Elegisch: Michael Ondaatjes „Kriegslicht“

Ob er will oder nicht – und dankbar sein darf er ohnehin –, gehört Michael Ondaatje zu den Autoren, die man nicht erwähnen kann, ohne den einen Romantitel zu nennen, dem sie ihren Erfolg, ja vielleicht ihre gesamte Karriere verdanken. Bei Daniel Kehlmann ist es „Die Vermessung der Welt“, an der er selbst nun immer gemessen wird, bei dem Kanadier Ondaatje „Der englische Patient“. Bereits 1992 erschienen, kongenial verfilmt von dem frühverstorbenen Briten Anthony Minghella, am Ende ausgezeichnet mit neun Oscars: ein Welthit, so oder so.

Vor kurzem wurde das Buch auch noch als der beste englisch-sprachige Roman der letzten 50 Jahre mit einem goldenen „Booker Prize“ geehrt. So viel Ehre – die einen seriösen Schriftsteller, und das ist er, sicher auch belasten kann. Denn wie knüpft man an solche Erfolge – und die damit verbundenen Erwartungen – an?

Das Cover

Ondaatje hat einfach weitergeschrieben, ohne jeden Druck, befreit vielleicht sogar für die Geschichten, die er erzählen wollte, und die Weise, wie er sie erzählen wollte. Denn einfach ist sie nicht. Wie in einem Puzzle setzt der Autor, der auch Lyriker ist, was man immer deutlich merkt, seine Geschichten Steinchen für Steinchen zusammen – ohne lineare Ordnung oder einen klar konstruierten Rahmen. Ein Impressionist der uneindeutigen Erinnerung – darauf muss man sich einlassen.

In seinem neuen Roman „Kriegslicht“ geht er zurück in die kurze Zeit, die er als junger Mann in England verbrachte. Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, kam nach der Trennung der Eltern (der Vater war Holländer) dorthin, bevor er mit seinem Bruder weiter nach Kanada ging, wo er seither lebt.

Nathaniel heißt sein jugendliches Alter Ego nun. Ein braver, bürgerlicher Junge, der vierzehn Jahre alt ist, als er und seine kleinere Schwester Rachel vor einer schmerzhaften familiären Wende stehen: Der Vater muss beruflich nach Sri Lanka, die Mutter bleibt noch kurz, dann wird sie ihn begleiten. Die Kinder sollen in London bleiben und ins Internat. Ein Vertrauter, Walter, den sie aber lieber „Falter“ nennen, kümmert sich um sie.

Es ist ein Nachtfalter – eine obskure Figur mit noch obskureren Freunden, die nun alle ins Haus kommen und die zuerst irritierten, dann faszinierten Kinder in eine ganz andere Gesellschaft, eine andere Welt einführen. Und Nathaniel macht gerne mit. Etwa, wenn er nächtens mit einem nur „Boxer“ genannten Kleinkriminellen auf der Themse unterwegs ist und Windhunde für die Rennbahn einschmuggelt . . .

Es ist 1945, erste Nachkriegszeit, und doch herrscht noch immer „Kriegslicht“: Verdunklung, Heimlichkeit, Zwielicht – auch moralisch. Genau darin liegt der erzählerische Reiz, im Flair wie bei Charles Dickens oder Joseph Conrad, ambivalent aufgeladen, nebelhaft, romantisch. Was soll Nathaniel übrigens von seiner Mutter halten, deren vollgepackten Koffer er unerwartet im Keller entdeckt? Hat sie alle belogen, ist sie immer noch im Lande? Und was macht sie dann?

Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass sie für den Geheimdienst arbeitet. Ondaatje verrät es selbst nach nicht allzu vielen Seiten. Wichtiger und weniger fassbar bleiben die Folgen, um die es in „Kriegslicht“ geht: um die letztlich zerstörten Leben und Lieben, die der Kampf für eine gute Sache (mit allen unguten Mitteln und Nebenwirkungen) mit sich bringt.

Erst im Nachhinein wird Nathaniel, der selbst in der Diplomatie landen wird, seine Mutter – die große Unbekannte, Fremde, Kalte – begreifen lernen, wird sich in sie hineinversetzen, ihre Beweggründe erkennen, notfalls als Fiktion. Dass er selbst dabei ein Phantom bleibt, ein ungelebtes Leben, ist die bittere Pointe dieser hintergründigen, auf hochelegante Art tristen Elegie eines trauernden Sohnes.

Wolf Ebersberger

Erzähler gebrochener, bruchstückhafter Lebensläufe: Michael Ondaatje, der morgen 75 wird. Foto: dpa

Kurz und gut: Benedict Wells und Frank Schulz

Es ist ein Spätsommer der Kurzgeschichten: Sowohl der alte hanseatische Hase Frank Schulz als auch sein jüngerer süddeutscher Schriftsteller-Kollege Benedict Wells legen schöne Short Stories vor.

Schriftsteller Benedict Wells (Foto: dpa)

Schreiben Autoren tatsächlich die tieferen Texte, wenn sie durch harte Jahre gingen? Sowohl Benedict Wells’ zehn Geschichten unter dem Buchtitel „Die Wahrheit über das Lügen“ als auch Frank Schulz’ Sammlung „Anmut und Feigheit“ tragen, so unterschiedlich sie im Stil sind, feinnervig private Züge.

