Eiskaltes Boston: Dennis Lehane

In den Neunzigern waren sie Ikonen des knallharten Thrillers: Kenzie und Gennaro, die Bostoner Privatdetektive. Jetzt wird die Reihe neu übersetzt.

„Halten Sie sich von seinem Mund fern“, wird der Bostoner Privatdetektiv Patrick Kenzie gewarnt, bevor er den hochintelligenten Psychopathen Alec Hardiman treffen soll. Das FBI braucht Kenzies – und Hardimans – Hilfe, um eine grausame Mordserie aufzuklären, deren Opfer auf makabere Weise in der nordamerikanischen Universitäts-Stadt drapiert sind, zerstückelt, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe ausgeweidet. Aber Hardiman spielt sein eigenes Spiel mit den Ermittlern.

Das klingt bekannt? „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und ihre Epigonen scheinen Pate gestanden zu haben bei Dennis Lehanes schon 1996 in den USA erschienenem Thriller „Dunkelheit, nimm meine Hand“. Der Diogenes Verlag, mit Lehanes aktuellen (und besseren) Romanen erfolgreich, greift damit zurück auf die „Kenzie & Gennaro“-Serie aus den 90ern, um dem begeisterten Publikum mehr Futter zu liefern. Leider kann man sich aber an diesem Menü aus Hard-Boiled-Krimis à la Raymond Chandler oder Ross Macdonald und unappetitlichem Psycho-Horror auch den Magen verderben.

Kenzie und seine aus Mafiakreisen stammende Kollegin Angie Gennaro verstricken sich immer tiefer in ein zunehmend absurdes Netz aus bedrohlichen Gangstern, grausamen Rächern und Geisteskranken in Biedermann-Maske. Nichts und niemand ist hier sicher, und – wie Kenzie gedroht wird – „es werden Opfer gebracht werden müssen“. Das winterliche Boston liefert dazu die eiskalte Kulisse.

Dass Dennis Lehane, der mit seiner Gangster-Saga „In der Nacht“ (gerade verfilmt von und mit Ben Affleck) und „Am Ende einer Welt“ als reifer Meistererzähler überzeugte, zweifellos weiß, wie man Spannung aufbaut, liegt schon in diesem Frühwerk auf der Hand. Aber in der Wahl seiner Mittel war er zur Zeit von „Dunkelheit, nimm meine Hand“ leider weder zimperlich noch sicher.

Übrig bleibt ein Reißer, der von seinen offensichtlichen Vorbildern in den Schatten gestellt wird und dadurch doch eher „passé“ wirkt.

Andreas Frane

Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Diogenes, 510 Seiten, 16 Euro.

Colson Whitehead und der Rassismus: „Underground Railroad“

Es gibt Romane, die sind so aktuell, dass man glaubt, der Zeitpunkt ihres Erscheinens wurde genau geplant. Bei dem Buch „Underground Railroad“ des amerikanischen Autors Colson Whitehead, das heute auf Deutsch erscheint, kann das aber nicht der Fall sein, denn der 1969 in New York geborene, afroamerikanische Autor geht mit dem Stoff Rasse, Freiheit und Sklaverei schon seit dem Jahr 2000 um.

Autor Colson Whitehead (Foto: Madeline Whitehead)

Geschrieben wurde der Roman während der Amtszeit von Präsident Barack Obama. Nachdem in Amerika mit Präsident Donald Trump rechtsextreme Gruppierungen wieder Oberwasser haben und es, wie zuletzt in Charlottesville, zu Auseinandersetzungen mit Anhängern der alten Südstaaten kommt, ist Whiteheads Roman aber hochaktuell.

Er erzählt vom historischen Rassismus der Sklavenhalter und wie schwierig es für Schwarze war, von den Baumwollplantagen zu entkommen. Selbst wenn sie es geschafft haben, gibt es für sie kaum Freiheit. Der amerikanische Traum – das eigene Glück zu suchen und es auch zu finden – gilt kaum für Schwarze. Offenbar ist dieser Konflikt noch immer nicht ausgestanden. Der offene Rassismus der Sklavenhalter wurde durch einen latenten Rassismus der Ausgrenzung ersetzt.

Der Roman spielt um 1850. Die junge Cora muss auf der Baumwollplantage der Randall Brüder in Georgia leben. Ihre Großmutter war aus Afrika entführt worden, ihre Mutter hat die Flucht aus der Sklaverei geschafft. Cora weiß allerdings nur, dass sie nicht mehr da ist. Ob sie tatsächlich überlebt hat, bleibt unklar.

Whiteheads Darstellung der Sklaverei ist eindringlich, weil er die Entmenschlichung der Sklaven durch systematisches Quälen beschreibt. Frauen werden von den weißen Sklavenhaltern beliebig vergewaltigt; wer einen eigenen Willen zeigt, der muss leiden, ihm wird etwa die Zunge abgeschnitten. Tote oder fast tote Körper werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Mit der Züchtigung durch die Neunschwänzige Katze werden Menschen für ihr Leben gezeichnet.

