O, Mond: „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die gängige amerikanische Karriere. Vom verprügelten Heimkind zum Internet-Krösus und Möchtegern-Astronauten – das klingt nicht unbedingt nach einer deutschen Erfolgskurve.

Was der Autor Norbert Zähringer in seinem fünften Roman „Wo wir waren“ ausheckt, ist im Grunde pure Kolportage: sein Held Hardy Rohn entweicht mit fünf Jahren dem Waisenhaus, wird von einer mitleidigen Familie adoptiert, erfährt die Enge des 1970er-Jahre-Spießertums und die Verlockungen der Alternativkultur, entwickelt in den USA Computerspiele und intelligente Rasenmäher und steigt zum Multimillionär auf.

Norbert Zähringer (Foto: Isabella Scheel/Rowohlt-Verlag).

Damit nicht genug, serviert uns Zähringer auch noch die ganz anders gearteten Lebensläufe von Hardys leiblichen Eltern, der Mutter Martha, die als Giftmörderin im Zuchthaus landet, und des Vaters Jim, eines US-Soldaten, den es von Deutschland nach Vietnam verschlägt.

Ein Drama hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Tatsächlich erzählt Zähringer seine Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern wirbelt die Zeiten und Schauplätze wild durcheinander. Die reichen von 1901 bis 2009, vom Rheingau, wo sich Taunus und Hunsrück gute Nacht sagen, bis nach Los Angeles und Baikonur, vom Kloster bis zum Weltraumbahnhof.

Dreh- und Angelpunkt, demonstrativ als solches deklariertes Zentrum des Romans, ist allerdings der Mond am 21. Juli 1969, als Neil Armstrong seinen Fuß in den Staub des Mare Tranquillitatis setzt. In jenem Moment setzen die drei Erzählstränge ein oder kommt es zu entscheidenden Weichenstellungen.

Der Witz des Romans ist so beschaffen, dass sämtliche Haupt- und Nebenfiguren der verschiedenen Handlungsfäden gelegentlich einander begegnen, ohne sich oder ihre Schicksalsverbundenheit zu erkennen. Dies eben bleibt dem aufmerksamen Leser überlassen.

Damit lädt Zähringer den Leser ein, auf Wolke Neun Platz zu nehmen und gottgleich seine Romanfiguren durchs Schicksals-Opernglas zu betrachten. Betrachtet man die Episoden für sich, so gestaltet der Autor überaus einfühlsame Stimmungen und Milieus: das westdeutsche Kleinbürgeridyll der 1960er und 70er Jahre mit seinen Abgründen in Gestalt sadistischer Heimleiter, zwangsgesteuerter Karrieristen und frustrierter Hausfrauen, und im Gegensatz dazu das freie Leben in Berlin; die „Anything goes“-Mentalität der USA in den 1980er Jahren; und als Zukunftsvision die nachindustrielle Wildnis in Kasachstan mit High-Tech-Ruinen.

Darüber hinaus lebt Zähringers Roman vom Gegensatz aus Enge und Weite im räumlichen wie im geistigen Sinn, aus der Spannung zwischen Abwarten und Aufbruch, zwischen Neugier und Zaudern, zwischen Courage und Duckmäusertum.

Zur inspirierenden Personnage zählen illustre Phänomene der deutschen Nachkriegsgeschichte wie Giftmischerinnen, die sich ihrer bevormundenden Gatten entledigten, SF-Heftromanschreiber im Stile Perry Rhodans, gescheiterte Alternativ-Literaten und natürlich diverse Leichen im NS-Keller.

Doch tatsächlich bedingt erst die Erfahrung der Enge das Erlebnis der Weite. Hätte Hardy seine Passion für den unbegrenzten Raum entwickelt ohne das Erleiden des Eingesperrtseins, ohne das kindliche Spiel im „Raumschiff Orion“-Autowrack?

Die Ironie der Geschichte und die Tücken der Technik zwingen den Hobby-Kosmonauten wieder in die Klaustrophobie: in die Enge einer Sojus-Kapsel, die kindliche Traumata wieder aufrührt.
Doch unser Held ist nicht umsonst nach dem Filmstar Hardy Krüger benannt. Der hatte seinen Durchbruch in der Rolle als deutscher Flüchtling aus englischer Kriegsgefangenschaft. Titel des Films: „Einer kam durch“.

Reinhard Kalb

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Roman. Rowohlt, 500 Seiten, 25 Euro

Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.

Meike Winnemuths schönes neues Garten-Buch

Man muss nicht in die weite Welt, um etwas zu erleben. Autorin Meike Winnemuth berichtet aus ihrem Garten.

Autorin Meike Winnemuth (Foto: PR/Felix Amsel)

Die Autorin dieses Artikels outet sich zunächst einmal als Nicht-Gärtnerin, und als Person ohne grünen Daumen. Warum sie dennoch Meike Winnemuths neuen Bestseller „Ich bin im Garten“ mit Begeisterung gelesen hat und aufs Wärmste empfiehlt, liegt an Meike Winnemuth.