Wells (geb. 1984) ist es in nur zehn Jahren gelungen, sich vom spritzigen Schreiber („Spinner“) mit filmreifem Stoff („Becks letzter Sommer“) zum ernst zu nehmenden Romancier („Das Ende der Einsamkeit“) zu entwickeln. Abwesende Eltern, sensible Seelen, früher Schmerz und trotzdem Nischen des Glücks: Wells Literatur atmet, fühlt, schält Gedanken.

Vor allem der letztgenannte Roman spiegelte bei aller melancholischen Leichtigkeit dunkle Wolken unter der Wasseroberfläche des Erzählens. Und auch für seine Kurzgeschichten gilt: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Wells erzählt zügig durch. Gleich mit der ersten Story „Die Wanderschaft“ verhandelt er fantastischen Realismus und nacktes Erschrecken in der Wirklichkeit – wohin ist mein Leben? – gleichermaßen. Ein Business-Mann, erfolgreich, Vater zweier kleiner Kinder und obendrein mit einer sehr geduldigen Ehefrau gesegnet, bricht am Geburtstag seines Sohnes spontan zu einer Gipfelwanderung auf. Bin zum Grillen wieder da!

Seine Rückkehr wird dann sein: Gegen Mitternacht. Er kehrt als anderer Mensch heim – am Abgrund des plötzlichen Gealtertseins. Damit verglichen kommt „Die Muse“ zunächst leichtfüßig daher. Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade wird im Bett geküsst. Von der Muse, die männlich ist, sexy und inspirierend auf sie wirkt. Das Teuflische: Schreibt sie am ersehnten Roman weiter, blutet der Musenmann aus, verliert seine Lebenskraft. Kunst oder Liebe, Erfolg oder Erlösung – die Gretchenfrage aller Kreativen ist hier der Dauerbrenner.

Charmant erzählt Wells eine Weihnachtsgeschichte, „Die Nacht der Bücher“. Die Klassiker der Weltliteratur unterhalten sich in einer Londoner Leihbibliothek am Heiligen Abend. Hemingway, Shakespeare, Proust, Rowling: Die Schöngeistigen schießen sich mit giftigen Kommentaren gegenseitig ab.
Wells gelingt eine ironische Abrechnung mit den Säulenheiligen des Betriebs, die als angestaubte, selbstverliebte Langweiler in den Regalen stehen und mit ihrem Schicksal als Zwangslektüre hadern.

„Hunderttausend“ verhandelt dann sehr privat die Sehnsucht nach dem Vater. Und in „Die Entstehung der Angst“ spinnt Wells eine Figur aus seinem letzten Roman weiter. Zentral liegt die Titelstory „Die Wahrheit über das Lügen“ im Buch. Vordergründig mag es um die Erfindung von „Star Wars“ gehen. Hintergründig fächert Wells die Finten des Filmgeschäfts auf. Man kann auch sagen: Er erdet Science Fiction.

Beim Hamburger Schriftsteller Frank Schulz irritiert es zunächst, dass er die Kurzgeschichten „Anmut und Feigheit“ (sein „Prosa-Album der Leidenschaft“) von 2018 bis 1950 zurückdatiert. Scherzkeks, der er ist! Wurde er doch selbst erst 1951 geboren. Bei der Lektüre wird klar: Die älteste Geschichte handelt nicht nur von „Mamapapamamapapa“, sondern auch von seiner Zeugung!

Zu welch zärtlich verschrobenen Persönlichkeits-, Großstadt- und Landschaftsporträts Schulz fähig ist, hat er mit seinen Büchern übers norddeutsche Künstler- und Proletenidyll („Kolks blonde Bräute“, „Morbus Fonticuli“, „Das Ouzo-Orakel“) bewiesen. Mit der hanseatischen Trilogie über „Onno Viets“ und den „Irren vom Kiez“ setzte er diese Kunst fort. Und auch in seinen Stories zappelt die Sinnlichkeit seines Schreibens wieder derart nach der Welt, als wären einem Kettenraucher die Kippen ausgegangen.

Es geht um Trauer in „Rotkehlchen“, einem Oratorium für den Vater. Zwiespältig lustig ertappt Schulz uns mit der Ehe-Satire „Der korfiotische Kuss“. Und dann glücken ihm gänsehautgute Schmachtfetzen wie „Geliebte mein im Schuhkarton“. In einen zentnerschweren Großstadtfenster-Voyeur denkt Schulz sich da hinein. In einen Kerl, der sogar aufgehört hat, zu „seiner“ Hure zu gehen, dem einzigen verzweifelten Frauenkontakt, den er noch hatte. Der Grund: Dem Dicken genügt es irgendwann vollends, der Nachbarin im Haus gegenüber bei ihren Alltagsverrichtungen zuzuschauen. Wenigstens im Winter. Im Sommer versperren die Blätter der Bäume den beglückenden Blick in das zum Greifen nahe Behauste . . .

Christian Mückl

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, 256 Seiten, 22 Euro.
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani, 336 Seiten, 22 Euro.