Für Sentimentalitäten dem alten Süden gegenüber hat Colson Whitehead nichts übrig. Hier geht es nicht allein um Ausbeutung, sondern um die physische und psychische Zerstörung von Menschen, die nur so viel zum Leben bekommen, dass sie nicht sterben. Cora, die den Traum hat, ihre Mutter zu finden, entschließt sich zur Flucht, die ihr auch knapp gelingt. Immer aber in Angst vor den Sklavenjägern, die sie zu ihren Besitzern zurückbringen wollen.

Mit einem Kunstgriff wird der durchaus realitätsnah geschilderte Romanbeginn metaphorisch aufgeladen: Cora schafft es, in einen Zug einzusteigen, der im Untergrund fährt. Diese „Underground Railroad“, die von Gegnern der Sklaverei betrieben wird und Schwarze in die Freiheit im Norden bringen soll, hat es natürlich historisch nicht gegeben und ist ein Produkt der Phantasie Whiteheads.

Ein Netzwerk mit diesem Namen gab es aber schon. Durch dieses metaphorische Konzept bekommt der Roman Tempo und der Autor kann die unterschiedlichsten Formen von Rassismus durchspielen, ohne dass der Roman didaktisch wirkt.

Auf ihrer Flucht kreuz und quer durch die Südstaaten mit der Untergrundbahn muss Cora immer wieder Stationen bei Gegnern der Sklaverei machen, und Hoffnung keimt bei ihr auf, dass sie es geschafft hat, in Freiheit zu überleben. Doch sie wird enttäuscht und muss erkennen, dass ihre Unterstützer genauso gefährlich leben wie die Sklaven selbst. In South Carolina hat sie zunächst den Eindruck, dass Schwarze frei leben und arbeiten können. Doch Cora wird zusammen mit den Familien, die sie aufgenommen haben, von den Einheimischen, die sich dabei auf die Bibel berufen, vertrieben.

In North Carolina ist die Sklaverei offiziell abgeschafft, gleichwohl will man alle Schwarzen loswerden. Schwarze und ihre Helfer werden gejagt, es gibt Denunziationen. Freitags, im Rahmen eines rassistischen Unterhaltungsspektakels, wird gelyncht. Auch Coras Unterstützer.

Manchmal fragt sich der Leser – in einem ganz altmodischen, pathetischen Sinn –, was die Heldin denn noch alles aushalten muss. Whitehead hat für seinen Roman aber authentische Texte wie Lebenserinnerungen von ehemaligen Sklaven und die Sammlungen von mündlichen Überlieferungen gelesen und ausgewertet.

Sein Buch ist eine Collage der rassistischen Ursünden Amerikas, die mit dem Geisterzug abgefahren werden. „Underground Railroad“ gilt derzeit als der am meisten diskutierte Roman. Er wurde in den USA zum Bestseller. Er hat den Pulitzer Preis und den National Book Award bekommen. Gleich beide Auszeichnungen für ein Buch zu erhalten schaffen nur wenige Autoren.

Absolut lesenswert!

André Fischer

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 352 Seiten, 24 Euro.

Bald als Film, endlich als Buch: „Unsere Seelen bei Nacht“

Die Liebe in Zeiten des zweiten Frühlings: Wenn bei den Filmfestspielen von Venedig die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford zu sehen sein wird, bekommt vielleicht auch der Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ die verdiente Aufmerksamkeit. Und sein Erzähler, der bei uns völlig unbekannte Amerikaner Kent Haruf.

Jane Fonda und Robert Redford in der Verfilmung von „Unsere Seelen bei Nacht“. (Foto: Netflix)

Wann wird ein Star zum Altstar? Jane Fonda ist 79, Robert Redford gar 80 – also sogar noch etwas älter als die Figuren, die sie in dem Film „Our Souls at Night“ spielen. Andererseits wirken die beiden als sportgestählte Hollywood-Veteranen doch um einiges fitter – fast noch jugendlich! Bei Addie und Louis, dem Liebespaar aus der Romanvorlage, klopft das Alter mit seinen angehenden Beschwerden schon leise, aber unabweislich an die Tür . . . Wie soll das da was werden mit dem späten Glück?

Fonda und Redford, ein Dreamteam seit romantischen Komödien wie „Barfuß im Park“ von 1967, kommen zu den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (30. August bis 9. September), um für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen zu empfangen. Und eben um zugleich ein neues gemeinsames Kinostück vorzustellen: die Netflix-Produktion mit dem deutschen Titel „Unsere Seelen bei Nacht“ – so wie das zugrundeliegende Buch des Autors Kent Haruf. Bleibt zu hoffen, dass das Blitzlicht, in dem die beiden Schauspieler und bewährten Sexsymbole beim Festival stehen werden, auch ihm zugutekommt.

Denn von Kent Haruf (1943–2014) gab es bislang nichts auf Deutsch zu lesen. Erst jetzt hat der Schweizer
Diogenes Verlag den Amerikaner ins Programm genommen und präsentiert mit „Unsere Seelen bei Nacht“ den letzten seiner insgesamt fünf Romane. Alle spielen sie in einer fiktiven Kleinstadt, in Holt, Colorado, die ihre ganz eigenen Gesetze hat.

