzt und winkt; die erst zum Gerippe abmagert und später fett und antriebslos in Jogginghosen auf dem Sofa vor sich hin gammelt. Kurz: die plötzlich auf der anderen Seite steht, wo es nicht um das richtige Outfit für eine Filmparty geht, sondern darum, überhaupt etwas anzuziehen, ohne davon schon wieder komplett erschöpft zu sein.

Und auch eine Figur mit all ihren (und unseren) Unzulänglichkeiten, Neurosen, Ängsten und Eigenheiten.
Puh, ja, ganz schön heftig, all das. Wäre da, sogar auf dieser anderen Seite, nicht Deckers Witz und die (Selbst-)Ironie, die das Schreckliche mit Sinn für Pointen abfedert und diesen Roman zu einem stellenweise sehr komischen macht.

Die Autorin Sibylle Berg, mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens bestens vertraut, hat ihn geliebt.
Muss man mehr sagen?

Tamara Dotterweich

Anika Decker: Wir von der anderen Seite. Roman. Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro

David Wagners Vater: „Der vergessliche Riese“

„Der vergessliche Riese“ nennt David Wagner sein neues Buch, in dem er – sehr direkt – über seinen dement gewordenen Vater schreibt.

Vater, wo bist du? Autor David Wagner (Foto: Linda Rosa Saal)

Das Buch ist kein Ratgeber. Es sagt nicht: So oder so muss man mit dem Betroffenen umgehen – dann kommt man mit der Krankheit am besten zurecht. Es ist aber auch keine Leidensliteratur. Kein in Worte gefasster Akt der Verzweiflung, kein Schreckensszenario, das die völlige geistige Auslöschung eines Menschen vorführt.

David Wagner (Jahrgang 1971) weiß – und diese Fähigkeit hat er schon öfter bewiesen – gleichzeitig sehr offen und doch dezent von existenziellen Krisenerfahrungen zu erzählen: Er sieht die Krise, die jederzeit in eine Katastrophe münden kann, verliert aber den Mut nicht.

Das zeichnete schon sein uneitles Buch „Leben“ (2013) aus, in dem er von Todesnähe und der Rettung durch eine Lebertransplantation berichtet – und nun, auf andere Weise, auch sein neues Werk „Der vergessliche Riese“. Darin beschreibt er, wie sein Vater mit Anfang 70 langsam, aber unaufhaltsam dement wird, alles vergisst, sogar das gerade Gesagte.

Der Zustand ist von den ersten Seiten an klar. Nach dem Tod seiner zweiten Frau, einer Engländerin, war der Vater bei einer der beiden Töchter – nun holt ihn David, der Sohn, aus Hamburg ab und bringt ihn nach Bonn zurück, nach Hause. Aber schon da fragt der Vater immer wieder, immer neu, immer nervöser: Und wo fahren wir jetzt hin?

David Wagner, in Andernach geboren und in Berlin lebend, hält sein Prinzip konsequent durch. Er behandelt, quasi als Reporter vor Ort, nur die jeweiligen Besuche und Begegnungen mit dem Vater und schildert sie in protokollarischer Schlichtheit. Ohne Kommentar, ohne zusammenfassende Klammern.

So dominieren die Dialoge und wirken auf Dauer fast wie der Text eines Theaterstücks – das in seinen vielen, manchmal endlosen Wiederholungen durchaus absurde Züge aufweist und dann nicht selten an Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erinnert. Wo sind wir? Was machen wir hier? Wie behalten wir – alternativlos – den Humor?

Wie ein Papagei bringt der übrigens in Bayreuth aufgewachsene Vater (er durfte bei den Festspielen auch mal als Zwerg mitmachen) immer wieder gewisse Sprüche, wie den von Tante Gretl: „Die Dublany sind sehr intelligent, im Alter aber werden sie alle blöd.“ Da meint er – denn er erkennt sein Problem – auch sich selbst. Oder: „Ich muss ja schwer auszuhalten sein, dass die Frauen mir immer wegsterben.“ Das bist du natürlich nicht, sagt der Sohn dann jedesmal – und empfindet es, ehrlich wie er ist, auch so.

Andererseits hat Wagner das Drama seines Vaters, den drohenden Selbstverlust, nicht wirklich dramatisiert. Er löst es in Alltagsszenen auf, im familiären Arrangieren, der gemeinsamen, mitunter auch überraschenden Erinnerung an die eigene Geschichte, an Kindheit, Ehen, Wohnorte.