Surfen, meine Sucht: William Finnegans „Barbarentage“

Jetzt ist es amtlich: Kalifornien hat das Surfen soeben zum Nationalsport erklärt. William Finnegans „Barbarentage“ ist jedoch mehr als ein fulminantes Buch über das Reiten auf den Wellen. Es ist eine Bekenntnis zum Leben, zur Leidenschaft.

Droge Surfen: Szene am Surfrider Beach in Malibu (Foto: afp)

Wellen haben Gesichter. Aber auch die der Surfer, die sie reiten „verwandeln sich in oft abscheuliche Masken aus Angst, Frust und Wut. Besonders entlarvend ist der Kickout, der Ende des Ritts, bei dem sich eine Mischung aus Erleichterung, Verzweiflung, Freude und Unzufriedenheit auf die Gesichter malt.“

Surfen ist Sucht und William Finnegan ein Bekennender. Wenn der 1952 geborene, in Hawaii aufgewachsene Brandungsjunkie in seiner Autobiografie „Barbarentage“ davon erzählt, dann meint er nicht etwa die heute hippen Formen des Windsurfens oder Kitesurfens damit – laue Lüftchen der Gegenwart.

Er spricht vom Wellenreiten in seiner reinsten, klassischen Form. Dem Meer, dem Board und dem menschlichen Körper darauf. Und wenngleich seine Leidenschaft diesen mit allen unruhigenWassern gewaschenen Journalisten, der zudem als Kriegsreporter viele Jahre für den „New Yorker“ Reportagen schrieb, die besten Surf-Spots der Südsee, Australiens, Afrikas, Madeiras und Long Islands hinterherjagen hat lassen, ist „Barbarentage“ weitaus mehr geworden, als ein Buch über die riskanten Salzwasserspiele eines lange jung gebliebenen Hippies.

Es ist Lebensbeichte, Reisereportage, Zeitzeugnis. Und eine Liebeserklärung an das Schreiben obendrein. Denn Schreiben kann er. Finnegan hat den Pulitzer-Preis für seine „Barbarentage“ bekommen.

Es ist nicht zu viel behauptet, dieses Buch in eine Reihe mit Melvilles „Moby Dick“, Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder Film-Klassiker wie „Der Rausch der Tiefe“ zu stellen. Weil ein Purismus darin liegt, den Finnegan (seinen Nachnamen verdankt er irischen Wurzeln mütterlicherseits) sprachlich reflektiert.

Er hat immer nebenher geschrieben, all die Jahre, in denen sie noch suchen mussten, nach den besten Wellen, vornehmlich auf der Südhalbkugel, vornehmlich im Winter. Dass er sich bei der kalifornischen Eisenbahn als junger Kerl verdingte, was ihm einerseits eine Lebenswirklichkeit der Härte, andererseits der Romantik des Unterwegsseins eingebracht hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die gut 550 Seiten.

Denn egal, ob er in Bali war oder in Australien: Finnegan arbeitete nebenher (neben den Gelegenheitsjobs als Spülhilfe, Büchereiverkäufer oder Lehrer in Südafrika) immer an seinem Roman über die Eisenbahn.
Seine frühe Jahre fallen in den „Summer of Love“ der späten 60er. Und wenngleich er stets irgendwie, wenn auch über Kontinente hinweg, „beweibt“ bleibt, ist seine Sehnsucht die See. Seinen Vorsatz, auf einem mehrjährigen Südseetrip, nachdem sein Blut schwarz ist vor Malaria, mit möglichst vielen exotischen Frauen zu schlafen, wirft er irgendwann über Bord. Weil er stets Bindungen hat. Und schreibt. An sie.

Als Finnegan schlussendlich, nach all den Jahren und Kontinenten, all den Surf-Kumpels und Wegbegleitern zu Wasser und Wegbegleiterinnen zu Land, doch noch in (wir sagen hier jetzt besser nicht den Hafen der Ehe findet, denn welcher Wellenreiter würde einen Hafen benutzen, er stürzt sich, wo immer sich ein Spot andeutet wie ein ausgehungerter Seehund ins Meer), weit über 40, geläutert, gereift, verheiratet ist, schreibt er immer noch mit einer Nostalgie, die ihm nach der Lektüre der „Barbarentage“ keiner übel nimmt: „Wir Surfer hoffen hartgesotten darauf, dass Surfen eines Tages wieder uncool wird, so wie Rollerbladen.“

Verletzter Stolz, weil der Mainstream (schon wieder so ein Wasserwort) die eigene Identität kratzt? Des noch alles Selbst-herausfinden-Müssens, noch ohne Wettervorhersage auf dem Smartphone, noch ohne Pauschal-Surf-Reisen an exotische Ecken der Welt? Seine „Barbarentage“ kann Finnegan keiner nehmen. Seine Wellen schon. Er hat ein hervorragendes Buch daraus gemacht.

Christian Mückl

William Finnegan: Barbarentage. Deutsch von Tanja Handels. Suhrkamp, 566 Seiten, 18 Euro.

Kurz, frech, tragisch: Heinz Strunks „Teemännchen“-Stories

Heinz Strunk seziert in seinen neuen Kurzgeschichten lausige Lebenslügen, beschreibt Frauen als dicke Dinger und Männer als schlimme Finger. Kotzbrocken schenkt er reinen Wein ein und Losern Liebe. Das hat was.

Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape) mag es cool. Foto: dpa

In der Titelgeschichte taucht noch so ein Versager auf. Michael heißt der. Ein Langweiler vor dem Herrn. Kein Wunder, wenn „das Teemännchen“ in seinem Laden selbst zum Ladenhüter wird. Ein Mensch wie „zu früh zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen“. Schreibt Strunk.

„Das Teemännchen“ ist im Buch in bester Gesellschaft. Denn sein Autor hat ein Herz für Versager. Eine Galerie der vom Leben Deformierten tischt er auf. Streichelt die schlimmsten Fälle mit feiner Feder. Keinem der Porträtierten ist noch irgendwie zu helfen. Aber diese Tragik transportiert der Hamburger Bestseller-Autor („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) mit Scharfsinn und Bravour. Und mit keinem Wort zu viel.

In „Tempo 100“ (dem Wald zuliebe) lernen wir zwei Alt-Linke kennen, Marion und Michael. Beide tragen ausschließlich Schwarz: „Er, weil er Tontechniker ist und alle Tontechniker auf Gottes weitem Erdengrund ausschließlich Schwarz tragen, sie, um ihre abstehende Wampe zu kaschieren“. Wenn sie bei allem Hass aufeinander immer noch aneinander kleben, dann deswegen: „Zu alt, zu leer, zu langweilig, zu dick, zu alles Mögliche. Das wird schwierig, noch mal neue Lebensabschnittsgefährten zu finden.“

Dann ist da der Bordellgänger, der nur vormittags kommt. Wenn die Damen noch „frisch“ sind. „Nutten mit Kaffeefahne“ heißt die Story. In „Fred Perry“ warnt Strunk davor, kurz nach der Zahnarztspritze einkaufen zu gehen: Schnell gerät man unter Behindertenverdacht.

Oder die Erzählung „Janine“: Ein freudenverheißender Talk an der Hotelbar wird zum Albtraum. Weil das Objekt der Begierde sich als versoffene Quasselstrippe entpuppt. Am Beispiel einer „Jenny Müller“ malt sich Strunk aus, warum es zwischen West- und Ostdeutschen nichts wird. Was beim Antrittsbesuch bei ihren Eltern „drüben“ nicht nur an der Schlachtplatte liegt. Wenn der unvorsichtigerweise Mitgefahrene etwas mit den früheren Zonenbewohnern teilt, dann den Wunsch einer möglichst raschen Flucht.

Strunk seziert mit Röntgenblick Seelendramen und schreibt mit einer Behutsamkeit darüber, dass man sich dem Sog seiner Kurzgeschichten und Miniaturen schwer entziehen kann. Manchmal ist es kaum auszuhalten. Doch es kaum auszuhalten wird hier zur Sucht. Scham, Perversität, Verwahrlosung: Ganz schön frech, wie der Hamburger das einfängt. Doch Sarkasmus ist ihm fremd. Was ihn von Satirikern wie Wiglaf Droste klar unterscheidet.

Christian Mückl

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt, 208 Seiten, 20 Euro.

Kampf ohne Ende: Holger Afflerbach über den Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg, der vor hundert Jahren langsam zu Ende ging, hat ein zerstörtes Europa hinterlassen. Rund zehn Millionen Menschen mussten sterben. Die Nachkriegsordnung, die nach dem November 1918 entstanden ist, schuf aufgrund der harten Friedensbedingungen die Grundlage für Hitler und den Zweiten Weltkrieg. Auch die russische Revolution 1917 wäre ohne die Zerstörungskraft des Ersten Weltkriegs nicht möglich gewesen.

In den sechziger und siebziger Jahren schien es, dass sich die These des Hamburger Historikers Fritz Fischer durchsetzen würde: eben dass das Deutsche Reich mit seinem „Griff nach der Weltmacht“ die Hauptschuld am Ausbruch der Ersten Weltkriegs und damit auch für seine Folgen trägt. Dieser Deutungsansatz wurde aber immer wieder hinterfragt und zuletzt von dem australischen Historiker Christopher Clark in seinem Buch „Die Schlafwandler“ regelrecht zerlegt.

Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um Absolution, denn die deutsche Politik hat 1914 viele Fehler gemacht, sondern um Differenzierung. Es gab kein in sich geschlossenes Konzept für den Griff nach der Weltmacht in der deutschen Gesellschaft, sondern nur ein kleiner, aber lautstarker Teil der deutschen Elite verfolgte dieses imperialistische Ziel.

Aber auch in Frankreich, Russland oder England gab es imperialistische Zielsetzungen, und Amerika strebte die Weltherrschaft an Stelle von England im internationalen Handel an. Dabei waren
die aufstrebenden Deutschen nur hinderlich. Die deutsche Führung war auch nicht so eindeutig auf umfassende Eroberungen festgelegt, wie oft behauptet wurde, so Holger Afflerbach, Professor für Europäische Geschichte an der Universität Leeds, in seinem Buch „Auf Messers Schneide“.