Hier kennt jeder jeden, und auch wenn man sich eigentlich so grün ist wie der Rasen vorm Holzhaus: Nichts entgeht dem Blick des andern, über alles wird sofort – ein bisschen Neid oder Häme inklusive – geredet. So wie über Addie und Louis und ihre Affäre. Die doch eigentlich völlig harmlos ist. Beide sind verwitwet, beide kennen sich ihr halbes Leben, als gute, nicht allzu ferne Nachbarn. Ein paar Häuser nur stehen zwischen ihnen. Aber erst jetzt, mit Anfang 70, kommen sie sich menschlich näher. Addie –
Frauen sind vielleicht doch schlauer – hatte die Idee dazu.

Warum, fragt sie sich, soll ich eigentlich allein in meinem viel zu großen Bett schlafen? Warum darf da niemand liegen, mit dem man in langen wachen Nächten ein bisschen reden kann? Mehr, nein, muss ja gar nicht passieren . . . Gesagt, getan. Und Louis, dem Addie das doch eher ungewöhnliche Angebot eines Tages unterbreitet, geht – überrascht, aber überzeugt – darauf ein. Was hat er schon zu verlieren!

Kent Haruf hat eine ausgefallene, angenehm zarte Liebesgeschichte geschrieben, die gar nicht als Liebesgeschichte beginnt. Eher aus Not und Pragmatismus finden sich da zwei, die – wie sie entdecken – wunderbar zusammenpassen könnten. Zunächst ja nur platonisch. Ganz schlicht, lakonisch und schlackenlos erzählt Haruf, wie sich die beiden langsam öffnen, voll Neugier und Humor, wie sie, das erste Mal in ihrem Leben vielleicht, ehrlich von ihren letztlich unglücklichen Ehen berichten.

Haben sie jetzt eine zweite Chance? Denn natürlich gibt es bald Klatsch in der Kleinstadt. Mehr noch stellen sich die Kinder der beiden, die sich sonst kaum um ihre Eltern kümmern, gegen die neue, für sie anrüchige Verbindung. Ein Skandal, diese Senioren!

Egal wie gut der Film von Ritesh Batra am Ende wird – das Buch und sein Autor sind schon jetzt eine große Entdeckung . . .

Wolf Ebersberger

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von pociao. Diogenes, 197 Seiten, 20 Euro.

„Sweet Occupation“ von Lizzie Doron

Sie sitzt mit einem fremden Menschen am Tisch und fragt sich immer wieder, wen er wohl getötet hat. Wie er getötet hat. Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, hat sich mit Mitgliedern der Friedenskämpfer-Bewegung (Combatants for Peace) getroffen, mit ihnen gesprochen, ihnen ein Buch gewidmet.

„Sweet Occupation“ heißt es und handelt von ehemaligen palästinensischen Terroristen und israelischen Wehrdienstverweigerern, die das endlose Blutvergießen in ihrer Heimat nicht mehr ertragen können, die selbst innere Mauern überwunden haben und dem Feind die Hand reichen.

Lizzie Doron (Foto: dpa)

Lizzie Doron („Who the Fuck is Kafka“) zwingt sich zum Zuhören, erfährt Geschichten von Leid und Verlust, von Flucht und Vertreibung. Jede Gewalttat schürt neuen Hass, erzeugt neue Zerstörung – von Menschenleben und Heimat.

Hier gibt es kein Gut und Böse. Es gibt ein Vielleicht, eine Vision und gleichzeitig viel Raum für Resignation. Während fünf Menschen von ihrer Sehnsucht nach Umkehr, nach Frieden erzählen, wird weiter getötet, es wird geschossen, es wird gebombt, es fliegen Steine. Doron lässt immer wieder aktuelle Nachrichten einfließen vom schier immerwährenden Sterben in Nahost.

Für „Sweet Occupation“ hat Lizzie Doron, die viel Zeit auch in Berlin verbringt, in Israel keinen Verlag gefunden. Dafür hat sie sich dort eine Menge Feinde gemacht. Freunde haben sich von ihr distanziert, empfinden sie als Verräterin, weil sie auch vom Leid der anderen Seite berichtet.

Sie tut das ohne Pathos, sie wertet nicht. Sie hört zu, schreibt auf. Immer wieder lässt sie Passagen über ihre eigene Jugend einfließen. Über Freunde, die zur Armee gegangen sind, voller Euphorie. Die starben für einen sinnlosen Krieg. Sie nimmt die Schmerzen der Menschen auf beiden Seiten des Zauns ernst, das macht ihr Buch so wertvoll. Und so traurig. Weil es keine Hoffnung auf ein Ende der Gewalt zu geben scheint.

Die aktuellen Nachrichten aus Nahost verheißen nichts Gutes.

Gabi Eisenack

Lizzie Doron: Sweet Occupation
. dtv, 208 Seiten, 16,90 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.