Der positive Effekt: So nah wie jetzt war er dem Vater lange nicht. „Freund“ nennt dieser ihn nur noch, nicht David. Dass die Geschwister ihn dann gleichsam mit einem Trick ins Pflegeheim – immerhin eine Villa am Rhein – locken, weil er nicht mehr alleine bleiben kann, tut da erst recht weh. Ein „Waisenhaus für alte Kinder“, so nennt der Vater, der immer wieder auch enorm hellsichtige Sachen sagt, das Heim.

Wagner ist nicht der erste ernstzunehmende Autor, der das Thema für sich entdeckt – man denke an Arno Geigers bewegendes Buch „Der alte König in seinem Exil“. Wenn der Vater am Ende dann nicht mal mehr den das Buch wie eine Lebensader durchziehenden Fluss erkennt, fallen auch die Sätze dieses Plauderprotokolls wie Bomben. Eine Frage, ja, muss er dem Sohn noch stellen: „Wer sind eigentlich deine Eltern?“

Wolf Ebersberger

David Wagner: Der vergessliche Riese. Rowohlt, 269 Seiten, 22 Euro.

Flo Hayler und die Ramones: ein Leben als Fan

Es gibt wohl kaum eine Band, die posthum so sorgfältig seziert wurde wie die Ramones. Der renommierte Autor Everett True ließ mit seinem Standardwerk „Hey Ho, Let’s Go: Die Story der Ramones“ eigentlich schon keine Fragen offen. Die Musiker Marky und Johnny erzählten höchstpersönlich ihr Leben und ihr Tourmanager Monte A. Melnick plauderte munter aus dem Nähkästchen.

Wilde Jungs: die Ramones (Foto: Warner Music)

Die Dokumentation „End Of The Century“ kratzte dann mit einem schonungslos-ernüchternden Blick hinter die Kulissen am Mythos der vermeintlichen „Happy family“, während Ex-Manager Danny Fields aus seinem Archiv einen opulenten Bildband zusammenbastelte. Zu guter Letzt wurde die Karriere der New Yorker Punkrock-Ikonen auch noch als epische Graphic Novel in Szene gesetzt . . .

Warum al o sollte die Welt noch ein Ramones-Buch brauchen? Vielleicht, weil Flo Hayler etwas erschaffen hat, was man getrost und durchaus im Wortsinn als Opus Magnum bezeichnen darf. Der Musikjournalist und Radiomoderator hat sich 1990 mit dem Ramones-Fieber infiziert und ist der Band in den folgenden Jahren nicht nur durch die halbe Welt nachgereist, sondern pflegte bis zu ihrem Tod auch private Kontakte zu Joey, Johnny, Dee Dee & Co.

Es sind diese persönlichen Begegnungen und intimen Einblicke, die „Ramones: Eine Lebensgeschichte“ weit über eine normale Biografie hinausheben. Auf 640 Seiten schildert Hayler nicht nur kenntnis- wie detailreich die Geschichte der Band, sondern verwebt sie kunstvoll mit seinem eigenen Dasein als „Fanboy“.

Bei aller Bewunderung läuft der Autor, der den fiktiven „Brüdern“ in Berlin sogar ein eigenes Museum gewidmet hat, aber nie Gefahr, sich in devoter Heldenverehrung zu ergehen. Dass er sein Mammutwerk mit einem gnadenlosen Verriss des wohl ziemlich würdelosen Abschiedskonzerts vom August 1996 eröffnet, beweist die kritische Distanz zum Ramones-Kosmos.

Hayler weiß auch, dass sich hinter den stets ein wenig an lebende Comicfiguren erinnernden Jeans- und Lederjacken-Trägern sehr komplexe Menschen verbargen. Der von Zwangsstörungen besessene, hochneurotische Joey, der rechtskonservative, zu Gewaltausbrüchen neigende Kontrollfreak und Reagan-Bewunderer Johnny, der von Drogen und Alkohol gezeichnete Dee Dee: Hinter der coolen Fassade taten sich Abgründe auf. Es ist auch kein Geheimnis, dass sich Joey und Johnny abseits der Bühne regelrecht hassten, weil der Gitarrist dem Sänger einst die Frau ausgespannt hatte.