Afflerbach schildert die Entwicklung der deutschen Kriegsziele sehr genau und verweist darauf, welche Interessengruppen dahinterstanden und warum sie sich verändert haben. Wohltuend sind auch Afflerbachs Einschätzungen der Fehler deutscher Militärs und Politiker, die er zwischen Dummheit, fehlendem Wissen und Überreaktion einstuft, die aber von der englischen Propaganda sehr geschickt und vor allem bei den neutral gebliebenen Ländern gegen Deutschland ausgenutzt wurden: etwa der unkluge deutsche Kampf gegen die belgische Bevölkerung, der dann die Vorlage für das Bild vom bösen „Hunnen“ auf anglo-amerikanischer Seite bildete.

Nur ganz nebenbei: Die englische Blockade der deutschen Seehäfen war genauso völkerrechtswidrig wie der U-Bootkrieg. Propagandamäßig hatten die Deutschen ohnehin schon in den ersten Monaten nach dem August 1914 den Krieg verloren – was die Begeisterung im Inneren aber zunächst weiter aufheizte. Holger Afflerbach geht auch der Frage nach, warum der Erste Weltkrieg bis zum Letzten ausgefochten wurde und warum, trotz der desaströsen Auswirkungen auf beiden Seiten, Friedensbemühungen der Mittelmächte keinen Erfolg hatten und der Rutsch in den Abgrund weiterging.

Eine seiner Thesen ist, dass die Mittelmächte bei den Alliierten mit ihren Friedensbemühungen keine Chance hatten, weil nach dem Kriegseintritt der USA der Sieg der Entente sicher war und nur so die eigenen – imperialistischen – Kriegsziele durchzusetzen waren. Einige Gesprächsangebote wurden wiederum von den Mittelmächten nicht aufrichtig verfolgt.

Afflerbach hat ein nachdenklich machendes Buch geschrieben: Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hätte immer wieder gestoppt werden können, wenn man es gewollt hätte. Auch daran tragen alle Beteiligten ihre Schuld.

André Fischer

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor. Verlag C. H. Beck, 664 Seiten, 29,95 Euro.

Kurzweilig: Domenico Starnone und die Ehe

Wer abhaut, ist rasch der Böse. Aber ist der Zurückgelassene deshalb selbstredend gut? Domenico Starnone glückt mit „Auf immer verbunden“ ein zeitgemäßer Ehe-Roman.

Lebenserfahren: Autor Domenico Starnone. (FOTO: MARKA/Alamy/Random House)

„Falls du’s vergessen solltest, mein Lieber, muss ich dich eben daran erinnern: ich bin deine Frau.“ Es ist Jahrzehnte her, dass Vanda diese Briefzeilen an Aldo schrieb. So lange wie Aldos Intermezzo mit Lidia. Er hatte damals sie und die Kinder verlassen, um mit der Jüngeren zu leben.

Was blieb, nachdem er zurückgekrochen kam, waren nicht nur Vandas Briefe, die in diesem Roman am Anfang stehen. Es gab natürlich auch Wunden. Ein banales Ereignis droht die Verkrustungen sehr viel später aufbrechen zu lassen.

Entgegen dem Vorwurf hatte Aldo nie vergessen, dass Vanda seine Frau ist. Was aber nichts an seiner Sicht der Dinge änderte. Das wird im zweiten Kapitel des Romans klar: aus seiner Warte geschildert. So wie im Folgenden noch der Sohn und die Tochter, inzwischen erwachsen, zu Wort kommen werden. Den Wechsel der Perspektiven im Gefühlssturm des Persönlichem spielt Starnone psychologisch meisterhaft aus.

Sein schonungsloser Schreibstil, gepaart mit einer nicht zu unterschätzenden Portion Lebenserfahrung, macht das weise Büchlein des 1943 geborenen Schriftstellers zur kurzweiligen, bereichernden Lektüre. In Italien schätzt man ihn schon länger. Der in Rom lebende Autor, Drehbuchschreiber, Journalist und Lehrer für literarisches Schreiben wurde für seine lebensnahe Erzählkunst bereits mit dem renommiertesten Literaturpreis, dem Premio Strega, ausgezeichnet.

In „Auf immer verbunden“ steckt also viel. Männliche Wahrnehmung, weibliche Wahrnehmung, generationsbedingte Sicht auf die Welt. Dass Aldo sich womöglich in die Tasche gelogen hat, als er seine Liaison mit Lidia unter den revolutionären Deckmantel eines aufbrechenden, starren Rollenverständnisses und Familienbilds der 60er Jahre stellte, ist nur ein Aspekt davon.

Denn auch wie Vanda es sich in der Opferrolle der Zurückgelassenen einerseits, und doch mit dem Anspruch, eine moderne Frau zu sein, andererseits einzurichten versuchte, ist ein Teil der Geschichte. Die Liebe, ein schreckliches Spiel? Aldo wagte die Finte mit dem Familienkater. Der heißt Labes, abgekürzt für „La Bestia“. Bestia bedeutet „Tier“. Was schon wieder nur die eine Wahrheit ist. Im Wörterbuch wird Bestia auch mit „Unheil, Ruin“ übersetzt.