Lesetipps zu Jane Austen

Jane Austen auf Deutsch – gar nicht so leicht! Hier unsere Lese-Tipps zum Jubiläum.

Einer, der im deutschen Sprachraum sehr viel für Jane Austen getan hat, ist der Germanist Christian Grawe, Jahrgang 1935. Seit den 80er Jahren hat er mit seiner Frau Ursula das komplette Werk Austens übersetzt, das nun – in einheitlich floraler Aufmachung – von Reclam neu aufgelegt wird: die sechs Romane, das Frühwerk und die Briefe.

Empfehlenswert ist auch Grawes Biografie „Darling Jane“ (9,95 Euro), dazu gibt es von ihm einen Führer durch „Jane Austens Romane“ (12,95 Euro), die überaus kompakte Einführung „Jane Austen – 100 Seiten“ (10 Euro) und – für alle Zeiten – einen „Jane Austen Kalender“ mit täglichen Zitaten (15 Euro).

Umwerfend bunt sind die neuen Cover, mit denen der Insel Verlag seine Jane-Austen-Taschenbücher geschmückt hat: romantische Frauenporträts, gestaltet von der tollen Grafikerin Kat Menschik (Bild). Auch hier gibt es ein kleines Zitate-Bändchen als erste Lockung: „Witziges und Weises, Geniales und Gemeines von Jane Austen“ (Insel, 8 Euro).

Frisch übersetzt – und in beiden Fällen mit dem nötigen Gespür für die feine Ironie der Autorin – liegen zwei der großen Romane vor: Einmal „Vernunft und Gefühl“, im Original „Sense and Sensibility“, nun von Andrea Ott dezent aufpoliert (Manesse Verlag, 26,95 Euro), dann der oft etwas vernachlässigte „Mansfield Park“ (S. Fischer Verlag, 22 Euro). Manfred Allié und seine Frau Gabriele haben ihn sich im Rahmen ihrer Austen-Übertragungen vorgenommen.

Vergnüglich und doch durchaus hilfreich in seinen vielen kurzen Erklärungen ist Holly Ivins’ Lese-Ratgeber „Jane Austen – Eine Entdeckungsreise durch ihre Welt“ (DVA, 14,99 Euro). Eines der schönsten Bücher über die Autorin und ihre Lebensstätten bleibt Kim Wilsons „Auf den Spuren von Jane Austen“, ein Band, der – reich bebildert – bereits vor zwei Jahren erschien (Knesebeck, 29,95 Euro).

Wolf Ebersberger

Jane Austen zum 200. Todestag

Populär wie nie zuvor wirkt das Werk der englischen Schriftstellerin Jane Austen (1775–1817). Am 18. Juli vor 200 Jahren ist sie, erst 41 und so gut wie unbekannt, gestorben. Noch immer gibt ihr kurzes Leben Rätsel auf – und reizen ihre Romane zu neuen Interpretationen.

Der Schauspieler – und Mädchenschwarm – Colin Firth kommt zu einer ebenso
einfachen wie durchaus nachvollziehbaren Bilanz: „Es gibt drei Frauen in meinem Leben: meine Mutter, meine Frau und Jane Austen.“

Der neue Schein mit Jane Austen. Foto: dpa

Das kann man nun literarisch deuten – oder vielleicht auch ganz allgemein. War es doch eine BBC-Verfilmung von Austens „Pride and Prejudice“, die Firth als Schauspieler Mitte der 90er Jahre in England berühmt machte: nicht zuletzt durch eine Szene, in der er als von allen begehrter Mr. Darcy mit klatschnassem, folglich am Leib klebendem Hemd aus einem Teich stieg.

Klatschnass?! Selbst texttreue Austen-Leserinnen dürften jedoch wohl kaum gegen die etwas freie Auslegung der Vorlage protestiert haben . . .

So wie das Hemd vom Leib lässt sich inzwischen kaum mehr trennen, wodurch Jane Austen in den letzten Jahrzehnten so überaus beliebt geworden ist: ihre immer wieder neu herausgegebenen, mal mehr, mal weniger romantisch aufgemachten Romane um junge Frauen auf Gattensuche oder die – an die gleiche Zielgruppe gerichteten – höchst erfolgreichen TV- und Kinoversionen, meist aus guter englischer Produktion.

Colin Firth als feuchter Traummann, Emma Thompson als eine der liebesbedürftigen Schwestern in „Sinn und Sinnlichkeit“ oder Gwyneth Paltrow als selbstbewusste Dorfschönheit „Emma“ – sie alle befeuerten das Austen-Fieber mit ihrem Starappeal. Auch filmisch ein großes Erlebnis: Keira Knightley in Joe Wrights stürmischer „Stolz und Vorurteil“-Fassung von 2005.

Drei Jahre später wurde sogar die Autorin selbst zur Kinoheldin: in „Geliebte Jane“ mit Anne Hathaway in der Hauptrolle. Da ließ sich dann – gar nicht mal schlecht gemacht – miterleben, wie Austen eine kleine, erquickliche Romanze mit dem irischen Neffen einer Nachbarin, Tom Lefroy, gestattet wurde. Die Schwärmerei ist historisch verbürgt, aber eben: Schwärmerei.