Zugleich vermittelt Hayler aber auch eine Ahnung von der außergewöhnlichen, fast familiären Bindung zwischen den Musikern und ihrer treuen Fanbase. Und von der wilden Faszination, die die Punkrock-Pioniere mit ihren unverwüstlichen Drei-Akkord-Hymnen wie „Sheena Is A Punkrocker“, „Rock ’n’ Roll Highschool“ oder „Blitzkrieg Bop“ heute noch ausüben – auch wenn ihr ikonisches Logo längst vom Mainstream als Modetrend vereinnahmt wird und T-Shirts von Leuten ziert, die es bei einem Konzert keine fünf Minuten ausgehalten hätten . . .

Neben den ebenso informativ wie unterhaltsam geschriebenen Texten machen Hunderte von exklusiven Fotos sowie Konzertplakate, Tickets, Albumcover, Setlists, Zeitungsartikel und obskure Memorabilien Haylers Schmöker zu einer wahren Bibel für all jene Menschen, denen ein gepflegtes „Gabba Gabba Hey!“ auch heute noch locker von den Lippen geht.

Uli Digmayer

Flo Hayler: Ramones. Eine Lebensgeschichte. Heyne Hardcore, 640 Seiten, 48 Euro.

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Faustisch: Christiane Neudeckers neuer Roman „Der Gott der Stadt“

Faust und Mephisto, die schon wieder? Das ist doch ausgelutscht bis zum Gehtnichtmehr, und doch verkaufen die Mimen ihre Seele und die eigene Mama dazu, um sie auf der Bühne zu verkörpern. Aber es geht auch anders, abseits von Goethe. Wie wäre es mit einem expressionistischen Faust? Mit Entgrenzung pur? Lust, Rausch und Macht, jetzt sofort und auf immer und ewig, und sei es nur für ein paar Momente?

Frankens scharfer Literaturexport: Christiane Neudecker (Foto: Maurizio Gambarini)

Berlin im Herbst 1995. Katharina hat unter Hunderten Bewerbern einen Studienplatz für Regie an der hochangesehenen Piscator-Schule ergattert. Zusammen mit vier weiteren Studenten klebt sie an den Lippen des Bühnengottes Korbinian Brandner, der sie in die Weihen des wahren Theaters ostdeutscher Prägung einführt.

Doch die Anforderungen sind hoch: zweimal versagt, und du fliegst raus! Als Talentprobe sollen die Erstsemester ein Faust-Fragment des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912) erarbeiten.
Doch Brandner hat seine eigenen Methoden. So steckt er jedem Studenten nur ein paar Sätze aus dem Fragment zu, die für sich allein genommen keinen Sinn ergeben, alles und nichts bedeuten. „Die Geister des ermordeten Winter“ oder „ringende Schwarze im Lunapark“ oder „Faust und der Teufel auf dem Mond“.
Jeder soll sich daraus – unabhängig von den anderen – ein Konzept basteln, dieses Konzept vor einer Jury mit Zähnen und Klauen verteidigen und hernach inszenieren.

Dass das nicht gut gehen wird, macht die Autorin Christiane Neudecker schon im Prolog klar. Einer aus der Runde wird sterben. Doch wer? Der Roman „Der Gott der Stadt“ bezieht ein Großteil seiner Spannung aus der Frage, wer aus dem halben Dutzend auf der Strecke bleiben wird. Und da bieten sich alle an: Kollege Schwarz, der lieber Filme drehen will, wirft haufenweise Drogen ein, Francois ist ein sensibles Seelchen, die forsche Nele versteckt ihre Defizite hinter einer Blendfassade, Tadeusz brütet über einem finsteren Familiengeheimnis, und Katharina blufft sich durchs Leben. Und auch in Brandners Keller wesen einige
Leichen.

Die Nürnbergerin Christiane Neudecker ist selbst Theaterregisseurin und hat ihr Handwerk an der Ernst-Busch-Schule in Berlin gelernt. Da liegt die Annahme nahe, dass sie ordentlich aus dem Nähkästchen plaudert. Doch „Der Gott der Stadt“ ist kein Enthüllungsroman und auch kein privates Auskotzen. Er lebt von der genauen psychologisierenden Beobachtung.

So verlässt Neudecker die Perspektive Katharinas und lässt auch die anderen Personen mit ihrem Innenleben zu Wort kommen. Auf diese Weise entstehen heterogene Facetten der fünf Protagonisten. Darüberhinaus versteht es Neudecker grandios, sowohl den Ensemblegeist der Truppe zu beschwören, als auch die Intrigen und Machtspiele untereinander in brutaler Detailfreudigkeit zu skizzieren.