Wenn sie ein Gartenbuch schreibt, dann hat das einen tieferen Sinn, muss also gut sein. Denn die Autorin und Journalistin hat sich in der Vergangenheit mehrfach selbst neu erfunden, indem sie immer wieder Dinge ausprobiert und ihre Erfahrungen darüber mit ihrer Leserschaft geteilt hat.

Sei es, dass sie ein Jahr lang ein blaues Kleid trug – weil das als Garderobe eigentlich völlig ausreicht. Oder dass sie ein Jahr lang täglich ein Teil aus ihrem Besitz verschenkte – und so reich an Erkenntnissen wurde. Oder, und das war bislang ihr spektakulärstes Projekt: Dass sie zwölf Monate um die Welt reiste und jeweils einen Monat in einer Metropole wohnte. Das Geld dazu (500 000 Euro) hatte Winnemuth bei „Wer wird Millionär?“ gewonnen.

Was hat die mittlerweile 58-jährige Autorin, Journalistin und „Stern“-Kolumnistin dazu gebracht, sämtliche früheren Maximen – den Erdball zu erkunden, minimalistisch zu leben, die Großstadt mit allen kulturellen Möglichkeiten auszukosten – ad acta zu legen und das Garteln anzufangen? Sie erklärt es auf den ersten Seiten.

Neben einer Ur-Sehnsucht, etwas Bleibendes zu schaffen, hatte Winnemuth ein Schlüsselerlebnis auf ihrer Weltreise. Auf Hawaii sah sie einen Mann mit seinem Hund am Meer – und fühlte, wie geerdet dieser Mensch war. Winnemuth kaufte sich nach ihrer Rückkehr einen Foxterrier, später einen Bungalow an der Ostsee mit einem riesigen Grundstück – und schuf als Autodidaktin ein prächtiges Reich aus Blumen-, Stauden- und Gemüsebeeten.

Ein Jahr lang führte sie Tagebuch über ihr „Fachstudium“ – mittels britischer Gartenvideos auf Youtube – und darüber, wie sie auf Bio-Farmen Saatgut bestellte, welche Gerätschaften sie anschaffte und schließlich wie schuftete und mit Erde und Pflanzen zurechtkam. Es entstand ein spannendes, lustiges und lebenskluges Buch, ganz wie man es von ihr gewohnt ist.

Dabei geht es Winnemuth eben nicht nur darum, zu erklären, wie man Schnecken aus Hochbeeten fernhält, wo Rittersporn, Tomaten und Bohnen am besten wachsen, oder wer sich mit wem im Beet am besten verträgt, sondern es geht ihr um die Beschreibung eines Lebensprojektes mit all seinen Höhen und Tiefen.

Erfolg, Spaß, freudige Erwartung, Geduld, Einsamkeit, Leid, Frust, Enttäuschung und Ärger – sie hat die ganze Gefühlspalette durchlebt, viel über das Wachsen und das Wachsen Lassen reflektiert und daraus ihre Schlüsse gezogen. Einmal mehr ist Winnemuth klar geworden, was wichtig ist im Leben, wofür es sich einzusetzen lohnt. Letztlich führt sie einen Dialog mit der Natur.

Immer wieder zitiert sie aus der Literatur, ohne lehrmeisterlich zu sein. Fast schon wirken ihre Zitate wie Kalendersprüche, aber sie treffen ins Mark. Dabei schafft sie es nebenbei noch, einen Gartenmuffel plötzlich ins Grübeln zu bringen: Lieber den Rasen doch nicht zubetonieren, sondern Sonnenblumen pflanzen?

Susanne Stemmler

Meike Winnemuth: Bin im Garten. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Sibylle Bergs scharfer Roman „GRM Brainfuck“

Sibylle Berg gelingt in ihrem jüngsten Roman „GRM Brainfuck“ ein furioser, aber nicht völlig hoffnungsloser Abgesang auf unsere Gegenwart.

Verfickt nochmal! Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (Foto: Pedersen/dpa)

Wie kriegt man unsere chaotische, gespaltene, von Fake-News und sozialen Medien vergiftete, sich mit Drogen und der Gier nach Geld und Anerkennung über Wasser haltende, immer weiter nach rechts und in die Überwachung durch Computer driftende Gesellschaft noch zwischen zwei Buchdeckel?
Der Franzose Michel Houellebecq, von den Gegenwartsautoren einer der wichtigsten, stimmt in seinem jüngsten Roman „Serotonin“ einen Abgesang auf den depressiven alten weißen Mann an. Das wirkt streckenweise ziemlich defensiv und resignativ.