Hatte Vanda, wenn sie hysterisch den Kater suchte, nur die Geister bekommen, die sie lauthals rief?
Nicht nur das Fellvieh schleicht leise durchs Verborgene der Handlung, in der jeder auf seine Art die Krallen ausfährt.

Christian Mückl

Domenico Starnone: Auf immer verbunden. DVA, 176 Seiten, 18 Euro.

Maja Lunde zum Klimawandel: Am Tag, als kein Regen kam

Die norwegische Autorin Maja Lunde hat mit ihrem neuen Roman „Die Geschichte des Wassers“ erst den zweiten von vier geplanten Büchern zur Umweltproblematik geschrieben. Doch schon jetzt dürfte klar sein, dass die Reihe ein Erfolg wird.

Denn bereits ihr erster Roman „Die Geschichte der Bienen“ war bald in den Bestsellerlisten. Und auf den zweiten Roman scheint die Leserschaft geradezu gewartet zu haben. Kurz nach Erscheinen war er einer der gefragtesten in den Buchhandlungen. Und das, obwohl er noch konstruierter wirkt als der Bienenroman; dort wird das Thema Insektensterben aus den drei Perspektiven Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgerollt.

Die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde. (Foto: Sigrid Harms/dpa)

Die Geschichte des Wassers dreht sich letztlich um ein Segelboot. Nicht von ungefähr lautet der norwegische Buchtitel „Bla“, so wie das Schiff von Signe heißt, jener Frau, die noch als 67-Jährige für den Erhalt der Umwelt kämpft.

Später, im Jahr 2041 – Signe ist schon lange tot, der Regen in Südeuropa seit Jahren ausgeblieben – hat sich die Landschaft in eine Sahelzone verwandelt. Da wird das Boot noch einmal eine Rolle spielen. Mehr sei hier nicht verraten.

Jedenfalls versucht David, nachdem seine Entsalzungsanlage in Südfrankreich bei einem Großbrand vernichtet wurde, mit seiner Tochter in den Norden zu gelangen, wohin es alle drängt. In die Wasserländer, die inzwischen allerdings ihre Grenzen geschlossen haben. David und Lou finden in einem Flüchtlingslager Platz. Dort ist bereits alles in Auflösung begriffen.

Und gerade hier erweist sich die Erzählstärke Maja Lundes, die – psychologisch geschult – die Schwächen und Stärken von Menschen in Grenzsituationen exakt zu beschreiben vermag: die Kämpfe mit dem inneren Schweinehund, den Altruismus im Ringen mit dem Egoismus. Lethargie hier, Erfindergeist dort, Nächstenliebe und Fremdenhass.

Im Anhang des Buches nennt die Autorin eigens vier Werke, auf die im Roman Bezug genommen wird. Da ist zum Ersten Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ über die Banalität des Bösen. Offenbar sieht Maja Lunde uns alle, die wir es wissen hätten können, in der Rolle der Mitläufer und Mittäter, die ihr Gewissen ausgeschaltet haben und sich auf „Die da oben“ berufen, die alles scheinbar richtig machen. Scheinbar. Denn die Folgen sind oft katastrophal.

Die amerikanische Sängerin und Songwriterin Joni Mitchell hat, zweitens, mit ihrem Lied „River“ den Grundton zum Roman geliefert. Simone de Beauvoir wiederum hat seherisch in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ die Gender-Frage als erste analytisch beleuchtet.

Inzwischen ist Geschlechtergerechtigkeit zu einem Forschungsgegenstand geworden. Menschen sollen mehr Möglichkeiten haben als das, was aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts gesellschaftlich nahezuliegen scheint. Anders ausgedrückt: Frauen sollen sich etwa, weil sie Kinder gebären können, nicht allein auf die Mutterrolle festlegen müssen . . .

Schließlich nimmt Maja Lunde auch Bezug auf Joshua Slocums Buch „Erdumsegelung – ganz allein“. In der „Geschichte des Wassers“ wird ein Segeltörn von Signe so ausführlich beschreiben, dass man auch als fränkisches Landei weiß, was ein Großsegel, eine Pinne oder das Spinnaker ist. Jedenfalls darf man gespannt sein, welches Umweltthema im nächsten Buch der Reihe behandelt wird.

Raimund Kirch

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Roman. Deutsch von Ursel Allenstein. btb Verlag, 580 Seiten, 20 Euro.

Jakob Heins spannende „Orient-Mission“

Im Ersten Weltkrieg rief der türkische Sultan auf deutsche Initiative hin den Dschihad aus, den Heiligen Krieg zur Verteidigung des Islams – davon handelt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, der neue Roman von Jakob Hein.

Diesmal historisch: Jakob Hein. (Foto: Susanne Schleyer/Literaturclub Nürnberg/Verlag)

Eigentlich hatte Leutnant Edgar Stern ja lediglich vor, den Suez-Kanal zu sprengen. Denn dann, so sein Plan in den ersten Kriegswochen im Jahr 1914, hätten die Engländer alle Hände voll zu tun, um die Lage dort in den Griff zu bekommen. Ein Krieg gegen Deutschland „wäre mit einem Schlag von untergeordneter Bedeutung“. Dieser Plan wird nach der Sperrung der Dardanellendurchfahrt durch das Osmanischen Reich zwar undurchführbar, zugleich aber hat der junge Leutnant beim Kriegsministerium auf sich aufmerksam gemacht – und sich so offensichtlich für einen anderen, nicht minder heiklen Auftrag empfohlen.