Im Laufe der Handlung erscheint Brandner als ein Mephisto, der in seiner Privatinszenierung fünf faustische Seelen in ihrem Geltungsdrang aufstachelt und gegeneinander ausspielt. Doch der Magus dahinter ist immer noch Georg Heym selbst, der mit seinen sinistren Metaphern alle im Griff hält – und dem die Autorin mit Zitaten und Anspielungen aus seinem Werk Tribut zollt. Schon der Romantitel ist nach einem Heym-Gedicht ausgewählt.

Nicht zuletzt ist „Der Gott der Stadt“ auch ein Berlin-Roman. Das Berlin der Wendezeit erweist sich als ein Kosmos, der wie Frankensteins Monster mit Hochglanz und Marodem, Ost- und Westmentalität, Bruchbuden und Villen, internationalen Wohnheimen und Schatten aus der Vergangenheit zusammengenäht ist.

Und auch ein Zeitroman. In einer Zeit, als es weder Handys noch Internet gab, mutet die Recherche nach den Hinweisen, die Heyms Fragment enthält, wie eine nostalgische Schnitzeljagd durch Bibliotheken, Nazi-Antiquariate und Friedhöfe an – als wären wir mit Dan Brown auf Spurensuche nach den llluminati.
Natürlich steckt auch ein gutes Stück Paranoia und Verschwörungstheorie mit drin. Ist Heym mit seinem Freund wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen? Gehen Satanisten ins Theater? Und warum eigentlich schmeckt der Salbeitee so komisch?

So viele Fragen tauchen im Roman auf. Doch Fragesätze beendet die Autorin nicht mit einem Fragezeichen, sondern einem Punkt. Offenbar ein Stilmittel, bei dem die Antwort schon in der Frage enthalten ist.
Eines aber bleibt unverzeihlich: Bei ihrer Spurensuche liest Katharina in der „Offenbarung von Johannes dem Täufer“. In der Bibel gibt es mehrere Johannes, aber die Apokalypse hat ein anderer geschrieben, nicht der Prophet. Da hat die Autorin im Reli-Unterricht wohl süß geschlummert. Und der Lektor auch.

Reinhard Kalb

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand, 660 Seiten, 24 Euro.

Jung, stark, irisch: Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“

Wir können dieselben Zutaten nehmen und doch schmeckt es für jeden anders – das Essen, das Leben, die Liebe. Sally Rooneys Debüt-Roman „Gespräche mit Freunden“, eine der literarischen Überraschungen dieses Sommers, besteht für sich genommen aus unspektakulärem Stoff, der aber ist geschickt gestrickt.

Die irische Autorin Sally Rooney (Foto: Luchterhand)

Zwei Paare, ein weibliches Jüngeres und ein gemischtgeschlechtliches mittleren Alters, kommen sich näher. Die Frauen sind im Literaturmillieu unterwegs. Nick ist Schauspieler, er dreht – mäßig erfolgreich – Filme.

Was als zufällige Begegnung bei einer Lesung beginnt, führt bald dazu, dass sich Frances (aus deren Warte erzählt wird) zu Melissas Ehemann Nick hingezogen fühlt. Um so mehr, als ihre Freundin Bobby sich soeben von ihr trennte. Die wiederum würde gerne die verheiratete Melissa erobern. Ein freizügiger Sommerurlaub in Frankreich folgt, intime Geheimnisse inbegriffen.

Natürlich kann auch eine Senkrechtstarterin wie Rooney, 1991 im irischen County Mayo geboren und für „Gespräche mit Freunden“ im angelsächsischen Raum schon mit Literaturpreisen überschüttet, das Genre der modernen Liebesgeschichte mit all ihren Beziehungsmöglichkeiten nicht neu erfinden – deren Klassiker sie gut kennt.

Wer will, kann Motive aus Hemingways „Garten Eden“, Sagans „Bonjour Tristesse“ oder Salingers „Fanny and Zooey“ herauslesen, die Rooney sehr intelligent aus den 50er und 60er Jahren ins Zeitalter von Whatsapp und Billigflügen hineinübersetzt. Das gelingt ihr sinnlich und gedankenscharf.