Ganz anders macht das Sibylle Berg, die 56-jährige, ausgerechnet aus der Klassik-Hochburg Weimar stammende, in die Schweiz „geflüchtete“ Prosa- und Theaterautorin, deren Leben von Anekdoten umrankt ist, und die sich so rar macht, wie sie als „Spiegel“-Kolumnistin präsent ist. Sie hat sehr tief Luft geholt, lange nachgedacht, die literarischen Boxhandschuhe angezogen und legt nun einen großen Roman vor, der die Wucht eines Faustschlags hat.

„GRM Brainfuck“ heißt das Werk, das in einem heruntergekommenen Post-Brexit-Großbritannien der Gegenwart und der nahen Zukunft spielt und vier Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die Milieuforscher im prekärsten Prekariat verorten würden.

Der Alltag von Don, Karen, Hannah und Peter im heruntergekommenen Rochdale bei Manchester hat jegliche bürgerliche Strukturen verloren, zudem sind Polizei und Militär privatisiert, die Wirtschaft haben chinesische Investoren übernommen. Politiker sind nur noch Medien-Avatare, die Diktatur kommt in Form eines sedierenden Sozialstaats daher: Wer sich einen Chip zur Totalüberwachung einpflanzen lässt, bekommt dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was leicht zur Karikatur einer dystopischen Gesellschaft missraten könnte, entwickelt dank Bergs originell-intensivem, grammatische Regeln und zeitliche Zusammenhänge verschiebendem Stil einen beklemmenden Sog. Eine Handlung, wie man sie in der Tradition des bürgerlich psychologischen Realismus erwarten würde, gibt es kaum mehr. Die vier Hauptfiguren definieren sich über die Musikrichtung Grime (kurz GRM), eine Mischung aus Rap und Postpunk, die in England immer neue kurzlebige Youtube-Stars produziert und bei Berg zum Soundtrack der sozialen Apokalypse wird.

Aber eben auch zum Hoffnungsschimmer einer Humanität des Trotzdem: Denn über diese Musik finden die Vier zumindest ein Stück weit eine eigene Identität, gelingt ihnen im Chaos um sich herum eine Art Selbstbehauptung, die sie erst zu Menschen werden lässt.

Letztlich kann sich Berg in „GRM Brainfuck“ nicht ganz von der Erzähl-idee einer Künstlerutopie verabschieden. Andererseits, an irgend etwas muss gerade ein Mensch in der heruntergekommensten, perspektivlosesten Gesellschaft ja noch glauben, wenn er nicht völlig seine Seele verlieren will.
So berauscht sich der gut 600 Seiten dicke Roman eben nicht nur am furios und kraftvoll geschilderten Elend unserer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Nein, Berg findet auch zu einem entrückt-schrägen Ton der Hoffnung, vielleicht sogar der Buße, wer weiß? So lange es Menschen gibt, besteht immer auch noch die Hoffnung auf die Befreiung, den Umsturz, die Revolution. Wer Sibylle Berg liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es dafür inzwischen höchste Zeit ist.

Thomas Heinold

Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 Euro.

LSD macht’s möglich: T.C. Boyle sieht „Das Licht“

LSD ist wieder im Kommen, sagen die Experten – als seriöses Medikament etwa gegen Depressionen oder in der Palliativmedizin. Gegen Trübsinn hilft indes auch der neue LSD-Roman von
T. C. Boyle ganz wunderbar . . .

US-Kultautor T.C. Boyle (Foto: dpa)

Natürlich geht es nicht ohne Vorspiel – und das liefert der auf seine Weise berühmte Albert Hofmann, einer der Gründerväter in der Geschichte der modernen Drogen. Entdeckte der Basler Chemiker doch bereits 1943 in seinem Labor die unerwartet starken Reaktionen, die eine Substanz namens Lysergsäurediethylamid – kurz LSD – auf das menschliche Bewusstsein haben kann. Die natürliche Vorlage: das Gift des Mutterkorns.

Und schon zum Einstieg, auf diesen wenigen Seiten, zeigt T. C. Boyle wie ein Taschenspieler seine blendenden literarischen Tricks. Vor allem den einen, für ihn charakteristischen: sich faktischen historischen Figuren aus fiktiver Sicht zu nähern und so deren Größe und Geheimnis halb würdigend, halb kritisch zu vermitteln.

Hier ist es Susi, die junge Assistentin, die nicht nur miterleben darf, in welchen durchaus bedenklichen Rauschzustand sich Dr. Hofmann versetzt (gerade, wenn man danach noch heimradeln will), sondern das Experiment auch an sich selbst testen darf. Vielleicht hilft zum synthetisch erzeugten Glückstraum auch die Tatsache, dass Fräulein Ramstein in ihren Chef heimlich verliebt ist. Und dann ja auch – wieder ganz realistisch – den Nächstbesten heiratet, der ihm ähnlich sieht . . .

Die Hauptfiguren in „Das Licht“, dem soeben erschienenen neuen Roman des großen amerikanischen Autors, sind aber andere, die Handlung beginnt erst zwanzig Jahre später, 1962 in Harvard. Eben als Timothy Leary, vielversprechender Psychologieprofessor der Bostoner Eliteuniversität, die epochalen Forschungen Hofmanns aufgreift und für völlig neue Zwecke einsetzen will.