Als Jane Austen – an immer noch ungeklärter Krankheit – mit nur 41 Jahren in dem Örtchen Winchester starb, lag sie in den Armen ihrer Schwester Cassandra: Tante Jane, die liebe alte Jungfer der Familie. Einen Heiratsantrag hatte sie abgelehnt, war lieber bei Mutter und Schwester geblieben, mit der sie sich zeitlebens das Schlafzimmer teilte.

Cassandra hat auch die einzigen authentischen Zeichnungen von Jane Austen angefertigt: zwei aquarellierte Skizzen, eine von vorn, mit Pausbacken, Taubenaugen und Stirnlocken, eine nur von hinten – ein Mädchen mit Haube. Schon rein äußerlich kann man also nur vage erahnen, wie die bescheidene Pastorentochter in Wirklichkeit war.

Ganz zu schweigen von der Art ihres Wesens. Der Stil ihrer Werke, auch der erhaltenen Briefe (Cassandra hat die meisten vernichtet) legt ein heiteres, sanft ironisches Gemüt nahe – das sie, trotz Ehelosigkeit, bis zuletzt behielt.

Die Familie war immer ihr harmonischer Halt, nie hat sie sie verlassen, sich auch nur selten (von Londonbesuchen abgesehen) aus der ländlichen Heimat in Englands Südwesten entfernt. In ihrem Geburtsort Steventon in Hampshire lebte sie bis 1801, dann zog der Tross, über kürzere Stationen in Bath und Southampton, nach Chawton, von den Brüdern (es waren insgesamt sieben) finanziell und auch häuslich unterstützt. Einer wurde reich adoptiert und stellte ihnen sein Cottage zur Verfügung.

Von dem Erlös ihrer sechs Romane (zwei erschienen erst nach ihrem Tod) hätte Jane Austen nicht leben können. Wie beim Erstling „Sense and Sensibility“ (Vernunft und Gefühl) von 1811 stand auf den Titeln nie ihr Name, sondern nur „By a lady“. Romane galten zu ihrer Zeit als nicht statthaft, eher als billige Unterhaltung: Schmuse- wie Schauerstoff.

Austen schließlich war es, die als eine der ersten Autorinnen die Gattung zur Kunstform erhob, in der sich realistisch von Leben und Liebe, von Welt und Gesellschaft erzählen ließ. Der achtbare Erfolg, den sie hatte (sogar das Königshaus las ihre Werke), hat sie darin sicher ermutigt.

Realistisch, nun ja, freilich in Maßen: Austens Welt, das beschauliche Landleben von gutmütigen Bürgerfamilien, Kleinadel und Offizieren, in dem es vor allem gilt, den idealen Ehemann für ihre Heldinnen auszumachen, ist eine zarte Idylle, fern aller Politik. Ohne Revolution, Krieg oder Europas Schreckgespenst Napoleon. Dennoch: Gewissenhafter und psychologisch genauer hat vor Austen niemand von Frauen und ihrer Seelenlage berichtet; ihr Werk ist, selbst wo die Konvention bedient wird, ein Akt der Emanzipation.

Neben den Gefühlen spielt erstaunlich offen auch das Geld eine Rolle bei der obligatorischen Ehebildung am Ende: Austen, die Buchhalterin. Dazu passt die Ehre, die man ihr nun in England erweist. Es gibt eine neue 10-Pfund-Note mit ihrem Gesicht und eine 2-Pfund-Münze mit der Silhouette.

Wolf Ebersberger

Geschafft! „Kämpfen“ von Karl Ove Knausgård

Der Preis, über Privates zu schreiben, ist hoch. Karl Ove Knausgård hat ihn bezahlt. Auch davon handelt „Kämpfen“, der abschließende Band seines autobiografischen Romanexperiments.

Die Stunde null saß ihm im Jahr 2009 im Nacken. Die Freigabe des ersten Romans stand bevor. Und bei jeder Mail, die einging, wurde Karl Ove Knausgård bang. Denn erst im allerletzten Moment hatte er das Skript den Menschen gesendet, die im Buch vorkamen: von der Mutter über die Schwiegermutter bis zu seiner ersten Frau. Keine ahnte, was er da geschrieben hatte. Es gibt Seiten in „Kämpfen“, die lesen sich wie ein Thriller.

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård. Foto: dpa

Ein Onkel machte aus seinem Hass keinen Hehl. Wollte das Buch verhindern, ihn fertigmachen. Auch für Knausgårds zweite Ehe wurde das Werk zum Damoklesschwert. Die drei kleinen Kinder bekamen den Anfang vom Ende der Beziehung ihrer Eltern hautnah mit. Prägnant, flüssig und packend erzählt uns der Autor intime Katastrophen – und spart nichts aus.

Im abschließenden Band seiner Romanserie spannt Knausgård den Bogen bis an den Anfang seines Wahnsinnsprojekts zurück. Um am Ende, wenn auf Seite 1280 alles vollbracht ist, eine Autofahrt in den erlösenden Gedanken münden zu lassen: „. . . und den ganzen Weg über werde ich genießen, wirklich genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin“.