Über zahlreiche starke Dialoge zwischen den diskutierenden Hauptfiguren hinaus nimmt die Handlung wohltemperiert Kurs auf philosophische Monsterfragen wie Monogamie, Patriarchat, Kapitalismus. Das aber, Gottseidank, ohne in den Abgrund der Grübelei zu stürzen.

Der Roman ist als Reflexion Liebender zu lesen, die ihre Tickets durchs Leben hinterfragen und darüber nachdenken, ob sie diese behalten oder neu buchen sollen. Sommerlektüre, Liebesroman, Gesellschaftsbetrachtung: Rooney lauscht in „Gespräche mit Freunden“ am Puls der Zeit. Dem Geschwätz geht sie nicht auf den Leim. Die Stimmlage passt.

Christian Mückl

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Deutsch von Zoe Beck. Luchterhand, 384 Seiten, 20 Euro.

In Bestform: John Grishams „Bekenntnis“

Für den aktuellen Roman von John Grisham braucht man starke Nerven. Auf Netflix ist der US-Bestseller-Autor jetzt ebenfalls zu sehen . . .

John Grisham in der Netflix-Serie „The Innocent Man“ (Foto: Netflix)

„Das Bekenntnis“ ist Krimi, Gerichtsdrama, Familiensaga und Kriegsgeschichte in einem. Grisham hat eine ihm zugetragene Begebenheit, die vielleicht nie stattgefunden hat (siehe Nachwort), mit einer fiktiven
Storyline und historisch korrekten Beschreibungen des amerikanischen Partisanenkampfes auf den Philippinen verknüpft.

Doch der Reihe nach: Hauptfigur Pete Banning ist im Jahr 1946 in seiner Heimatstadt Clanton/Mississippi ein hochangesehener Baumwoll-Farmer, Kriegsveteran und Familienvater. Ausgerechnet dieser Ehrenmann verfolgt ein schreckliches Ziel: Er will den örtlichen Pfarrer und Freund der Familie erschießen: „Der Gedanke daran trieb ihn derart um, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen konnte“.

Und Banning setzt sein exakt geplantes Vorhaben konsequent um. Die Leser werden zu Zeugen – und fragen sich fast 600 Seiten lang: Warum musste der Pastor sterben? Und weil man von Anfang an den Protagonisten mag, ertappt man sich bei dem Gedanken: Er wird schon seine Gründe für die Tat gehabt haben.

Pete Banning hat auch die Folgen seiner Bluttat genau vorhergesehen: Dass man ihn festnehmen, ihm den Prozess machen und die Todesstrafe verlangen wird. In einer für den Leser fast schmerzhaften ersten Hälfte des Buches, die mit „Der Mord“ überschrieben ist, will die Hoffnung nicht schwinden, dass doch alles anders kommt.

Aber Pete Banning hängt nicht an seinem Leben. Er hat nichts mehr zu verlieren, will weder Mitleid, noch Gnade – noch sich irgendjemandem gegenüber erklären. Wie gesagt: Auch dafür wird er seine Gründe haben.
Die zweite Hälfte des Romans beginnt im Jahr 1925: Banning ist ein junger Soldat und verliebt sich in Liza Sweeny, die er bald heiraten und mit der er zwei Kinder haben wird. Dann muss er die Baumwollplantage verlassen und in den Krieg ziehen.

Grisham entführt die Leser nun zu einem Schauplatz des Grauens. Der Todesmarsch von Bataan ging wegen seiner Grausamkeit in die amerikanische „World War II“-Geschichte ein. Nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941 marschierten japanische Streitkräfte zeitgleich in mehrere südostasiatische Länder ein, auch auf den Philippinen.

Die dortigen Soldaten – darunter Zehntausende amerikanische – wurden getötet oder gefangengenommen und in Internierungslager gebracht – zu Fuß. Unzählige starben auf den „Knochenäckern“, wie das zweite Kapitel überschrieben ist. Grisham hat seinem Roman authentische Erfahrungsberichte aus dieser Zeit zugrundegelegt.

Dem Soldaten Banning und einigen Kameraden gelingt die Flucht aus den Reihen der Marschierenden. Sie verschwinden im Dschungel – und rächen sich fortan aus dem Hinterhalt an den Japanern. Später werden die amerikanischen Veteranen in den USA als Helden gefeiert.

Doch nach seiner Rückkehr ist für den Baumwollfarmer nichts mehr so wie früher, hat er doch Dinge gesehen und erlebt, die sich nie mehr ausblenden lassen. Alles was ihm im Kampf Lebenswillen gegeben hatte, war die Liebe zu seiner Frau, seinen Kindern und seiner Heimat.