Können Drogen wie LSD oder auch das aus den magischen Pilzen Mittelamerikas gewonnene Psilocybin nicht dabei helfen, Patienten von ihren Blockaden zu befreien? „Man brauchte keine langwierige Psychotherapie. Man brauchte keine Bücher, keine Studien, keine Laborratten – man brauchte nur diese kleine rosarote Tablette“, heißt es da. „Es war wie Zauberei.“

Wie in seinem Roman über den Sex-Pionier Alfred Kinsey führt der Autor den schnell als Guru und Schamane bewunderten – und in konservativen Kreisen heftig umstrittenen – Leary (1929–1996) von der Seite her ein. Fitz, so heißt der Student, der bei ihm promovieren will und der sich nach erstem bürgerlichen Zögern doch auf die zur Pflicht erhobenen Drogenexperimente einlässt. Auch seine Ehefrau Joanie, eine brave Bibliothekarin, sowie der kleine Sohn Corey werden unweigerlich mit hineingezogen in den Sog aus Rausch und revolutionärer Sinnsuche.

Denn auch darum, wie schon der Titel andeutet, geht es ja beim anfangs noch sorgfältig überwachten Schlucken der Wunderpillen: Alle wollen sie „Das Licht“ sehen, wollen nicht weniger als göttliche Erfahrung, wollen Erlösung und Erleuchtung. Liegt nicht allen Religionen ein Rauscherlebnis zugrunde, fragt sich der unorthodoxe Leary. Und nennt die Verabreichung des LSDs jeden Samstagabend sogar das „Sakrament“.

Aus den experimentellen Sitzungen werden aber bald von Jazzmusik befeuerte Sessions, bei denen der innere Kreis um den Drogen-Prof auch sexuell neue Wege wagt. Mit allen Risiken für schon etwas erkaltete Ehen wie die von Fitz und Joanie. Wohin führt das grenzenlose Begehren, das psychedelisch freigesetzt wird?

Kein anderer als Boyle – in dem Bereich nicht ganz unerfahren – könnte die blumigen, in Farben schier explodierenden Trips so genau schildern. Gleichwohl ist er der Erste, der die kleinen Risse und Krisen notiert, sobald Fitz und Familie sich mit Leary nach Mexiko begeben – ein Paradies auf Zeit –, schließlich in ein altes Herrenhaus in Millbrook im Staate New York, wo sie wie eine Sekte hausen. Und sich Fitz unsterblich in die blutjunge Lori – eine Art Lolita, sehr launisch – verliebt. Mit oder ohne LSD: eine Ekstase, der nur Ernüchterung folgen kann.

Der Leser ahnt es früh – und bleibt doch bis zum Kater-Ende, nun ja, süchtig.

Wolf Ebersberger

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 380 Seiten, 25 Euro.

Betörend: „Stella“ von Takis Würger

„Ich war ein junger Mann mit Geld und einem Schweizer Pass, der gedacht hat, in diesem Krieg leben zu können, ohne etwas mit ihm zu tun zu haben“: Das Jahr 1942 belehrt die Hauptperson namens Friedrich in Takis Würgers gespenstischem Roman „Stella“ eines Besseren.

Takis Würger (Foto: Döring, Hanser)

Es geht viel um Wahrheit. „Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk . . . Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht.“ Wenige Seiten später: „Ich wusste, dass Vater und Mutter sich nicht liebten“. Weiter: „Die Wahrheit. Du hast gesagt, wir sagen die Wahrheit. Aber über Mutter lügst du.“ Der Junge ahnt: Die Wahrheit zu sagen, kann bedeuten, weh zu tun.


Es sind die frühen 1940er Jahre, Friedrich wächst in einem wohlhabenden Elternhaus am Genfer See auf. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als die Nürnberger Gesetze verkündet werden, trinkt sie eine ganze Flasche Kartoffelschnaps darauf. „Sie hob das Glas auf das Wohl Adolf Hitlers, den sie Adolphe nannte, als wäre er Franzose.“

Als sie ein Jahr später auf dem Privatanwesen die Hakenkreuzfahne hisst, rennt Friedrichs Vater in das Gewächshaus und stößt einen Schrei aus, der das Ende der Ehe ausdrückt. Sonst sei Schweigen seine Art, zu weinen, stellt Friedrich fest. Über den Vater als den Empfindsamen. Den Schwächeren?


Doch was sind Tränen? Spätestens, nachdem der Junge früh farbenblind geworden ist, weil sich ein Kutscher mit dem Stock für einen Schneeballangriff rächte, hat er gelernt, seinen Augen zu misstrauen.