Ein deutscher Diplomat mit dem klangvollen Namen Karl Emil Schabinger Freiherr von Schowingen hat den türkischen Sultan davon überzeugen können, den Dschihad auszurufen. „Wenn sich die Muslime der Welt gegen ihre Unterdrücker erheben, ist das ganz großartig für das Reich“, erklärt Schabinger dem Leutnant Stern. Denn in dem unter britischer Herrschaft stehenden Indien gebe es ebenso Muslime wie in Russland oder den französischen Kolonien. In Deutschland aber nicht. Die deutschen Kriegsgegner wären dann also in enormer Bedrängnis.

„Wenn all diese Mohammedaner nun dem Ruf des Sultans folgen und sich erheben, dann ist unser Krieg in Europa schon so gut wie gewonnen“, freut sich Schabinger. Stern wiederum fällt die Aufgabe zu, eine Gruppe muslimischer Kriegsgefangener nach Konstantinopel zu schleusen, damit sie dort pünktlich zur Proklamation des Dschihad dem Sultan zujubeln und von der Solidarität Deutschlands zeugen können. Die aus Afrika stammenden Kriegsgefangenen wiederum waren von den Franzosen für den Krieg rekrutiert worden und heilfroh, als sie lebend in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Dem Leutnant ist klar, dass er die 14 Männer nicht irgendwie unauffällig über die verschiedenen Landesgrenzen schmuggeln kann – und ergreift die Flucht nach vorne, in dem er sie als bunte Zirkustruppe und sich selbst als deren Direktor ausgibt.

Hein, der zuletzt den komischen Schelmenroman „Kaltes Wasser“ vorgelegt hat (2016), wagt sich diesmal an einen verbürgten Stoff und mithin an das Genre des Historischen Romans. Er schreibt gleichwohl auch hier wieder sehr amüsant und unterhaltsam, zugleich wird es an etlichen Stellen richtig spannend – etwa, als die Tarnung der falschen Zirkustruppe an der rumänischen Grenze aufzufliegen droht.

Der Text ist klug komponiert, die Geschichte wird weder von einem allwissenden noch von einem Ich-Erzähler berichtet, sondern vielmehr aus der Perspektive einzelner Protagonisten wie Stern, Schabinger oder auch des Afrikaners Tassaout. Er gehört zu jenen 14 Männern, die nicht mal wissen, was ein Zirkus ist, sich nun aber als Artisten ausgeben sollen.

Die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs werden weitgehend ausgeblendet – es geht weniger um Schlachtfelder als um das diplomatische Parkett. Allerdings bekommen der als grundsympathische Figur gezeichnete Stern und seine Gefährten durchaus mit, wie die Türken die Armenier verfolgen und dabei auch auf die deutsche Loyalität vertrauen können. „Das Deutsche Reich wird es sich bestimmt nicht mit den Türken verderben“, begründet Botschaftsrat Konstantin von Neurath (er macht später unter Hitler Karriere und wird bei den Nürnberger Prozessen zu 15 Jahren Haft verurteilt) die Abberufung eines allzu armenierfreundlichen deutschen Botschafters aus Konstantinopel.

Dass der Sultan zum Krieg aufruft, interessiert die Muslime übrigens nicht wirklich. Eine schöne Pointe eines gelungenen Romans.

Marco Puschner

Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Galiani Verlag, 256 Seiten, 18 Euro.

Philippe Sands’ herausragende Reportage: „Rückkehr nach Lemberg“

Nürnberg, im Herbst 1946. Im Gerichtssaal 600 fallen die Urteile gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher. Der brillante Robert Jackson ist die Ikone in diesem revolutionären Strafprozess. Im Schatten des US-amerikanischen Hauptanklägers ziehen aber auch heute vergessene Juristen die Fäden.
Von zwei Männern aus der zweiten Reihe erzählt der britische Völkerrechtsexperte Philippe Sands in „Rückkehr nach Lemberg“. Dabei wollte er anfangs nur seine jüdische Familiengeschichte erforschen.

Am 20. November 1945 begann der Hauptkriegsverbrecherprozess im Schwurgerichtssaal, Justizpalast an der Fürther Straße. Die Aufnahme zeigt den Saal mit den Angeklagten und ihren Verteidigern. (Foto: Ray D’Addario, 1946/Stadtarchiv Nürnberg).

Für die „Bekämpfung der Juden“, so hielt Hans Frank im Juni 1944 in seinem Diensttagebuch fest, was er soeben in einer Rede vor Parteiführern gesagt hatte, „war es unerläßlich, daß wir Polen bekamen . . . Seit der Ausrottung der Juden in Polen ist es, rein blutsmäßig gesehen, mit der jüdischen Zukunft vollkommen vorbei; denn nur hier gab es Juden, die Kinder hatten.“

Die Tage des „Schlächters von Polen“ waren bald darauf gezählt. Gute zwei Jahre später, am 16. Oktober 1946, wurde Frank in Nürnberg am Galgen hingerichtet. Als Hitlers Statthalter in den besetzten polnischen Gebieten hatte er die nazideutsche Mordmission im Osten systematisiert, unter anderem mit den Vernichtungslagern von Treblinka, Belzec und Majdanek. Nach dem Völkerrecht war er damit schuldig geworden.