Wer dem Sog der Bände „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ verfallen war, die der deutsche Verlag bewusst nicht unter dem Originaltitel „Min Kamp“, also „Mein Kampf“, ins Deutsche übernahm, darf gespannt sein, sich freuen. Da ist er wieder, der – inzwischen preisgekrönte – Sound dieses ungewöhnlichen Autors. So weit, so spannend. Doch plötzlich stößt er uns vor den Kopf.

Es ist nicht die bewährte Collage-technik der Zeitsprünge, die irritiert. Auch nicht die schockierende Klarheit – zum Beispiel, wenn er die psychische Erkrankung seiner Frau nachvollzieht. Wer Knausgård liest, ist Verwundungen gewohnt.

Nein, was dieses Buch „anders“ macht als die anderen Bände, ist ein mehrere Hundert Seiten langer Mittelteil. Ein Buch im Buch, das die Privatheit unterbricht. 500 Seiten hat sich der in Schweden lebende Norweger (Jg. 1968) tatsächlich die Freiheit gegönnt, aus heiterem Himmel einen umfangreichen Exkurs durch die Literaturgeschichte und Philosophie des 20. Jahrhunderts aufzuzäumen.

Gut, die essayistische Seite des manischen Lesers und sinnierenden Suchers Karl Ove ist uns spätestens seit seinem Sammelband „Das Amerika der Seele“ bekannt. Dass er den einen oder anderen Roman-Fan mit derart schwer vermittelbarer Proseminar-Prosa verlieren wird, gehört wohl zum Kalkül. Denn: „Die Bücher, die ich gelesen habe, sind ebenso untrennbar Teil meiner Geschichte wie alles, was ich erlebt habe.“

Also werden Adorno, Broch, Borges, Joyce oder Kafka befragt, wenn es etwa um den Unterschied zwischen dem Sublimen und dem Erhabenen geht. Nach einer – langatmigen – Betrachtung der Lyrik von Paul Celan stellt Knausgård Adolf Hitlers „Mein Kampf“ in den Mittelpunkt.

Die Jugenderinnerungen des Hitler-Kameraden August Kubizek unterminieren hier seine These, wonach noch kein Mensch per se „böse“ zur Welt gekommen sei. Dem Hitler-Biografen Ian Kershaw unterstellt Knausgård in diesem Zusammenhang Schablonenhaftigkeit.

Viele Seiten lang kreist Knausgård um die Frage nach den Mechanismen, die am Werk sind, damit es zum Unheil kommt. Hitlers „Mein Kampf“ zum Beispiel habe bei der Veröffentlichung im Jahr 1925 allenfalls Distanzierung erzeugt – um dann 1933 trotzdem Programm zu werden: „Nicht Hitler hatte sich verändert, sondern die Gesellschaft um ihn herum.“

Der letzte Teil des Buches führt wieder tief in die Familie des Autors hinein. Knausgård reflektiert Vaterschaft, wenn er anmerkt, dass manche Söhne einen „Mann“ als Vater hätten (die Glücklichen), andere hingegen nur einen Sohn gebliebenen Erwachsenen mit Kind. Aus seiner eigenen Gebrochenheit macht er kein Hehl.

Den Autobiografen in seiner Vita hat der Norweger mit diesem Buch offiziell beerdigt. Der Poet hingegen, er lebt. Schon für Herbst ist sein Zyklus zu den Jahreszeiten angekündigt, von Künstlern illustriert. Knausgård hat ja selbst bereits in einem Romantitel formuliert: „Alles hat
seine Zeit“.

Christian Mückl

Karl Ove Knausgård: Kämpfen. 1280 Seiten, Luchterhand, 29 Euro.

Erschütternd: Götz Aly über „Europa gegen die Juden“

Ein Buch, das weh tut – und wichtig ist: Götz Alys neue Studie über den Antisemitismus, „Europa gegen die Juden“.

Mendel Max Karp wurde 1892 im galizischen, damals österreichischen, nach 1918 polnischen Dorf Ruszelcyce geboren. Der spätere Geiger wanderte nach Deutschland aus. Durch einen Erlass der polnischen Regierung verlor er aber 1938 wie Tausende andere Juden seine Staatsbürgerschaft, weil er in Deutschland lebte. Ende Oktober 1938 wurde er deshalb zusammen mit 17000 anderen Juden aus Deutschland über die Grenze gejagt und verschwand als Staatenloser in einem polnischen Lager.

Mit Hilfe seines Cousins, der in Amerika lebte, gelang es Mendel Max Karp, wieder aus dem Lager herauszukommen und das Ticket für eine Passage aus Deutschland nach Amerika zu ergattern. Doch die Hilfe kam zu spät. Karp wurde nach Kriegsbeginn ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt und zugrunde gerichtet. Er starb dort 1940.