Und dann: Als der künstlerisch ambitionierte junger Mann die Schweiz verlässt und in Berlin bei einem Aktzeichenkurs Kristin erblickt, da traut er seinen Augen ebenfalls kaum: So ein starker Charakter ist ihm – nach Mutter – noch nie begegnet. Dass Kristin in Wahrheit Stella Goldschlag heißt, ahnt er nicht.


Was hat Takis Würger da nur für einen betörenden Roman geschrieben! Kein Geringerer als Daniel Kehlmann lobt: „Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung.“


Takis Würger, geboren 1985, war Kriegsreporter für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, kündigte den Job mit 28, ging nach Cambridge, studierte Ideengeschichte, boxte Schwergewicht und veröffentlichte 2017 mit „Der Club“ seinen ersten Roman. Bereits darin ging es um die Frage, ob man aus Liebe das Falsche tun darf, um das Richtige zu erreichen.


Stella und der junge Schweizer im kriegsgezeichneten Berlin spielen die Hauptrollen in Würgers Roman. Sie ist die erste Frau, die Friedrich küsst. Sie kennt Jazzclubs. Und Müdigkeit, Hunger und Angst. Um das zu vertreiben, nimmt sie Pervitin-Pralinen. Den Stoff, mit dem auch die Wehrmacht Frontsoldaten bei Laune zu halten versuchte.

Den Berliner Kapiteln stellt Takis Würger eine knappe Nachrichtenchronologie aus dem Jahr 1942 voran. Dem fügt er jeweils eine Phrase aus dem hinzu, was er die „Zehn Geboten für Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ nennt. Ein Horror.


Doch Friedrich ignoriert die Zeichen der Zeit. Dann ist Kristin plötzlich weg. „Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund und spülte es mit Kognac runter.“


In glasklarer Sprache verhandelt Takis Würger die Schönheit und das Schlimmste. Liebe, Hass, Begehren, Folter, Verlust und Verrat tosen ineinander. Als Jüdin gerät Stella in die Situation, zu verraten, um zu retten. Das Opfer wird zur Täterin.


Die Arbeit an diesem Buch habe ihn dazu gezwungen, „Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte“, sagte Takis Würger in einem Interview. Die Suche war es wert.


Christian Mückl

Takis Würger: Stella. 224 Seiten, Hanser, 22 Euro.

Hermann Glasers „Buchfranken“: Geburtstag im Gefängnis

Die Reihe „Buchfranken“ bringt die letzten drei Bände heraus, die Hermann Glaser betreut hat. Eines der Themen: die erste deutsche Eisenbahn.

Hermann Glaser im Garten seines Hauses im mittelfränkischen Roßtal (Foto: Johnston, dpa)

Sein Tod im vergangenen Jahr bedeutet einen herben Verlust für die hiesige Intellektuellen-Welt. Zum Glück erscheinen selbst posthum noch Texte von Hermann Glaser, dem einstigen Kulturreferenten der Stadt Nürnberg und weit über deren Grenzen hinaus bekannten Publizisten und Vordenker. Er konnte, ungeachtet seines hohen Alters, bis zuletzt nicht vom Schreiben lassen.

In der Reihe „Buchfranken“, die Glaser zusammen mit dem Schrenk-Verlag ins Leben gerufen hat, kam vor kurzem Band 18 heraus: „Geburtstag bei Mörderinnen“, eine Sammlung von Erfahrungen, die Glaser bei seinen Reisen rund um den Globus gemacht hat. Der Titel bezieht sich auf einen sehr speziellen Geburtstag des Autors, den er im Gefängnis verbracht hat – eben bei Mörderinnen.

Und auch die nächsten zwei Bände von „Buchfranken“ sind nun auf dem Markt. „1000 Tageszeichnungen“ heißt Nummer 19 mit einer Auswahl aus 2900 zeichnerischen Notizen von Fridhelm Klein aus den Jahren 2009 bis 2017. Der 1938 in Berlin geborene Künstler und Pädagoge, der an der Akademie der Bildenden Künste München sowohl studierte als auch lehrte und in Nürnberg ebenfalls aktiv war, zückte immer und überall sein Zeichenwerkzeug – und das jahrzehntelang, wie ein Besessener.

Den Titel des Buches erklärt er selbst folgendermaßen: „Tageszeichnungen heißt, im Alltag zu jeder freien Minute und ohne Rücksicht auf Verluste anderer Zeitzirkel den Zeichenstift, hier Kugelschreiber, zur Hand zu nehmen, um unablässig Zeichenspuren aus der Hand fließen zu lassen.“

Einem ganz anderen Sujet widmet sich „Buchfranken“-Band 20, „Marx Meets Wilson. Der Philosoph und der Lokomotivführer der ersten deutschen Eisenbahn“. Das Buch enthält Beiträge von Regine und Jürgen Franzke, Hermann Glaser, Hendrik Bebber und Johann Schrenk, ergänzt durch Betrachtungen von Karl Marx und Friedrich Engels, dazu sogar Johann Wolfgang von Goethe.