Der Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg brach erstmals in der Weltgeschichte mit einem tradierten Konzept: Er machte Schluss mit der unantastbaren Souveränität eines Staates. Wer im Namen eines Landes Unrecht gegen Individuen oder Gruppen beging, blieb nun nicht mehr immun gegen Strafverfolgung.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord sind seit Nürnberg strafbar, auch wenn die Ahndung in der Realität viel zu oft scheitert. Zu verdanken ist dieser zumindest theoretische Durchbruch zwei Männern, denen der britische Rechtsanwalt Philippe Sands mit einem Buch ein Denkmal setzt: Hersch
Lauterpacht (1897–1960) und Raphael Lemkin (1900–1959).

Während Lauterpacht den Tatbestand der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ für den Prozess ausarbeitete und maßgeblich die britische Anklage beriet, entwickelte Lemkin im Hintergrund noch während des Kriegs den Begriff „Genozid“.

Die beiden polnisch-jüdischen Rechtsgelehrten, die als Nachbarn und Studienkollegen aufwuchsen, einander jedoch nur flüchtig kannten, standen damit in einer bizarren Konkurrenz. Sands problematisiert eindrücklich, wie der rechtliche Schutz von Bevölkerungsgruppen den Schutz der individuellen Menschenrechte stören, ja aushebeln kann.

Internationale Strafverfolger sind uneins, ob der Tatbestand „Völkermord“ Konflikte zwischen Gruppen nicht sogar schürt, weil er ihre Identitäten stärkt. „Rückkehr nach Lemberg“ zeichnet Lauterpachts und Lemkins ähnliche Werdegänge nach, ihre konträren Persönlichkeiten und Rechtsauffassungen – aber noch weit mehr. Es ist kein ganz übliches Sachbuch. Ein halb autobiografischer, experimenteller Zug macht es besonders und hervorragend. Denn Lauterpacht und Lemkin waren Zeitgenossen von Sands’ Großvater.

Alle drei kamen aus der Stadt Lemberg, heute Lwiw in der Ukraine, und alle drei konnten vor Hans Franks Judenverfolgungskommando ins Exil entkommen. Philippe Sands schließlich – ist das noch Zufall? – schlug eine Laufbahn in der internationalen Verfolgung von Menschenrechtsverbrechen ein, klagte etwa den chilenischen Diktator Augusto Pinochet an, lange bevor er nun seine eigene Identität erforschte.

Es ist müßig, seine Recherchen nachzuerzählen, derart akribisch ist er über Jahre vorgegangen, um die Welt gereist und in Archive gestiegen. Dabei lüftete er so manches Familiengeheimnis. Nicht alle Gesprächspartner waren so leicht aufzutun wie die Mitarbeiter des Memoriums Nürnberger Prozesse oder der Sohn Hans Franks, Niklas Frank, der seit Jahrzehnten öffentlich seinen Nazi-Vater hasst.

Sands’ Mutter, seine wichtigste Zeitzeugin, lebte zwar noch, hatte als Spross einer typischerweise im Schweigen gefangenen Familie von Holocaust-Überlebenden aber außer einigen Fotos und Briefen wenig beizusteuern.

Geschichte schillert in diesem Buch vielfarbig, und sie schillerte ja tatsächlich in Lemberg. Seit dem Ersten Weltkrieg war es ein Ort voller ethnisch-kultureller Spannungen, weil wechselnde Machthaber – von 1941 bis 1945 dann Hans Franks Generalgouvernement – ihn einander entrissen wie ein Stück Beute.
Als hätte es übrigens noch einer weiteren kritischen Stimme gegen das fragwürdige neue „Holocaust-Gesetz“ in Polen bedurft, dokumentiert Sands’ Spurensuche auch Antisemitismus und Judenpogrome im unabhängigen Polen der Zwischenkriegszeit.

Das Buch, im Original nach der Adresse des großväterlichen Elternhauses „East West Street“ betitelt, hat sogleich Literaturpreise bekommen – durch und durch verdient. Sands besitzt die unter Juristen seltene Gabe, eine komplexe Faktensammlung zu einer Reportage zu verweben, die spannend zu lesen bleibt. Dabei hilft ihm die Unbefangenheit, mit der man im angloamerikanischen Sprachraum die Ich-Perspektive beim Schreiben einsetzt.

Von der persönlichen Betroffenheit lässt sich Sands kaum emotionalisieren, er schafft es auch, die Exkurse zu Hans Franks Terrorherrschaft – die allein Bücher füllen könnte – knapp zu halten. Er ist kein Historiker, muss daher an manchen Punkten an der Oberfläche bleiben, und hat es dennoch geschafft, aus der Historie der Nürnberger Prozesse neue Aspekte herauszuarbeiten.

Wo private und politische Geschichte so nachvollziehbar in Beziehung gesetzt werden, kann die Erkenntnis wachsen.

Isabel Lauer

Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. S. Fischer Verlag, 592 Seiten, 26 Euro.

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.