Götz Aly (Foto: dpa)

Der Historiker Götz Aly erzählt diese Lebensgeschichte zu Beginn seines Buches – und macht damit deutlich, dass der Antisemitismus in Europa breit gestreut war und die Nationalsozialisten mit Ausnahme von Belgien und Dänemark in allen besetzten Ländern Freiwillige einsetzten konnten, die den Holocaust aus Überzeugung unterstützt haben.

Hätten die Polen 1938 Mendel Max Karp nicht die polnische Staatsbürgerschaft abgesprochen, dann wäre er noch rechtzeitig nach Amerika entkommen. Aly macht aber auch klar: Bei aller weit verbreiteten Judenfeindschaft in Europa – umgebracht haben Karp die Deutschen.

Alys Buch „Europa gegen die Juden 1880–1945“ zeigt, auf welcher breiten Front der Antisemitismus Gesellschaften geprägt hat. Gesellschaften, die im 19. Jahrhundert gerade begonnen hatten, die Herausforderungen der Moderne anzunehmen. Aly beginnt mit 1880, weil die vorausgehende Befreiung und Akzeptanz der Juden im um sich greifenden Nationalismus nach und nach wieder aufgehoben wurde.

Die Möglichkeit, mit Bildung, Fleiß, Einfallsreichtum und Flexibilität den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen, hatten vor allem die bislang oft geächteten Juden genutzt. Sie sahen ihre Chance, den Kreislauf aus Armut, Demütigung und Ausgrenzung, dem sie über Jahrhunderte hinweg ausgesetzt waren, zu durchbrechen.

Die Gesellschaften vor allem in Osteuropa und Südosteuropa wie Russland, Polen, Litauen, Rumänien, Ungarn und Griechenland neideten aber den Juden ihre einsetzenden Erfolge in Schulen und Universitäten, als Ärzte, Rechtsanwälte oder Unternehmer. Es folgten neue Pogrome, neue Ausgrenzungen von einer höheren Schulbildung, von Universitätsabschlüssen, neue Enteignungen.

Es ist ein erschütternder Gang durch rund 70 Jahre europäischer Geschichte. Aly legt offen, was hinter dem nationalistischen und rassistischen Antisemitismus steckt: Es ist der Neid auf eine wirtschaftlich erfolgreiche Personengruppe, die ihre Möglichkeiten angesichts der einsetzenden wirtschaftlichen Dynamik nutzt. Antisemitismus und die Forderung nach rassisch reinen Gesellschaften waren die Begründung, den Juden Arbeitsplätze, Häuser oder Geld wegzunehmen. Das belegt Aly schlüssig. Es war der Aufstand von Faulen, Zaudernden, nicht Erfolgreichen, Ängstlichen und Enttäuschten gegen die erfolgreichen gesellschaftlichen Aufsteiger.

Als nach dem Ersten Weltkrieg Frankreich das Elsass ethnisch säuberte und die historisch gewachsene Mischung von französischen, deutschen und alemannischen Traditionen gewalttätig trennte, war in Mitteleuropa ein Paradigma geboren, das Schule machte. Frankreich begründete die Vertreibung der Deutschen aus dem Elsass und aus Lothringen mit dem Staatsziel der nationalen Homogenisierung, die auf eine Säuberung und Abschiebung von Menschen deutscher Abstammung hinauslief. Die Betroffenen waren oft auch Opfer eines Staatsraubs.

Zusammen mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs starkmachte, war der Teufelscocktail, den die Nationalsozialisten dann über Europa verbreiteten, angerührt.

Rassistische und antisemitische Ausgrenzungen von Volksgruppen wurden mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht und der angestrebten Reinheit des Volkskörpers begründet: Es war aber nur die perfide Argumentation, sich ungehemmt zur bereichern. Bei der Mischung von Volksgruppen in vielen Ländern Europas war es ein Wahnsinn, dem eine Methode zugrunde lag.

Am Ende seines Buches stellt Götz Aly folgende spannende These zur Diskussion: „Das Böse entsteht nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten. Gute, niemals zu missbilligende Bildungspolitik und der staatlich geförderte Wille zu massenhafter Aufwärtsmobilität, also die größten Erfolge im Europa des 20. Jahrhunderts, steigerten den Hass.“ Eben auf die Erfolgreichen, die ihre Chance besser als andere nutzten.

Der zivilisatorische Fortschritt und der damit einhergehende massenhafte soziale Aufstieg begünstigten den Zivilisationsbruch des Holocausts, so Aly. Lesenswert.

André Fischer

Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880–1945. S. Fischer, 431 Seiten, 26 Euro.

Ein Meisterwerk: „Verfahren eingestellt“ von Claudio Magris

Zuweilen erscheint das wahre Leben phantastischer als manche Fiktion. So auch in Claudio Magris’ großem neuem Roman „Verfahren eingestellt“ über den Krieg und das Vergessen.