Die Texte changieren zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Um die Tatsachen kümmert sich hauptsächlich Jürgen Franzke, der frühere Leiter des Nürnberger Verkehrsmuseums. Als versierter Kenner arbeitet er die Historie der Ludwigs-Bahn zwischen Nürnberg und Fürth sowie der berühmten „Adler“-Lokomotive auf, inklusive der Geschichte von William Wilson, dem ersten deutschen Lokführer, der eigentlich Engländer war.

Hendrik Bebber, London-Korrespondent verschiedener Tageszeitungen, befasst sich mit der seltsamen (Brief-)Freundschaft zwischen Karl Marx und William Wilson, um die sich einige Gerüchte ranken. Ein Spiel mit „Facts und Fakes“, formuliert Glaser dazu im Vorwort. Und der große deutsche Dichterfürst wird in dem Band auch kurz zitiert, mit seinem berühmten Werk „Dichtung und Wahrheit“. Jede Zeit hat eben ihre eigene Sprache . . .

Ute Wolf

Gerald Murnanes behutsames Buch „Grenzbezirke“

Der bald 80-jährige australische Schriftsteller Gerald Murnane gilt auf seinem Kontinent seit vielen Jahren als Nobelpreiskandidat. Jetzt hat er ein Erinnerungsbuch geschrieben, in dem vieles steckt, was sein Schreiben von dem anderer Autoren unterscheidet. Es heißt „Grenzbezirke“.

Gerald Murnane (Foto: Giramondo Publishing/Suhrkamp)

Wie bereits in seinem Hauptwerk „Die Ebenen“ (1982), das 2017 endlich auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt uns Murnane in „Grenzbezirke“ mit auf eine Reise in die Innerlichkeit jenseits des realistischen Erzählens. Behutsamkeit durchdringt die Seiten.

Der Ich-Erzähler ist unschwer als Alter-Ego des Autors zu erkennen. Er hat ein Haus am Rand der Zivilisation nahe dem australischem Outback bezogen, um dort die Ecken, Zwischenräume und Kanten der menschlichen Wahrnehmung zu erkunden. Dafür erlegt er sich Regeln auf. So „hütet“ er seine Augen, um wachsamer für das zu sein, „was an den Rändern meines Gesichtsfeldes“ wirkt. Mönchisch experimentiert er mit Sehtechniken. Es interessiert ihn, ob und wie sich neue Bilder, Gedanken, Assoziationen, Bewusstseinsströme auftun, wenn man zum Beispiel das gewöhnliche menschliche „Starren“ auf Dinge durch Blinzeln oder schräge Augenstellung variiert.

Zugegeben, das klingt schrullig. Doch der Autor bringt eine ernstzunehmende Lebenserfahrung ein. Nachdem er Witwer wurde, war der Ich-Erzähler so mutig, das Wagnis des Wegziehens zu wählen. So erfahren wir, dass er, der zeitlebens ein Leser und Liebhaber von Büchern gewesen ist, den Inhalt seiner Regale zurückgelassen hat. Ihn bewegte dazu die Annahme, dass jeder Lesende die wichtigen Essenzen, Prägungen durch Literatur bewusst oder unbewusst speichert – wenn sie denn von Belang für ihn persönlich sind.

Als Schatzgräber verschütteten Wissens übt der Erzähler sich, wenn er versucht, durch den Anblick von Farben einer Murmel oder über das Hören eines Lieds Zugang zu eingeschlafenen Gefühlen seines früheren Lebens zu erhalten.

Murnane erzählt vom Radiobeitrag einer Kollegin: Weil auch sie den Stückeschreibern, Drehbuchautoren und Biografen misstraut, „die zu leicht durch das Sichtbare verlockt werden“, fühlt er sich verstanden. Das „Empfinden stiller Intensität innerhalb der Steinmauern in entlegener Landschaft“ hält er wie sie dagegen. Seinem Denken und Fühlen haftet etwas Naturmystisches an. Sätze fließen sanft. Peter Handke oder W. G. Sebald sind ihm Sprachverwandte. Manchmal entstehen durch das Drehen und Wenden bei der Suche nach präziser Annäherung an die Dinge aber auch Längen.

Wer „Grenzbezirke“ als Einladung sieht, im Heute der Hektik, der schnellen Bilder, der wissenschaftlichen Sicherheiten den sinnlichen Weg in die andere Richtung einzuschlagen – dem schenkt der Australier Mut und Inspiration.

Christian Mückl

Gerald Murnane: Grenzbezirke. Bibliothek Suhrkamp, 231 S., 18 Euro.

Von Troja bis Trump: Wendy Brown über „Mauern“

Die Grenze zwischen Mexico und USA bei Tijuana. (Foto: Arias, afp)

Von Troja bis Trump: In „Mauern“ beschreibt die amerikanische Poitikwissenschaftlerin Wendy Brown die neuen Grenzziehungen als Kulissen-Spektakel.