„Verrat“ heißt der dritte Teil des Buches – und man ahnt Unheilvolles. Bannings Sohn Joel tritt nun in den Vordergrund der Handlung. Er ist inzwischen Jurastudent und hat vor allem eine Mission: das Geheimnis um seinen Vater und dessen Tat zu lüften. Und er will für seine Familie die Farm retten, auf die inzwischen die Witwe des getöteten Pfarrers Anspruch erhebt.

Dessen Ermordung wird erst gegen Ende des Buches nachvollziehbar. Wie in vielen Romanen, die den Krieg thematisieren, geht es auch hier um Traumata und Ängste – und wie diese die Menschen und ihre Wahrnehmung verändern. Soldaten fühlen sich isoliert, von ihrer Umwelt und sogar nächsten Angehörigen nicht mehr verstanden. Sie bringen die Rohheit aus dem Krieg mit, aber auch Resignation – bis hin zur Selbstaufgabe.

Bis zur letzten Seite schafft es John Grisham, die Spannung aufrecht zu erhalten und sorgt sogar noch für eine richtige Pointe. „Das Bekenntnis“ dürfte eines seiner besten Bücher sein. Es ist sein 42.

Übrigens tummelt sich der Jurist und Bestseller-Autor mittlerweile auch auf dem Streamingsender Netflix: Hier tritt der 64-jährige Grisham sogar selbst auf – in einer sechsteiligen Dokumentation namens „Der Gefangene“.

Dabei handelt es sich um die Adaption seines einzigen Sachbuchs aus dem Jahr 2006, das im Amerikanischen „The Innocent Man“ heißt und von zwei Sexualmorden handelt – und natürlich einem Justizirrtum.

Susanne Stemmler

John Grisham: Das Bekenntnis. Heyne, 592 Seiten, 24 Euro

Nell Zinks vergnüglicher Roman „Virginia“

Eine lesbische Studentin und ein schwuler Dichter begegnen sich am College, werden ein Paar und bekommen zwei Kinder. Sie leben eine Weile mehr schlecht als recht zusammen, als sie sich irgendwann die Tochter schnappt und verschwindet. Lee, der Vater, hat sich längst wieder dem eigenen Geschlecht zugewandt.

US-Autorin Nell Zink (Foto: Fred Filkorn, Rowohlt)

Peggy, die Pfarrerstochter, die sich später Meg nennen wird, taucht gar nicht weit entfernt unter, bezieht eine verfallene Baracke in einem sumpfigen Wald und gibt ihrem Kind eine gestohlene Existenz. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit nicht immer legalen Geschäften.

Damit kommen die beiden ganz gut zurecht, zumindest ein paar Jahre lang. Der Rest der Familie hört natürlich nicht auf, die Verschwundenen zu suchen. Es kommt zu Irrungen und Wirrungen der vergnüglichsten Art, bis alle irgendwann wiedervereint sind.
„Virginia“ heißt Nell Zinks Roman, der nach seinem Schauplatz benannt ist und in einem erzkonservativen Winkel der USA handelt, zu einer Zeit, in der sich gerade ein Wandel ankündigt. Die 60er und 70er Jahre erschüttern alte Wahrheiten und Gewohnheiten.

Nell Zink, 1964 in Kalifornien geboren, lebt heute in Deutschland, in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig. Auch sie hat ihrem Leben immer wieder eine neue Richtung gegeben. In „Virginia“ erzählt sie eine phantastische Abenteuergeschichte, voll wilder Phantasie und schrägen Haupt- und Nebendarstellern. Sie wirbelt Gewissheiten durcheinander, spart nicht mit Kritik an ihrem Heimatland, an der Politik, am Rassismus, an den Frauenbildern.

All diese Themen verpackt sie in schräge Begebenheiten, lässt niemals einen belehrenden oder anklagenden Unterton aufkommen. Ihre Heldin emanzipiert sich mutig und zügellos und nimmt dafür einen beträchtlichen sozialen Abstieg in Kauf. Unglücklich ist sie deshalb ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Sie hat sich befreit.
Den Leser freut das außerordentlich. Vor allem, weil er so ein ganz wunderbar heiteres Happy End erzählt bekommt.

Gabi Eisenack

Nell Zink: Virginia. Rowohlt, 320. S., 22 Euro.