Im Mittelpunkt steht der Triester Professor Diego de Henriquez (1909–1974), dessen Biografie als Quelle der Inspiration diente. Über Jahrzehnte sammelt dieser Militaria jeglicher Art – vom Säbel bis zum Panzer – mit dem Ziel, in seiner Heimatstadt ein der Dokumentation des Krieges gewidmetes, friedensstiftendes Museum zu errichten, oder – barocker formuliert – ein „vollständiges Museum des Krieges für die Ankunft des Friedens und die Entschärfung der Geschichte.“

Henriquez widmet sein Leben dem Frieden: Dafür wird er selbst zum akribischen Archivar des Krieges; und das utopische Ideal zur Obsession. Seine Sammelwut führt Henriquez auch in die berüchtigte Risiera di San Sabba, eine stillgelegte Reismühle in einem Triester Vorort, die als Konzentrationslager fungierte, in dem Tausende, zumeist Partisanen, Juden und Kommunisten, grausam gefoltert und ermordet wurden.

In den dortigen Todeszellen sucht er Graffiti von Inhaftierten, die auch Namen von Denunzianten enthielten – bevor Kalk und Farbe die Erinnerung an die Verräter auslöschten. Allein in seinen Aufzeichnungen, die Teil des Museums werden sollen, existieren die Opfer und Täter nationalsozialistischer und faschistischer Willkür namentlich weiter.

Als Kopist dieser Palimpseste, als „Protokollant des Jüngsten Gerichts“, wird er zum unliebsamen Racheengel – zumindest in den Augen jener Kollaborateure und Kriegsgewinnler, denen es nach dem Zusammenbruch der beiden Diktaturen gelungen ist, unbeschadet von einem System ins nächste zu wechseln: „Über die Toten kann man reden. Aber nicht über die Lebenden, nicht über bestimmte Lebende.“
1974 kommt Diego de Henriquez unter ebenso tragischen wie mysteriösen Umständen bei einem Brand ums Leben. Auch ein beträchtlicher Teil seiner umfangreichen Sammlung fällt den Flammen zum Opfer, darunter die Hefte mit den kompromittierenden Aufzeichnungen. Die anschließenden polizeilichen Ermittlungen laufen ins Leere: Das Verfahren wird eingestellt.

Magris setzt mit „Verfahren eingestellt“ Diego de Henriquez’ außergewöhnlicher Persönlichkeit ein eindrucksvolles Denkmal – und beleuchtet zugleich ein dunkles Kapitel seiner Heimatstadt Triest. Dass sich das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden ausgerechnet vor den Toren dieser Vielvölkerstadt befand, die über Jahrhunderte hinweg durch das ethnisch, kulturell und religiös vielfältige Miteinander ihrer Bewohner geprägt wurde, ist nicht ohne Hohn.

Es ist Luisa Brooks, die den Auftrag erhält, auf der Grundlage der Erinnerungsstücke, die vom Feuer verschont blieben, das Museum ganz im Sinne des Verstorbenen wiederaufzubauen. Als Tochter einer italienischen Jüdin und eines afroamerikanischen Offiziers, der mit den Alliierten Truppen Triest befreite, ist Luisa durch Religion und Hautfarbe doppelt prädestiniert, Henriquez’ Lebenswerk fortzuführen: Auch ihre Großmutter wurde in San Sabba ermordet und im dortigen Krematorium – „ausgezeichnete Chirurgie des Vergessens“ – verbrannt. „Die ganze Geschichte der Menschheit ist ein Abschaben des Bewusstseins und vor allem des Bewusstseins dessen, was verschwindet, verschwunden ist.“

Zu den beiden Protagonisten gesellen sich unzählige weitere Stimmen. Die Erzählungen, düster und bitter, aber nie hoffnungslos stimmend, fügen sich schlussendlich kunstvoll zu einem großen Ganzen, zu einem arabesk verästelten Epos, das zeigt, wozu Menschen in ihrer Grausamkeit fähig sind.

Detailverliebt und mit unbändiger Erzähllust, die dem Leser mitunter einiges abverlangt, springt Magris mühelos zwischen unterschiedlichsten Orten und Zeiten und meistert bravourös so manch heiklen Spagat: zwischen Nazi-Gräueln auf dem Balkan, Stammeskriegen in Mittelamerika und dem Schicksal afrikanischer Sklaven.

„Verfahren eingestellt“, von Ragni Maria Gschwend gewohnt kongenial übersetzt, ist ein wortgewaltiges Meisterwerk gegen das Vergessen, ein machtvolles, unverzichtbares Plädoyer in Zeiten, in denen geistige Brandstifter wieder salonfähig zu werden scheinen.

Denn erst die Erinnerung, so schmerzhaft sie auch sein mag, ermöglicht die nötige Katharsis: „Die Geschichte ist eine Mülldeponie – natürlich, wenn man sie genau durchsucht, findet man auch schöne Sachen, irgendetwas, das man noch brauchen und wieder verwerten kann.“

Und so beweist Claudio Magris, der Grandseigneur der europäischen Literatur, einmal mehr: Nach Antonio Tabucchis und Umberto Ecos Verschwinden von Italiens literarischer Bühne brilliert er als letzte moralische Instanz mit intellektueller Strahlkraft und Autorität.

Felice Balletta

Claudio Magris: Verfahren eingestellt. Hanser, 400 Seiten, 25 Euro.