Die ersten Epen des Abendlands erzählen vom Scheitern der Mauern. In Homers „Ilias“ stehen die Befestigungswälle der mächtigen Stadt Troja noch. In der „Odyssee“, mit der Homer die Geschichte fortsetzt, sind sie gefallen – nicht durch die Gewalt einer zehnjährigen Belagerung, sondern durch List. Vielleicht sind diese Ur-Erzählungen Menetekel: Mauern halten
keinen auf.

Diese Gedanken kommen dem Leser bei der Lektüre von Wendy Browns Buch „Mauern“. Die Studie der amerikanischen Politikwissenschaftlerin mit dem Untertitel „Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität“ ist in den USA bereits 2010 erschienen und letztes Jahr ins Deutsche übersetzt worden. Nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten gab es eine Neuauflage mit frischem Vorwort. Denn die „Mauer“ gegen Mexiko ist ihm bekanntlich ein wichtiges Anliegen.

Wendy Brown aber schreibt: „Solche Bauwerke vermögen es kaum jemals, ihrer Abriegelungsfunktion zu genügen, und sie sind auch keine wirtschaftlich vernünftige und technisch effektive Antwort auf die schlimmsten Gefahren, die gegenwärtig über die Grenzen hinwegfließen oder politische Gemeinschaften bedrohen.“

Warum also erlebt die Errichtung physischer Bollwerke seit Jahren eine Renaissance rund um die Welt? Auch wenn sich die Autorin hauptsächlich mit den Grenzzäunen in den USA und in Israel beschäftigt, verweist sie auf Abschottungen im Süden Spaniens, auf dem Balkan, in Indien und Saudi-Arabien – sowie auf das wachsende Phänomen von „Gated Communties“, bewachten Bezirken zum Schutz meist exklusiver Gesellschaftsgruppen.

Brown greift auf Niccolo Machiavelli zurück. Für diesen knallharten Analytiker war Realpolitik immer sehr theatralisch: „ein Schauspiel von Gefahr und Erlösung, Macht und Möglichkeit, zu dem absichtliche Manipulationen von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung gehören“.

Die neuen Mauern sind also Theaterkulissen. Sie sollen den Menschen eine staatliche Souveränität vorgaukeln, die durch weltweite Kapitalflüsse, überstaatliche Institutionen zu deren Regulierung und die digitale Vernetzung verloren gegangen ist. Der schöne Schein der Sicherheit vor Drogen, Kriminalität, Fremden – deren Wirkungsmacht oft durch die Errichtung letztlich doch durchlässiger Grenzen überhaupt erst erzeugt wird.

Das Buch von Wendy Brown, die an der University of California lehrt, ist nicht immer einfach zu lesen. Wenn es Souveränitäts-Theorien (etwa von Carl Schmitt) durchnimmt, greift es in langen Sätzen gern auf Wissenschafts-Jargon zurück. Doch es macht viele politische Bewegungen einsichtig, die auch bei uns zu spüren sind.

Dazu gehört die verzweifelte Behauptung von ethnischen Identitäten, die durch strenge Grenzziehungen zu schützen seien. In den Passagen darüber, dass Ausgrenzung immer auch Einsperrung bedeutet, erhellen sich manche politischen Haltungen von Ostdeutschen. Jahrelang von Mauern „beschützt“, fühlen sie sich „entgrenzt“ zutiefst verunsichert – und rufen nach neuen Mauer-Kulissen im politischen Theater.

Obwohl bereits Homer die Beständigkeit von Mauern als Illusion entlarvt hat, bestehen viele Bürger weiterhin darauf, in Troja leben zu wollen. Wendy Brown erklärt dieses Beharren mit Sigmund und Anna Freud tiefenpsychologisch. Mauern sind Fetische: „Sie gewähren magischen Schutz gegen unvorstellbar große, zerstörerische… Kräfte, gegen das Nachdenken über die Folgen, die die Heldentaten und Aggressionen der eigenen Nation haben, und gegen ihre Schwächung durch die Globalisierung.“

Mit diesem „Fetischismus“ versuchen Donald Trump und andere Politiker Macht zu gewinnen oder zu erhalten. Wendy Brown diagnostiziert ihn als Krankheitssymptom in unserem demokratischen System.

Herbert Heinzelmann

Wendy Brown: Mauern – Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Aus dem Amerikanischen von Frank Lachmann. Suhrkamp, 260 S., 28 Euro

Dörte Hansens neuer Roman „Mittagsstunde“

Nach ihrem Überraschungserfolg mit dem Roman „Altes Land“ legt Dörte Hansen ein neues Buch vor. Und „Mittagsstunde“ ist fast noch besser . . .

Schriftstellerin Dörte Hansen (Foto: Axel Heimken/dpa)

Er nennt sie „Mudder“ und „Vadder“, dabei sind es die betagten Großeltern, die Ingwer Feddersen heute pflegt. Seine Mutter heißt eigentlich Marrett. Sie war bei seiner Geburt erst 17 – geistig und körperlich behindert. Immer wieder war sie aus dem Fenster gesprungen, um das werdende Leben in ihrem Körper zu töten. Dann, als das Kind auf der Welt war, überließ sie es Mudder und Vadder – unfähig, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Marrett wird Ingwer zeit seines Lebens als große Schwester verkauft. Mit ihren klappernden Holzschuhen läuft sie durch das Dorf im Alten (Fries-)Land, predigt den Weltuntergang, tanzt im Dorfgasthof der Eltern zu Schlagermusik und lebt in ihrer eigenen, für niemanden zugänglichen Welt. Ingwer, das uneheliche Kind – Vater unbekannt – bleibt stets Außenseiter im Dorf.

Als er zum Studieren nach Kiel geht, anstatt das Lokal zu übernehmen, entfremdet er sich noch weiter von daheim. In der Stadt lebt der promovierte Archäologe, inzwischen Ende 40, seit Jahren mit einer Frau (reiche Erbin) und einem Mann (reicher Erbe) in einer WG zusammen – zu dritt teilt man sich Tisch und Bett. Als armer Wirtshaussohn vom platten Land passt er auch nicht wirklich in diese unorthodoxe Lebensgemeinschaft hinein.

Klar, dass Ingwer Feddersen in der Mitte seines Lebens die Sinnkrise erreicht: Die pflegebedürftigen „Eltern“ allein in dem mittlerweile heruntergekommenen Gasthof, das desolate Privatleben und eine stockende akademische Karriere. Da kommt ihm das Sabbatjahr an der Uni gerade recht, um einen mutigen Schritt zu wagen: Ingwer kehrt vorübergehend in sein Dorf Brinkebüll zurück, um sich hier nützlich zu machen.

Bald wird der verlorene Sohn unentbehrlich für das gebrechliche Paar, das kurz vor seinem 70-jährigen Ehejubiläum steht. Sie: demenzkrank, er: körperlich am Ende. Dennoch finden Sönke und Ella Feddersen immer noch in kurzen Momenten zueinander, was rührend beschrieben wird.

Dabei war ihre lange Ehe alles andere als unproblematisch. Als Sönke im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront kämpft, rechnet niemand mit seiner Rückkehr. Ella wendet sich damals dem Schullehrer zu, Marrett ist also dessen und nicht Sönkes Tochter. Auch Ella führt bis ins hohe Alter ein Doppelleben mit zwei Männern. Doch nichts wird ausgesprochen in Brinkebüll. Man weiß oder vermutet Dinge. Als in den 60er Jahre die Flurbereinigung stattfindet, ändert sich das Leben für die Dorfbewohner.

Aus der alten, mit Wurzeln durchzogenen Hauptstraße wird eine glattgeteerte Rennstrecke. Hier kommt schon bald das „meistgekraulte Kind von Brinkebüll“, der kleine, blondgelockte Marten, zu Tode. Ergreifend die Szene, als die Krämerfrau Dora Koopmann mit einem Eis in der Hand vor ihrem Laden auf den Jungen wartet und den schrecklichen Verkehrsunfall mitansieht.

Über Dörte Hansens neuem Roman „Mittagsstunde“ liegt eine tiefe Melancholie und Sentimentalität. Ganz selten flammt ein wenig Humor auf, ab und zu etwas Lebenslust. Doch selbst die fröhlichen Feste im Dorfgasthof, enden in Besäufnissen, in Zank und Streit. Es geht in dem Buch um Verfall, um die Unausweichlichkeit von Veränderung, um Lebensgeheimnisse. Aber auch um Nostalgie.

Hansen beschreibt das Provinzleben, ihre Figuren und Entwicklungen realistisch und versucht gar nicht erst eine „Landlust“-Idylle entstehen zu lassen. Sprachlich ist das Buch eine Wonne. Die Bestsellerautorin, 1964 in Husum geboren („Altes Land“), lässt drastische, mitunter aber auch bittersüße Bilder entstehen, wenn Ella im grünen Mantel auf dem zugefrorenen Teich mit ihren Schlittschuhen übers Eis gleitet und man von weitem ihre Silhouette sieht.

Und immer wieder fließt der plattdeutsche Zungenschlag mit ein. Auch die Schlager und englischsprachigen Songs der 60er Jahre erklingen in dem Buch – aus der Musikbox oder dem Autoradio: Freddy Quinn, Peggy March und Neil Young sind da zu hören.

Hansen, die selbst in Nordfriesland lebt, arbeitet sicherlich mit bildhaften und akustischen Assoziationen aus ihrer Kindheit. Und so werden bei der Lektüre auch die eigenen Erinnerungen an die ersten Jahre auf dem Dorf geweckt: an die Bewohner, an Örtlichkeiten, an Geschichten, Gerüche und Geräusche – und an die Stimmung in der „Mittagsstunde“. Ein fesselnder Roman, der traurig macht.

Susanne Stemmler

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.